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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Als es ganz licht wurde, fütterten sie den dicken Schimmel des Wirts mit Hafer und Heu, und spannten ihn dann ein.

Vorher hatte der Hoibusch nach dem Mädchen gesehen. Sie hing mit verdrehten Augen wie ohnmächtig in den Stricken. – Dann stiegen sie noch in das Schlafzimmer der Wirtsleute hinauf, kramten in Schränken und Truhen und fanden einen ganzen Hort von Gold- und Silbermünzen, Schmuck, kostbaren Gewändern, feiner Wäsche und Waffen aller Art.

Unterdessen schlich ich mich in das Gemach des Grauens. Das Mädel war wach, und ihr Gesicht glänzte von Tränen. Schweigend ging ich hin und schnitt mit dem Messer der Wirtin, das ich aufgehoben, die Stricke so durch, daß sie selbst sich lösen konnte.

»Warte, bis du uns fahren hörst«, sagte ich, »und dann sieh zu, daß du dich rettest –.«

Ein Hoffnungsleuchten ging über ihr verfallenes Gesicht, in dem trotz aller Verderbtheit noch das harmlose Kind von einst zu erkennen war.

»Gnädiger Herr –«, stotterte sie.

»Schweig und rühr dich nicht, bis wir fort sind. Vielleicht, daß du wieder ehrlich werden kannst, Mädchen. Ich wage es darauf!«

»Alle Tage will ich für Euch zu Gott beten, gnädiger Herr –«, flüsterte sie. »Daß er mit Euch Erbarmen habe, wie Ihr mit der Bärbel –«.

Rasch ging ich hinaus.

Ich bat die drei Burschen, als sie aus dem Hause kamen, mich aus dem Spiel zu lassen, da ich im Krottenrieder Schloß Wichtiges zu tun hätte und das Gerichtlaufen alle meine Pläne könnte zunichte machen.

Es war ihnen recht, und da der Weg zur Stadt gewiß am Schlosse vorbeiging, fuhren wir miteinander durch den trüben Morgen der Heerstraße zu, die Schauer der Nacht in allen Gliedern.

»Von Herzen erbarmt mich das junge Blut an der Säule«, sagte nach einer Weile der Garnitter. »Ganz und gar ist schwere Schuld bei ihr nicht erwiesen, und wenn sie auch lauschen ging, weil sie so mußte, und eine oder die andere Beute in ihren Schoß fiel –«.

»Was schwätzest du?« fuhr ihn der Hoibusch an und hieb auf den lahmen Schimmel ein. »Man sieht, daß du ein windiger Philosoph bist und von Rechtsangelegenheiten nichts verstehst. Ich kenne das römische Recht sowohl, als auch den berühmten Carpzov genug, um heute schon das Urteil zu wissen, das sie treffen wird und muß. Und zudem weiß ich mich eines Sinnes mit dem Herrn Baron Dronte und dem Sollengau –«.

»Es gibt auch ein Jus divinum, und von dem ist dir augenscheinlich nichts bekannt. Mit Gelehrsamkeit hat es freilich nichts zu schaffen, hat keine Paragraphos und Spitzfindigkeiten und ist bei einfältigen Menschen besser zu finden als bei denen, die wie Pfauen ein grüngoldenes Rad zu schlagen wissen, aber eine garstig-unmenschliche Stimme haben«, entgegnete Garnitter.

»Willst du mich etwa tuschieren?« fragte der Hoibusch und hielt die Zügel an.

»Keinen Streit, ihr Herren« mahnte ich. »Wir wollen lieber dankbar der Vorsehung gedenken, die uns vor jähem Tod bewahrt hat.«

»Dieses ist auch meine Opinio!« stimmte der Junker bei.

So war der Frieden wieder hergestellt, und der Philosoph gab dem Juristen die Hand.

Aber sooft wir auch versuchten, das Gespräch auf erfreulichere Dinge zu lenken, immer wieder kam uns die furchtbare Nacht in den Sinn und die Gefahr, der wir zwar entronnen waren, der aber die Unglücklichen im Keller und unser Gefährte Haymon, der letzte Baron Treidlsperg, zum Opfer gefallen waren.

Gegen Mittag trafen wir auf einer Heide, die sich in den Wald hinein verlor, einen alten Schäfer mit seiner Herde und fragten nach dem Weg, der zum Schloß Krottenriede führe.

»Da müssen die Herren weit umfahren«, sagte der alte Mann und streichelte seinen Wolfshund. »Oder aber vom Wagen absteigen und den schmalen Waldsteig rechter Hand einschlagen. Der führt schnurgerade zum Schloß, dessen Schafe ich hüte.«

Da kletterte ich rasch vom Wagen herunter, nahm meinen Mantelsack und drückte den braven Burschen, die mich bis hierher gebracht hatten, die Hände, ihnen alles Gute auf ihren Lebensweg wünschend. Dem Garnitter aber sah ich besonders in die Augen; hatte mir anfangs der Hoibusch am besten gefallen, als ich in die Kugelmühle eintrat, so war mir nun dieser da, wegen seiner Herzensgüte, lieber geworden, und es tat mir leid, daß ich nicht ein mehreres mit ihm geredet hatte.

Nochmals bat ich, mich, der ich weder von der Waffe hatte Gebrauch machen müssen noch geschädigt worden war, den Gerichten zu verschweigen, da ich in andere, mir überaus wichtige Angelegenheiten verstrickt sei.

Sie versprachen es mir herzlich und fuhren dann weiter, um Gerichtspersonen und Häscher zu holen, die das Räubernest aussuchen und für ein christliches Begräbnis der bejammernswerten Leichname im Keller sorgen, den Haymon aber vom Todesstein erlösen und ebenfalls begraben sollten.

Als ich mich zum Gehen wandte, stand der Hoibusch im Wagen auf und schrie:

»Baron Dronte, ich habe wohl verspürt, daß Ihr auf seiten des Philosophen steht, und Euch zuliebe will ich es so drehen, daß die Bärbel mit dem Turm davonkommt und ihr Leben behält!«

Ich winkte ihm zurück und ging langsam meines Weges.

Dann aber mußte ich mich unter den Bäumen niedersetzen und weinen. Ich weinte um den bayerischen Haymon und um unsere jungen Jahre – – .

Der Pfad, den ich auf Rat des Schäfers eingeschlagen hatte, war ein alter, verfallener Kleppersteig, der ziemlich steil bergan führte. Stellenweise hatten stürzende Wasser und Erdrutsche viele Meter weggerissen, und ich mußte, durch den Mantelsack arg behindert, über die abschüssigen, steilen Lehmhalden klettern. Aber je höher ich kam, desto besser wurde der Steig, da allerlei Büsche und Auwald das Erdreich gefestigt und so den Weg vor Zerstörung bewahrt hatten. Die Wanderung dauerte lange genug, und erst spät gelangte ich auf den obersten Teil des mäßig hohen Schloßberges. Nach einer Biegung des Weges stand ich unvermutet vor dem Schloß Krottenriede, von dem ich sehnsüchtig erhoffte, daß mir in ihm endlich die Aussprache mit dem Ewli zuteil werden würde.

Aber wenn es etwas gab, das noch trauriger, verwahrlosten und düsterer aussah als die Kugelmühle, so war es dieses Schloß. Ein ungeheurer, grauer Steinkasten mit ehemals rot-weiß-rot gestrichenen Fensterläden, die nun verblichen, abgeblättert und windschief in ihren Angeln hingen, stand es zwischen zerzausten, wipfeldürren, mächtigen Pappeln und zwei in verwitternden Stein gefaßten Teichen mit braunem, fauligem Wasser, das von giftgrünen Linsen überwuchert war. Auf dem steilen, schadhaften Dach pfiff eine von den Stürmen schiefgebogene und grünspanzerfressene Windfahne, einen aufrechten Löwen darstellend. Ein Teil der Fensterscheiben war grau von Staub, ein Teil steckte nur noch mit zackigen Scherbenresten in den morschen Rahmen. Ein großer Unrathaufen, in dem zerbrochene Flaschen, Kleiderfetzen, Hadern, Knochen und Asche vermengt waren, türmte sich unweit des Haupteinganges, einem spitzbogigen Tor, über dem als Wappen ein Mohrenkopf ausgehauen war, in dessen einem Auge ein Pfeil stak.

Da sich niemand sehen ließ, betrat ich den Schloßhof und wurde sogleich von einer Meute fleckiger Hatzhunde überfallen. Aber ehe die wilden Rüden recht nach mir schnappen konnten, erschien ein noch junger Mann mit einem verdrießlich-faltigen Gesicht und peitschte sie in ihren steinernen Zwinger, dessen umgerissenes Eisengitter er wieder aufstellte und durch ein paar schwere, dagegengelehnte Steine notdürftig festigte. Dabei sah ich, daß ihm vorzeiten beide Ohren glatt vom Kopfe geschnitten worden waren.

Ich wollte mich an ihn wenden, aber da kam aus einem Tor ein ungeheuer dicker, weißhaariger Mann mit rotem Gesicht und glühender Nase auf mich zu und fragte barsch nach meinem Namen und Begehren.

Ich nannte mich, und sein Gesicht wurde sogleich heiter. Er streckte mir seine Hand hin und schrie überlaut, während er mir meine Rechte schüttelte: »Wie? Was? Ein Dronte? Ein Melchior Dronte, etwa gar der Sohn meines alten Kumpans und Weidgenossen?«

Als er nun den Namen und letzten Wohnort meines toten Vaters erfuhr, umarmte er mich, blies mir den warmen, weindunstenden Atem ins Gesicht und schüttelte mich an den Schultern.

»Mein Herr Baron, ich freue mich bis tief in meine achtzigjährige Jägerseele hinein, Sie kennenzulernen. Ihr gottseliger Herr Vater, der war ein Jäger comme il faut, und es wird in diesen beschissenen Läuften nicht mehr viel seinesgleichen geben. Ei, wie die Zeit dahinfährt, da lerne ich nun den Melchior kennen, dessen Geburt wir mit Champagner aus dem großen herzoglichen Silberbecher, die »Sauglocke« genannt, begossen haben, und sieh da, dieses Kindlein, das ich mit nassen Höschen sah, hat auch schon graue Haare an den Schläfen. Aber was liegt daran? Hat der magere Jäger auch schon die Kugel ins Rohr gestoßen, um mich alten Hirschen auf die Decke zu legen, so wollen wir doch fröhlich sein, mein Herr Baron, und der ritterlichen Tage gedenken, an die mich Ihr Name so heftig erinnert.«

Ich dankte ihm, seltsam und nicht angenehm ergriffen durch die Tatsache, daß er meines Vaters Freund gewesen war. Auch der verdrießliche Mensch, dem die Ohren fehlten und dem nun befohlen wurde, irgendwo im Schloß eine Unterkunft für mich ausfindig zu machen, stimmte mich nicht sehr heiter.

»Nun will ich mich aber in aller Form vorstellen«, sagte der alte Herr und richtete sich stramm auf in seinem grünen Rock. »Ich bin der Rüdenmeister des weiland Herzogs von Stoll-Wessenburg, Eustach von Trolle und Heist und sitze seit zwanzig Jahren hier unter Krähen und Eulen mit einem schmalen Gehalt auf Krottenriede. Hätten wir uns damals nicht gedacht Junker, nicht gedacht, der Herr Vater und ich, als wir Serenissimo den Kopf hielten, wenn ihm der Wein oben ausrinnen wollte.«

Wir gingen im kühlen Laubengang des Schloßhofes auf und ab, und ich sah, quälende Unruhe im Herzen, gleichgültigen Blickes die Hunderte von holzgeschnitzten Hirschhäuptern, Sauwaffen und Rehgeweihen an den Wänden, an denen lange Spinnenfäden hingen und Schwalbennester klebten. Auf dem Boden lagen fast haarlose Wolfsbälge und abgetretene Hirschdecken, die den Eindruck des Verfalles und der Verlassenheit noch erhöhten. Und der alte Mann neben mir war jener Heist, von dem mein Vater erzählt hatte, daß er des Herzogs Hofpoeten im Zweikampf erschossen und von dem die Gudel mit Ekel geredet hatte.

»Ei, ja wohl!« sagte der Rüdenmeister stehenbleibend und stopfte sich eine Prise in die feurige Nase. »Mort de ma vie, Sie sind ja kein Kind, Dronte, und es wird Sie nicht aigrieren, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Herr Vater und ich die besten Beschälhengste bei Hofe waren. Wird nicht heute noch der Spaß erzählt, wie wir eine von den Kammermägden der Herzogin auf den Kopf stellten und das Weibsbild mit Champagner anfüllten so daß Serenissimus fast einen Schlagfluß lachenshalber erlitt? Oder wie wir die hoffärtige Annemarie Sassen im Dunkeln in das feste Sitzfleisch zwickten, daß sie um Hilfe schrie und die Frau Herzogin schwur, die Übeltäter öffentlich auspeitschen zu lassen, auch wenn sie von Stande seien? Oh, es waren schöne Zeiten, wilde Tage! Was wißt Ihr Jungen davon?!«

Um ihn von diesen wüsten Erinnerungen abzulenken, die mich in schrecklicher Weise an alles Leid erinnerten, das von meinem Vater über mich gekommen war, fragte ich ihn nach dem Manne mit den fehlenden Ohren, der auf die Suche nach einem Obdach für meine Person ausgeschickt worden war.

»Der?« lachte der Alte. »Das ist ein ehemaliger Magister, der sich allenthalben umtrieb und auch an den Hof des Großherrn kam. Und dort scheint es ihm schiefgegangen zu sein, denn sie haben ihm bei der Brücke von Stambul die Ohren abgeschnitten. Er lebt hier seit etlichen Jahren und besorgt mir gegen Kost, Quartier und wenige Stüber die Schreibereien, wird aber ziemlich kurz gehalten.«

Gerade in diesem Augenblick war der Mensch geräuschlos hinter uns aufgetaucht; ein säuerliches Lächeln auf seinem vergrämten Gesicht verriet mir, daß er die Worte des Rüdenmeisters noch vernommen hatte. Dann aber sagte er, trocken und ohne jedes Heben und Senken der Stimme, zu seinem Herrn:

»Unterkunft ist gefunden, Gnaden Herr Rüdenmeister. Im Saal des ehemaligen Patrimonialgerichts ist die Decke leidlich und undurchlässig, falls neuer Regen eintreten sollte. Die Bettstatt ist mit genügendem Leinenzeug versehen, die Fenster gewaschen, auch ziemlich ganz. Der fremde Herr kann dort hausen, wofern – – wenn nämlich – –.«

»Red' Er nicht so lange herum mit ›wofern‹ und ›wenn‹, sondern sag' Er, was für ein Haken dabei ist!« schnauzte ihn der Achtzigjährige an. »Er gelehrter Esel!«

Der Mürrische verzog bei dieser Gelegenheit keine Miene.

»Wofern der Herr sich nicht vor Spuk fürchtet, der in so alten Gemächern manchmal vor sich geht.«

»Dreifach gehörntes Dromedar!« polterte der Rüdenmeister. »Es bleibt also beim Gerichtssaal! Was gibt's zum Abendessen?«

»Hirschziemer mit viererlei Sulzen, blaugesottene Schleien mit Hirsebrei und eine Muskatentorte« sagte der Magister her.

»Gut. Mach' Er sich wieder an seine Schreiberei!«

Der graue Mann ging gebückten Rückens von dannen.

»Sie behandeln den Armen nicht gut«, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen.

»Also muß man solchen gelehrten Schwänzen um das Maul wischen, sonst reitet sie der Dünkel und der Hochmut«, lachte der Trolle. »Glauben Sie mir, Dronte, niemand muß mehr geduckt und geschuriegelt werden als das gelehrte Pack, das uns das gemeine Volk aufwiegelt und unzufrieden macht. Aber nun will ich Ihnen Ihr Gemach zeigen – ein Schelm, der mehr gibt, als er hat!«

Während wir die Treppe hinanstiegen, fragte er mich von ungefähr, ob mich Geschäfte in die Gegend führten und als ich sagte, daß ich hier mit jemandem zusammenzutreffen hoffe, dem ich keinen geschickteren Ort habe bezeichnen können, gab er sich zufrieden und meinte, ich könne sein Gast bleiben, solange ich wolle, denn an Nahrung und Wein habe er so reichlich Deputat, daß es gleichgültig sei, ob noch etliche mitäßen oder nicht.

Dann zeigte er mir die Türe meines Zimmers und mahnte mich, rechtzeitig zum Mahle zu erscheinen.

Mit trostlosem Herzen betrat ich das weite Gemach, in dem ich nun aufs ungewisse weilen und den Ewli erwarten sollte. Die Art des Greises war mir äußerst zuwider, und die Form, in der er mir zuletzt seine Gastfreundschaft unter Hinweis auf die Fülle des Essens angeboten, erschien mir so verletztend, daß ich am liebsten meinen Mantelsack gar nicht ausgepackt hätte. Auch graute mir vor dem ständigen Zusammensein mit dem herzensrohen, durch sein Alter keineswegs verinnerlichten Manne, und es war mir völlig unbegreiflich, daß der Ewli gerade diesen Ort ausgewählt haben sollte, um mir zu nahen. Peinigende Zweifel befielen mich und erweckten den Gedanken in mir, daß ich mich in falsche Richtung gewendet und den eigentlichen Platz verfehlt haben könnte. Aber nun mußte ich mich wohl oder übel zufriedengeben und hoffen, daß der Mann aus dem Morgenlande mich auch hier zu finden wissen werde, wenn dies in seinem Sinne stünde.

Da ich in dem weitläufigen Raume erst später Umschau zu halten gedachte und der trübe Tag das ohnehin düstere Gemach kaum erleuchtete, ich auch kein Licht vorfand, beeilte ich mich mit notdürftiger Reinigung in einem Metallbecken, in das ich aus einem hängenden Delphin Wasser mittels eines Hahnes sprudeln ließ, und ging dann hinunter in den Speisesaal.

Der Saal war ein Abbild des ganzen Elends in dem alten Steinkasten. In einer Ecke war ein Teil des Mauerbelags niedergegangen und bildete einen Schutthaufen, den offenbar niemand wegzuräumen bemüßigt gewesen war. Die nachgedunkelten Ahnenbilder der Grafen von Treffenheid, denen auch das Wappen des pfeilgetroffenen Mohrenkopfes zugehörte, blickten mit weißen, starren Augen von der Wand, und in einem einst schönen, aber schlimm zugerichteten Drachenkamin loderte trotz des nicht kalten Tages ein riesiges Feuer aus Buchenklötzen. An der großen, schweren Tafel saß ich neben dem Rüdenmeister inmitten aller Hunde, die nach hingeworfenen Fleischbrocken und Tortenstücken schnappten und einander bissen, und ganz am Ende der Tafel hockte wie ein grauer Schatten der unselige Magister Hemmetschnur. So war sein Name, dessen Sonderbarkeit dem alten Heist noch immer schallendes Lachen entlockte, wenn er ihn, auf alle Arten verdreht und verunstaltet, aussprach. Das Essen aber war gut, und wenn der Wein in den Zinnbechern auch herb war, so prickelte er doch angenehm auf Zunge und Gaumen.

Nach dem Essen, das rasch vor sich ging, wurden die Hunde hinausgetrieben, und der Alte zündete sich eine von den vielen Kalkpfeifen an, die gestopft in einem Becher vor ihn gestellt wurden. Wenn er eine ausgeraucht hatte, warf er sie in Scherben und griff nach der nächsten, so daß wir bald in dickem blauem Nebel saßen und die ewig hüstelnde Gestalt des grauen Schreibers in dem Dunst fast verschwand.

Ich war müde und traurig, auch von dem schrecklichen Abenteuer in der Kugelmühle elend erschöpft und mußte doch aus Höflichkeit aushalten und den derben Späßen und Zoten des Rüdenmeisters lauschen, die gar kein Ende nehmen wollten und mir das Bild meines Vaters, mit dem er einen Großteil seiner Taten verübt haben wollte, noch häßlicher und unlieber machten, als es ohnehin schon in meiner Erinnerung stand. Aber da der alte Mann unmäßig trank, wurde seine Zunge bald schwer. Als die elfte Stunde schlug, tat er den Mund weit auf und begann aus Leibeskräften mit falscher und dröhnender Stimme Lieder zu brüllen: »Ein Häslein tät sich schleichen« und »Wohlauf, Gesell, es geht zu Holz«, und so fort, ohne innezuhalten, bis endlich sein kahles Haupt mit einem Ruck auf die Brust sank und aus dem offenen Munde ein sägendes Schnarchen und Röcheln drang. Als ob darauf gewartet worden sei, traten allsogleich zwei kräftige Jäger und ein Waidjunge ein, packten den Rüdenmeister bei Kopf, Schultern und Füßen und trugen ihn hinaus, ohne sich um mich oder um den stummen Magister zu scheren.

Obschon Neugier mir fernlag, tat ich doch einige Fragen an den so schnöde Behandelten, der mir schon wegen seiner Bildung einiger Beachtung wert zu sein schien, und erfuhr, daß alle Tage um dieselbe Zeit Rausch und Gesang gleichzeitig einsetzten. Und dies habe seine Ursache darin, daß vor Jahren zwischen elf und der halben Mitternacht die Frau des Rüdenmeisters ihren Mann in den Armen einer Hausmagd angetroffen und sich so alteriert habe, daß ein Schlagfluß sie auf der Stelle tötete. Manchesmal jedoch erscheine ihm auch des Herzogs von Wessenburg Hofpoet, der von seiner Hand getötet worden sei. Dies sei der Grund, weshalb der Greis mit Saufen und Brüllen diese Zeitspanne zu übertäuben suche. Sei niemand anwesend, so singe der Alte allein, doch müsse dann vor elf Uhr der Oberjäger Räub mit seinem Jagdhorn erscheinen und bis zum Augenblick des Einschlafens dreinblasen, so laut er könne.

Nach dieser Erklärung ergriff der Hemmetschnur einen der Leuchter mit fünf Kerzen und erbat sich die Ehre, mich in mein Schlafgemach geleiten zu dürfen.

Wir stiegen durch das totenstille Haus, um das der Wind winselte und die Pappeln rauschten, in das obere Stockwerk, und vor meiner Tür gab mir der Magister das Licht, indem er sich demütig verbeugte und mir eine gute Nacht wünschte.

»Sagen Sie mir noch, Herr Magister, was Sie damit meinten, als Sie von einem Spuk in diesem Zimmer redeten?« hielt ich ihn an. Zugleich öffnete ich die Türe und lud ihn ein, mit mir in das Gemach zu treten

Er verbeugte sich und schloß hinter uns die Türe, wobei ein Lächeln über sein griesgrämiges, graues Gesicht glitt.

»Gewisses kann ich nicht aussagen«, sagte er, sich umsehend. »Aber bedenken Sie, was in diesem Gemach alles vorgegangen sein mag, die ungezählten Jahre hindurch, da das Jus gladii und die Gerichtsbarkeit überhaupt auf Krottenriede ruhten. Die Leute sagen manches. Wie zum Beispiel, daß der alte Krippenveit, den sie hier zu Tode torquiert haben, manchmal mit dem Kopf die Falltür im Boden hebe und gräßlich umherblicke. Oder daß der Pferdejud Aaron, dem sie sein Geld herauskitzeln wollten, plötzlich in einer dunklen Ecke stehe und um Erbarmnis schreie. Auch ihn haben sie hier gepeinigt, und weil er über siebzig Jahre alt war und beim Aufziehen Augenblicks in den Ohnmachtsschlaf der Gefolterten fiel, so sollen sie ihm siedendheiße Eier in die Achselhöhlen gelegt und mit den Armen angepreßt haben, um das Goldversteck von ihm zu erfahren. Aber er ist lieber gestorben, als daß er Emmes gedabert hätte, wie sie ihn ihrer Sprache das Wahrreden nennen. Dort oben ist noch der eiserne Ring an der Decke, durch den der Strick lief. Hier haben sie auch die Bienenagnes, auch Honigschleck genannt, zum Geständnis gebracht und dem Rotrock übergeben, der sie zuletzt verschmort und verbraten auf dem Schindanger von Sankt Leodegar mit einer schwarzen Katze und einem alten Hündlein, die nicht von ihr gewichen, eingescharrt hat. Die Weinschrötterin jedoch, eine Frau von Adel, die im bitteren Frostwinter Rosen und Lilien aus ihren Töpfen hervorhexte, hat man zum Schwert begnadigt. Ihr Bildnis hängt hier im Zimmer. Sie sehen, schätzbarster Herr Baron, daß die Roheit und Dummheit der Menschen in diesem Gemach Feste gefeiert haben. Von den vergeblichen Seufzern und Tränen der Armen, die diesen Tieren in die Hände fielen, und von den abscheulichen Vorgängen hier mag wohl noch ein Schemen oder Abbild an den verfluchten Wänden haften, und hierzu veranlagten oder durch besondere Gemütsart geeigneten Personen noch einmal jene Ereignisse lebend erscheinen lassen. Das ist es, was ich meinte.«

»Ich will es darauf wagen«, sagte ich.

»Ihnen, einem Menschen mit edlem Herzen, wird das Zimmer nichts Gefährliches anhaben, obschon – –«, er stockte und biß sich auf die Lippen.

»Obschon?« drang ich in ihn.

»Ich, Herr Baron, möchte hier nicht schlafen, und wenn ein einziger anderer Ort im Hause wäre, wo es nicht bei der Decke hereinträuft oder durch leere Fensterlöcher weht, hätte ich ihn lieber für Sie ausgewählt als dieses verdammte Gerichtszimmer! Aber nun wünsche ich eine geruhsame Nacht!«

Er verbeugte sich tief und ging.

Ich war allein und nahm den Leuchter, um mich umzuschauen.

Das weite Gemach war vorzeiten mit einer kostbaren Ledertapete ausgeschmückt gewesen, die nun freilich allenthalben schadhaft und zerfetzt von der Wand hing. Sie wies in hundertfacher Wiederholung das Treffenheidische Wappen mit dem Mohrenkopf auf, dem ein Pfeilschaft aus dem Auge stand. Darunter war auf einem Band der Wappenspruch zu lesen: »Eines Tod – des Anderen Leben.« In der Ecke neben der Türe stand ein zweischläfriges Himmelbett mit gedrehten Säulen und Engelsköpfen, deren Vergoldung abgestoßen war. An den bleigefaßten Fenstern, die kleinere Lücken aufwiesen, wanderte hinter Wolkenfetzen der blasse Mond vorüber, und ein verdorrter, besenartiger Pappelwipfel pochte manchmal an die klapprigen Scheiben. Ein Tisch und einige Stühle waren, wie man am Staub des Bodens sah, erst für mich hereingestellt worden.

Bemerkenswerter als all dieses waren aber zwei große Bilder, die nebeneinander an der Wand hingen, getrennt durch einen waagrecht ausgestreckten nackten Menschenarm, der, aus einem roten Ärmel sich reckend, ein bloßes Richtschwert hielt. Ich ging mit dem Lichte nahe an die Bilder heran. Das erste war reich an kleinen Gestalten, und ich mußte längere Zeit im unruhigen Kerzenlicht schauen. Bis ich auf der dunklen Leinwand einen Zug erkannte, der den auf den Karren gebundenen Sünder mit feierlichem Ernst zur Richtstätte geleitete. Unter dem Bilde, auf weißem Grunde, stand zu lesen:

»So du Geduld hast in der Pein,
Wird sie dir gar nützlich sein,
Drum gib dich willig drein.«

Der unbekannte Maler hatte es verstanden, in die Gesichter der Begleitpersonen, heimlich und nicht für jeden gleich erkennbar, dummstolze Würde, Gedankenlosigkeit, Bosheit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit, feiste Zufriedenheit zu legen; aus dem Antlitz des Menschen auf dem Henkerkarren aber schrie die Angst, und die stieren Blicke waren fast mit dem Verlangen nach endlicher Erlösung auf den Rotmantel gerichtet, der winzig und ferne auf dem Gerüst stand.

Dieses Bild ließ mich in eine Tiefe des Bewußtseins oder der Ahnungen stürzen, die mich mit angstschwerem Dunkel auf Minuten umhüllte. Es sagte mir etwas Gewesenes oder Bevorstehendes, und aus meiner Seele sprach kaum hörbar eine Stimme: »Ich weiß – –.« Meine Haarwurzeln brannten, Schweißtropfen bedeckten die Innenfläche meiner Hände. Aber was es war, das konnte ich mit dem Verstand nicht mehr fassen, als es rasch, wie es kam, wieder untersank in finstere Schlünde. Ich wendete den Blick von dem schrecklichen Bilde, duckte mich unter dem dräuenden Schwertarm, um ihn nicht zu streifen, und hob das Licht dem anderen Gemälde entgegen.

Da ging mir ein feiner und schneidender Stich durchs Herz.

Dieses Gesicht, holdselig und kindlich, mit rötlich schimmernden Flechten unter einer kleinen Haube, mit der zarten Nase und dem kleinen Munde, mit den geschwungenen Augenbogen, das war...

»Aglaja«, flüsterte ich leise, und fast entfiel der schwere Leuchter meiner Hand.

Aber da war es mir, als ginge ein trauriger, dunkelnder Schein über das liebliche Gesicht. Nein, nicht Aglaja! Zephyrine war es, die mich anblickte, als ob sie atmen würde. Die schlanke Hand, aus einer Spitzenkrause kommend, trug einen aus Schlangenleibern geflochtenen Silberring mit einem Feueropal und hielt zierlich zwischen Zeigefinger und Daumen drei purpurrote Rosen und eine schneeige Lilie. Aber was darunter stand, verwirrte mich in meinen Gesichten, die stets ein geliebtes Antlitz herbeiriefen. Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen und las die Schriftzeichen unter dem Gemälde:

Contrafayt der Heva Weinschrötterin,
Stiftsfräulein zu St. Leodegar der
Zauberey überwiesen und mit dem Schwert
gerichtet allda anno 1649.

Und dann stand ich lange, bis die Kerzen zu knistern begannen und das Wachs tropfte. – Was war Schein und was war Wahrheit?

 

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