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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Lange Zeit lebte ich ruhig und nur in die Erinnerung glücklicher Tage versunken in einem kleinen, weltabgeschiedenen Orte und gedachte, dort mein Leben zu beschließen.

Eines Morgens jedoch entstand vor dem Laden des Bäckers ein Auflauf, der für mich von großer Bedeutung wurde. Ein fremder Handwerksgesell, der Brot hatte kaufen wollen, ward von dem Bäcker unter großem Zulauf von Neugierigen beschuldigt, daß er ihn mit falschem Gelde habe betrügen wollen. Der arme Kerl, wohl bekannt mit den grausamen Strafen, die auf solche Verfehlungen gesetzt waren, wehrte sich aus Leibeskräften seiner Haut und schrie, als er mich kommen sah, mit lauter Stimme: »Herr, helfen Sie mir! Schützen Sie mich!«

Die Leute, die mich alle kannten und wegen unbedeutender Guttaten, die ich dem und jenem, vorzüglich aber den Kindern zuteil werden ließ, Zuneigung für mich gewonnen hatten, machten mir Platz, und einige sagten: »Recht so! Der Herr Baron soll entscheiden, ob es ein Goldstück oder bloß ein schlechter Rechenpfennig ist, den der Bursch auf den Bäckertisch gelegt hat.«

Ich sah das Goldstück an. Es war eine türkische Zechine, wie ich deren von dem Schatz aus der Ruine noch fünf bewahrte. Die krausen Schriftzeichen auf der Münze erschienen nicht nur dem Bäcker, sondern auch den anderen Leuten als ein so unsinniges Krixkrax, daß sie die Schwere des Goldes nicht beachteten, sondern den Dukaten des Großherrn einfach für eine Spielmarke und den Burschen für einen Beutelschneider hielten.

Als ich die Leute aufgeklärt und wir das Stück auf der Goldwaage des Bäckers abgewogen, ja zur größeren Sicherheit auf dem Stein geprobt hatten und der arme wandernde Tuchscherer noch eine Anzahl von Silber- und Kupfermünzen auf sein Brot als Zugabe bekommen hatte, fragte ich ihn, wie er denn in den Besitz der in dieser Landschaft gewiß äußerst seltenen Münzsorte gekommen sei. Und da erhielt ich eine Antwort, die mein bisher stilles Leben wie ein zündender Blitz traf und meine mühselig geschaffene Ruhe vollends und für immer zerstörte.

Ein Fremder habe ihm ganz in der Nähe das Geld gegeben, sagte der Bursche, und ihm aufgetragen, in diesen Ort zu gehen, wo er weiteres erfahren werde. Halb verhungert sei er auf der Straße dahingetrottet, als ein schöner Mann, der ein schwarzes Tuch um die Stirne trug, ihm entgegengekommen sei. Den habe er noch nach Kundenbrauch angefochten und das Geld von ihm bekommen. Ob er nach Art eines Mönches gekleidet gewesen sei, fragte ich atemlos. Aber der Bursche erinnerte sich nur an ein schwarzes Kopftuch und an die schönen, dunklen Augen des Mildtätigen. Er habe sich wohl noch einmal nach dem fremden Herrn umgesehen, aber dieser sei von der langen, schnurgeraden Straße völlig verschwunden gewesen.

Diese Mitteilung und die Gewißheit, daß der geheimnisvolle Mann aus dem Morgenlande keine drei Tagreisen von hier sich leibhaftig gezeigt hatte, erregte mich dermaßen daß ich für den anderen Tag Extrapost bestellte, um womöglich seine Spur zu verfolgen, so lange bis ich ihm Aug' in Auge gegenüberstünde und auf alle jene Fragen Antwort finden würde, die mich seit vielen Jahren, ja zeit meines Lebens beschäftigten. Als ich Geld zur Reise hervorsuchte, kam ich auch an die türkischen Zechinen. Ich war erstaunt und erschrocken. Denn es waren nur noch viere da. Ein sonderbares Gefühl kam über mich, ein Suchen nach Erinnerung. Aber es versank wieder, und ein neues Rätsel blieb.

Anderntags schon fuhr ich in der Chais lustig dahin und erreichte mit gewechselten Pferden am späten Nachmittag den großen Wald, durch den die Straße in jene Flecken führte, unweit dessen der ehrliche Tuchscherer zu seiner goldenen Zechine gekommen war. Aber gerade als wir ein Dorf passierten und der Schwager lustig den »Jäger aus Kurpfalz« auf seinem Horn blies, brach das Rad, und der arme Musikus wurde durch die um die Linke geschlungenen Zügel von dem stürzenden Sattelgaul dermaßen vom Bock gerissen, daß er nur stöhnend sich erheben konnte und mit schmerzverzogenem Gesicht erklärte, seine wunde Schulter erst mit kalten Umschlägen pflegen zu müssen, ehe er wieder die Leitseile regieren könne. Auch dem gestürzten Braunen, der sich das Knie aufgeschlagen, tue Ruhe und Behandlung not, solle nicht das Chaislein mit Menschen und Tieren als ein Wrack zwischen Dorf und Stadt am Wege liegenbleiben.

Unentschlossen stand ich inmitten der staunenden Dorfjugend beim übel zugerichteten Wagen, als eine alte Frau auf mich zutrat und sagte:

»Ihr Quartier ist schon bereit, wie es uns angesagt worden ist, und auch der Postknecht kann ein Lager und einen Imbiß bekommen. Für die Gäule ist Raum in des hochwürdigen Herrn Stall!«

Ich wunderte mich sehr über diesen Empfang und fragte, wer mich angesagt habe und ob das Ganze nicht ein Mißverständnis sei? Es gebe sicherlich ein Gasthaus im Ort, wo man zur Not herbergen könne.

»Nein, Herr«, fuhr die Frau fort und ging mir ohne weiteres als Führerin voraus. »Wir haben kein Gasthaus hier, und Fremde von Ansehen, die der Zufall hierher bringt, pflegen im Pfarrhof zu wohnen, der weitläufig gebaut ist und genug eingerichtete Zimmer enthält. Der Herr aber ist dem Hochwürdigen ganz besonders angesagt und anbefohlen worden. Weiteres ist mir nicht bekannt, als daß der Herr Pfarrer, der gegenwärtig bei einem Sterbenden weilt, mir auftrug, die Straße in acht zu nehmen und den angekündigten Gast nicht zu verfehlen.«

Mittlerweile waren wir bei dem stattlichen Hause neben der Kirche angelangt, und ich trat durch das Tor, über dem an eisernen Ketten ungeheure Knochen ausgestorbener Tiere hingen, in einen mit grauen Ziegeln gepflasterten Gang und von dort in ein gewölbtes, weißgestrichenes Zimmer, in dessen Mitte ein großer Tisch mit Lederstühlen stand. An der Wand war ein Gestell mit vielen Büchern, unter denen ich die Werke des Paracelsus bemerkte. Obenauf standen ausgestopfte Vögel seltener Art, wie sie der Sturm manchmal aus fremden Zonen hierher verschlägt, und allerlei Mineralien und versteinerte Ammonshörner Auf dem einfachen Schreibtisch am Fenster thronte die mit grünem Rost überzogene spannhohe Figur einer Frau, die ein Kind in den Armen hielt, und meines Erachtens ebensowohl die Mutter unseres Herrn und Heilandes als eine heidnische Göttin sein konnte. Über einem schwarz gestrichenen Betschemel hing mit ausgespannten Armen, das Dulderantlitz milde den sündigen Menschen zugeneigt, der Erlöser am Kreuze.

Als nach einer Weile die alte Frau eine blanke Messinglampe auf den Tisch stellte und die Stube sich mit freundlichem gelbem Lichte füllte, trat fast gleichzeitig der Pfarrer ein.

Er war ein großer Mann mit grauem Haar und gesundem Gesicht, aus dem kluge und nachdenkliche Augen lugten. Freundlich bot er mir die Hand, sah mich aufmerksam an und bat mich, vorliebzunehmen und sein Tischgast zu sein. Nach dem Essen wolle er mir das Rätsel lösen, in das mich die zur Schau getragene Kenntnis meiner Ankunft gestürzt habe. Auch der Postknecht sei bereits untergebracht und der vom Schmied notdürftig hergerichtete Wagen, sowie auch die Pferde, stünden geborgen in Schuppen und Stall.

Sogleich war der Tisch gedeckt und das Essen aufgetragen, das aus einem gespickten Hecht in Rahm bestand. Dazu tranken wir einen leichten Johannisbeerwein. Als wir mit dem Mahl zu Ende waren, bat der Pfarrer, es möge ihm gestattet sein, Tabak zu rauchen, und zündete sich eine Pfeife an.

Ich muß gestehen, daß mich trotz der innerlichen Ruhe, mit der ich alles, was geschah, als unabänderliche Fügung zu betrachten gelernt hatte, eine große Wißbegierde befiel, auf welche Art der Geistliche von meiner bevorstehenden Ankunft unterrichtet worden sein könnte, und ich stellte die Bitte an ihn, mich über diese merkwürdige Sache aufzuklären, nachdem ich meinen Namen und Stand ausgesprochen hatte.

»Es ist dies, wie Sie sagen, in der Tat merkwürdig genug«, entgegnete er und blies blauen Rauch in großen Wolken von sich. »Vor drei Tagen ging ich meiner Gewohnheit nach die Dorfstraße hinunter, um mein Brevier zu beten. Ein Menschenpaar, das mir entgegenkam, setzte mich durch seinen Anblick in so helles Erstaunen, daß ich stehenblieb und die beiden herankommen ließ. Die Frau kannte ich wohl. Es war die achtzigjährige Nenin, die trotz ihrer Betagtheit und ihrer Schwäche um diese Zeit das untertags zusammengeklaubte Reisig in einem großen Bund heimzutragen pflegt. Es war immer ein kläglicher Anblick gewesen, die schwache Greisin, die sich auf solche Art noch immer betätigen zu müssen glaubt, unter ihrer Last einherschwanken zu sehen, und nicht selten hatte ich kurzerhand irgendeinen herumlungernden, feiernden Burschen angewiesen, der Armen die Last abzunehmen und heimzutragen. Diesmal aber kam sie ohne das gewohnte Huckepack und schien mir aufrecht, fast wie verjüngt neben ihrem Begleiter zu gehen, der freiwillig, wie sie sagte, die Bürde von ihr genommen und mühelos auf seine Schultern geladen hatte. Der Mann aber, mit dem sie ging, war auf jeden Fall eine Erscheinung, die hierzulande in Erstaunen setzen mußte. Er trug nämlich –«

»Eine braune Kutte und ein schwarzes Kopftuch oder einen Turban von solcher Farbe und Bernsteinkugeln um den Hals – –«, fiel ich bebend vor Erwartung ein,

Der Pfarrer sah mich ohne Verwunderung an und sagte:

»So löst sich denn auch das folgende Wunderbare teilweise in nichts auf. Ich sage teilweise. Denn wunderbar bleibt es immerhin, daß weder die alte Frau noch der zufällig vom Felde kommende Schneidermichel, der das Reisigbündel artig auf seinen Handwagen lud und der Nenin damit heimfuhr, in dem so seltsam gekleideten Manne etwas Besonderes oder Auffälliges zu sehen schienen. Durch spätere Fragen überzeugte ich mich, daß nicht einmal die außergewöhnliche Tracht den beiden Menschen zu Bewußtsein gekommen war. Das andere aber, daß nämlich dieser Mann mir Ihre Ankunft mitteilte und für heute voraussagte, ist nunmehr dadurch erklärt, daß Sie ihn offensichtlich kennen und mit ihm gewiß von Ihrer Reise gesprochen haben.«

Ich versicherte dem geistlichen Herrn auf das eifrigste, daß ich den besagten Mann wohl öfters in meinem Leben von weitem gesehen, niemals aber auch mit ihm nur ein Wort gesprochen habe.

Der Pfarrer sah mich an und schüttelte den Kopf.

»So wird das Erlebnis nun doch wieder wunderlich und irgendeiner Erklärung bedürftig. Nämlich als die Alte und der Schneidermichel mit dem Reisig ihres Weges zogen und ich mit dem Fremden in der braunen Kutte allein und Aug' in Auge auf der Straße stand, fühlte ich den natürlichen Wunsch, von ihm etwas über seine Herkunft und das Ziel seiner Reise zu erfahren. Zudem lag in seinem Blick und in den wahrhaft edlen Zügen seines Gesichts eine so starke Anziehungskraft, daß es mir unmöglich war, den Blick von ihm zu wenden. Daß er ein Morgenländer, erkannte ich unschwer an seinem Äußeren. Und da ich einmal vor Jahren mit ziemlichem Fleiß die arabische Sprache erlernt hatte, wagte ich es, mich dieser Sprache und des feierlichen Grußes »Salem aleikum!«, das ist: Der Friede sei mit dir!, zu bedienen. Und der Fremde gab mir allsogleich in dieser Zunge überaus freundlich und lieblich den schönen Segenswunsch zurück und fügte hinzu: »Wenn zum dritten Male die Sonne sich senken will, wird ein Mann in diesem Orte erscheinen, der mich sucht. Nenne ihn deinen Gast!« Und als ich dies, von einer eigentümlichen Rührung ergriffen, zusagte und die Frage hinzufügte, wohin ich den Ankömmling weisen solle antwortete er nur: »In das große Haus am Ende des Waldes.« Damit neigte er mit schöner Gebärde das Haupt und ging dem Walde zu, aus dem die Nenin ihr Reisig geholt hatte. Aber kaum hatten ihn die ersten Büsche verdeckt, als mir einfiel, der großen Häuser könne es viele da herum geben, besonders, wenn etwa auch Schlösser darunter zu verstehen seien. Und da lief ich ihm nach, um ihm Genaueres abzuringen. Aber wie ich auch suchte und rief, ich konnte keine Spur mehr von ihm entdecken. Gewiß war er mit rascheren Schritten, als ich vermutete, seinen Weg gegangen und mir deshalb entschwunden. Auch gestehe ich, daß mich dieses Erlebnis so sehr aus der Fassung gebracht hatte, daß ich heute nicht mehr sagen kann, wie lange ich in Gedanken stand, indessen er von mir ging. Dadurch läßt sich sein Entschwinden ohne die Annahme eines übernatürlichen Vorgangs gut erklären.«

Nach diesen Worten senkte sich Schweigen auf uns herab, und wir saßen lange Zeit, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Das, was ich gerne gesagt hätte, mußte ich bei mir behalten. Nichts hätte mich bewegen können, einem anderen, und mochte er auch so würdig und so vertrauenerweckend sein wie dieser Pfarrherr, die dunklen und verborgenen Wege meines verflossenen Lebens zu offenbaren. Und das hätte ich tun müssen, um ihm mein unerklärliches Verhältnis zum Ewli auch nur beiläufig zu erklären. Aber gab es überhaupt eine Erklärung? War nicht vielmehr durch die letzte Erscheinung des Wundermannes alles nur verworrener und unklarer geworden? Es sei denn, und dieser Gedanke befiel mich mit durchdringender Gewalt, daß der Freund meiner Kindheit nun, da das Alter mich gemach in seine müden Arme nahm, die Zeit für gekommen erachte, sich mir zu offenbaren. Dann freilich waren der Auftritt beim Bäcker, das gebrochene Wagenrad, der arabisch sprechende Priester deutliche, wenn auch ungewöhnliche Wegweiser zu jenem Orte, zum »großen Hause«, wo endlich alles Unerklärliche und Unbegreifliche in meinem Leben eine wie immer geartete Erklärung finden sollte.

»Nun – jedenfalls ist es gut, in jüngeren Jahren geübte Künste nicht zu vergessen«, unterbrach da mein Gastfreund meine Gedanken. »Und so bin ich froh, daß ich einmal in diesem Leben unerwarteter- und sonderbarerweise meine Kenntnisse des Arabischen gebrauchen und nützen konnte!«

»Ich wollte, hochwürdiger Herr, daß ich an Ihrer statt und derselben Sprache kundig gewesen wäre, um mit dem Ewli sprechen zu können.«

Hastig legte der Geistliche die Pfeife auf den Tisch, sah mir mit einem fast erschrockenen Blick ins Gesicht und wiederholte:

»Ewli? Wie kommen Sie auf dieses Wort?«

Ich sah, daß ich nun doch irgend etwas von der Rolle, die der Mann aus dem Morgenlande in meinem Leben gespielt hatte, preisgeben mußte, und erzählte in kurzen Worten von dem Vorfall in meiner frühesten Kindheit, der das Wachsmännlein unter dem Glase und die einstürzende Zimmerdecke über meinem Muschelbett betraf, und wie man das bei diesem Unglücksfalle verschwundene Figürchen nie anders als den Morgenländer oder den Ewli geheißen, ohne zu wissen, was dieses letzte Wort zu bedeuten habe.

Der Pfarrer trommelte mit den Fingern auf den Tisch, schüttelte mehrmals den Kopf, als wolle er einen Gedanken verneinen, der sich seiner bemächtige, setzte mehrmals zum Reden an und brachte endlich nur ein Wort heraus: »Mysterium!«

»Ob das Wort Ewli nun einen Namen oder eine Eigenschaft andeutet, weiß ich nicht. Es stammt jedenfalls von meinem Großoheim, der die Rarität aus der Seestadt Venedig mitgebracht und überaus wert gehalten hat. Als ich ein Kind war, stand – –«

Mit großer, bisher nicht gezeigter Lebhaftigkeit unterbrach mich mein Gastfreund:

»So hören Sie denn, Baron Dronte, wie wunderbar oft die göttliche Vorsehung in das Menschenleben eingreift und wie sich nach dem Willen des Allerhöchsten Menschen zusammenfinden und einander Mitteilungen machen müssen, die kein Zufall, wie man es nennt, je zutage fördern könnte. Als ich heute die notwendigen Vorkehrungen zu Ihrem Empfang traf, wurde ich zu einem Sterbenden gerufen, und zwar war es der hochbetagte Häusler Milan Bogdan, der als österreichischer Soldat seinen Abschied bekommen hatte, und mit diesem und einigen ersparten Gulden vor vielen Jahren hierhergekommen und hängengeblieben war, geheiratet und ein kleines Gütel sich erwirtschaftet hatte, das er zur Stunde vielleicht schon mit den ewigen Gärten Gottes vertauscht hat. Dieser alte kroatische Kaisersoldat war ein braver und rechtschaffener Mann und zudem ein guter katholischer Christ, an dem ich mein Wohlgefallen nicht nur um seines Glaubens willen, sondern auch seines Fleißes und seiner Friedfertigkeit halber hatte. Er liegt schon seit längerer Zeit darnieder, und sooft ihm der Bader auch schon das Wasser abgezapft hat, steigt es doch wieder zum Herzen auf und bringt Todesgefahr. Deshalb hatte der Bogdan schon vor zwei Tagen die Sterbesakramente mit vieler Andacht empfangen, Und so wunderte es mich, daß er heute eilig nach mir verlangte. Ich ging jedoch ohne Zaudern zu ihm, und als ich sah, daß er seine alte Frau und die beiden Söhne aus dem Zimmer wies, meinte ich, dies sei nicht not, da er ja mit dem lieben Herrgott seine Rechnung sauber und richtig abgeschlossen habe und ein neuerliches Beichten gewiß nicht vonnöten sei. Aber er bestand heftig auf seinem Willen, und da ließen sie ihn mit mir allein, und ich setzte mich an sein Bett.

»Was bedrückt dich noch, lieber Sohn?« fragte ich.

»Bedrücken – nichts, Hochwürden«, sagte er schweratmend. »Meine Sünden sind vergeben. Und dennoch kann ich nicht ruhig in Gottes Schoß hinüberschlafen, ehe mir nicht ein frommer und gelehrter Mann ein Geschehnis erklärt, das mir als Soldaten widerfahren ist und an das ich jetzt mehr denken muß denn je.«

Ich fordere ihn also zu ungescheutem Reden auf, und da erklärte er mir etwas, welches ich Ihnen, Herr Baron Dronte, als eine nicht unter dem Beichtsiegel stehende und vor allem für Sie merkwürdige Tatsache mitteilen muß.

Der Bogdan war also als junger Infanterist in einem an der türkischen Grenze stehenden Bataillon gelegentlich eines Geplänkels an der Sau, wie man den in die Donau rinnenden Fluß nennt, von wilden Baschibozuks gefangen und verschleppt worden. In der türkischen Gefangenschaft mußte er schwere Arbeit in einem Tretrad tun, das die Felder eines Bergs bewässerte. Außer der Arbeit aber ging es ihm nicht schlecht, und er durfte sich frei in dem kleinen Orte seiner Haft bewegen. So lernte er einen jungen Türken von großer Schönheit, jedoch mit einem Male zwischen den Augenbogen, kennen, der sich sehr liebreich des armen Gefangenen annahm und ihm ohne Lohn viel Gutes tat. Wie es aber in den dortigen ungesunden Gegenden häufig vorkommt, befiel unseren Bogdan dermaßen die schwere Not oder Blutruhr, daß er immer elender und schwächer wurde und keine Nahrung mehr aufnehmen konnte. Der junge Türke pflegte ihn getreulich und zeigte vielen Kummer, fragte den Bogdan auch oft, ob er ihm nicht einen rechten Wunsch erfüllen könne. Und als es sich auf die Letzte zeigte und der Bogdan kaum mehr reden konnte vor Schwäche, lächelte er und sagte zu dem Türken: »So übel es mit mir steht, Bruder, so könnte mir doch geholfen werden, wenn ich aus dem bunten Glase, das auf meiner Mutter Tisch steht, von dem Zwetschenbranntwein trinken könnte, der in unserem Keller in Zagreb liegt.« Da ging der Türke zur Türe hinaus. Der Bogdan wurde schwächer und schwächer, und er befahl seine Seele Gott. Als aber noch keine Stunde vorüber war, trat der Türke wieder zur Türe herein und trug in seiner Hand das mit bunten Blumen bemalte Glas von Bogdans Mutter mit dem starken Zwetschenbranntwein gefüllt, und hielt es dem Kranken an die Lippen. Der trank und fiel in tiefen Schlaf. Als er erwachte, fragte er nach seinem Retter. Aber niemand wollte etwas von ihm wissen. In seiner Not ließ er sich den Hodscha, den mohammedanischen Priester, rufen und erzählte, was ihm widerfahren und wie wunderlich es sei, daß der Türke viele Meilen in einer Stunde hin- und zurückgelaufen sein solle. Da sagte der Hodscha: »Wisse, daß dein Freund ein Ewli war. Einer, der gestorben und wiedergekommen ist. Wohl dir, daß du einen Führer hast durch das Reich des Todes!« Der Bogdan genas und kam durch Gefangenenaustausch in die Heimat. Und da erzählte ihm seine Mutter, daß an dem Tage, an dem seine Genesung einsetzte, ein Fremder an ihre Türe gepocht und nach dem bunten Glase und dem Branntwein verlangt habe. Und ohne Widerstand habe sie ihm beides gegeben, und nach kurzer Zeit habe es wieder ans Fenster geklopft, da sei der Fremde gestanden und habe ihr das leere Glas hingeschoben und gesprochen: »Freue dich, Mutter, dein Sohn kehrt wieder!« Und so geschah es auch. – Dies, Herr Baron Dronte, hat mir heute nachmittag der sterbende Soldat erzählt und mich gefragt, ob es Sünde sei, daß er in seiner Todesstunde so sehr an den Ewli denken müsse, an sein Gesicht und an das rote Mal zwischen seinen Augenbrauen. Ich erwiderte ihm, er möge seine Gedanken lieber auf den Herrn Jesus lenken. Dieses tue er aus allen Kräften, war Bogdans Antwort, doch nehme das Antlitz des Herrn Jesus in seinen Gedanken ohne sein Zutun die Züge des Ewli an. Da ich sah, daß der Arme in Gewissensqualen war und doch dieser Vorstellung nicht Herr werden konnte, tröstete ich ihn und sagte, der Herr und Heiland sehe in sein frommes Herz, und ihm allein sei es vorbehalten, in welcher Gestalt er sich ihm zeigen wolle. Da lächelte der Bogdan und meinte, nun sei ihm leicht, und die Hoffnung auf ein weiteres Leben könne ihm nichts mehr rauben.«

Ich sprang vom Tische auf. Wie in helles Licht gestellt, sah ich einen kleinen Augenblick lang in den Zusammenhang aller Geheimnisse meines Lebens. Aber rasch sanken hüllende Schleier auf ein Bild, das den gewöhnlichen Sinnen nicht zugänglich ist.

»Darf ich eine große Bitte aussprechen?« fragte ich.

»Wenn es in meiner Macht steht, sie zu erfüllen –«

»Führen Sie mich zu dem Sterbenden«, bat ich.

»So kommen Sie«, sagte der Pfarrer.

Wir kamen rasch zu dem kleinen Häuschen am Ende des Dorfes. Durch die winzigen, trüben Scheiben drang rötliches Licht. Wir hörten vielstimmiges Murmeln, und als wir in das niedrige Gemach eintraten, erblickten wir mehrere Männer und Frauen, die kniend beteten.

In einem kargen Bette lag ein alter Mann. Sein kleines, ganz verschrumpftes Gesicht hob sich von einem blauen Kissen ab und wurde von dem Schein der zu seinen Häupten brennenden Sterbekerze überstrahlt.

Wir traten an sein Lager. Die Augen des Schweratmenden blickten glasig, sein Mund stand offen.

Ich sah gleich, daß dieser Mensch in seiner Todesnot die Fragen, die mir auf den Lippen brannten, nicht mehr beantworten könne.

Da geschah etwas Unbegreifliches.

Langsam drehten sich die starren Augen und wandten sich mir zu. In das bereits vom lähmenden Finger des Todes gezeichnete Antlitz kam eine schwache Bewegung, ein freudiges Lächeln spielte um die dünnen, eingesunkenen Lippen, und ehe wir wußten, was in dem Abscheidenden vorging, hob sich sein Oberleib, streckten sich seine abgezehrten Arme nach mir aus, und eine fast schluchzende, dünne Greisenstimme drang aus seinem Munde:

»So bist du doch gekommen – – endlich!«

Strahlende Freude flammte in den Augen, zeichnete sich im Gesicht –. Dann fiel der Kopf in die Kissen zurück, ein grauer Schatten lief über Mund und Nase, der Körper streckte sich, daß die Bettstatt knackte.

Der Geistliche trat hinzu und strich mit der Hand über die Augenlider.

»Ruhe nun aus, du getreuer Knecht«, sagte er leise. »Lasset uns beten!«

Wir sprachen ein Vaterunser, und als wir danach aus der Stube gingen, fühlte ich aller Blicke auf mich gerichtet.

In mir hatte der Verschiedene seinen Freund, den Ewli, zu sehen geglaubt.

Der Geistliche sprach kein Wort.

Als wir wieder in seiner gastfreien Stube waren, sah er mich mit unruhigen Blicken an.

»Die Narbe muß es gewesen sein –«, sprach er vor sich hin.

»Welche Narbe?« fragte ich erstaunt.

»Die rote Narbe, die zwischen Ihren Augenbrauen ist, Baron Dronte. – Nein, nein!« rief er plötzlich. »Weiteres Grübeln über diese Dinge hieße Gott versuchen! – Wenn es Ihnen genehm ist, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen!«

Ich verbeugte mich dankend und ging mit ihm.

Als wir in dem mir angewiesenen Gemach standen, faßte er mich mit beiden Händen an den Schultern und sah mir lange ins Gesicht.

»Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Verwirrung!« sagte er dann. »Aber auf mich alten Mann ist in den letzten Tagen zuviel Unbegreifliches und Störendes eingestürmt. Ich selbst bin nicht imstande, die furchtbaren Rätsel der Vorsehung zu lösen. Ich möchte allein sein. Sie werden mir deshalb nicht zürnen. Aus der Wirrnis dieser unheimlichen Vorfälle flüchte ich in einen sicheren Hort! In den Glauben an Den, der alles nach Seinem hohen Willen lenkt, und in den Frieden des Gebets.«

»Beten Sie auch für mich, hochwürdiger Herr«, bat ich ergriffen.

Dann war ich allein.

Und ruhelos tastete ich mit dem Gefühl, daß der Verstand mir keine Hilfe zu bringen vermöge, die dunkle Mauer ab, die mich von der Erkenntnis trennte, um ein Schlupfpförtlein zu finden, das zur Wahrheit führte.

Aber zeigte sich auch da und dort in schlafloser Nacht ein schwacher Schimmer des Ahnens – erfassen konnte ich nichts von dem, dem im allertiefsten und dunkelsten Grund meiner Seele etwas zustrebte.

 

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