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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Ich war nur noch eine leere Hülle, ein mit Kleidern behangener seelenloser Körper. Ich aß dann und wann, schlief auf Stühlen ein, fand mich bekleidet im Bette. Meine Augen waren entzündet, meine Kleidung, die ich nie wechselte, unsauber und schadhaft. Ich wußte die Tageszeit nicht, fühlte weder Wärme noch Kälte und ließ meine Leute tun, was ihnen beliebte. Manchmal fraß brennende Sehnsucht in mir, und ich lief ruhelos durch die Zimmer und den Garten und rief schluchzend Zephyrines Namen, nannte sie auch Aglaja, um sie sicher zu locken. Tagelang saß ich an ihrem Grabe, bis mich die Totengräber freundlich mahnten, daß die Gitter geschlossen würden. Und zu meinem Trost zeigten sie mir in der Ecke, wo die ungeweihte Erde war, ein kleines Hüglein, unter dem meiner Frau Lieblingshund Amando lag, der von ihrer letzten Ruhestätte nicht zu scheuchen gewesen war, Speise und Trank verweigert hatte und aus Gram und Hunger gestorben war.

Als ich die heilende Wirkung der Zeit zu verspüren begann, ließ ich einen Notarius kommen und verschrieb Haus und Garten neben einer ausreichenden Summe einer Stiftung für Krüppelkinder, die von Geburt an einen mißratenen und verunstalteten Leib schleppen mußten. Ich selbst zog in den großen Gasthof zum »Goldenen Lamm« und betrieb meine Abreise aus der Stadt, in der mich alles schmerzte, da ich bei allem und jedem denken mußte, wie vor kurzem noch Zephyrines Blicke darauf geruht.

Von ihr selbst hatte ich nur ein Löcklein des Haupthaares behalten und den silbernen Ring mit dem Feueropal, den erst Aglaja und dann sie getragen hatte. Ihre Finger waren so schlank und fein gewesen wie die meiner Base. Das Löcklein Zephyrines aber vermischte sich in der blaßblauen Schachtel der Muhme so sehr mit Aglajas Haar, daß man beide nicht mehr unterscheiden und trennen konnte.

In ein fremdes Land wollte ich. Nur weit fort von hier. Wenn ich planlos durch die Straßen ging, bemerkte ich oft, daß die Menschen einander anstießen und mir nachblickten. Gewöhnliche Leute deuteten in ihrer unbekümmerten Art wohl mit dem Zeigefinger auf ihre eigene Stirn und lachten. Alles dies berührte mich in keiner Weise.

So kam ich auf zielloser Wanderung außerhalb der Stadt an einen Ort, der Lustwäldchen genannt wird. Dort war dafür gesorgt, daß die Aufmerksamkeit der Leute rege blieb. Niemand kümmerte sich um mein Gebaren, das, mir selbst unbewußt, durch Nervenzuckungen im Gesicht und andere Folgen meiner seelischen Leiden gewiß auffallend genug war. Hier gab es mancherlei Buden und Bretterhütten, tanzende Bären, Kuchenbäcker, Wahrsager, Leinwandtheater, dazu Verkäufer und Marktschreier aller Art. Auf blau und weiß oder gelb und rot bemalten Holzpferdchen tummelten sich Mädchen und Burschen im Kreise zu verstimmter Musik.

Ich kam an Zelten vorbei, aus denen die falschen Schreie der Trompeten und Trommelgerassel drangen. Ein Degenschlucker in Flitterhosen stand mit zurückgebogenem Halse in einem Kreise von Gaffern, und daneben fischten schmutzige Hände Essiggurken aus einer Tonne.

Und mitten in dem Schwarm sah ich – wie eine unwirkliche Erscheinung – Laurette am Arm eines großen, hageren Mannes mit braunem Gesicht. Sie wollte sich ausschütten vor Lachen über die derben und gemeinen Späße eines Hanswursts, der auf einem Podium die Hosen abzog und einem haarigen Teufel den Hintern zeigte. Zwei südländisch aussehende Diener in dunkler Livree standen hinter dem Paar. Laurette sah mich nicht.

Ich ging weiter, ohne auf die Müdigkeit meiner Füße zu achten, und blieb dann vor einer großen Bude stehen, auf der ein Bild auf Leinwand gemalt war, das mich fesselte. Vor einem qualmenden Feuer stand ein alter Zauberer mit spitzer Mütze, ein Band mit den Tierkreiszeichen um Schulter und Hüften geschlungen. Die Linke war in den wallenden weißen Bart vergraben, die Rechte hielt beschwörend einen kleinen Stab gegen den Rauch, in dem sich eine in weiße Schleier gehüllte Gestalt mit geschlossenen Augen schemenhaft zeigte. Unter diesem nicht ganz kunstlos, aber doch in schreienden Farben ausgeführten Gemälde stand zu lesen:

»Der berühmte Nekromant, Magier und Magister der sieben freien Künste Arkadius Chrysopompus aus Ödenburg, genannt der ungrische Doktor Faust.«

Ein buntscheckiger Harlekin, der eben noch die klimpernden Töne einer Savoyardenleier mit einem Horn aus Messing übertönt hatte, lud mit allerlei scherzhaften und verrenkten Gebärden und lautem Geschrei zum Besuche der soeben beginnenden Vorstellung ein.

Zwei Grenadiere in weißen Röcken, die buntgekleidete, vollbusige Mädchen am Arm hatten, waren die ersten, die eintraten. Dann gingen ein paar Bürger mit ihren Frauen und einige junge Menschen beiderlei Geschlechtes die drei Stufen hinan, bezahlten ein Geringes und schoben sich durch den roten Vorhang, den der Ausrufer lüftete. Aus irgendeinem Grunde folgte ich nach und saß bald mitten unter den Leuten auf einem als Bank zugerichteten Brett vor der kleinen, schwach beleuchteten Bühne.

Die Vorstellung, die nach einigen derben und mit Ohrfeigen für den Harlekin endigenden Szenen zwischen diesem und dem wie auf dem Aushängeschild bekleideten Zauberer bald begann, brachte das, was ich erwartet hatte. Der Zauberer mit seinem umgehängten Bart führte eine Reihe recht artiger Taschenspieler- und Kartenkunststücke aus, buk in einem Hut, den ein dicker Bürger zögernd darlieh, eine Omelette, holte endlose Bänder, weiße Stallhasen und ein Glasgefäß mit schwimmenden Fischlein daraus hervor und zerstampfte schließlich eine ihm überlassene goldene Uhr in einem Mörser, um sie unversehrt im Retikül eines verlegen kichernden Mädchens wiederzufinden.

Dann ging er zu den schwierigeren Künsten über, riß einer weißen und einer schwarzen Taube die Köpfe ab und heilte sie im Handumdrehen wieder an, so daß der schwarze Vogel einen weißen, der weiße nun einen schwarzen Kopf hatte. Aber dieses Schaustück erzeugte in mir eine so heftige Übelkeit, daß ich aufstehen und die Bude verlassen wollte. Da ich mich aber durch die enggedrängten Reihen der Sitzenden entfernen und alle zum Aufstehen hätte veranlassen müssen, schloß ich für eine Weile die Augen und verspürte in der Tat, daß das Unwohlsein nachließ.

Als ich wieder aufblickte, durch Beifalls- und Bewunderungsgemurmel der Zuschauer veranlaßt, sah ich das wohlgelungene Bild eines vom Monde beschienenen Friedhofes auf der Bühne. Ein schlanker, bartloser Mann, in einen schwarzen Mantel gehüllt, ging zwischen den Grabkreuzen auf und ab und erzählte in seinem Selbstgespräch, daß sich hier des öfteren ein Gespenst zeige, dem er zu Leibe gehen wolle, um den Übeltäter, der gewißlich hinter einer solchen Larve stecke, unschädlich zu machen. Hinter der Bühne wurde durch zwölf blecherne Schläge die Mitternachtsstunde angezeigt, und nach dem Verklingen des letzten Schlages, dem ein künstlich erzeugtes Windsausen folgte, schwebte ein ganz in weiße Grabtücher gehülltes Wesen zwischen den Kreuzen herbei und näherte sich dem Manne. Dieser schien anfangs zu erschrecken, zückte dann aber flugs den Degen und stach auf das Gespenst los. Man sah deutlich, wie die blitzende Klinge des öfteren durch den Leib des Geistes fuhr, ohne ihm Schaden zu tun. Nun aber warf der erst so Prahlerische den Degen von sich und floh, worauf das weiße Wesen einen triumphierenden Tanz ausführte und der Vorhang niederrauschte. Die Vorstellung war damit zu Ende, und das Publikum entfernte sich höchst zufrieden.

Ich stand ebenfalls auf und näherte mich der Bühne. Meine Vermutung war richtig. Die unverwundbare Erscheinung war ein Spiegelbild, das durch eine schräg gestellte Glasplatte, vor der, auf einer Art Pritsche liegend, ein Akteur das Gespenst machte, auf die Bühne geworfen wurde. Die Glasplatte war aus drei gleichen Stücken zusammengesetzt, und die zwei dunklen, senkrechten Schattenstreifen, die bei der Vorstellung auf der Bühne zu sehen gewesen waren, hatten mich gleich auf diese Vermutung gebracht

Ich gedachte nun auch zu gehen und bemerkte, daß von den Zuschauern außer mir niemand mehr da war. Aber dennoch war ich nicht allein. Unhörbaren Ganges hatte sich ein Mensch an mich herangeschlichen, wohl im unklaren über meine Absichten, und obschon ich ihm so unerwartet gegenüberstand, erkannte ich in ihm sogleich ebensowohl den Taschenspieler im Zaubergewand als den Friedhofsfechter.

Ich entschuldigte mich und sagte ihm, daß ich nur wissenschaftlichen Interesses halber eine Annahme auf ihre Richtigkeit hin geprüft hätte und damit vollauf befriedigt sei. Keinesfalls sei es meine Absicht, durch Wiedererzählen des Entdeckten, mir übrigens längst Bekannten, seinen Erfolg beeinträchtigen zu wollen.

»Der Herr ist offenbar ein Kenner«, sagte der Mann sehr höflich und verbeugte sich. »Vielleicht habe ich die Ehre, ebenfalls einen Meister der weißen Magie vor mir zu sehen?«

»Dies nicht«, erwiderte ich. »Es lag mir nur daran, zu wissen, ob der treffliche Effekt, den das Phantom hervorrief, mit Hilfe großer Hohlspiegel oder mit der schrägen Glasplatte erzeugt worden sei. Glasplatten solcher Größe sind meines Wissens sehr kostbar und werden, wie mich deucht, nur in Venedig hergestellt.«

»Ich sehe, daß der Herr ausgezeichnet unterrichtet ist«, antwortete der Zauberer. »Die drei Platten sind unser wertvollster Besitz und erfordern beim Reisen viele Vorsicht.«

Ich dankte ihm mit einigen Worten und ging gegen den Vorhang, vor dem der Harlekin neuerlich lärmte und schrie.

»Wenn jedoch der Herr meine eigentliche Kunst in Anspruch nehmen wollte –«, sagte der andere stockend und machte eine Handbewegung gegen die Erde zu, auf der wir standen.

Eine Ahnung ergriff mich.

»Was Sie hier sehen«, sagte der andere, »dient nur der Schaulust des ungebildeten Volkes und dem Erwerb des notdürftigen Lebensunterhaltes. Für tiefer Eingeweihte bin ich der Nekromant Magister Eusebius Wohlgast aus Ödenburg, und man hat mich in der Tat schon mit dem Namen eines ungrischen Dr. Faust beehrt. Ich müßte mich sehr irren, wenn die Wünsche des Herrn, dessen Äußeres schon tiefste und unverheilte Trauer kündet, nicht auf das Glühendste das Wiedersehen mit einer geliebten, ihm durch den grausamen Tod entrissenen Person herbeisehnten.«

Ich lachte bitter auf

»Sie halten mich für einfältiger, als ich bin, Herr Magus Wohlgast«, gab ich zurück. »Mit dem Dunst giftiger, den klaren Verstand gänzlich umnebelnder Kräuter und mit einer verborgen angebrachten laterna magica kann man Leichtgläubigen vorspiegeln, was sie zu sehen wünschen.«

Der Mann schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete sanft und bescheiden:

»Leute meines Standes, die in fahrenden Wagen wohnen, müssen es sich gefallen lassen, wenn man sie der großen Menge umherziehender Gaukler und Betrüger zuzählt. Um diesen Verdacht zu entkräften, erkläre ich Ihnen ausdrücklich, daß ich keinerlei Lohn beanspruche, wenn Sie meine Dienste in dieser Hinsicht annehmen wollen. Es bleibt ganz und gar Ihnen überlassen, ob Sie mich einer Belohnung nach vollbrachtem Werk für würdig halten oder unter dem Eindruck, düpiert worden zu sein, von einer solchen abzusehen gedenken. Auch weiß ich sehr wohl, in wessen Dienst ich meine Kunst stelle, und bleibe des Gewinnes wegen unbesorgt, so sehr ich mit Nebeneinkünften rechnen muß. Im übrigen genoß ich vor kurzem die überaus hohe Ehre, einen derartigen Wunsch Seiner Kaiserlich Römischen Majestät in den Räumen der Freimaurerloge »Zu den drei Feuern« erfüllen zu können. Wenngleich Seine Majestät infolge einer sie höchstselbst sehr ergreifenden Erscheinung aus dem Jenseits einen Schrecken davontrugen und einige Tage unpäßlich im Bette verbringen mußten, bis das insultierte Gemüt sich wieder beruhigt hatte, wurde mir ein sehr ansehnlicher Lohn zuteil. Es mag Ihnen als Zeugnis dienen, daß weder Seine Majestät noch die anwesenden hochadeligen Herren mich für einen Betrüger ansahen, vielmehr sehr ergriffen und schweigend den Tempel der Freimaurer verließen. Ja, es ward mir sogar ausreichend Schutz zuteil vor einer Verfolgung, die Ihre Majestät die Kaiserin gegen mich einzuleiten befahl, als sie durch einen mitteilsamen Herrn die Ursache der Erkrankung höchstdero Gemahls in Erfahrung gebracht hatte.«

Widersprechende Gefühle regten sich in mir. Der Mann erschien mir ehrlich und seiner seltenen Fähigkeiten sicher. Aber mein Mißtrauen ließ sich nicht so schnell beseitigen.

»Wen oder wessen Geist ließen Sie vor Seiner Majestät erscheinen?« fragte ich.

»Darüber mit irgendwem, und sei es auch ein vertrauenswürdiger Kavalier, zu sprechen ist mir weder gestattet, noch liegt es in meinen eigenen Gewohnheiten«, lehnte er ab. »Ich würde es ebensowenig für wohlanständig finden, dritten Personen Mitteilungen über Erscheinungen zu machen, die etwa dem Herrn zuteil würden, wenn meine ergebensten Dienste in Anspruch genommen werden sollten.«

Mein Verlangen, die Kunst dieses Mannes zu erproben, wuchs bei seinen Worten und ich sprach:

»Wenn es Ihnen möglich wäre, eine aus diesem Leben abgeschiedene, mir überaus teure Person noch einmal zurückzurufen, würde ich mich Ihnen mehr als erkenntlich zeigen.«

Er machte eine abwehrende Bewegung.

»Das bleibt dem Belieben des Herrn überlassen, in dem ich trotz aller durch die Trauer hervorgerufener Negligence seines Exterieurs unschwer einen vornehmen Edelmann erkenne.«

»Wie soll ich mich also verhalten, und wann soll diese Beschwörung vor sich gehen?« fragte ich schnell, denn schon traten zwei Leute in das Zelt und nötigten uns, leise zu sprechen.

»Ich bitte den Herrn, sich in drei Tagen eine halbe Stunde vor Mitternacht hier einzufinden. Am Tage, an dem das Werk vor sich gehen soll, muß der Herr sich absolut jeglicher Speise und auch der Getränke, mit Ausnahme reinen Wassers, enthalten. Sodann ist eine Reinigung des Körpers und frische, saubere Kleidung vonnöten. Außerdem möge ein Gegenstand mitgebracht werden, der der abgeschiedenen Person zu eigen war, wenn möglich etwas, das sie am Leibe getragen hat. Strengste Verschwiegenheit gegen jedermann, wer immer es auch sei, ist ein Gebot, dessen Nichteinhaltung jegliche Mühe vergeblich macht.«

»Ich habe verstanden und werde dies alles einhalten«, sagte ich. »Sonst ist nichts erforderlich?«

»Für den Herrn weiter nichts.«

»Und Sie?«

»Ich, mein Herr, muß von heute an, also volle drei Tage, fasten. Die Vorstellung hier werden mein Bruder und unser Gehilfe abhalten, da ich bis zur Stunde der Beschwörung mich in Einsamkeit vorbereiten muß.«

Ich sah ihn zweifelnd an, aber die Bude füllte sich dermaßen, daß ein weiteres Gespräch nicht tunlich war.

Der ungarische Magus beachtete mich nicht weiter, sondern schritt gleich mir auf den Vorhang zu. Ich sah ihn einige hastige Worte mit dem bunt gekleideten Harlekin sprechen, der ernsthaft nickte.

»Also in drei Tagen –«, sagte ich im Vorübergehen.

»Gegen Mitternacht«, antwortete er und verschwand im Menschengetümmel vor der Bude.

Als ich nach einer Weile absichtlich vorüberkam, war der Harlekin verschwunden, und der Mann, der bisher in seiner vielfarbigen Tracht das Publikum angelockt hatte, stand nun im Zauberkleid vor dem Eingang und forderte zum Eintreten auf.

In tiefen Gedanken trat ich den Heimweg in meinen Gasthof an.

 

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