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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Es war alles auf das trefflichste gelungen. Mit Geld hatte ich mir die notwendigsten Papiere verschafft, und in einer kleinen Gemeinde unweit der Hauptstadt war unsere Trauung erfolgt, so daß ich von den Spähern der Sittenkommission und wohl auch von Postremo nichts mehr zu fürchten hatte. Mein Logis hatte ich bald quittiert, den Diener beschenkt und entlassen und um wenig Geld ein ganz im Buschwerk und Bäumen verborgenes Häuschen in Grinzing angekauft, das ich mit Hilfe geschickter und verständiger Handwerker auf das freundlichste einrichtete. Ungetrübte Sonnentage zogen über uns dahin, und jene unfrohe Zeit, die einem Übermaß des Glückes bald zu folgen pflegt und allen Eheleuten wohl bekannt ist, war uns erspart geblieben. Es war, als ob jeder Tag uns inniger und glühender zusammenführte.

Oft geschah es mir, daß ich Zephyrine in Augenblicken höchsten Empfindens »Aglaja« nannte. Doch diese Sonderbarkeit schien sie weder zu verletzen noch zu verwundern, obschon ich ihr oft von meiner toten, heißgeliebten Base und von ihrer Ähnlichkeit mit dem mir so früh entrissenen Mädchen gesprochen hatte. Einmal sagte sie: »Ich bin dein unter allen Namen, die du mir geben willst.«

Mit Aglaja teilte sie auch die große Liebe zu Blumen und Tieren. Wir hatten den Garten voll von Rosenbüschen in allen Farben, vom glühenden Duft der roten, vom herben der weißen und vom feinen der gelben Blüten. Auf allen Beeten schwelgte ein Farbenrausch, und ein Meer von balsamischen Gerüchen wogte über uns hin. Junge Tiere spielten um uns, Hunde und Katzen, Vögel zwitscherten in den Zweigen, und behende Eidechsen glitten über den Kies der Wege.

Sehr bald nach der vollendeten Einrichtung des Hauses fühlte sich Zephyrine Mutter.

Schweren Leibes und blaß saß sie auf unserem Lieblingsplatz zwischen dichtem, blumentragendem Gebüsch.

»Es wird ein Junge mit dunklem Haar wie sein Vater«, scherzte ich.

»Nein, ein Füchslein weiblichen Geschlechts trage ich unter dem Herzen«, lächelte sie zurück. »Und es soll Aglaja heißen.«

Ich küßte sie und sah in ihre grauen, goldpunktierten Augen, auf deren Grund noch immer etwas Banges sich verbarg. Sorgsam rückte ich das Kissen im Rücken der zarten Frau zurecht und dachte bei mir, wie froh ich sein wolle, wenn sie ihre schwere Stunde hinter sich habe.

Da sah ich einen namenlos entsetzten Ausdruck in ihrem Gesicht, und ihr Blick war auf etwas in meinem Rücken gerichtet. Wütend schlugen die Hunde an im Zwinger.

Ich wandte mich sogleich um. Hinter mir stand der bucklige Arzt mit den dicken schwarzen Augenbrauen und der aufgestülpten Nase. Ein unangenehmer stechender Geruch nach bitteren Mandeln übertäubte plötzlich den Blumenduft. Mit einem Griff faßte ich die Ungestalt an der Brust und schüttelte sie hin und her.

»Schuft!« knirschte ich zwischen den Zähnen. »Hab ich dich nun? Lebend entkommst du mir nicht –«

Der Höckerige wurde blaurot und keuchte etwas, das ich nicht verstand.

Die Frau stieß einen gellenden Schrei aus, und als ich mich umsah, lag sie in tiefer Ohnmacht. In diesem Augenblick spürte ich einen brennenden Stich am rechten Handgelenk. Meine Hand, die noch immer den Rock des Buckligen hielt, war plötzlich gelähmt, die Finger lösten sich, und der ganze Arm sank tot an meiner Seite herunter, dumpf und schwer. Entsetzt sah ich, daß der Mensch gleichmütig von einer blitzenden Lanzette, mit der er mich gestochen hatte, einen Blutstropfen wischte und das spitze Instrument in der Tasche seines Rockes barg.

»Oh mackte nix!« lachte er. »Una piccola paralisi! Dauert nit lang – cinque minuti! Sie mir nix angreifen, ick nix stecken!«

Er zog eine kleine Dose aus der Weste und hielt sie seiner Ziehtochter unter die Nase. Zephyrine nieste heftig und kam sogleich wieder zu sich.

»Der Oheim –«, sagte sie, indes ein Schauder über sie rann.

»Si, si, lo zio!« feixte er. »Il padre, wenn sie will, die Zephyrine! Aben Sie mir nix erwartet, Signore?« redete er mich an. »O cattivo, cattivo! Was aben Sie gemackt? Eh?«

»Erwarten Sie mich hier!« herrschte ich ihn an. »Vorerst werde ich meine Frau von Ihrem Anblick befreien und sie ins Haus bringen, dann stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

Er lachte und setzte sich mit boshaftem Lachen auf einen der Stühle.

Mein betäubter Arm hatte sich bereits von der Wirkung des giftigen Stiches erholt, so daß ich die Wankende stützen und ins Haus bringen konnte. Vor der Eingangstüre befiel sie heftiges Erbrechen, und erst nach einer Weile konnte ich sie in unserem Schlafgemach zu Bette bringen. Schluchzend bat sie mich, mich keiner neuen Gefahr auszusetzen. Trotz seiner verkrüppelten Gestalt sei Postremo einer der gefährlichsten und entschlossensten Menschen. Ich versprach ihr alles, beruhigte sie, so gut ich konnte, steckte in meinem Zimmer eine scharfgeladene Pistole zu mir und begab mich, zum Äußersten entschlossen, in den Garten.

Als ich zu unserem Lieblingsplätzchen in den Rosenbüschen kam, das nun nicht länger ein unentdecktes Refugium war, saß der häßliche Affe dort und fletschte die gelben Zähne. Eine Menge der schönen Rosen lag abgerissen, zerpflückt und zerstampft auf der Erde.

In maßlosem Grimm, keines Wortes mächtig, deutete ich auf die Verwüstung.

Der Gnom spuckte nach den mißhandelten Blumen und stieß mit dem Fuße nach ihnen.

»Das für Sie und la putana – Sie mir verstehen?« schrie er. »O Dio, Dio! Ick sein ruiniert. Sie 'aben mir gebrackt um zwanßigtausend Dukati!«

»Kupplerischer Hund« schnaubte ich ihn an und hob wieder die Hand.

Schnell zog er sein Lanzett aus der Tasche und ließ es in der Sonne blitzen.

»Nextemal wirte nix mehr gut die Arm«, drohte er. »Attenzione! Macken Sie keine Spaßen mit mir! Aber nehmen Sie Platz, meine 'err von Dronte! »

Ich setzte mich und lauschte in stummer Wut dem jammernden Gespräch, das er nun anhub. Es sei eine niederträchtige Verleumdung, daß er das Mädchen dem Grafen Korony habe verkuppeln wollen. Ob ich noch nie von den jungfräulichen Bettgenossinnen des Königs David gehört habe? Ob es mir unbekannt sei, daß man in England nach der Entdeckung des Doktor Graham förmliche Verjüngungskuren an Greisen durchführe, die man mit unberührten Jungfrauen in einem Bett schlafen lasse, damit der welke Körper durch die jugendliche Aura der Mädchen sich erneuere? Und ob ich nicht wisse, daß zu solchem heilkräftigem Beilager jede nur denkbare Vorsicht getroffen werde, damit die Ehre der Mädchen unverletzt bleibe! Wer es wagen könne, ein ärztlich erprobtes Heilverfahren mit dem schändlichen Ausdruck »Kuppelei« zu bezeichnen? Und wer endlich ihm die zwanzigtausend Dukaten ersetzen werde, um die ich ihn durch Zephyrines Entführung gebracht habe. He?

Ich antwortete ihm mit großer Selbstbeherrschung, daß er sich vergeblich bemühe. Ich sei gerne bereit, ihm eine Entschädigung von fünfhundert Goldstücken auszubezahlen. Die von ihm geforderte Summe übersteige mein Vermögen um ein bedeutendes.

Er verdrehte die Augen, rang die Hände und erneuerte seine Versuche. Er begann zu feilschen, und als er erkannte, daß seine Mühe vergeblich war, erklärte er sich mit einer Summe von tausend Dukaten zufriedengestellt. Das sei sein letztes Wort.

Schweren Herzens ging ich ins Haus und holte das Geld, dessen Verlust mich empfindlich traf. Aber für Zephyrines Ruhe war mir dieses Opfer nicht zu groß.

Als ich mit den im Hause vorrätigen zweihundert Dukaten und einem Wechsel auf meinen Bankier zurückkam, hatte er ein kleines Kristallfläschchen auf den Tisch gestellt, in dem sich eine wasserklare, ölige Flüssigkeit befand.

»Da ist das Geld –«, sagte ich und schob ihm die Goldrollen und das Papier hin. Er beschnüffelte sie auf das genaueste und schob alles in die Taschen seines Rockes.

»Und nun –!« sagte ich und deutete auf den Weg, der zur Gartentür ging.

»Warten Sie! Warten Sie!« schnatterte er und zeigte auf die Phiole. »Eine kleine – wie sackt man? – Angebinden. Geben Sie alle Tag' drei Tropfen der Mutter, und Sie werden 'aben un bello ragazzo – eine Sohn – und, se volete, eine kleine Mädchen anche –«

Ich deutete nochmals auf den Weg.

»Va bene«, murmelte er. »Addio, barone!«

Langsam schlurfte er den Weg hinunter, seinen Höcker schleppend wie eine Schnecke ihr Haus. Ich folgte ihm langsam, bis die Gartentür sich hinter ihm geschlossen hatte und das wütende Gebell der Hunde im Zwinger langsam verstummt war. Durch die Büsche des Zaunes aber sah ich deutlich, wie er mit einer gräßlichen Fratze, die Lippen in unhörbaren Worten bewegend, beide Fäuste gegen unser Haus schüttelte.

Als ich zurückkam, stand das Flakon noch auf dem Tisch. Ich machte eine Bewegung, um es in die Büsche zu schleudern. Dann aber nahm ich es in die Hand, zog den Glasstöpsel heraus und roch daran. Wieder stieg der Geruch von bitteren Mandeln auf, der an allem zu haften schien, was in dieses Menschen Nähe war.

Ich schmetterte das glänzende Ding gegen keinen Stein, goß seinen öligen Inhalt nicht auf die Erde. Irgendeine Neugier trieb mich, es mitzunehmen und Zephyrine davon zu erzählen.

»Drei Tropfen im Tag, und ein Sohn ist uns sicher, sagte der Schurke. Und, wenn wir wollen, auch ein Mädchen!« versuchte ich zu lachen.

»Wünschest du dir so sehr einen Sohn, Liebster?« Hauchte Zephyrine, und eine feine Röte ging über ihr blasses, armes Gesicht.

»Ach ja!« entfuhr es mir, als ich sie in meine Arme schloß.

Was lag mir an dem Gelde? Alles, was ich besaß, hätte ich für sie, die einzige, hingegeben, und gern hätte ich, wie die Ungezählten im Schatten des Lebens für sie und mich das Brot mit meiner Hände Arbeit verdient.

 

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