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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Mit Leidenschaft betrieb ich meine Nachforschungen. Das Haus »Zum Fassel« war bald gefunden, aber es erschien mir töricht, unter irgendeinem nichtigen Vorwand in die Wohnung des Doktor Postremo einzudringen. Es wäre mir ganz gewiß nicht gelungen, in seiner Anwesenheit mit der holden Zephyrine zu sprechen, und selbst wenn dies durch einen Zufall geschehen hätte können, so wäre kein Wort zwischen uns unbelauscht geblieben. Daß mich der Arzt vom Spielhause her in üblem Andenken haben mußte, kam noch dazu.

Es galt daher, eine Zeit auszukundschaften, in der entweder der Doktor vom Hause fort und die Nichte in der Wohnung war, oder auf das Glück zu hoffen, Zephyrine bei einem ihrer Ausgänge zu sehen.

Aber obwohl ich meine ganze Zeit auf solche Auskundschaftung verwendete und die Türe des weitläufigen, von vielen Menschen bewohnten Hauses nicht aus den Augen ließ, bot sich mir weder die eine noch die andere Gelegenheit.

Da widerfuhr mir etwas, was mich neuerdings erschütterte und mit Rätselfragen quälte und, so sonderbar es klingt, gleichzeitig mit Zuversicht erfüllte.

Ich ging durch die nahe dem Hause befindliche Griechengasse, um in einem Gasthause ein rasches Mahl einzunehmen. Gruppen von griechischen und türkischen Händlern wickelten nach dem hierher verpflanzten Brauche des Orients ihre Geschäfte auf der Straße ab, und es kostete manchmal Geduld, sich durch das Hindernis dieser eifrig redenden und in ihren Handel vertieften Menschen hindurch zu drängen.

Gerade war ich im Begriffe, mir in einer solchen Ansammlung einen Weg zu suchen, als ich am Ende der schmalen Gasse eine Erscheinung sah, die mich in große Erregung versetzte. Ein Mann mit schwarzem Turban, die strahlenden Augen auf mich gerichtet, schien mir entgegengehen zu wollen. Ich sah deutlich seine reinen Züge, die Bernsteinkette um den Hals, das rotbraune Gewand. Diesmal mußte ich ihm nahe kommen. Mit Gewalt bahnte ich mir durch die verwunderten Kaufleute den Weg, wobei ich meine Blicke für eine Sekunde von dem Manne in der Kutte abwenden mußte, und als ich wieder in die Richtung sah, war er verschwunden, wie jedesmal, wenn ich nahe daran war, ihn zu erreichen. Ich eilte, so rasch ich nur konnte, dem Ausgang der schmalen Gasse zu, aber es war umsonst. Weder rechts noch links sahen meine Augen etwas anderes als gleichgültige Menschen, die langsam oder schneller ihren Weg machten.

Verzweifelt und mit dem Gefühl, daß mir der Anblick des ungewöhnlichen Mannes etwas Wichtiges und Entscheidendes bedeute, das unmittelbar bevorstehen müsse, kam ich auf den Gedanken, mich an die soeben noch zur Seite gestoßenen levantischen Kaufleute zu wenden, in der Hoffnung, daß ihnen ein in Wien lebender Mensch, der in orientalischer Tracht einherging, doch bekannt sein müsse.

Ich ging also den Weg zurück und sprach einen alten Türken mit gutmütigem Gesicht und langem weißem Bart an, der trotz der Wärme einen kostbaren, mit Zobelpelz verbrämten Mantel trug und sehr angesehen zu sein schien, wenn man nach dem Benehmen der Umstehenden schließen wollte.

Mit höflichen Worten bat ich ihn, mir die Belästigung zu vergeben, und fügte gleich meine Erkundigung nach dem mir entschwundenen Manne hinzu.

Der Türke berührte mit der rechten Hand Stirn und Mund und erwiderte mir in ziemlich gutem Deutsch überaus höflich, daß er diesen Mann nicht kenne und ihn auch nie gesehen habe. Dabei hefteten sich seine Augen mit einem sonderbaren Ausdruck auf die kleine rote Narbe, die ich dem zerbrochenen Glassturz verdanke, als ich, ein Kind noch, dem einstürzenden Plafond meines Zimmers entkam, und sagte mit einem sonderbaren Ausdruck der Ehrerbietung:

»Du, Herr, der du das Zeichen des Ewli trägst, stellst Fragen an mich?«

Ich verstand nicht, was er meinte, und beschrieb nochmals den Turban und das Gewand des Fremden.

»Es ist die Kleidung der Halweti-Derwische«, sagte der Türke und verneigte sich vor mir. »Bewahre mir dein Wohlwollen, Effendi!«

Er trat zurück, und ich sah, wie ihn die andern mit Fragen bestürmten, auf die er leise Antwort gab. Was er sagte, schien den übrigen merkwürdige Meinungen über meine Person beizubringen, denn als ich notgedrungen noch einmal die Gruppe passierte, verneigten sie sich alle vor mir und bildeten freiwillig eine Art von Spalier, durch das ich halb beschämt schritt.

Ich nahm mit unruhigen Gefühlen und von dem Gedanken an den Unbekannten, dem ich nicht näher kommen konnte, beherrscht, mein einfaches Mahl in einer Garküche ein und wollte dann wieder meinen Posten gegenüber dem Hause »Zum Fassel« beziehen. Auf dem Wege dahin kam ich an dem griechischen Kaffeehause vorüber und tat unwillkürlich im Schreiten einen raschen Blick durch die Scheiben.

Da sah ich zu meinem freudigen Staunen die bucklige Mißgestalt des Doktor Postremo. Er saß über ein Puffbrett gebeugt, auf dem die Steine durcheinandergeworfen waren, und redete mit fuchtelnden Händen auf einen spöttisch lächelnden, schwarzhaarigen und gelbhäutigen Mann mit langer, krummer Nase ein, dessen Verhalten ihn offenbar in Zorn gebracht hatte. Ich blieb stehen und bemerkte, daß die Steine gleich darauf wieder in Stellung gebracht wurden und ein neues Spiel begann.

So hatte das Haus also noch einen Ausgang, der meiner Aufmerksamkeit entgangen war und den der Italiener zu benutzen pflegte.

Jetzt oder nie mußte ich es wagen. Rasch betrat ich das Haus und fragte den Erstbesten, der mir auf den finsteren Stiegen entgegenkam, nach der Wohnung des Arztes. Mürrisch wurde mir die Auskunft erteilt, daß sie im zweiten Stockwerk gelegen sei.

Ich fand mühelos die Türe mit dem Namen und einen Glockengriff, der die Gestalt einer die Feige zeigenden Hand aufwies.

Gerade als ich meine Finger danach ausstreckte, huschte ein schattengraues Weiblein die Stiege herauf, glitt an mir vorbei und fuhr mit einem Stecher ins Türschloß. Als sie eintrat und mich fragend ansah, schob ich mich rasch an ihr vorbei und sagte:

»Erschrecken Sie nicht, gute Frau. Ich muß die Demoiselle Zephyrine sogleich sprechen –.« Zugleich drückte ich ihr eine vorbereitete Anzahl kaiserlicher Dukaten in die welke Hand.

Das schien zu wirken. Die häßliche Vettel grinste und zog mich durch einen düsteren Gang in ein halbdunkles Gemach, das wie die ganze Wohnung vom Geruch bitterer Mandeln erfüllt war.

»Warten Sie hier!« zischelte sie und huschte hinaus.

Nicht ohne Unruhe und auf einen Hinterhalt gefaßt, ließ ich meine Blicke in dem unheimlichen Zimmer umherwandern. In einer Ecke standen zwei menschliche, schauderhaft vornüber gekrümmte Gerippe, an denen man erkennen konnte, daß die gebogene Wirbelsäule und die gewölbten Schulterblätter bei Lebzeiten einen Buckel gebildet hatten, wie ihn Postremo selbst auf dem Rücken trug. Vielleicht hatte er an ihnen den eigenen verbildeten Gliederbau studieren wollen.

Auf einem Gestell, dessen grüner Vorhang nur halb zugezogen war, schwammen in großen Glasgefäßen blaurote, braune und gelbliche Organe in klarer Flüssigkeit. Ein vertrocknetes Gehirn lag wie der Kern einer Riesennuß auf einem Tisch, dessen Platte eine mir unbekannte, polierte Gesteinsart bildete. Grau, grünlichblau und rosenfarben geschlängelte Figuren mit weißen eckigen Flecken darin und dunkelroten, scharfumgrenzten Feldern – war dies bunter Marmor? Ich fuhr mit den Fingern über die fettige, eirunde Platte und erkannte plötzlich mit Ekel, daß hier die geglättete Schnittfläche eines versteinerten Leichnams vor mir war, wie sie solche in Bologna herzustellen wußten. In einem Glaskasten am Fenster saß ein ganz verdrehtes, mißgeformtes Chamäleon, das ich anfangs für tot hielt, bis es langsam sein hervorstehendes Auge auf mich einstellte und seine graue Farbe in ein schmutziges Rot verkehrte.

Da raschelte ein Vorhang im Hintergrund. Eine weiße Gestalt stand regungslos, mit halbgeschlossenen Augen –.

»Zephyrine!«

Ich umschloß sie mit meinen Armen, stammelte tausend zärtliche Worte in ihr kleines Ohr, trank den berauschenden Duft ihrer Haare und bedeckte ihr weißes Gesicht mit Küssen.

»Ich lasse dich nicht mehr – –«, beteuerte ich, trunken vor Glück.

»Ich wußte es, daß du kommen würdest«, flüsterte sie leise.

Sie klammerte sich mit ihren kleinen Händen an meine Schultern und wiederholte die Worte, die sie in fliegender Eile auf den Zettel gekritzelt hatte, den ich aus dem Spielhause mitnahm.

»Rette mich! Rette mich! Nimm mich mit!«

Diese ungeahnte und kaum erhoffte Wendung meines Abenteuers erfüllte mich mit dem tiefsten Entzücken. Ich war sogleich zu allem entschlossen, was sie nur verlangen würde.

»So bist du in Gefahr?« fragte ich.

Sie nickte rasch mehrmals mit dem Kopf und schmiegte neuerlich flehend ihren zarten Leib an mich. Einen kurzen Augenblick lang dachte ich an die strengen Strafen, mit denen die Gerichte der Kaiserin gegen Entführer vorzugehen pflegten. Man hatte erzählt, daß ein Edelmann, der die Frau eines vornehmen Hofmannes und besonderen Günstlings verlockt hatte, mit ihm auf sein Gut zu fliehen, ergriffen und in die Kerker des Spielbergs gebracht worden sei, wo er, bis zum halben Leibe in flüssigem Unrat stehend, eine mit Pfeffer gefüllte Eisenbirne im Mund, von Ratten angenagt, auf die entsetzlichste Art zugrunde gegangen sei.

Aber die Süßigkeit eines Glückes, das mich schon in der bloßen Erwartung betäubte, erstickte jede Furcht, ja jede Überlegung in mir.

Nach einer glaubwürdigen Ausrede, die das Mädchen an die graue Alte richtete, und nach meiner durch einen neuen Goldregen unterstützten Versicherung, daß es sich nur um einen kurzen Spaziergang handle, gab uns die Frau, die dem Arzt gar nicht sehr geneigt zu sein schien, den Weg frei, und wir stiegen, beide aus Sorge vor einer unliebsamen Begegnung zitternd, die Treppe hinunter. Rasch schritten wir, Zephyrine im Schutze eines Mantels und dichten Schleiers, die Straße hinunter und erreichten, unbemerkt von meinen Hausleuten, das Quartier in der Himmelpfortgasse.

Dort erfuhr ich alles von dem armen Kinde, was mir zu wissen not tat. Sie war eine vierjährige Waise, als Postremo sie unter dem Vorwande der Wohltätigkeit zu sich nahm. Während ihrer Kindheit wurde sie gut behandelt und erhielt sogar eine sehr sorgfältige Erziehung. Aber dies geschah nicht aus Menschenfreundlichkeit, wie sich vor kurzem ergeben habe. Vor wenigen Monaten, als Zephyrine ihr sechzehntes Lebensjahr vollendet hatte, eröffnete ihr Postremo, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm ihre Dankbarkeit zu beweisen und zugleich ihr eigenes Glück zu begründen. Jener mumienhafte Graf Johann Nepomuk Korony, den ich damals am Spieltisch gesehen hatte, jener Graf also wollte seine, Postremos, beträchtliche Schulden bezahlen, wenn Zephyrine dafür seine Beischläferin sein wolle, damit sie auf solche Art sein fast vollendetes Leben noch einmal erneuere. Zudem hoffte das Scheusal, daß das unberührte Mädchen durch ihre Hingabe eine gewisse galante Krankheit von ihm nehmen könne, ohne selbst davon ergriffen zu werden. Das alles hatte Postremo dem unglücklichen Kinde mit zynischer Aufrichtigkeit auseinandergesetzt, und ihre Tränen und Bitten hatten nur das eine vermocht, daß er noch einmal den Versuch machte, am Pharaotisch seine Lage zu verbessern. An jenem schaurigen und für mich doch so glücklich verlaufenen Abend fiel nun diese letzte Hoffnung des völlig ruinierten Spielers in sich zusammen, und nun hielt er das Mädchen mehr denn je unter Klausur, wohl weil er ihr zutraute, daß sie alles aufbieten würde, um sich zu retten. Mein Erscheinen war in äußerster Stunde erfolgt. Denn jener verdächtige Mensch, mit dem ich ihn im griechischen Kaffeehaus gesehen hatte, war niemand anderer als der Kammerdiener des Grafen Korony, und es bestand kein Zweifel, daß der elende Postremo die letzten Vorbereitungen zu seinem und des Grafen Verbrechen traf. Das arme Kind schwebte in der größten Angst, denn es war ihm wohl bekannt, daß der Doktor ein Meister war in Bereitung betäubender Medikamente, die jeden freien Willen auszuschalten vermochten. Tagelang hatte sie nur die dürftigste Nahrung genossen, um nicht den dämonischen Künsten ihres Kerkermeisters zum Opfer zu fallen, aber trotzdem sah sie den entsetzlichen Augenblick unaufhaltsam näher kommen, der sie in die Gewalt des spinnenfingrigen lüsternen Greises bringen würde.

Während sie mir weinend und oftmals stockend von den Qualen der letzten Tage und von ihrer fast zusammenbrechenden Hoffnung auf meine Hilfe erzählte, ließ ich durch meinen Diener ein Mahl holen, um ihn dann aus dem Hause senden zu können. Denn ich wußte, daß dieses Kind mein eigen war und daß nur der Tod uns trennen konnte. Jeder Augenblick des Glücks, der mir bevorstand, war zu kostbar, um ihn zu versäumen.

Uns beiden war es ohne viele Worte klar, daß wir seit jeher füreinander bestimmt waren, und das liebliche und reine Mädchen kostete es weder Brauttränen noch schwere Entschlüsse, um ganz die Meine zu werden. Ein heiliges und unwiderstehliches Verlangen trieb uns, ein Leib und eine Seele zu werden, und keinem von uns beiden fiel es ein, die Ewigkeit unserer Liebe durch Schwüre zu bekräftigen. Nicht einmal Scham voreinander empfanden wir. Alles mußte so sein, wie es war und nach ewigen Gesetzen sich erfüllte.

Als ich den jungen, hüllenlosen Leib zum ersten Male in meinen Armen hielt und den Schlaf des teuersten aller Geschöpfe bewachte, ergriff mich auf einmal ein unerklärliches Empfinden, das mich entrückte: Zuerst überkam mich große Angst, als wären wir von züngelnden Flammen bedroht. Dann hörte ich in unendlicher Ferne eine Uhr schlagen. Der Geruch von Äpfeln und fremden Hölzern war um mich, und wie von selbst formten meine Lippen das Wort: Aglaja!

 

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