Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Busson >

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Bevor die Postkutsche abging, fiel mir das verblaßte und zugesiegelte Schächtelchen ein, das mir der Notarius als Erbe meiner Muhme, Aglajas Mutter, gegeben hatte. Ich riß das Lacksiegel ab und hob den Deckel. Auf weißer, vergilbter Seide ruhte eine rotgoldene Locke der unvergeßlichen, geliebten Base und ihr silberner Fingerring, den ich oft an ihrer kleinen Kinderhand betrachtet hatte. Er war mit feinster Kunst aus zwei Schlangen gebildet, die sich um einen rundgeschliffenen Feueropal wanden. Ungezählte Küsse drückte ich auf den geheimnisvoll leuchtenden und schillernden Stein, auf die silbernen, schuppigen Natternleiber, die einst einen Finger der süßesten Hand umschlossen hatten, und rief den Namen, der in mein Herz geschnitten und dort schmerzhaft vernarbt war.

Am Abend des Tages aber, an dem ich in der großen Stadt Wien angekommen war und staunend das Leben in den Straßen, die vielen Fuhrwerke, Tragsessel und Sänften betrachtete, widerfuhren mir Abenteuer so eigentümlicher Art, daß ich an die Beeinflussung meines Lebens von seiten dunkler und unheimlicher Mächte wohl oder übel glauben mußte.

Das erste freilich, was mir begegnete, war artiger Herkunft und anmutiger Gattung. Als ich nämlich über den Platz ging, auf dem der Dom von Sankt Stephan sein steinernes Schnitzwerk in den Himmel streckt, geriet ich beim Überschreiten der Straße in eine stockende Masse von Wagen und Sänften und wurde so nahe an eine sehr vornehme, feinbemalte Sänfte mit zwei dunkelrot livrierten Trägern gedrückt, daß ich dicht neben dem herabgelassenen Seitenfenster Aug in Aug mit der Insassin stand. Wer aber vermag es, mein Staunen zu beschreiben, als ich in der hochtoupierten, vornehm gekleideten Dame Sattler Höllbrichs Lorle erkannte? Auch sie kannte mich sogleich wieder, denn sie stieß einen leichten Schrei aus und nannte meinen Namen. Mit gezogenem Hut blieb ich, entzückt von ihrer ungeahnten, durch kleine Künste gesteigerten, voll erblühten Schönheit stehen und bat in leisen, eindringlich flehenden Worten um ein baldiges Wiedersehen. Sie deutete mit einer kurzen, offenbar ängstlichen Bewegung nach den dunkelroten Trägern und sagte dann sehr laut: »Wohlan, Herr Doktor, Ihr könnt mir die neue Salbe für den Teint in mein Haus bringen. Fraget nur nach Madame Laurette Triquet in der Schönlaterngasse.« Damit nickte sie mir huldvoll, ja eigentlich herablassend zu und gab den Trägern mit der Armschnur ein Zeichen, weiterzugehen.

Nach einem vorzüglichen Diner ging ich gegen Abend wieder aus meinem in der Himmelpfortgasse befindlichen Quartier und gedachte, noch ein wenig mich unter die abendlichen Spaziergänger zu mischen, die des angenehmen Luftzuges nach dem heißen Tage froh waren. Schon seit einiger Zeit glaubte ich zu bemerken, daß mir ein äußerst zierlich und adrett gekleideter junger Bursch auf Schritt und Tritt nachschlich. Und wirklich, es dauerte nicht lange, so befand er sich an meiner Seite und sagte halblaut: »Soferne Euer Gnaden Verlangen nach ausnehmend guter und lustiger Gesellschaft tragen und etwa ein Spielchen machen möchten, wäre ich bereit, den Herrn in ein Haus zu führen, wo man dergleichen in bester Qualität findet.«

Gerne bereit, meine Abendstunden in angenehmer Weise zu verbringen, und in der Hoffnung, meinen Geldbesitz durch guten Kartenfall zu erhöhen, erklärte ich mich damit einverstanden, dem Menschen zu folgen. Er ließ bescheiden von mir ab und ging als Führer voraus, sich nur des öfteren umblickend, ob ich hinter ihm sei. Nach langem Hin und Her durch dunkle, schlecht beleuchtete und holperige Straßen, gelangten wir endlich in eine krumme und sehr enge Gasse. Vor einem großen Tor blieb der junge Mann stehen und tat mit dem Klopfer vier rasche Schläge, denen zwei stärkere folgten. Wir mußten eine Weile warten und bemerkten wohl, wie uns ein dunkles Auge durch einen Spalt aufs genaueste musterte. Dann aber ward in dem großen, mit schweren Eisenplatten beschlagenen Tore ein Schlupftürchen geöffnet, in dem eine ältere, listig blickende Frau erschien und uns mit einer brennenden Kerze ziemlich lange ableuchtete. Erst als mein Führer leise etwas flüsterte, was mir ein Erkennungs- oder Losungswort zu sein schien, trat das Weibsbild zurück, so daß wir an ihr vorbeikonnten. Wir schritten über einen großen, feuchten, mit Efeu umwachsenen Hof, in dem aus einem Tritonenmaul Wasser plätscherte, und stiegen dann eine steile, kaum beleuchtete Wendeltreppe empor.

Im ersten Stockwerk begehrte mein scheinbar uneigennütziger Führer auf dieselbe Art Einlaß wie unten, und als der Diener die Flügeltüren öffnete, um mich eintreten zu lassen, stand ich einen Augenblick lang wie geblendet in der Helle, die Hunderte von wohlriechenden Wachskerzen verbreiteten. Ein goldbetreßter Lakai nahm uns die Degen, Hüte und Mäntel ab und bedeutete uns, weiterzugehen.

Ich sah sofort, daß die häßliche, verfallene Außenbeschaffenheit des abgelegenen Hauses, die unfreundliche Finsternis auf den Stiegen und im Hofe nur dazu bestimmt waren, Neugierige abzuhalten und die verschwenderische Einrichtung und die Lichtfülle ins Verborgene zu rücken. Denn hier funkelten die Wände von Gold, herrliche Gobelins verdeckten zum Teil die scharlachenen Seidentapeten, der Boden war blank und glatt wie Glas, Hunderte von Kerzen brannten in venezianischen Prismenlüstern und silbernen Armleuchtern. Auf Tischen mit unschätzbaren Platten aus Malachit, Lapislazuli und Ruinenmarmor standen die erlesensten Leckerbissen und Getränke.

»Der Freiherr von Dronte beliebe sich vielleicht in das Spielzimmer zu begeben«, sagte lächelnd mein bleicher Führer.

»Woher kennt man mich?« fragte ich nicht sehr freundlich.

Der junge Mann lächelte überlegen.

»Wir interessieren uns für alle Fremden von Distinktion, die eintreffen, und werden von den Postkutschern rechtzeitig informiert. So weiß ich, daß der Herr Baron bei der Witwe Schwebsküchlein Logement genommen hat, und ließ es mir angelegen sein, den Herrn Baron in einen ihm gewiß zusagenden Zirkel zu bringen, in dem sich ebenso ritterliches Amusement, als auch etwas aus Fortunas Füllhorn finden läßt.«

Während dieser Rede traten wir in hell erleuchtete, prunkvolle Nebenräume ein, in denen an mehreren Tischen Pharao und Landsknecht gespielt wurde. Die Spielenden wandten, als mein Name laut gerufen wurde, kaum den Kopf nach mir, denn an dem größten der Tische, an dem ich gerade stand, waren die Blicke gespannt auf den Bankhalter gerichtet, der seinen Talon auflegte. Gedämpft ertönten von überall Ausrufe wie »Va tout!« oder«Va banque!« und leise klingelten und rollten die Louisdors auf dem grünen Tuch, das über die Steinplatten der Tische gespannt war.

Ich griff nach der Geldkatze, die ich aus Vorsicht vor Dieben unter der bordierten Weste trug, und trat näher an den großen Tisch. Sogleich sorgte der junge Mann, der mich hergebracht hatte, für einen bequemen Sessel und verschwand sofort, als ich mich mit leichtem Gruß niedergelassen hatte. Ich sah mir, bevor ich zu pointieren begann, vor allem die Menschen an, mit denen ich es zu tun hatte, und fand, daß ich in eine Versammlung von Zerrbildern geraten war. Der Bankhalter hatte ein farbloses, verkniffenes Gesicht, das von einem ruhelosen und wilden Leben verwüstet zu sein schien. Er trug über dem rechten eingesunkenen Auge eine schwarze Stoffblende, ein viereckiges Stück Tuch an einem Bande, das quer über die Stirne und weiter hinter dem rechten Ohr verlief. Neben ihm saß eine ungeheuer fettleibige, schweratmende Frau mit einem weißgepuderten Kürbiskopf, den hinaufgepreßten Busen fächelnd. Sie war mit Perlen und Juwelen aller Art geschmacklos übersät und schien mir der Gesichtsbildung nach eine spaniolische Jüdin zu sein. Neben ihr thronte, aufrecht und hochmütig unter halbgeschlossenen Lidern blickend, eine äußerst magere Frau von Stande, deren gelbes Affengesicht mit Schönheitspflästerchen in Gestalt von Palmen, Schmetterlingen und Vögelchen beklebt war. Ihre blutlosen Finger wühlten gierig in einem ganzen Haufen von Goldstücken, der vor ihr lag. An der anderen Seite des Bankhalters lehnte tief im Stuhl ein Greis mit fast erloschenen Augen, dessen lange Finger wie Spinnenbeine aus den Spitzenmanschetten krochen, wenn es nach Gold zu greifen galt. Ein abschreckend häßlicher, buckliger Mensch mit tiefbraunem Gesicht, fingerdicken, kohlschwarzen Augenbrauen und scharfen, schmalen Lippen aß Bonbons aus einer Goldpapiertüte, und von ihm ging auch der scharfe Geruch nach bitteren Mandeln aus, der mir schon beim Eintritt ins Zimmer aufgefallen war. Zwischen ihm und einem dunkelgrünen, silberverschnürten Husaren mit haarigen Händen saß verschüchtert und in sich zusammengekauert ein junges Mädchen, das sogleich meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Dennoch entging meinen Blicken ebensowenig ein Mann in kostbarer Kleidung, dessen Nase aus feuerroten Truthahnlappen bestand, und ein hoher Beamter, nach seinem gestickten Rock zu schließen, der mir ein blauweißes, blindes Pferdeauge zuwandte. Alle Menschen an diesem Spieltisch waren irgendwie gezeichnet.

Das junge Mädchen aber, dessen gänzlich unerwarteter und mich tief ergreifender Reiz in einer unbeschreiblichen Ähnlichkeit mit meiner toten Base Aglaja bestand, war von vollendeter Anmut und Schönheit und wirkte in dieser widerwärtigen Umgebung wie eine wundervolle Blume in einem Haufen von Kehricht. Sie sah mich mit einem gleichsam flehenden und hilfesuchenden Blick an, der wie süßes Feuer in mein Herz drang und es im Augenblick mit heftiger Zärtlichkeit erfüllte.

Es war mir, als säße Aglaja in nur wenig veränderter Gestalt mir gegenüber, mit stummer Bitte Schutz und Rettung vor irgendeiner Gefahr bei mir suchend. Bald hörte ich auch ihren Namen, den der Bucklige in fremdartigem Deutsch und stets in barschem Befehlston aussprach: »Zephyrine«. Und jedesmal, wenn das Scheusal von dem holden und einsamen Kind irgendeinen Dienst heischte, ging um den zahnlosen Mund des spinnenfingrigen Greises, den sie Graf Korony nannten, ein unsäglich widriges und lüsternes Grinsen.

Es stand bei mir sogleich der Entschluß fest, mich diesem auf den ersten Blick sogleich geliebten Mädchen zu nähern und ihr bei guter Gelegenheit meine Dienste anzubieten, deren sie mir bedürftig schien. Dies Gefühl ward so heftig in mir, daß ich mich kaum beherrschen konnte und mehrmals in Versuchung geriet, sie anzureden, besonders dann, wenn ihre grauen, goldflimmernden Augen mich ansahen und ich Aglajas unvergeßliche Sterne auf mich gerichtet glaubte. Dennoch war ich klug genug, eine hier gänzlich unverständliche Zuneigung nicht zu verraten und einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten, der den unauffälligen Beginn eines Gespräches ermöglichen würde.

Indessen wurde sehr hoch gespielt, und der Bankhalter mit dem verhängten Auge strich ganze Berge von Gold ein. Außer ihm war die feiste Spaniolin im Glück. Zuerst spielte ich vorsichtig mit, machte auch zweimal Doublé, aber schon beim nächsten Aufschlag verlor ich. Nach und nach geriet ich in eine dem vernünftigen Spiel abholde Hitze, versuchte Verlorenes rasch wieder einzubringen und verlor neuerlich und wiederholt. Des Mädchens Blick haftete traurig an mir, und einmal war es mir, als mahne sie mich mit fast unmerklichem Augenwink, vorsichtig zu sein und dem Bankhalter auf die Finger zu sehen. Immer tiefer mußte ich in meine Geldkatze greifen, immer mehr meiner Goldstücke wanderten in die Hände des Bankhalters und des dicken Weibes, und als es auf Mitternacht zuging, erkannte ich mit namenlosem Schrecken, daß meine Barschaft sich erschöpfte und nur noch wenige Goldstücke mein eigen waren

Bittere Reue erfaßte mich ob meiner Unbesonnenheit. Zu spät dachte ich daran, daß solche heimlichen Spielhäuser doch nur für den Gimpelfang eingerichtet waren, und es fiel mir ein, wie oft ich gehört hatte, daß die scheinbaren Gegenspieler nach dem Abgang des ausgeplünderten Opfers den Gewinn zu teilen pflegen, der ihrem geschickten Zusammenwirken zu danken war. Aber so sehr ich auch nach dem heimlichen Wink Zephyrines auf der Hut war und dem Bankhalter auf die Hände sah, so wenig konnte ich Unrechtes entdecken, das mir das Recht verliehen hätte, das Spiel für ungültig zu erklären und das verlorene Geld wieder herauszuverlangen. Aber auch dann wäre mein Aufbegehren dieser zahlreichen und sicherlich auf solche Dinge vorbereiteten Gesellschaft gegenüber vergeblich und lächerlich gewesen. Hätte ich anderntags doch nicht einmal zu sagen gewußt, wo sich dieses Haus befand!

Verzweifelt setzte ich zwei von den vier mir noch verbliebenen Goldstücken, als die Uhr auf dem Kamin mit hellem Schlag die Mitternacht anzeigte und eine heisere, trübselige Gavotte ableierte.

In diesem Augenblick wurde die Flügeltüre geöffnet, und ein fremder, hohläugiger, ganz in schwarze Trauerlivree gekleideter Diener schob in einem Rollstuhl einen neuen Spieler an den Tisch. Es war ein uralter, ganz gebrechlicher Greis mit weißer Perücke, so wie der Diener, nur kostbarer, in Schwarz gekleidet. Sein Gesicht verriet große Klugheit, aber auch bewegtes Leben. Denn es war von ungezählten Falten und Furchen durchzogen. Aber die wächserne Farbe und die seltsame Unbewegtheit der Züge verliehen diesem wohlgebildeten Kopf eines geistvollen alten Mannes etwas schauerlich Leichenhaftes und Totes. Unbestimmte Erinnerungen drangen qualvoll auf mich ein.

Mitnichten sich um das maßlose, nur schlecht verhehlte Erstaunen der Tischgesellschaft kümmernd, schob der Alte eine Geldrolle auf das Tuch und beteiligte sich sogleich am Spiel, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Flüsternd sahen alle auf ihn. Mir war es, als ob die Kerzen dunkler brannten, seit er mit seinem Diener in den Saal gekommen war.

Da richtete der Mann im Rollstuhl zwei schwarze, glanzlose Augen auf mich und sagte mit einer Stimme, die aus unergründlichen Tiefen zu kommen schien:

»Herr von Dronte, ich lade Sie ein, mit mir en compagnie zu spielen!«

Ich vermochte nur zu nicken. Wie Nebel senkte es sich auf Zephyrines liebliches Gesicht, auf ihr schimmerndes Haar, auf die ringbeladenen Hände der Spaniolin und die flinken Finger des Bankhalters.

Die Karten fielen.

Schweigend schob mir der Greis die Hälfte seines Gewinnes, eine ganze Rolle goldener Sovranos, hin.

Der Bankhalter murmelte etwas zwischen den Zähnen, die dicke Frau trocknete sich Schweiß und Fettpuder von der Stirn, der Husar stieß einen halblauten ungarischen Fluch aus. Wieder fielen die Karten, dünne Greisenfinger schoben aufs neue Goldstücke zu mir hin. Die Zeit rann, fiel in Goldtropfen auf mich nieder. Ich sah, daß man von den anderen Tischen aufstand, daß ein Ring von neugierigen Gesichtern uns umgab. Aber alle waren still. Nur der leise Kartenfall, die wenigen beim Spiel nötigen Worte und das metallene, feine Klirren waren zu vernehmen. Bald konnte ich mit beiden Händen den Goldschatz vor mir nicht mehr umfassen. Ich begann verstohlen die Geldkatze zu füllen. Als sie zum Bersten voll war, stopfte ich die Dukaten in meine Taschen. Schon hatte ich dreimal mehr Geld, als ich beim Eintritt in dieses Haus besessen. Die Rockschöße hingen schwer herunter, die Weste bauschte sich an den Taschen. Alle verloren – der Mann mit dem Pferdeauge, die dicke Jüdin, der Bankhalter, der Husar, der Rotnasige, die Hoffärtige, der Graf, der Bucklige neben Zephyrine. Mit zitternden Händen wühlten sie in Taschen und Beuteln, schweißfleckig glänzten ihre Gesichter, der Spießglanz der Brauen zerfloß in rußige Schwärze, die Augen glotzten – –.

Ich war reich. Ich konnte das Gold gar nicht mehr unterbringen. Da tat die Uhr auf dem Kamin den einzigen Schlag der Stunde nach Mitternacht und hob zur verstimmten Gavotte aus. Alsogleich faßte der schwarze Diener nach dem Stuhl, der alte Mann, hinfällig und leidend aussehend, nickte mir mit schwachem Lächeln zu, und der Rollstuhl fuhr unhörbar durch die geöffnete Flügeltür, durch die er vor einer Stunde eingefahren war.

Ich sprang auf und eilte aus der völlig erstarrten Menschengruppe um den Tisch dem Kranken nach, um ihm meinen Dank zu sagen. Niemand hinderte mich. Ich fühlte noch, wie eine eiskalte, kleine, bebende Hand die meine suchte, und preßte die Finger um ein gefaltetes Stück Papier, das sie mir zuschob. Ich lief so rasch ich konnte ins Vorzimmer. Wo war der Mann im Rollstuhl? Ein verschlafener Diener gab mir Mantel, Hut und Degen, ich warf ihm ein paar Goldfüchse hin und hastete die Stiegen hinunter. Die alte Frau stand am Tore, als hätte sie soeben jemanden hinausgelassen. Gleichgültig öffnete sie mir. Im Gehen noch hörte ich tobendes Geschrei und wilde Flüche in den Zimmern oben. Ich hatte keine Zeit, ich mußte meinem Retter danken.

Aber die Straße war leer. Nirgends eine Spur des Alten. Ich lief in Seitengassen. Nichts. Nirgends ein Geräusch. Wie war er so schnell entschwunden?

Da – plötzlich – sah ich mit furchtbarer, unbeschreiblicher Deutlichkeit, wie ein Bild auf dunklem Grunde, die Kapelle mit dem Toten vor mir, dem ich das Kreuz aus der wehrlosen Hand hätte rauben sollen – für den Fangerle, den Leichenschänder.

Halb ohnmächtig lehnte ich an einer Mauer, und fast wäre ich gestürzt vor Schrecken, als die Laterne über mir im Wind in ihren Angeln kreischte.

Noch immer hielt ich Zephyrines Zettel in der verkrampften Hand. Ich entfaltete ihn und las: »Retten Sie mich!«

 

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.