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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Der Sicherheit halber beschloß ich, tiefer in das Land zu wandern und mich erst weit entfernt von der Grenze eines Postfuhrwerks zu bedienen.

So stapfte ich im dicken Schnee meines Weges und strebte einer Ortschaft zu, in der ich zu nächtigen gedachte.

Am Eingange des ansehnlichen und, nach den sauberen, vom Kriege ganz verschonten Häusern zu schließen, wohlhabenden Ortes stand ein Bildstock, die schmerzhafte Mutter mit dem Sohne im Schoße darstellend. Der Sockel des aus Sandstein roh gemeißelten Bildwerkes war frisch verputzt worden, und so fielen mir sogleich einige mit Kohle auf den weißen Grund gezeichnete Figuren und Striche auf, die ich als »Zinken«, wie die Landstreicher und fahrenden Gauner ihre geheimen Zeichen nennen, erkannte. Als ich mit den Zigeunern war, hatte ich solche Wissenschaft erlernt, die zu verstehen für jedermann nützlich ist.

Diese Zeichen auf dem Bildstock waren aber Mordbrennerzinken, und mich schauderte, als ich ihre Bedeutung entziffert hatte.

Unschlüssig, was ich damit beginnen sollte, keineswegs zu leichtsinnigem Außerachtlassen der für andere Menschen bedrohlichen Nachricht geneigt, blieb ich stehen. Als ich weitergehen wollte, bemerkte ich, daß wenige Schritte hinter mir ein hagerer, weißhaariger, sehr stattlicher und aufrechter Bauersmann stand, der mich mit einem wenig freundlichen und stechenden Blick ansah.

»Der Herr kommt wohl zu uns?« sagte er lauernd. »Ich will ihm den Weg in den Gasthof weisen.«

Und damit schritt er neben mir her.

Die Dorfköter, die mit lautem Gekläff auf mich losfahren wollten, wichen mit eingezogenem Schwanz vor seinem harten Blick. Die Leute vor den Häusern zogen vor ihm die Kappen.

»Hier ist es.« Der Bauer deutete auf die Tür eines großen Hauses, vor dem ein paar Burschen, leise plaudernd, standen. »Tretet ein.«

Das klang wie ein Befehl und gab mir einen Ruck.

»Ei, ist dies die einzige Herberge in dem großen Ort?« wandte ich mich spöttisch an meinen Begleiter »Und woher wißt Ihr, daß ich gerade in diese eintreten will?«

Er sah mir mit seinen kalten, blauen Augen scharf ins Gesicht und entgegnete nur kurz:

»Es ist am besten für den Herrn, hier hineinzugehen!« Ich fügte mich dem seltsamen Zwang, trat ein und ließ mich an einem Wandtisch unter Hirschgeweihen nieder. Der Alte setzte sich zu mir, ließ Wein bringen, setzte eine kurze silberbeschlagene Maserpfeife in Brand und sagte:

»Ihr sehet trotz Eurer recht abgeschabten Kleider einem Mann von Stande gleich. Fragt sich, wie Ihr dazu gelangt seid, so einsame Wanderschaft zu tun?«

»Ihr seid gar nicht neugierig, Herr Schulze«, gab ich zurück. Mit diesem Titel hatte ihn das Mädchen angesprochen, das den Wein auftrug.

»Neugierde, wie Ihr es nennt, ist das Recht des Eingesessenen gegen Fremde. Zudem bin ich hier die Obrigkeit. Wollet mir also einiges über Stand, Namen und Lebenslauf mitteilen. Es spricht sich wohl auch besser beim Glase als auf der Bank im Kotter, wenn einer den Richter macht und der andere den Inkulpaten.«

Das klang nach Drohung, und ich hätte gewiß scharf entgegnet, wenn nicht im Wesen und namentlich im Blick des Mannes etwas Besonderes gewesen wäre, dem ich keinen Widerstand leisten mochte. Auch wußte der Schulze die Fragen, die er an mich richtete, so klug und eindringlich zu stellen, daß ich, selbst nicht wissend, warum, mit der größten Offenheit meinen Lebenslauf vor ihm entrollte, zugab, daß ich aus dem Heer des großen Königs desertiert sei, nicht aus Feigheit, sondern um die Grausamkeit eines Standes zu fliehen, der mir als ein Übermaß von Knechtung und Vernichtung des freien Willens verhaßt geworden war.

»Junger Herr«, sagte der Alte bedächtig. »Auf solche Art kann es mit Euch noch einen guten Lauf nehmen. Wie ich aus Euren Reden höre. habt Ihr Erbarmen gehabt mit dem armen Manne, und das ist bei Menschen Eures hochmütigen Standes eine große und kostbare Seltenheit. Wieweit Eure unbehütete Jugend Euch ins Verderben gestoßen, kann ich vorderhand nicht ermessen. Doch hoffe ich sehr, daß ein Verdacht, der mich bedrückt und der für Euch sehr bedrohlich ist, sich als falsch erweisen wird.«

»Was für ein Verdacht?« fragte ich erstaunt.

»Geduldet Euch«, sagte der Schulze. »Wohin führt Euch die Wanderschaft?«

»In meine Heimat«, antwortete ich.

»Sagt doch«, fuhr er fort und sah mich wieder scharf an. »Was standet Ihr so lange im Schnee, um den Bildstock anzusehen?«

Allmählich brachte mich seine herrische Art, zu fragen, in Harnisch, und ich fragte kurz angebunden, ob er sich etwa als ein Richter dünke, der einen armen Schelm vor sich habe.

»Denkt, es sei so.« Er legte seine Hand fest auf meinen Arm. »Ihr wißt, daß ich der Schulze dieses Dorfes bin. Und als solcher frage ich Euch: Habt Ihr mir nichts mitzuteilen, was des Dorfes Wohl betrifft?«

»Ja«, sagte ich rasch. »Euer Dorf ist von einer schweren Gefahr bedroht.«

Es war mir, als ob ein freundlicher Schein über sein verwittertes Antlitz husche. Aber es ward gleich wieder ernst, und er sagte, anscheinend gleichgültig:

»Potz! Wer hat Euch dies Märlein aufgebunden?«

»Es ist kein Märlein«, sagte ich, froh, meine fast begangene schwere Versäumnis einbringen zu können. »Glaubet mir, es droht Euch Gefahr!«

»Sprecht nur weiter, Junker.«

»Es gibt gewisse Zeichen«, sagte ich, »mit denen die Mordbrenner und Marodebrüder einander ihre Schlechtigkeiten ansagen. Solche Zeichen fand ich auf Eurem Bildstock. Nun wißt Ihr, weshalb ich im Schnee stehenblieb.«

Er machte eine Bewegung, als wolle er mir die Hand reichen, ließ es aber bleiben und fragte trocken, woher mir so bedenkliche Kenntnisse zugestanden seien. Ich erinnerte ihn, daß ich ihm ja schon gesagt und erzählt hätte von meinem Herumziehen mit den Zigeunern, die dergleichen gut verstünden.

Der Alte lachte kurz auf und näherte mir sein runzeliges Gesicht.

»Gilt's, daß ich auch etwas weiß von solchen Dingen?« raunte er.

»Ihr?« Ich schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Wir könnten es ja ausprobieren«, meinte er und goß mir Wein ein. »Beschreibet mir doch die Zeichen, und sodann wollen wir sie gemeinsam ausdeuten wie die alten Magier, von denen in der Schrift zu lesen ist.«

»Nun wohl«, sagte ich. »Es waren auf dem Bildstock zu sehen: ein voller Mond, eine Eins, drei Häuser, von denen die ersten zwei durchgestrichen sind und das dritte nicht, ein Kamm mit Zähnen, eine Schlange oder Natter, zwei Würfelfünfer aus Punkten, drei Kreuze in je einem Viereck, von denen zwei Vierecke durchgestrichen sind und eines nicht, ein Messer, zwei Schuhe, ein Hahn und der Buchstabe F.«

»Ganz recht.« Der Greis nickte und trank bedächtig einen Schluck aus seinem Glase: »Nun wollen wir uns in die Arbeit teilen. Ihr, wackerer Junker, deutet mir die Gaunerzeichen bis zu den zwei Würfelfünfern, und sodann erkläre ich den Rest der Zeichnungen, die seit gestern auf dem Bildstock zu sehen sind.«

»Das Deuten könnten wir auf später lassen. Besser wäre es, jetzt Vorkehrungen zu treffen –«

»Seid unbesorgt«, wehrte er ab. »Es geht auf meine, des Dorfschulzen, Kappe, wenn etwas verabsäumt wird, keinesfalls tragt Ihr die Schuld. Und nun los mit Eurer Zigeunerweisheit!«

»So höret«, begann ich. »Die Zeichen sind also zu lesen: Am ersten Tage des vollen Mondes versammeln wir uns. Es gilt dem dritten Hause im Ort. Dies alles besagt der Mond, die Eins und das nicht durchgestrichene dritte Haus. Ein Kamm mit Zähnen sagt an: ein scharfer Hund tut Wache. Sodann die Schlange bedeutet einen Giftbrocken, um den Wächter stumm zu machen.«

»Es ist mein Haus«, nickte der Weißhaarige, »auf das sie es abgesehen haben, und mein Packan, der freilich keinen Brocken aus fremder Hand nimmt. Gut habt Ihr gedeutet. Nunmehr ist die Reihe an mir.«

»Laßt lieber mich.«

»Gemach. Zwei Würfelfünfer: das ist zehn Uhr nachts, denn voran steht der Mond; drei Kreuze in je einem Viereck, zwei gestrichen: beim dritten Fenster steiget ein. Ein Messer: mordet rasch und sicher. Die Schuhe: alsdann macht euch mit der Beute eilig davon, vorher aber setzt den roten Hahn aufs Dach, wie er abgebildet ist, damit der Brand die Spuren tilgt. Und F? Was heißt das?« Er sah mich lächelnd an.

»Das ist ein Namenszinken«, erwiderte ich rasch. »Den Namen selbst kann man daraus nicht entnehmen. Gewißlich ist es der Hauptmann, dem die anderen gehorchen.«

»Das F heißt soviel wie Frieder«, sagte der Alte, »und dieser Teufelsbraten ist der Anführer von fünf Mordgesellen, die sich aus dem Spessart hierher gezogen haben und sich die Brüderschaft vom Roten Hut heißen, wie denn der Frieder gern eine fuchsrote Kappe trägt. Nun wißt Ihr auch den Namenszinken.«

»Wacker geraten«, gab ich zu.

»Nun darf ich Euch wohl trauen, junger Herr.« Der Schulze reichte mir die Hand, was er bisher gegen den Brauch vermieden hatte. »Wenngleich es aufstinkt, daß Ihr Zinken zu lesen versteht. Wisset, daß ich Euch vorher für einen ihrer Kundschafter und Spione hielt, als Ihr beim Bildstock waret und die Zeichen so andächtig betrachten tatet. He, Hannes, Matz und Kilian!« rief er überlaut.

Im Nu tat sich die Tür auf, und drei baumstarke Burschen mit Schießgewehren, Säbeln und zwei riesigen grauen Schäfer- oder Fanghunden traten ein und kamen mit Stricken in den Händen schnurgerade auf mich zu.

»Laßt das Herrlein!« winkte der Schulze ihnen ab. »Geht wieder zu den andern und sagt ihnen, daß dieser da ein Gerechter ist und niemand ihm ein Leides tun darf Umstellet alles wohl, wie ich es euch gezeigt. Der Veit und der Leberecht beim Schlehenbusch, der alte Knolb und Hegers Bub an den Dachlucken vom ersten Haus, viere im Graben, zwei hinter den Misthaufen, zehn in Hegers Stall und die andern, wie es sich schickt. Laßt sie gut herankommen, spart nicht mit Kraut und Lot. Die fünf Helfer mögen den Schnee küssen, den Frieder, den mit der roten Kappe, will ich lebendig haben.« Die starken Bengel sahen mich an und lachten.

»So hätten wir bald einen Unrechten die Himmelfahrt tun lassen«, sagte einer von ihnen und stieß die zwei anderen an, die grob ausplatzten mit ihrem bäurischen Lachen. Die Hunde knurrten und zogen die Lefzen von den weißen Zähnen.

»Nun gehet wieder!« wies sie der alte Mann, und sogleich stampften sie schwer zur Tür hinaus.

Draußen lag das letzte Licht blau und dunkelnd auf dem weißen Land.

Der Alte befahl mir, einstweilen den Gasthof nicht zu verlassen.

Später brachte mir das wortkarge Schankmädchen, das alle meine Fragen mit einem »Weiß nicht« abtat, ein am Spieß gebratenes Huhn und eine Kanne mit rotem Wein.

Als mich einmal das Verlangen ankam, hinauszugehen, schlug dicht vor mir einer von den Hunden an. So mußte ich bleiben und warten, bis alles vorüber sei, und müde von dem langen Weg und vom Essen und Trinken schläfrig, verfiel ich in einen halben Schlummer.

Ein dumpfer Schuß weckte mich, dem ein lauter Schrei antwortete. Ein wilder Lärm begann, Schüsse knallten, Menschen schrien und brüllten, fluchten, jammerten laut und baten in kläglichen Tönen. Dumpfe Schläge, die niederfielen, und ersticktes Gewinsel, dazu das zornige Jappen und Knurren von Hunden, die etwas zwischen den Zähnen hatten, schreckten mich. Ich sprang auf und wollte zur Tür hinaus. Sie war verschlossen.

Aber bald darauf drehte sich der Schlüssel im Schloß und ein kleiner, über alle Maßen keuchender und aufgeregter Junge von etwa acht Jahren stürzte herein und stotterte: »Der Schulze will, daß Ihr kommt!«

Als ich ins Freie trat, sah ich im Lichte von Fackeln und Windlichtern den Alten mitten in einem Haufen wohlbewaffneter Bauern und vor ihm, mit Stricken grausam verschnürt und gebunden, einen bartlosen Krauskopf mit platter Nase und mächtigen Kinnbacken.

»Tretet herzu!« kommandierte der weißhaarige Bauer und winkte mir. »Nun, Frieder, sieh dir ihn an – kennst du den Mann?« wandte er sich an den gefesselten Räuber.

»Wie sollte ich den Dietlieb nicht kennen?« feixte der Bösewicht, froh, seine Bosheit an einem Schuldlosen ausüben zu können, und stieß mit dem Kinn nach mir. »Ist ja der einzige von meinen guten Gesellen, den ich auf Kundschaft sandte und der dessentwegen von euch Saubauern noch nicht massakriert worden ist. Wirst nun aber daran müssen, Dietlieb!«

Ein Schauder über so viel Schlechtigkeit durchrann mich. Um mich hob sich drohendes Murmeln, Büchsenläufe blinkten auf, richteten sich auf meine Brust. Ich wollte reden, aber eine Handbewegung des Schulzen gebot mir und allen anderen Schweigen. Dennoch schrie einer auf, man solle mich niederschlagen und nicht viel Redens machen.

»Halt den Rand, Krämer!« donnerte der Schulze ihn an, und sogleich trat tiefe Stille ein. Er zeigte auf mich.

»Wann ist er von euch auf Kundschaft gegangen?« fragte er den Frieder. »Kannst du schwören, daß er mit war?«

»Im Blute des heiligen Willibrord, er war dabei! Er war mit!« schrie der Frieder und sah mich mit teuflischer Lust an. »Wie wir gegen das Dorf zogen, nach Glock neune, hab ich ihn vorausgeschickt mit dem Brocken für den Hund.«

»Er lügt!« rief einer aus dem Haufen. »Der mit dem Giftbrocken in einer kupfernen Büchse liegt hinter dem Misthaufen. Der alte Kolb hat ihn niedergebrannt!«

»Und ich sag es vor Gottes Thron: Er war mit und muß auch jetzt mit in den Turm und sodann auf Meister Hansens Tanzboden«, schäumte der Frieder.

Ich konnte nicht reden vor Entsetzen.

»Genug!« herrschte der Alte den Frieder an. »Boshaftiger, durchteufelter, verdammter Sünder, der du unschuldiges Blut noch im eigenen Todeselend willst über dich bringen! Wisse, daß das Herrlein da mit mir im Gasthaus gesessen ist, und das von Mittagläuten an, und ehrliche Warnung von sich gegeben hat von wegen der Zinken am Bildstock. So fahre denn hinter deinen Gesellen her in die ewige Finsternis!«

Der Räuber lachte gellend auf, und der Speichel rann ihm übers Kinn.

»Wird sich erst weisen, du giftiger, zahnender, gescherter Bauernknoll! Bin ich um den Spaß gebracht, den ehrlichen Esel, den ich mein Tag nicht gesehen, zum Gefährten zu haben auf dem Stroh, so ist's auch recht und muß meine Bosheit ohne Zucker bleiben. Und jetzt holla, ihr Bauernrösser, führt mich mit geziemender Ehrerbietung in euer Kötterlein und liefert mich morgen richtig im Stadtturm ab, wenn euch der Weg nicht reut.«

Einen Lacher setzte er noch drauf und wieherte wie ein Pferd, um die Landleute zu höhnen, die seiner frechen Rede mit offenem Munde zugehört hatten. Dann aber blickten sie erwartungsvoll auf ihr Oberhaupt.

Der Schulze trat wie ein schwarzer, dräuender Schatten auf den Gefangenen zu und sagte mit fester Stimme:

»Friederich Zabernikel, wie du mit dem rechten Namen heißest, wir brauchen kein Stadtgericht und keinen Turm. Ein Vaterunser magst du sprechen, und dann hangest du. Dies ist dein Urteil!«

Da stieß der Frieder einen schrecklichen Brüller aus, daß ihm die Augäpfel aus den Höhlen quollen, raste in seinen Fesseln, stampfte im Schnee und bog sich tobend unter den hornigen Fäusten, die ihn hielten. Sie warteten ruhig, bis er stille ward und angstvoll um sich glotzte.

»Ihr habt nicht das Schwertrecht, dürft keinem das Leben absprechen«, stammelte er. »Wo steht euer Dreibein? Besinnt euch wohl, was Rechtens ist.«

»Wir wissen es«, sagte der Schultheiß ernst, »schlimme Läufte rechtfertigen manches, was nicht im Landrecht geschrieben steht. Willst beten, Friederich, so tu es bald, denn deine Zeit ist um.«

»Brauch kein Beten und kein Herrgöttle«, schrie der Geängstigte wild. »Wenn ihr ohne Recht morden wollt, so mordet. Hab auch manch einem hinübergeholfen! Daß euch die Pest in eure groben Bäuche –«

»Schandmaul!«

Eine schwere rußige Schmiedehand bewegte sich drohend vor dem fahlen Gesicht des Mannes.

»Hast noch ein Gebitt?« fragte der Greis.

Da lachte der Frieder auf, fast lustig.

»Weil mir die Schinder-Susel hat gewahrsagt, ich müsse einmal an einem Apfelbaum die Luft treten und weil ich nun doch daran muß, so soll sie unrecht behalten. An einem Birnbaum will ich den letzten Hopser tun –«

»In dem Zeitler seinem Garten«, sagte einer halblaut, und so setzte sich der Zug mit knisternden Fackeln in Bewegung. Hinterdrein liefen die Weiber und Kinder. Der Feuerschein ging rot über den glitzernden Schnee. Mit schwachen Knien folgte ich.

In einem großen Obstanger warfen sie den Strick über einen warzigen Knüppelbaum, knüpften die Schlinge und hoben den Gebundenen auf.

»Beten – beten –«, röchelte er, da ließen sie ab.

Der Frieder verzerrte abscheulich sein Gesicht und schnatterte:

»So möchte mich der Beelzebub erhören, daß ihr Hundskerle und eure dreckige Brut doch möget verrecken, verkrummen und verschwarzen, mit Aussatz, Pest und –«

Da hatten sie seinen Lästerungen auch schon ein Ende gemacht. Seine Füße zuckten und zappelten wild in der Luft, schlegelten hin und her, bis sie zwei Burschen bändigten und sich daran hängten. Als sie abließen, streckte sich das Beinwerk still vom Leibe, auf dem schief und dunkel der Kopf mit der roten Mütze stand, durch den dünnen Strich der Rebschnur mit dem knorrigen Ast verbunden.

»Siehst es, Heiner«, sagte ein Bursch zum anderen. »Willst allweil recht haben! Nun ist's doch ein Apfelbaum gewesen, und da drüben steht der Birnbaum, den du uns weisen wolltest.«

»So hat die Schinder-Susel, von der er redete, mehr können als Mus kochen«, lachte es zurück. »Morgen im ersten Grau scharren wir ihn und die anderen ein.«

»So, Junker«, sprach der Schultheiß dicht neben mir, »nun kommt und verschlaft den Spuk. Morgen weiß keine Seele mehr vom Frieder und seiner Brüderschaft, und für Euch wird es gut sein, zu schweigen über das, was Ihr gesehen.«

Ich nickte bloß und ging neben ihm her, dem Wirtshaus zu. Dann aber blieb ich plötzlich stehen, faßte den Schulzen am Arm, sah ihm ins Gesicht und sagte:

»Woher verstandet Ihr es, die Zinken am Bildstock zu deuten?«

Heller Schein fiel aus den Fenstern, Singen und Lachen klang auf.

Der Mann machte halt und legte mir die Hand auf die Schulter. Tief senkte sich sein Blick in meinen.

»Freund,« sagte er, und ein bitteres Lächeln ging über sein runzeliges Gesicht, »zu der Frage habt Ihr ein Recht. Nun denn – vielleicht bin ich durch dieselbe Schule geloffen wie Ihr selbst. Vielleicht auch habe ich mein Ohr öfters an den Mund eines armen Sünders gehalten, der auf der Streckbank lag, oder es schlief mir einmal eine am Herzen, die nächtens ausplapperte, was tagsüber ihr roter Mund verschwieg. Auch geschieht es unterweilen, daß ein Unschuldiger in Ketten gelegt wird und auf der harten Kerkerpritsche dem lauschen muß, was die Galgenvögel einander von Kniffen und Ränken erzählen. Da habt Ihr überreiches Futter zum Nachdenken über mich. Und wenn ich es Euch gleich geschrieben in Eure Hände legte, was ich alter Mann in jüngeren Jahren erfuhr – wäre Euch damit auch nicht geholfen. Merket: Einer weiß nichts vom andern, und ob auch der andere sein leiblicher Bruder wäre. – Kommt, ich will Euch Eure Liegestatt weisen.«

 

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