Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Busson >

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Irgendwo im verschneiten Forst lag das Gewehr mit dem Bajonett, an dem des Phöbus Blut klebte, lagen die Blechhaube und das Bandelier mit der Seitenwaffe.

Seit vielen Tagen irrte ich drüber der Grenze. Den zerrissenen Rock hatte ich in einem zerschossenen Hause gefunden, die Hosen einem Gehenkten abgezogen. Am rechten Bein war vom Frost und vom Ungeziefer eine nässende Wunde entstanden, die mich biß und schmerzte, Nase und Lippen waren aufgeätzt vom rinnenden Schnupfen. In Scheunen und Heuschobern hatte ich zähneklappernd genächtigt, vorjährige, gefrorene und holzig-faulige Rüben mußten den Magen füllen.

In dieser Herberge an der Landstraße war es zum ersten Mal, daß mir die Wirtin um Gotteslohn einen Napf mit warmem Essen reichen ließ und mir erlaubte, zuhinterst am warmen Ofen zu sitzen. Wenn aber vornehme Gäste kämen, möge ich mich allgemach trollen und nicht etwa bettelnd um die Tische streichen, sagte sie.

Auch die Schankmagd hatte Mitleid mit mir und steckte mir heimlich einen großen Keil Brot zu, und ebenso verstohlen goß sie mir mein leeres Glas wiederum voll Dünnbier.

Ich, der Freiherr Melchior von Dronte, hatte das Leben der Verachteten und Armen, der Ausgestoßenen und Rechtlosen kennengelernt. Und bei den Elendesten von ihnen hatte ich manchmal mehr christliche Nächstenliebe gefunden als unter denen, die ihren eigenen und wappengeschmückten Stuhl in der Kirche hatten.

Wie hart aber waren die Menschen gegen mich gewesen in den letzten Tagen! Freilich, die Zeiten waren danach, daß keiner ohne Not einem Fremden in schlechten Kleidern die Haustüre auftat. Krieg und Schrecken rundum, Viktorie und Schamade, Rauben, Plündern, Schänden und Brennen ohne Ende. So war es mir wie ein Wunder, daß diese Wirtin sagte: »Komm und iß und wärme dich. Schaust aus wie der Tod von Basel.«

Unweit von mir an einem kleinen Tisch saß ein Händler oder Viehschacherer in einem hellen, dicken Flausch, einen großen hessischen Bauernhut neben sich auf der Bank und einen Ranzen über die Schulter, auf dessen Lederklappe mit Messingstiften allerlei Figuren eingelegt waren. Die Fratze dieses dürren Menschen war die widerwärtigste, die mir je in meinem Leben untergekommen. Bald zog er das breite Maul zu einem Spalt, der von dem einen seiner Spitzohren bis zum andern reichte, bald streckte er es wie einen Schweinsrüssel vor, um aus dem Glase zu saufen. Seine Geiernase senkte sich beweglich gegen das aufwärtsgekrümmte Kinn, und seine gelben Wolfsaugen, in denen das Schwarze quergestellt war und länglich wie bei Geißen, schielten erbärmlich. Dennoch schien den Häßlichen niemand zu beachten als ich. Und manch einmal war es mir, als käme aus seinem prallgefüllten Ranzen ein Zwitschern und Pfeifen wie von Mäusen. Nicht selten kegelte er seine Schielaugen gegen mich und lachte mich unverschämt an, als wären wir alte Bekannte. Ich zermarterte mein Hirn in der Tat, um herauszubringen, wo ich diese Larve schon einmal mochte gesehen haben. aber so sehr ich mich plagte, es wollte mir nicht einfallen.

Nach einer Weile hielt ein schöner Reisewagen vor der Herberge, und mehrere stattlich aussehende Kaufleute traten in die Trinkstube, überaus höflich von der Wirtsfrau und dem Schankmädchen bewillkommnet.

Da dachte ich, daß es nun für mich an der Zeit sei, und schlich zur Türe hinaus.

Als ich aber im brausenden Tauwind auf der nassen Straße meine flatternden Fetzen mit den Händen hielt, um die schlimmsten Blößen decken zu können, tat es neben mir einen schrillen Lacher, daß ich zusammenfuhr. Der Mann mit dem Jägerranzen schritt neben mir, als wäre er von je mein Weggesell gewesen, und sah mich stechend von der Seite an.

»Ei, freiherrliche Gnaden«, meckerte er, »in welch sonderlichem Habit muß ich Euch wiederfinden. Besser stand Euch das neue, lavendelgraue Röcklein an jenem Tage, da Ihr mit Eurem gestrengen Herrn Vater zusaht, wie der Nachrichter dem Feßl Heiner die groben Knochen zerknackte.«

Ich fuhr auf, jetzt kannte ich ihn. Es war der Zotenbock, der in der Linde am Marktplatz gehorstet hatte.

»Wer seid Ihr?« fragte ich.

»Ich? Ich bin nur der Fangerle«, antwortete er auf einmal ganz demütig. »Bin froh, wenn ich mit vieler Müh und Plag meinen Waidranzen zu füllen vermag, damit mein Herr, den man den Öbersten-Untersten nennt, zufrieden sei. Hab' jetzt gerade einen überaus lästigen Auftrag und wäre rechtschaffen froh, wenn mir will einer einen Teil der Arbeit abnehmen. Ist schönes Geld dabei zu verdienen. Hättet Ihr nicht Lust, freiherrliche Gnaden?«

»Hört«, sagte ich und hob meinen Eschenstock. »Ich bin in großer Not, aber wenn Ihr mit Eurem Galgengesicht gekommen seid, um meiner zu spotten, so will ich Euch zeigen, daß ich auch in Lumpen noch ein Herr sein kann, wenn es not tut.«

Er duckte sich, als ob er Furcht hätte, und bat mich ganz unterwürfig, ich möge nicht ungehalten sein. Er sei von Gewerbe ein Spaßvogel und verdiene als solcher auf Bauernhochzeiten und Leichenschmäusen manchen Batzen. Und ob ich auch zürne, wenn er es nun sage – eine Schande sei es, daß einer aus dem Hause der Dronte in solchem Aufzug auf der Walz sei, wo es doch keine Mühe wäre, bare hundert Taler in wenigen Augenblicken zu verdienen. Und ehe ich entgegnen konnte, griff er mit den krummen Fingern in seinen Ranzen und zog einen stattlichen Leinenbeutel hervor, in dem es klirrte.

»Vollgezählte Hundert«, wisperte er mir ins Ohr. »Hihi – hoho!« lachte er, und es war, als käme ein Widerhall aus den Lüften herunter.

Es war aber nur ein großer Zug Krähen und Dohlen, die mit Krah und Kjak am Himmel zogen, und als ich hinaufsah, löste sich eine Krähe aus dem Schwarm, senkte sich herab und flatterte ganz tief über unseren Köpfen, so daß ich sah, wie sie ihre listigen, schwarzen Kugelaugen bewegte. Da reckte sich der Dürre und rief ihr zu:

»Schwarztaube, geh und sag dem Öbersten-Untersten, daß der Fangerle auf dem Weg ist und dem Stillen sein Tröstle nehmen wird!«

»Krah – Krag!« schrie der Vogel und schoß den anderen nach.

»Was schwatzt Ihr da?« herrschte ich meinen ungebetenen Begleiter, der seinen Geldsack klingen ließ, an. »Was soll das heißen?«

»Das?« gab er zur Antwort. »Einer von meinen Späßen, sonst nichts. Merket: Wenn Ihr in einem Wagen fahrt und es rennt etwa ein bellender Köter, so wie Euren Herrn Vaters schwarze Diana, hintendrein, so braucht Ihr Euch nur zu wenden und dem Vieh zu sagen, wohin die Reise geht. Sogleich wird es von Euch ablassen. Dies und nichts anderes habe ich mit dem Raben getan. Sonst flöge Meister Hämmerleins Singvogel noch mit uns.«

Meine Blicke hingen an dem klirrenden Leinensacke, und ich dachte daran, wie ich mich mit hundert Talern könnte ausstaffieren und wieder zu einem Menschen werden.

Da piepte es wieder sonderbar in seinem Ranzen.

»Was habt Ihr darin?« fragte ich, mit dem Finger zeigend, »daß es so piept?«

»Da in der Waidtasche?« Der Händler schnitt ein Gesicht. »Kleine Tierlein sind es, die ich einfing und an ihren Ort bringen will.«

»Was für Tierlein?« drang ich in ihn.

»Seelenmäuse, winzige Seelenmäuse, die ich da herum ergattert.«

»Seelenmäuse?«

»Ist nur ein Wort«, lachte er, griff in den Sack und zog rasch ein kleines, schattenhaft-graues Ding hervor, das zappelte und schrie. Schnell barg er es wieder, und obschon ich nicht sehen hatte können, was es eigentlich gewesen war, rann mir ein heftiger Schauder durch den Leib.

Da kam ein heulender Windstoß und riß mich fast nieder. Der Geldsack fiel dem Alten aus der Hand. Blitzende, funkelnagelneue Talerstücke rollten hervor. Schnell raffte er sie vom Boden auf und warf sie wieder zu den andern, und aufs neue erwachte mein Verlangen nach dem vielen Gelde.

»Was muß ich tun, damit das Geld mein sei?«

Er blieb stehen, verdrehte die Augen und verzog das Maul. »Gleich mein Junge, mein tapferer Junge, geduldet Euch nur, bis wir dort bei der Ka – Ka –« Ein Hustenanfall zerriß ihm fast die Kehle.

Ich folgte der Richtung seiner ausgestreckten Hand und sah eine Kapelle an der Straße, unweit des Dorfes, dem ich zuwanderte. Ich schritt eilig aus, und der Händler, dem das Gehen auf einmal sauer zu werden schien, kam nur mit Mühe nach.

Als wir zu dem Kirchlein kamen, blieb er stehen, krümmte sich und kratzte sich mit den Nägeln hinter den spitzen Ohren, wobei er sein Maul hängen ließ.

»Jetzt steht mir Rede«, ward ich zornig, »oder meint Ihr, noch weiterhin Euren Spott an mir schleifen zu können?«

Da ward er ganz und gar unterwürfig, verneigte sich vor mir und sagte leise und fast schüchtern:

»Herr Baron Dronte, ich bin feige und habe vor vielem Grausen und Angst, das einen tapferen Soldaten nicht anficht. Es liegt einer da drinnen, und der ist tot, kann also nicht mehr beißen. In seinen Händen hält er zwei hölzerne Stäblein, ein langes und ein kürzeres, die ich um alles in der Welt von ihm tun muß. Es ist nur ein Griff und ein Zuck, so muß er sie lassen.«

»Das wäre Leichenraub –«, stotterte ich erschrocken. »Darauf steht der Galgen.«

»Viele Namen gibt es für die Geschäfte, an denen zu verdienen ist. Und der Galgen sind auch viele, stehen aber die meisten leer.«

Unter seinem breiten Hut glommen die Augen wie Johanniskäfer.

»Tät's gerne«, krächzte er heiser, »darf aber solche Stäblein nicht fassen. Jeder hat seine Eigenheiten. Wie zum Exempel mancher Mann lieber stürbe, als daß er eine Kröt mit der bloßen Hand anrührte.«

»Was für Stäblein sind es, nach denen Ihr so ein großes Verlangen habt?«

»Brauch sie ja nicht«, zischelte er böse. »Nur der da drin soll ihrer ledig sein.«

Wieder klirrte und klang es. Meine Wunde tat weh. In meinen zerlochten Schuhen stand das Wasser und biß mir die Frostbeulen auf.

»Ich tu's«, sagte ich und griff nach der Türklinke.

Er sah mich an wie ein Habicht. Es dämmerte stark. Der Wind polterte über das steile Dach der Kapelle, die Bäume sausten.

Ich trat ein.

Mitten in dem weißgekalkten Raum, in dessen Ecken schon das Dunkel unheimlich spann, stand vor dem Altar ein Sarg auf dem Schragen. Ein einziges Lichtlein flackerte an seinem Kopfende. Ein Wächter saß auf dem Boden und schlief. Neben ihm glitzerte eine leere Flasche.

In dem offenen Sarge aber lag ein alter, vornehmer Mann mit einem Gesicht, in dem das Leben Furchen und Falten gezogen hatte. Er war mit einem neuen Rock aus schwarzer, gewässerter Seide bekleidet; auch die Weste, die Beinkleider und die Strümpfe waren schwarz. Eine weiße, wohlfrisierte Staatsperücke umrahmte das wachsgelbe, klugverkniffene Gesicht. In den gefalteten Händen hielt er ein kleines hölzernes Kreuz.

Ich hatte viele Tote gesehen und sogar wacker mithelfen müssen, sie einzugraben. Ich verspürte nicht viel beim Anblick lebloser Körper, die dem Verfall anheimgestellt waren. Aber dieser alte Mann mit seinem klugen und so unbewegten Gesicht, in das sich ungezählte Freuden und Leiden gezeichnet hatten, dieser Wehrlose, dessen Hüter in tiefer Trunkenheit dalag und ihn schutzlos allem preisgab, was an der einsamen Kirche vorüberkommen mochte, erbarmte mich. Und was für Stäblein sollte ich ihm rauben?

Jetzt erkannte ich es: Es war das Sterbekreuz, das seine Hände fest umschlossen. Das sollte ich ihm entreißen.

Schwer mochte dies nicht sein. Ich griff an das Kreuz. Wer seufzte da auf? Fast wäre ich zu Boden gestürzt vor Schreck. Aber dann faßte ich mich, dachte fest daran, daß Tote tot seien für immer, und streckte wieder die Hand aus.

Aber ich ließ sie sinken. Was ging es den Händler mit seinen widerlichen Geißenaugen an, ob dieser Verstorbene mit seinem Kreuz oder ohne dieses unter den Rasen gebracht wurde? Vorerst sollte er mir Rede stehen, der scheeläugige Kerl mit seinen Talern.

Ich ging der Türe zu. Es waren nur zwei Schritte, aber ich sah doch nach dem Toten zurück. Er lag ganz still und friedlich, und wie in großer Angst schlossen sich die bleichen Finger um das Kreuz.

Ich mußte an den abscheulichen Kerl denken, der mich gedungen hatte. Wie, diesem Irrsinnigen oder Bösewicht zuliebe sollte ich einem Leblosen sein Kreuz nehmen?

Was hatte er geschwatzt, wie die Raben über uns dahinflogen? »Dem Stillen sein Tröstle nehmen –?« Und als ich daran dachte, schüttelte es mich kalt. Ich ging rasch auf den schlafenden Leichenwächter zu, faßte ihn an der Schulter und rief:

»Wacht auf, Mann! Räuber sind draußen –«

Der Bauer, der mit einem derben Knüttel versehen war, schnellte in die Höhe und sah mich erschrocken an.

»Wo?« lallte er.

»Draußen –«, sagte ich nochmals und schloß die Tür hinter mir. Ich hörte, wie er schnell den schweren Riegel zuwarf.

Kaum stand ich draußen im Windeswehen, krallten sich krumme Finger in meinen zerfetzten Rock, zwei Augen glänzten wie Messing, und aus einem schwarzen Mundspalt meckerte es:

»Werft sie fort, werft sie allsogleich von Euch!«

»Was meinst du, Verfluchter, soll ich wegwerfen?« schrie ich ihm ins Gesicht. »Etwa unseres Herrn Christi Kreuz –?«

Der Fangerle bog sich zurück, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen, wand und drehte sich wie ein Wurm und fing zu laufen an, querfeldein. Der Wind raste pfeifend hinter ihm drein und wirbelte seine Rockschöße auf, und wie er so in die Dämmerung entrückt ward, schien es mir, als höbe sich statt seiner ein riesiger Vogel mit schwarzen Schwingen über die Furchen, so wie Eulen fliegen.

Ich stand ohne Geld, verlassen und vom Tau durchfeuchtet, auf der einsamen Straße.

Aber dann fiel mir der Ranzen ein mit den Seelenmäusen.

Wer schrie so jämmerlich in dem Büchsenranzen des Bösen –? Des Bösen!

Ein lähmender Schreck kroch in meine Beine. Hundertmal den Namen Gottes anrufend, ging ich dem nächsten Orte zu und wagte nicht, mich umzusehen.

 

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.