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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Schwerer Rauch wälzte sich in dicken Wolken, zerging, kam in neuen blauweißen Ballen, zerflatterte wieder. Nebel und Stank lag über allem. Dumpfe brüllende Schläge, Krachen, peitschender Knall, Zwitschern von Kugeln. Ich stand mit den anderen in Reih und Glied, biß die in ranzigfettes Papier gedrehte Kugel ab, behielt sie im Mund, goß das schwarze Pulver in den heißen Lauf, fuhr mit den Fingern zwischen die Zähne und stieß den gepflasterten Bleiklumpen mit dem Ladestock hinunter, bis er fest auflag und der eiserne Stecken sprang. So wie es mir eingedrillt worden war. Dann Pulver auf die Pfanne, mit dem Daumen den Hahn aufgezogen, waagrecht angeschlagen und abgedrückt in die Nebelwand vor mir, in der sich Schatten bewegten. Der Stein gab Funken, vor meinen Augen flammte es auf, und dann kam der grobe Rückstoß gegen meine wunde Schulter.

Der Leutnant am Flügel schwenkte den Sponton und schrie.

»Geg – geg – geg«, hörte man, verstand kein Wort.

Eine große Eisenkugel rollte und tanzte über den Harsch, eine zweite. Eine dritte hüpfte mitten unter uns und schmetterte dem Kühlemiek die Füße unter dem Leibe weg. »O Jesus Christ!« schrie er auf und kroch ein Stück auf den Händen in seinem eigenen Blut. Dann fiel er mit dem Gesicht in den Schnee, ward stumm. »Flü – flü – flüdeldideldi«, lockten die Pfeifen. »Plum – plum – plum.« Die Tambours arbeiteten mit schweißigen Gesichtern. Die Beine hoben und senkten sich im Takt, das saß da, dem lag der Kopf zwischen den gespreizten Beinen.

Die Blase an meiner Ferse brannte, die Läuse krochen unruhig auf meiner zerkratzten Haut, und in den Eingeweiden kollerte es. Ich sah mich um... Reihen, Reihen in blauen Röcken, magere Gesichter mit kleinen Schnurrbärten, weiße Bandeliers, blanke Läufe.

»Kühlemiek – Kühlemiek – miekeliekeliek«, trillerte es von den Lippen der Pfeifer. Vor uns blitzte eine Reihe roter Lichtlein auf. Eine Rauchwolke fuhr grau hintendrein.

Der Repke brüllte und griff mit beiden Händen zwischen seine Schenkel. Ein langer Soldat tat einen Sprung wie ein Karpfen und fuhr mit dem Kopf in eine Schneewehe, die Füße aufwärts gestreckt. Neben mir schrie einer wie ein Frosch. Ich sah noch, wie das Blut aus seinem Ohr quoll, bevor er in die Knie brach. Der Zulkow hatte auf einmal keinen Kopf mehr, ging neben mir und besprudelte mich mit heißem Saft. Dann fiel er um. Den Junker schlug es nach hinten hin, als hätte ihn ein Axthieb getroffen. Der Wetzlaff setzte sich erst, schrie: »Ich kann nicht«, und legte sich dann. Vor mir kroch einer, der war blindgeschossen, und dem Ramler hing die rechte Hand völlig verdreht aus dem Ärmel. Er sah sie ganz erstaunt an und blieb zurück. Sein Gewehr fiel zu Boden.

Großes kam aus dem Dunst geschaukelt, ward rasch deutlich.

Weiße Röcke, schwarze Kürasse. Breite Klingen stachen nach uns, Pferdeköpfe schnaubten, fuhren erschrocken zur Seite. Ein Pferd stellte sich vor mir auf die Hinterbeine. Ich sah den Reiter, der die Hand mit dem Pallaschkorb vors Gesicht hielt, mit der Linken den Sattelknopf umkrampfte. Ich sah das Weiße seines Rockes unter dem Rand des dunklen Panzers und stieß hastig mit dem Bajonett zu. Weich war es. Er fiel nach vorne auf den Pferdehals, glotzte mir ins Gesicht, schrie auf. »Du –!« Der Phöbus Merentheim...

Er rasselte herunter. Ich sah ihn nicht mehr. Aber es kam ein anderer, hob sich in den Bügeln und traf mich blitzschnell auf den Kopf, daß ich herumtaumelte. Der Rand der Blechhaube schnitt mich in die Stirn, warm und dick floß es mir in meine Augen. Meine Füße gingen weiter. Die Arme stießen den Lauf mit dem Bajonette vor. Ich riß es aus dem Hals eines Braunen. Die Reiter waren auf einmal fort, verschwunden.

»Keine Rast – keine Rast – keine Rast«, trommelte es.

Ich schlief im Gehen.

Wir waren auf einmal zwischen Häusern.

Eine Frau schrie ängstlich auf, fiel mit ausgebreiteten Armen aufs Angesicht. Ein Schwein rannte zwischen uns. Dann war ein kleiner Wald vor uns. Man trat auf Leiber, auf Gewehre. Ein Hund, mager und mit eingezogenem Schweif, schlich vorbei. Ein Bauer lag da mit offenem Leib – ohne Gedärme. Von ihm kam der Hund.

Da standen Büsche, weißbereift, dicht, undurchdringlich.

Ich kroch hinein. Moos lag da auf einem Haufen, wie man es zusammenrecht.

Ein Bett, ein Bett.

Ich wühlte mich hinein. Niemand sah mich.

Wundervolles, warmes, weiches Moos.

 

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