Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Busson >

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Wie lange waren wir im Feld? Niemand rechnete mehr, niemand wußte es.

Mit vier Kameraden lagerte ich in bitterer Winterszeit. Wir hatten ein notdürftiges Quartier in einem niedergebrannten Bauernhaus gefunden. Alles, was wir hatten, waren zwei Schütten faules, feuchtes Stroh und eine von den Lagerfeuern angesengte Decke. Und dies armselige Gut mußten wir noch hüten und bewachen, damit nicht noch Elendere es stahlen.

Die Gewehre mußten ohne Aufhören geputzt werden. Anderen Tages waren sie wieder rot vom Rost. Der Zulkow hatte an beiden Füßen die Zehen erfroren. Sie waren schwarz und stanken wie die Pest. Dem Repke mußte ich mit Schießpulver und einem Rest von Branntwein den Streifschuß am Rücken auswaschen, weil es kein anderer tun mochte, und er schrie dabei so, daß es mich erbarmte. Der Wetzlaff hatte die schwere Not bekommen und ging alle fünf Minuten auf wankenden Beinen vor das Haus. Wo er sich niedergehockt hatte, war der Schnee rundum blutig von seinem Stuhl. In der Nacht stöhnte er so sehr, daß keiner zu schlafen vermochte. Und obwohl er alle dauerte, warfen sie im Dunkeln mit allem nach ihm, was sie mit den Händen fassen konnten. Dann hinkte er wieder hinaus, um sich unter Krämpfen zu erleichtern. Der Stillste von uns allen, ein trübsinniger Mensch namens Kühlemiek, las in einem kleinen, zerfetzten Gesangbuch neben dem Feuer und murmelte manchmal: »O Herr, sei mir Sünder gnädig!«

Der Repke war glücklich, als ich ihm seinen Rücken wieder mit alten Lappen verbunden hatte, und tat dürres Nußlaub in seine Pfeife.

»Der König hat jesacht –«, wollte er beginnen.

Aber der Wetzlaff fuhr ihm schnaubend drein:

»Hat jesacht! Hat jesacht! Wenn er einen fahren läßt, euer König, seid ihr Jammerlappen glückselig vor hündischer Ehrfurcht. Ach, ihr Hungergerippe, ihr Kanonenfutter! Was ist es denn Großes mit so einem König!«

»Fridericus Rex ist der größte Kriegsheld aller Zeiten, du Giftkröte!« fuhr der Zulkow auf. »Wage es nicht, Seine Majestät zu verschimpfieren!«

»Liebe Brüder in Christo«, flehte Kühlemiek, »richtet eure Gedanken auf den, der unser aller Leben in seinen gnadentriefenden Händen hält!«

»Halt den Schnabel, oller Pietiste!« schrie ihn der Repke an »Laß den Wetzlaff reden!«

»Oooh!« stöhnte der und lief wieder eilig hinaus. Wir hörten das Geräusch seiner Entleerungen und sein Ächzen bis ins Haus. Dann kam er wieder, weiß wie Kalk, und ließ sich aufs Stroh fallen.

»Wie ich sage: An dem Herrn und König muß sich der jemeine Mann erbauen und erquicken«, sagte Zulkow nach einer Weile. »Aber es sind welche, die vergessen den Eid...«

»Meinst du mir?« fragte Wetzlaff und richtete sich mühsam auf. »Erquicke dir man, soviel du willst, an deinem kalten Brand, was du an den Hinterklauen hast. Ja, du Schafskopp, damit der Friederich soll ein großer Kriegsheld sein, mußt du deine Zehen in den Schuhen lassen, muß mich der Darm ausbluten, müssen tausend in die Gruben geschaufelt werden. Ich frage man, wenn alle rundum, bei den Österreichern drüben und bei uns dahierselbst, solche Kerle wären wie ich, gäbe es bis morgen zum ersten Hahnenkraht keinen König und keine Kaiserin mehr, aber auch keinen Krieg und kein Leuteschinden nicht. Aber ihr seid ja insgemein zu dämlich, um solches zu verstehen. Und von dieser eurer Dummheit leben alle Könige und Feldherren, Fürsten und Grafen und Barone bis zu unserm Junker mit dem Arschgesicht herunter gleichermaßen in Gloria und Freuden und thronen wie die Pfauen in aller Herrlichkeit, indes wir wie das liebe Vieh gehalten sind und zur Schlachtbank getrieben werden mit Pfeifentrillern und Trommelschlag. O ihr verdammten, dickfelligen Narren, ihr Roßapfelgehirne...«

Er schwieg erschöpft und atmete schwer.

»Alles ist nicht unwahr, was er sagt«, murmelte der Repke.

»Du auch?« brauste der Zulkow auf und spie auf den Boden. »Oh, über euch Deutsche! Ihr verkennet, was allein zum Heil deutscher Nation frommt: die Armee und die weise Hand, die sie vermag zu führen.«

»Deutsche sind hüben und drüben. Sind ein armes, verratenes Volk immer gewesen«, sagte der Repke.

»Schade, daß ich mein Pulver draußen verschossen habe, Fritze Zulkow«, spottete der Wetzlaff. »Möchte dich sonst ein warmes Pflaster auf deinen salbadernden Mund kleben mit aller Leibeskraft, du Fußstinker, der du bist das elende Urbild und Symbolum des untertänigen Untertans. Verweset gar bei lebendigem Leib und gibt noch Lobeshymnen von sich auf den, dessen Furie uns schindet und plackt bis in den Tod. Aber warte du man, bis sie mir wieder auf Vorposten stellen. Ich lauf über, ich lauf über, so wahr mir Gott... O Hölle, Dreck und Satan – – es überkömmt mir wieder –!« Mit einem schwankenden Sprung war er auf, und wieder hörten wir, wie ihm gurgelnd das Blut abging draußen.

»Er hat arg das Fieber!« winkte der Repke dem erzürnten Zulkow zu. »Er weiß nicht, was er redet in seinen Schmerzen.«

Da hob der Kühlemiek mit schauerlicher, näselnder Stimme aus seinem Buche zu singen an, daß es uns alle durchschauerte:

»Der Greul in Finsternissen,
Das Brandmal im Gewissen
Die Hand, die blutvoll war
Das Aug voll Ehebrüche,
Das frevle Maul voll Flüche,
Das Herz des Schalks wird offenbar.«

»O mein Gott –!«

Ich war es, der so aufschrie.

Da schmetterte eine helle Trompete. – »Alarm!« schrie der Zulkow und quälte die wehen Füße in die gefrorenen Schuhe. »Alarm!«

Beim Schein des erlöschenden Feuers suchten wir alles zusammen.

Ferne Schüsse.

Die Trompeten begannen allenthalben zu schreien.

Der Wetzlaff stolperte herein.

»Auf, Brüder, auf! Wir wollen den kaiserlichen Hundsföttern heimleuchten. Vivat Fridericus!« Das war der Wetzlaff.

Gekrümmt vor Leibweh, nahm er sein Gewehr auf. Der Zulkow jammerte leise bei jedem Schritt. Rundum war Lärm, Pferdewiehern, Klirren.

Aber in all dem Toben, Laufen, Befehleschreien und dumpfen Krach des Schießens vorne schwang quäkend und grauenhaft die unbarmherzige Stimme des Pietisten, der sein Lied zu Ende sang.

Fürchterliche Angst senkte sich aus den Tönen nieder. Die Angst vor dem, was nach dem Tode sein würde. Die Trommeln schlugen.

 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.