Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Busson >

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Seit einer Woche fehlte der Kregel, und niemand wußte mehr, als daß er einen Brief von zu Hause bekommen, über den er sich sichtlich gekränkt und aufgeregt hatte. Er war einer von den verlassenen Deutschen, die im gestohlenen Land leben, aus der Gegend von Kolmar.

Eines Tages kam ein königlicher Förster zum Obersten und meldete, Kinder hätten einen Soldaten im Baum hängen sehen. Sie seien aber vor Schreck sogleich davongerannt und wüßten nun den Ort nicht mehr anzusagen. Und so meine er, man solle von einer oder zwei Kompanien das Holz abstreifen lassen, damit der Tote in die Erde käme.

So gingen wir den Kregel suchen und streiften durch den großen Föhrenwald. Beim Schliefen durch die Dickungen und Stangenhölzer geschah es mir, daß ich ganz von den anderen abkam und auch auf das in solchem Falle anbefohlene Rufen keine Antwort erhielt.

Als ich so allein mit mir war, mußte ich an den Kregel denken, der nun von aller Marter und Pein erlöst war. Wie, war es nicht am gescheitesten, dieses Hundeleben von sich zu tun? Ich dachte daran, wie mich gestern ein achtzehnjähriger Lausejunge, der Junker von Denwitz, mit dem Degen, in dessen Spitze Blei eingelassen war, gefuchtelt hatte, weil auf meinem Rockschoß ein Kreidefleck vom Putzen des Weißzeugs war; wie uns die Korporale prügelten nach Herzenslust; wie elend das Essen war, das man uns wie Säuen in großen Blechkübeln auftrug; wie das Brot knirschte vor Sand, wenn man es schnitt. Das alles wäre zu ertragen gewesen. Aber daß gar keine Hoffnung sich zeigte, wie und wann es je besser werden konnte, daß ein Tag um den anderen mit Flüchen und Kummer beladen niederging, um einen anderen, ebenso grausigen, aufsteigen zu lassen, das war das Schlimme. Denn irgendeine Hoffnung muß der Mensch haben, soll er nicht verdorren und verwelken.

In dieser harten Schule, in die Gottes Hand mich gestoßen hatte, lernte ich mich aber bezwingen. Ich verzog keine Miene, wenn mir vom brennenden Mitleid mit ungerecht Mißhandelten die Brust weh tat, und ich schwieg zu den niedrigsten Schimpfworten, mit denen ich von jedem, der durch eine Litze oder feineres Tuch erhöht war, bedacht wurde. Vielleicht war es eine Strafe, die mir zuteil geworden war. Aber dann konnte es bei einer ewigen Gerechtigkeit nicht wohl möglich sein, daß weit Schlimmere als ich in Freuden und Herrlichkeit dahinlebten bis an ihr Ende. Wozu also fiel diese Bürde von Leiden auf mich? Welchen Zweck konnten höhere Mächte, wenn es solche gab, mit mir verfolgen, indem sie Lasten von eigener und fremder Pein auf mich häuften, mich mit der feinsten Empfindung für jedes Unrecht, das anderen widerfuhr, ausstatteten und mir ein zarteres Gefühl gaben als wohl allen meinen Kameraden? Die rissen ihre Witze, auch dann, wenn ihnen das Ärgste und Unerträglichste an Willkür geschehen war, und fanden vollen Trost beim Schnapsgläschen und in den Armen der Soldatendirnen.

Ich war irre an allem, was bisher im Grunde meines Wesens noch tröstend aufgerichtet gewesen war, und ich konnte nach dem, was vor meinen Augen sich abspielte, tagaus, tagein, an einen göttlichen Sinn alles Geschehens nicht mehr glauben.

Was tut ein Mensch, der in einem Gemach mit Feindseligen, Rohen, Gewalttätigen, Schlechten, Feigen, Falschen und Bösen sich allein befindet und niemanden im ganzen Kreise sieht, der Ordnung und Gerechtigkeit schaffen will und kann? Der Mensch verläßt ein solches Gemach. Er schließt die Türe hinter sich zu und freut sich, dem abscheulichen Dasein in solchem Zimmer nun entronnen zu sein.

Also gedachte ich nun zu handeln. Der Kregel, der arme Bursche aus dem Elsaß, hatte mir den Weg gewiesen. Und Bäume gab es rundum genug; an irgendeinem Ast wollte ich meinen Hosenriemen befestigen.

Ich schickte mich an, quer über die kleine sonnenbeschienene Lichtung zu gehen, um drüben im hohen Laubholz meine letzte Tat zu Ende zu bringen, als ich stehenbleiben mußte, denn mitten auf dem freien Platz saß einer, und er war nicht allein.

Es war der Mann in der Kutte mit dem schwarzen Turbantuch. Er ruhte auf einem Baumstrunk, und sein Wanderstab lag neben ihm im Waldmoos. Seine edlen Hände hielten die Schnur mit den Bernsteinperlen. Der Ewli war es.

Wieder trat mir der Seltsame, dessen kleines Abbild unter dem hohen Glasrund in meinem Kinderzimmer gestanden hatte, auf unbegreifliche Art in den Weg. Wie kam der Fremde in seinem ungewöhnlichen Kleide überallhin? Unbehelligt, und nicht einmal von den Kindern beachtet, war er damals beim Bildstock gesessen, als mich und meine Schicksalsgenossen die preußischen Werber auf ihrem Wagen wegführten. Damals konnte ich ihn ebensowenig nach seinen rätselhaften Zielen mit meiner Person fragen wie in der betererfüllten Kirche. Und ebenso wie ich ihn vor der Kirche nicht mehr fand, war er bei den Linden von Distelsbruck meinem Blick entschwunden. Diesmal aber sollte er mir Rede stehen, bevor ich an das Werk der Selbstvernichtung ging.

Dennoch konnte ich keinen Fuß vor den anderen setzen. Denn der Mann aus dem Morgenlande war nicht allein. Vor ihm stand ein Reh, das sein schmales Haupt schmeichelnd an des Ewli Knien rieb. Auf seiner Hand, die die Kugelkette hielt, hockte ein Häher mit rosagrauem Kopf und blauen Flügelfederchen, und im Brombeerstrauch zu seiner Rechten zwitscherten ungezählte bunte Federbällchen. Zwei Eichhörnchen, die einander jagten, ein rotbraunes und ein schwarzes, fuhren an seinem Leibe in die Höhe, bargen sich spielend in den Falten des Gewandes, kullerten und schwatzten, und zu meinem Schreck verschwand das Rotbraune plötzlich in seinem Gewande, als wäre es in der ihm gleichen Farbe des groben Stoffes zergangen, indes das zweite auf den schwarzen Turban kroch, seine Umrisse verlor und nicht mehr zum Vorschein kam.

Ich sah das Gesicht des Ewli an, vom Strahl seiner Augen bezwungen. Blickte er auf mich? Waren die dunklen Sterne in weite Ferne gerichtet? Ich wußte es nicht, fühlte nur, wie wärmende, göttliche Liebe mich umhüllte.

Langsam aber stand er auf, schritt über den Schlag und verschwand zwischen den hohen Bäumen.

Da kam ich zu mir und vermochte mich zu bewegen. Ich lief. Wo waren die Tiere? Kein Vogel, kein Reh war zu sehen. Wo war der Ewli? Ich rannte mitten in das hohe Holz und stand auf einmal unter meinen Kameraden. Gerade hatten sie den Kregel gefunden und abgeschnitten. Abscheulich anzusehen, schwarzblau und grünfleckig im Gesicht, die geschwollene tintenfarbene Zunge ausgereckt, mit offenen, klagenden Augen lag er auf der Erde, den Strick in der Halsfurche. Niemand beachtete mich.

Sie hatten Spaten mit und gruben ihn im tiefen, weichen Waldboden ein, in dem die Mausröhren kreuz und quer liefen und Wurzelschlangen krochen.

Es war spät, als wir fertig waren.

In dem abendroten Himmel flog stumm ein endloser Krähenzug. »Das bedeutet Krieg!« sagte der Wetzlaff und sah mich an.

 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.