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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Es war tausendmal und abertausendmal schlimmer, als ich je gedacht, und ich wußte nun, wie man mit dem gemeinen Manne verfährt. Freilich, es waren schlimme Burschen unter meinen Kameraden –.

Ich war der Musketier Melchior Dronte. Meinen Adel verschwieg ich, um nicht noch Hohn als Pfeffer zum bitteren Mahl zu bekommen.

Die Schultern taten mir weh von den groben Hieben mit dem Korporalstock, der beim Exerzieren auf uns allen tanzte, mein linkes Auge war verschwollen, weil mich der Leutnant mit der Reitpeitsche geschlagen, meine Hände waren schrundig und aufgerissen vom Gewehrschloß, und unter dem Nagel des rechten Daumens quoll der Eiter hervor, wenn ich etwas angriff. Am ganzen Körper juckte und fraß Ungeziefer. Mein Leib war müde zum Sterben.

So konnte ich an diesem Morgen, als die Trommeln gingen, kaum auf. Zweimal versuchte ich es, mich zu heben, und zweimal fiel ich zurück. Der Stubenälteste goß mir einen Eimer mit eiskaltem Schmutzwasser über den Leib und riß mich an den Beinen aus dem Bett.

Die alten Soldaten waren tausendmal roher als alle Offiziere und Unteroffiziere.

Einem, der in tiefem Schlafe verblieb, klebten sie Pech auf die große Zehe und zündeten es an. Es gab ein großes Gelächter, als der arme Teufel, vor Schrecken halb verrückt, heulend und schreiend in der Schlafstube herumfuhr.

Rasch wuschen sie sich am Brunnen, zerknickten Läuse, die ihnen zwischen die krauenden Finger gerieten, und tranken ihr halbes Nösel Branntwein, den die Marketenderin ausschenkte, zum schwarzen Brot. Die Zöpfe wurden zusammengedreht, daß der Hinterkopf schmerzte, die Gamaschen geknöpft.

Als wir im Glied auf dem Hofe standen, wurden von Mann zu Mann die Haselstecken verteilt. Sie waren die lange Nacht im Brunnenwasser gelegen und pfiffen giftig, wenn man sie durch die Luft hieb.

Das Bataillon stand in zwei Gliedern.

»Erstes Glied – zwei Schritte vor! Marschieret! Halt! – Kehrt euch!«

Zwei lange, endlos lange Reihen standen Gesicht gegen Gesicht.

Der Profos brachte den Deserteur. Der war von meiner Stube.

Es war ein langer, noch sehr junger Bursch mit eingefallenen Wangen. Er hatte außer Hosen, Gamaschen und Schuhen nur das Kommißhemd an. Er zitterte vor Frost und Angst. Kregel hieß er mit Namen.

Alle Stöcke standen steil in die Luft. Zwei Unteroffiziere gingen in unserem Rücken, um zu schauen, wer etwa lässig wäre beim Zuschlagen.

Die Trommeln huben an zu poltern, und der Mensch ward in die Gasse gestoßen. Er lief. Die Stöcke pfiffen, klatschten auf ihn nieder, die Fetzen flogen von Hemd und Haut. Er schrie etwas, was man nicht verstand. Ich traf ihn auf den Nacken, sah rohes Fleisch spritzen. Aber er war doch durch, und draußen fiel er auf alle viere nieder. Sie packten ihn und rissen ihn auf. Er stöhnte.

»Vorwärts!« schrie der Profos.

Die Augen des Deserteurs traten glotzend aus ihren Höhlen, Speichel rann aus dem offenen Munde. Die Lippen waren zerrissen. Er lief wieder. Die Stöcke trafen schmatzend, Blut rann, Brocken flogen. Der Mensch hüpfte, bückte sich im Laufen, jammerte hoch wie ein Hund, streckte die zerschlagenen und verschwollenen Hände vor, zog sie aufschreiend zurück, wenn ein Hieb die Knöchel traf, und fiel am Ende der Doppelreihe wie ein Sack in sich zusammen. Er lag regungslos, grau im Gesicht. Man sah das Herz tobend schlagen unter der verstriemten Haut; unter dem Rücken, auf dem er lag, bildete sich eine dunkle Lache.

Der Feldscher kam, legte einen Atemzug lang die Hand auf die Rippen des Liegenden, winkte dann zwei Soldaten und hieß sie, den Ohnmächtigen umdrehen. Dann zog er eine Flasche mit Weingeist aus seinem Kasten und goß davon auf den zerrissenen Rücken.

Mit einem schneidenden Wehgeschrei kam der Gassenläufer zu sich.

»Nu piept er ja wieder!« sagte mein Nebenmann Wetzlaff. »Man immer feste druff mit die Palmwedel!«

Man hob den sinnlos Lallenden auf und stieß ihn trotz seines irrsinnigen Sträubens zum dritten und letzten Mal in die Gasse.

Aber diesmal kam er nicht weit. Nach einem Drittel Weges fiel er nieder, und so sehr seine Kameraden, selbst von hinten durch Stockprügel angefeuert, auf ihn einschlugen, er rührte sich nicht mehr.

»Nu is et alle mit ihm!« sagte einer, und die Stöcke senkten sich.

Aber auf einmal sprang der Gestürzte auf und schoß wie ein Pfeil durch die Gasse. Ein paar Hiebe trafen, die anderen gingen daneben. Wütend schlugen die Korporale auf die ein, die sich hatten anführen lassen.

»So 'n falscher Hund – so 'ne abgefeimte Kanaille!« schimpften sie.

Draußen vor der Gasse stand der Läufer still und lächelte trotz seiner Schmerzen.

Von oben kam ein eigentümlich kichernder Laut. Wir sahen auf. An den Fenstern der Offiziersquartiere standen einige geputzte Damen, hielten Taschentücher vor den Mund und wollten sich totlachen.

»Plum – plum – berum!« mahnten die Trommeln zum Einrücken.

 

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