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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Sterbensübel war mir von dem ungarischen Wein, Tabakrauch und Lärmen, drei Tage hindurch. Immer, wenn der Pauker auf die Becken schlug, fuhr es wie ein schmerzhafter Blitz durch mein verwüstetes Hirn.

»O Bärbele mein –!« heulte einer der gefangenen Vögel auf, mit denen ich am Tische saß.

»Ja und was wird der Herr Vater sagen?« höhnte ihn der Husar, der uns bewachte, damit keiner entlaufen konnte, der Handgeld genommen und auf Friderici Wohl getrunken hatte. Der Bursch plärrte noch lauter. Da hielten sie ihm ein Glas Wein an den Mund und kippten es. So mußte er nolens volens schlucken, wollte er sich nicht ganz verkutzen oder gar ersticken. Und dann ward er still.

»Und du?« wandte sich der Schnauzbart an mich. »Hast was ausgefressen, daß du den Werbern ins Garn gestiegen bist? Einer von den Dummen deuchst du mir nicht zu sein.«

Der Wachtmeister trat zu uns, behängt mit goldenen Fangschnüren und aufgeputzt mit Tressen und Knöpfen, damit ihm die armen Bauernbengel leichter zuliefen.

»Das ist der Beste von allen«, sagte er zu dem Reiter und zeigte auf mich. »Gut sind nur die, die von selber kommen. Für den Rock mit den Blutspritzern, Kerl, bekommst einen neuen von Seiner Majestät!«

Und im rosenroten Schein des heraufziehenden Tages sah ich mit Grauen, daß mein rechter Ärmel viele dunkle Flecken zeigte, Flecken vom Blut aus des Heilsbronners Todeswunde. Dafür war ich nun grausam verkauft. Ich sah mich um wie einer, der in wilden Wassern am Ersaufen ist und nach Rettung ausschaut.

Aber da war keine Hilfe.

Rundum Soldaten mit kaltem Blick und am Tisch die armen Schelme, die gestern und vorgestern mit den Dirnen im Tanz gesprungen waren und mit Talern geworfen, geschlemmt und gejauchzt und vom lustigen Soldatenleben geschwätzt hatten, das nunmehr seinen Anfang nehme. In der Tür und vor dem Fenster stand je ein Husar mit geladenem Karabiner, und mußte einer seiner Notdurft folgen, ging so einer im roten Affenrock mit Säbel und Sattelpistole hintendrein.

In dem elenden Zimmer roch es muffig von verschüttetem Wein, und aus den Lachen, die der und jener in den Ecken hatte aus seinem Brunnen rinnen lassen, stieg ein Dunst auf, der in die Augen biß.

»Aufgehört mit dem Dudeln und Pfeifen!« schrie da plötzlich der Wachtmeister. Die Musik schwieg, und die müden Musikanten schnauften auf; sie gingen daran, das Geld zu teilen, das auf dem Tisch vor ihnen in ganzen Haufen lag. Der Wachtmeister knöpfte und knotete bedächtig die goldenen Klunker und Fangschnüre vom Dolman, wickelte sie sorgsam für ein andermal in Papier und schrie dann in den Saal: »Auf, Burschen, auf! Allerweile geht's weiter!«

»Wohin?« schrie ein Vorwitziger mit käsblassem Gesicht.

»Wohin? Dorthin, wo man für dich ein Loch in den Sand buddelt und drei Schuß darüber tut, Rotznase!« lachte der Wachtmeister.

»Wer noch Wein im Glase hat, stürz' ihn hinunter, der Wagen wird eingespannt, meine Vöglein!«

So trieb er uns hinaus. Unser achte waren wir auf dem Leiterwagen. Auf dem Bock saß ein Husar und zwei hinter uns. Die anderen trabten nebenher. Die Mähren zogen an. Aus den Häusern traten die Leute und sprachen leise miteinander. Eine alte Frau weinte bitterlich, als sie den Seelenverkäufer mit seinen Leuten davonfahren sah.

»O du lieb's Herrgöttle!« jammerte einer auf. »O Mutter, Mutter! Lasset mich doch frei –«

Da trabte der Wachtmeister heran und schrie:

»Maulhalten, verdammter Kerl!«

»Gnaden, Herr Obrist!« schrie der arme Tropf »Lasset mich um Christi Blut für diesmal frei und ledig! Mich reut es gar zu sehr!«

»Hast schon den Sitzfleck naß, Bauernluder?« spottete der vom Pferd herunter. »Schau dir den Studiosen an, neben deiner, der zwillt nicht wie ein Mägdlein beim ersten Mal. Jetzt laß nach mit deinem Rotzen und Flennen!«

Der Bursch hob die Hände auf und winselte:

»Habet ein Einsehen! Ich kann es nun und nimmer aushalten, das harte Soldatenleben –«

Da trieb der Unteroffizier das Roß ganz nahe hin, daß uns der weiße Schaum vom Gebiß auf die Röcke flog, und brüllte mit abscheulicher Stimme:

»Bauernsau, dreckige! Soll ich dich gleich da auf der Stelle abschwarten, oder soll ich dich dorten, wo wir bald sein werden, fuchteln lassen, daß du die Hosen nicht mehr vom offenen Fleisch abziehen kannst, du Scheißkerl, du Rekrutenarsch!«

Da ließ der Bursch den Kopf hängen und schwieg.

Wir kamen zum Dorf hinaus, die Kinder liefen uns noch eine Weile nach. Aber sie schrien nicht, wie Kinder es sonst bei jedem Spektakel tun. Sie blieben bei den zwei Linden am Bildstock stehen und blickten mit großen Augen hinter uns drein.

Bei den Linden aber saß einer und sah mich an, mit ebensolchen Augen – voller Mitleid und reiner Güte.

Es war ein Mann in einer rotbraunen Kutte, mit einer Schnur gelber Perlen um Hals und Brust. Unter dem schwarzen Tuch um seinen Kopf war ein Gesicht von unbeschreiblicher Milde und Schönheit.

Es war der Mann, der mir in der Kirche entgegengeschritten war, als sie die Klage um Jerusalem sangen.

Der Ewli, der Mann aus dem Morgenlande.

Ich sprang von meinem Sitze auf und breitete die Arme aus nach ihm. Aber ich sah ihn plötzlich nicht mehr. Nur der graue verwitterte Stein des Bildstockes war zwischen den alten Bäumen.

»Was treibst du, Gesell? Willst du uns ausreißen?« schrie der Wachtmeister.

Ich setzte mich nieder auf das schütternde und stoßende Brett, und trotz allen Elends war mir auf einmal leicht und froh zumute, als könne mir nichts Ernstliches geschehen in alle Ewigkeit.

 

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