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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Am Abend des Tages, an dem mir der Jude Lewi gesagt hatte, daß mein Vater kein Geld mehr schicke und mich nach so vielen Streichen meinem Schicksal nunmehr gänzlich überlasse, soff ich mich toll und voll.

Später kam der Portugieser und erzählte, daß der Phöbus Merentheim vor einigen Tagen angekommen sei und als Stubenbursche bei dem langen Heilsbronner-Grafen auf dem Gerbersteig wohne.

Da zog ich sogleich los und die ganze Corona mit mir.

Dem steinernen Roland am Rathaus setzten wir eine zersprungene Nachtkachel auf das Haupt, und auf die Mauer der schönen und tugendhaften Demoiselle Pfisterin, die uns stets den Rücken drehte, wenn wir schmachtend vorübergingen, auf die Mauer gerade unter ihrem Fenster zeichnete der Herkules mit Rötel ein zartes Hinterteil und schrieb mit großen schwarzen Buchstaben darunter:

Alle Küßgens, die ich sandte,
Trafen Ihn, du ganz Charmante!

Dann gingen wir unter vielem Hussah und Halloh über den Stadtbrunnen her und trieben in seine vier kupfernen Drachenröhren Holzkeile, so daß das Wasser oben unter den Füßen des heiligen Florian zu sprudeln begann. Dem Bürgermeister aber hofierten wir alle fünf auf die oberste Stufe der Freitreppe und steckten in jeden Haufen eine Gockelschwanzfeder, dieweil es hieß, daß die Frau Bürgermeisterin in puncto puncti unzufrieden sei mit ihm.

Bald aber fiel mir wieder der Phöbus mit seinem hochnäsigen Reissuppengesicht ein, und ich drängte zum Gerbersteig.

»Kotz, Mahomet – er rennt dir ja nicht von dannen!« hielt mich der Haymon zurück. »Sollst heute noch seines Blutes saufen!«

Denn sie hatten noch etwas mit dem Pranger vor. Wie wir auf den Gänsemarkt kamen, zog auch schon der Portugieser ein vorbereitetes Blatt hervor, einen Hammer und Nägel, und derweil wir Wacht hielten, schlug er das Papier an die Schandsäule, so daß es im Morgenlicht jedermann lesen und unsere Peiniger und Feinde recht erkennen konnte:

»Schmule Lewi, ein Jüd und Blutsauger,
Abraham Isaaksohn, desgleichen,
Liborius Schmalebank, nennet sich einen Christen,
Gotthelf Titzke, geht alle Sonntage zum Gottesdienst,
Simche aus Speyer nimmt hundert Perzentcher.«

Wir zogen wieder weiter, und in der finstern Schmiedgasse schrien wir überlaut: »Mordio! Feurio! So helfet doch!« bis alle Fenster hell wurden und die verschlafenen Stadtsoldaten getrampelt kamen. Unterdessen waren wir lange schon auf dem Wege zum Gerbersteig.

»Es ist, wie ich dir sage«, raunte der Portugieser, »der Merentheim wohnt auf einer Stube mit dem Heilsbronner Grafen und ist bei der Ansbacher Landsmannschaft.«

»Hat dir nicht der Heilsbronner die rote Jule ausgespannt, Portugieser?« neckte der Galenus.

»Halt's Maul, oder ich lasse all mein Wasser gegen dich, daß du kläglich ersaufen mußt«, knurrte der Portugieser zornig. »Solche wie dich habe ich schon fünfzehn mit zwei Fingern von meinem Schläger gewischt.«

»Gebt Frieden!« mahnte der Fink. »Sonst kommen eure lästerlichen Reden vor den Konvent. – Gebt lieber acht, wie das Phöbuslein sein Bettlinnen bekacken wird vor Angst!«

Da trat ich denn vor, gerade vor das Fenster, das mir der Portugieser gewiesen hatte, zog die Plempe und begann flugs auf dem Pflaster zu wetzen, wobei ich aus vollem Halse schrie: »Merentheim! Hundsfott! Komm heraus und stell dich! Pereat!«

Da ging das Fenster auf, und ein splitternackter Kerl sah heraus.

»Pereat!« schrie ich. »Pereat der Phöbus Merentheim!«

»Kamel!« schallte es von oben herunter. »Was zum Donnerwetter geht mich dein Merentheim an, der heute um Glock zwei zu seiner Sippschaft da herum über Land gefahren ist?!«

»Daß du nur nicht erstickst an deiner ausgestunkenen Lüge!« rief ich dawider.

Der oben lachte:

»Sollst deinen Teil redlich bekommen, Brüderlein! Mußt nur gedulden, Hans Ohnbekannt, bis ich in mein Hemde geschloffen bin und den Degen zu Handen habe!«

Und er schmiß das Fenster zu, daß die gläsernen Scherben herniederregneten.

Dann aber sahen wir ein Lichtlein im Zimmer irren, bis es wieder finster ward. Wir hörten Schritte im Flur tappen, ein Schlüssel drehte sich im Schloß, und in der Türe erschien der lange Heilsbronner-Graf in Hemd, Hosen und Pantoffeln, einen langen Raufdegen unter dem Arm und den Hut mit dem scharlachenen und weißen Federstutz der Ansbacher auf dem Kopf. Der Mond kam gerade hinter den Wolken hervor, und es war licht genug, um das wilde, blatternarbige Gesicht des alten Renommisten zu sehen.

»Alles mit der Manier, Herr Bruder!« mischte sich der bayerische Haymon ein, als wir rasch die Klingen zücken wollten. »Du, Portugieser, sekundierst dem Ansbacher Herrn und ich dem Mahomet! Legt euch aus! Los!«

Ich stieß behende zu, traf ihn aber nicht. Er parierte blitzschnell und war in allen Finten zu Hause. Ich stieß eine verkehrte Quart, da unterfuhr er mich und schlitzte mir brennend den Oberarm. Rasch fiel ich aus und traf Hartes, glitt ab und stach ihn tief in die Brust. Der Degen fiel ihm rasselnd aus der Hand.

»Halt da!« brüllte sogleich der Portugieser und hielt mir seine Klinge vor.

»Das sitzt«, gurgelte der Heilsbronner. »Ein Lungenfuchser.« Sein zerfressenes Gesicht sah grün aus im Mondlicht. »Zu Bett – bringt mich, Herr Bruder – zu –«

Er fiel dem Haymon in die Arme, spie etlichen blutigen Schaum aus und verdrehte die Augen. In seinem Hemd war ein dunkler Flecken, der griff um sich wie verschüttete Tinte auf einem schlechten Papier.

»Bei allen Sakramenten, helft mir den Menschen halten«, keuchte der bayerische Haymon. »Er macht sich schwer als wie –« Wir sprangen hin und griffen zu.

»Beim Einschlafen ist's mir fürgegangen«, wisperte der Ansbacher und blies wieder Blut aus, »der Rosenkranz ober meinem Bett hat von selbsten hin und her getan –. Hätt' ich nur meinen schweren Rausch gehabt, ihr hättet mögen lang wetzen und Pereat schreien –«

Und gellend: »Es zerdruckt – einer – mein – Herze –«

Wir ließen ihn auf den Boden nieder. Der Schweiß brach mir aus.

»Der ist hin«, rief der Portugieser, »macht, daß ihr Fersengeld gebt. Es tun sich schon die Fenster auf –«

Von oben schrien sie.

»Verdammte Buben und Gassenläufer! Wird nicht bald Ruhe sein da drunten?«

»Ich will ihnen die Schinken mit Hasenschrot salzen«, fuhr es grob darein.

Wir horten viele Füße trappeln, näher kommen. Die Wache lief herzu.

»Einer rührt sich nimmer. – Wache! Wache! Mordio!« zeterte ein Weibsbild.

Wir rannten, was wir konnten, Ein Springstock flog mir zwischen die Füße, so daß ich bald zu Fall gekommen wäre. Der Haymon blieb neben mir, die andern waren davon. Den Portugieser hatten wir schreien gehört. Er war über einen Zaun gesprungen und tief in ein eingegrabenes Jauchefaß gesunken. Den hatten sie allbereits.

»Bruder!« Der bayerische Haymon atmete rasch von dem weiten Rennen und lehnte luftschnappend an einer alten Mauer. »Deines Bleibens ist hier nicht mehr. Den Portugieser kenn ich. Sie werden ihn arg bedräuen, und er wird pfeifen. Und nachts holen sie dich aus dem Bett. Nimm meinen Rat, Bruder, warst immer ein treuer Kamerad und ist schad um dich, daß wir dich in den Sauf und Rauforden gezwungen: In Distelsbruck sind Werber des Königs von Preußen, lassen trompeten und geigen und Wein rinnen, dazu Goldfüchse auf den Tisch prasseln.«

»Soldat – meinst du? –«, fragte ich beklommen.

»Willst morgen ausgehoben sein und im Turm auf dem Wanzenstroh liegen? Weißt ja, daß bei Rektor und Senat keine Hilfe ist, wenn der andre hat müssen ins Gras beißen. Hättest du deine Mutterpfennige noch – aber so! Bleibt kein anderes, Kamerad, als hinter dem Kalbsfell laufen. Dort bist du sicher, als wärest du in Abrahams Schoß.«

Mir ward angst und bang, und bittere Reue über meine Jugendjahre erfaßte mich, die ich so schnöde vertan hatte.

»Tu nicht lang herum«, drängte der Haymon. »Ich mein' es ehrlich. Und wenn das mit dem Ansbacher nicht geschehen wär, wie lange hättest du noch das Burschenspiel mit Federstutz und Schläger mögen betreiben? Es gibt eines, heißt ultima ratio, und itzo ist's an dem. Da hilft kein Drehen und Wenden noch Ränkeschmieden. Kannst vor Tag und Tau in Distelsbruck sein. Hörst schon bei der Brücke das Getöse im ›Lustigen Bombardier‹. Und nun, alter Schwed, behüt dich Gott, und auf daß uns das Leben noch einmal zusammenbringe.« Er küßte mich rasch auf beide Wangen und wandte sich um.

»Da hast meinen Degen, und da – schneid' dir die vier Silberknöpfe ab, die noch an meinem Gottfried hangen«, sagte ich.

Aber der Haymon schüttelte nur stumm den Kopf und verschwand in den Schatten.

Langsam ging ich die Straße nach Distelsbruck zu.

Den karmesin-gelb-blauen Federstutz riß ich vom Hut und warf ihn in den nächsten Bach

Und ging weiter.

 

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