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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Über dem täglichen Schlaraffenleben und wüsten Tun vergaß ich in wenigen Monaten alles. Unser Lieblingsort war der »Gütige Kurfürst«, wo sie das schwere Braunbier und den guten Mosel ausschenkten.

Der bayerische Haymon war schon aus dem ersten Rausch zur Nüchternheit zurückgekehrt und hatte die bespornten Stiefel auf den Tisch gespreizt, wo die Sterne der Sporen Löcher in das schmutzige Tischtuch rissen. Das Hemd stand ihm über der haarigen Brust offen, die Ärmel hatte er weit hinaufgekrempelt, aber den Hut mit dem Federstutz tat er nicht vom Kopfe.

Der Portugieser lag mit dem Kopf auf der Tischplatte und schnarchte. Der Fink oder Nebukadnezar saß vornübergebeugt auf einem Stuhl in der Ecke und spie den getrunkenen Wein wieder von sich, daß es im ganzen Zimmer sauer und übel stank. Der Herkules, ein schwaches Männlein aus Meißen, hatte eine Laus erwischt, ließ sie auf einem Teller umherkriechen und lachte über alle Maßen.

Der Montanus knöchelte mit mir. Er hatte erschreckliches Schwein. Wieder hieb er den Lederbecher auf den Tisch und glotzte mit wässerigen Augen den Wurf an: Fünf – drei – eins.

»Schwangerlieschen – Dreibein – Polyphem«, brüllte er voller Freude. »Her mit dem Mammon!«

Ich hatte nur fünf im ganzen geworfen. Mit der breiten Hand strich er meine letzten zehn silbernen Groschen ein und klatschte sich dann auf das schweißnasse Hemd des Fettbauches vor Freude.

»Venus! Wo steckt die alte Sau?« schrie er dann gegen die Türe hin. Die alte Kellnerin kam. Sie trug an zwei Bändern, die über die Stirne liefen, eine hölzerne Nase im Gesicht und war grindig über und über. Wir nannten sie Venus. Wie sie mit ihrem rechten Namen hieß, wußte sie wohl selbst nicht mehr.

»Bring den Stiefel, den großen, mit Moselwein, Herzallerliebste!« befahl der Montanus.

Der Fink kam zum Tisch. Er war weiß im Gesicht vom vielen Speien und roch aus dem Halse.

»Mußt auch mitunter fressen, Nebukadnezar –«, schnaufte der Montanus. »Du säufst nur allweil und frißest nichts. Da schwärt dir der Magen, Bruder, wie es dem Gideon seligen Angedenkens geschehen ist. All sein Blut ist ihm aus dem Maul gesprungen, und aus war es mit ihm.«

Der Fink rülpste und zeigte auf den Tisch.

»Ei, Bruder, sag, was bist du so zärtlich besorgt und hast doch dem armen Mahomet seine Muhmengröschlein abgejagt? Ponier was davon!«

Die Venus kam und stellte den großen Glasstiefel vor den Dicken hin. Er faßte drei volle Maß Wein. Der Montanus streichelte das Gefäß, ließ einen Ton hören, der unter dem Tisch hervorkam, und lachte dämpfig:

»Was ich mir tu kaufen – will ich auch saufen! Allein, Schätzbarster!«

»Saufst allein?« Der Fink machte runde Augen. »Das glaub dir der dumme Teufel vom Dom zu Köllen.«

»Verwettest du deinen Degen mit der goldeingelegten Toledoklinge, so sauf ich den Stiefel in einem Zug und Hui!« grölte der Dicke.

Der Fink wackelte auf den schlafenden Portugieser zu und gab dem Herkules einen Rippenstoß. Der bayerische Haymon kam näher und half den schnarchenden Portugieser wecken.

»Wach auf, tu auf deine Äuglein, Bruder Hosenvoll – sollst ein Saufrichter sein!«

Der Portugieser hob den Kopf, grunzte und fuhr mit allen zehn Fingern in sein krauses Haar.

»Ich hab Läus' – verdammt!« gähnte er.

Der Herkules brach in ein stilles Gelächter aus. Er wußte, woher das Ungeziefer in das Haar des Schlafenden gekrochen war.

Der bayerische Haymon ward zum Richter ernannt.

»Also los!« lallte er.

»Hö – brr!« fuchtelte der Fink mit den Händen dazwischen. »Die Mastsau hat nichts entgegen gewettet als ihr Saufen. Was legst du auf den Tisch, Wanst?«

Da zog der Montanus eine dicke Silberzwiebel aus der Tasche; an der hing ein kurzes Kettlein, feingegliedert, und am Kettlein eine geschliffene Kugel aus Karneolstein.

»Das da!« sagte er.

»Los, los!« schrien nun alle. »Sauf zu!«

Der Montanus stand trotz seiner Schwere augenblicklich auf. Der weiche, ungeheure Bauch hing ihm über den Bund der prallen Hosen.

»Bis zur Nagelprobe!« wehrte sich der Fink, der in Angst um seine schöne Klinge war.

»Will bis an mein Ende gelbe Ochsenmilch saufen, wenn ein Tröpflein im Glase bleibt«, brüstete sich der Dicke und hob mit beiden Händen das Stiefelglas. »Und itzo Achtung!«

Weit öffnete er den Mund, legte die Unterlippe fest ans Glas und ließ den Wein mit hellem Glucksen in die Gurgel rinnen.

»Hölle, Pest und Hurenkind!« fluchte der Fink. »Er macht's, bei den Ohrwascheln des Teufels – er macht's!« Nur mehr ein Rest war im Glase, nicht der Rede wert. Aber dennoch zuviel.

Denn eh' es hinunterlief, öffnete der Montanus wie in einem jähen Schreck weit die Augen, daß man die Blutäderlein im Weißen schwellen sah, und sein Gesicht ward dunkelblau.

Da fiel der Stiefel und brach in Stücke. Die Hände ließen ihn aus und griffen in die Luft. Ein Gurgeln kam aus dem offenstehenden Munde. Und dann fiel der dicke Montanus wie ein Sack zu Boden, so daß der Stuhl, den er mitriß, unter seines Leibes Last zerkrachte.

Der Haymon, der seit vielen Jahren die Medizin studierte und einiges davon verstand, kniete rasch bei ihm nieder, ließ eine Weile die Hand auf der Brust des Gefallenen ruhen, stand dann auf und ächzte: »Verreckt! Apoplexia! Ist schon zur Hölle gereist, unser dicker Gänsefresser. Fiducit!«

Der Schweiß stand ihm auf der Stirne. Mir ward übel.

Der Herkules aber beugte sich behende nieder, griff dem Toten in die Taschen, fand die Börse und schüttelte etliche Gröschlein und einen Mariendukaten auf den Tisch.

»Da hast du deinen Gewinn, Nebukadnezar«, sagte der Haymon und schob sogleich dem Fink die Silberzwiebel mit Kettlein und Stein hin. Dann warf er mir die Groschen zu und nickte:

»Greif zu! Er braucht's nimmer!« Den Dukaten wog er in der flachen Hand und redete zum Erstickten:

»Herzbruder! Der Goldfuchs wird versoffen zu deinem Andenken!«

Aber der Tote gab keine Antwort, und so schüttelte ihn der Haymon ein wenig, daß der Bauch schwappte und wir den Wein im Magen kollern hörten.

»Er saget nicht nein!«

»Und jetzt rufe einer die Venus«, befahl der Haymon.

»Wär schade, wenn wir das Geld für die Manichäer hätten im Beutel gelassen. Der Jude soll selbst zusehen, wie er zu dem Seinen kommt, und bleibt also der Bär fest angebunden. – Steh nicht da, Mahomet, wie ein gestochenes Kalb, sondern ruf die Venus, daß sie Wein holt und den armen Montanus aufs Stroh in eine stille Kammer bringen läßt!«

Da ging ich in den dunklen Gang hinaus und rief mit zittriger Stimme nach der Venus.

 

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