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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Es war eine mühselige Fahrt.

Alle Viertelstunden mußten wir auf Geheiß des Schwagers aus der Postkutsche und schieben helfen und mit dem Kotmesser die Räder putzen. Die Gäule zitterten und schnoben, und ihre Flanken waren bedeckt mit Schaum. Und einmal schmissen wir um und mußten unsere Koffer und Felleisen wieder aufs Dach heben und verschnüren.

Mit mir fuhr einer, der war von Österreich, hieß Matthias Fink und schien ein fröhlicher Mensch von guten Sitten zu sein. Kleider und Wäsche deuteten auf einen Sohn aus anständigem Hause. Von Adel war er nicht.

Als wir der Stadt näher kamen, blieb der Wagen vor einer Herberge stehen, die »Zum Biersack« genannt war. Wir sahen beiderseits zum Fenster hinaus und bemerkten, daß die Straße mit Stühlen, Bänken und einem langen Tisch abgesperrt war, an dem zechende Studiosen saßen, wild und verwegen anzusehen mit Schmierstiefeln, Pfundsporen, Federhüten und Raufdegen. Sie saßen ganz ruhig da, rauchten aus langen Kalkpfeifen, spreizten die Beine und schienen nicht willens zu sein, dem Postwagen die Heerstraße freizugeben. Ein zerstrobeltes halbwüchsiges Ding mit wippenden Brüsten unter dem Tuch lief zwischen diesem Tisch und dem schmutzigen Gasthof hin und her, vertauschte die leeren Zinnkrüge mit vollen und kreischte auf unter den derben Griffen der Gesellen, an denen sie vorüber mußte.

Der Schwager wandte sich schmunzelnd halb um und sagte:

»Beliebe es den Herren, auszusteigen und den Willkommen über sich ergehen zu lassen.«

»Fahr zu!« trieb der Fink an. »Die Straße ist frei!«

»Was bellt da der Stinkfuchs?« grollte eine tiefe Baßstimme vom Tisch her. Der gerufen hatte, war unförmig dick wie ein Sechseimerfaß, und dreifach lag ihm das stoppelige Kinn auf der arg verschmierten Weste.

»Laß sein, Montanus«, schrie ein Baumlanger mit blonden Haaren und einer scharfen, krummen Nase. »Sie werden mit der Zeit schon aus dem Bau kriechen.«

Da wir sahen, daß hier mit Trutzen und Pochen nichts zu richten war, vielmehr die anderen Meister in solchen Dingen waren, kamen wir hervor, hatten aber doch soviel Verstand, dem Schwager zu befehlen, er möge unsere Reisehabe ins Städtle zum Gerber Nunnemann bringen, bei dem wir durch den Boten Logis bestellt hatten.

Kaum waren wir aus dem gelben Kasten gekrochen, als sie auch flugs den Tisch zur Seite schoben und den Schwager bedeuteten, die Rößlein in Trab zu setzen, was dieser sich kein zweites Mal sagen ließ. Uns aber nahmen je zwei unter die Arme und führten uns in das Innere des Hauses. Dort schoben sie uns über die Stiegen hinauf in ein langes, niedriges Zimmer. Auf dem von nassen Gläserkringeln bedeckten Tisch lag ein erdiger, gelber Totenschädel, der aussah, als hätten sie ihn eben aus dem Beinhaus gestohlen, auf zwei gekreuzten Degen. Zwei Talgkerzen in Porzellanleuchtern entzündeten sie alsbald, stellten uns an das schmale Ende des Tisches, sich selbst mit gezogenen Hüten um den Tisch herum, reichten einander übers Kreuz die Hände und sangen mit rauhen Stimmen:

»Festlich ward der Bund gesiegelt
Durch der Edlen Treueschwur,
Unsere Herzen sind entriegelt
Schlagen echter Freundschaft nur.
Dieser Degen soll durchbohren
Den, der Brüder läßt in Not.
Und, bei diesem Beingerippe!
Tausendfach sei er bedroht.«

Als das Lied zu Ende war, hob der Fink, der mich mehrmals verwundert angesehen, flugs zu sprechen an und sagte:

»Meine Herren, verzeiht, wenn wir gar zu gerne wissen möchten, in welche illustre Gesellschaft wir unversehens geraten sind?«

»Frecher Stinkfuchs«, grölte wieder die Bauchstimme des Fetten, den sie vorhin Montanus genannt hatten.

Sie hatten mittlerweile die Hüte wieder aufgesetzt, und da sah ich, daß ihre Federstutzen karmesin, gelb und blau waren, und der Blonde mit der Geiernase hatte zudem einen Fuchsschwanz aufgesteckt, der ihm ein wildes Aussehen gab. Auf des Fink Rede hin zog er seinen Schläger aus der Scheide und hieb damit so gewaltig auf den Tisch, daß es dröhnte und wir nicht schlecht erschraken.

»Silentium!« schrie er.

Alles ward still.

»Als Muli seid ihr von Mutters Schürze hergekommen, und als Füchse und künftiger Nachtschreck der Philister habt ihr die heiligen Hallen des Amicisten-Ordens betreten, unmündig und übelriechend zwar, aber unserer Gnade teilhaftig. Wir wollen euch nicht der armseligen Institution der Landsmannschaften überlassen, die in der nächsten Herberge auf Chaisen und Postkutschen mit Heimatgewächsen lauern, und tun euch die Ehre an, euch gar nicht erst nach eurer obskuren Herkunft zu fragen. Wollet ihr allein und ohne vornehmes Komitat, als ein Spott aller rechten Burschen einziehen, oder soll euch der hohe Orden als Zugehörige feierlich einbegleiten?«

Der Fink und ich sahen uns an. Schon auf der Fahrt hatten wir uns entschlossen, einem der Bünde beizutreten, weil wir gar wohl wußten, daß der einzelne und Schutzlose seines Lebens nicht froh werden konnte vor Auf-die-Füße-getreten-, Vom-Gehsteig-gestoßen- und sonst Gerempelt-werden. Schließlich war es uns gleich, welche Bruderschaft uns aufnahm, und da es sich so fügte, war uns der Amicisten-Orden nicht uneben.

Wir nickten also und sagten, daß wir gerne dem hohen Orden würden beigezählt sein.

Ein heftiges Trampeln mit den Füßen erfolgte. Solcherart wurde der Beifall zu unserem Beschluß ausgedrückt.

»Omnes ad loca!« rief der Lange. »Und ihr Füchse, bleibet nur stehen!« Alle setzten sich nieder, und einer, etwa in unserem Alter, lief zur Türe und brüllte mit aller Lungenkraft:

»Cerevisiam!«

Sogleich hob ein Poltern und Rumpeln an. Zwei Schankburschen wälzten ein stattliches Faß herein, stellten es auf den Schragen und zapften es an. Das Mädchen mit dem unordentlichen Haar schleppte eine solche Zahl von Krügen in jeder Hand, daß man meinen mochte, sie habe zwanzig Finger. Sie wurden gefüllt und mit überquellendem Schaum vor jeden hingestellt.

»Hinaus, profanes Pack!« schrie der Lange wieder und hieb mit dem Schläger auf die Tischplatte. Die Knechte und das Mägdlein trollten sich eilig von dannen.

»Her zu mir, Füchse!« kommandierte er.

Man griff uns, unsanft genug, und brachte uns vor ihn an das andere Ende des Tisches.

»Legt eure Hände auf dieses Totenhaupt und die gekreuzten Klingen und schwöret!«

Wir gehorchten und sprachen ihm willig einen Schwur nach, in dem wir dem erleuchten und hohen Amicisten-Orden unverbrüchliche Treue bis in den Tod, seinen Angehörigen Bruderliebe und Hilfe aller Art, anderen Menschen gegenüber tiefste Verschwiegenheit gelobten. Hielten wir unseren Schwur nicht, so sollte unsere Brust vom scharfen Stahl durchstochen und unser Antlitz gleich dem des Kopfes werden, auf dessen beinerner Kuppel unsere Schwurfinger lagen.

»Ich bin der bayerische Haymon«, sagte der Lange. »Profan nennet man mich den Baron Johann Treidlsperg aus Landshut. Wie heißt aber ihr?«

Wir nannten unsere Namen, und einer schrieb sie in ein Büchlein, das in Karmesin, Gelb und Blau gebunden war.

»Neiget eure Köpfe!« befahl der Hans.

Wir taten es.

Im nächsten Augenblick rann jedem von uns das stürzende Bier einer umgekippten Kanne über Gesicht Hals und Schultern. Als wir hustend und spuckend aufschauten, unter dem tosenden Gelächter von etwa fünfzehn Burschen, die in diesem Gemach waren, erhielten wir unsere Ordensnamen. Mich nannten sie »Mahomet« und den Fink »Nebukadnezar«. Dann mußten wir uns rittlings auf die Stühle setzen. Die anderen ordneten sich hinter uns in langer Reihe, und vor uns ritt, mit den bespornten Beinen nachhelfend, der bayerische Haymon um den Tisch herum, indes alle ein Lied sangen:

»Es will der Fuchs zum Loch hinaus,
Da steht ein grüner Jäger draus.
Woher wohin, du Füchslein jung.
Heut tust du gar den letzten Sprung.
Und tu ich meinen letzten Tanz,
So küß mich, Jäger unterm Schwanz.
Der Jäger hat es nicht getan
Und mußt' das Füchslein laufen la'n.
Juchhei, juchhei, juchheiraßa,
Optima est cerevisia!«

Dann ging es an ein Umarmen und Küssen. Auf unsere Hüte, die den Amicisten zu neu waren und daher vielfach gebogen und getrillt wurden, steckten sie uns die dreifarbigen Stutze.

Wieder mußte der, den sie den »Portugieser« riefen, zur Türe und hinabschreien: »Coenam!«

Und mit großer Schnelligkeit kam eine große Holzplatte mit gebratenen Hühnern, ein Reis mit Rosinen und heißer Weinsauce, gebackene Fische mit grünem Salat und Dukatennudeln mit gezuckertem Branntwein. Nunmehr durfte das zerstrobelte Ding im Zimmer bleiben und hatte mit Knöchlein aufsammeln und Bierschenken Sprünge genug zu tun.

»Dieses lukullische Mahl ponieren Mahomet und Nebukadnezar dem erlauchten Orden«, verkündete der Haymon und befahl uns zudem, eine volle Maß auf das Wohl der gesamten Bruderschaft zu saufen, ohne abzusetzen.

»Und daß ich nicht vergesse«, rief er im Getümmel, »dem wackeren Postknecht, der euch so schön zum ›Biersack‹ herkutschierte, dediziert ihr jeder einen harten Taler!«

 

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