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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Mein Vater war von der Jagd zurückgekommen und ging mit klingenden Sporen im Zimmer auf und ab. Der Boden knackte unter seinen Reiterstiefeln. Ich sah unverwandt seinen grünen Rock mit den Silbertressen an. Wenn er sich umdrehte, erblickte ich den straffgedrehten Zopf. Dieser Zopf war erbarmungslos, schwarz, steif, fühllos, ein Sinnbild seines Wesens.

»Lümmel, Bete!« donnerte er abermals. »Du hast es gewagt, den Phöbus Merentheim vor dem Straßenpöbel, zum Gaudium des Gesindels von Handwerkern und sonstigen Kerls, ins Gesicht zu schlagen? He?«

»Er hat gesagt, meine Frau Mutter wäre vor ihrer Ehe des Herzogs von Stoll-Wessenburg Betthase gewesen«, stieß ich heraus und sah meinem Vater in die Augen.

»So etwas höret und vernimmt man nicht«, zischte mein Vater und wurde dunkelrot im Gesicht. »Und merke: Fürstliches Blut schändet nicht! Du wirst den jungen Grafen Merentheim um Vergebung bitten, Bursche!«

Ich verstand ihn nicht. War dies sein Ernst?

»Antworte!« schrie er.

»Nie«, sagte ich, »niemals nicht.«

»Verfluchter Hund! Cochon! So wird wiederum ein anderer des Herzogs Jägermeister, und ich kann mir das Maul wischen. Ich brauche die Fürsprache des alten Merentheim, du elender Bube. Verstehst du mich nun. Wirst du oder wirst du nicht?«

»Nein.«

Er hob die Hand, ließ sie aber wieder sinken. Schweren Schrittes verließ er das Zimmer. Am Nachmittag ließ er mich rufen.

Er saß in demselben Stuhle, in dem der Großvater gestorben war, und neben ihm auf dem Tische stand eine halbgeleerte Weinflasche. Das Zimmer war blau von Tabaksdampf.

»Da stell dich her«, sagte er und zeigte vor sich hin. »Morgen schicke ich dich auf die hohe Schule, damit du mir aus den Augen kommst. Und damit du die Wahrheit weißt: Ob deine Frau Mutter einmal die Maitresse des hochseligen Herrn war, weiß ich nicht, aber jedenfalls hat sie mir dies Gut zugebracht. Ob du aus meinen Lenden herstammst oder aus denen Serenissimi oder ob dich nicht gar jener Windbeutel von Hofpoeten in einer von des Herzogs venezianischen Parknächten erzeugt hat, jener Skribler, den der Heist dann im Duell über den Haufen schoß, das weiß nur Gott. Fast möchte ich das letztere glauben, denn von einem echten und rechten Edelmann von altem Schrot und Korn hast du nichts in dir. Jetzt weißt du es, was der Merentheim dir hat wollen unter die Nase reiben. Das magst du in dir verarbeiten, wie du willst. Für Sentiments hab ich nichts übrig. Ein jeglich Ding ist so, wie es ist, und kann nichts abgetan werden. Die Gelder zu standesgemäßem Wandel wird dir der Jud Lewi allmonatlich ausantworten; ein Weiteres gibt es nun und nimmer. Gehst du durch Leichtsinn und Suff vor die Hunde, wie so mancher adelige Bursch, so haben ich oder Serenissimus oder der zur Strecke gebrachte Hofpoet einen Sohn gehabt. Schreibsudlerei kannst du dir sparen, wasmaßen ich Briefe und sonstiges geschriebenes oder gedrucktes Zeugs nicht lese, obschon ich es einmal gelernt habe. Kommst du mir als ein rechter Kavalier zurück, so will ich annehmen, daß du von meinem Samen bist. Und jetzt troll dich von hinnen!«

Ich wollte etwas sagen, aber das Wort erstarb mir auf den Lippen.

Langsam wandte ich mich um.

Ein Glas flog mir nach, zerschellte an der Wand.

Zornig schüttelte mein Vater die Faust nach mir, als ich mich noch einmal umsah, und in seinen Augen waren blutigrote Adern.

Unten stand der alte Stephan und murmelte:

»Glaub der Herr Junker kein Wort! Die Frau Mutter war eine Heilige und thront in Gottes Angesicht!«

Da fiel ich dem treuen Diener um den Hals und schrie weinend nach der Mutter, als könnte ich sie aus dem Grabe rufen.

 

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