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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Am Karfreitag kam ich an der katholischen Kirche vorbei und spähte nach allen Seiten, ob das Lorle nicht käme.

Aber ich sah nur Leute, die in die Kirche gingen, Männer, Frauen und Kinder, und immer, wenn das Tor sich auftat, wehten traurige tiefe Klänge heraus.

Das Lorle war die Tochter des Sattlermeisters Höllbrich, ganz jung noch, und ich lockte sie in unseren Park. Sie wollte die zahmen Rehe sehen und den Damhirsch. Und in der Futterhütte war es geschehen.

Ich hatte vieles gelernt in der letzten Zeit, konnte Wein schlucken wie Wasser und hinter den Hatzrüden reiten und Mädchen ins Gras werfen. Es gab welche, die weinten bitter. Das Lorle aber lachte und sagte: »Einmal hat es sein müssen –«

Indes ich wartete, kam ein kleiner und arg zerlumpter Bub, sah mich mit listigen Äuglein an und fragte: »Sind Sie der Herr Baron Dronte?« Und als ich bejahte, zog er flugs aus seinem Hemd ein Brieflein aus veilchenfarbenem Papier und steckte es mir zu. Dann lief er rasch davon.

Ich ärgerte mich sehr, daß sie mich warten ließ, und dachte daran, daß sie dem Thilo auch liebe Äuglein machte, wenn er an der Werkstatt vorüberkam. Da ich aber nicht wollte, daß mir beim Lesen des Briefes einer zusähe, trat ich in die Kirche.

Es war halbdunkel, und die Kerzenflammen funkelten. Vorne auf einem dreieckigen Leuchter standen viele Lichter, und gerade als ich eintrat, wurde eines verlöscht. Und eben sangen sie auf lateinisch zu weinenden Noten einen Psalm, den verstand ich. Er hieß: »Jerusalem Jerusalem – bekehre dich zum Herrn, deinem Gott«. Da wußte ich, daß es die Klagelieder des Propheten Jeremia waren, die ich aus der Schrift kannte.

Regungslos saßen die Chorherren in ihren geschnitzten Stühlen zu beiden Seiten des violett verhängten Altares, und ich erkannte den Vetter des Sassen, den Heinrich Sassen, unter ihnen und wunderte mich, wie so hager und streng sein Antlitz anzusehen war im unruhigen Glanz der Kerzen und im goldenen Schimmer der Zierate an den Wänden.

Neben mir pfiff es, wie Mäuse pfeifen. Das waren zwei alte Weiblein, die beteten, tief gebückt. Und wieder begannen sie oben im Chor zu singen und huben an mit dem hebräischen Buchstaben, der Ghimel oder das Kamel genannt wird. Aber dann drang mir die süße Traurigkeit des flehenden Singens tief ins Herz und machte, daß es sich auftat vor Gott. Ich dachte daran, wie räudig und verworfen ich sein müsse vor dem Heiland, der auch für mich die bittre Todespein auf sich genommen hatte, den sie gegeißelt, bespien, mit Domen gekrönt, seiner armen Kleider beraubt und nackend ans Kreuz geschlagen hatten. Und was war ich? In meiner Tasche knisterte der leichtfertige Brief eines Mädchens, das ich auf den schlimmen Weg gebracht, und in meinem Mund war der saure Geschmack des Weines von gestern. Immer schlimmer wurde es mit mir, und ich verstand es schon gut, einem wehrlosen Knecht mit der Peitsche übers Gesicht zu wischen und alte Diener die Treppe auf und nieder zu jagen. Aber dann schob sich wieder Lorles lachendes Gesicht mit der Stupsnase zwischen die reumütigen Gedanken, und in meinem Ohr summte zu den feierlichen Klängen, die von oben kamen, ihr freches Liedchen: »Phillis hat zwei weiße Täubchen und ein güldnes Vogelnest...«

Aber aus dem kecken Angesicht des Dirnleins wuchs ein anderes Gesicht, bleich und rein, von rotgoldenen Haaren umstrahlt wie von einem Heiligenschein, und mit heftigem, nie gefühltem Heimwehschmerz dachte ich an meine tote Base Aglaja, deren Andenken ich so elend gehalten hatte, daß mir nun jede recht war. Da war es mir auf einmal, als ob dunkle Strahlen in meine Augen drängen.

Langsam kam aus der Menge, die andächtig betend vor mir das Kirchenschiff füllte, ein Mann heran. Es durchzuckte mich, als ränne ein glühender Tropfen von meinem Scheitel durch den Leib. Unverwandt sah mich der immer näher Kommende an...

Sein Gesicht war ohne jede Falte, bräunlich und schön, seine Augen tief und dunkel, von unbeschreiblicher Güte. Zwischen den Brauen war eine waagrechte, feine, rote Narbe, wie auch ich sie an der gleichen Stelle trug. Ein kleiner schwarzer Bart beschattete die obere Lippe des weichen, edelgeschnittenen Mundes. In schweren Falten fiel ein weites rotbraunes Gewand um seinen schlanken Leib. Um das Haupt trug er ein schwarzes Tuch gewunden, und um den Hals hing eine Kette von Bernsteinkugeln. Niemand schien seiner zu achten denn ich. Niemand wandte sich nach ihm um, und dennoch gingen ihm alle aus dem Weg, als sähen sie ihn.

»Der Herr Jesus –«, stammelte ich und griff nach dem Herzen, das stille zu stehen drohte. Mir war es, als müßte ich mich weinend an dieser Brust bergen, mich ihm ausliefere, ihm, der alles wußte, was mich stieß und trieb, damit er mich errettete. Er kannte den Weg, seine Füße schritten ihn.

Aber er ging an mir vorüber mit einem Blick, in dem es wie Trauer lag. Er ging vorüber!

Eine Weile stand ich und konnte mich nicht regen. Weit draußen im Raum klangen Gesang und Orgelbrausen.

Da faßte ich mich, wandte mich um und lief ihm nach, Ärgernis genug erregend bei den Betern, die meine Hast störte und aus der Andacht riß.

Aber als ich aus dem Tor trat, lag der Platz leer.

Niemand war zu sehen. Nur der Tabakkrämer stand neben dem hölzernen Türken vor seiner Ladentüre und sah mich verwundert an.

Eilig fragte ich ihn nach dem Manne in der braunen Kutte.

Er zog ein Gesicht und meinte, der Weihrauch in der Kirche müsse mich benommen gemacht haben. Ich sei solcher katholischer Räuchlein ungewohnt. Und einer, der das reine Evangelium ehre, möge sich hüten vor dem Blendwerk aus Gold, Lichtern und blauem Dampf, das sie in solchen Baalskirchen trefflich herzurichten verstünden. Ein jeder habe acht, daß er nicht strauchle, sei er auch noch so vornehmer Geburt.

Zornig warf er seine Kalkpfeife auf das Pflaster, daß sie zerbrach, wandte mir den Rücken und ging in sein Gewölbe.

Ich aber lief in den Gassen umher, die auf den Platz mündeten, und fragte nach dem Mann. Niemand wußte etwas von ihm.

Und plötzlich riß es mich zusammen, als ob ein Blitz vor mir eingeschlagen hätte.

Das Wachsbild fiel mir ein, das mich gerettet hatte in frühester Kindheit, als in meinem Zimmer die stürzende Decke mein Bett begrub.

Der Mann aus dem Morgenlande, der Ewli.

Ich zog Lorles Brief aus der Tasche und zerriß ihn in tausend Stücke.

 

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