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Die Werke der Barmherzigkeit

Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Werke der Barmherzigkeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleKulturgeschichtliche Novellen
authorWilhelm Heinrich Riehl
year1923
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleDie Werke der Barmherzigkeit
pages163-220
created20030710
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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W. H. Riehl

Die Werke der Barmherzigkeit.

(1846 und 1856)


Erstes Kapitel

Der junge Grobschmied Konrad vom Weyher stand vor dem Amboß. »Tummle dich, Gesell! den Takt gehalten!« rief er lachend, indes er den wuchtigen Hammer leicht und sicher durch die Luft schwang, daß die Funkengarben beim Niederschlag den ganzen dämmerigen Raum durchsprühten und erleuchteten.

Dem Gesellen ging's nicht so flink ab – denn er trug Mieder und Röckchen und war eine frische Bauerndirne. Aber sie führte ihren Hammer auch nicht schlecht. Da war noch Nerv in dem sonngebräunten Arme der Jungfrau und doch ründete er sich zugleich in den feinsten Linien.

War eine Reihe tüchtiger Streiche geführt, dann stellte der Schmied den Hammer auf den Amboß, stützte den linken Ellbogen auf den Stiel, bog sich mit dem rechten Arm hinüber zu dem Mädchen, küßte sie, und lustig ging's wieder fort in der Arbeit.

In den Zweitakt des Hammerschlags sangen Meister und Gesell zuweilen ein zweistimmiges Stücklein. Aber halbwegs brachen sie dann meist die Weise wieder ab, weil sie nicht wußten, was süßer sei: zu singen oder zu reden.

»He, Grete! Wir zwei beide, du und ich, sind doch noch die einzigen Männer im Ort! Hielten wir das Nest nicht noch ein wenig zusammen, aus Schrecken vor Schwed und Kroat, vor Hunger und Pest wäre es längst gar auseinandergefallen!«

»Freilich, Konrad! Du bist gleichsam der Schultheiß und ich bin der Pfarrer.«

Das durfte Grete in Wahrheit sagen. Der rechte Pfarrer war, nachdem er mehrmals von Freund und Feind ausgeplündert und mißhandelt worden, davongelaufen ins Hessenland. Der Schultheiß aber war nur zu sehr da geblieben. Denn in dieser Zeit der allgemeinen Zuchtlosigkeit des Dreißigjährigen Krieges füllten die Beamten ihre Taschen, wetteiferten im Malträtieren des Volkes mit der hohen Generalität sämtlicher kriegführenden Parteien, schierten sich den Teufel um ihr Amt, und jeder waltete des Rechts nach seinem eigenen Corpus juris. Grete aber pflegte die Kranken, tröstete die Bedrängten – ja, sie war jetzt der rechte Pfarrer im Dorfe; und Konrad hielt die Bürger zu mutiger und kluger That zusammen, wenn neue Einquartierung kam, neue Plünderung, neue Stall- und Tafelrequisition für das Vieh und die Herren Offiziere, neue Gelderpressungen bald für einen großen Herrn, bald für einen großen Spitzbuben. Denn bei solcher Gelegenheit pflegte der Schultheiß über Land zu reiten, und wenn der Sturm vorbei war, kam er wieder heim.

»Wenn der lustige Hammerschlag so ins Ohr klingt, Grete, trapp, trapp! trapp, trapp! dann ist mir's oft, als sei das Rosseshufschlag und wie der Sturm sause ich auf meinem Rosse übers Feld dahin, als Soldat, Grete! Denn alle sind geschunden in dieser Zeit, nur der Soldat jubiliert! Jeder Soldat ist ein König worden, drum ist auch jeder so grob gegen den Schmied, wenn er sein Pferd beschlagen läßt. Aber mir Prügel zu geben, das hat doch noch kein Schwede und kein Kaiserlicher gewagt, da doch alle Schmiede der Umgegend wenigstens jedes Quartal einmal durchgefuchtelt werden. Ja, mein Schatz, wir wollen auch unter die Soldaten gehen!«

»Ach nein!« sprach Grete, nicht ganz so lustig wie vorher, »dann zögen ja die zwei letzten Männer fort aus dem Dorfe und wäre kein Schultheiß und kein Pfarrer mehr da, um die Gemeinde noch leidlich zusammenzuhalten!«

Es war dies Dorf aber Löhnberg an der Lahn, in der Grafschaft Nassau-Katzenellnbogen. Ehe der Krieg ausbrach, wohnten sechzig Familien innerhalb der Ringmauern – denn das Dorf besaß Stadtprivilegien; – von sechzig Feuerstätten aber rauchten jetzt nur noch zehn. Auf einer Anhöhe vor der Mauer liegt die Schmiedewerkstätte. Das Gebirg beginnt hier steiler das Flußthal einzuengen; in fast senkrecht jähem Fall steigt ein bewaldeter Berg der Schmiede gegenüber zu dem stillen, dunkelgrünen, schilfgesäumten Wasserspiegel nieder, und rechts im Vordergrunde erheben sich auf Felsklippen die Trümmer des Schlosses, welches Herr Graf Georg von Dillenburg nicht lange vor dem Kriege erst neu aufgebaut hatte.

Verachtet mir diesen Landstrich nicht, die rauhe Schönheit dieses Gaues, den armen ehrenfesten Menschenschlag! Tretet ein wenig vor aus des Schmiedes Thür, dann blickt ihr links in ein lustiges Wiesenthal; die wohlgeschützte Mittagseite seiner Berghänge ist von dem letzten, nördlichsten Rebgelände des Lahngrundes bedeckt. Es wächst da der Löhnberger Rote, der war in alter Zeit so berühmt wie sein Nachbar und Vetter, der Runkeler, und noch vor hundert und mehr Jahren soll ein Graf von Braunfels die Herren des Wetzlarer Reichskammergerichts mit einem Weine traktiert haben, den er bei Löhnberg in einem mit besonders heißer Sonne begnadeten Jahre selbst gezogen, und als der gräfliche Wirt nach der Tafel den Gästen zu raten gab, was für Wein sie getrunken, meinten die Herren, es sei ein kostbarer Burgunder gewesen. Doch läßt der Chronist unentschieden, ob der gute Geschmack des Löhnbergers oder der schlechte des Reichskammergerichts dieses Urteil eingegeben habe.

Daß aber neben dem firnen Roten auch firne Menschen in guten Jahrgängen in diesen Thälern gewachsen sind, davon soll diese Geschichte Kunde geben.

Es war im hohen Sommer, frühmorgens gegen drei Uhr, als die beiden in der Schmiede schon so scharf drauf los arbeiteten. Hätte Grete, die Braut des Schmieds, ihm nicht zugleich den Liebesdienst gethan, als Geselle einzutreten, so hätte Konrads Ofen wohl kalt müssen stehen bleiben. Denn weit und breit fand sich keine junge arbeitsfähige Mannschaft mehr fürs Handwerk.

Nicht bloß der Krieg, auch seine Gevatterin, die Pest, zog durch das Land. Ganze Dörfer starben aus; die fleißigsten Hände erlahmten und sorgten nur noch für die nächste Notdurft. Verzweiflung fraß das geschlagene Volk, und die Leute in diesen protestantischen Gauen fragten, ob denn unser Herrgott katholisch geworden sei, daß er so das ganze Land verderbe.

Ein furchtbarer Wahn hatte sich allmählich der Geister bemächtigt, alles menschliche Mitgefühl ertötend. Wer jäh an der Pest starb, den glaubte man durch Gottes Finger als einen Schuldigen abgeurteilt, durch Gottes Schwert als einen Armensünder gerichtet, und stritt, ob ihm ein ehrlich Begräbnis zu gönnen sei. Ja, man ließ die Pestkranken verschmachten, weil man vorgab, ihnen zu helfen sei nicht besser, als einen Dieb vom Galgen abzuschneiden. Vor drei Wochen noch hatte Konrad seinen verstorbenen Vetter auf einer Leiter selbst aus dem Hause tragen müssen, weil ihm die Gemeinde die Bahre verweigerte.

Jetzt aber erging ein geistliches Rundschreiben an alle Gemeinden, worin mit Worten der Schrift bewiesen stand, daß man auch in diesen Sterbensläuften dem Tode freudig sich fügen müsse, und wer an der Pest in dem Herrn sterbe, der werde in Christo wieder auferstehen, so gut wie die anderen. Also sei er nicht in der letzten Not zu verlassen und bei Nacht wie ein Hund zu verscharren.

Da erkannte sich die Selbstsucht, welche dem Aberglauben unter den Mantel gekrochen war, in ihrer Blöße, und mancher kehrte um und nahm sich wieder der verlassenen Kranken an.

In solchen Zeiten tritt der Mensch dem Menschen näher. Die Schutzhegen des Herkommens fallen; der sittliche Ernst, der in den Tagen allgemeiner Gefahr alles Volk überkommt, kann des Schildes der Sitte entbehren. So hielt sich auch der Schmied und seine Braut in Zucht und Ehren, ob sie gleich in dem halb ausgestorbenen Dorfe so fessellos hätten zusammen leben können, wie auf einer einsamen Insel. Nicht mehr Menschenfurcht war es, sondern die größere Nähe Gottes, was jetzt ihren Verkehr auch äußerlich in Maß und Schranken hielt.

»Fürchtest du dich nicht mehr, Konrad?« fragte Grete lächelnd und legte den Hammer nieder.

»Wenn uns unser Herrgott haben will, dann kann er uns auch ohne Pest kriegen,« antwortete Konrad. »Und so halte ich's denn mit jenem neunzigjährigen Weibchen, das eine schwere Krankheit in sich spürte und also gebetet hat: Herr, wie du willt! Doch wiss' – ich eil' noch nicht.«

»An die Pest denke ich nicht,« rief Grete, »sondern an den Schultheißen. Du hast mir viel zulieb gethan, da du um meinetwillen schon vor der Morgenglocke die Kohlen einzulegen wagtest, und nicht in mich drangst, dir zu sagen, weshalb ich des Nachmittags nicht schmieden kann und wo ich mich zu dieser Zeit umhertreibe. Daran habe ich deine echte Liebe erkannt.«

Nun gerade hätte der Schmied erst recht gerne gefragt, wo sie nachmittags hingehe. Aber Grete hielt ihm die Hand vor den Mund. Dann flüsterte sie ganz heimlich: »Als ich vorhin durch die Gäßchen zur Schmiede schlüpfte, hat der Ortsknecht aus dem Fenster geschaut und mir zugerufen: ›Grete, ich will Sie verwarnt haben! Der Schultheiß drückt noch die Augen zu, wenn ihr vor der Morgenglocke die Kohlen einlegt. Will er sie aber nicht mehr zudrücken, dann steckt er euch beide in den Turm!‹«

Es war nämlich vor längerer Zeit ein scharfes Mandat ergangen in den Dillenburger Landen, daß kein Schmied seine Esse heizen solle, bevor um vier Uhr das Morgenglöckchen geläutet habe. Denn auf den Dörfern waren wiederholt Feuersbrünste ausgebrochen, denen man bei den strohgedeckten Lehmhütten des Gebirgs kaum wehren konnte, veranlaßt durch das Schmieden in der Frühe, wann die Nachbarn noch im Schlafe lagen. Ueberdies riß der Unfug, schon um zwei Uhr am Amboß zu stehen, meist doch nur deshalb ein, weil Meister und Gesellen des Nachmittags in den Schenken faulenzen wollten.

Aber was galt ein solches Gesetz jetzt, wo alle Ordnung gelöst, wo alles Eigentum verwahrlost war, und selbst Wald- und Heidebrände manchmal bis zu den menschenleeren Dörfern drangen, dieselben umloderten und in Asche legten!

Konrad erwiderte darum gleichgültig: »Heuer, wo es im Gau wenigstens alle Tag einmal brennt, und der Tod stündlich an unserer Thür vorübergeht, fürchtet man sich nicht vor der alten Feuerordnung und dem Schultheißen von Löhnberg.«

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