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Die Welt von Gestern

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Welt von Gestern
publisherDeutscher Bücherbund
year1981
firstpub1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Agonie des Friedens

 

»The sun of Rome is set. Our day is gone.
Clouds, dews and dangers come; our deeds are done.«

Shakespeare, ›Julius Cäsar‹

 

So wenig wie seinerzeit Sorrent für Gorkij, bedeutete England in den ersten Jahren für mich ein Exil. Österreich bestand weiter, auch nach jener sogenannten ›Revolution‹ und dem ihr bald nachfolgenden Versuch der Nationalsozialisten, durch einen Handstreich und die Ermordung Dollfuß' das Land an sich zu reißen. Die Agonie meiner Heimat sollte noch vier Jahre dauern. Ich konnte zu jeder Stunde heimkehren, ich war nicht verbannt, nicht geächtet. Noch standen in meinem Salzburger Haus unbehelligt meine Bücher, noch trug ich meinen österreichischen Paß, noch war die Heimat meine Heimat, noch war ich dort Bürger – und Bürger mit vollen Rechten. Noch hatte nicht jener grauenhafte, jener keinem, der ihn nie am eigenen Leibe erlebt, erklärbare Zustand der Vaterlandslosigkeit begonnen, dieses nervenzerwühlende Gefühl, mit offenen wachen Augen im Leeren zu taumeln und zu wissen, daß man überall, wo man Fuß gefaßt hat, in jedem Augenblick zurückgestoßen werden kann. Aber ich stand erst am ersten Anfang. Immerhin war es ein anderes Kommen, als ich Ende Februar 1934 in Victoria Station ausstieg; anders sieht man eine Stadt, in der man entschlossen ist zu bleiben, als eine, die man nur als Gast betritt. Ich wußte nicht, für wie lange Zeit ich in London wohnen würde. Bloß eines war mir wichtig: wieder zu meiner eigenen Arbeit zu gelangen, meine innere, meine äußere Freiheit zu verteidigen. Ich nahm mir, weil aller Besitz schon wieder Bindung bedeutet, darum kein Haus, sondern mietete ein kleines Fiat, gerade groß genug, um in zwei Wandschränken die wenigen Bücher zu bergen, die ich nicht zu entbehren gewillt war, und um einen Schreibtisch aufzustellen. Damit hatte ich eigentlich alles, was ein geistiger Arbeiter um sich braucht. Für Geselligkeit blieb freilich kein Raum. Aber ich wollte lieber in engstem Rahmen wohnen, um zwischendurch frei reisen zu können: schon war mein Leben unbewußt auf das Provisorische und nicht mehr auf Bleiben gestellt.

Am ersten Abend – es dunkelte schon, und die Umrisse der Wände verschwammen in der Dämmerung – trat ich in die kleine Wohnung, die endlich bereit stand, und erschrak. Denn mir war in dieser Sekunde, als hätte ich jene andere kleine Wohnung betreten, die ich vor fast dreißig Jahren mir in Wien eingerichtet, ebenso klein die Zimmer, und der einzige gute Gruß dieselben Bücher an der Wand und die halluzinierten Augen von Blakes ›King John‹, der mich überallhin begleitete. Ich brauchte wahrhaftig einen Augenblick, um mich zu sammeln, denn Jahre und Jahre hatte ich mich nicht mehr an diese erste Wohnung erinnert. War dies ein Symbol, daß mein Leben – so lange in die Weite gespannt – nun rückschrumpfte ins Gewesene und ich selber mir zum Schatten wurde? Als ich vor dreißig Jahren jene Stube in Wien mir wählte, war es ein Anfang gewesen. Ich hatte noch nichts geschaffen oder nichts Wesentliches; meine Bücher, mein Name lebten noch nicht in meinem Land. Jetzt – in merkwürdiger Ähnlichkeit – waren meine Bücher aus ihrer Sprache wiederum entschwunden, was ich schrieb, blieb für Deutschland nun unbekannt. Die Freunde waren fern, der alte Kreis zerstört, das Haus mit seinen Sammlungen und Bildern und Büchern verloren; genau so wie damals war ich wieder von Fremde umgeben. Alles, was ich dazwischen versucht, getan, gelernt, genossen, schien weggeweht, ich stand mit mehr als fünfzig Jahren wieder an einem Anfang, war wieder Student, der vor seinem Schreibtisch saß und morgens in die Bibliothek trabte nur nicht so gläubig, nicht so enthusiastisch mehr, einen Schimmer von Grau auf dem Haar und ein leises Dämmern von Verzagtheit über der ermüdeten Seele.

 

Von jenen Jahren 1934 bis 1940 in England viel zu erzählen zögere ich, denn schon trete ich nahe heran an unsere Zeit, und wir alle haben sie beinahe gleichmäßig durchlebt, mit der gleichen, von Radio und Zeitung gehetzten Unruhe, den gleichen Hoffnungen und gleichen Sorgen. Wir alle denken heute mit wenig Stolz an ihre politische Verblendung, und mit Grauen, wohin sie uns geführt; wer erklären wollte, müßte anklagen, und wer von uns allen hätte dazu ein Recht! Und dann: mein Leben in England war eine einzige Zurückhaltung. So töricht ich mich wußte, eine derart überflüssige Hemmung nicht bezähmen zu können, lebte ich in all diesen Jahren des Halbexils und Exils von allem freimütig Geselligen ausgeschaltet durch den Wahn, ich dürfe in einem fremden Lande nicht mitsprechen, wenn man die Zeit diskutierte. Ich hatte in Österreich nichts ausrichten können gegen die Torheit der führenden Kreise, wie sollte ich es hier versuchen, hier, wo ich mich als Gast dieser guten Insel fühlte, der wohl wußte, daß, wenn er – mit unserem klaren, besser informierten Wissen – auf die Gefahr hinwiese, die von Hitler der Welt drohe, man dies als persönlich interessierte Meinung nehmen würde? Freilich, es wurde manchmal hart, die Lippen zu verpressen angesichts der offenkundigen Fehler. Es war schmerzvoll zu sehen, wie gerade die höchste Tugend der Engländer, ihre Loyalität, ihr ehrlicher Wille, ohne Gegenbeweis jedem andern zunächst Glauben zu schenken, von einer musterhaft inszenierten Propaganda mißbraucht wurde. Immer wurde von neuem vorgegaukelt, Hitler wolle doch nur die Deutschen der Randgebiete an sich ziehen, dann sei er zufrieden und werde als Dank dafür den Bolschewismus ausrotten; dieser Köder wirkte vortrefflich. Hitler brauchte nur einmal das Wort ›Friede‹ auszusprechen in einer Rede, und leidenschaftlich jubelnd vergaßen die Zeitungen alles Begangene und fragten nicht weiter, wozu eigentlich Deutschland so tollwütig rüste. Aus Berlin heimkehrende Touristen, die man dort vorsorglich geführt und umschmeichelt, rühmten die Ordnung und ihren neuen Meister, allmählich begann man in England seine ›Ansprüche‹ auf ein Großdeutschland schon leise als berechtigt zu billigen – niemand begriff, daß Österreich der Stein in der Mauer war, und daß Europa niederbrechen mußte, sobald man ihn heraussprengte. Ich aber empfand die Naivität, die edle Gutgläubigkeit, mit der die Engländer und die Führenden unter ihnen sich betören ließen, mit den brennenden Augen eines, der zu Hause die Gesichter der Sturmtruppen von nahe gesehen und sie singen gehört: »Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt.« Je mehr die politische Spannung sich verschärfte, um so mehr zog ich mich darum von Gesprächen zurück und von jeder öffentlichen Aktion. England ist das einzige Land der alten Welt, in dem ich nie einen Artikel zeitgebundener Art in einer Zeitung veröffentlichte, nie im Radio gesprochen, nie mich an einer öffentlichen Diskussion beteiligt habe; ich habe dort anonymer in meiner kleinen Wohnung gelebt als dreißig Jahre vordem der Student in der seinen in Wien. So habe ich kein Recht, England als gültiger Zeuge zu schildern, um so weniger als ich mir späterhin gestehen mußte, daß ich vor dem Kriege nie wirklich Englands tiefste, ganz in sich verhaltene und nur in der Stunde äußerster Gefahr sich enthüllende Kraft erkannt.

Auch von den Schriftstellern sah ich nicht viele. Gerade die beiden, denen ich mich später zu verbinden begonnen hatte, John Drinkwater und Hugh Walpole, nahm der Tod frühzeitig hinweg, den Jüngeren wiederum begegnete ich nicht oft, da ich, aus jenem unselig mich belastenden Unsicherheitsgefühl des ›foreigners‹, Klubs, Diners und öffentliche Veranstaltungen mied. Immerhin hatte ich einmal den besonderen und wirklich unvergeßlichen Genuß, die beiden schärfsten Köpfe, Bernard Shaw und H. G. Wells, in einer unterirdisch geladenen, äußerlich ritterlichen und brillanten Auseinandersetzung zu sehen. Es war bei einem Lunch in engstem Kreise bei Shaw, und ich befand mich in der teilweise anziehenden, teilweise peinlichen Situation eines, der nicht vorher Bescheid darüber wußte, was eigentlich die unterirdische Spannung erregte, die elektrisch zwischen den beiden Patriarchen zu fühlen war, schon an der Art, wie sie einander begrüßten, mit einer von Ironie leicht durchsetzten Vertraulichkeit – es mußte zwischen ihnen eine prinzipielle Meinungsverschiedenheit bestanden haben, die kurz zuvor beigelegt worden war oder durch diesen Lunch beigelegt werden sollte. Diese beiden großen Gestalten, jede ein Ruhm Englands, hatten vor einem halben Jahrhundert im Kreise der ›Fabier‹ Schulter an Schulter für den damals gleichfalls noch jungen Sozialismus gekämpft. Seitdem hatten sie sich gemäß ihrer sehr bestimmten Persönlichkeiten mehr und mehr voneinander entwickelt, Wells in seinem aktiven Idealismus beharrend, unermüdlich an seiner Vision der Menschheitszukunft bauend, Shaw dagegen immer mehr das Zukünftige wie das Gegenwärtige skeptisch-ironisch betrachtend, um daran sein überlegen-amüsiertes Denkspiel zu erproben. Auch in der körperlichen Erscheinung hatten sie sich mit den Jahren immer mehr zu Gegensätzen geformt. Shaw, der unwahrscheinlich frische Achtzigjährige, der beim Essen nur Nüsse und Früchte knabberte, hoch, hager, unablässig gespannt, immer ein scharfes Lachen um die leicht gesprächigen Lippen und mehr noch verliebt in das Feuerwerk seiner Paradoxe als jemals, Wells, der lebensfreudige Siebzigjährige, genießerischer, behaglicher als je vordem, klein, rotbackig und unerbittlich ernst hinter seiner gelegentlichen Heiterkeit. Shaw blendend in der Aggressivität, rasch und behende die Punkte des Vorstoßes wechselnd, der andere in taktisch starker Verteidigung, unerschütterlich wie immer der Gläubige und Überzeugte. Ich hatte gleich den Eindruck, daß Wells nicht bloß zu einem freundschaftlichen Lunchgespräch gekommen war, sondern zu einer Art prinzipieller Auseinandersetzung. Und gerade weil ich nicht über die Hintergründe des gedanklichen Konflikts informiert war, spürte ich das Atmosphärische um so stärker. Es flackerte in jeder Geste, jedem Blick, jedem Wort der beiden eine oft übermütige, aber doch wohl ziemlich ernste Rauflust; es war, wie wenn zwei Fechter, ehe sie einander scharf angehen, mit kleinen tastenden Stößen die eigene Wendigkeit ausproben. Die größere Rapidität des Intellekts besaß Shaw. Es blitzte immer unter seinen buschigen Augenbrauen, wenn er eine Antwort gab oder parierte, seine Lust am Witz, am Wortspiel, die er in sechzig Jahren zu einer Virtuosität ohnegleichen vervollkommnet hatte, steigerte sich zu einer Art Übermut. Sein weißer, buschiger Bart bebte manchmal von grimmigem leisem Lachen, und den Kopf ein bißchen schief neigend, schien er immer seinem Pfeil nachzublicken, ob er auch getroffen habe. Wells mit seinen roten Bäckchen und den ruhigen, verdeckten Augen hatte mehr Schärfe und Geradheit; auch sein Verstand arbeitete ungemein rapid, aber er schlug nicht solche schillernden Volten, er stieß lieber locker und gerade mit einer leichten Selbstverständlichkeit zu. Das ging so scharf und so rasch blitzend hin und her, Parade und Hieb, Hieb und Parade, immer scheinbar im Spaßhaften bleibend, daß der Unbeteiligte das Fleuretspiel, das Funkeln und Aneinandervorbeischlagen nicht genug bewundern konnte. Aber hinter diesem raschen und ständig auf höchster Ebene geführten Dialog stand eine Art geistiger Ergrimmtheit, die sich auf englische Art nobel in den dialektisch urbansten Formen disziplinierte. Es war – und dies machte die Diskussion dermaßen spannend – Ernst im Spiel und Spiel im Ernst, ein scharfes Gegeneinander zweier polarer Charaktere, das nur scheinbar am Sachlichen sich entzündete, in Wirklichkeit aber in mir unbekannten Gründen und Hintergründen unwandelbar festgelegt war. Jedenfalls hatte ich die beiden besten Männer Englands in einem ihrer besten Augenblicke gesehen, und die Fortsetzung dieser Polemik, die in den nächsten Wochen in der ›Nation‹ in gedruckter Form ausgetragen wurde, bereitete mir dann nicht ein Hundertstel der Lust wie dieser temperamentvolle Dialog, weil hinter den abstrakt gewordenen Argumenten nicht mehr der lebendige Mensch, nicht mehr die eigentliche Wesenheit so sichtbar wurde. Aber selten habe ich das Phosphoreszieren von Geist zu Geist durch gegenseitige Reibung so sehr genossen, in keiner Theaterkomödie die Kunst des Dialogs – nie vordem und nie nachdem – so virtuos geübt gesehen wie bei diesem Anlaß, da sie absichtslos, untheatralisch und in den nobelsten Formen sich vollendete.

 

Aber nur räumlich und nicht mit meiner ganzen Seele lebte ich in jenen Jahren in England. Und es war gerade die Sorge um Europa, diese schmerzhaft auf unsere Nerven drückende Sorge, die mich in diesen Jahren zwischen Hitlers Machtergreifung und dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges viel reisen und sogar zweimal über den Ozean fahren ließ. Vielleicht drängte mich das Vorgefühl, daß man sich, solange die Welt offenstand und Schiffe friedlich ihre Bahn über die Meere ziehen durften, für dunklere Zeiten an Eindrücken und Erfahrungen aufspeichern sollte, soviel das Herz zu fassen vermochte, vielleicht auch die Sehnsucht, zu wissen, daß, während unsere Welt sich durch Mißtrauen und Zwietracht zerstörte, eine andere sich aufbaute, vielleicht sogar eine noch ganz dämmerhafte Ahnung, daß unsere und selbst meine persönliche Zukunft jenseits von Europa läge. Eine Vortragsreise quer durch die Vereinigten Staaten bot mir willkommene Gelegenheit, dieses mächtige Land in all seiner Vielfalt und doch inneren Geschlossenheit von Osten nach Westen, von Norden nach Süden zu sehen. Aber noch stärker wurde vielleicht der Eindruck Südamerikas, wohin ich gerne einer Einladung zum Kongreß des Internationalen Penklubs folgte; nie schien es mir wichtiger als in jenem Augenblick, den Gedanken der geistigen Solidarität über Länder und Sprachen hin zu bekräftigen. Die letzten Stunden in Europa vor dieser Reise gaben noch bedenkliche Mahnung auf den Weg mit. In jenem Sommer 1936 hatte der spanische Bürgerkrieg begonnen, der oberflächlich gesehen nur ein innerer Zwist dieses schönen und tragischen Landes, in Wirklichkeit aber schon das vorbereitende Manöver der beiden ideologischen Machtgruppen für ihren künftigen Zusammenstoß war. Ich war von Southhampton mit einem englischen Schiff abgefahren und eigentlich der Meinung, der Dampfer werde, um dem Kriegsgebiet auszuweichen, die sonst übliche erste Station Vigo vermeiden. Zu meiner Überraschung fuhren wir dennoch in den Hafen ein, und es wurde uns Passagieren sogar gestattet, für einige Stunden an Land zu gehen. Vigo befand sich damals in den Händen der Franco-Leute und lag weit ab von dem eigentlichen Kriegsschauplatz. Dennoch bekam ich in diesen wenigen Stunden einiges zu sehen, was berechtigten Anlaß zu bedrückenden Gedanken geben konnte. Vor dem Rathaus, von dem die Flagge Francos wehte, standen, meist von Priestern geführt, junge Burschen in ihren bäuerlichen Gewändern aufgereiht, offenbar aus den nachbarlichen Dörfern herangeholt. Ich verstand im ersten Augenblick nicht, was man mit ihnen vorhatte. Waren es Arbeiter, die man anwarb für irgendeinen Notdienst? Waren es Arbeitslose, die dort verköstigt werden sollten? Aber nach einer Viertelstunde sah ich dieselben jungen Burschen verwandelt aus dem Rathaus herauskommen. Sie trugen blitzblanke, neue Uniformen, Gewehre und Bajonette; unter der Aufsicht von Offizieren wurden sie auf ebenfalls ganz neue und blitzblanke Automobile verladen und sausten durch die Straßen aus der Stadt hinaus. Ich erschrak. Wo hatte ich das schon einmal gesehen? In Italien zuerst und dann in Deutschland! Da und dort waren plötzlich diese tadellosen neuen Uniformen dagewesen und die neuen Automobile und Maschinengewehre. Und wieder fragte ich mich: wer liefert, wer bezahlt diese neuen Uniformen, wer organisiert diese jungen blutarmen Menschen, wer treibt sie gegen die bestehende Macht, gegen das gewählte Parlament, gegen ihre eigene legale Volksvertretung? Der Staatsschatz befand sich, wie ich wußte, in den Händen der legalen Regierung, und ebenso die Waffendepots. Es mußten also diese Automobile, diese Waffen aus dem Ausland geliefert worden sein, und sie waren zweifellos aus dem nahen Portugal über die Grenze gekommen. Aber wer hatte sie geliefert, wer sie bezahlt? Es war eine neue Macht, die zur Herrschaft kommen wollte, ein und dieselbe Macht, die da und dort am Werke war, eine Macht, die Gewalt liebte, Gewalt benötigte, und der all die Ideen, denen wir anhingen und für die wir lebten, Friede, Humanität, Konzilianz als antiquierte Schwächlichkeiten galten. Es waren geheimnisvolle Gruppen, verborgen in ihren Büros und Konzernen, die sich des naiven Idealismus der Jugend zynisch bedienten für ihren Machtwillen und ihre Geschäfte. Es war der Wille zur Gewalt, der mit einer neuen, subtileren Technik die alte Barbarei des Krieges über unser unseliges Europa bringen wollte. Immer hat ein einziger optischer, sinnlicher Eindruck mehr Macht über die Seele als tausend Zeitungsartikel und Broschüren. Und nie stärker als in dieser Stunde, da ich sah, wie diese jungen, unschuldigen Burschen von geheimnisvollen Drahtziehern im Hintergrunde mit Waffen versehen wurden, die sie gegen ebenso unschuldige junge Burschen ihres eigenen Vaterlandes wenden sollten, überkam mich eine Ahnung dessen, was uns, was Europa bevorstand. Als dann das Schiff nach einigen Stunden Aufenthalts wieder abstieß, ging ich rasch hinab in die Kabine. Es war mir zu schmerzlich, noch einen Blick auf dieses schöne Land zu tun, das durch fremde Schuld grauenhafter Verwüstung anheimgefallen war; todgeweiht schien mir Europa durch seinen eigenen Wahn, Europa, unsere heilige Heimat, die Wiege und das Parthenon unserer abendländischen Zivilisation.

Um so beglückender bot sich dann der Blick auf Argentinien. Da war Spanien noch einmal, seine alte Kultur, behütet und bewahrt in einer neuen, weiteren, noch nicht mit Blut gedüngten, noch nicht mit Haß vergifteten Erde. Da war Fülle der Nahrung, Reichtum und Überschuß, da war unendlicher Raum und damit künftige Nahrung. Unermeßliche Beglückung und eine Art neuer Zuversicht kamen über mich. Waren nicht seit Tausenden Jahren die Kulturen gewandert von einem Land zum andern, waren nicht immer, wenn der Baum auch der Axt verfallen, die Samen gerettet worden und damit neue Blüten, neue Frucht? Was Generationen vor uns und um uns geschaffen, es ging doch niemals ganz verloren. Man mußte nur lernen, in größeren Dimensionen zu denken, mit weiteren Zeiträumen zu rechnen. Man sollte beginnen, sagte ich mir, nicht mehr bloß europäisch zu denken, sondern über Europa hinaus, nicht sich selbst in einer absterbenden Vergangenheit begraben, sondern teilhaben an ihrer Wiedergeburt. Denn an der Herzlichkeit, mit der die ganze Bevölkerung dieser neuen Millionenstadt an unserem Kongreß teilnahm, erkannte ich, daß wir hier nicht fremd waren, und daß hier der Glaube an die geistige Einheit, dem wir das Beste unseres Lebens zugewendet, noch lebte und galt und wirkte, daß also in unserer Zeit der neuen Geschwindigkeiten auch der Ozean nicht mehr trennte. Eine neue Aufgabe war da statt der alten: die Gemeinsamkeit, die wir erträumten, in weiterem Maß und in kühneren Zusammenfassungen aufzubauen. Hatte ich Europa verlorengegeben seit jenem letzten Blick auf den kommenden Krieg, so begann ich unter dem Kreuz des Südens wieder zu hoffen und zu glauben.

Ein nicht weniger mächtiger Eindruck, eine nicht geringere Verheißung ward mir Brasilien, dieses von der Natur verschwenderisch beschenkte Land mit der schönsten Stadt auf Erden, dieses Land, dessen riesigen Raum noch heute nicht die Bahnen, nicht die Straßen und kaum das Flugzeug ganz zu durchmessen vermögen. Hier war die Vergangenheit sorgsamer bewahrt als in Europa selbst, hier war noch nicht die Verrohung, die der erste Weltkrieg mit sich gebracht, in die Sitten, in den Geist der Nationen eingedrungen. Friedlicher lebten hier die Menschen zusammen, höflicher, nicht so feindselig wie bei uns war der Verkehr selbst zwischen den verschiedensten Rassen. Hier war nicht durch absurde Theorien von Blut und Stamm und Herkunft der Mensch abgeteilt vom Menschen, hier konnte man, so fühlte man mit merkwürdiger Ahnung voraus, noch friedlich leben, hier war der Raum, um dessen ärmste Quentchen in Europa die Staaten kämpften und die Politiker quengelten, in ungemessener Fülle der Zukunft bereit. Hier wartete das Land noch auf den Menschen, daß er es nutze und mit seiner Gegenwart erfülle. Hier konnte, was Europa an Zivilisation geschaffen, in neuen und anderen Formen sich großartig fortsetzen und entwickeln. Ich hatte, das Auge beglückt durch die tausendfältige Schönheit dieser neuen Natur, einen Blick in die Zukunft getan.

Aber reisen und selbst weithin reisen bis unter andere Sterne und in andere Welten hieß nicht Europa und der Sorge um Europa entfliehen. Fast scheint es boshafte Rache der Natur an dem Menschen, daß alle die Errungenschaften der Technik, dank derer er die geheimnisvollsten ihrer Gewalten in seine Hände gerafft, ihm gleichzeitig die Seele verstören. Keinen schlimmeren Fluch hat die Technik über uns gebracht, als daß sie uns verhindert, auch nur für einen Augenblick der Gegenwart zu entfliehen. Frühere Geschlechter konnten sich in Katastrophenzeiten zurückflüchten in Einsamkeit und Abseitigkeit; uns erst war es vorbehalten, alles in der gleichen Stunde und Sekunde wissen und empfinden zu müssen, was irgendwo Schlimmes auf unserem Erdball geschieht. Wie weit ich mich auch entfernte von Europa, sein Schicksal ging mit mir. In Pernambuco landend des Nachts, das Kreuz des Südens über dem Haupt, dunkelfarbige Menschen um mich in den Straßen, sah ich angeschlagen auf einem Blatt die Nachricht über das Bombardement von Barcelona und die Erschießung eines spanischen Freundes, mit dem ich vor einigen Monaten gemeinsame gute Stunden verbracht. In Texas, zwischen Houston und einer anderen Petroleumstadt im Pullman-Wagen hinsausend, hörte ich plötzlich jemanden heftig deutsch schreien und toben: ein ahnungsloser Mitreisender hatte das Radio des Zuges auf die Welle Deutschland gestellt, und so mußte ich, hinrollend im Zug durch die Ebene von Texas, einer Brandrede Hitlers lauschen. Es gab kein Entfliehen, nicht tags und nicht nachts; immer mußte ich mit quälender Sorge an Europa denken und innerhalb Europas immer an Österreich. Vielleicht scheint es kleinlicher Patriotismus, daß in dem ungeheuren Komplex der Gefahr, der von China bis hinüber an den Ebro und Manzanares reicht, mich gerade das Schicksal Österreichs besonders beschäftigte. Aber ich wußte, daß das Schicksal ganz Europas an dieses kleine Land – zufällig mein Heimatland – gebunden war. Wenn man rückblickend versucht, die Fehler der Politik nach dem Weltkriege aufzuweisen, so wird man als den größten erkennen, daß die europäischen ebenso wie die amerikanischen Politiker den klaren, einfachen Plan Wilsons nicht durchgeführt, sondern verstümmelt haben. Seine Idee war, den kleinen Nationen Freiheit und Selbständigkeit zu geben, aber er hatte richtig erkannt, daß diese Freiheit und Selbständigkeit nur haltbar sein könnte innerhalb einer Bindung aller großen und kleinen Staaten zu einer übergeordneten Einheit. Indem man diese übergeordnete Organisation – den wirklichen, den totalen Völkerbund – nicht schuf und nur den andern Teil seines Programms, die Selbständigkeit der kleinen Staaten, verwirklichte, erzeugte man statt Beruhigung ständige Spannung. Denn nichts ist gefährlicher als die Großmannssucht der Kleinen, und das erste der kleinen Staaten, kaum daß sie geschaffen wurden, war, gegeneinander zu intrigieren und sich um winzige Landstriche zu streiten, Polen gegen Tschechen, Ungarn gegen Rumänen, Bulgaren gegen Serben, und als der Schwächste von allen in diesen Rivalitäten stand das winzige Österreich gegen das übermächtige Deutschland. Dieses zerstückelte, verstümmelte Land, dessen Herrscher einst über Europa geschaltet, war, ich muß es immer wiederholen, der Stein in der Mauer. Ich wußte, was alle diese Menschen in der englischen Millionenstadt um mich nicht wahrnehmen konnten, daß mit Österreich die Tschechoslowakei fallen müßte und der Balkan dann Hitler offen zur Beute liegen, daß der Nationalsozialismus mit Wien, dank dessen besonderer Struktur, den Hebel in die harte Hand bekommen würde, mit dem er ganz Europa auflockern und aus den Angeln heben könnte. Nur wir Österreicher wußten, mit welcher von Ressentiment gestachelten Gier es Hitler nach Wien trieb, der Stadt, die ihn im niedersten Elend gesehen und in die er einziehen wollte als Triumphator. Jedesmal darum, wenn ich zu flüchtigem Besuch nach Österreich und dann wieder zurück über die Grenze kam, atmete ich auf: »Diesmal noch nichts und sah zurück, als ob es das letztemal gewesen sei. Ich sah die Katastrophe kommen, unvermeidlich; Hunderte Male am Morgen in all jenen Jahren, während die andern zuversichtlich nach der Zeitung griffen, habe ich mich innerlich vor der Schlagzeile gefürchtet: Finis Austriae. Ach, wie hatte ich mich selbst betrogen, als ich mir vortäuschte, ich hätte mich längst losgelöst von seinem Schicksal! Ich litt von ferne seine langsame und fiebrige Agonie täglich mit – unendlich mehr als meine Freunde im Lande, die sich selber betrogen mit patriotischen Demonstrationen, und deren einer dem andern täglich versicherte: »Frankreich und England können uns nicht fallen lassen. Und vor allem Mussolini wird es nie erlauben.« Sie glaubten an den Völkerbund, an die Friedensverträge wie Kranke an Medizin mit schönen Etiketten. Sie lebten sorglos und glücklich dahin, indes ich, der deutlicher sah, mir das Herz zersorgte.

Auch meine letzte Reise nach Österreich war durch nichts anderes begründet als durch einen solchen spontanen Ausbruch innerer Angst vor der immer näher kommenden Katastrophe. Ich war im Herbst 1937 in Wien gewesen, meine alte Mutter zu besuchen, und hatte für längere Zeit dort nichts zu erledigen; nichts Dringliches rief mich hin. An einem Mittag, wenige Wochen später – es muß gegen Ende November gewesen sein – ging ich über Regent Street nach Hause und kaufte mir im Vorübergehen den ›Evening Standard‹. Es war der Tag, an dem Lord Halifax nach Berlin flog, um zum erstenmal zu versuchen mit Hitler persönlich zu verhandeln. In dieser Ausgabe des ›Evening Standard‹ waren nun auf der ersten Seite – ich sehe sie noch optisch vor mir, der Text stand fettgedruckt auf der rechten Seite – die einzelnen Punkte aufgezählt, über die Halifax mit Hitler zu einem Einverständnis kommen wollte. Unter ihnen befand sich auch der Paragraph Österreich. Und zwischen den Zeilen fand ich darin oder glaubte ich zu lesen: die Preisgabe Österreichs, denn was konnte eine Aussprache mit Hitler anderes bedeuten? Wir Österreicher wußten doch, in diesem Punkte würde Hitler nie nachgeben. Merkwürdigerweise war diese programmatische Aufzählung der Diskussionsthemen einzig in jener Mittagsausgabe des ›Evening Standard‹ enthalten und aus allen späteren Ausgaben derselben Zeitung am Spätnachmittag schon wieder spurlos verschwunden. (Wie ich später gerüchtweise hörte, war angeblich diese Information der Zeitung von der italienischen Gesandtschaft zugeschanzt worden, denn vor nichts fürchtete sich Italien 1937 noch mehr als vor einer Einigung Deutschlands und Englands hinter seinem Rücken.) Wieviel an dieser – von der großen Menge wohl unbemerkten – Notiz in dieser einen Ausgabe des ›Evening Standard‹ sachlich richtig oder unrichtig gewesen sein mag, weiß ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur, wie maßlos ich persönlich erschrak bei dem Gedanken, es werde bereits zwischen Hitler und England über Österreich verhandelt; ich schäme mich nicht zu sagen, daß mir das Zeitungsblatt in den Händen zitterte. Falsch oder wahr, die Nachricht erregte mich wie keine seit Jahren, denn ich wußte, wenn sie sich auch nur in einem Bruchteil bewahrheitete, dann war dies der Anfang vom Ende, dann fiel der Stein aus der Mauer und die Mauer mit ihm. Ich kehrte sofort um, sprang in den nächsten Autobus, auf dem ›Victoria Station‹ stand und fuhr zu den Imperial Airways, um zu fragen, ob für den nächsten Morgen noch ein Flugplatz verfügbar sei. Ich wollte noch einmal meine alte Mutter, meine Familie, meine Heimat sehen. Zufälligerweise bekam ich noch ein Billett, warf rasch ein paar Dinge in den Koffer und flog nach Wien.

Meine Freunde staunten, daß ich so rasch und so plötzlich wiederkam. Aber wie verlachten sie mich, als ich meine Sorge andeutete; ich sei noch immer der alte ›Jeremias‹, spotteten sie. Ob ich denn nicht wisse, daß die ganze österreichische Bevölkerung jetzt hundertprozentig hinter Schuschnigg stünde? Sie rühmten umständlich die großartigen Demonstrationen der ›Vaterländischen Front‹, während ich doch schon in Salzburg beobachtet hatte, daß die meisten dieser Demonstranten das vorgeschriebene Einheitsabzeichen nur außen auf dem Rockkragen trugen, um ihre Stellung nicht zu gefährden, gleichzeitig aber in München längst zur Vorsicht bei den Nationalsozialisten eingeschrieben waren – ich hatte zuviel Geschichte gelernt und geschrieben, um nicht zu wissen, daß die große Masse immer sofort zu der Seite hinüberrollt, wo die Schwerkraft der momentanen Macht liegt. Ich wußte, daß dieselben Stimmen, die heute ›Heil Schuschnigg‹ riefen, morgen ›Heil Hitler‹ brausen würden. Aber alle in Wien, die ich sprach, zeigten ehrliche Sorglosigkeit. Sie luden sich gegenseitig in Smoking und Frack zu Geselligkeiten (nicht ahnend, daß sie bald die Sträflingstracht der Konzentrationslager tragen würden), sie überliefen die Geschäfte mit Weihnachtseinkäufen für ihre schönen Häuser (nicht ahnend, daß man sie ihnen wenige Monate später nehmen und plündern würde). Und diese ewige Sorglosigkeit des alten Wien, die ich vordem so sehr geliebt, und der ich eigentlich mein ganzes Leben nachträume, diese Sorglosigkeit, die der Wiener Nationaldichter Anzengruber einmal in das knappe Axiom gefaßt: »Es kann dir nix g'schehn«, sie tat mir zum ersten Male weh. Aber vielleicht waren sie im letzten Sinne weiser als ich, all diese Freunde in Wien, weil sie alles erst erlitten, als es wirklich geschah, indes ich das Unheil im voraus schon phantasiehaft erlitt und im Geschehen dann noch ein zweitesmal. Immerhin – ich verstand sie nicht mehr und konnte mich ihnen nicht verständlich machen. Nach dem zweiten Tag warnte ich niemanden mehr. Wozu Menschen verstören, die sich nicht stören lassen wollten?

Aber man nehme es nicht als nachträgliche Aufschmückung, sondern als lauterste Wahrheit, wenn ich sage: ich habe in jenen letzten zwei Tagen in Wien jede einzelne der vertrauten Straßen, jede Kirche, jeden Garten, jeden alten Winkel der Stadt, in der ich geboren war, mit einem verzweifelten, stummen ›Nie mehr‹ angeblickt. Ich habe meine Mutter umarmt mit diesem geheimen ›Es ist das letztemal‹. Alles in dieser Stadt, in diesem Land habe ich empfunden mit diesem ›Nie wieder!‹, mit dem Bewußtsein, daß es ein Abschied war, der Abschied für immer. An Salzburg, der Stadt, wo das Haus stand, in dem ich zwanzig Jahre gearbeitet, fuhr ich vorbei, ohne auch nur an der Bahnstation auszusteigen. Ich hätte zwar vom Waggonfenster aus mein Haus am Hügel sehen können mit all den Erinnerungen abgelebter Jahre. Aber ich blickte nicht hin. Wozu auch? – ich würde es doch nie wieder bewohnen. Und in dem Augenblick, wo der Zug über die Grenze rollte, wußte ich wie der Urvater Lot der Bibel, daß alles hinter mir Staub und Asche war, zu bitterem Salz erstarrte Vergangenheit.

 

Ich meinte, alles Furchtbare vorausgefühlt zu haben, was geschehen könnte, wenn Hitlers Haßtraum sich erfüllen und er Wien, die Stadt, die ihn als jungen Menschen arm und erfolglos von sich gestoßen, als Triumphator besetzen würde. Aber wie zaghaft, wie klein, wie kläglich erwies sich meine, erwies sich jede menschliche Phantasie gegen die Unmenschlichkeit, die sich entlud an jenem 13. März 1938, dem Tage, da Österreich und damit Europa der nackten Gewalt zur Beute fiel! Jetzt sank die Maske. Da die andern Staaten offen ihre Furcht gezeigt, brauchte sich die Brutalität keinerlei moralische Hemmung mehr aufzuerlegen, sie bediente sich – was galt noch England, was Frankreich, was die Welt? – keiner heuchlerischen Vorwände mehr von ›Marxisten‹, die politisch ausgeschaltet werden sollten. Jetzt wurde nicht mehr bloß geraubt und gestohlen, sondern jedem privaten Rachegelüst freies Spiel gelassen. Mit nackten Händen mußten Universitätsprofessoren die Straßen reiben, fromme weißbärtige Juden wurden in den Tempel geschleppt und von johlenden Burschen gezwungen, Kniebeugen zu machen und im Chor ›Heil Hitler‹ zu schreien. Man fing unschuldige Menschen auf der Straße wie Hasen zusammen und schleppte sie, die Abtritte der SA.-Kasernen zu fegen; alles, was krankhaft schmutzige Haßphantasie in vielen Nächten sich orgiastisch ersonnen, tobte sich am hellen Tage aus. Daß sie in die Wohnungen einbrachen und zitternden Frauen die Ohrgehänge abrissen – dergleichen mochte sich bei Städteplünderungen vor Hunderten Jahren in mittelalterlichen Kriegen ebenfalls ereignet haben; neu aber war die schamlose Lust des öffentlichen Quälens, die seelischen Marterungen, die raffinierten Erniedrigungen. All dies ist verzeichnet nicht von einem, sondern von Tausenden, die es erlitten, und eine ruhigere, nicht wie unsere moralisch schon ermüdete Zeit wird mit Schaudern einst lesen, was in dieser Stadt der Kultur im zwanzigsten Jahrhundert ein einziger haß wütiger Mensch verbrochen. Denn das ist Hitlers diabolischster Triumph inmitten seiner militärischen und politischen Siege diesem einen Manne ist es gelungen, durch fortwährende Übersteigerung jeden Rechtsbegriff abzustumpfen. Vor dieser ›Neuen Ordnung‹ hatte die Ermordung eines einzigen Menschen ohne Gerichtsspruch und äußere Ursache noch eine Welt erschüttert, Folterung galt für undenkbar im zwanzigsten Jahrhundert, Expropriierungen nannte man noch klar Diebstahl und Raub. Jetzt aber, nach den immer erneut sich folgenden Bartholomäusnächten, nach den täglichen Zutodefolterungen in den Zellen der SA. und hinter den Stacheldrähten, was galt da noch ein einzelnes Unrecht, was irdisches Leiden? 1938, nach Österreich, war unsere Welt schon so sehr an Inhumanität, an Rechtlosigkeit und Brutalität gewöhnt wie nie zuvor in Hunderten Jahren. Während vordem allein, was in dieser unglückseligen Stadt Wien geschehen, genügt hätte zur internationalen Ächtung, schwieg das Weltgewissen im Jahre 1938 oder murrte nur ein wenig, ehe es vergaß und verzieh.

 

Diese Tage, da täglich die Hilfeschreie aus der Heimat gellten, da man nächste Freunde verschleppt, gefoltert und erniedrigt wußte und für jeden hilflos zitterte, den man liebte, gehören für mich zu den furchtbarsten meines Lebens. Und ich schäme mich nicht zu sagen – so hat die Zeit unser Herz pervertiert –, daß ich nicht erschrak, nicht klagte, als die Nachricht vom Tode meiner alten Mutter kam, die wir in Wien zurückgelassen hatten, sondern daß ich im Gegenteil sogar eine Art Beruhigung empfand, sie vor allen Leiden und Gefahren nun gesichert zu wissen. Vierundachtzig Jahre alt, beinahe völlig ertaubt, hatte sie eine Wohnung in unserem Familienhause inne, durfte somit selbst nach den neuen ›Ariergesetzen‹ vorläufig nicht delogiert werden, und wir hatten gehofft, sie nach einiger Zeit doch auf irgendeine Weise ins Ausland bringen zu können. Gleich eine der ersten Wiener Verfügungen hatte sie hart getroffen. Sie war mit ihren vierundachtzig Jahren schon schwach auf den Beinen und gewohnt, wenn sie ihren täglichen kleinen Spaziergang machte, immer nach fünf oder zehn Minuten mühseligen Gehens auf einer Bank an der Ringstraße oder im Park auszuruhen. Noch war Hitler nicht acht Tage Herr der Stadt, so kam schon das viehische Gebot, Juden dürften sich nicht auf eine Bank setzen – eines jener Verbote, die sichtlich ausschließlich zu dem sadistischen Zweck des hämischen Quälens ersonnen waren. Denn Juden zu berauben, das hatte immerhin noch Logik und verständlichen Sinn, weil man mit dem Raubertrag der Fabriken, der Wohnungseinrichtungen, der Villen und mit den freigewordenen Stellen die eigenen Leute füttern, die alten Trabanten belohnen konnte; schließlich dankt die Bildergalerie Görings ihre Pracht hauptsächlich dieser großzügig geübten Praxis. Aber einer alten Frau oder einem erschöpften Greis zu verweigern, auf einer Bank für ein paar Minuten Atem zu holen, dies war dem zwanzigsten Jahrhundert und dem Manne vorbehalten, den Millionen als den Größten dieser Zeit anbeten.

Glücklicherweise blieb es meiner Mutter erspart, derlei Roheiten und Erniedrigungen lange mitzumachen. Sie starb wenige Monate nach der Besetzung Wiens, und ich kann nicht umhin, eine Episode festzuhalten, die mit ihrem Tode verbunden war; gerade daß solche Einzelheiten vermerkt werden, scheint mir wichtig für eine kommende Zeit, der derartige Dinge als unmöglich gelten müssen. Die vierundachtzigjährige Frau war morgens plötzlich bewußtlos geworden. Der herbeigerufene Arzt erklärte sofort, daß sie die Nacht kaum überleben würde und bestellte eine Wärterin, eine etwa vierzigjährige Frau, an ihr Sterbebett. Nun waren weder mein Bruder noch ich, ihre einzigen Kinder, zur Stelle und konnten natürlich nicht kommen, da auch Rückkehr an das Sterbebett einer Mutter den Vertretern der deutschen Kultur als ein Verbrechen gegolten hätte. So übernahm es ein Vetter von uns, den Abend in der Wohnung zu verbringen, damit wenigstens einer von der Familie bei ihrem Tode anwesend wäre. Dieser unser Vetter war damals ein Mann von sechzig Jahren, selbst nicht mehr gesund, und er ist tatsächlich auch ein Jahr später gestorben. Als er eben Vorbereitungen traf, im Nebenzimmer sein Bett für die Nacht aufzuschlagen, erschien – zu ihrer Ehre gesagt, ziemlich beschämt – die Pflegerin und erklärte, es sei ihr leider nach den neuen nationalsozialistischen Gesetzen nicht möglich, über Nacht bei der Sterbenden zu bleiben. Mein Vetter sei Jude, und sie als eine Frau unter fünfzig dürfe, auch bei einer Sterbenden, sich nicht gleichzeitig mit ihm unter demselben Dache über Nacht aufhalten, der Mentalität Streichers gemäß mußte ja eines Juden erster Gedanke sein, Rassenschande an ihr zu praktizieren. Selbstverständlich, sagte sie, sei ihr diese Vorschrift furchtbar peinlich, aber sie sei genötigt, sich den Gesetzen zu fügen. So war mein sechzigjähriger Vetter, nur damit die Pflegerin bei meiner sterbenden Mutter verbleiben konnte, gezwungen, abends das Haus zu verlassen; vielleicht versteht man nun, daß ich sie glücklich pries, nicht länger unter solchen Menschen leben zu müssen.

 

Der Fall Österreichs brachte in meiner privaten Existenz eine Veränderung mit sich, die ich zuerst als eine gänzlich belanglose und bloß formelle ansah; ich verlor damit meinen österreichischen Paß und mußte von den englischen Behörden ein weißes Ersatzpapier, einen Staatenlosenpaß erbitten. Oft hatte ich in meinen kosmopolitischen Träumereien mir heimlich ausgemalt, wie herrlich es sein müsse, wie eigentlich gemäß meinem inneren Empfinden, staatenlos zu sein, keinem Lande verpflichtet und darum allen unterschiedslos zugehörig. Aber wieder einmal mußte ich erkennen, wie unzulänglich unsere irdische Phantasie ist, und daß man gerade die wichtigsten Empfindungen erst versteht, sobald man sie selbst durchlitten hat. Zehn Jahre früher, als ich Dimitri Mereschkowskij einmal in Paris begegnete und er mir klagte, daß seine Bücher in Rußland verboten seien, hatte ich Unerfahrener noch ziemlich gedankenlos ihn zu trösten versucht, das besage doch nicht viel gegenüber internationaler Weltverbreitung. Aber wie deutlich begriff ich, als dann meine eigenen Bücher aus der deutschen Sprache verschwanden, seine Klage, nur in Übertragungen, in verdünntem, verändertem Medium das geschaffene Wort zur Erscheinung bringen zu können! Ebenso verstand ich erst in der Minute, da ich nach längerem Warten auf der Bittstellerbank des Vorraums in die englische Amtsstube eingelassen wurde, was dieser Umtausch meines Passes gegen ein Fremdenpapier bedeutete. Denn auf meinen österreichischen Paß hatte ich ein Anrecht gehabt. Jeder österreichische Konsulatsbeamte oder Polizeioffizier war verpflichtet gewesen, ihn mir als vollberechtigtem Bürger auszustellen. Das englische Fremdenpapier dagegen, das ich erhielt, mußte ich erbitten. Es war eine erbetene Gefälligkeit und eine Gefälligkeit überdies, die mir jeden Augenblick entzogen werden konnte. Über Nacht war ich abermals eine Stufe hinuntergeglitten. Gestern noch ausländischer Gast und gewissermaßen Gentleman, der hier sein internationales Einkommen verausgabte und seine Steuern bezahlte, war ich Emigrant geworden, ein ›Refugee‹. Ich war in eine mindere, wenn auch nicht unehrenhafte Kategorie hinabgedrückt. Außerdem mußte jedes ausländische Visum auf diesem weißen Blatt Papier von nun an besonders erbeten werden, denn man war mißtrauisch in allen Ländern gegen die ›Sorte‹ Mensch, zu der ich plötzlich gehörte, gegen den Rechtlosen, den Vaterlandslosen, den man nicht notfalls abschieben und zurückspedieren konnte in seine Heimat wie die andern, wenn er lästig wurde und zu lange blieb. Und ich mußte immer an das Wort denken, das mir vor Jahren ein exilierter Russe gesagt: »Früher hatte der Mensch nur einen Körper und eine Seele. Heute braucht er noch einen Paß dazu, sonst wird er nicht wie ein Mensch behandelt.«

In der Tat: nichts vielleicht macht den ungeheuren Rückfall sinnlicher, in den die Welt seit dem ersten Weltkrieg geraten ist, als die Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit des Menschen und die Verminderung seiner Freiheitsrechte. Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Mißtrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Green wich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhaß oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, daß man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben, erst nur den Daumen, dann alle zehn Finger, mußte überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, mußte Einladungen präsentieren können und Adressen von Verwandten, mußte moralische und finanzielle Garantien beibringen, Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren.

Das scheinen Kleinigkeiten. Und auf den ersten Blick mag es meinerseits kleinlich erscheinen, sie überhaupt zu erwähnen. Aber mit diesen sinnlosen ›Kleinigkeiten‹ hat unsere Generation unwiederbringlich kostbare Zeit sinnlos vertan. Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, Steuererklärungen, Devisenbescheinigungen, Grenzüberschreitungen, Aufenthaltsbewilligungen, Ausreisebewilligungen, Anmeldungen und Abmeldungen, wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, freundlichen und unfreundlichen, gelangweilten und überhetzten, wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert, das wir als junge Menschen gläubig geträumt als eines der Freiheit, als die kommende Ära des Weltbürgertums. Wieviel ist unserer Produktion, unserem Schaffen, unserem Denken durch diese unproduktive und gleichzeitig die Seele erniedrigende Quengelei genommen worden! Denn jeder von uns hat in diesen Jahren mehr amtliche Verordnungen studiert als geistige Bücher, der erste Weg in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ging nicht mehr wie einstens zu den Museen, zu den Landschaften, sondern auf ein Konsulat, eine Polizeistube, sich eine ›Erlaubnis‹ zu holen. Wenn wir beisammensaßen, dieselben, die früher Gedichte Baudelaires gesprochen und mit geistiger Leidenschaft Probleme erörtert, ertappten wir uns, daß wir über Affidavits und Permits redeten, und ob man ein Dauervisum beantragen solle oder ein Touristenvisum; eine kleine Beamtin bei einem Konsulat zu kennen, die einem das Warten abkürzte, war im letzten Jahrzehnt lebenswichtiger als die Freundschaft eines Toscanini oder eines Rolland. Ständig sollte man fühlen, mit freigeborener Seele, daß man Objekt und nicht Subjekt, nichts unser Recht und alles nur behördliche Gnade war. Ständig wurde man vernommen, registriert, numeriert, perlustriert, gestempelt, und noch heute empfinde ich als unbelehrbarer Mensch einer freieren Zeit und Bürger einer geträumten Weltrepublik jeden dieser Stempel in meinem Paß wie eine Brandmarkung, jede dieser Fragen und Durchsuchungen wie eine Erniedrigung. Es sind Kleinigkeiten, immer nur Kleinigkeiten, ich weiß es, Kleinigkeiten in einer Zeit, wo der Wert des Menschenlebens noch rapider gestürzt ist als jener der Währungen. Aber nur, wenn man diese kleinen Symptome festhält, wird eine spätere Zeit den richtigen klinischen Befund der geistigen Verhältnisse und der geistigen Verstörung aufzeichnen können, die unsere Welt zwischen den beiden Weltkriegen ergriffen hat.

Vielleicht war ich von vordem zu sehr verwöhnt gewesen. Vielleicht wurde auch meine Empfindlichkeit durch die schroffen Umschaltungen der letzten Jahre allmählich überreizt. Jede Form von Emigration verursacht an sich schon unvermeidlicherweise eine Art von Gleichgewichtsstörung. Man verliert – auch dies muß erlebt sein, um verstanden zu werden – von seiner geraden Haltung, wenn man nicht die eigene Erde unter sich hat, man wird unsicherer, gegen sich selbst mißtrauischer. Und ich zögere nicht zu bekennen, daß seit dem Tage, da ich mit eigentlich fremden Papieren oder Pässen leben mußte, ich mich nie mehr ganz als mit mir zusammengehörig empfand. Etwas von der natürlichen Identität mit meinem ursprünglichen und eigentlichen Ich blieb für immer zerstört. Ich bin zurückhaltender geworden, als meiner Natur eigentlich gemäß wäre und habe – ich, der einstige Kosmopolit – heute unablässig das Gefühl, als müßte ich jetzt für jeden Atemzug Luft besonders danken, den ich einem fremden Volke wegtrinke. Mit klarem Denken weiß ich natürlich um die Absurdität dieser Schrullen, aber wann vermag Vernunft etwas wider das eigene Gefühl! Es hat mir nicht geholfen, daß ich fast durch ein halbes Jahrhundert mein Herz erzogen, weltbürgerlich als das eines ›citoyen du monde‹ zu schlagen. Nein, am Tage, da ich meinen Paß verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, daß man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.

 

Aber ich war nicht allein mit diesem Gefühl der Unsicherheit. Allmählich begann sich Beunruhigung über ganz Europa zu verbreiten. Der politische Horizont blieb verdunkelt seit dem Tage, da Hitler Österreich überfallen, und dieselben in England, die ihm heimlich den Weg gebahnt in der Hoffnung, ihrem eigenen Lande damit den Frieden zu erkaufen, begannen jetzt nachdenklich zu werden. Es gab von 1938 an in London, in Paris, in Rom, in Brüssel, in allen Städten und Dörfern kein Gespräch mehr, das, so abseitig sein Gegenstand auch vorerst sein mochte, nicht schließlich in die unvermeidliche Frage mündete, ob und wie der Krieg noch vermieden oder zum mindesten hinausgeschoben werden könnte. Blicke ich auf all diese Monate der ständigen und steigenden Kriegsangst in Europa zurück, so erinnere ich mich im ganzen nur zweier oder dreier Tage wirklicher Zuversicht, zweier oder dreier Tage, wo man noch einmal, das letztemal, das Gefühl hatte, die Wolke würde vorüberziehen, und man würde wieder friedlich und frei atmen können wie einst. Perverserweise waren diese zwei oder drei Tage gerade diejenigen, die heute als die verhängnisvollsten der neueren Geschichte verzeichnet sind: die Tage der Zusammenkunft Chamberlains und Hitlers in München.

Ich weiß, daß man heute ungern an diese Zusammenkunft erinnert wird, in der Chamberlain und Daladier, ohnmächtig an die Wand gedrückt, vor Hitler und Mussolini kapitulierten. Aber da ich hier der dokumentarischen Wahrheit dienen will, muß ich bekennen, daß jeder, der diese drei Tage in England miterlebt, sie damals als wunderbar empfand. Die Situation war verzweifelt in jenen letzten Tagen des September 1938. Chamberlain kam eben von seinem zweiten Fluge zu Hitler zurück, und einige Tage später wußte man, was geschehen war. Chamberlain war gekommen, um in Godesberg Hitler restlos zu bewilligen, was Hitler zuvor in Berchtesgaden von ihm verlangt. Aber was Hitler vor wenigen Wochen als zureichend empfunden, genügte nun seiner Machthysterie nicht mehr. Die Politik des appeasement und des ›try and try again‹ war jämmerlich gescheitert, die Epoche der Gutgläubigkeit in England über Nacht zu Ende. England, Frankreich, die Tschechoslowakei, Europa hatten nur die Wahl, sich vor Hitlers peremptorischem Machtwillen zu demütigen oder sich ihm mit der Waffe in den Weg zu stellen. England schien zum Äußersten entschlossen. Man verschwieg die Rüstungen nicht länger, sondern zeigte sie offen und demonstrativ. Plötzlich erschienen Arbeiter und warfen mitten in den Gärten Londons, im Hyde Park, im Regent's Park und insbesondere gegenüber der Deutschen Botschaft Unterstände auf für die drohenden Bombenangriffe. Die Flotte wurde mobilisiert, die Generalstabsoffiziere flogen ständig zwischen Paris und London hin und her, um die letzten Maßnahmen gemeinsam zu treffen, die Schiffe nach Amerika wurden von den Ausländern gestürmt, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen wollten; seit 1914 war kein solches Erwachen über England gekommen. Die Menschen gingen ernster und nachdenklicher. Man sah die Häuser an und die überfüllten Straßen mit dem geheimen Gedanken: werden nicht morgen schon die Bomben auf sie niederschmettern? Und hinter den Türen standen und saßen die Menschen zur Nachrichtenstunde um das Radio. Unsichtbar und doch fühlbar in jedem Menschen und in jeder Sekunde lag eine ungeheure Spannung über dem ganzen Land.

Dann kam jene historische Sitzung des Parlaments, wo Chamberlain berichtete, er habe noch einmal versucht, mit Hitler zu einer Einigung zu gelangen, noch einmal, zum drittenmal ihm den Vorschlag gemacht, ihn in Deutschland an jedem beliebigen Orte aufzusuchen, um den schwer bedrohten Frieden zu retten. Die Antwort auf seinen Vorschlag sei noch nicht eingelangt. Dann kam mitten in der Sitzung – allzu dramatisch gestellt – jene Depesche, die Hitlers und Mussolinis Zustimmung zu einer gemeinsamen Konferenz in München meldete, und in dieser Sekunde verlor – ein fast einmaliger Fall in der Geschichte Englands – das englische Parlament seine Nerven. Die Abgeordneten sprangen auf, schrien und applaudierten, die Galerien dröhnten vor Jubel. Seit Jahren und Jahren hatte das ehrwürdige Haus nicht so gebebt von einem Ausbruch der Freude, wie in diesem Augenblick. Menschlich war es ein wunderbares Schauspiel, wie der ehrliche Enthusiasmus darüber, daß der Friede noch gerettet werden könne, die von den Engländern sonst so virtuos geübte Haltung und Zurückhaltung überwand. Aber politisch stellte dieser Ausbruch einen ungeheuren Fehler dar, denn mit seinem wilden Jubel hatte das Parlament, hatte das Land verraten, wie sehr es den Krieg verabscheute, wie sehr es zu jedem Opfer bereit war, zu jeder Preisgabe seiner Interessen und sogar seines Prestiges um des Friedens willen. Von vornherein war dadurch Chamberlain gekennzeichnet als einer, der nach München ging, nicht um den Frieden zu erkämpfen, sondern um ihn zu erbitten. Aber niemand ahnte damals noch, welche Kapitulation bevorstand. Alle meinten – auch ich selbst, ich leugne es nicht –, Chamberlain ginge nach München, um zu verhandeln und nicht, um zu kapitulieren. Dann kamen noch zwei Tage, drei Tage des brennenden Wartens, drei Tage, in denen die ganze Welt gleichsam den Atem anhielt. In den Parks wurde gegraben, in den Kriegsfabriken gearbeitet, Abwehrgeschütze aufgestellt, Gasmasken ausgeteilt, der Abtransport der Kinder aus London erwogen und geheimnisvolle Vorbereitungen getroffen, die der einzelne nicht verstand, und von denen doch jeder wußte, worauf sie zielten. Wieder verging der Morgen, der Mittag; der Abend, die Nacht mit dem Warten auf die Zeitung, mit dem Horchen am Radio. Wieder erneuerten sich jene Augenblicke des Juli 1914 mit dem fürchterlichen, nervenzerstörenden Warten auf das Ja oder Nein.

Und dann war plötzlich, wie durch einen ungeheuren Windstoß, das drückende Gewölk zerstoben, die Herzen waren entlastet, die Seelen wieder frei. Die Nachricht war gekommen, daß Hitler und Chamberlain, Daladier und Mussolini zu völliger Übereinstimmung gelangt seien, und mehr noch – daß es Chamberlain gelungen sei, mit Deutschland eine Vereinbarung zu schließen, welche die friedliche Bereinigung aller zwischen diesen Ländern möglichen Konflikte für alle Zukunft verbürge. Es schien ein entscheidender Sieg des zähen Friedenswillens eines an sich unbeträchtlichen und ledernen Staatsmannes, und alle Herzen schlugen ihm in dieser ersten Stunde dankbar entgegen. Im Radio vernahm man zuerst die Botschaft ›peace for our time‹, die für unsere geprüfte Generation verkündete, wir dürften noch einmal in Frieden leben, noch einmal sorglos sein, noch einmal mithelfen an dem Aufbau einer neuen, einer besseren Welt, und jeder lügt, der nachträglich zu leugnen versucht, wie berauscht wir waren von diesem magischen Wort. Denn wer konnte glauben, daß ein geschlagen Heimkehrender zum Triumphzug rüstete? Hätte die große Masse in London an jenem Morgen, da Chamberlain von München zurückkam, die genaue Stunde seines Eintreffens gewußt, Hunderttausende wären zu dem Flugfeld von Croydon hingestürmt, ihn zu begrüßen und dem Manne zuzujubeln, der, wie wir alle in dieser Stunde meinten, den Frieden Europas und die Ehre Englands gerettet. Dann kamen die Zeitungen. Sie zeigten im Bild, wie Chamberlain, dessen hartes Gesicht sonst eine fatale Ähnlichkeit mit dem Kopf eines gereizten Vogels hatte, stolz und lachend von der Tür des Flugzeuges aus jenes historische Blatt schwenkte, das ›peace for our time‹ verkündete, und das er seinem Volke als die kostbarste Gabe heimgebracht. Abends zeigte man die Szene schon im Kino; die Menschen sprangen auf von ihren Sitzen und jubelten und schrien – beinahe daß sie einander umarmten im Gefühl der neuen Brüderlichkeit, die nun für die Welt beginnen sollte. Für jeden, der damals in London, in England war, ist dies ein unvergleichlicher, ein die Seele beschwingender Tag gewesen.

Ich liebe es, an solchen historischen Tagen in den Straßen herumzustreifen, um die Atmosphäre stärker, sinnlicher zu fühlen, um im wahrsten Sinne die Luft der Zeit zu atmen. In den Gärten hatten die Arbeiter das Graben der Unterstände eingestellt, lachend und schwatzend standen die Leute um sie, denn durch ›peace for our time‹ waren doch Luftschutzkeller überflüssig geworden; zwei junge Burschen hörte ich im besten Cockney spotten, man werde hoffentlich aus diesen Unterständen unterirdische Bedürfnisanstalten machen, es gebe ja deren in London nicht genug. Jeder lachte gerne mit, alle Menschen schienen erfrischter, belebter, wie Pflanzen nach einem Gewitter. Sie gingen aufrechter als am Tage zuvor und mit leichteren Schultern, und in ihren sonst so kühlen englischen Augen schimmerte ein heiterer Glanz. Die Häuser schienen leuchtender, seit man sie nicht mehr bedroht wußte von Bomben, die Autobusse schmucker, die Sonne heller, das Leben von Tausenden und Tausenden gesteigert und verstärkt durch dieses eine berauschende Wort. Und ich spürte, wie es mich selber beschwingte. Ich ging unermüdlich und immer rascher und gelöster, auch mich trug die Welle der neuen Zuversicht kraftvoller und freudiger dahin. An der Ecke von Piccadilly kam plötzlich jemand hastig auf mich zu. Es war ein englischer Regierungsbeamter, den ich eigentlich nur flüchtig kannte, ein durchaus unemotioneller, sehr in sich verhaltener Mann. Unter gewöhnlichen Umständen hätten wir uns sonst nur höflich gegrüßt, und nie wäre es ihm eingefallen, mich anzusprechen. Aber jetzt kam er mit leuchtenden Augen auf mich zu. »Was sagen Sie zu Chamberlain«, sagte er, strahlend vor Freude. »Niemand hat ihm geglaubt, und er hat doch das Rechte getan. Er hat nicht nachgegeben und damit den Frieden gerettet.«

So fühlten sie alle; so fühlte auch ich an jenem Tage. Und noch der nächste war einer des Glücks. Einmütig jubelten die Zeitungen, an der Börse sprangen die Kurse wild empor, von Deutschland kamen zum erstenmal seit Jahren wieder freundliche Stimmen, in Frankreich schlug man vor, Chamberlain ein Denkmal zu errichten. Aber ach, es war nur das letzte leuchtende Auflodern der Flamme, ehe sie endgültig verlischt. Schon in den nächsten Tagen sickerten die schlimmen Einzelheiten durch, wie restlos die Kapitulation vor Hitler gewesen, wie schmählich man die Tschechoslowakei preisgegeben, der man feierlich Hilfe und Unterstützung zugesichert, und in der nächsten Woche war es bereits offenkundig, daß selbst die Kapitulation Hitler noch nicht genug gewesen, daß er, noch ehe die Unterschrift auf dem Vertrage trocken war, ihn schon verletzt in allen Einzelheiten. Hemmungslos schrie es Goebbels nun öffentlich über alle Dächer, daß man England in München an die Wand gedrückt. Ein großes Licht der Hoffnung war erloschen. Aber es hat geleuchtet einen Tag, zwei Tage lang und unsere Herzen erwärmt. Ich kann und will diese Tage nicht vergessen.

 

Von der Zeit an, da wir erkannten, was in München wirklich geschehen war, sah ich paradoxerweise in England wenig Engländer mehr. Die Schuld lag an mir, denn ich wich ihnen oder vielmehr dem Gespräch mit ihnen aus, obwohl ich sie mehr bewundern mußte als je. Sie waren zu den Flüchtlingen, die jetzt in Scharen herüberkamen, großmütig, sie zeigten nobelstes Mitleid und hilfreiche Anteilnahme. Aber zwischen ihnen und uns wuchs innerlich eine Art Wand, ein Hüben und Drüben: uns war es schon widerfahren, und ihnen war es noch nicht widerfahren. Wir verstanden, was geschehen war und geschehen würde, sie aber weigerten sich noch – zum Teil gegen ihr besseres inneres Wissen – es zu verstehen. Sie versuchten trotz allem in dem Wahn zu beharren, ein Wort sei ein Wort, ein Vertrag ein Vertrag, und man könne mit Hitler verhandeln, wenn man nur vernünftig, wenn man menschlich mit ihm rede. Durch demokratische Tradition dem Recht seit Jahrhunderten verschworen, konnten oder wollten die führenden englischen Kreise nicht wahrhaben, daß neben ihnen eine neue Technik der bewußten zynischen Amoralität sich aufbaute und daß das neue Deutschland alle im Umgang der Völker und im Rahmen des Rechts jeweils gültigen Spielregeln umstieß, sobald sie ihm lästig schienen. Den klar-, den weitdenkenden Engländern, die längst allen Abenteuern abgesagt, schien es zu unwahrscheinlich, daß dieser Mann, der so rasch, so leicht so viel erreicht, das Äußerste wagen würde; immer glaubten und hofften sie, daß er sich vorerst gegen andere – am liebsten gegen Rußland! – wenden würde, und inzwischen könne man mit ihm zu irgendeiner Einigung gelangen. Wir dagegen wußten, daß das Ungeheuerlichste als selbstverständlich zu erwarten war. Wir hatten jeder das Bild eines erschlagenen Freundes, eines gefolterten Kameraden hinter der Pupille und darum härtere, schärfere, unerbittlichere Augen. Wir Geächteten, Gejagten, Entrechteten, wir wußten, daß kein Vorwand zu unsinnig, zu lügnerisch war, wenn es um Raub ging und Macht. So sprachen wir, die Geprüften und die noch der Prüfung Aufgesparten, wir, die Emigranten und die Engländer verschiedene Sprachen; ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß außer einer ganz verschwindend kleinen Zahl von Engländern wir damals die einzigen in England gewesen sind, die sich über den vollen Umfang der Gefahr keiner Täuschung hingaben. Wie seinerzeit in Österreich, war es mir auch in England bestimmt, mit zerfoltertem Herzen und einer quälenden Scharfsichtigkeit das Unvermeidliche deutlicher vorauszusehen, nur daß ich hier als Fremder, als geduldeter Gast nicht warnen durfte.

So hatten wir vom Schicksal schon mit dem Brandmal Gezeichneten nur uns allein, wenn der bittere Vorgeschmack des Kommenden uns die Lippe ätzte, und wie haben wir uns die Seele zerquält mit der Sorge um das Land, das uns brüderlich aufgenommen! Daß aber selbst in der dunkelsten Zeit ein Gespräch mit einem geistigen Mann höchsten moralischen Maßes unermeßliche Tröstung und seelische Bestärkung zu gewähren vermag, haben mir in unvergeßlicher Weise die freundschaftlichen Stunden erwiesen, die ich in jenen letzten Monaten vor der Katastrophe mit Sigmund Freud verbringen durfte. Monatelang hatte der Gedanke, daß der dreiundachtzigjährige kranke Mann im Wien Hitlers zurückgeblieben war, auf mir gelastet, bis es endlich der wunderbaren Prinzessin Maria Bonaparte, seiner getreuesten Schülerin, gelang, diesen wichtigsten Menschen, der im geknechteten Wien lebte, von dort nach London zu retten. Es war ein großer Glückstag in meinem Leben, als ich in der Zeitung las, daß er die Insel betreten und ich den verehrtesten meiner Freunde, den ich schon verloren geglaubt, aus dem Hades noch einmal wiederkehren sah.

 

Ich hatte Sigmund Freud, diesen großen und strengen Geist, der wie kein anderer in unserer Epoche das Wissen um die menschliche Seele vertieft und erweitert, in Wien noch zu jenen Zeiten gekannt, da er dort als eigensinniger und peinlicher Eigenbrötler gewertet und befeindet wurde. Ein Fanatiker der Wahrheit, aber zugleich der Begrenztheit jeder Wahrheit genau sich bewußt – er sagte mir einmal: »Es gibt ebensowenig eine hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol!« – hatte er sich der Universität und ihren akademischen Vorsichtigkeiten entfremdet durch die unerschütterliche Art, mit der er sich vorwagte in bisher unbetretene und ängstlich gemiedene Zonen der irdisch-unterirdischen Triebwelt, also gerade jene Sphäre, über die jene Zeit das ›Tabu‹ feierlich ausgesprochen. Unbewußt spürte die optimistisch-liberale Welt, daß dieser unkompromißlerische Geist ihre These von der allmählichen Unterdrückung der Triebe durch die ›Vernunft‹ und den ›Fortschritt‹ mit seiner Tiefenpsychologie unerbittlich unterhöhlte, daß er ihrer Methodik der Ignorierung des Unbequemen gefährlich war durch seine mitleidslose Technik der Entschleierung. Es war aber nicht die Universität allein, nicht nur der Klüngel der altmodischen Nervenärzte, die sich gemeinsam wehrten gegen diesen unbequemen ›Außenseiter‹ – es war die ganze Welt, die ganze alte Welt, die alte Denkart, die moralische ›Konvention‹, es war die ganze Epoche, die in ihm den Entschleierer fürchtete. Langsam bildete sich ein ärztlicher Boykott gegen ihn, er verlor seine Praxis, und da wissenschaftlich seine Thesen und selbst die kühnsten seiner Problemstellungen nicht zu widerlegen waren, versuchte man seine Theorien vom Traum nach wienerischer Art zu erledigen, indem man sie ironisierte oder banalisierte zum scherzhaften Gesellschaftsspiel. Nur ein kleiner Kreis von Getreuen sammelte sich um den Einsamen zu allwöchentlichen Diskussionsabenden, in denen die neue Wissenschaft der Psychoanalyse ihre erste Formung erhielt. Noch lange ehe ich selbst des ganzen Ausmaßes der geistigen Revolution gewahr wurde, die sich langsam aus den ersten grundlegenden Arbeiten Freuds vorbereitete, hatte mich die starke, moralisch unerschütterliche Haltung dieses außerordentlichen Mannes ihm bereits gewonnen. Hier war endlich ein Mann der Wissenschaft, wie ein junger Mensch sich ihn als Vorbild träumen konnte, vorsichtig in jeder Behauptung, solange er nicht letzten Beweis und absolute Sicherheit hatte, aber unerschütterlich gegen den Widerstand der ganzen Welt, sobald sich ihm eine Hypothese in gültige Gewißheit verwandelt hatte, ein Mann, bescheiden wie nur irgendeiner für seine Person, aber kampfentschlossen für jedes Dogma seiner Lehre und bis in den Tod getreu der immanenten Wahrheit, die er in seiner Erkenntnis verteidigte. Man konnte sich keinen geistig unerschrockeneren Menschen denken; Freud wagte jederzeit auszusprechen, was er dachte, auch wenn er wußte, daß er mit diesem klaren, unerbittlichen Aussprechen beunruhigte und verstörte; nie suchte er seine schwere Position durch die mindeste – auch nur formale – Konzession zu erleichtern. Ich bin gewiß, Freud hätte ungehindert von jedem akademischen Widerstand vier Fünftel seiner Theorien aussprechen können, hätte er sich bereitgefunden, sie vorsichtig zu drapieren, ›Erotik‹ zu sagen statt ›Sexualität‹, ›Eros‹ statt ›Libido‹, und nicht unerbittlich immer die letzten Konsequenzen festzustellen, statt sie bloß anzudeuten. Aber wo es die Lehre und die Wahrheit galt, blieb er intransigent; je härter der Widerstand, um so mehr härtete sich seine Entschlossenheit. Wenn ich mir für den Begriff des moralischen Mutes – des einzigen Heroismus auf Erden, der keine fremden Opfer fordert – ein Symbol suche, sehe ich immer das schöne, männlich klare Antlitz Freuds mit den gerade und ruhig blickenden dunklen Augen vor mir.

Der Mann, der nun aus seiner Heimat, der er Ruhm über die Erde und durch die Zeiten geschenkt, nach London flüchtete, war den Jahren nach längst ein alter und außerdem ein schwerkranker Mann. Aber es war kein müder Mann und kein gebeugter. Ich hatte mich im geheimen ein wenig gefürchtet, ihn verbittert oder verstört wiederzufinden nach all den quälenden Stunden, durch die er in Wien gegangen sein mußte, und fand ihn freier und sogar glücklicher als je. Er führte mich hinaus in den Garten des Londoner Vorstadthauses. »Habe ich je schöner gewohnt?« fragte er mit einem hellen Lächeln um den einstmals so strengen Mund. Er zeigte mir seine geliebten ägyptischen Statuetten, die ihm Maria Bonaparte gerettet. »Bin ich nicht wieder zu Hause?« Und auf dem Schreibtisch lagen aufgeschlagen die großen Folioseiten seines Manuskripts, und er schrieb, dreiundachtzigjährig, mit derselben runden klaren Schrift jeden Tag, gleich hell im Geiste wie in seinen besten Tagen und gleich unermüdlich; sein starker Wille hatte alles überwunden, die Krankheit, das Alter, das Exil, und zum erstenmal strömte jetzt die in den langen Jahren des Kampfes zurückgestaute Güte seines Wesens frei von ihm aus. Nur milder hatte ihn das Alter gemacht, nur nachsichtiger die überstandene Prüfung. Manchmal fand er jetzt zärtliche Gesten, die ich vordem nie an dem Zurückhaltenden gekannt; er legte einem den Arm um die Schulter, und hinter der blitzenden Brille blickte wärmer das Auge einen an. Immer hatte in all den Jahren ein Gespräch mit Freud für mich zu den höchsten geistigen Genüssen gehört. Man lernte und bewunderte zugleich, man fühlte sich mit jedem Wort verstanden von diesem großartig Vorurteilslosen, den kein Geständnis erschreckte, keine Behauptung erregte, und für den der Wille, andere zum Klarsehen, zum Klarfühlen zu erziehen, längst instinktiver Lebenswille geworden war. Aber niemals habe ich das Unersetzbare dieser langen Gespräche dankbarer empfunden als in jenem dunklen Jahr, dem letzten seines Lebens. Im Augenblick, da man in sein Zimmer trat, war der Wahnsinn der äußeren Welt gleichsam abgetan. Das Grausamste wurde abstrakt, das Verworrenste klar, das Zeitlich-Aktuelle ordnete sich demütig ein in die großen zyklischen Phasen. Zum erstenmal erlebte ich den wahrhaft Weisen, den über sich selbst erhobenen, der auch Schmerz und Tod nicht mehr als persönliches Erlebnis empfindet, sondern als ein überpersönliches Objekt der Betrachtung, der Beobachtung: sein Sterben war nicht minder eine moralische Großtat als sein Leben. Freud litt damals schon schwer an der Krankheit, die ihn uns bald nehmen sollte. Es machte ihm sichtlich Mühe, mit seiner Gaumenplatte zu sprechen, und man war eigentlich beschämt über jedes Wort, das er einem gewährte, weil das Artikulieren ihm Anstrengung verursachte. Aber er ließ einen nicht; es bedeutete besonderen Ehrgeiz für seine stählerne Seele, den Freunden zu zeigen, daß sein Wille noch stärker geblieben als die niederen Quälereien, die ihm sein Körper schuf. Den Mund verzerrt von Schmerz, schrieb er an seinem Schreibtisch bis zu den letzten Tagen, und selbst wenn ihm nachts das Leiden den Schlaf – seinen herrlich festen, gesunden Schlaf, der achtzig Jahre die Urquelle seiner Kraft gewesen – zermarterte, verweigerte er Schlafmittel und jede betäubende Injektion. Nicht für eine einzige Stunde wollte er die Helligkeit seines Geistes durch solche Linderungen abdämpfen lassen; lieber leiden und wachsam bleiben, lieber unter Qualen denken als nicht denken, Heros des Geistes bis zum letzten, allerletzten Augenblick. Es war ein furchtbarer Kampf und immer großartiger, je länger er dauerte. Von einem zum andern Male warf der Tod seinen Schatten deutlicher über sein Antlitz. Er höhlte ihm die Wangen, er meißelte die Schläfen aus der Stirn, er zerrte den Mund ihm schief, er hemmte die Lippe im Wort: nur gegen das Auge vermochte der finstere Würger nichts, gegen diesen uneinnehmbaren Wachtturm, von dem der heroische Geist in die Welt blickte: das Auge und der Geist, sie blieben klar bis zum letzten Augenblick. Einmal, bei einem meiner letzten Besuche, nahm ich Salvador Dali mit, den meiner Meinung nach begabtesten Maler der neuen Generation, der Freud unermeßlich verehrte, und während ich mit Freud sprach, zeichnete er eine Skizze. Ich habe sie Freud nie zu zeigen gewagt, denn hellsichtig hatte Dali schon den Tod in ihm gebildet.

Immer grausamer wurde dieser Kampf des stärksten Willens, des durchdringendsten Geistes unserer Zeit gegen den Untergang; erst als er selber klar erkannte, er, dem Klarheit von je die höchste Tugend des Denkens gewesen, daß er nicht werde weiterschreiben, weiterwirken können, gab er wie ein römischer Held dem Arzt Erlaubnis, dem Schmerz ein Ende zu bereiten. Es war der großartige Abschluß eines großartigen Lebens, ein Tod, denkwürdig selbst inmitten der Hekatomben von Toten in dieser mörderischen Zeit. Und als wir Freunde seinen Sarg in die englische Erde senkten, wußten wir, daß wir das Beste unserer Heimat ihr hingegeben.

 

Ich hatte in jenen Stunden mit Freud oftmals über das Grauen der hitlerischen Welt und des Krieges gesprochen. Er war als menschlicher Mensch tief erschüttert, aber als Denker keineswegs verwundert über diesen fürchterlichen Ausbruch der Bestialität. Immer habe man ihn, sagte er, einen Pessimisten gescholten, weil er die Übermacht der Kultur über die Triebe geleugnet habe; nun sehe man – freilich mache es ihn nicht stolz – seine Meinung, daß das Barbarische, daß der elementare Vernichtungstrieb in der menschlichen Seele unausrottbar sei, auf das entsetzlichste bestätigt. Vielleicht werde in den kommenden Jahrhunderten eine Form gefunden werden, wenigstens im Gemeinschaftsleben der Völker diese Instinkte niederzuhalten; im täglichen Tage aber und in der innersten Natur bestünden sie als unausrottbare und vielleicht notwendige spannungserhaltende Kräfte. Mehr noch in diesen seinen letzten Tagen beschäftigte ihn das Problem des Judentums und dessen gegenwärtige Tragödie; hier wußte der wissenschaftliche Mensch in ihm keine Formel und sein luzider Geist keine Antwort. Er hatte kurz vorher seine Studie über Moses veröffentlicht, in der er Moses als einen Nichtjuden, als einen Ägypter darstellte, und er hatte mit dieser wissenschaftlichen kaum fundierbaren Zuweisung die frommen Juden ebensosehr wie die nationalbewußten gekränkt. Nun tat es ihm leid, dieses Buch gerade inmitten der grauenhaftesten Stunde des Judentums publiziert zu haben, »jetzt, da man ihnen alles nimmt, nehme ich ihnen noch ihren besten Mann«. Ich mußte ihm recht geben, daß jeder Jude jetzt siebenmal empfindlicher geworden war, denn selbst inmitten dieser Welttragödie waren sie die eigentlichen Opfer, überall die Opfer, weil verstört schon vor dem Schlag, überall wissend, daß alles Schlimme sie zuerst und siebenfach betraf, und daß der haßwütigste Mensch aller Zeiten gerade sie erniedrigen und jagen wollte bis an den letzten Rand der Erde und unter die Erde. Woche für Woche, Monat für Monat kamen immer mehr Flüchtlinge, und immer waren sie noch ärmer und verstörter von Woche zu Woche als die vor ihnen gekommenen. Die ersten, die am raschesten Deutschland und Österreich verlassen, hatten noch ihre Kleider, ihre Koffer, ihren Hausrat retten können und manche sogar etwas Geld. Aber je länger einer auf Deutschland vertraut hatte, je schwerer er sich von der geliebten Heimat losgerissen, um so härter war er gezüchtigt worden. Erst hatte man den Juden ihre Berufe genommen, ihnen den Besuch der Theater, der Kinos, der Museen verboten und den Forschern die Benutzung der Bibliotheken: sie waren geblieben aus Treue oder aus Trägheit, aus Feigheit oder aus Stolz. Lieber wollten sie in der Heimat erniedrigt sein als in der Fremde sich als Bettler erniedrigen. Dann hatte man ihnen die Dienstboten genommen und die Radios und Telephone aus den Wohnungen, dann die Wohnungen selbst, dann ihnen den Davidstern zwangsweise angeheftet; jeder sollte sie wie Leprakranke schon auf der Straße als Ausgestoßene, als Verfemte erkennen, meiden und verhöhnen. Jedes Recht wurde ihnen entzogen, jede seelische, jede körperliche Gewaltsamkeit mit spielhafter Lust an ihnen geübt, und für jeden Juden war das alte russische Volkssprichwort plötzlich grausame Wahrheit geworden: ›Vor dem Bettelsack und dem Gefängnis ist niemand sicher.‹ Wer nicht ging, den warf man in ein Konzentrationslager, wo deutsche Zucht auch den Stolzesten mürbe machte, und stieß ihn dann ausgeraubt mit einem einzigen Anzug und zehn Mark in der Tasche aus dem Lande, ohne zu fragen, wohin. Und dann standen sie an den Grenzen, dann bettelten sie bei den Konsulaten und fast immer vergeblich, denn welches Land wollte Ausgeplünderte, wollte Bettler? Nie werde ich vergessen, welch Anblick sich mir bot, als ich einmal in London in ein Reisebüro geriet; es war vollgepfropft mit Flüchtlingen, fast alle Juden, und alle wollten sie irgendwohin. Gleichviel, in welches Land, ins Eis des Nordpols oder in den glühenden Sandkessel der Sahara, nur fort, nur weiter, denn die Aufenthaltsbewilligung war abgelaufen, man mußte weiter, weiter mit Frau und Kind unter fremde Sterne, in fremde Sprachwelt, unter Menschen, die man nicht kannte und die einen nicht wollten. Ich traf dort einen einstmals sehr reichen Industriellen aus Wien, gleichzeitig einer unserer intelligentesten Kunstsammler; ich erkannte ihn zuerst nicht, so grau, so alt, so müde war er geworden. Schwach klammerte er sich mit beiden Händen an den Tisch. Ich fragte ihn, wohin er wollte. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Wer fragt denn heute nach unserem Willen? Man geht, wohin man einen noch läßt. Jemand hat mir erzählt, daß man hier vielleicht nach Haiti oder San Domingo ein Visum bekommen kann.« Mir stockte das Herz; ein alter ausgemüdeter Mann mit Kindern und Enkeln, der zittert vor Hoffnung in ein Land zu ziehen, das er zuvor nie recht auf der Karte gesehen, nur um dort sich weiter durchzubetteln und weiter fremd und zwecklos zu sein! Nebenan fragte einer mit verzweifelter Gier, wie man nach Shanghai gelangen könne, er hätte gehört, bei den Chinesen werde man noch aufgenommen. Und so drängte einer neben dem andern, ehemalige Universitätsprofessoren, Bankdirektoren, Kaufleute, Gutsbesitzer, Musiker, jeder bereit, die jämmerlichen Trümmer seiner Existenz wohin immer über Erde und Meer zu schleppen, was immer zu tun, was immer zu dulden, nur fort von Europa, nur fort, nur fort! Es war eine gespenstische Schar. Aber das Erschütterndste war für mich der Gedanke, daß diese fünfzig gequälten Menschen doch nur einen versprengten, einen ganz winzigen Vortrab darstellten der ungeheuren Armee der fünf, der acht, der vielleicht zehn Millionen Juden, die hinter ihnen schon im Aufbruch waren und drängten, all dieser ausgeraubten, im Kriege dann noch zerstampften Millionen, die warteten auf die Sendungen von den Wohltätigkeitsinstituten, auf die Genehmigungen der Behörden und das Reisegeld, eine gigantische Masse, die, mörderisch aufgescheucht und panisch fliehend vor dem hitlerischen Waldbrand, an allen Grenzen Europas die Bahnhöfe belagerte und die Gefängnisse füllte, ein ganz ausgetriebenes Volk, dem man es versagte, Volk zu sein, und ein Volk doch, das seit zweitausend Jahren nach nichts so sehr verlangte, als nicht mehr wandern zu müssen und Erde, stille, friedliche Erde unter dem rastenden Fuß zu fühlen.

Aber das Tragischste in dieser jüdischen Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts war, daß, die sie erlitten, keinen Sinn mehr in ihr finden konnten und keine Schuld. All die Ausgetriebenen der mittelalterlichen Zeiten, ihre Urväter und Ahnen, sie hatten zumindest gewußt, wofür sie litten: für ihren Glauben, für ihr Gesetz. Sie besaßen noch als Talisman der Seele, was diese von heute längst verloren, das unverbrüchliche Vertrauen in ihren Gott. Sie lebten und litten in dem stolzen Wahn, als auserlesenes Volk vom Schöpfer der Welt und der Menschen bestimmt zu sein für besonderes Schicksal und besondere Sendung, und das verheißende Wort der Bibel war ihnen Gebot und Gesetz. Wenn man sie auf den Brandstoß warf, preßten sie die ihnen heilige Schrift an die Brust und spürten durch diese innere Feurigkeit nicht so glühend die mörderischen Flammen. Wenn man sie über die Länder jagte, blieb ihnen noch eine letzte Heimat, ihre Heimat in Gott, aus der keine irdische Macht, kein Kaiser, kein König, keine Inquisition sie vertreiben konnte. Solange die Religion sie zusammenschloß, waren sie noch eine Gemeinschaft und darum eine Kraft; wenn man sie ausstieß und verjagte, so büßten sie für die Schuld, sich bewußt selbst abgesondert zu haben durch ihre Religion, durch ihre Gebräuche von den anderen Völkern der Erde. Die Juden des zwanzigsten Jahrhunderts aber waren längst keine Gemeinschaft mehr. Sie hatten keinen gemeinsamen Glauben, sie empfanden ihr Judesein eher als Last denn als Stolz und waren sich keiner Sendung bewußt. Abseits lebten sie von den Geboten ihrer einstmals heiligen Bücher, und sie wollten die alte, die gemeinsame Sprache nicht mehr. Sich einzuleben, sich einzugliedern in die Völker um sie, sich aufzulösen ins Allgemeine, war ihr immer ungeduldigeres Streben, um nur Frieden zu haben vor aller Verfolgung, Rast auf der ewigen Flucht. So verstanden die einen die andern nicht mehr, eingeschmolzen wie sie waren in die andern Völker, Franzosen, Deutsche, Engländer, Russen längst mehr als Juden. Jetzt erst, da man sie alle zusammenwarf und wie Schmutz auf den Straßen zusammenkehrte, die Bankdirektoren aus ihren Berliner Palais und die Synagogendiener aus den orthodoxen Gemeinden, die Pariser Philosophieprofessoren und die rumänischen Droschkenkutscher, die Leichenwäscher und Nobelpreisträger, die Konzertsängerinnen und die Klageweiber der Begräbnisse, die Schriftsteller und die Branntweinbrenner, die Besitzenden und die Besitzlosen, die Großen und die Kleinen, die Frommen und die Aufgeklärten, die Wucherer und die Weisen, die Zionisten und die Assimilierten, die Aschkenasim und die Sephardim, die Gerechten und die Ungerechten, und hinter ihnen noch die verstörte Schar derer, die längst dem Fluche entflüchtet zu sein glauben, die Getauften und die Gemischten – jetzt erst zwang man den Juden zum erstenmal seit Hunderten Jahren wieder eine Gemeinsamkeit auf, die sie längst nicht mehr empfunden, die seit Ägypten immer wiederkehrende Gemeinsamkeit der Austreibung. Aber warum dies Schicksal ihnen und immer wieder ihnen allein? Was war der Grund, was der Sinn, was das Ziel dieser sinnlosen Verfolgung? Man trieb sie aus den Ländern und gab ihnen kein Land. Man sagte: lebt nicht mit uns, aber man sagte ihnen nicht, wo sie leben sollten. Man gab ihnen Schuld und verweigerte ihnen jedes Mittel, sie zu sühnen. Und so starrten sie sich an auf der Flucht mit brennenden Augen – warum ich? Warum du? Warum ich mit dir, den ich nicht kenne, dessen Sprache ich nicht verstehe, dessen Denkweise ich nicht fasse, mit dem nichts mich verbindet? Warum wir alle? Und keiner wußte Antwort. Selbst Freud, das klarste Ingenium dieser Zeit, mit dem ich oft in jenen Tagen sprach, wußte keinen Weg, keinen Sinn in diesem Widersinn. Aber vielleicht ist es gerade des Judentums letzter Sinn, durch seine rätselhaft überdauernde Existenz Hiobs ewige Frage an Gott immer wieder zu wiederholen, damit sie nicht völlig vergessen werde auf Erden.

 

Nichts Gespenstischeres, als wenn im Leben das, was man längst abgestorben und eingesargt vermeint, plötzlich in gleicher Form und Gestalt wieder an einen herantritt. Der Sommer 1939 war gekommen, München längst vorüber mit seinem kurzatmigen Wahn ›peace for our time‹; schon hatte Hitler die verstümmelte Tschechoslowakei gegen Eid und Gelöbnis überfallen und an sich gerissen, schon war Memel besetzt, Danzig mit dem polnischen Korridor von der künstlich auf Tobsucht angekurbelten deutschen Presse gefordert. Ein bitteres Erwachen aus seiner loyalen Gutgläubigkeit war über England hereingebrochen. Selbst die einfachen, unbelehrten Leute, die nur instinktiv den Krieg verabscheuten, begannen heftigen Unmut zu äußern. Jeder der sonst so zurückhaltenden Engländer sprach einen an, der Portier, der unser weiträumiges Flat-House behütete, der Liftboy im Aufzug, das Stubenmädchen, während sie das Zimmer aufräumte. Keiner von ihnen verstand deutlich, was geschah, aber jeder erinnerte sich an das Eine, das unleugbar Offenbare, daß Chamberlain, der Premierminister Englands, dreimal nach Deutschland geflogen war, um den Frieden zu retten, und daß kein noch so herzliches Entgegenkommen Hitler genug getan. Im englischen Parlament hörte man mit einemmal harte Stimmen: ›Stop aggression!‹, überall spürte man die Vorbereitungen für (oder eigentlich gegen) den kommenden Krieg. Abermals begannen die hellen Abwehrballons – noch sahen sie unschuldig aus wie graue Spielelefanten von Kindern – über London zu schweben, abermals wurden Luftschutzunterstände aufgeworfen und die verteilten Gasmasken sorgfältig überprüft. Genau so gespannt war die Situation geworden wie vor einem Jahre und vielleicht noch gespannter, weil diesmal nicht mehr eine naive und arglose Bevölkerung, sondern eine schon entschlossene und erbitterte hinter der Regierung stand.

Ich hatte in jenen Monaten London verlassen und mich auf das Land nach Bath zurückgezogen. Nie in meinem Leben hatte ich die Ohnmacht des Menschen gegen das Weltgeschehen grausamer empfunden. Da war man, ein wacher, denkender, abseits von allem Politischen wirkender Mensch, seiner Arbeit verschworen, und baute still und beharrlich daran, seine Jahre in Werk zu verwandeln. Und da waren irgendwo im Unsichtbaren ein Dutzend anderer Menschen, die man nicht kannte, die man nie gesehen, ein paar Leute in der Wilhelmstraße in Berlin, am Quai d'Orsay in Paris, im Palazzo Venezia in Rom und in der Downing Street in London, und diese zehn oder zwanzig Menschen, von denen die wenigsten bisher besondere Klugheit oder Geschicklichkeit bewiesen, sprachen und schrieben und telephonierten und paktierten über Dinge, die man nicht wußte. Sie faßten Entschlüsse, an denen man nicht teilhatte, und die man im einzelnen nicht erfuhr, und bestimmten damit doch endgültig über mein eigenes Leben und das jedes anderen in Europa. In ihren Händen und nicht in meinen eigenen lag jetzt mein Geschick. Sie zerstörten oder schonten uns Machtlose, sie ließen Freiheit oder zwangen in Knechtschaft, sie bestimmten für Millionen Krieg oder Frieden. Und da saß ich wie alle die andern in meinem Zimmer, wehrlos wie eine Fliege, machtlos wie eine Schnecke, indes es auf Tod und Leben ging, um mein innerstes Ich und meine Zukunft, um die in meinem Gehirn werdenden Gedanken, die geborenen und ungeborenen Pläne, mein Wachen und meinen Schlaf, meinen Willen, meinen Besitz, mein ganzes Sein. Da saß man und harrte und starrte ins Leere wie ein Verurteilter in seiner Zelle, eingemauert, eingekettet in dieses sinnlose, kraftlose Warten und Warten, und die Mitgefangenen rechts und links fragten und rieten und schwätzten, als ob irgendeiner von uns wüßte oder wissen könnte, wie und was man über uns verfügte. Da ging das Telephon, und ein Freund fragte, was ich dächte. Da war die Zeitung, und sie verwirrte einen nur noch mehr. Da sprach das Radio, und eine Sprache widersprach der andern. Da ging man auf die Gasse, und der erste Begegnende forderte von mir, dem gleich Unwissenden, meine Meinung, ob es Krieg geben werde oder nicht. Und man fragte selbst zurück in seiner Unruhe und redete und schwätzte und diskutierte, obwohl man doch genau wußte, daß alle Kenntnis, alle Erfahrung, alle Voraussicht, die man in Jahren gesammelt und sich anerzogen, wertlos war gegenüber der Entschließung dieses Dutzends fremder Leute, daß man zum zweitenmal innerhalb von fünfundzwanzig Jahren wieder machtlos und willenlos vor dem Schicksal stand und die Gedanken ohne Sinn an die schmerzenden Schläfen pochten. Schließlich ertrug ich die Großstadt nicht mehr, weil an jeder Straßenecke die posters, die angeschlagenen Plakate einen mit grellen Worten ansprangen wie gehässige Hunde, weil ich unwillkürlich jedem der Tausenden Menschen, die vorüberfluteten, von der Stirn ablesen wollte, was er dachte. Und wir dachten doch alle dasselbe, dachten einzig an das Ja oder Nein, an das Schwarz oder Rot in dem entscheidenden Spiel, in dem mein ganzes Leben mit als Einsatz stand, meine letzten aufgesparten Jahre, meine ungeschriebenen Bücher, alles, worin ich bisher meine Aufgabe, meinen Lebenssinn gefühlt.

Aber mit nervenzerrüttender Langsamkeit rollte die Kugel unentschlossen auf der Roulettescheibe der Diplomatie hin und her. Hin und her, her und hin, schwarz und rot und rot und schwarz, Hoffnung und Enttäuschung, gute Nachrichten und schlechte Nachrichten und immer noch nicht die entscheidende, die letzte. Vergiß! sagte ich mir. Flüchte dich, flüchte dich in dein innerstes Dickicht, in deine Arbeit, in das, wo du nur dein atmendes Ich bist, nicht Staatsbürger, nicht Objekt dieses infernalischen Spiels, wo einzig dein bißchen Verstand noch vernünftig wirken kann in einer wahnsinnig gewordenen Welt.

An einer Aufgabe fehlte es mir nicht. Seit Jahren hatte ich die vorbereitenden Arbeiten unablässig gehäuft für eine große zweibändige Darstellung Balzacs und seines Werks, aber nie den Mut gehabt, ein so weiträumiges, auf lange Frist hin angelegtes Werk zu beginnen. Gerade der Unmut gab mir nun dazu den Mut. Ich zog mich nach Bath zurück und gerade nach Bath, weil diese Stadt, wo viele der Besten von Englands glorreicher Literatur, Fielding vor allem, geschrieben, getreulicher und eindringlicher, als jede sonstige Stadt Englands ein anderes, friedlicheres Jahrhundert, das achtzehnte, dem beruhigten Blicke vorspiegelt. Aber wie schmerzlich kontrastierte diese linde, mit einer milden Schönheit gesegnete Landschaft nun mit der wachsenden Unruhe der Welt und meiner Gedanken! So wie 1914 der schönste Juli war, dessen ich mich in Österreich erinnern kann, so herausfordernd herrlich war dieser August 1939 in England. Abermals der weiche, seidigblaue Himmel wie ein Friedenszelt Gottes, abermals dies gute Leuchten der Sonne über den Wiesen und Wäldern, dazu eine unbeschreibliche Blumenpracht – der gleiche große Friede über der Erde, während ihre Menschen rüsteten zum Kriege. Unglaubwürdig wie damals schien der Wahnsinn angesichts dieses stillen, beharrlichen, üppigen Blühens, dieser atmend sich selbst genießenden Ruhe in den Tälern von Bath, die mich in ihrer Lieblichkeit an jene Badener Landschaft von 1914 geheimnisvoll erinnerten.

Und wieder wollte ich es nicht glauben. Wieder rüstete ich wie damals zu einer sommerlichen Fahrt. Für die erste Septemberwoche 1939 war der Kongreß des Penklubs in Stockholm angesetzt, und die schwedischen Kameraden hatten mich, da ich amphibisches Wesen doch keine Nation mehr repräsentierte, als Ehrengast geladen; für Mittag, für Abend war in jenen kommenden Wochen jede Stunde schon im voraus von den freundlichen Gastgebern bestimmt. Längst hatte ich meinen Schiffsplatz bestellt, da jagten und überjagten sich die drohenden Meldungen von der bevorstehenden Mobilisation. Nach allen Gesetzen der Vernunft hätte ich jetzt rasch meine Bücher, meine Manuskripte zusammenpacken und die britische Insel als ein mögliches Kriegsland verlassen sollen, denn in England war ich Ausländer und im Falle des Krieges sofort feindlicher Ausländer, dem jede denkbare Freiheitsbeschränkung drohte. Aber etwas Unerklärbares widersetzte sich in mir, mich wegzuretten. Halb war es Trotz, nicht nochmals und nochmals fliehen zu wollen, da das Schicksal mir doch überallhin nachsetzte, halb auch schon Müdigkeit. »Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht«, sagte ich mir mit Shakespeare. Will sie dich, so wehre dich, nahe dem sechzigsten Jahre, nicht länger gegen sie! Dein Bestes, dein gelebtes Leben, erfaßt sie doch nicht mehr. So blieb ich. Immerhin wollte ich meine äußere bürgerliche Existenz zuvor noch möglichst in Ordnung bringen, und da ich die Absicht hatte, eine zweite Ehe zu schließen, keinen Augenblick verlieren, um von meiner zukünftigen Lebensgefährtin nicht durch Internierung oder andere unberechenbare Maßnahmen für lange getrennt zu werden. So ging ich jenes Morgens – es war der 1. September, ein Feiertag – zum Standesamt in Bath, um meine Heirat anzumelden. Der Beamte nahm unsere Papiere, zeigte sich ungemein freundlich und eifrig. Er verstand wie jeder in dieser Zeit unseren Wunsch nach äußerster Beschleunigung. Für den nächsten Tag sollte die Trauung angesetzt werden; er nahm seine Feder und begann mit schönen runden Lettern unsere Namen in sein Buch zu schreiben.

In diesem Augenblick – es muß etwa elf Uhr gewesen sein – wurde die Tür des Nebenzimmers aufgerissen. Ein junger Beamter stürmte herein und zog sich im Gehen den Rock an. »Die Deutschen sind in Polen eingefallen. Das ist der Krieg!« rief er laut in den stillen Raum. Das Wort fiel mir wie ein Hammerschlag auf das Herz. Aber das Herz unserer Generation ist an allerhand harte Schläge schon gewöhnt. »Das muß noch nicht der Krieg sein«, sagte ich in ehrlicher Überzeugung. Aber der Beamte war beinahe erbittert. »Nein«, schrie er heftig, »wir haben genug! Man kann das nicht alle sechs Monate neu beginnen lassen! Jetzt muß ein Ende gemacht werden!«

Unterdessen hatte der andere Beamte, der unseren Heiratsschein bereits auszuschreiben begonnen hatte, nachdenklich die Feder hingelegt. Wir seien doch schließlich Ausländer, überlegte er, und würden im Falle eines Krieges automatisch zu feindlichen Ausländern. Er wisse nicht, ob eine Eheschließung in diesem Falle noch zulässig sei. Es tue ihm leid, aber er wolle sich jedenfalls nach London um Instruktionen wenden. – Dann kamen noch zwei Tage Warten, Hoffen, Fürchten, zwei Tage der grauenhaftesten Spannung. Am Sonntagmorgen verkündete das Radio die Nachricht, England habe Deutschland den Krieg erklärt.

Es war ein sonderbarer Morgen. Man trat stumm vom Radio zurück, das eine Botschaft in den Raum geworfen, die Jahrhunderte überdauern sollte, eine Botschaft, die bestimmt war, unsere Welt total zu verändern und das Leben jedes einzelnen von uns. Eine Botschaft, in der Tod für Tausende unter jenen war, die ihr schweigend gelauscht, Trauer und Unglück, Verzweiflung und Drohung für uns alle und vielleicht nach Jahren und Jahren erst ein schöpferischer Sinn. Es war wieder Krieg, ein Krieg, furchtbarer und weitausgreifender als je zuvor ein Krieg auf Erden gewesen. Abermals war eine Zeit zu Ende, abermals begann eine neue Zeit. Wir standen schweigend in dem plötzlich atemstill gewordenen Zimmer und vermieden uns anzublicken. Von draußen kam das unbekümmerte Zwitschern der Vögel, die in leichtfertigem Liebesspiel sich tragen ließen vom lauen Wind, und im goldenen Lichtglanz wiegten sich die Bäume, als wollten ihre Blätter wie Lippen einander zärtlich berühren. Sie wußte abermals nichts, die uralte Mutter Natur, von den Sorgen ihrer Geschöpfe.

Ich ging hinüber in mein Zimmer und richtete in einem kleinen Koffer meine Sachen zusammen. Wenn sich bewahrheitete, was ein Freund in hoher Stellung mir vorausgesagt, so sollten wir Österreicher in England den Deutschen zugezählt werden und hatten die gleichen Einschränkungen zu erwarten; vielleicht durfte ich abends nicht mehr schlafen im eigenen Bett. Wieder war ich eine Stufe herabgefallen, seit einer Stunde nicht bloß der Fremde mehr in diesem Land, sondern ein ›enemy alien‹, ein feindlicher Ausländer; gewaltsam verbannt an eine Stelle, an der mein pochendes Herz nicht stand. Denn war eine absurdere Situation einem Menschen zu erdenken, der längst ausgestoßen war aus einem Deutschland, das ihn um seiner Rasse und Denkart willen als widerdeutsch gebrandmarkt, als nun in einem anderen Land auf Grund eines bürokratischen Dekrets einer Gemeinschaft zugezwungen zu werden, der er als Österreicher doch niemals zugehört? Mit einem Federstrich hatte der Sinn eines ganzen Lebens sich in Widersinn verwandelt; ich schrieb, ich dachte noch immer in deutscher Sprache, aber jeder Gedanke, den ich dachte, jeder Wunsch, den ich fühlte, gehörte den Ländern, die in Waffen standen für die Freiheit der Welt. Jede andere Bindung, alles Vergangene und Gewesene war zerrissen und zerschlagen, und ich wußte, daß alles nach diesem Kriege abermaligen Anfang bedeuten müsse. Denn die innerste Aufgabe, an die ich alle Kraft meiner Überzeugung durch vierzig Jahre gesetzt, die friedliche Vereinigung Europas, sie war zuschanden geworden. Was ich mehr gefürchtet als den eigenen Tod, den Krieg aller gegen alle, nun war er entfesselt zum zweitenmal. Und der ein ganzes Leben leidenschaftlich sich bemüht um Verbundenheit im Menschlichen und im Geiste, empfand sich in dieser Stunde, die unverbrüchliche Gemeinschaft forderte wie keine andere, durch dieses jähe Ausgesondertsein unnütz und allein wie nie in seinem Leben.

Noch einmal wanderte ich, um einen letzten Blick dem Frieden nachzutun, hinunter zur Stadt. Sie lag still im Mittagslicht und schien mir nicht anders als sonst. Die Menschen gingen mit ihren gewöhnlichen Schritten ihren gewöhnlichen Weg. Sie eilten nicht, sie scharten sich nicht gesprächig zusammen. Sonntäglich ruhig und gelassen war ihr Gehaben, und einen Augenblick fragte ich mich: wissen sie es am Ende noch nicht? Aber sie waren Engländer, geübt, ihr Gefühl zu bezähmen. Sie brauchten nicht Fahnen und Trommeln, nicht Lärm und Musik, um sich zu bestärken in ihrer zähen, unpathetischen Entschlossenheit. Wie anders war es in jenen Julitagen 1914 in Österreich gewesen, aber wie anders als der junge unerfahrene Mensch von damals war heute auch ich selbst, wie beschwert mit Erinnerungen! Ich wußte, was Krieg bedeutete, und indem ich auf die gefüllten, blanken Geschäfte blickte, sah ich in einer heftigen Vision jene von 1918 wieder, ausgeräumt und leer wie mit aufgerissenen Augen einen anstarrend. Ich sah wie in einem wachen Traum die langen Schlangen der verhärmten Frauen vor den Lebensmittelgeschäften, die Mütter in Trauer, die Verwundeten, die Krüppel, all dies mächtige Grauen von einst kam gespenstisch zurück im strahlenden Mittagslicht. Ich erinnerte mich an unsere alten Soldaten, abgemüdet und zerlumpt, wie sie aus dem Felde gekommen, mein pochendes Herz fühlte den ganzen gewesenen Krieg in jenem, der heute begann und der sein Entsetzliches noch den Blicken verbarg. Und ich wußte: abermals war alles Vergangene vorüber, alles Geleistete zunichte – Europa, unsere Heimat, für die wir gelebt, weit über unser eigenes Leben hinaus zerstört. Etwas anderes, eine neue Zeit begann, aber wie viele Höllen und Fegefeuer zu ihr hin waren noch zu durchschreiten.

Die Sonne schien voll und stark. Wie ich heimschritt, bemerkte ich mit einemmal vor mir meinen eigenen Schatten, so wie ich den Schatten des anderen Krieges hinter dem jetzigen sah. Er ist durch all diese Zeit nicht mehr von mir gewichen, dieser Schatten, er überhing jeden meiner Gedanken bei Tag und bei Nacht; vielleicht liegt sein dunkler Umriß auch auf manchen Blättern dieses Buches. Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.

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