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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/stucken/weissgo1/weissgo1.xml
typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
projectid14b7d698
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Erstes Buch

Die Menschheit ist gefangen auf der Erde –: der blaue Äther ist ihre Kerkermauer.

Gefesselt an die Erde, gebunden ist die Menschheit. Ihre Gedanken sind die Gedanken der Erde, sie ist die Trägerin der Gedanken der Erde. Und sie trägt sich mit ihnen, als wären es Girlanden, als wären es keine lastenden Sklavenketten.

Oh, wenn wir die Ketten brechen könnten, das Gefängnis verlassen könnten! Jenseits der Kerkermauer – dem kristallenen Äther, der gewölbten Schädeldecke – sind andere Welten.

In Sternennächten lugen wir durch das Gitterfenster, ahnen und ersehnen. Und wohl spüren wir dann unsere grausige Kerkereinsamkeit, – ein Schiffbrüchiger auf kahler Klippe im Ozean ist nicht einsamer.

Seit uralters war es ein Menschheitstraum –: hinausfliegen ins All, den Fuß setzen auf einen anderen Planeten! Irdische Farben, Düfte, Klänge und Worte hinüberretten in die grenzenlose Welt! Außermenschliches schauen, miterleiden, miterleben! ... Überirdisch würde uns das Furchtbare dort sein, überirdisch auch das Schöne. (Unsere Blutsverwandten dort – sind sie vielleicht Schmetterlinge von betäubendem Schimmerglanz? onyxäugige Sphinxe vielleicht mit Luchsleibern und Mädchenantlitzen? buntschillernd gefiederte Harpyien vielleicht? oder sind sie übergroße, denkende, redende Blumen, ein zauberschönes, grausames Blumenvolk?) ...

Einst war die eine Erdenhälfte der anderen fremd wie ein ferner Stern. Da setzte Columbus den Fuß auf eine Neue Welt.

Doch er wußte es nicht. Stolz glaubte er, den Ostrand der Alten Welt erreicht zu haben.

Er sah keine buntgefiederten Harpyien-Menschen, kein schönes grausames Blumenvolk. Denn nur den Außenbezirk des seltsamen Erdreiches berührten seine Karavellen. Von der Inkaherrlichkeit und von den Pyramiden Mexicos kam ihm keine Kunde.

Auch nicht seinen Nachfolgern in der Statthalterschaft der Antillen. Ein Jahrzehnt lang hatten Vizekönige vollauf zu tun, die Insel Haiti zu pazifizieren – so nannte man die Ausrottung der armen Karaiben – und die zu vielen mißlebenden Abenteurer und Kolonisten vor Hunger zu bewahren. Entdeckungsfahrten aber und Freibeuterzüge nach dem Festland – im Norden und im Süden des Isthmus von Panama – scheiterten kläglich.

Doch nahe genug lagen die Wunderstätten, so daß ihr Glanz herüberglitzerte über die steilen Anden und Kordilleren und den Beutesuchern zum Bewußtsein kam. Sagenhaft erst und gleichsam symbolisch kündigte sich ein Goldland an. Gen Sonnenuntergang, hieß es, in einem See, in dessen felsiges Ufer Treppenstufen gemeißelt seien, bade allabendlich ein vergoldeter König. Jeden Morgen aber werde der nackte Mann mit Harz beschmiert und über und über mit Goldstaub und kleinen Goldplättchen bedeckt, so daß er für Tagesfrist wieder zum vergoldeten König – el Dorado – werde.

Unausrottbar setzte sich das Phantom des nackten vergoldeten Mannes fest in die Herzen aller Konquistadoren, schwebte ihnen vorauf, führte sie in Abgründe oder über Abgründe hinweg ...

Ein zweites Jahrzehnt ging dahin. Franziskaner- und Dominikanermönche stritten, ob die Indianer Menschen oder Sklaven seien. Bald gab es keine Indianer mehr auf Haiti.

Der letzte Statthalter Haitis pazifizierte daher Kuba, siedelte nach Kuba über. Nicht viele Indianer überlebten die Befriedung der Insel, und sie siechten in den Silberbergwerken dahin.

Die Silberbergwerke fraßen zu viele Indianer.

Sklavenraubzüge an den Küstenstrichen des Festlandes mußten Ersatz schaffen. Der Statthalter sandte drei Schiffe aus. Yucatan wurde entdeckt; doch mehr als die Hälfte der Schiffsbesatzung ging zugrunde, und die Ausbeute waren zwei armselige Sklaven.

Mehr Erfolg hatte ein späterer Raubzug. Sklaven zwar wurden nicht heimgebracht, dafür einiges Gold und die erste Nachricht von Mexico.

Freilich kaum mehr als der Name Mexico-Tenuchtitlan war, aus unverständlichen Reden der Küstenbewohner, den Weißen ans Ohr geklungen. Hätten sie in Erfahrung gebracht, daß die Stadt, befestigt inmitten eines Schilfsees, im Hochtal Anahuac siebentausendvierhundert Fuß über dem Meeresspiegel lag und daß das Hochtal, durch viele himmelnahe Kordillerenketten eingemauert, zwanzig Tagereisen von der Küste entfernt war – das Entzücken der beutegierigen Abenteurer, die Begeisterung für das zauberhafte Mexico wäre im Keime erstickt, und manche, die bald darauf Cortes auf seinem waghalsigen Freibeuterzuge folgten, hätten es für ratsamer gehalten, dem Phantom des nackten vergoldeten Mannes nicht nachzujagen.

So aber hatte man einen Namen erhascht und berauschte sich an seinem Wunderklang. Die Ahnungslosigkeit macht sieghaft. Ein Vierteljahrhundert nach des großen Admirals Entdeckung betraten Bewohner dieses alten Sternes ein Land, das sie fremdartig anmuten mußte wie ein anderer Stern im Weltenmeer.

Und auch uns mutet es so an, wenn wir das dahingeschwundene Reich betreten, durch seine zerstörten Tempel, durch seine versunkenen Paläste und Schloßgärten wandeln. Särge toter Völker sind die alten Chroniken – sie bergen Moder, Juwelen und tiefe Traurigkeiten.

Die gigantische Gestalt des Columbus hatte, über kleine Antilleninseln hinweg, auf den Horizont strahlender Kulturländer nördlich vom Isthmus, einen beängstigenden Schatten geworfen.

Von Volk zu Volk war es geraunt worden. Bis in die vulkanumgrenzte Hochebene Anahuac war die dunkle Kunde von der Ankunft bleicher Männer gedrungen. Und aus östlichen Küstenstrichen brachten reisende Mexikaner die Nachricht heim, daß als Trophäe an einem Altare dort die weiße Menschenhaut eines Schiffbrüchigen hing ...

Seit einem Vierteljahrhundert senkte sich der Schatten des weißen Mannes auf alle Freuden. In jedem Naturgeschehnis glaubten die Verängstigten ein Wahrzeichen des nahenden Weltumschwungs zu sehn. Zweifelhaft schien nur noch, ob Sintflutgewässer die Bergspitzen bedecken, ob die Erde in Flammen aufgehn, ob ein Orkan Paläste und Hütten gleich Blättern fortfegen werde.

Es fehlte an Zeichen nicht und nicht an Zeichendeutern. War doch der See, aus dem die Lagunenstadt Mexico-Tenuchtitlan sich erhob, jüngst siedend emporgeschäumt in brandenden Wogen. War doch das seltene Jubelfest Unsere-Jahre-umgürten-sich, bei welchem nach zweiundfünfzigjähriger Frist alles Feuer des Landes gelöscht und im Heiligtum des benachbarten Iztapalapan neu entzündet wurde – war es doch zum Trauerfest geworden durch den unerklärlichen Brand in den Türmen des großen Tempels. Hatte doch eine Luftspiegelung im Dunste der untergehenden Sonne gepanzerte, kämpfende Männer dem staunenden Volke gezeigt. Und hatten doch nächtliche Wanderer eine Stimme vernommen, schmerzlich wehklagend in den Lüften: »Weh, meine Töchter I Weh, meine Söhne! Die Stunde des Verderbens naht I«

Am Nachthimmel aber schritt ein Komet seine Bahn in blauem Geloder.

Da geschah im alten Schloß von Tlatelolco ein Wunder, das auch den Sorglosen die Brust beengen mußte.


Tlatelolco, einst Schwesterstadt und Rivalin, war jetzt Mexico einverleibt und bildete, eine dreieckige, von Kanälen durchaderte Insel ausfüllend, den nördlichen Stadtteil der Lagunenstadt.

Als in grauer Vorzeit die sieben Stämme der Azteken ihre Urheimat, das Reiherland, verlassen hatten, fanden sie unter einem geknickten Baum zwei Kästchen, die sie öffneten, in dem einen lag ein Smaragd, und alsbald begannen sechs Stämme Streit um ihn, – in dem anderen aber lagen Stäbe zum Feuerreiben, und nur der Stamm der Tenuchcas legte Wert auf deren Besitz. Entzweit, in zwei Haufen geteilt, setzten sie ihre Wanderung fort, durchzogen Culhuacan, Xalisco, Michuacan, kamen nach Tula, Tlacopan und Chapultepec, und bedrängt von mächtigen Nachbarn, suchten sie Schutz auf zwei Inseln inmitten eines Schilfsees, die sie besiedelten: die Besitzer der Feuerstäbe wurden die Gründer Mexico-Tenuchtitlans, die Erbauer Tlatelolcos aber besaßen den Smaragd und nannten sich die Adligen.

Jahrhundertelang hielt gemeinsam ertragene Not den aufzüngelnden Bruderhaß nieder. Als aber der kühne Bastard Obsidian-Schlange, der vierte König Mexicos, die Macht des Tyrannen Schambinde gebrochen, das Tepanekische Kaiserreich zerstört und mit den an der Lagune gelegenen Städten Tezcuco und Tlacopan den unüberwindlichen Drei-Städte-Bund geschlossen hatte, sahen sich die Könige von Tlatelolco zu Vasallen erniedrigt. Sie leisteten Kriegsgefolgschaft, planten jedoch im Herzen den Tod des Herrn der Welt. Obsidian-Schlange und sein Nachfolger Montezuma I., der Himmelspfeil, entgingen nur durch Zufall ihren Anschlägen. Unter dem Enkel der Obsidian-Schlange, dem grausamen König Wassergesicht, kam es zu blutiger Abrechnung. Wassergesicht hatte seine Schwester dem letzten Könige von Tlatelolco, dem Dornenreichen Baum, zum Weibe gegeben. Dennoch schmiedete der Dornenreiche Baum Ränke mit Mexicos Erbfeinden, den Staaten Chalco, Huexotzinco und Matlatzinco. Die Königin, der dies nicht verborgen blieb, wollte an seinem Verrat nicht teilhaben und flüchtete mit ihren vier Kindern zu Wassergesicht.

Nun war das Los geworfen, und Wahnsinn ergriff die Stadt Tlatelolco. Frauen und Mädchen eilten nachts nach Mexico und durchliefen wie tollwütige Wölfinnen die Straßen, Wutschreie und Drohrufe ausstoßend. Der Schwarzbraune, ein Priester des Huitzilopochtli, wusch den Altar des Kriegsgottes und gab das mit Menschenblut gemischte Wasser dem König und dem Volk zu trinken, um sie zu entflammen. Bei Sonnenuntergang verkündete das Gedröhn der Schildkrötenpanzer-Trommel das Nahen der mexikanischen Standarten. Die Schlacht auf dem großen Marktplatze war bald entschieden. Der Dornenreiche Baum, der auf die oberste Terrasse des von ihm erbauten Tempels der Erdgöttin – der Frau mit dem Schlangen-Unterrock – hinaufgeflohen war, wurde ergriffen, nach Mexico geschleppt und in einen Holzkäfig gesperrt. Wassergesicht aber ließ in seinem Palaste ein glänzendes Festmahl rüsten, zu welchem er alle Großen des Reiches und den Adel Tenuchtitlans einlud. Und während mit ihm seine Gäste von goldenen Schüsseln weiße Mais-Würmer aßen und aus goldenen Bechern kostbaren Honigwein und Kakaoblumenwein tranken, ließ er den Dornenreichen Baum hereinführen, gräßlich foltern und dem Kriegsgott schlachten – vor den Augen der Schwelgenden, um die Festfreude zu erhöhen und den Genuß der Speisen und Kräutertränke auf abgefeimte Art zu würzen.

So endete der letzte König von Tlatelolco.

Im verwaisten Königsschlosse residierten seitdem Statthalter. Als dann – nach einem Menschenalter – Montezuma der Jüngere als neunter König über Mexico-Tenuchtitlan herrschte, verlieh er das Schloß und die Statthalterschaft seinem Schwager, dem Steinigen Feld. Wenige Jahre darauf starb das Steinige Feld. Seine junge Witwe aber, Papan, des Montezuma Schwester, blieb im alten Schlosse von Tlatelolco wohnen, und betreut von einigen Palastdamen und einem alten Haushofmeister, mit Namen die Stechende Ameise, brachte sie ihre Tage in den verödeten Prunksälen und unter Fächerpalmen des am Schilfsee gelegenen Gartens hin.

Sie war ungewöhnlich schön und von weicher Gemütsart. Von Kind an hatte sie den Trieb, Balsam zu träufeln in Wunden, die Mexicos Größe und Glanz geschlagen. Doch es waren zu viel der Wunden, und sie war allein.

Die jahrhundertelang getriebene Inzucht der chichimekischen Fürsten hatte einen Spätling am alten Stamm, eine fast krankhaft verfeinerte Blüte hervorgebracht. Unterrichtet von den besten Lehrern, berühmten Philosophen, Rhetoren und Künstlern der jüngst errichteten Akademien in Tenuchtitlan und Tezcuco, hatte Papan ihre Begabung für Musik und Poesie bis zur höchsten Vollendung entwickelt. Ihre Reden wurden bewundert in diesem Lande der feinhörigen Redner, ihre sinnschweren Verse trugen ihr den Ruhm einer Dichterin ein. Doch ihr Herz blieb unbefriedigt. Ihr selbst erst unbewußt, hatte sich ein heimlicher Haß in sie eingeschlichen gegen die eigene überfeinerte, berückende Kultur, die aus Sklavenhekatomben emporgewachsen war wie ein leuchtender Scharlachpilz aus Morästen. Zu teuer erkauft mit Blut und Tränen erschien ihr das Kolibrifeder-Mosaik ihres Stirndiadems und der Wohllaut ihrer kleinen Flöte aus geschliffenem Kristall.

Der Tod des Steinigen Feldes hatte sie zutiefst erschüttert, so daß sie, Freuden und Festen entsagend, in ihrem einsamen Palaste das Leben einer Heiligen zu leben begann. Damals hatte ihr Oheim, der Herr des Fastens, König von Tezcuco und Mitregent Montezumas, ein Hospital für Blinde erbaut. Zur feierlichen Entzündung des Herdfeuers war auch Papan erschienen, und seither wurde es ihr eine liebe Beschäftigung, die Blinden zu besuchen und zu trösten. Fast täglich ließ sie sich an die östliche Küste der Lagune hinüberrudern. Doch nicht nur die Blinden lockten sie nach Tezcuco. Das Hospital unterstand einem Kloster, welches Quaquiles bewohnten, fanatische Asketen und Anhänger des Heilbringers Quetzalcoatl, und diese hatten es unternommen, die mexikanische Prinzessin in die Mysterien ihrer Geheimlehre einzuweihen. Nicht ohne Hintergedanken taten sie es. Denn Mexico diente fast nur noch den blutdürstenden Göttern Tezcatlipoca und Huitzilopochtli, und im großen Tempel des Kriegsgottes war bereits ein Gefängnis für andere Götter errichtet. Die Mönche des Quetzalcoatl hatten das Ziel, die Menschenopfer abzuschaffen. Und Tezcucos König der Herr des Fastens unterstützte diese Bestrebungen.

Wundersam schwermütig klangen die heiligen Lieder, die von Quetzalcoatl, der Grüngefiederten Schlange, erzählten. Als noch das verschollene Volk der Tolteken das Hochtal Anahuac bewohnte, war er unter ihnen erschienen, geboren von der jungfräulichen Mutter, dem Mädchen von Tula, welche geschwängert worden war durch einen grünen Edelstein, den sie als Schmuck am Busen trug. In Tula, der Hauptstadt der Tolteken, nahm Quetzalcoatl Wohnsitz und hauste als Priesterfürst in der auf einer Flußinsel aus Meermuscheln und Silber erbauten Königsburg – ein hoher starker Mann, mit weißem Antlitz, mit langem, dichtem Bart und hochgewölbter Stirn. Schamhaft war er – darum trug er sein weißes, mit Kreuzen besätes Gewand lang herabwallend bis an die Knöchel. Täglich kasteite er sich, stach sich das Fleisch der Schenkel mit scharfen Aloe-Dornen blutig. Und mitternachts badete er einsam in einem Brunnen inmitten des Schlosses.

Er verabscheute die Menschenopfer, nur Schlangen, Blumen und Schmetterlinge opferte er. Gesetze, Kalender und Schrift führte er bei dem noch rohen Volke ein, er unterwies die Tolteken in allen Künsten, er lehrte sie Baumwolle weben, Steine schneiden, Tonwaren brennen und Metalle schmelzen. Ein goldenes Zeitalter brach in Anahuac an. Maiskolben erreichten Manneshöhe, Melonen hatten den Umfang halbwüchsiger Kinder. Doch die Büßerkraft dieses Asketen gefährdete den Krieg, ohne den die Welt nicht bestehen kann, und die Götter in den dreizehn Himmeln sahen ihre Macht bedroht. Wie sie einst den Büßer Yappan durch die schöne Liebesgöttin Ixcuinan verführt hatten (in Staub war sie zerfallen, als er sie zu umarmen suchte), so beschlossen sie auch Quetzalcoatl zu verderben. Der unheimliche Tezcatlipoca ließ sich an einem Spinnenfaden vom Himmel herab, und in der Gestalt eines Greises überreichte er dem Heiligen einen gekrümmten Spiegel. Grauen erfaßte Quetzalcoatl, als er sich im Spiegel gesehen. »Ich bin alt«, sagte er. Vor keinem Menschenauge wollte er sich mehr blicken lassen. Umsonst schmiedete ihm sein treuster Jünger eine kostbare, mit Türkis-Mosaik überkrustete Schädelmaske. Und wieder kam Tezcatlipoca und brachte Wein, den er als den Trunk der Unsterblichkeit anpries. »Ich berausche die Welt! Du wirst mir danken!« sprach er in Zauberergestalt. Da schlürfte Quetzalcoatl den Trank durch einen Rohrstiel ein, bis er berauscht war, und seiner Sinne nicht mächtig, schändete er die eigene Schwester Quetzalpetlatl. Nun war seines Bleibens nicht mehr im Lande, Scham und Verzweiflung trieben ihn fort in die Ferne. Die Stimme des genossenen Zauberweins raunte ihm gebieterisch zu, er müsse nach Süden, seiner Seele Heimat, das Fabelreich Tlillan-Tlapallan, suchen. »Die Sonne ruft mich!« sagte er. Und in einen Quellbrunnen versenkte er seine Kostbarkeiten, Bücher und Kleinodien. Viele seiner Anhänger und alle Singvögel der Gärten Tulas begleiteten ihn auf der nun beginnenden Irrfahrt, von der noch späteren Geschlechtern sein Händeabdruck im Fels bei Tlalnepantla und ein von ihm gesteinigter Fruchtbaum Zeugnis gaben. Über Schneegebirge zog Quetzalcoatl, und im Schneesturm erfroren die meisten seiner Begleiter, wohl weinte er um sie und um sich, doch dann wieder verwirrte ihn so wilde, unsinnige Hoffnungsfreude, daß er sich vom Krater eines Vulkans bis in die Ebene sausend hinabgleiten ließ. Als er an der Stadt Cholula vorbeizog, hielten ihn die Bürger fest und zwangen ihn, ihres Landes Krone zu tragen. Jahrelang blieb er in der heiligen Stadt, ein gefangener König und Gott. Dann floh er auch aus Cholula, mit nur vier Jüngern, und irrte von neuem umher, das Land Tlillan-Tlapallan suchend. An der Seeküste durchschoß er mit einem Pfeil einen Baum, und die zwei aus dem Stamm ragenden Enden des Pfeiles wurden dick wie der Stamm, so daß der Baum einem Kreuze glich. Danach entließ er die vier Jünglinge, und tränenschweren Abschied nehmend, trug er ihnen eine Botschaft auf an seine Anhänger in Cholula und Tula: sie sollten sich nicht grämen, einst werde er wiederkommen mit anderen weißen Gefährten, um wieder König über sein Volk zu sein, Frieden allen Ländern zu bringen und die Tränen der Witwen und Waisen zu trocknen. – So lautete seine Verkündigung. Doch niemand erfuhr je, was aus ihm geworden. Einige meinten, er habe ostwärts, über das Weltmeer in einem Schiff aus Schlangenhäuten segelnd, Tlillan-Tlapallan erreicht und lebe dort in ewiger Jugend, andere sagten, er habe sich selbst in einer Steinkiste verbrannt, und sein Herz sei der Morgenstern geworden, seine Asche aber sei in der Gestalt von Blumenvögeln mit strahlendem Gefieder in alle Winde geflogen.

Nun verehrten ihn die Völker Anahuacs als den Gott des Windes und sein Herz als den Herrn der Morgenröte, den blauen Planeten. Doch er war ein Mensch gewesen – diese Erinnerung schwand niemals –, ein Mensch und zugleich ein König, anders geartet als die entmenschten Könige der Chichimeken, und ein Feind der bluttrinkenden Götter Mexicos. Wo war ein Volk, wo eine Stadt, die nicht seufzten unter dem Joch ihrer Knechter? So kam es, daß Mexicos bange Ahnung und die Hoffnung der Unterdrückten auf den weißen Kreuzträger nie ganz erlosch durch Jahrhunderte, ja, in weichen Gemütern wollte der Traum vom Friedensreich wieder Flamme werden, seit Gerüchte schwirrten von den gelandeten bleichen Göttern auf den Inseln des Südens.


Während bei der Einweihung des neuerbauten Tempels Tlamatzinco zwölftausendzweihundertundzehn Kriegssklaven das Herz aus der Brust gerissen wurde, erkrankte die Prinzessin Papan. Nach Wochen erhob sie sich vom Krankenlager, doch nie mehr genas sie ganz. Ihr Gemüt war zart wie eine Schneeflocke und vorherbestimmt für die Heilslehre vom künftigen Friedensreich. Sie, die mexikanische Prinzessin, die Schwester des großen Montezuma, stand im Begriff, Nonne in einem Frauenkloster der Quaquiles zu werden ...

Ihr Tod vereitelte diesen Plan. Kaum fünfunddreißig Jahre alt, starb sie im Frühling des Unheilsjahres Ce-Acatl, Eins-Rohr.

Der schweigsame Montezuma hatte ihr stets mehr ausgesuchte Höflichkeit als Liebe bezeigt. Wohl lag es in seinem Wesen, falsche Gefühle, als wären es Juwele, auf dem Handteller zu tragen, um so scheuer verbarg er die echten. Jetzt, wo sie tot war, übermannte ihn der Schmerz, und die nie gesprochenen Worte der Liebe erhoben sich in seiner Brust wie Ankläger.

Er ließ Papan pomphaft bestatten. Die Könige von Tezcuco und Tlacopan kamen zur Beerdigung und ebenso die sechshundert Adligen aus dem großen Palast in Tenuchtitlan.

Auf die übliche Opferung von Sklaven und Dienerinnen wurde verzichtet, da Montezuma dem auf dem Sterbebett geäußerten Wunsche seiner Schwester nicht zuwiderhandeln mochte.

Eigenhändig schnitt er ihr die Stirnlocke – den Sitz der Seele – vom Haupt und verwahrte sie in einem kostbaren Kästchen.

Im Schloßgarten von Tlatelolco wurde ihr Leichnam bei Sonnenuntergang beigesetzt, in einem unterirdischen ausgemauerten Mausoleum, dessen Treppeneingang nicht weit von ihrem Lieblingsaufenthalt entfernt war, einem von weißen Terebinthen umschatteten gestuften Steinbecken aus poliertem Porphyr, darin sie – vor ihrer Krankheit – bei Mittagsglut zu baden pflegte.

Auf einen Stuhl inmitten des Grabgewölbes wurde die Leiche gesetzt, nachdem sie in weiße Totengewänder aus seidigem Kaninchenhaar-Gewebe gekleidet worden war. Ihr Gesicht bedeckte eine buntbemalte Maske. Über die Schultern ward ihr ein Mantel gebreitet, reichgewebt mit den Abzeichen des Gottes, den ihr Herz erwählt hatte, Quetzalcoatls. Auf die Knie legte man ihr einen Spinnrocken. Und in einem Achatgefäß, auf welches ein Schmetterling gemalt war, wurden Speisen neben sie gestellt, damit sie nicht darbe auf der weiten Fahrt ins Totenland. Und Priester mit Fackeln und Papierfahnen räucherten auf weißen Tonschalen kleine Pillen des köstlichsten Kopalharzes und trösteten mit Litaneien die Tote: sie werde – gleich den gefallenen Kriegshelden und den in Geburtswehen verblichenen Frauen – in das beste der drei Totenreiche eingehen, in das Land der Sonne, wo die Verstorbenen zwischen zauberhaften Blumenbeeten tanzen und im Goldgefieder bunter Vögel den Sonnenball umfliegen. Nachdem Papans Totenwohnung durch eine Steinplatte geschlossen worden war, begab sich Montezuma nach Tenuchtitlan zurück, betete lange im Tempel der Trauer und suchte Zerstreuung und Vergessen bei einem prächtigen Leichenmahl.


Als am folgenden Morgen die noch nicht aufgegangene Sonne den Schnee der östlichen Kordillerenkämme gelblich zu durchleuchten begann, lief das Töchterchen einer Palastdame, ein etwa fünfjähriges, melancholisch dreinschauendes Mädchen mit goldenem Lippenring, durch den dämmerigen Schloßgarten. Das Kind hatte das in einem Seitenflügel des Schlosses gelegene Schlafgemach seiner Mutter verlassen, um im Hauptgebäude eine alte Edelfrau aufzusuchen, der die Aufsicht über die jüngeren Hofdamen und die Erziehung der im Schlosse lebenden Kinder übertragen war. Der Weg führte das Mädchen am porphyrnen Badebecken vorbei, und im schummrigen Morgenlicht gewahrte es, daß auf den Steinstufen des Beckens eine Gestalt saß. Das Kind trat neugierig und furchtlos heran und sah: eine hagere Frau saß dort, in ein schneeig schimmerndes Hemd gehüllt, strähnige, mit duftendem Harz verharschte Haare fielen ihr auf die Schultern, zerzaust und wirr, wie zerwühlt von schmerzdurchkrampften Händen. In diesem Augenblick schossen die ersten Sonnenstrahlen durch das dichte Baumgeäst und verwandelten die weißen Terebinthenblüten in rosenrote. Da erkannte das Kind die junge Frau, obgleich eine Maske ihre Züge verdeckte, und da es zu klein war, um zu begreifen, was Sterben bedeutet, glaubte es, die Prinzessin Papan entkleide sich dort und nehme ein Bad. Auch lief es nicht davon, als die Verstorbene es mit dem Schmeichelwort Cocoton, das heißt Täubchen, heranrief, es kam vielmehr ganz unbefangen näher und fragte, was die Prinzessin begehre. Da trug ihr die Tote auf, sie solle zu jener alten Edelfrau, ihrer Erzieherin, laufen. »Und sage ihr, Täubchen, daß ich sie rufe und daß sie gleich kommen muß.«

Sofort eilte das Kind, den Auftrag auszuführen.

Die Erzieherin, die Schaum des Meeres hieß, war die Witwe eines im Kriege gegen die Zapoteken gefallenen Feldherrn. Einst, unter Montezumas Vorgänger, König Molch, dem Tempelerbauer, hatte sie am Hofe von Tenuchtitlan ein glanzvolles Leben geführt, hochangesehen wegen ihres Adels – sie war mit dem Königshause verwandt – und wegen der Zierlichkeit ihrer Ausdrucksweise, denn nichts wurde in Anahuac mehr geschätzt als die Eleganz der Rede und die souveräne Beherrschung der bunt schillernden und wie Feuersteinmesser klirrenden Sprache. Da Schaum des Meeres auch über eine nicht gewöhnliche Kenntnis der Ritualbücher und heiligen Bilderschriften verfügte, wurde sie später von Montezuma dazu ausersehen, bei der früh verwaisten Papan Mutterstelle zu vertreten. Als dann das Steinige Feld gestorben, war sie ins Schloß von Tlatelolco gezogen, um auf Wunsch der versonnenen Prinzessin die Damen des kleinen Hofstaates in Zucht zu halten.

Die Augen dick verschwollen nach durchweinter Nacht, hockte sie jetzt in ihrem mit Wandteppichen behängten Zimmer auf einem gelben, blaugetüpfelten Kissen und hielt in der Hand einen kreisrunden schwarzen Obsidian-Spiegel am länglichen rotlackierten Holzstiel. Sie beendete eben ihre Gesichtsbemalung. Zum Zeichen der Trauer zog sie sich weiße Streifen vom Mundwinkel zum Ohr. Da hob sich der Korallenvorhang, der ihrer Kammer als Tür diente, und das Kind trat ein.

Tränen stürzten aus den Augen der alten Frau, sobald sie des Kindes Botschaft vernommen. Mit wehmütigem Lächeln suchte sie der Kleinen verständlich zu machen, daß die Toten nicht wiederkehren aus dem Himmel der Sonne, wo sie zum Lohn für gute Taten mit den Göttern vereint sind.

Doch das Kind ließ es sich nicht ausreden, immerzu wiederholte es, was die badende Prinzessin gesagt hatte, und schließlich erfaßte es den ärmellosen hemdartigen Überwurf der Erzieherin und zerrte sie hinaus. Widerwillig, bloß um das erregte Kind zu beschwichtigen, ließ sich Schaum des Meeres die breite Schloßtreppe hinab in den Garten führen. Doch als sie sich dem Porphyrbecken genähert hatte, rieselte ihr das Grauen in eisigen Bächen über den Rücken. Ja, dort kauerte die weiße Gestalt Papans – so steinern und still, daß ein großer Atlasfalter an ihr linkes, von einem nephritenen Ohrpflock erweitertes Ohrläppchen herangeflattert war, er klammerte sich daran, als wäre es ein Blumenkelch, und die Spiralen des Saugrüssels rollend, schlug er mit den ausgebuchteten Azurflügeln an ihr Nackenhaar.

Die alte Frau brach ohnmächtig zusammen.

Jetzt erschrak auch das Kind, als es die Greisin leblos daliegen sah, und wild aufschreiend floh es in den Seitenflügel zu seiner Mutter. Diese hörte ungläubig an, was ihr Töchterchen erzählte, begab sich aber trotzdem, von mehreren anderen Palastdamen begleitet, sogleich zum Badebecken. Wirklich, das Kind hatte die Wahrheit gesprochen –: dort lag die Ohnmächtige am Boden, und auf den Steinstufen hockte der begrabenen Prinzessin weißes Gespenst.

Ergrausend wollten die Frauen fliehen.

Da hob Papan ihre Hand – rotbemalt war die Hand, die Fingernägel schneeweiß –, und sie sprach mit müder, kaum vernehmlicher Stimme:

»Bleibt ... Ich erwachte nachts ... Eine Schlange raschelte, glitt eisig über meinen Fuß ... Da fürchtete ich mich ... Ich rief, ich schrie – niemand kam ... Oh, wie ich schrie! ... Ich tastete mich zur Tür ... Der Stein gab nach ... Haltet es geheim, daß mich die Götter zurückgeschickt haben aus dem Haus der Eule ... Ich muß noch eine Weile bei euch sein ... Führt mich in mein Zimmer ... Mich friert ...«

Wie das Lallen einer Irren klangen die fiebrig gehauchten Worte.

Doch die Frauen begriffen, daß sie ins Leben zurückgekehrt war, und drängten sich an die Herrin heran, knieten, schluchzten, küßten ihr die Hände.

Ihre seitwärts gestellten, länglichen Augen blickten starr in die Ferne, als sähe sie die Menschen nicht. Mühsam öffnete sie noch einmal den schmerzlich zuckenden Mund: »Ich will schlafen«, sagte sie.

Da trugen sie die Frauen ins Schloß, entkleideten sie, brachten sie zu Bett. Mit Mänteln aus Edelmarderfell und aneinandergenähten Papageiendaunen wurde sie bedeckt. Frost schüttelte ihre sterbensmatten Glieder.

Gegen Mittag fiel Papan in einen tiefen, heilgebenden Schlaf.

Ihre Wiederkehr aus dem Lande der Sonne wurde streng geheimgehalten.

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