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Johann Gottfried Seume: Die Weinlese - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleDie Weinlese
publisherBerlin. Gustav Hempel
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Johann Gottfried Seume

Die Weinlese

Eine einfache Erzählung

Fragment

Wenn der Mensch nicht immer etwas hat, das ihm lieber ist als das Leben, wird das Leben selbst bald sehr alltäglich und schal. Jeder soll etwas mit dem ganzen Feuer seiner Natur ergreifen und daran hangen wie an dem Heiligsten des Denkbaren. Der Dichter glüht für sein Ideal, der Künstler mit ihm für das Höchste der Kunst, der Enthusiast für das Heilig-Mystische, der Philosoph für sein Gedankensystem, der Krieger für fleckenlose Soldatenehre, der Patriot für das Vaterland, der Weltbürger für allgemeines Wohl, der wahrhaft gute Mann für die Tugend. Die weise Ordnung der Dinge ist, daß alles Schöne und Gute endlich in einem Zwecke zusammentrifft. Jeder trägt seine Forderungen in die Wirklichkeit um sich her und mißt diese gebieterisch mit jenen; und mit Recht, wenn diese Forderungen aus der Tiefe der reinen, bessern Natur geschöpft sind. Wenn die Jämmerlichkeit rund umher ihnen durchaus in gar nichts entspricht, zieht er sich einsam in das innere Heiligthum seines Wesens zurück und lebt für andere Zeiten und bessere Menschen; wenigstens schmeichelt ihm damit sein Stolz. Dieses Streben nach dem Bessern und diese Einsiedlerneigung, wo es ihm nicht gelang, hat, so lange die Geschichte erzählt, viele bessere Seelen von dem großen Trosse geschieden, und ihnen verdanken wir meistens die Erhaltung und Aufhellung der Lichtpunkte in unserer Menschennatur.

Praktisch thätig sein, ist besser, als todte Buchstaben schreiben, und die Männer von Marathon sind mehr werth als viele volle philosophische Schulen. Marathon schuf Salamis und Platäa; aber alle Secten der Philosophen haben kein Marathon wieder geschaffen. Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben; und je verworfener die Zeit ist, desto wortreicher ist sie, ausgenommen, wo gänzliche Mundsperre herrscht. Hierüber belegen die Griechen und Römer, und die Neueren widersprechen nicht. Wer möchte nicht lieber den Oelbaum der Athene Polias gepflanzt, als Professor und Vorfechter einer Philosophensecte gewesen sein? Doch es giebt Zeiten, wo zwar viel geschieht, aber nichts gethan wird, die begebenheitsreich, aber thatenarm sind: und in diesen ersetzt vielleicht das Wort die Handlung, damit der Funke, der Same besserer Frucht, nicht gänzlich in der Sumpfluft der Alltäglichkeit ersticke. Sokrates wäre gewiß mit mehr Feuer bei Salamis gewesen, was er bei Delia war, wäre sein Leben zwischen Marathon und Platäa gefallen. Da dieses nicht war, stritt er muthig und standhaft gegen den einreißenden Schwindelgeist und die Sittenverderbniß seiner Zeit. Die Griechen geben große Lehren Jedem, der hören und verstehen kann und will; ihre Kunst und ihre Dichtungen sind dem Menschen viel werth, aber weit mehr werth ist ihm ihre Geschichte. So wenig zuweilen fest bestimmte, geläuterte Rechtsbegriffe darin sind, so viel ist doch darin liebenswürdiger, mächtiger Enthusiasmus für alles Hohe und Göttliche in unserer Natur, so viele herrliche, feuervolle Winke, die alle des strengsten Vernunftbeweises fähig sind.

Da ich keinen Wirkungskreis in den Weltverhältnissen haben kann, will ich spielen; damit man wenigstens sehe, nach welcher Norm ich vielleicht gewirkt haben würde, wenn mir das Schicksal einen Posten angewiesen hätte. Ich gebe meine Tropfen dem Ocean, mit der Hoffnung, daß sie da nicht ganz verloren gehen werden. Dies zur Entschuldigung, warum ich schreibe, und warum ich eben dieses Büchelchen schreibe.

Herr Arndt war ein angesehener Kaufmann in einer der ersten deutschen Handelsstädte, nicht weit von dem Strome, der ehemals die Zierde des Vaterlandes und seine Vormauer war. Man nannte ihn einen guten Mann, nicht blos im gewöhnlichen Sinne der Geschäftssprache, wo Jeder gut heißt, dem keine Schuldforderung unbefriedigt einläuft, und dem kein Wechsel protestirt wird, seine Grundsätze mögen übrigens unter dem verdammlichsten Protest liegen. Das Geld war bei ihm nicht Zweck und Seele geworden, wie sonst nicht selten in seinem Fache der Fall ist, sondern blieb als Mittel immer untergeordnet den höhern Absichten seiner moralischen Natur. Wenn man die Biedermänner der Stadt nannte, hörte man seinen Namen unter den ersten ohne Clausel. Schon sein Vater war ein Mann in guten Umständen und von gutem Sinne gewesen; durch ihn hatte er also eine vernünftige, freundlich- liberale Erziehung genossen, die seiner Moral mehr Festigkeit und seinen Talenten mehr Ausbildung gab. Er hatte die Welt gesehen von Cadix bis Petersburg und von London bis Neapel, hatte mit Ernst und Einsicht überall gedacht und gewählt und also von allen Orten das Gute und nicht, wie gewöhnlich, die Geckereien mit nach Hause gebracht. Er war nicht eben gelehrt, aber auch nicht unwissend. Aus der Schule war ihm etwas von dem Cornelius Nepos und das griechische Alphabet übrig geblieben; in den neueren Sprachen aber, die ihm nöthiger waren, brauchte er keinen Dolmetscher, sondern kannte außer dem Facturstil auch das Beste ihrer verschiedenen Literatur. Wenn man von Raphael sprach, hielt er ihn nicht für den Erzengel, auch nicht deswegen für einen stiftsfähigen Edelmann, weil er »von Urbino« hieß. Ohne Pütter und Moser eben sehr genau zu kennen, verstand er Geschichte und Staatsrecht genug, um zu begreifen, daß ein Deutscher kein sehr heißer Patriot sein könne -- dazu gehört ein Ganzes und eine Nation --; doch war er Patriot genug, die alte und neue Geschichte seines Vaterlandes mit herzlicher Theilnahme zu betrachten. Sein Comtoir war seine engere Welt, und Alles, was auf dasselbe Bezug hatte, war ihm wichtig; und auf dasselbe hatte sehr Vieles Bezug, denn seine Verbindungen gingen beträchtlich weiter als von Hamburg bis Lübeck. Er wußte den Werth des Geldes zu schätzen, aber er überschätzte ihn nie. Es hatte ihn Fleiß und Mühe und Einsicht und Anstrengung und Geduld und Beharrlichkeit gekostet, um mit Ordnung und Ehre dahin zu kommen, wo er stand; deswegen hielt er auf Talent viel, aber mehr noch auf praktische Brauchbarkeit. Der Geist erfreute ihn, aber den Verstand ehrte er; und wo Beides mit sittlicher Strenge ins Leben trat, da nahm er Antheil mit freundlicher Wärme und war Freund ohne lange Erklärung.

Sein Haus in der Stadt zeichnete sich aus durch wohlwollende Humanität des Besitzers, durch pünktliche, ängstlich scheinende Ordnung und Festhaltung der alten, guten, ernsthaften Sitte. Wer in seine Mauern zog, dem war er verhältnißmäßig Vater und Freund, oder er schaffte ihn bald wieder hinaus, wenn er es nicht konnte. Er hatte viele seiner jüngern Freunde in Geschäften festgesetzt, und ein Wort von ihm galt überall für einen großen Creditbrief. Sein Haus auf dem Lande war neu und glänzend und auf dem schönsten Punkte einer schönen Gegend. In der Stadt war er mehr Geschäftsmann, hier war er mehr reiner Mensch, und zuweilen war er es ganz patriarchalisch in dem Zirkel seiner Freunde; das pflegte er die Silberblicke des Lebens zu nennen. Er geizte darnach mehr als nach reichen Ladungen ans Osten und Westen, aber seine Verbindungen gewährten sie ihm nur selten. Jedes Frühjahr und jeden Herbst suchte er eine Wallfahrt von acht Tagen oder vierzehn auf sein Sorgenfrei zu machen und da den Genüssen der bessern Natur zu leben.

Er war Wittwer. Julie, ein Weib, das selbst die Weiber mit mir wenigen Ausnahmen schön und gut nannten, hatte ihm den Lenz des Lebens so heiter und froh gemacht, als selten der Lenz der Natur ist. Das Schicksal hatte sie ihm entrissen, als er eben mit den herrlichsten Entwürfen für seine Geliebten fertig war und zur Ausführung schreiten wollte. Der Schlag traf ihn so furchtbar, als ob er der Erste gewesen wäre, der diese Erfahrung machte. Er gedachte ihrer selten ohne eine Thräne der Rührung und ohne ein bittersüßes Entzücken der Seele. Sie hatte ihm ihr Ebenbild in einer kleinen einzigen Tochter hinterlassen, ein Knabe war vor der Mutter gestorben. Mit der ganzen sorgsamen, seligen Zärtlichkeit besserer Seelen hing der Vater an dem nun einzigen Liebling. Die kleine Julie war sein einziger Trost, seine einzige Freude. Sein Charakter war immer mehr ernst als fröhlich gewesen, der Verlust seines Herzens hatte ihn zwar nicht mürrisch, aber doch stiller und trauriger gemacht, als sonst seine Stimmung war. Seine Geschäfte gaben ihm Zerstreuung, aber nur sein Kind knüpfte ihn mit Theilnahme an das Leben. Man hatte Ursache zu glauben, er werde sich wieder umsehen nach einer Freundin des Lebens. Auch schien es einigemal, als ob ihm der Gedanke nicht fremde wäre. Aber die Vergleichung dessen, was er verloren hatte, mit dem, was er kaum hoffen durfte, ließ ihn ein Jahr nach dem andern in Unentschlossenheit. Immer ward die Wahl schwerer, weil der Ersatz immer unwahrscheinlicher ward; und der Gedanke war ihm unerträglich furchtbar, daß seine künftige Frau seiner Julie nichts als eine gewöhnliche Stiefmutter sein könnte. Das Mädchen gewann mit jedem Tage mehr in dem Herzen des Vaters und füllte es endlich allein so gänzlich aus, daß er bald kein Bedürfniß fremder Mittheilung mehr fühlte. Hätte er mehrere Kinder gehabt, so hätte vielleicht ihre Erziehung eine Gehilfin unumgänglich nothwendig gemacht; aber die liebliche Zärtlichkeit der einzigen Kleinen, in der seine ganze Seele zu leben anfing, wollte er durchaus mit Niemand theilen; er glaubte sich und seinen Liebling zu berauben. Eine ältliche, entfernte Verwandte, die nach dem Tode seiner Frau seine Häuslichkeit besorgte, war dem Kinde Alles, was nach seiner Meinung irgend Jemand außer ihm der kleinen Charis sein sollte. So waren Jahre unter Festen und Liebkosungen, unter Freuden und Sorgen, unter schönen Genüssen und schöneren Hoffnungen verstrichen. Julie war erst der Trost und die Freude des Vaters, dann der Liebling des Hauses, und war nun der Stolz der Stadt und der Ruhm der Gegend. Auch die Fremden nahmen nicht selten mit hoher Entzückung den Namen und das Bild Juliens in der Phantasie mit nach der Heimath, und mit der steigenden Bewunderung stand ihre Ehre herrlicher, welches sonst bei Männern und Frauen selten der Fall ist. Die Geburt des Ruhms ist oft das Grab der Ehre, bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern. Früher pries man ihre zart aufkeimende Schönheit und die Artigkeit, Kindlichkeit und Gutmütigkeit des kleinen Mädchens; jedes Jahr erhöhte die früheren Reize und gab ihr einen neuen; die sorgsam gemessene Erziehung entfaltete und gestaltete, was die freigebige Natur geschenkt hatte, an Seele und Körper, und nun war sie ein Muster, das die meisten Mütter ohne Neid und Scheelsucht ihren Töchtern zur Nachahmung empfahlen. Ihr Vater vergaß seine Fünfundfunfzig und war glücklich wie ein Bräutigam in den Huldigungen, die man von allen Seiten seinem Liebling brachte. Er war ihr zärtlicher Freund und Führer, ohne sie im Geringsten einzuschränken. Er war zwar nicht ganz der stoischen Meinung, daß die Tugend, die immer Wache braucht, die Schildwache nicht verdiene; aber er war doch aus seiner eigenen Seele in die Seele seines Lieblings überzeugt, daß die wahre Tugend selbst ihre beste Wächterin sei. Rath und vertrauliche Warnungen gab er zuweilen, selten brauchte er Ermahnungen. Er suchte nur ihr Vergnügen und sie nur seine Zufriedenheit, und Beide waren fast immer sicher, zusammenzutreffen; denn er war gut und weise, und sie war schön und gut. Er schloß nur Schurken und Gecken geflissentlich aus seinem Hause, und auch diese nicht, wo es die notwendige Duldsamkeit des Lebens erforderte. Er hatte nicht nöthig, viel zu bezeichnen; der natürlich-richtige, feine Tact des Mädchens, halb Geschenk des Himmels und halb die Frucht der Erziehung und das Resultat des besseren Umgangs, half ihr, Alle bestimmt zu nehmen, wie sie genommen werden mußten. Die Unsittlichkeit der Zeit wagte es nicht, vor ihrem Antlitz ihre verworfenen Zeichen zu tragen; Jeder fühlte, er werde hier ohne Erörterung gewürdigt nach Verdienst, ohne dadurch beleidigt zu werden; und mancher Wüstling verließ das gastliche Haus mit guten Entschlüssen, die freilich selten in Erfüllung gingen. Die innere Huldigung des Lasters ist das herrlichste Siegel der Göttlichkeit der Tugend.

Man kann denken, daß die schöne, liebenswürdige, reiche Julie überall von der männlichen Jugend mit Artigkeiten und Unarten umschwärmt wurde. Sie war siebzehn Jahre, war fast überall die Königin der Feste, und ob man gleich fast jeden jungen Mann als ihren Liebhaber ansehen konnte, so hatte es der Stadtruf, der so wenig Stoff braucht, doch noch nicht gewagt, ihr einen Geliebten zu geben. Sie war die unbefangene Freundlichkeit gegen Alle, und der feinste, vollendetste Weltling konnte sich nicht rühmen, mit aller seiner Kunst aus Paris, Petersburg und London irgend einen erweislichen Vorzug von ihr erschlichen zu haben. Fast gegen die Hälfte der Männer half ihr zu der gediegenen einfachen Weisheit des Apostels, über die ihr ihr Vater manche lange, tief durchdachte, freundliche Vorlesung gehalten hatte, und deren kurzer Text ist: Ihr vertraget die Narren, weil Ihr klug seid. Die Damen, denn Frauen darf man diese Modegeschöpfe wol kaum nennen, welche am Theebrett arg genug über die Aergerlichkeiten der Stadt und der Gegend gevatterten, musterten alle Bälle und alle häuslichen Feste umsonst, um Juliens verstohlensten Blicken irgend einen geheimen Geliebten abzuwittern. Kein Besuch, keine Fahrt, kein Spaziergang blieb unbelauscht, ohne daß der Glückliche gefunden wurde. Man hatte nicht ganz Unrecht; denn ein junges, schönes, liebenswürdiges Geschöpf in ihrem siebzehnten Jahre ohne alle Liebschaft wäre eine Anomalie in der Natur und gewänne gewiß durch diese stoische Apathie in den Augen des unbefangenen weiblichen Seelenforschers sehr wenig.

Julie war nicht ohne den süßen Rausch der Seele, den man gewöhnlich Liebe nennt, und der in der Welt so viele Gestalten trägt, häßliche und schöne, und so viel Gutes und Böses wirkt. Das wußte auch Vater Arndt und Tante Rosalie, ohne je von dem Mädchen ein Wörtchen davon gehört oder ihr das Geringste darüber gesagt zu haben. Die Sache verhielt sich so. Es lebte in Arndt's Hause ein junger Mensch, einige Jahre älter als Julie, der nur Vetter Robert hieß, und der ohne weitere Geschäftsauszeichnung mit den Uebrigen auf der Schreibestube arbeitete. Er war vor einigen Jahren schon ziemlich gebildet aus der Ferne gekommen; nur Herr Arndt wußte bestimmt, woher, und Niemand bekümmerte sich weiter geflissentlich um dessen andere Verhältnisse. Er war ehemals als Knabe nur kurze Zeit hier zum Besuche gewesen, als Julie noch ein kleines Mädchen war. Seine Kenntnisse waren jetzt die Kenntnisse eines jungen Menschen von feinen Talenten und guter Erziehung, und sein Betragen, gesittet, ernsthaft und bescheiden, erwarb ihm die Achtung des ganzen Hauses. Herr Arndt war gegen ihn nach seiner Gewohnheit ernst und gütig; doch zeigte er des Ernstes etwas mehr, ein Beweis, daß in seinem Herzen auch der Güte etwas mehr war, ohne daß er sie zeigte. Daß Vetter Robert ein schöner, blühender Jüngling war mit glühenden Wangen, seelenvollen Augen, zierlichen braunen Locken und einer schlanken, gleichmäßigen Gestalt mit griechischem Gesicht, und daß er um die Mädchenwelt sich durchaus nicht zu bekümmern schien, mochte ihm in Juliens Augen nicht zum Nachtheil gereichen. Die unerfahrne Julie hatte von Natur schon Weiberweisheit genug, ihr Wohlgefallen tief in ihr Herz zu verschließen; sie konnte sich aber nicht bergen, daß sie Vetter Robert vor Allen mit Vergnügen sahe und hörte, zumal da sein Blick immer eine stille, halb melancholische, freundliche Verklärung erhielt, wenn er in ihrer Nähe war und seine harmonische Stimme ohne Zwang ihr dann eine unbeschreiblich liebliche Modulation zu haben schien. Das geht nun so, wie es geht. Die jungen Leutchen waren sich schon näher, als sie glaubten. Gewöhnlich hat die volle Seele aus dem Auge gesprochen und Gelübde gewechselt, ehe sich das leiseste Wörtchen auf die Zunge wagt. Vetter Robert war in seinen Arbeiten etwas zerstreut und Julie über den ihrigen etwas nachsinnig geworden. Tante Rosalie bemerkte das zuerst und hielt doppelte Aufmerksamkeit, ohne Argwohn. Herr Arndt schüttelte den Kopf und lächelte; doch schien er sich innerlich mehr zu freuen als zu betrüben. Alles blieb, wie es war, und schien gemächlich gut; nur die jungen Leutchen fühlten in sich noch etwas, von dem sie selbst nicht wußten, ob es Fülle oder Leere, Ueberfluß oder Mangel war. Sie waren sich ihrer Stimmung und ihrer Wünsche nun wol ziemlich bewußt, denn die Natur ist eine deutliche Lehrerin; aber wenn sie auch nicht Vater und Tante gescheuet hätten, hätte sie doch das Bängliche dieser Gefühle und das freundliche, wohlthätige Herzklopfen und die den Guten angeborne Verschämtheit in gegenseitiger Entfernung gehalten. Der Vetter spielte zuweilen vierhändige Musik, die zu Juliens Lieblingsgenüssen gehörte. Auf ihrem Gesicht konnte man lesen, daß ihre Seele das Fehlende mitspielte; aber man konnte sie nie überreden, sich auch an den Flügel zu setzen und mit einzugreifen; denn ein leiser, leiser Tact sagte ihr, daß nur dem Lehrer oder dem Virtuosen von Profession oder dem vertrautesten, gewählten Freunde des Herzens diese Vergünstigung zukommen könne. Gern hätte sie zwar dem Vetter Robert den letzten Vorzug zugestanden, hatte vielleicht ihre ganze Erdenseligkeit darin gefunden, es zu dürfen, aber ein gewisses Etwas von Schicklichkeit und Anstand und weiblicher Zartheit hielt sie zurück in Gesellschaft, und noch mehr, wenn sie allein waren. Einen Sonntag Abends, als sie eben mit der Tante in Gesellschaft gehen wollte, hörte sie im Vorbeigehen vor einem großen, leeren Zimmer aus dem Halbdunkel des sinkenden Tages einige melancholische Lautenschläge. Die Thüre stand über halb offen, und auch ohne Juliens Seelenstimmung wäre gewiß jedes Mädchen stehen geblieben und hätte gehorcht. Die Töne stiegen und sanken und wogten und wallten in einem Labyrinthe von Empfindungen hin, von denen die rührende Klage eines belasteten Herzens die Hauptmelodie war. Sie hatte nicht in das Zimmer geschaut und hätte schwerlich tief in dem Winkel etwas Bestimmtes sehen können, so dunkel war es schon; aber ihr Herz, das mit dem ersten Tone höher schlug, ließ sie keinen Augenblick in Zweifel, wer es sein könnte. Da sang die ihr wohlbekannte Stimme mit glühender Andacht, als ob sie um ihre Seligkeit flehte, folgende Worte:

Ich bin so gut, so treu, so bieder,
Du bist so schön, so himmlisch freundlich mir;
Mein Herz ist Dein, ich nehme nie es wieder,
Und längst schon leb' ich nur in Dir.

Muß ich in Ziffern mich begraben
Den langen Tag, der mühsam vor mir liegt,
Den Abend kann ein Blick von Dir mich laben,
Der lohnend mir entgegenfliegt.

Die Quelle wird zu Nektar werden,
Bist Du nur stets, Du Liebliche, mir hold;
Und ohne Dich, mein Himmelsglück auf Erden,
Was macht' ich mit der Erde Gold?

Und wenn man mir die Schätze wiese
Von einer Welt, ich ginge kalt vorbei:
Mein Leben wird durch Dich zum Paradiese
Und ohne Dich zur Wüstenei.

Ach, dürft' ich's doch nur einmal wagen,
Wenn lächelnd mir Dein Auge Leben giebt,
Und feierlich nur leise Dir es sagen,
Wie heiß Dich meine Seele liebt!

Als der letzte Ton verhallt war, trat ganz langsam die Lauscherin in die Thüre. »Von wem ist denn das herzliche Liedchen, und für wen?« fragte sie zitternd. Robert lehnte hastig die Laute in den Winkel, ein elektrischer Schlag fuhr ihm durch alle Glieder, sein ganzes Wesen stand in Gluth. »Von wem und für wen? Sollte ich denn nicht so viel Sinn haben, ein Paar einfache Strophen zusammenzureihen? Und kann meine Seele sonst irgendwo sein, als bei Ihnen?«

Die Dämmerung ist das freundliche Licht der Liebenden. Julie war unterdessen dem Sänger näher gekommen, oder er ihr. Die Abendröthe warf ihre glühenden Strahlen durch das Fenster, an dem sie standen. Der Jüngling ergriff die Hand des Mädchens und preßte sie bebend; sie schien sie zurückziehen zu wollen. »Julie,« sagte er mit einem Ton tiefer Herzensangst und hielt sie fester, »wenn Sie mir zürnen, wenn Sie mich verwerfen, ich gehe nach Ostindien, und sollte ich dort auf dürrem Sande verschmachten oder in der schwarzen Höhle sterben.« »Robert, armer Robert!« lispelte sie leise, mit sanfter Erwiderung des Drucks. »Ja wohl, arm, ja wohl!« erwiderte er halb in Verzweiflung und wollte ihre Hand lassen. Nun drückte sie heftiger die seinige: »Vetter, lieber Vetter, nicht zu stürmisch und nicht so kleinmüthig! Treten Sie nicht unter den großen Haufen der Männer, wenn Sie nicht mit ihnen vermengt werden wollen!« Stumm und entzückt hielt er nun die liebe Hand fester eingeschlossen und bedeckte sie mit flammenden Küssen, als ob die Gluth seiner Lippen sie verzehren wollte. Sie stand da in der Farbe des verklärten Lichthimmels des scheidenden Tages, ohne Entschluß, das Entzücken des Geliebten zu hemmen. Mit einer Mischung von Ehrfurcht und unaussprechlicher Zärtlichkeit strich er die wallenden Locken hinweg und küßte die blendende Stirne, den Sitz der Ruhe und Heiterkeit. Unwillkürlich sank ihr Haupt an seine Schulter, und als hätte er mehr als alle Himmel in seinem Arm, zog er es leise und sanft herab, wo ihm fast hörbar das Herz schlug: »Das ist für Sie, Julie, das ist nur für Sie und in Ewigkeit für Sie.« Das Mädchen ruhte einige Augenblicke, als wäre sie zu einem neuen Leben geboren, an der angewiesenen Stelle, drückte sodann dem Freunde vertraulich die Hand mit den Worten: »Ruhig, lieber Vetter, und beharrlich!« und verschwand. Die Tante hatte die Zusammenkunft gemerkt und den Inhalt errathen. Die Tanten errathen dergleichen Dinge in ihrer Weisheit sehr leicht, weil sie meistens ehemals thaten wie jetzt ihre Nichten.

Einige Tage nachher rief Herr Arndt den Herrn Vetter Robert zu sich auf sein Zimmer. »Ich merke, lieber Vetter,« sagte er ihm, »Du bist seit einiger Zeit ein Kopfhänger und Träumer. Das ist nicht gut; das verderbt Dir die Jugend, die nicht lange dauert und nie wiederkehrt, und macht mich Deinetwegen besorgt. Ich will weiter nicht untersuchen, was Dir in die Leber gefahren ist. Veränderung des Himmels und der Umgebungen ist vielleicht das Beste; Du mußt fort von hier. Ich schicke Dich einem guten Freunde in Frankreich; will es dort nicht helfen, so schicke ich Dich einem guten Freunde in Italien oder vielleicht auch in England. An gemessenen Geschäften soll es Dir nicht fehlen, doch sollen sie Deinen Geist nicht niederdrücken; Du sollst arbeiten, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Ich werde Dir in der Ferne stets sein, was ich Dir hier war, und vielleicht mehr. Glaube mir, mein Sohn,« fuhr er fort, als er ihn bewegt und niedergeschlagen sahe bei der Eröffnung, »ich meine es gut und halte es so für gut. Ausgebreitete Thätigkeit ist das beste Mittel gegen jede Art von Hypochondrie. Du bist das einzige Kind eines meiner geliebtesten Verwandten. Ich habe seine Pflichten übernommen und werde sie erfüllen gewissenhaft; sie sind mir heiliger als mehrere andere.« »Ich werde Alles thun, um Ihre Zufriedenheit zu verdienen,« erwiderte der Jüngling mit aller Fassung, deren er fähig war, und küßte des Onkels Hand.

In einigen Tagen reiste er ab. Er spielte noch einige der letzten Abende ein zärtliches Liedchen ans der Laute, aber Julie erschien nicht; er mußte öffentlich von ihr Abschied nehmen, und er that es mit aller Feierlichkeit, die ihm die Gegenwart mehrer Respectspersonen einflößte. Die Festlichkeit des Augenblicks erlaubte ihm, ihre Hand zu küssen; den Druck derselben bemerkte Niemand als die Empfängerin, die ihn verstand und zu würdigen wußte. »Vetter, was ich gesagt habe!« rief sie ihm noch in einem bittenden Tremulanten halb scherzhaft, halb weinend zu. »Ich werde eher mein Leben vergessen!« antwortete er im Weggehen.

»Was hast Du denn dem Vetter gesagt?« fragte der Vater freundlich, als er mit ihr allein war. »Ich habe ihm gute Lehre und Ermahnung gegeben.« »Du? Bist Du schon Moralistin? Und war es denn so nöthig?« »Das ist immer nöthig, wenigstens nie überflüssig.« »Und wer giebt sie Dir denn?« »Die hole ich mir von Ihnen, lieber Vater.« »Immer und gewissenhaft?« »Immer, wenn's Noth ist, und gewissenhaft,« sagte sie und schmiegte sich liebkosend an seine Schulter. »Das ist mir lieb«, sagte der Alte, »und wird Dir wohl thun; aber welches war denn der gute Rath, den Du dem Vetter zu geben für nöthig hieltest?« »Ruhig und beharrlich!« Der Vater heftete seinen Blick fest auf das Gesicht des Mädchens, konnte aber weder Schuld noch Verwirrung darin lesen, und ohne weiter zu forschen, erwiderte er scherzend: »Sollte man doch im Jesus Sirach kaum so viel Weisheit suchen, als in Deinem jungen Köpfchen zu sitzen scheint.«

Herr Arndt gab dem Herrn Vetter Robert noch viele andere gute Lehren mit auf den Weg, die alle auf das goldene Sprüchelchen des Apostels hinausliefen: »Prüfet Alles, und das Gute behaltet!« Ob sie Vetter Robert gleich nicht vergaß, so saßen ihm doch Juliens drei kleine Wörtchen weit tiefer und heißer im Herzen als Alles, was ihm der Onkel aus dem Schatze seiner alten und neuen Weisheit hatte mittheilen können.

Nach Robert's Abreise war selten mehr von ihm die Rede; nur zuweilen sagte Vater Arndt ganz flüchtig im Vorbeigehen: »Robert ist wohl und läßt Dich grüßen;« und dann wagte sie es kaum, ihn nach dem Orte seines jedesmaligen Aufenthalts zu fragen. Hörte sie, er sei in Paris oder Venedig oder Neapel, so ward es ihr bänger ums Herzchen, weil sie sich diese Orte als sehr gefährlich und verführerisch dachte und Robert weder für ein kaltes Marmorstück noch für einen Engel hielt, sondern für einen guten, natürlichen, gemüthlichen Menschen, an dem doch wol Versuchung haften könnte. So lebte man einige Jahre im Hause fort. Herr Arndt beförderte und störte keine von den zahlreichen Bewerbungen um seine Tochter, weil er glaubte, sich auf das feine Gefühl und die sichere Moralität des Mädchens verlassen zu können, und weil weder ihre Jahre noch ihre Gestalt noch ihre Gesinnungen noch ihre übrigen Verhältnisse ihn befürchten ließen, daß sie eine alte Jungfer werden würde, wie er wol zuweilen scherzhaft sagte. Edelleute aus alten und Geschäftsmänner aus jungen Häusern erschienen und forschten: jene, ob sie vielleicht ihren alten, diese, ob sie ihren neuen Häusern mit dem Mädchen helfen könnten. Manche kamen aus berechneter Klugheit und blieben aus Neigung und Leidenschaft. Julie verstand es, ohne im Geringsten die Kokette zu spielen, sie Alle in den Grenzen des Anstandes und der Bescheidenheit zu erhalten, und auch jetzt wagten es die Gevatterinnen der Stadt noch nicht, einen der Herren als den Glücklichen in ihren Sippschaften herumzutragen. Sie tanzte mit Jedem, der es mit Anstand erwarten konnte, versprach sich nie mit kleinstädtischer Minauderie auf viele Bälle voraus, hielt keine Engagementskalender und galt doch nicht mit Unrecht für das artigste Mädchen der besseren Zirkel, und zwar nicht blos ihres Vaters wegen. Nur die Koryphäen der jungen Männer wagten es, ihre Absichten auf die reiche Perle deutlich zu zeigen; Jeder suchte zu glänzen mit dem, was ihm die Natur oder das Glück gegeben, oder was er sich selbst durch Fleiß erworben hatte. Reichthum und Talente wurden zur Schau getragen, und wahre oder erdichtete Leidenschaft spielte nicht selten tragikomische Streiche. Allgemeine Aufmerksamkeiten nahm Julie mit der freundlich-gutmüthigen Grazie auf, die ihr eigen war, besondere und solche, deren Annahme als Gunstbezeigungen angesehen werden konnten, wußte sie mit einem so milden Ernst zurückzuweisen, daß der Opfernde nur in der Stille sein Unglück beklagte. Als einige voreilige Stutzer es wagten, ihr Nachtmusik zu bringen, erschien am Fenster der alte Buchhalter, Herr Walter, der in dem Hause etwas despotisch zu schalten gewohnt war, und bedankte sich für das Vergnügen, das auch er natürlich mitgenossen hatte, so wenig er übrigens Anspruch auf die Ehre machte. Juliens Gestalt ward nie sichtbar, so viele Augen auch nackt und bewaffnet sich halb blind nach ihr lugten.

Herr Walter war in dem Dienst des Hauses ein Greis geworden, hatte den Wohlstand desselben entstehen und wachsen sehen und selbst gründen helfen und nahm folglich nach dem gewöhnlichen Gange der Empfindungen den lebhaftesten Antheil an Allem, was darauf Bezug hatte. Der alte Mann war gutmüthig und wohlwollend, aber etwas polternd und barock, wie Leute seiner Lebensweise nicht selten sind. Die kleine Julie war seine Puppe gewesen seit ihrer ersten Erscheinung auf unserm Planeten, und sie mußte sich's nun gefallen lassen, mit einigen schicklichen, nothwendigen Veränderungen dieses zu bleiben. An die Stelle der liebkosenden Tändelei war ein strenger, väterlicher Ernst getreten, der zuweilen bis zur heiligen Feierlichkeit stieg. Er küßte nur selten mehr ihre Händchen wie ehemals und streichelte nur selten ihre Wangen. Das kleine Mädchen war sein liebliches Götzenbild gewesen, vor der Jungfrau hatte er reine Ehrfurcht. Julie hatte Hochachtung vor seiner eisernen Rechtschaffenheit und erkannte gern seine Verdienste um das Haus und vorzüglich um sie selbst. Sie litt es alles Ernstes nicht, wenn die funkelnagelneuen modernen Herrchen seinen altmodischen Anzug, besonders Perücke, Halskrause, Weste und Schuhschnallen, lächerlich zu machen suchten. Herr Walter hatte vielleicht an Juliens Erziehung mehr Antheil als der Vater selbst, und das aus guten psychologischen Gründen. Der Vater liebte das Mädchen zu abgöttisch, und wenn er auch Erinnerungen nöthig fand, so konnte sie sein Herz nicht mit allem dem tiefen, kalten Ernste geben, der sie recht eindringlich und bleibend macht. Eltern halten in ihrer Zärtlichkeit selten das rechte Maß, und die Abweichung zur Härte oder übergroßen Nachsicht ist in ihren Seelen so leicht, daß fast überall das Eine oder das Andere statthat. Andere, wenn sie auch, oder eben weil sie nicht so viel Theilnahme an den kleinen lieblichen Geschöpfen haben, sehen immer kälter und bestimmter und sind in ihren Erinnerungen gemessener und also glücklicher. Walter war selbst nicht ohne Bildung und feinere Kenntnisse, aber seine Lebensweise hatte eine harte Schale über den guten genießbaren Kern gezogen. Herr Arndt folgte ihm in Vielem, weil er Zutrauen zu ihm hatte, durch Erfahrung bewährt. Ohne ihn hatte er nicht selten länger und fester an seinem Schreibepulte sitzen müssen, und die Geschäfte wären vielleicht nicht besser gegangen. Er half ihm Zeit ersparen, so wie er ihm Geld gewinnen half, und die erste ist zum Genuß des Lebens oft nothwendiger als das letzte. Herr Walter war übrigens für das Leben kein sehr freundlicher, geselliger Mann. Er war kaustisch, schneidend und absprechend und hielt seine Urtheile über Welthändel für ebenso richtig und fehlerfrei wie seine Rechenexempel, in denen er sich in der That nie irrte. Vorzüglich bitter war er gegen die Gelehrten und besonders gegen die Politiker von Profession und brachte in seiner Bitterkeit Belege ihrer Verwirrung und Verworfenheit, daß man froh war, wenn er schwieg. Er glühte, wenn er von der alten bessern Zeit sprach, ob er gleich begriff und bekannte, daß die Krebsgeschwüre der jetzigen schon aus der alten mit zu uns herabgekommen sind. Man hatte doch wenigstens noch Charakter, meinte er, wenn auch nicht selten einen schlechten. Schlechte Charakter erzeugen gute, war sein Glaube, und immer lieber wollte er doch noch schlechte oder einseitige Charakter als die völlig abgestumpfte, platte, leichtsinnige Charakterlosigkeit unserer Zeit. Er belegte dieses mit Beispielen, die allerdings traurig genug waren und nur in den einsamen Mauern genannt werden durften; denn es gehört mit zu dieser Charakterlosigkeit, daß man keine nur einigermaßen hervorstechende Zeichnung wirklicher Dinge und Personen duldet, und desto weniger, je näher sie der Wahrheit kommt.

Herr Arndt war sein Freund auf jede Probe und gab ihm nur zuweilen Winke der Mäßigung, da doch sein Feuereifer ihm und Andern nur schaden könne. »Dem Himmel sei's geklagt, daß das wahr ist! ich will aber wenigstens mit meinem alten Blute sterben und mir kein anderes der eselszahmen Gleichgiltigkeit einimpfen lassen.« Er besuchte keine politische Gesellschaft, wie sie doch damals trotz der seelenlosen Lauheit noch zuweilen Mode waren, und doch war er selten in einer Gesellschaft, wo er nicht störrisch halb unwillkürlich bittere Sarkasmen über unser politisches Unwesen gesagt hätte. Er hielt das Nichtdenken für die beste Cur gegen unruhige Gedanken und nahm sich diese Cur oft vor, ohne sie nur gehörig gemächlich indolent anfangen zu können. Er kam selten auf das Land; denn wenn Herr Arndt hinausfuhr, blieb er als die Hauptperson des Geschäfts zurück, und ohne ihn mochte er nicht gern hinausfahren. Geschah es zuweilen, so steckte er draußen mit einer Art von Einsiedler zusammen, dessen Bekanntschaft wir bald machen werden, und kam fast immer noch grämlicher zurück, als er hingereist war.

Der Vorzug des Landguts, das Herr Arndt einige Meilen von der Stadt besaß, bestand hauptsächlich in schönen Weinbergen und Gärten, ans denen das ganze, große, reizende Naturgemälde des herrlichen Gaues übersehen werden konnte. Er besaß also sehr viel und genoß unendlich mehr, so oft ihn die Kette seiner Geschäfte bis dahin losließ; denn der reichere Mann ist nicht immer der freiere und also auch nicht immer der glücklichere. Herr Arndt aber war höchst zufrieden mit dem, was er hatte, und hoffte zur Belohnung bald noch mehr, nämlich Zeit, es Alles besser zu genießen. Wenn er dort war, waren die Tage Festtage für Reiche und Arme. Die Ersteren sahen in seinem Hause erst recht ein, was sie haben und wie sie es haben könnten, wenn sie es recht anfingen; die Letztern fanden immer thätige Theilnahme und zuweilen einen guten Rath, der mehr werth war als Wohlthat. Die gebildete Mittelclasse fand unstreitig den größten Genuß bei ihm; denn sie brachte ohne Neid geläuterte Empfänglichkeit genug für Dinge mit, die sie zu Hause nicht oder nur höchst selten hatte. Auch war sein Haus, so lange er dort war, eine halb arkadische, halb attische Colonie, ohne ihre Deutschheit zu vergessen. Herr Arndt hatte den Grundsatz, daß der gute Geschmack keiner Nation ausschließlich gehöre, und daß Einzelne sich hier oder dort ebensowohl ihr Scillonte bauen können, wenn sie nur Xenophon's Mittel mit etwas von Xenophon's Geist besitzen.

»Höre, Julie,« sagte Herr Arndt zu seiner Tochter an einem dichterisch schönen Septemberabende, »Jedermann sagt, der Wein sei dieses Jahr außerordentlich gerathen, und vorzüglich in unserer Gegend. Alles spricht mit Entzücken von der Schönheit und dem Reichthum des Herbstes. Ich bedarf Erholung und werde sie mir verschaffen können, da der Gang der Geschäfte jetzt eben nicht der lebhafteste ist. Wie wär's, wird es Dir Vergnügen machen, wenn wir einige Zeit zusammen hinaus in die Berge wandern? Du kannst Dir einige Freundinnen zu Begleiterinnen wählen. An Gesellschaft wird es nicht fehlen. Wir werden nicht wohl hindern können, daß Dich nicht dieser oder jener Ritter aufsuchen sollte.« »Mögen sie kommen oder wegbleiben,« meinte Julie, indem sie ihrem Vater freudig für seine Güte dankte; »sie sollen unser Vergnügen nicht stören, wenn sie es auch nicht vermehren können.« »Wer weiß, Mädchen, wer weiß!« sagte der alte Herr bedeutend. »Nun, das kann man ruhig in unserm Elysium abwarten,« erwiderte sie und schlüpfte fort, um sogleich einer geliebte« Freundin die Freude mitzutheilen und sie zur Mitwanderung einzuladen. Tante Rosalie war schon von der Landpartie benachrichtigt, da sie natürlich Hauptschaffnerin dabei sein mußte. Boten waren schon an den Verwalter abgegangen, damit er und der Gärtner und der Jäger Alles in festliche Bereitschaft setzten. Viele würden kommen, und viel würde man brauchen; sie sollten Musterung halten in Küche und Keller und alle Vergnügungsörtchen des gastlichen Sorgenfrei sorgsam schmücken und mit vereinten Kräften dazu beitragen, daß die schöne magische Gegend rund umher noch paradiesischer werde. Würfel, der Gärtner, bot nach der festlichen Botschaft allen seinen Erfindungsgeist und alle seine Leute, und was im Orte noch Hände übrig hatte, auf, um Alles gehörig zu putzen, zu schneiteln, zu kehren, zu fegen, zu ordnen. Die schönsten Blumen in den schönsten Töpfen wurden an die schönsten Stellen gesetzt. Er war höchst ärgerlich, daß die Weinlese mit der feierlichen Gesellschaft nicht in den Juni fiel, wo er mit der üppigsten Fülle des ganzen natürlichen und künstlichen Reichthums das herrliche Plätzchen der Schöpfung zur wahren Feerei würde gemacht haben. So aber mußte man sich mit den erzwungenen Kindern des Spätjahrs begnügen, die doch nie so prächtig voll sind wie die Geburten des Mai's. Die köstlichen Früchte, von der Erdbeere bis zur Ananas, waren das Vorzüglichste, worauf sein Künstlergeist stolz war, und die labyrinthische, unordentlich scheinende, herrliche Ordnung, in welche er Alles zur höchsten Wirkung für den feinsten Sinn zu bringen wußte.

Die Tante mit den Mädchen fuhr den Tag vorher Amts wegen voraus, und weil das Auge der Frauen zuerst fein kritisch die Zubereitungen jeder Art zu einem Feste überschauet, genießt und berichtigt. Rosalie war im Ganzen zufrieden, änderte wenig und gab hier und da freundlich ihren Beifall. Die guten Landleute sahen mit Schöpferstolz, als wäre Alles ihr Werk, auf die lieblichen Partien umher und freueten sich innig und laut, daß sie in ihrer Nähe Genüsse darbieten konnten, die man in der prächtigsten Stadt umsonst suchte und desto weniger findet, je prächtiger die Stadt ist. Die Mädchen hüpften wie ausgeflogene Rothkehlchen von Gruppe zu Gruppe, von Terrasse zu Terrasse, von Blume zu Blume; Eine hatte immer der Andern eine neue Schönheit, eine neue Seltenheit zu zeigen, und oft wurde der alte Herr Würfel herbeigerufen, um die botanischen Zwiste der schönen Städterinnen zu entscheiden. Stolz wie ein neuer Professor stand sodann der alte Schiedsrichter in dem Kreise der jungen Clientinnen und kramte seine Weisheit aus, mit der er weidlich oft den Linnäus radbrechte. Mit dem Anfange der Wissenschaft kommt auch meistens die Pedanterei, und mancher Dorfschulmeister setzt den lateinischen Casus mit polnischer Aussprache lieber falsch, ehe er sich entschließt, die Sache richtig in seiner ehrlichen Muttersprache zu sagen. Dann durchstrich man sogleich die Gegend umher von Hügel zu Hügel, durch Thäler und Bäche, erklimmte rüstig unter Arbeit und Schweiß von der schroffsten Seite die Felsen, die man mit einem kleinen Umwege von der andern leicht und sanft hätte ersteigen können. Nun kamen die Dörferinnen, alte und junge, die schöne Julie mit ihrem ländlichen Willkommen zu begrüßen, und brachten das Beste ihres kleinen Reichthums mit dem freundlichsten Geiste: ein ausgezeichnet schönes Huhn, ein selbst gestricktes Band, eine Spätrose, ein zärtlich gepflegtes Veilchen. Julie empfing es mit dem verklärten Lächeln eines innigen, frohen Dankes und hatte im Augenblicke mehr Vergnügen darüber als über ein neues Kleid des reichsten, feinsten Stoffes aus fernen Ländern. Nun mischten sich die Dorfmädchen unter die Städterinnen und wurden die Führerinnen durch die vielfach verschlungene Gegend. Rund herum war ein Labyrinth von Gärten und Weinbergen, Villen und Hütten, Wiesen und Schluchten mit freundlichen und schauerlichen Plätzen, Bächen und Flüssen, die in hundert mäandrischen Windungen hinabrollten in den majestätischen Strom, der in der Ferne die Grenze machte. Auf und ab hatte das Auge und die Einbildungskraft den reichsten Stoff zu den schönsten Gemälden und war sicher, die Wirklichkeit nicht zu erreichen. Als wäre die goldene und nicht die blutige Zeit des Vaterlandes, schwebte der liebliche Chor ätherisch leicht die Gruppen herab und hinan, in süßer Vergessenheit Alles dessen, was an den Ufern des Stromes geschah und zu geschehen drohete. Der Lenz des Lebens verwischt so gern und leicht alle Bilder des Kummers und Elends; die stolz blühende Blume bekümmert sich nicht in ihrer Pracht, wie viele in der üppigsten Fülle die Sense des Mähers dahinrafft. Die Mädchen sangen wetteifernd, einzeln und zusammen, die flammendsten Lieder von Hölty, Goethe, Tiedge und einigen andern Lieblingen der vaterländischen Muse. Die Stimme des Widerhalles trug den Zauber der Melodien an den Felsen durch die Thäler längs dem Flusse weit, weit hinab in die Ebene. Von fern begleitete in sittiger Stille den Zirkel der Schönen ein Zug von Jünglingen und Knaben und genossen mit lauschenden Ohren das seltene Fest und folgten der Harmonie als Wächter, daß nicht faunische Wildfänge die Grazien ihrer Thäler beleidigten. Die Sonne war hinabgesunken und fluthete noch ihren letzten Gluthstrom um die hohen entfernten Felsenkegel am Flusse; die Wiesen und Schluchten rauchten von Nebelschichten, die sich magisch weiter und weiter an den Hügeln heranzogen, so daß zuweilen schon hier und da nur die bewaldeten Gipfel aus dem tiefen Wellenmeere hervorleuchteten. Da erscholl weit rechts her die Stimme des Jägers, des ehrlichen Buchholz, und sein zottiger Freund Waldmann schlug ein mit lauthallendem Bellen, um dem Rufe mehr Nachdruck zu geben. Julie verstand sogleich den Sinn der freundlichen Botschaft und führte eilig den Weg nach Hause. Mit Buchholz war die Tante Rosalie, die halbes Ernstes zu schelten begann, daß die Mädchen wie Dryaden und Hamadryaden so wild und ausgelassen ohne Begleitung in der Gegend umherstreiften, und sprach dabei ein kurzes Capitelchen von Abendluft, Erkältung, Katarrh, Fieber nebst einem Anhang von Sittlichkeit und Schicklichkeit, das Letzte ganz leise. Nun kamen die jungen Bursche, die halb unsichtbaren Begleiter, und begrüßten den Jäger, Herrn Buchholz, und die Tante Rosalie, wol aber eigentlich vorzüglich die Mädchen aus der Stadt und dem Dorfe. Die Tante machte kein böses Gesicht bei dem Anblick der rüstigen, vollwangigen Jugend, die nach vollbrachter Tagsarbeit noch in dem Gefühl der Kraft daherschritt, als ob sie noch alte Deutsche wären, die den Feinden des Vaterlandes Trotz bieten dürften. Rosalie lobte vor Allem ihre Sittsamkeit und Bescheidenheit; und nachdem man auf dem Heimwege gemüthlich noch ein Viertelstündchen geplaudert und gescherzt hatte, zerstreuten sich die Dorfbewohner, und die Stadtcolonie schlich sich gesegneten Appetites nach Hause und sagte freundlich nur im Vorbeigehen den Alten, die hier und da vor den Thüren saßen, mit der Hand Guten Abend.

Zu Hause fanden sie schon einen Ritter aus der Stadt, der den wandernden Schönen nachgezogen war. Herr Horst streichelte so eben seinen schwitzenden Braunen sorgsam in den Stall, als Donna Rosalia mit den jungen Damen durch den Garten in den Hof trat. Er war eilfertig der schönen Emilie gefolgt, die wie sein Magnet ihn unwillkürlich hierher und dorthin führte. Daß er würde gescholten werden, wußte er sehr wohl, und man drohete alles Ernstes, ihn in das Wirthshaus zu schicken, da er das Schickliche so wenig zu beachten schiene. »Sie werden damit wenig oder nichts gewinnen,« meinte der Starrkopf; »denn anstatt daß ich hier nach einer guten Mahlzeit und einem Stündchen Restaurationsplaudern mich ruhig nieder auf das Ohr lege und schlafe, so gut ich kann, werde ich vom Wirthshause aus bis Mitternacht einsam um Garten und Hof herumschleichen und wie ein Gespenst über die Mauer nach Ihren Fenstern gucken.« »Da wollen wir Sie also lieber einsperren,« war die Sentenz der Tante, »und zwar so ordentlich, daß Sie von der einen Seite die Aussicht auf den Hühnerhof und von der andern auf den Kohlgarten haben, und wenn der Mond nicht allzu gewaltig wirkt, sollen Sie mit Hilfe einiger guten Gerichte doch wohl schlafen, bis morgen früh die andern Herren ankommen.« Herr Horst ließ sich in geziemender Demuth Alles gefallen; es wurde aber doch zur gehörigen Strafe so eingerichtet, daß er mit seiner Dulcinea del Toboso nicht eine einzige Minute allein sprechen konnte; denn das Alleinsehen konnte man einem solchen Ritter in Aller Gegenwart freilich nicht verwehren, so daß die Schönen und selbst die Tante anfingen, fast Mitleid mit ihm zu haben.

Die Mädchen nahmen Gute Nacht und stiegen lachend und schäkernd gegen Mitternacht hoch hinauf in das oberste Stockwerk, das für das herrlichste Belvedere der reizenden Gegend gelten konnte, wo ihnen unter Aufsicht der Tante die alte Marthe ihr ländliches Hauswesen niedlich eingerichtet hatte. Hier saßen sie noch flüsternd und innig vergnügt und ließen ihr halb schlaftrunkenes Auge durch die magische Laterne der mondhellen Nacht auf der bezauberten Gegend dahinschwimmen, bis Jede für sich einen Traum träumte, dessen wesentlichen Inhalt sie weise für sich behielt. Nur zuweilen mußte ein freundlicher Aufruf zum Vehikelchen der Mittheilung dienen, bis Alle mit dem Tage zufrieden und schöner Hoffnungen voll dem Morpheus in die friedlichen Arme sanken, der dann Jede nach dem Lieblingswunsche ihrer Seele mit seinen Gestalten erquickte.

Der Morgen erschien in Nebel gehüllt. Graue, phantastische Gebilde stiegen und sanken und zogen in den verschlungenen Thälern wie Zauberschöpfungen daher und bedeckten von allen Seiten die laut und lauter werdende Gegend. Nur die höchsten Gipfel der fernen Berge glühten in dem Golde der Morgensonne. Das Hirtenhorn tönte von Hügel zu Hügel, die Hirtenglocken hallten durch die Schluchten, und der frohe Frühgesang der Pflüger und Winzer stieg schwellend herauf zu dem Söller der schönen Schläferinnen.

Die Kühle des Morgens hielt sie auf dem Sopha bei traulichem Geschwätze, bis die Sonne nach und nach die Nebelwolken in die Felsenschluchten drängte und die ganze Gegend wie in Frühlingsfrische im Schmelze um sie her glänzte. »Ein sehr ungalanter Faulenzer, der Herr Horst,« sagte Julie scherzend, »daß er noch keinen Laut von sich hören läßt; das ist auf dem Lande etwas zu städtisch; er sollte uns wenigstens schon ein halbes Dutzend Idyllen aus dem Krautbeete schmelzend heraufgeflötet haben.« »Das ist nun wol seine Stärke nicht,« bemerkte Emilie; »mich wundert aber doch, daß er so still ist; er läßt es sonst nicht an Lärm fehlen, wenn er gleich nicht immer sehr poetisch ist.« Als sie so schwatzten, sahen sie den Ritter die Anhöhe nach dem Hause zu heraufkommen. Er hatte vor sich eine große Fichtenschachtel und trommelte gemüthlich vor sich her auf dem Boden derselben, als ob er einen wichtigen Auftrag so recht zu seiner Zufriedenheit ausgerichtet hätte. »Herr Horst, Herr Horst, woher des Landes so früh?« riefen die Mädchen vom Söller herab; und Herr Horst trommelte etwas stärker auf dem Schachteldeckel und wiegte wichtig schmunzelnd sein Haupt hin und her, ohne weiter Rede zu stehen. Aber schnell wie der Gedanke war er von der Rosinante herab und trug die große Fichtenschachtel vor sich her hinauf zu den Göttinnen. »Hier ist mein Morgenopfer und der Dank für gnädigst gegebnes Quartier; nichts für ungut!« Nun hob er den Deckel weg, und üppig wie der schönste Frühling schwoll ein Reichthum herrlicher Blumen den Blicken der Mädchen entgegen. Er nahm die glühendste der aufblühenden Rosen heraus, die er mit Vorsicht schon gesondert zu haben schien, machte seine stille Verbeugung gegen Julien und Jettchen und gab sie mit einer Mischung von feierlichem Ernst und tiefer, froher Empfindung Emilien. Emilie dankte mit einem der besten Blicke, die die Mädchen haben, und einigen leise gelispelten Worten. »Und nun theilt Euch, wie Ihr wollt!« sagte Horst mit erleichtertem Herzen. Die Mädchen musterten und lobten die Blumen, ordneten und theilten sie unter kleinen gefälligen Neckereien und legten die schönsten für Tante Rosalie beiseite, die so eben mit einem Amtsgesichte hereintrat und etwas aus den Sprüchen Salomo's und dem Sirach vorpredigen zu wollen schien. Der Anblick des schönen Geschenks, und daß Herr Horst schon drei Stunden geritten sei, um es in der Frühe zu holen, glättete ihre Stirn wieder, und Herr Horst erhielt sogar so eine Art von Beifall, womit er diesmal zufrieden sein konnte. Die guten Frauen wissen doch immer die Zartheit und Achtung zu schätzen, die dem Geschlecht im Allgemeinen erzeigt werden. Man frühstückte von den Früchten des Landes, Jedes nach seinem eigenen Geschmack, aus dem Füllhorn des Segens, das alle Güter diesen Herbst reichlich über die Gegend ausgeschüttet hatte, von der kleinen Waldbeere bis zur glühenden Purpurtraube. Mit Wohlgefallen musterte Julie ihre Lieblingsblumen im Garten und wußte es Herrn Horst Dank, daß er keinen ihrer Zöglinge angetastet hatte. »Mein Gott!« sagte Horst, »ich werde doch nicht Ihr Vergnügen für das meinige plündern! Ich wollte Ihnen lieber jeden Reichthum hertragen; ich weiß, daß die Mädchen mit ihren Blumen geizen, und finde das sehr natürlich.« Tante Rosalie hatte nichts dawider, daß man eine Morgenausflucht machen wollte. Sie hatte zu schaffen, zu ordnen und zu bestellen und überließ die jungen Leute ihren Genien mit der Ermahnung, sich nicht zu weit zu verlaufen. Herr Horst wandelte unter Begleitung der Schönen stolz wie ein Sultan, wohin sie ihn führten, bergauf, bergab, gab ihren Bemerkungen über die schöne Gegend artig genug seinen Beifall, wäre aber ebenso froh durch eine Wüste gezogen, weil sein Leitstern unter den Führerinnen war. Halb unwillkürlich geriethen sie auf den Weg nach der Stadt, ließen einen Weinberg nach dem andern und eine Meierei nach der andern hinter sich, bis sie sich auf der großen Straße befanden. Die Sonne hatte den Thau weggetrieben, und man lagerte sich freundlich an dem Abhange eines Rasenplatzes, während Horst in die nächste Hütte ging und Erfrischungen für die Gesellschaft bestellte. Er war noch nicht zurück, als die Mädchen den großen Wagen des Herrn Arndt mit Vieren aus der Ferne stattlich daherrollen sahen. Entdecken, Erkennen und Entgegenlaufen war Eins, und Herr Horst fand das liebliche Kleeblatt Hand in Hand auf der Flucht die Straße hinab. Sein Morgenzug nach den Blumen und die Wanderung zu Fuß hatte seinen Gliedern eine behagliche Neigung zur Ruhe mitgetheilt. Er schüttelte weislich das Haupt über die Neckerei der flüchtigen Geschöpfe, bis er sie alle wie Sperlinge am Traubenstock an dem Wagen hangen sahe und sich der Inhalt des prächtigen Kastens stattlich zu Tage förderte. Nun begriff er und wunderte sich, daß er nicht eher begriffen hatte. Er rief dem Bauer mit dem Milchtopf und dem Korbe stark und hastig nach, des Proviantes mehr zu bringen, weil er nicht vermuthen konnte, daß die Herrn aus der Stadt ruhig würden zusehen wollen. Julie hing an dem Halse ihres Vaters, Emilie an dem Nacken des ihrigen, und Jettchen wiegte sich schmeichelnd am Arme des Onkels, der ihr liebreich die Wangen streichelte mit der Frage, wie ihr das Landleben behage. Als Herr Horst überlegte, was zu thun sei, und gern hingeeilt wäre zu der herrlichen Gruppe, kamen sie unterdessen gemüthlich näher. Zehn Schritte ging er der Karawane dienstlich entgegen mit dem besorgten Magazin. »Ist der Wolf schon bei den Schäfchen?« rief Herr Arndt dem Ritter von fern zu; »das war zu erwarten.« »Muß wol eine sehr gute Art von Wölfen sein, die mit dem Brodkorbe und den Milchtöpfen kommen,« entgegnete Herr Horst; »ich dächte, ich bin ein treuer Hirte.« »Wer's glaubt, wird selig.« »Glauben Sie nur! sollen selig werden,« sagte Horst pathetisch, setzte sein Magazin nieder auf den Rasen und fing förmlich an, ein arkadisches Mahl zu bereiten. Daran hinderten ihn aber die Mädchen, die dieses Geschäft übernahmen. Man lagerte sich, so gut man konnte, auf den grünen Teppich der Natur und hielt ein zweites Frühstück so köstlich, wie Salomo und Catull mit ihrem gemästeten Geflügel es kaum hatten. Herr Arndt und seine Freunde hielten sich an den Nektar der Trauben, den Christian aus dem Flaschenkeller des Wagens herbeizuholen befehligt wurde. Horst schien den alten Herren gefallen zu wollen, fand aber doch für gut, aus weislich überlegter Artigkeit mit den Damen zu arkadisiren. Man aß und trank und scherzte und sang und war so froh, als ob die ganze Welt selig wäre.








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