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Die Wassernot im Emmental

Jeremias Gotthelf: Die Wassernot im Emmental - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleDie Wassernot im Emmental
pages117-191
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Jeremias Gotthelf

Die Wassernot im Emmental

am 13. August 1837

Erzählung (Geschrieben ab 1838, Erstdruck 1852)

Vorwort

Es gab eine Zeit, wo man ob den Werken Gottes Gott vergaß, wo die dem menschlichen Verstande sich erschließende Herrlichkeit der Natur die Majestät des Schöpfers verdunkelte. Diese Zeit geht vorbei. Aber noch weilt bei vielen der Glaube, das Anschauen der Natur führe von Gott ab, Gott rede nur in seinem geschriebenen Worte zu uns. Für seine Stimme, die tagtäglich durch die Welten zu uns spricht, haben diese keine Ohren; daß Gott zu seinen Kindern rede in Sonnenschein und Sturm, daß er im Sichtbaren darstelle das Unsichtbare, daß die ganze Natur uns eine Gleichnisrede sei, die der Christ zu deuten habe, täte jedem not zu erkennen. Zu Förderung dieser Kenntnis ein Scherflein beizutragen, versuchte die nachstehende Darstellung der Unterschriebene. Wer zu deuten weiß, was der Herr ihm schickt, verliert nimmer das Vertrauen, und alle Dinge müssen zur Seligkeit ihm dienen. Fände in dieser Wahrheit Trost ein Unglücklicher, würde sie den rechten Weg einem Irrenden erleuchten, offenbar machen einem Murrenden die Liebe des Vaters, zur Anschauung des Unsichtbaren einen Menschen führen, dessen fünf Sinne seine einzigen Wahrnehmungsquellen waren, dann hätte der Verfasser seinen Zweck erreicht; andere Ansprüche macht er nicht. Zu treuer Darstellung des Ereignisses waren andere berufener als er; aber da alle schwiegen, versuchte er die Darstellung auf seine Weise. Wenn er dazu höhere Beamtete nicht um Erlaubnis frug, so mögen gnädige Herren es ihm verzeihen. Was er sah und hörte, stellte er dar in möglichstes Treue. Wer solche Ereignisse erlebte, weiß, wie mit verschiedenen Augen die Menschen sehen, wie verschieden sie die Farben auftragen auf das Gesehene; es wird später der Entscheid unmöglich, wer recht gesehen und recht erzählt, und nur das läßt sich ausscheiden, was offenbare Merkmale der Täuschung oder der Lüge an sich trägt. Dies die Ursache, wenn jemand einen Irrtum zu erkennen glaubt; wissentlich hat der Verfasser keinen hineingebracht. Das Ereignis an sich war so groß, daß der Mensch umsonst seine Kraft anstrengt, es würdig darzustellen, daß er ein Tor sein müßte, wenn er in seiner Beschränktheit ausschmücken wollte, was der Herr mit flammenden Blitzen ins Gedächtnis geschrieben den Bewohnern des Emmentals.

Jeremias Gotthelf

 

Das Jahr 1837 wird vielen Menschen unvergeßlich bleiben, die nicht ihren Träumen oder ihren Sünden allein leben, die einen offenen Sinn haben für die Stimme Gottes, welche zu uns redet in Schnee und Sonne, bei heiterem Himmel und im Dunkel der Gewitternacht.

Es war ein merkwürdiges Jahr, aber ein banges, angstvolles für Tausende; wohl ihnen, wenn diese Angst jetzt ihre Frucht trägt, ein gläubiges Vertrauen!

Der Winter, welcher bereits im Oktober 1836 angefangen, den 1. November eilf Grad Kälte gebracht hatte, wollte nie aufhören, der Frühling nie kommen. Am Ostersonntag den 26. März fuhren viele Herren lustig Schlitten; lustig gings auch von Biel nach Solothurn, wo sonst mancher Winter keine Bahn bringt. Während es lustig ging auf den breiten Straßen, konnte auch manch arm Mütterchen nicht an den auferstandenen Herrn denken. Es hatte kein Holz mehr, die zitternden Glieder zu wärmen; die Kälte drang ihm durch die gebrechlichen Kleider bis ans Herz hinan. Es mußte hinaus in den schneeichten, kalten Wald, einige Reiser zu suchen, oder mußte den schlotternden Körper zusammendrücken in eine Ecke, in den eigenen Gliedern noch irgendwo nach einem Restchen Wärme spürend. Wenn diese frierenden Mütterchen den Zehnten gehabt hätten von dem an selbem Tage zum Überfluß getrunknen Wein, wie glücklich hätten sie am Abend ihre erwärmten Herzen ins Bett gelegt!

Aber auch mancher Bauer drückte sich in die engste Ecke seiner Stube, um das Brüllen der hungrigen Kühe an der leeren Krippe nicht zu hören, um nicht hinauszusehen in die Hofstatt, wo der Schnee so dicht in den Bäumen hing, so hoch am Boden lag, kein Gräschen sich regte. Er hätte gerne geschlafen, um nicht an seine Bühne denken zu müssen, auf der kein Heu mehr war, durch die der Wind so schaurig pfiff; doch Sorgen sind Wächter, die nicht schlafen lassen.

Am ersten Apriltage wehten Frühlingslüfte durchs Land, und frohe Hoffnungen schwellten alle Herzen; aber alle Hoffnungen wurden in den April geschickt. Schnee wehte wieder durch alle Lande, legte in Deutschland mannshoch sich; er lagerte sich ordentlich, als ob er übersömmern wollte im erstaunten Lande.

Zum eigentlichen Schneemonat ward der April, selten leuchtete die Sonne, und ob sie warm sei, erfuhr man nicht; Gras sah man nicht, kein Lebenszeichen gaben die Bäume.

Die Not ward groß im Lande. Heizen sollte man die Stuben und hatte kein Holz, füttern sollte man das Vieh und hatte kein Futter. Es war Jammer zu Berg und Tal; in den Stuben seufzte, in den Ställen brüllte es tief und nötlich.

Mancher Bauer machte sich, sooft und so weit er konnte, in Weid und Wald hinaus, und wenn er wieder heimmußte, so wollten seine zögernden Füße nicht vorwärts, wollten gar nicht auf den Platz, wo ihm, wie er genau wußte, das hungrige Muhen seiner Kühe wieder ins Ohr dringen, im Herzen widertönen würde. Des Nachts wußte er nicht, auf welche Seite sich legen, damit er nicht höre, wie es seufze und stöhne draußen in den Ställen. Endlich übermannte das Elend sein Herz; er stieß seine schnarchende Frau an und sagte: »Frau, du mußt morgen zeitlich auf, mußt mir zMorge machen, ich muß in die Dörfer hinab, muß um Heu aus, ich kanns my armi türi nümme usgstah«. Dann stund er auf, machte nicht einmal Licht, zählte seine Fünfunddreißiger im Gänterli und rechnete mühselig nach, ob es wohl ein oder zwei Klafter erleiden möge. Hatte er das ausgerechnet und sich wieder ins Bett gelegt, so kam es ihm erst vor, wie das wieder einen Strich durch seine Rechnung mache, daß er keinen neuen Wagen könne machen lassen, daß ein dritter oder vierter Zins ihm auflaufen und statt des Schlafes kam eine neue Trübseligkeit über ihn. Am Morgen zog er seufzend die Überstrümpfe an; die Frau band ihm das Halstuch um, ermahnend, er solle doch zeitlich heimkommen, sie hätte nicht Zeit, zu füttern, und die Magd gebe gar unerchannt yche.

Er wanderte, er zog von Dorf zu Dorf, er fragte von Haus zu Haus, nicht nach dem Preise des Heus, sondern bloß nach Heu, und glücklich pries er sich, wenn er welches fand. Freilich tat es ihm weh, zwanzig bis fünfundzwanzig Kronen zahlen zu müssen für ein Klafter, und vielleicht am Ende für was? Für Esparsettenstorzen; aber es war doch etwas Freßbares, es war besser als Tannennadeln, die auch an Orten zu drei Franken per Zentner verkauft worden sein sollen.

Wenn er endlich seinen matten Pferden das Füderchen lud, wie sprang er jedem Heuhalm nach, den der neckische Wind ihm entführen wollte; und wenn mit dem Füderchen die Pferde matt das Land auf sich schleppten, wie schwermütig und beladen zottelte er hinter dem Gespann her!

Hat niemand wohl hinter einem der Hunderten von Fudern, die für so viele, viele tausend Franken Heu ins Emmental führten, einem Fuhrmann ins Gesicht geschaut? In demselben hat er in großer Schrift lesen können ohne Brille, was in dem armen Manne vorging, wie er rechnete und rechnete, wie lange er an diesem Heu füttern könne. War er mit der trostlosen Rechnung fertig, so sah er auf zum Himmel, ob nicht bald die Sonne kommen wolle warm über den Schnee. Und wann dann der alte eisige Wind ihm das Wasser aus den Augen peitschte, sah niemand, wie schmerzlich seine Gedanken sich hinwandten zu seinem leeren Gänterli, in welchem keine Fünfunddreißiger mehr waren. Aber wie der arme Mann später, nachdem dieses Heu zu Ende war, das Stroh aus den Strohsäcken, das Stroh vom Dach, wo man Strohdächer hatte, fütterte, das sah selten jemand, denn das tat er im verborgenen. Wenn aber der Mann mit nassen Augen in finsterm Stalle den letzten Strohsack leerte, so rieb manche Kuh den ungeschlachten Kopf dem armen Manne am schmutzigen Zwilchkleid ab und leckte erst seine rauhen Hände, ehe sie hungrig ins zerknitterte Stroh biß; es war fast, als ob die gute Kuh den Schmerz ihres Ernährers mehr fühlte als den eigenen Hunger.

Freilich gab es auch Leute, die nicht Heu kauften, nicht Mitleid hatten mit ihrem Vieh, und zwar nicht aus Geiz, sondern aus Stolz und Hochmut. Der Ätti habe auch nie Heu gekauft, sagten sie, und sie wollten lieber ihr Vieh verhungern lassen, als daß man ihnen nachrede, daß sie einmal auf ihrem Hofe nicht Futter genug für ihr Vieh gemacht hätten. Ja, sie wollten nicht einmal Vieh verkaufen, damit man ihnen nicht entweder Geld- oder Futternot vorwerfe, damit es nicht heiße, sie hätten nur so- und soviel Stück zu überwintern vermögen. Sie fürchteten, das täte ihren Ehren Abbruch; aber wie zwanzig Kühe, die Tag und Nacht von einem Knubel herab brüllen, was sie in die Haut zu bringen vermögen, einen Bauer verbrüllen können fast bis ins Länderbiet hinein, fast bis ins Aargau hinab, daran dachten sie nicht. Es gab welche, deren Pferde des Morgens nicht mehr aufstehen konnten, die mit Fuß und Gabel das älteste aufjagten, es zum Stall austrieben, um es dem Hungertode preiszugeben.

Da wehten am ersten Maitage wieder Frühlingslüfte; es grünte in den Matten, laut jauchzten die Menschen, und gierig graste das ausgetriebene Vieh das wenige, was es fand.

Karst und Pflug wurden eiligst gerüstet, die Kuttlein an die Ofenstange gehängt, die Winterstrümpfe in den Spycher; aus den Dörfern schwärmte es aus wie aus dem Stock die Bienen, und am heißen dritten Maitag glaubte man alles gewonnen. Aber ein Gewitter verzehrte die vorrätige Wärme, und der Winter war wieder da.

Man jammerte in allen Hütten, auf allen Höfen, ganz besonders aber die Küher. Viele wußten kein Futter mehr zu kaufen, mußten fort aus den Ställen, und Schnee verfinsterte noch die Luft, lag weiß über die Ebenen und klaftertief auf den Bergen. Manchen Küher trieb die Angst auf seine Alp; er hoffte, es droben besser anzutreffen, als es von unten das Ansehen hätte, hoffte, aufzuziehen und anfangs mit dem Heu nachhelfen zu können, das er auf dem Berge gemacht und im Staffel gelassen hatte. Aber was fand er? Schnee fast mannstief und, wenn er mit Lebensgefahr zum Staffel sich durchgearbeitet hatte, kein Heu mehr! So konnte er nicht auf den Berg, konnte aber auch nicht bleiben unten im Lande. Da wuchs manchem Küher der Gram über den Kopf, und das Sterben wäre ihm lieber gewesen als das Leben.

Und wenn sie wegfahren mußten aus ihren Winterquartieren im Schneegestöber, die hungrigen Kühe, wenn sie am Wege ein mager Gräschen abraufen wollten, das Maul voll Schnee kriegten, auf den Bergen der Schnee höher und höher sich zu türmen schien und sie auf diese Berge zumußten in Gottes Namen, da sah man manchen harten Kühersmann die Augen wischen, ja, manchen hörte man schluchzen und zwar weit.

Wie es anfangs auf den Bergen gegangen, wie Tannkries das Köstlichste war, was man den Kühen, die dazu noch fast erfroren, bieten konnte, will ich nicht erzählen. Und wenn ichs erzählte, so würde sich niemand darüber verwundern, schneite es doch auch unten im Lande noch den 19. Mai.

Da grub sich tiefer und tiefer grimmig Zagen bei den Menschen ein. Man hörte wieder rollen durchs Volk Weissagungen über den nahenden Untergang der Welt. Alle drei, vier Jahre wird der Untergang der Welt ganz bestimmt vorausgesagt, und eine Menge Leute glauben daran, nehmen es aber ziemlich kaltblütig und bereiten sich nach ihrer Weise darauf vor.

Vor sechs, sieben Jahren sollte der Merkur die Erde zerstören; da wurde man in einem gewissen Schachen tätig, mit dem Erdäpfelsetzen zu warten, bis der gefährliche Tag vorüber sei. Es wäre doch gar zu ärgerlich, meinten sie, wenn sie die Mühe umsonst haben sollten. Der Seiler-Daniel aber sagte zu seiner Frau: »Lisi, wir haben noch zwei Hammli in der Heli; koche die doch, heute eins und morgen wieder eins; es wäre gar zu schade, wenn die übrigbleiben sollten und wir nichts davon hätten.« Aber die früheren Untergänge der Welt stellte man sich plötzlich, schnell vor und auch fürchterlich, aber wieviel gräßlicher der jetzt drohende langsame, peinvolle Untergang in Kälte und Hunger!

Wenn andere auch an den Untergang der Welt nicht dachten, so begannen sie doch zu zagen, der liebe Gott möchte sie vergessen haben. Sie erkannten, daß alle Großhansen im Lande und alle Großmäuler alles machen könnten, nur die Hauptsache nicht.

Sie konnten mit all ihrem Witz keine Wärme machen, kein gschlacht Wetter zum Erdäpfelsetzen; auf alle ihre Machtsprüche kam kein Frühlingszeichen, zeigten sich keine sommerlichen Spuren. Sie begannen zu glauben, der liebe Gott wolle seine Sonne erkalten, wolle sie erlöschen lassen.

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