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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Sechstes Kapitel.

»Nun ist das Ding heut' wiederum erschienen?«
Hamlet.

»Des Menschen Antlitz ist das Logbuch seiner Gedanken: die des Capitäns Ludlow scheinen von angenehmer Art zu seyn,« bemerkte eine Stimme, die von einem, unfern vom Befehlshaber der Coquette Stehenden kam, während jener noch in dem so eben beschriebenen Geberdenspiel begriffen war.

»Wer spricht von Gedanken und Logbüchern, und wer wagt es, meine Bewegungen zu belauschen?« fragte der junge Seemann wildstolz.

»Jemand, der zu oft mit den ersteren getändelt und in den letzteren geschmiert hat, um nicht zu verstehen, wie man einem Sturm begegnen müsse, er zeige sich nun am Himmel oder bloß auf dem Angesicht eines Menschen. Ihre Bewegungen, Capitän, habe ich nicht belauscht; allein wessen Blicke schon so manches große Schiff verfolgt haben, der braucht sie wohl nicht abzuwenden, wenn ihm in seiner Fahrt zufällig ein oder der andere leichte Kreuzer aufstößt. Sie haben mich hoffentlich verstanden, Sir, jeder Anruf darf auf eine höfliche Antwort Anspruch machen.«

Ludlow traute kaum seinen Sinnen, als er sich, um den Verwegnen kennen zu lernen, umdrehte und sich dem trotzigen Auge und der gleichgültigen Miene des Matrosen gegenüber sah, der an diesem Tage schon einmal seinem Zorne die Stirn geboten hatte. Der junge Mann legte indessen seinem Unwillen aus Wetteifer Zügel an; denn er fühlte wohl, daß die unerschütterliche Ruhe, welche der andere ihm entgegensetzte, demselben, trotz seines untergeordneten Standes, etwas Imponirendes, ja fast Gebietendes verlieh. Freilich ward ihm diese Selbstbezwingung um so schwerer, als er von den Meisten, welche die See zu ihrer Heimath gewählt haben, Gehorsam gewohnt war, aber das Sonderbare, jederzeit anziehend für die, Abenteuer liebende Jugend, mochte vielleicht dazu beitragen, daß er den Zorn verschluckte und mit Fassung antwortete:

»Wer sich muthig seinem Feind gegenüberstellen kann, verdient den Ruhm der Kühnheit; aber der ist tollkühn, welcher muthwillig seinen Freund zum Zorn reizt.«

»Und wer weder das Eine noch das Andere thut, ist klüger als Beide,« versetzte der rücksichtslose Held mit der bunten Schärpe. »Capitän Ludlow, wir treffen hier auf gleichem Fuß zusammen, und können daher allen Zwang aus unserer Unterhandlung verbannen.«

»Auf Männer so verschiedenen Ranges läßt sich das Wort Gleichheit schlecht anwenden.«

»Sprechen wir jetzt nicht von unserm Stand und unsern Pflichten. Hoffentlich wird jeder von uns den erstern zu behaupten, die letztern zu erfüllen wissen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Allein der Capitän Ludlow, unterstützt durch die volle Lage der Coquette und durch das Kreuzfeuer seiner Marinen, ist nicht der Capitän, einsam auf einer Anhöhe an der See, mit keinen bessern Piekstücken als seinem Arm und seinem unerschrocknen Herzen. Als Ersterer gleicht er einer Spiere, gestützt mit Pardunen und Fockstags, Brassen und stehendem Tauwerk; als Letzterer hingegen ist er nichts mehr als ein Baum, der nur durch die Gesundheit und Güte seines Stamms sein Haupt in der Höhe erhält. Sie scheinen ganz der Mann, der ohne Hülfe gehen kann, selbst bei einer heftigeren Kühlte als die, welche nach dem Drang in den Segeln des Bootes dort zu urtheilen, jetzt auf dem Meere wüthet.«

»Wahr! das Boot dort fängt wirklich an, den Wind zu fühlen,« sagte Ludlow, und bald verdrängte die Erscheinung der Pirogue, welche Alida und ihre Freunde enthielt, und in diesem Augenblick aus dem Bergungsort unter dem Hügel in die breite Oeffnung der Rariton-Bai hervorschoß, jeden andern Gedanken aus der Brust des jungen Mannes. »Was halten Sie vom Wetter, mein Freund? ein Mann von Ihren Jahren sollte über diesen Gegenstand ein Kennerurtheil haben.«

»Weiber und Winde lernt man erst kennen, wenn sie in voller Bewegung sind,« erwiederte Der mit der Schärpe; »nun würde freilich jeder Sterbliche, welcher die Wolken und seine eigene Sicherheit zu Rathe zog, die Fahrt in dem königlichen Schiff Coquette lieber gemacht haben, als in der Pirogue, die dort auf den Wogen tanzt; allein das seidene Gewand, welches wir im Boote flattern sehen, belehrt uns, daß es Jemand gebe, welche anderer Meinung war.«

»Sie sind ein Mann mit eben so seltenem Verstande,« rief Ludlow, den Unbekannten wieder scharf ansehend, »als seltener« –

»Unverschämtheit,« ergänzte der Andere den abgebrochenen Satz des Commandeurs: »der wohlbestallte Offizier der Königin spreche immer rein von der Brust weg; ich bin nicht mehr als ein Marsgast, höchstens ein Quartiermeister.«

»Ich will nichts sagen, was Ihnen unangenehm ist, doch, daß Sie von meinem Anerbieten: die Dame und ihre Freunde nach der Wohnung des Aldermans Van Beverout zu führen, so wohl unterrichtet scheinen, finde ich etwas auffallend.«

»Auffallend? ich meinerseits hätte es nicht auffallend gefunden, wären Sie erbötig gewesen, die Dame irgendwo hinzuführen; schwieriger freilich würde die Handlung zu erklären seyn, wenn Sie dieselbe Liberalität auch auf ihre Freunde ausgedehnt hätten. Wenn ein junger Mann vom Herzen spricht, so pflegt er nicht zu flüstern.«

»Das heißt so viel, daß sie unsere Unterredung belauscht haben. Dies kommt mir um so wahrscheinlicher vor, als es leicht ist, sich ungesehen hier in der Nähe zu befinden. Aber am Ende, Sir, hatten Sie auch Augen so gut wie Ohren.«

»Sie mögen es immerhin erfahren, ich habe gesehen, als Sie ein Stück Papier überholten, und das Gesicht dabei veränderten, – wie ein Parlamentsglied, auf ein vom Minister gegebenes Signal, ein neues Blatt in seinem Gewissensbuche aufschlägt.«

»Vom Inhalt konnten Sie doch nichts wissen!«

»Der Inhalt schien mir der geheime Befehl einer Dame zu seyn, die selbst zu sehr Coquette ist, um auf ihr Anerbieten: in einem Schiffe gleiches Namens zu segeln, eingehen zu können.«

»Bei'm Himmel, der Kerl hat bei all seiner unbegreiflichen Unverschämtheit vernünftige Besonnenheit!« brummte Ludlow vor sich hin, indem er unter dem Schatten des Baumes auf- und abging. »Die Worte und die Handlungen des Mädchens widersprechen sich, und ich bin ein Narr, daß ich mich zum Besten haben lasse, wie ein Seekadett, der eben dem Schooße der Mutter entlaufen ist. – Hören Sie 'mal, Herr – r – r – Nun! Sie haben doch wahrscheinlich, wie jeder andere Seewanderer, einen Namen?«

»O ja; auf den Ruf: Thomas Ruderpinne – höre ich, wenn der Anruf anders laut genug ist, daß ich darauf hören mag.«

»Gut denn, Herr Ruderpinne; ein so gewitzter Seemann sollte, dächte ich, mit Vergnügen Dienste bei der Königin nehmen.«

»Hätte ich nicht Pflichten gegen einen anderen, der frühere Ansprüche auf mich hat, so würde mir nichts angenehmer seyn, als einer bedrängten Dame meine Hilfe anzubieten!«

»Und wer ist's, der seine Ansprüche auf Eure Dienste gegen die der Beherrscherin dieses Reichs geltend machen darf?« fragte Ludlow, und zeigte dabei etwas von jenem hochfahrenden Wesen, so hervorstechend, wenn Leute, die gewöhnt worden sind, die königliche Würde mit Ehrfurcht zu betrachten, von den Privilegien derselben sprechen.

»Der bin ich. Wenn unsere Geschäfte auf einem und demselben Wege liegen, so kann Niemand mehr bereitwillig seyn, als ich, Ihrer Majestät Gesellschaft zu leisten, aber ...«

»Das heißt meine augenblickliche Herablassung zu sehr mißbrauchen,« unterbrach ihn Ludlow; »Kerl, du weißt, daß ich über deine Dienste gebietend verfügen kann, und nicht nöthig habe, erst mit dir darum zu unterhandeln; und am Ende sind sie, trotz deiner prahlerischen Außenseite, nicht einmal der Mühe werth.«

»Es ist nicht nöthig, Capitän, daß wir es mit unserer Angelegenheit bis zum Aeußersten kommen lassen,« nahm der Fremde, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, wieder auf. »Wenn ich heute schon einmal Ihre Jagd auf mich vereitelt habe, so geschah es vielleicht, um es außer allen Zweifel zu setzen, daß ich Ihr Schiff aus ganz freiem Antrieb betrete. Wir sind hier allein, und Ew. Gestrengen werden es nicht Prahlerei nennen, wenn ich sage, daß sich nicht erwarten läßt, ein Mann mit gesunden, kräftigen Gliedern, der seine sechs Fuß zwischen Planke und Scheerstock mißt, werde sich gegen seinen Willen herumführen lassen, gleich einem Nachen am Spiegel eines Vierundvierzigers. Ich bin ein Seemann, Sir; und obgleich der Ocean meine Heimath ist, so wage ich mich doch nicht eher darauf, als bis ich weiß, daß ich sicher fuße. Schauen Sie von dieser Höhe um sich her, und sagen Sie, ob außer dem königlichen Kreuzer irgend ein Fahrzeug im Gesichtskreise liege, das dem Geschmack eines Matrosen von der langen Seefahrt zusagen könnte?«

»Soll ich das denn so verstehen, daß Sie wirklich Dienste bei mir suchen?«

»Nicht anders; und wenn auch die Meinung eines Fockmastgastes von geringem Werthe seyn mag, so sind Sie vielleicht doch nicht böse, wenn Sie aus meinem Munde hören, daß ich mich noch weiter umsehen könnte, ohne einen hübscheren Kiel, oder besseren Schnellsegler zu finden, als der, welcher unter ihrem Commando segelt. Einem Seemann von Ihrer Erfahrung darf man nicht erst sagen, daß der Mensch, so lange er sein eigener Herr ist, eine andere Sprache führt, als nachdem er sich dem königlichen Dienste hingegeben hat. Ich hoffe daher, Sie werden mir meine bisherige freie Rede nicht als Verbrechen anrechnen.«

»Leute Eures Humors sind mir schon vor Euch, mein Freund, vorgekommen; auch erfahre ich jetzt nicht zum ersten Mal, daß ein echter Kriegsschiffs-Matrose eben so unverschämt auf trock'nem Boden ist, als subordinationsmäßig am Bord – – Ist das ein Segel am Horizont oder nur der in der Sonne glänzende Fittig eines Meervogels?«

»Es kann beides seyn,« bemerkte der kühne Matrose, indem er den Blick gemächlich nach der offenen See richtete; »wir haben eine weite Aussicht auf dieser windigen Anhöhe. An der Stelle dort haben spielende Seemöven, das Gefieder dem Lichte zugekehrt, uns zum Besten.« So gebe ich are gulls sporting above the waves; wer den Doppelsinn in dem die Möve bezeichnenden Worte zu erhalten vermag, ohne sich hier einige Freiheit mit dem Original zu erlauben, der ist der Lord Ober-Admiral aller Uebersetzer, und vor ihm streiche ich meine Uebersetzer-Flagge. d. U.

»Mehr seewärts geschaut! Jener glänzend weiße Fleck muß das Segeltuch irgend eines am Horizont lauernden Fahrzeugs seyn!«

»Bei so einem kräftigen Winde ist nichts wahrscheinlicher. Die Küstenfahrzeuge sind zu jeder Tages- oder Nachtstunde bald drinnen, bald draußen, wie die Ratten an einem Kai – aber wirklich mir scheint es weiter nichts zu seyn, als der Kamm einer überstürzenden Woge.«

»Segeltuch ist's, was dort flattert; schneeweiß wie die Schnellsegler an ihren oberen Spieren zu tragen pflegen.«

»So ist es wieder weggeflattert,« erwiederte trocken der Fremde, »denn es ist nicht mehr zu sehen. Ja, ja, Capitän, diese Davonflieger verursachen uns Seeleuten manche schlaflose Nacht und vergebliche Jagd. Einst lief ich an der Küste von Italien hinab, zwischen der Insel Corsica und dem weiten Meer, da ward die Mannschaft wie besessen von einer solchen Täuschung; dies dient mir seit jener Zeit stets zur Warnung, blosen Augen nicht zu trauen, wenn ihnen ein klarer Horizont und ruhiger Kopf nicht zu Hilfe kommen.«

»Laß hören,« sagte Ludlow, indem er, sich überzeugt haltend, daß seine Sinne ihn getäuscht hatten, vom fernen Ocean den Blick abwendete: »was hatte dies Wunder auf der italienischen See auf sich?«

»Ein Wunder in der That, wie Ew. Gestrengen selbst zugeben werden, wenn ich ihnen die Sache ungefähr in denselben Worten wiedererzähle, mit denen ich sie damals zur Belehrung aller Betheiligten ins Logbuch eintragen ließ. Es war die letzte Stunde der zweiten Hunde-Wache am Ostersonntag, der Wind südostost. Ein leichtes Lüftchen füllte die obern Tücher just genug, um das Schiff in unserer Gewalt zu behalten. Die Berge Corsicas, nebst Monte Christo auf Elba, waren alle schon seit einer Stunde untergegangen, und wir saßen auf den Raaen, spähend, ob das Land an der römischen Küste sich nicht aufthue. Ein niedriger Damm dicken treibenden Nebels lag längs der See, küstenwärts von uns. Wir alle hielten es für die Ausdünstung des Landes, und dachten nicht weiter daran, obgleich Keiner Lust hatte hinanzusteuern, da an der Küste böse Dünste aufsteigen, durch die weder See- noch Landvögel gern hindurchfliegen. Gut, hier lagen wir, das große Segel in den Geitauen, die Bramsegel gegen die Tops der Masten anschlagend, wie ein Mädchen, das den Fächer stärker bewegt, wenn der Liebste kommt, kurz nichts angefüllt, als das oberste Tuch, und die Sonne völlig unter'm Wasser an dem westlichen Bord. Damals war ich jung, und scharfen Auges, wie schnellen Fußes, daher ich einer der ersten war, die den Anblick sahen.«

»Und der war?« fragte Ludlow, welcher, trotz seiner angenommenen gleichgültigen Miene sich angezogen fühlte.

»Ei nun, hier, genau über dem Damm von schlechten Dünsten, welche stets an jener Küste lagern, zeigte sich ein Gegenstand, der aussah gleich Strahlen glänzenden Lichtes, als wenn tausend Sterne ihre gewohnten Backs am Himmel verlassen hätten, um uns durch ein übernatürliches Zeichen vom Lande wegzuwarnen. Das Gesicht war an sich schon höchst auffallend und mit nichts Natürlichem vergleichbar. Als die Nacht immer finsterer wurde, da wuchs der Glanz und die Gluth noch mehr, als wollte es uns alles Ernstes von der Küste abwehren. Wie aber nun der Befehl erging die Gläser hinauf zu schicken, erblickte man ein blendend helles Kreuz in der Höhe, weit über diejenigen Spieren erhaben, an denen irdische Schiffe ihre Privatsignale auszuhängen pflegen.«

»Das war in der That außerordentlich! nun, und was thatet Ihr, um über die Beschaffenheit des himmlischen Zeichens ins Klare zu kommen?«

»Wir fielen von der Küste ab, und überließen es kühneren Matrosen, dort eine Back zu suchen. Herzlich froh war ich, bei aufgehender Sonne die schneebedeckten Berge Corsicas wieder zu erblicken.«

»Und die Erscheinung jenes Gegenstandes blieb seitdem unerklärt?«

»Und wird es immer bleiben. Gar manchen Befahrer jener Gewässer habe ich seit jener Zeit gesprochen, doch keinen darunter gefunden, der sagen konnte, etwas Aehnliches gesehen zu haben. Zwar nahm sich Einer heraus, zu behaupten, es stehe weit landeinwärts eine Kirche, die wohl groß und hoch genug sey, um einige Stunden von der Küste schon sichtbar zu werden, und was wir sahen, sey nichts Anderes gewesen, als die hohe, zu irgend einem Feste vielleicht erleuchtete Kuppel, was um so wahrscheinlicher sey, da nur unsere Lage und der Nebel längs dem flachen Lande den Zusammenhang des hervorragenden Gegenstandes mit der Erde unsern Blicken entzog: allein wir waren alle zu alt an seemännischer Erfahrung, als daß wir einem so weit hergeholten Mährchen hätten Glauben schenken sollen. Es kann vielleicht seyn, daß eine Kirche in der Ferne ein eben so schwankendes, ungewisses Aussehen hat, wie ein ferner Hügel oder fernes Schiff; wenn Einer aber behauptet, daß Menschenhände auf Wolken einen Steinhaufen errichten können, so sollte er, bevor er mehr Worte verliert, sich erst gläubige Zuhörer anschaffen.«

»Eure Erzählung ist ungewöhnlicher Art, und gut wär's immer gewesen, wenn Ihr das Wunder näher untersucht hättet. Uebrigens kann es wirklich eine Kirche gewesen seyn, denn zu Rom steht ein Gebäude, das dreimal höher ist als die Masten eines Kreuzers.«

»Da ich selten die Kirchen beunruhigt habe, so sehe ich nicht ab, warum eine Kirche mich beunruhigen sollte,« sagte der Matrose mit der bunten Schärpe, und kehrte dem Meere den Rücken zu, als wenn er keine Lust mehr hätte, die einförmige Wasseröde länger anzusehen. »Es sind jetzt zwölf Jahre her, seit jenes Gesicht sich zeigte; von jener Stunde an bis jetzt habe ich gar viele Reisen gemacht, aber die römische Küste mit keinem Auge wiedergesehen. – Wollen Ew. Gestrengen nicht, wie es Ihrem Range geziemt, den Weg von der Anhöhe hinab vorangehen?«

»Ueber Eure Geschichte von dem blendendhellen Kreuze und der fernschwankenden Kirche, Meister Ruderpinne, hätte ich bald vergessen, die Bewegungen der Pirogue dort zu beobachten,« erwiederte Ludlow, noch immer das Gesicht der Bai zugewandt. »Der halsstarrige alte Holl – – ich wollte sagen, Sir, der Herr Alderman Van Beverout setzt mehr Vertrauen in diese Art von Fahrzeugen, als ich meinestheils. Mir will das Aussehen der Wolke dort, die sich eben aus der Mündung des Rariton erhebt, gar nicht gefallen, und hier, seewärts, haben wir einen düstern Horizont – – bei'm Himmel! ein Segel spielt dort auf der Meereshöhe, oder mein Auge hat die Sehkraft und die Unterscheidungsgabe verloren.«

»Die flatternde Seemöve hat Ew. Gestrengen wieder zum Besten; es fehlte wenig, daß auch ich daran irre wurde, was den Kundschafterblick eines Mannes täuschen hieße, der zehn bis fünfzehn Jahre Uebung in Erscheinungen auf der See vor Ihnen voraus hat. Ich erinnere mich, einst bei'm Beschiffen des Chinesischen Archipels, mit südöstlichen Passatw –«

»Genug von Euren Wundern, Freund; Ihr müßt nicht glauben, daß ich an Einem Morgen mehr als Eine Kirche verschlucken kann. Es kann eine Möve gewesen seyn, denn der Gegenstand, ich gestehe es, war klein; dessenungeachtet aber hatte er das Ruhige und die Form eines fernen Segels. Auch ist einiger Grund vorhanden, an unsrer Küste ein Schiff zu erwarten, das scharf und seemännisch genau bewacht werden muß.«

»So? Dies verschafft mir also vielleicht eine Wahl unter mehreren Schiffen,« versetzte Ruderpinne. »Ich weiß Ew. Gestrengen vielen Dank, daß Sie mir diese Mittheilung machen, bevor ich mich an die Königin versagt habe: denn diese Dame ist weit geneigter, Gaben dieser Art anzunehmen, als sie zu erwiedern.«

»Wenn Eure Achtung am Bord Eurer Dreistigkeit auf trocknem Boden nur einigermaßen das Gleichgewicht hält, so könnt Ihr für ein Muster von Höflichkeit gelten! Aber einem Seemann von Euren Ansprüchen sollte der Charakter des Schiffes, in welchem er Dienste nimmt, nicht gleichgültig seyn.«

»Ist denn dasjenige, wovon Ew. Gestrengen sprachen, ein Boucanier?«

»Wo nicht ein Boucanier, so doch nicht viel besser. Es ist, im besten Fall, ein Contrebandier; und es gibt Leute, die der Meinung sind, daß, wer erst bis dahin gegangen, nicht dort stehen geblieben ist. Aber ein Mann wie Ihr, der bereits so lange die See befährt, hat ja wohl schon von dem ›Streicher durch die Meere‹ sprechen hören.« –

»Verzeihen Sie die Neugierde eines Seefahrers bei einem Gegenstand, der mit seinem Gewerbe in Verbindung steht,« erwiederte der Matrose mit der Schärpe, weit lebendiger und wärmer als bisher. »Ich bin erst seit kurzer Zeit von einem fernen Meere zurück, und obgleich viele Geschichten von den Boucaniers erzählt werden, so erinnere ich mich doch nicht, von jenem Herumstreicher gehört zu haben, als bis ich mich in dem Boot befand, welches die Ueberfahrt zwischen der Stadt und diesem Landungspunkt unterhält, wo der Schiffer zufällig im Gespräche desselben erwähnte. Herr Capitän, ich bin nicht ganz das, was ich zu seyn scheine, und werde ich erst nach schweren Dienstleistungen meinem Commandeur genauer bekannt geworden seyn, so bereut er es vielleicht nicht, einem wackeren Seemann gutmüthig und herablassend begegnet zu seyn, und denselben dadurch vermocht zu haben, Dienste in seinem Schiffe zu nehmen. Ich wage daher die Bitte, daß Ew. Gestrengen mir sagen wollen, was es mit diesem Contrebandier für eine Bewandtniß habe?«

Ludlow blickte seinem Gefährten fest in das unbewegte männliche Gesicht. Ein Verdacht, er wußte selbst nicht recht worüber, wollte sich seiner bemächtigen, doch verschwand derselbe, als er sich durch das vielversprechende Aeußere des Andern immer mehr überzeugte, daß er an ihm einen kühnen und gewandten Seemann gewinnen würde. Die Dreistigkeit der Bitte gefiel ihm mehr als sie ihn beleidigte; er drehte sich auf der Ferse um, und setzte bei'm Hinabsteigen vom Hügel nach dem Landungsplatze zu, das Gespräch wohlgelaunt fort.

»Ihr müßt in der That von einem fernen Ocean kommen,« sagte der junge Capitän der Coquette, und lächelte, als wollte er einen leisen inneren Vorwurf wegen zu großer Herablassung damit beschwichtigen, »wenn die verwegenen Handlungen einer Brigantine, gekannt unter dem Namen: ›Wassernixe‹ und die ihres Befehlshabers, mit Recht ›der Streicher durch die Meere‹ genannt, Euer Ohr nicht erreicht haben. Fünf Sommer sind es jetzt, seit die Kreuzer in den Colonien Ordre haben, scharf aufzupassen, und auf den Piraten Jagd zu machen; ja man versichert, der waghalsige Schmuggler habe schon oft der königlichen Flagge selbst in den Meerengen die Stirn gewiesen. Der Offizier, der so glücklich wäre, den Schelm zu fangen, würde gewiß zum Ritter geschlagen werden, wenigstens das Commando eines größeren Schiffs erhalten.«

»Der muß einen einträglichen Handel treiben, daß er diese Gefahren läuft und den Bemühungen so vieler geschickter Herren Trotz bietet. Fast fürchte ich, nach Ew. Gestrengen unwilligem Blick zu urtheilen, schon zu weit in meiner Freiheit gegangen zu seyn, sonst würde ich noch wagen, die Frage zu thun, ob das Gerücht nichts weiter erzähle von dem Gesicht und der Person des – Freihändlers, wie man ihn nennen muß, obgleich Freibeuter ein besseres Wort wäre.«

»Was liegt an dem persönlichen Aussehn eines Spitzbuben,« sagte Capitän Ludlow, wahrscheinlich eingedenk, daß mehr mitzutheilen sich nicht mit der Klugheit vertrage.

»Was daran liegt? Ei nun, ich fragte nur, weil die Schilderung sich ein wenig auf einen Menschen paßt, den ich einst in den Gewässern des jenseitigen Indiens kennen lernte, der aber seit langer Zeit verschwunden ist, Niemand weiß wohin. Sollte aber dieser ›Streicher durch die Meere‹ nicht ein Spanier aus Südamerika seyn, oder ein Holländer, der von dem Lande der Ueberschwemmungen gekommen ist, um sich einmal auf festem Lande gütlich zu thun?«

»Kein Spanier von der südlichen Küste hat noch in diesen Gewässern ein so kühnes Segel gefühlt, und einen Holländer mit so behender Ferse gibt es gar nicht. Soll ja doch der Kerl dem schnellsten Kreuzer aus England ein Schnippchen schlagen! Was seine Gestalt betrifft, so habe ich wenig Gutes davon sagen hören. Das Gerücht erzählt, er sey ein mißvergnügter Offizier, der einst bessere Tage gesehen, aber den Umgang mit ehrlichen Leuten aufgegeben habe, weil ihm der Schurke so deutlich in's Gesicht geschrieben sey, daß er es vergeblich zu verbergen sucht.«

»Der Meinige war ein stattlicher Mann, der sich seines Gesichts unter seines Gleichen nicht zu schämen brauchte,« sagte Der von der Schärpe. »Dieser muß also ein Anderer seyn, wenn anders Einer an der Küste ist. Weiß man denn ganz gewiß, Ew. Gestrengen, daß der Mensch hier ist?«

»Das Gerücht geht so; indessen bin ich schon so oft durch dergleichen leeres Geschwätz verleitet worden, den Schmuggler da aufzusuchen, wo er nicht war, daß ich dem jetzigen Mährchen wenig Glauben schenke. Sieh' da, die Pirogue hat den Wind mehr in Westen, und die Wolke über der Mündung des Rariton hat sich gesenkt und zertheilt; so wird denn der Alderman doch noch mit blauem Auge davon kommen.«

»Und die Möven, die uns zum Besten hatten, sind mehr seewärts gegangen, ein zuverlässiges Zeichen von schönem Wetter;« fügte der Andere hinzu, indem er einen raschen, aber scharfen Blick nach der Meereshöhe am Horizont warf. »Ich glaube, unser Seewanderer, mit seinem leichten Gefieder, ist mit ihnen entflohen!«

»Nun denn, so wollen wir nach! Mein Schiff ist fertig, die See zu nehmen, und es ist Zeit, Herr Ruderpinne, daß ich erfahre, welche Back Ihr im Dienste der Königin einzunehmen wünschet?«

»Gott segne sie, die Majestät! Anna ist eine königliche Frau, und hatte einen Lord-Groß-Admiral zum Manne. Was nun die Back betrifft, Sir, so möchten Alle gern Capitän seyn, selbst die, welche ihre Messe in den Lee-Speigaten zu sich nehmen müssen. Die Stelle eines ersten Lieutenants ist wohl schon zu Ew. Gestrengen Zufriedenheit ausgefüllt?«

»Patron, ich verbitte den Scherz; bei Euren Jahren und Eurer Erfahrung darf man Euch doch wohl nicht erst sagen, daß Commandostellen nur durch Dienst erlangt werden.«

»Halten Sie mir den Irrthum zu gut. Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Capitän, und werden einen Matrosen, der in Ihr gegebenes Wort Vertrauen setzt, nicht hintergehen.«

»Matrose oder Mann von trocknem Lande, wer mein Wort zum Unterpfande hat, ist sicher.«

»Nun, so erbitte ich mir, lassen Sie mich auf Ihr Schiff gehen, um meine künftige Kameraden kennen zu lernen, ihren Charakter beurtheilen zu können; geben Sie mir die Erlaubniß, zu sehen, ob das Schiff mir anstehe, und wieder zu gehen, wenn mir dies mehr zusagen sollte.«

»Kerl,« rief Ludlow, »diese Unverschämtheit übersteigt meine Geduld.«

»Kann ich doch durch ein Beispiel zeigen, daß ich nichts Unbilliges verlange,« versetzte mit Ernst der unbekannte Seeman. »Ich kenne einen Capitän, welcher sich gerne mit den Banden des heiligen Ehestandes einer gewissen schönen Dame verbinden möchte, die ganz kürzlich erst zu Schiffe abgegangen ist, und doch gibt es Tausende, die weniger Schwierigkeiten machen würden.«

»Immer frecher wirst Du – nun, und wenn dem wirklich so wäre?«

»Sir, ein Schiff ist des Seemanns Geliebte – ja, ist er erst förmlich unter einer Flagge, und diese Flagge im Kriege, so ist er seinem Schiffe vollends angetraut, gleichviel, ob gesetzmäßig oder nicht. Beide sind Ein Fleisch, Ein Blut geworden, bis der Tod sie von einander sondert. Bei einem Vertrage von solcher Dauer nun sollte man Jedem freie Wahl lassen. Hat der Matrose nicht seinen Geschmack, so gut wie der Liebende? Die Gilling und die Rundung der Berghölzer seines Schiffes, sind Schultern und Taille; die Takelage, die Locken; der Schnitt und Schick der Segel, die Façon der Putzmacherin; die Kanonen heißen ohnedies schon die Zähne; der Anstrich endlich ist das Erröthen und die jugendliche Farbe. Das sind lauter Geschmacks- und Wahlsachen, Sir, und ohne Erlaubniß, meine Wahl zu treffen und meinem Geschmack zu folgen, muß ich Ew. Gestrengen eine glückliche Seefahrt und der Königin einen bessern Diener wünschen.«

»Glaubt mir, Herr Ruderpinne,« rief Ludlow lachend. »Ihr trautet diesen verkrüppelten Eichen zu sehr, wenn ihr wähnt, sie könnten Euch hinlänglich bergen, falls ich es für gut finden sollte, Landjagd auf Euch zu machen. Allein ich halte Euch beim Wort. Die Coquette soll Euch unter Euren eigenen Bedingungen aufnehmen; sie wird Euren forschenden Blick eben so wenig fürchten, als eine Schönheit ersten Ranges, die in einen vollen Ballsaal eintritt.«

»Gehen Ew. Gestrengen voran, ich folge Ihrem Kielwasser ohne mehr Worte,« erwiederte Der mit der Schärpe, indem er zum Erstenmale die Mütze mit Ehrerbietung vor dem jungen Commandeur abnahm. »Obgleich nicht schon förmlich vermählt, als einen Versprochenen können Sie mich betrachten.«

Es ist überflüssig, das Gespräch der beiden Seemänner weiter zu verfolgen. Der im Rang Untergeordnete behielt so ziemlich seine ungebundene Weise bei, bis sie das Ufer erreichten, und die Flagge der Königin deutlich gesehen werden konnte. Augenblicklich, mit dem Takte eines alten Kriegsschiffs-Matrosen, legte er in sein ganzes Benehmen alle die Achtung, welche die Verschiedenheit des Ranges ihm zur Pflicht machte.

Eine halbe Stunde später waren alle Anker der Coquette bis auf einen gelichtet; die Windstöße von den Bergen her füllten nach und nach ihre drei Bramsegel, und bald darauf segelte sie mit einem frischen Südwest durch den Kanal. Keine dieser Bewegungen erregte sonderliches Aufsehen, denn der Kreuzer war, trotz der sarkastischen Anspielungen des Alderman Van Beverout, nichts weniger als träge, und die jetzige Richtung seewärts ein so gewöhnliches Ereigniß, daß die Bootsleute der Bai und die Küstenbewohner das Schiff absegeln sahen, ohne eine einzige Vermuthung oder Bemerkung zu machen.

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