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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Viertes Kapitel.

    Sey ruhig, denn der Preis, den ich dir
schaffe, verdunkelt diesen Unfall –
Der Sturm.

Des ungekannten Seemannes Aussehen, so wie seine kühne Weise und Rede, hatte auf die Passagiere der Pirogue bezeichnend gewirkt. Die schöne Barbérie amüsirten offenbar seine Spöttereien, dies verrieth das Schelmische in ihren Augenwinkeln, trotz der Zurückhaltung, welche sie wegen seiner Ungebundenheit als Schutzmittel annehmen zu müssen glaubte. Der Patroon studirte das Gesicht seiner Angebeteten; ihn verdrossen zwar die Freiheiten des ungebetenen Gastes, doch hielt er es für das Klügste, sie mit Duldung zu behandeln, als die natürlichen Ausbrüche eines erst kürzlich von der Eintönigkeit des Seelebens befreiten Geistes. Die auf dem Antlitz des Raths thronende Ruhe war ein klein wenig zum Wanken gebracht worden, allein es gelang ihm, seine Unzufriedenheit, um anzüglichen Bemerkungen zu entgehen, zu verbergen. So stellte sich denn auch bald, nachdem derjenige, welcher in der vorhergehenden Scene die Hauptrolle spielte, sich zurückzuziehn für gut gefunden hatte, die frühere Ruhe wieder ein, als wenn er gar nicht da gewesen wäre.

Die Pirogue, auf sinkender Fluth und vor einem wachsenden Lüftchen segelnd, hatte bald die kleineren Eilande in der Bai hinter sich, und den königlichen Kreuzer, die sogenannte Coquette, deutlicher im Gesicht. Das Schiff von zwanzig Kanonen lag in paralleler Linie mit dem Küstentheil der Insel Staaten, auf welchem das Dörfchen lag, wohin die Pirogue steuerte. Hier pflegten nämlich alle seewärtsgehenden Schiffe vor Anker zu gehen, um den rechten Wind abzuwarten; auch wurden sie hier, wie noch jetzt der Fall ist, jenen Untersuchungen und Verzögerungen ausgesetzt, die zur Sicherheit der Stadtbewohner dienen sollen. In diesem Augenblick übrigens war die Coquette das einzige Schiff auf dem Ankerplatz, denn vor hundert Jahren gehörte die Ankunft eines Kauffahrers aus einem entfernten Hafen noch nicht zu den Alltagsbegebenheiten.

Der Seeweg des Fährbootes brachte es innerhalb fünfzig Fuß von der Kriegsschaluppe, und im Verhältniß mit ihrem Herannahen stieg die neugierige Aufregung der am Bord Befindlichen.

Der Schiffer, in der Absicht, sich seinen Kundsleuten und Gehülfen willfährig zu zeigen, machte Miene, den dunkeln Planken des Kreuzers so nahe, als möglich, zu kommen. Dies bemerkte der Alderman, der polternd rief:

»Gebt Eurer Milchmagd mehr Spielraum! Alle Seen und Meere! ist Eure Yorker Bai nicht weit genug, daß Ihr den Kanonen des trägen Schiffes dort den Staub aus den Mäulern bürsten müßt! Wüßte die Königin, wie die Schlingel von Müßiggängern ihr Geld verfressen und versaufen, sie würde sie bald auf die Jagd schicken gegen die Freibeuter in den Inselgewässern. Richte den Blick auf das Land, Alida, mein Kind, so wird der Schrecken vergehen, welchen dir der dumme Maulaffe gemacht hat; der Prahlhans wollte nur zeigen, wie gut er steuern kann.«

Indessen war nichts von dem Schrecken, welchen der Onkel vertreiben wollte, an der Nichte zu bemerken. Im Gegentheil, statt blässer zu werden, überzog, im Verhältniß wie sich die Pirogue der Leeseite des Kreuzers näherte, eine tiefere Röthe ihre Wangen, und das schnellere Heben ihres Busens war ebenfalls schwerlich eine Aeußerung der Furcht. Diese Veränderung blieb unbemerkt, weil der nahe Anblick der schlanken Masten und des Taulabyrinths, welches den Passagieren fast über die Köpfe wegragte, Aller Aufmerksamkeit an sich gerissen hatte. Hundert neugierige Augen, einige über die oberen Stockwerke hinwegguckend, andere durch die Pfortgaten blinzelnd, waren schon auf sie gerichtet, als plötzlich ein Offizier, in der halben Uniform eines Seekapitäns jener Tage, sich in die höhere Takelage des Kreuzers hinaufschwang, und die Gesellschaft in der Pirogue mit einer eiligen Schwenkung des Hutes begrüßte, wie Jemand, der angenehm überrascht wird.

»Blauen Himmel und sanfte Lüfte Jedem und Allen!« schrie er in der biederherzigen Weise eines Seemanns. »Der schönen Alida meinen Handkuß; die besten Wünsche eines Matrosen dem Herrn Alderman; Herr Van Staats, Ihr ergebener Diener!«

»Ja, ja,« brummte der Bürger, »Ihr faulen Bursche wisset nichts Besseres zu thun, als uns mit Worten abzuspeisen, statt daß Ihr handeln solltet. Ein lässig betriebener Krieg und ein Feind weit vom Schusse machen Euch Seeleute zu Herren der Insel, Capitän Ludlow!«

Alida war nun vollends feuerroth; einen Augenblick zauderte sie, dann aber ließ sie mit einer halb unwillkührlichen Bewegung ihr Tuch wehen. Der junge Patroon erhob sich und erwiederte den Gruß durch eine höfliche Verbeugung. Jetzt war das Fährboot schon fast halb vor dem königlichen Schiffe vorbeigesegelt, und schon begann der mürrische Ausdruck aus dem Gesichte des Rathsherrn zu verschwinden, da sprang der Seemann vom Indischen Shawl auf, und stand im Nu wieder mitten unter der Gesellschaft.

»Ein hübsches Seeboot, und ein nettes Gehänge in der Höhe!« sagte er, und maß mit kennerischem Blicke das Tauwerk des Kreuzers, indem er zugleich mit demselben Gleichmuth, wie vorher, dem Schiffer die Ruderpinne aus der Hand nahm. »Ihre Majestät muß von einem solchen Renner nicht schlecht bedient werden, und der junge Kerl dort in der Takelage ist ohne Zweifel Mann genug, um aus seinem Fahrzeug so viel Vortheil zu ziehen, als nur immer möglich. Wollen's doch einmal beobachten. Hol' die Oberschotten weg, Bursch'.«

Beim Reden hatte der Fremde das Steuer in Lee gesetzt, und sein Befehl war noch nicht ganz ausgesprochen, so war das behende Boot bereits angeluvt und die Segel füllten sich auf der andern Seite. In der nächsten Minute schon liefen sie wieder an der Seite der Kriegsschaluppe entlang. Eben wollten der Alderman und der Schiffer zugleich in laute Beschwerden ausbrechen gegen dieses allzudreiste Eingreifen in die regelmäßige Leitung des Bootes, als der vom Indischen Shawl die Mütze lüftete und den noch in der Takelage befindlichen Offizier mit demselben großen Selbstvertrauen anredete, das er vorher in dem Gespräch mit seiner näheren Umgebung an den Tag gelegt hatte.

»Kann die Königin einen Mann in ihrer Flotte brauchen, der in seinem Leben mehr blaues Wasser als festes Land gesehen hat; oder gibt's in einem so schmucken Kreuzer keinen Raum mehr für Einen, der Hungers sterben muß, wenn er keine Seemannsdienste mehr thun kann?«

Der Nachkomme der Königsfeinde Ludlow, wie Lord Cornbury das Geschlecht des Befehlshabers der Coquette betitelte, war gleich sehr überrascht durch die äußere Erscheinung des Fragenden, wie durch die gleichgültige Miene, mit welcher ein gemeiner Matrose sich herausnahm, einen Offizier von seinem hohen Range anzureden. Er würde daher seinem Unwillen freien Lauf gelassen haben, wenn ihm nicht Gelegenheit gegeben worden wäre, sich zu erinnern, in wessen Gegenwart er spreche. Diese Gelegenheit gab ihm der Fremde, der, ehe noch Antwort erfolgte, das Steuer wieder leewärts gerichtet hatte und das Vordersegel back legen lassen, ein Manöver, das die Pirogue zum Stillstehen brachte.

»Ihre Majestät wird stets gern einen kühnen Seemann in ihren Sold nehmen, wenn er Geschicklichkeit und Diensttreue mitbringt; dies soll gleich bewiesen werden. Werft der Pirogue ein Tau zu! Unter der königlichen Flagge werden wir leichter Handels einig werden. Ich werde stolz darauf seyn, mittlerweile den Alderman van Beverout zu bewirthen, und ein Cutter steht ihm jeden Augenblick zu Befehl, sobald er es für gut findet, uns wieder zu verlassen.«

»Glaubt mir, die landliebenden Herren Aldermänner wissen schon ihren Weg aus einem Kreuzer der Königin nach dem Ufer zu finden, leichter als ein Matrose mit zwanzigjähriger Erfahrung;« erwiederte der Fremde, ohne dem Bürger Zeit zu lassen, sich für das höfliche Anerbieten des Offiziers zu bedanken. – »Ein Herr, der wie Sie, edler Capitän; ein so schönes Boot befehligt, hat ja ohne Zweifel schon die Passage bei Gibraltar gemacht, nicht wahr?«

»Dienstpflicht hat mich mehr als einmal schon nach den italiänischen Gewässern gerufen.« antwortete Ludlow, der des Fremden Unverschämtheit halb verzieh, da er es war, dem er das unerwartete Vergnügen verdankte, daß die Pirogue zum zweitenmal sich genähert hatte.

»Nun, dann wissen Sie ja, wie es dort einem Schiffe geht: eine Dame kann es mit ihrem Fächer ostwärts in den Kanal hineinfächeln, aber es gehört ein tüchtiger Wind aus der Levante dazu, wenn es wieder aus dem Kanal heraus will. Seht, die königlichen Hanger sind lang, und wenn sie erst die Glieder eines durch und durch gelernten Seehundes umschlungen halten, reicht alle seine Kunst nicht hin, sich wieder aus der Klemme zu ziehen. Es ist was ganz Merkwürdiges mit so einem Knoten: je besser der Seemann ist, je weniger vermag er ihn aufzulösen.«

»Wenn der Hanger lang ist, so dürfte er einmal weiter reichen, als dir lieb ist! Doch ein muthiger Freiwilliger braucht sich ja nicht vor dem Matrosenpressen zu fürchten.«

»Die Back, welche ich einzunehmen wünsche, ist, fürchte ich, schon ausgefüllt,« erwiederte der Fremde mit aufgeworfener Lippe. »Laß das Vordersegel los, Junge; wir wollen uns empfehlen, und die königliche Fahne hübsch leewärts vor uns flaggen lassen. Adieu, tapferer Capitän; wenn Euch einmal ein ausgemachter Seewandrer Noth thut, und Ihr von Hinterkanonen und nassen Segeltüchern träumt, so denkt an Den, der Euer Schiff besuchte, als es träge vor Anker lag.«

Ludlow biß sich in die Lippen, und obgleich die Zornflammen bis an die Schläfe seines männlichen Gesichts schlugen, so gewann er es doch über sich, zu lachen, so viel vermochte Alida's Schelmblick, dem er begegnete. Der Fremde, welcher so verwegen den Unwillen eines Mannes von der Gewalt eines königlichen Schiffscommandeurs in einer britischen Colonie zu reizen gewagt hatte, schien übrigens einen angemessenen Begriff von der Gefahr seiner Lage zu haben. Die Pirogue schwajete um ihre Hieling, und eine Minute darauf gehorchte sie dem Winde und jagte, die kleinen Wellen vor sich her spritzend, dem Ufer zu. Drei Boote stießen in einem und demselben Augenblick vom Kreuzer ab. Das eine, welches offenbar den Capitän enthielt, näherte sich mit der würdevollen Bewegung, welche Barken, die einen Offizier von Rang zu landen haben, anzunehmen pflegen; dagegen drangen die beiden anderen vorwärts mit dem ganzen Ernste einer heißen Jagd.

»Wenn Sie nicht gesonnen sind, der Königin zu dienen, mein Freund, so haben Sie nicht wohl daran gethan, einem ihrer Befehlshaber dicht vor den Schlünden seines Geschützes Trotz zu bieten,« bemerkte der Patroon, sobald die Dinge ein so entschiedenes Aussehen gewannen, daß über die Absichten der Mannschaft des Kriegsschiffes kein Zweifel mehr herrschen konnte.

»Daß Capitän Ludlow gar zu gern gewisse Personen aus diesem Boote nehmen möchte, selbst mit Gewalt, wenn's nicht in Güte gehen will, ist eine Sache, so klar wie ein glänzender Stern in einer wolkenlosen Nacht, und da ich weiß, was ein Matrose seinen Vorgesetzten schuldig ist, so stell ich ihm die Wahl frei.«

»In diesem Fall werdet Ihr bald das Brod der Königin essen,« erwiederte der Alderman stichelnd.

»Die Speise schmeckt mir nicht, und ich verschmähe sie, – – aber seht das Boot da, wahrlich die Leute darin scheinen entschlossen, Einem schlechtere Kost zu schlucken zu geben.«

Der unbekannte Matrose hörte hier auf zu sprechen, denn die Lage der Pirogue fing in der That an, etwas kritisch zu werden; wenigstens schien dies den unkundigen Passagieren, welche Zeugen des unerwarteten Zusammentreffens waren, der Fall zu seyn. So wie das Fährboot sich der Insel näherte, war der Windzug durch den mit der äußeren Bai in Verbindung stehenden Kanal stärker; man mußte eine doppelte Schwenkung machen, um den Wind nach dem gewöhnlichen Landungsplatz zu gewinnen. Nun brachte aber die Ausführung des ersten Manövers die Pirogue nothwendig in eine verschiedene Richtung, und selbst die Passagiere konnten sehen, wie der Kutter, auf welchen der Fremde hingewiesen hatte, dadurch in den Stand gesetzt ward, sich zwischen ihnen und dem Ufer zu stellen, oder in andern Worten, dem Kai, wo sie landen wollten, näher kam, als sie selbst. Der dieses Boot befehligende Offizier wußte recht gut, daß sein Zweck leicht vereitelt werden könnte, wenn er sich zur Verfolgung der Pirogue fortreißen ließ, daher munterte er seine Leute auf, so schnell als möglich dem Ausschiffungspunkte zuzusteuern. Nach der andern Seite hin hatte ein zweiter Kutter die Lauflinie der Pirogue schon erreicht, und die Matrosen ruderten gar nicht mehr, sondern lagen ruhig, jeder über seinen Riem, und warteten, bis sie ihnen von selbst in die Hände laufe. Der Unbekannte machte keine Miene, als wolle er die Zusammenkunft vermeiden. Die Pinne unausgesetzt in der Hand, führte er in dem kleinen Fahrzeug den Befehl so wirksam, als wenn derselbe ihm von Rechtswegen gebührte. Schon wegen der Unerschrockenheit und des Entschiedenen in seinem Aussehen und Betragen, unterstützt durch die meisterhafte Art, wie er das Boot leitete, würde ihm Niemand die Gewalt, die er sich für den Augenblick anmaßte, streitig gemacht haben; allein was noch außerdem günstig für ihn wirkte, war die allgemeine Furcht vor dem Matrosenpressen.

»Des Teufels Krallen!« knurrte der Schiffer. »Wenn Ihr von den königlichen Matrosen dort abhaltet, so verlieren wir freilich einiges durch Umweg, aber sie sollen's denn doch ein bischen schwer finden, mit Backstagswind die Milchmagd einzuholen.«

»Die Königin schickt uns durch den Herrn eine Botschaft,« versetzte der Seemann; »es wäre unschicklich, wollten wir sie nicht anhören.«

»Herangesteuert, Pirogue!« schrie nun der junge Offizier im Kutter. »Im Namen Ihrer Majestät befehle ich Euch, gehorcht!«

»Gott erhalte sie, die königliche Dame!« erwiederte Der mit den unklaren Ankern und dem bunten Shawl, und ließ das Boot noch immer rasch recht von vorne durch die Wogen ziehen. »Wir sind ihr Gehorsam schuldig, und freuen uns, ein so nettes Herrchen mit den Pflichten ihres Dienstes beschäftigt zu sehen.«

Jetzt waren die Boote nur noch fünfzehn Fuß auseinander. Kaum hatte die Pirogue hier Windraum gewonnen, so schwajete sie noch einmal, und begann von Neuem ihren Lauf nach dem Ufer zu. Um aber dies zu können, mußte sie sich entweder innerhalb einer Riemlänge von dem Kutter wagen, oder das Weite suchen: das letztere hatte zu sehr den Schein der Flucht, als daß Der, welcher die Pirogue leitete, ihn anzunehmen sich hätte entschließen können. Der Offizier erhob sich und griff, wie Die in der immer näher kommenden Pirogue deutlich sehen konnten, nach einem Pistol, obgleich es ihn Ueberwindung zu kosten schien, die Waffe zu zeigen. Der Seemann trat auf die Seite, wies auf die dem Kutter nun ganz bloßgestellte Gruppe hin, und bemerkte beißend:

»Wählen Sie nun Ihren Zielpunkt, Sir; einem Mann von Gefühl muß man die Wahl anheimstellen, wenn er den Auftrag hat, auf eine solche Gesellschaft Feuer zu geben.«

Der junge Mann ward blutroth, sowohl aus Schaam über die wenig ehrenvolle Pflicht, die er auszuführen beordert war, als aus Verdruß über seinen geringen Erfolg. Als er sich jedoch wieder gefaßt hatte, zog er sich mit einem Compliment gegen die schöne Barbérie aus dem Handel, und die Pirogue flog im Triumph vor seinem Boot vorbei. Inzwischen hatte das andere, größere, das eine Ende des Kai's erreicht, wo die Mannschaft desselben ebenfalls auf den Riemen ausruhte und die Ankunft des Fährboots ruhig erwartete. Dieser Anblick wollte dem Eigner der Milchmagd gar nicht gefallen, und mit bedenklichem Kopfschütteln wagte er es, dem kühnen Gesichte seines Passagiers eine Miene entgegen zu setzen, welche verrieth, daß er dem Ausgange der Sache nicht mehr recht traue. Diesen verließ seine Zuversicht keineswegs; im Gegentheil, er hob an, über die eben ausgeführte wagehalsige Handlung zu witzeln, sich wenig kümmernd um die Angst aller Uebrigen, wegen der Gefahr, in welcher sie noch immer zu schweben glaubten. Durch die erste Schwenkung hatte die Pirogue die Richtung luvwärts gerade auf den Kai zu erhalten, jetzt steuerte sie vollends mit dicht beim Winde gebraßten Segeln auf das Ufer los. Der erschrockene Schiffer glaubte nun nicht länger schweigen zu dürfen, und hielt dem Seemann die Folgen vor, welche eine Fortsetzung ihrer jetzigen Fahrlinie nach sich ziehen könnte.

»Potz Schiffbruch und blinde Klippen!« schrie er; »keine holländische Galliote bliebe ganz, wenn Ihr sie mit diesem Winde nach den Stufensteinen dort lostreiben ließet. Zwar sieht kein ehrlicher Bootsmann gern einen Menschen in den Schiffsraum eines Kreuzers aufgestaut, gleich einem Dieb in seinem Gefängnißkäfig; wenn's aber dahin kommt, daß der Milchmagd die Nase zerschellt werden soll, so ist es von ihrem Besitzer zu viel verlangt, daß er dabei stehe und schweige.«

»Nicht einem Grübchen in ihren lieblichen Backen soll ein Leid geschehen,« antwortete sein Passagier ohne die mindeste Aufregung. »Wohlan, die Segel gestrichen! wir wollen am Ufer entlang laufen, hinab bis zum Kai dort. s' wäre ungalant, meine Herren, mit dem Buttermädchen so ohne alle Umstände zu verfahren, nachdem es einen so behenden Fuß und so rasche Evolutionen zu unserem Besten an den Tag gelegt hat. Die beste Tänzerin auf der Insel hätte, selbst wenn ihr mit einer dreisaitigen Fidel aufgespielt würde, sich nicht trefflicher halten können!«

Ehe er mit diesen Worten endigte, waren die Segel angeholt, und die Pirogue glitt, stets etliche fünfzig Fuß vom Ufer ab, zum Landungsplatze hin.

»Jedes Fahrzeug hatte seine zugemessene Frist, gleich einem Sterblichen,« fuhr der unbegreifliche Seemann vom indischen Shawl fort. »Soll es eines plötzlichen Todes sterben, so geht es über Steuer oder Deckbalken hinunter in sein Grab, ohne Leichengottesdienst oder Kirchengebete; die Wassersucht ist Wasser im Raum; Gicht und Rheumatismus tödten wie zerbrochene Krummhölzer und lose Fugen; Unverdaulichkeit gleicht hin und her geschmissenem Ballast und triftigen Kanonen; der Galgen ist eine Bodmerei-Verschreibung nebst Gerichtssporteln, und Feuer, Ersaufen, Tod durch religiösen Tiefsinn und Selbstmord sind nichts anders, als ein nachläßiger Kanonier, eingesunkene Klippen, Irrlichter und ein fauler Schlingel von Capitän.«

Ehe noch jemand ahnen konnte, was er vorhabe, sprang dieser seltsame Mensch aus dem Boot auf die Spitze einer von den Wellen überspülten Klippe, von da, elastisch wie eine Gemse, von einem Stein zum andern, bis er das Land völlig erreicht hatte. Es dauerte keine Minute mehr, so verschwand er zwischen den Häusern des Dörfchens.

Daß die Pirogue den Kai unmittelbar darauf erreichte, daß die Mannschaft des Kutters saure Gesichter zu ihren getäuschten Erwartungen schnitt, und daß beide Boote sich wieder auf den Rückweg zu ihrer Coquette machten, waren eben so viele natürliche Folgen.

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