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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

»Bitte, lesen Sie.«
Cymbeline.

»Es ist vorüber!« sagte der Meerdurchstreicher, erhob sich von der angestrengten, halb liegenden Haltung, die er angenommen hatte, um die Tonne festzuhalten, und ging auf dem einzelnen vorspringenden Mast entlang bis zu dem Fleck, von welchem die vier Matrosen Ludlow's so eben in die See geschleudert worden waren. »Es ist vorüber! und die, welche zur letzten Rechenschaft gerufen wurden, fanden ihr Ende mitten in einem Schauspiel, wie es nur Seeleute sehen, während die Ueberlebenden zu dem, was ihnen noch übrig bleibt, die ganze Geschicklichkeit und Entschlossenheit eines Seemanns bedürfen! Capitän, ich verzage nicht, denn sieh, die Dame der Brigantine lächelt wieder ihre Diener an!«

Ludlow, welcher dem kühnen Freihändler nach dem Orte, wo die Raae herabgefallen war, folgte, wendete sich und warf einen Blick nach der Richtung, wohin der Andere mit ausgestrecktem Arme zeigte. Keine hundert Fuß von sich entfernt sah er die Laterne mit dem Bild der meergrünen Dame, sich auf den bewegten Wogen wiegend, und das bekannte ironische Lächeln nach dem Flosse zugekehrt. Dies Sinnbild ihrer vorgeblichen Gebieterin war nämlich den Smugglern, als sie den Spiegel der Coquette erstiegen, vorgetragen worden, und der Standartenträger hatte die mit Stahl beschlagene Stange, auf welcher die Laterne befestigt war, in eine Theerpfütze gestoßen, um thätiger an dem Gefecht Theil nehmen zu können. Mehr als einmal während des Brandes traf Ludlow's Auge auf dieses Sinnbild, und wie es jetzt still an ihn herankam, wurde seine Verachtung des den gemeinen Matrosen eigenthümlichen Aberglaubens fast erschüttert. Er war noch unschlüssig, welche Antwort er auf die Bemerkung seines Gefährten machen solle, als dieser sich in die See stürzte und dem erleuchteten Gesichte entgegenschwamm. Bald hatte er das Floß wieder erreicht, das Emblem seiner Brigantine hoch emporhaltend. Niemand steht so vollkommen unter der Herrschaft der Vernunft, daß er nicht jener geheimen Stimme, die uns an den Einfluß eines guten oder bösen Geschickes zu glauben ermahnt, dann und wann Gehör gäbe. Heiterer klang die Stimme des Freihändlers, zuversichtlicher und elastischer war sein Tritt, als er über die Stellung ging und das gespitzte Ende der Standarte in den am meisten über das Wasser erhabenen Marsrand einstieß.

»Muth!« rief er munter. »So lange dieses Licht brennt, geht mein Stern nicht unter! Muth, Dame vom festen Lande! denn diese hier von den tiefen Gewässern blickt noch gütig auf ihre Anhänger. Wir befinden uns freilich auf einem gebrechlichen Fahrzeug zur See, doch zuweilen gelingt auch einem langsamen Segler eine sichere Fahrt. – Sprich, mein tapferer Herr Seestreicher, Deine Munterkeit und Dein Muth sollten unter einem so versprechenden Omen wieder aufleben.«

Doch die, welche so viele kurzweilige Mummereien belebt, so vielen seiner listigen Anschläge den Sieg verschafft hatte, besaß jetzt nicht die Stärke des Geistes, die sich mit der Elasticität des seinigen hätte messen können. Der Pseudo-Seestreicher blieb niedergeschlagenen Blickes neben Alida sitzen, ohne zu antworten. Einen Augenblick schaute der Meerdurchstreicher mit männlicher Theilnahme die Gruppe an; hierauf klopfte er leise Ludlow auf die Schulter, und Beide gingen mit balancirenden Schritten die Spieren entlang, bis sie fern genug waren, sich miteinander besprechen zu können, ohne ihren Genossen unnöthige Schrecken zu machen.

War auch die dringende Gefahr, mit der die Explosion sie bedroht hatte, nunmehr vorüber, so befanden sie sich dennoch kaum in einer beneidenswertheren Lage als die Umgekommenen. Am Himmel zeigten sich durch die zerrissenen Wolken hindurch einige schimmernde Sterne, so daß jetzt, nachdem der Contrast ihrer vorigen Lage aufgehoben war, gerade Licht genug vorhanden blieb, ihre gegenwärtige in ihrer ganzen Fürchterlichkeit sichtbar werden zu lassen.

Es ist bereits erwähnt worden, daß, als der Fockmast der Coquette über Bord fiel, der größte Theil des Windfangs daran hängen geblieben war. Die Segel und denjenigen Theil der Takelage, welcher dazu diente, den Mast aufrecht zu erhalten, hatte man, wie bereits erzählt, in der Eile losgekappt, und von dem Augenblick, wo der Mast in die See fiel, bis zu dem der Explosion, waren die gemeinen Matrosen theils mit dem Ausschlagen der Stelling beschäftigt, theils mit der Abtrennung aller Taue, die zum Verbinden der Balken nicht taugten, und nur die Wucht der Masse vermehrten. Das ganze Wrack lag auf der Meeresoberfläche, mit den quer gebraßten Raaen so ziemlich in derselben Ordnung, wie sie ursprünglich angesetzt worden. Die großen Bäume hatte man aus dem Schiffe heruntergeworfen, und sie dann so um den obern Theil des Mastes gelegt, daß sie eine Unterlage für die Stelling abgaben. Die kleineren Bäume, nebst der Tonne und den Kugelkisten waren Alles, was die im Mittelpunkt befindliche Gruppe von der Tiefe des Oceans trennte. Das Marsband ragte einige Fuß über das Wasser hervor und bildete eine wichtige Schutzwehr gegen den Wind und das unaufhörliche Spülen der Wellen. So war der Sitz der Frauenzimmer beschaffen, die noch überdies die Warnung erhielten, ihre Füße nicht zu sehr dem unzuverlässigen Schutze der Spieren anzuvertrauen, und durch den Alderman unablässig festgehalten werden mußten. François hatte sich 's gefallen lassen, sich von einem Smuggler fest anbinden zu lassen; die Letzteren, die einzigen gemeinen Matrosen, welche die Explosion überlebten, begannen jetzt, durch die Nähe ihrer Standarte aufgemuntert, sich damit zu beschäftigen, daß sie nachsahen, ob auch die Verbindung und die sonstigen Verwahrungsmittel des Flosses im guten Stande seyen.

»Unsre Ausrüstung macht uns weder zu einer langen, noch zu einer thätigen Fahrt sonderlich fähig, Capitän Ludlow,« sagte der Meerdurchstreicher, als er mit seinem Gefährten außer dem Bereich des Gehöres war. »Ich habe mich schon bei allen Arten von Wetter und auf allen Gattungen von Fahrzeugen zur See befunden, doch dies ist das kühnste unter allen meinen Experimenten – möge es nicht auch das letzte seyn!«

»Wir können die schreckliche Gefahr, die wir laufen, nicht vor uns selbst verbergen,« erwiederte Ludlow, »wie sehr wir auch wünschen mögen, daß sie Einigen unter uns ein Geheimniß bleibe.«

»Dies ist in der That eine öde See, und auf einem Floß ihren Wogen preisgegeben zu seyn, nichts weniger als sicher. Wären wir in den engen Kanälen zwischen den britischen Inseln und dem Festlande, oder selbst in den biscaischen Gewässern, so dürften wir hoffen, daß irgend ein Kauffahrer oder wandernder Kreuzer unseres Weges kommen würde; aber hier theilt sich die Wahrscheinlichkeit nur zwischen dem Franzosen und der Brigantine.«

»Der Feind hat ohne Zweifel die Explosion gesehen und gehört, und wird, da das Land so nahe ist, natürlich vermuthen, daß die Mannschaft sich in den Booten gerettet habe. Was die Wahrscheinlichkeit seines Wiederkommens sehr vermindert, ist der Umstand, daß er jetzt, da mein Kreuzer verbrannt ist, keinen fernern Beweggrund hat, an der Küste zu lungern.«

»Und werden Ihre jungen Offiziere ihren Capitän ohne Nachforschung aufgeben?«

»Die Hoffnung auf Hülfe von dieser Seite ist nur schwach. Das Schiff lief, während es brannte, mehrere Meilen, und ehe das Morgenlicht wiederkehrt, wird das Floß noch weiter seewärts getriftet seyn.«

»Ich habe allerdings schon unter günstigeren Auspicien gesegelt!« bemerkte der Meerdurchstreicher. »In welcher Gegend und Entfernung liegt das Land?«

»Noch liegt es nördlich, allein wir treiben schnell von Ost nach Süd. Ehe der Morgen kommt, werden wir in gleicher Linie mit Montauk, wo nicht darüber hinaus stehen: wir müssen schon jetzt mehrere Meilen in freier See seyn.«

»Das ist schlimmer als ich es mir gedacht! Dürfen wir uns denn nichts von der zurückkehrenden Fluth versprechen?«

»Die Fluth wird uns wieder nach Norden treiben; doch was halten Sie vom Aussehen des Himmels?«

»Er ist nicht günstig, obgleich nicht aller Hoffnung entgegen. Mit der Sonne kehrt der Seewind zurück.«

»Und mit ihm eine hohle See! Wie lange werden diese lose verbundenen Spieren zusammenhalten, wenn die steigenden und sinkenden Wogen daran rütteln? wie lange werden unsere Gefährten den spülenden Wellen Widerstand leisten können, wenn Mangel an Nahrung ihnen erst die Kräfte geraubt hat?«

»Sie malen mit düsteren Farben, Capitän,« sagte der Freihändler, trotz aller seiner Entschlossenheit tief seufzend. »Die Erfahrung belehrt mich, daß Sie Recht haben, wenn auch meine Wünsche Ihnen widersprechen möchten. Aber dennoch glaube ich, daß wir auf eine ruhige Nacht rechnen dürfen.«

»Ruhig für ein Schiff, oder auch vielleicht für ein Boot, aber gefährlich genug für ein Floß wie das unsrige. Sehen Sie, wie diese Stenge schon bei jedem Heben des Wassers in ihrem Bande hin und her arbeitet – so wie der Verband lockerer wird, vermindert sich unsere Sicherheit.«

»Wahrlich, Du führst keine Schmeichelreden! Capitän, Sie sind ein Seemann und ein Mann, ich will daher nicht länger Ihre Kenntniß auf die Probe stellen: ich bin ganz Ihrer Meinung, daß unsere Gefahr dringend ist, und glaube, daß unsere einzige Hoffnung vom guten Glücke meiner Brigantine abhängt.«

»Werden Die, welche sich am Bord derselben befinden, es für ihre Pflicht halten, ihre Ankerstelle zu verlassen, um ein Floß aufzusuchen, von dessen Daseyn sie gar nichts wissen?«

»Ich setze meine Hoffnung in die Wachsamkeit der Dame mit dem meergrünen Mantel. Sie halten dies in einem solchen Augenblicke vielleicht für Schwärmerei oder für noch was Schlimmeres; allein ich, der ich unter ihrem Schutze durch so viele Daggen gelaufen bin, vertraue nun einmal ihrem Glücke. Sollten Sie als Matrose nicht auch an eine oder die andere unsichtbare aber mächtig wirkende Kraft glauben?«

»Mein Glaube ist auf Den gerichtet, dessen Kraft allmächtig, aber stets sichtbar wirkt. Wohl mögen wir verzweifeln, wenn Er uns vergißt!«

»Das ist recht schön, aber nicht das gute Glück, von dem ich sprechen wollte. Glauben Sie mir, trotz meiner Erziehung, die mich alles lehrt, was Sie da gesagt haben, trotz einer Vernunft, die oft nur zu hell für thörichte Hoffnungen ist, hat ein Leben voller Thätigkeit und Wagnisse ein Vertrauen auf verborgene Wahrscheinlichkeiten in mir erzeugt, das mich noch immer gegen Verzweiflung geschützt hat. Dies Lichtzeichen und dies Lächeln meiner Gebieterin würden mir Muth einflößen, und wenn tausend Philosophen mir meine Thorheit demonstrirten.«

»Wohl Ihnen, daß Sie sich so wohlfeilen Kaufs Trost zu verschaffen wissen,« erwiederte der königliche Offizier, in welchem die Zuversicht des Andern eine geheime Hoffnung erweckte, die er schwerlich gern eingestanden haben würde. »Ich sehe nur wenig, was wir zu thun im Stande wären, um unsere Rettung wahrscheinlicher zu machen, als etwa alles überflüssige Gewicht abzutrennen und das Floß stärker zu verbinden.«

Der Meerdurchstreicher gab diesem Vorschlag seinen Beifall, und nachdem sie sich über das Einzelne ihrer Arbeit berathen hatten, verfügten sie sich nach der Stelling zu den Uebrigen, um zur Ausführung zu schreiten. Da von den Matrosen nur die zwei Leute aus der Brigantine noch übrig geblieben waren, so mußten Ludlow und sein Gefährte mit Hand an's Werk legen.

Viele nutzlose Taue, die nur den Druck vermehrten, ohne dem Floß von sonstigem Nutzen zu seyn, wurden abgeschnitten; von den Raaen schlugen sie die Eisenbänder ab und warfen sie ins Meer. Hierdurch ward das Floß bedeutend erleichtert, und gewährte daher denjenigen, deren letzte Zuflucht es bildete, größere Sicherheit gegen das Untergehen. Der Meerdurchstreicher, dem seine zwei Matrosen stumm aber gehorsam folgten, wagte sich auf den dünnen, unter Wasser stehenden Spieren hinaus bis an den äußersten Punkt der spitzzulaufenden Masten. Hier kostete es, ungeachtet ihrer Gewandtheit, die Schiffsmaschinerie selbst in den dunkelsten Nächten zu handhaben, saure Mühe, die zwei kleineren Masten und die dazu gehörigen Raaen loszumachen, was ihnen aber doch endlich gelang, worauf sie sie im Wasser an den Haupttheil des Wracks hinanleiteten und dort quer legten, so daß die Unterlage der Stelling dadurch um Vieles fester wurde.

Die Hoffnung und das Gefühl vermehrter Sicherheit lieh ihnen Stärke bei dieser Beschäftigung. Selbst der Alderman und François halfen, so weit ihre Einsicht und Kräfte reichten. Als diese Veränderung gemacht und die Stenge mit den großen Raaen stärker an ihrem Orte befestigt waren, stellte sich Ludlow neben die um das Mastende gelagerte Gruppe, und gab dadurch stillschweigend zu verstehen, daß nun nichts mehr gethan werden könne, um die Gefahren, von denen sie sich umgeben sahen, abzuwenden.

Während der paar Stunden, welche diese Vorkehrungen einnahmen, beteten Alida und ihre Gefährtin inbrünstig. Frommer Glaube an das göttliche Wesen, dessen Macht allein sie retten konnte, nebst jener hohen Seelenstärke, wodurch das Weib sich in langen schweren Prüfungen auszeichnet, hatten sie fähig gemacht, ihre Besorgnisse zu unterdrücken, und sie Trost finden lassen in der Anrufung einer Macht, welcher die wüthenden Elemente gehorchen. Als Ludlow daher, von der Anstrengung erschöpft, nun eingestand, daß das letzte Mittel angewandt sey, stärkte ihn die vertrauensvolle freundliche Stimme Alida's:

»Das Uebrige,« sagte sie, »wird die Vorsehung thun! Ihr habt nichts unterlassen, was in der Macht kühner und geschickter Seeleute stand, und auch wir haben für Euch alles gethan, was dem Weibe in solcher Lage zu thun möglich ist.«

»Du hast meiner in Deinem Gebete gedacht, Alida! O dies ist ein Beistand, dessen der Kräftigste bedarf, und den nur der Thor verschmähen kann.«

»Und, Du, Eudora, Du wandtest Dich an Den, welcher die Wasser zu stillen weiß!« sprach eine tiefe Stimme dicht bei der gesenkten Gestalt des Pseudo-Seestreichers.

»Das that ich.«

»Das war recht! Es gibt Dinge, welche mit Muth und Erfahrung durchgesetzt werden können, und andere, wo Alles Dem überlassen werden muß, der mächtiger ist als die Elemente.«

Solche Worte aus dem Munde eines solchen Mannes mußten natürlich Aufmerksamkeit erregen. Selbst Ludlow schaute ängstlich nach dem Himmel, als enthielten die Töne eine geheime Andeutung von der sie umziehenden Gefahr. Niemand antwortete, und während der langen Stille, die nun folgte, konnten die Ermüdeten, trotz ihrer furchtbaren Lage, sich des Schlummerns, freilich keines ruhigen, nicht erwehren.

So brachten sie angstvoll und beklommen die Nacht zu. Wenig ward gesprochen, kaum daß während dieser Stunden irgend Jemand von der um die Tonne zusammengedrängten Menschengruppe ein Glied gerührt hätte. Als aber die ersten Anzeichen des herannahenden Tages erschienen, da wachte jede Seelenkraft in ihnen auf, um zu entdecken, was sie hoffen dürften oder was sie fürchten müßten.

Die Meeresoberfläche war noch immer glatt, obgleich die langen Dünungen, mit denen sich die Wogen hoben und senkten, den Beweis abgaben, daß das Floß weit vom Lande abgetrieben war. Alle Zweifel hierüber verschwanden, als das Licht längs des östlichen Randes sich nun allmählig über den ganzen Horizont ergoß. Nichts war zunächst zu sehen als eine düstre, leere Wasseröde. Plötzlich aber erhob Eudora, deren Sinne durch viele Uebung auf dem Ocean geschärft waren, ein Freudengeschrei, und lenkte Aller Blicke nach der der aufgehenden Sonne entgegengesetzten Richtung. Betupft vom goldenen Morgenlichte, zeigten sich den Verlassenen die hohen Segel eines Fahrzeugs.

»Es ist der Franzose!« sagte der Freihändler. »Er sieht sich mit christlicher Liebe nach dem Wrack seines ehemaligen Feindes um.«

»Vielleicht ist es in der That so,« antwortete Ludlow, »denn unser Schicksal kann dem Feind nicht geheim geblieben seyn. Unglücklicher Weise waren wir schon vom Ankergrund ziemlich weit entfernt, als das Feuer zuerst ausbrach. Ich irrte nicht! Die, mit denen wir so kürzlich erst auf Tod und Leben kämpften, sind bemüht, eine Pflicht der Menschlichkeit auszuüben.«

»Aha! dort, viele Stunden leewärts, ist auch seine zum Krüppel geschossene Gefährtin, die Corvette; dem muntern Vogel sind zu viele Federn ausgerupft worden, um so nahe beim Wind fliegen zu können. So geht es dem Menschen! er zerstört mit aller seiner Gewalt oft in einem Augenblicke gerade das, was im nächsten das Mittel zu seiner eigenen Rettung werden konnte.«

»Was haben wir zu hoffen?« fragte Alida, und suchte in Ludlow's Zügen den Schlüssel zu ihrem Schicksal. »Ist des Fremden Bewegung unseren Wünschen günstig?«

Weder der Angeredete noch der Meerdurchstreicher gaben eine Antwort. Beide schauten angestrengt nach der Fregatte hin ; immer heller wurde unterdessen das Licht, und wie von einem und demselben Impuls getrieben, riefen Beide zugleich, daß das Schiff gerade auf das Floß zusteuere. Diese Erklärung erfüllte Alle mit neuer Hoffnung, und selbst die Negerin vergaß ihre Lage und die Gegenwart ihrer Herrschaft, und jauchzte laut auf.

Jetzt galt es wieder, thätig zu seyn. Man band einen leichten Baum vom Flosse los, befestigte ein kleines aus den Taschentüchern der Damen zusammengesetztes Signal an das Ende und lichtete die Spier in die Höhe, so daß das Fähnlein etliche zwanzig Fuß über der Wasserfläche im Winde wehte. Nach dieser Vorkehrung mußten sie das Resultat mit so vieler Geduld, als Jeder aufbieten konnte, abwarten. Es verging eine Minute nach der andern, immer deutlicher wurden Gestalt und Verhältnisse des Schiffes, bis sämmtliche Seeleute auf dem Flosse erklärten, daß sie schon Matrosen auf den Raaen unterscheiden könnten. Eine Kanonenkugel aus dem Schiffe abgeschossen, hätte das Floß erreichen können, und dennoch war kein Zeichen zu erblicken, daß die Mannschaft das Floß entdeckt habe.

»Mir will die Art, wie er steuert, nicht gefallen,« bemerkte der Meerdurchstreicher gegen den schweigend hinschauenden Ludlow. »Er macht weite Gierung, als wollte er das Suchen aufgeben. Gott gebe ihm den Gedanken, noch zehn Minuten denselben Cours zu behalten!«

»Haben wir denn keine Mittel, uns hörbar zu machen?« fragte der Alderman. »Mich dünkt, die Stimme eines kräftigen Mannes müsse so weit über das Wasser reichen können, zumal wenn das Leben auf dem Spiel steht.«

Die Erfahrneren schüttelten die Köpfe, doch ohne sich dadurch entmuthigen zu lassen, erhob der Bürger seine Stimme, dem die Dringlichkeit der Gefahr doppelte Stärke verlieh. Die Matrosen schrieen mit, und selbst Ludlow unterstützte sie, bis der vergebliche Versuch sie alle heiser gemacht hatte. Es standen offenbar Matrosen im Windfang, und zwar nicht Wenige, welche rund herum den Ocean durchspäheten, aber dessenungeachtet gab das Fahrzeug kein erwiederndes Signal.

Das Schiff fuhr fort, sich zu nähern, und schon war seine Seite keine halbe Meile mehr von dem Flosse entfernt, als mit einem Male der ungeheure Bau plötzlich vom Winde abstand, das Ganze seiner schimmernden Batterie zeigte, die Raaen schwenkte und durch diese neue Stellung andeutete, daß man das Nachforschen in dieser Gegend aufgab. Sobald Ludlow bemerkte, daß die Fregatte im Abfallen begriffen war, rief er:

»Jetzt erhebt Alle zugleich die Stimme, dies ist unsere letzte Hoffnung!«

Sie vereinigten sich in einem gemeinschaftlichen Schrei. Nur der Meerdurchstreicher machte eine Ausnahme, er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Topp, und lauschte mit traurigem Lächeln ihrem unmächtigen Rufen.

»Euer Versuch war gutgemeint, mußte aber fehlschlagen,« sagte der gelassene, außerordentliche Mensch, als sie zu lärmen aufhörten, und ging während des Sprechens den Balken entlang, den Anderen zuwinkend, daß sie sich still verhalten möchten. »Das Schwenken der Raaen und die Ordres, die beim Halsen eines Schiffes gegeben werden, hätten hingereicht, den so thätig beschäftigten Matrosen selbst einen stärkeren Ruf unhörbar zu machen. Ob es mir jetzt besser gelingen werde, weiß ich nicht, aber allerdings ist dies der Augenblick zum letzten Versuch.«

Er legte beide Hände hohl an den Mund, und ohne die Stimme in artikulirten Worten zu zertheilen, erhob er einen so vollen, durchdringenden, gewaltigen Ruf, daß es schien, als müsse er nothwendig von Denen im Schiffe gehört werden. Dreimal wiederholte er den Versuch, obgleich mit stets abnehmender Kraft der Stimme.

»Sie hören!« schrie Alida. »Die Segel bewegen sich!«

»Es ist der aufspringende Wind,« antwortete der neben ihr stehende Ludlow traurig. »Jeder Augenblick trägt sie weiter hinweg von uns.«

Die niederschlagende Wahrheit fiel nur zu sehr in die Augen, und eine halbe Stunde lang standen die Verlassenen da, dem sich entfernenden Schiffe mit bitterlich getäuschter Hoffnung nachblickend. Jetzt löste es eine Kanone, bespannte seine langen Bäume mit noch mehr Tüchern und hielt vor dem Winde hin, um zu der Corvette zu stoßen, deren Obersegel sich bereits in südlicher Richtung nach der Wasserfläche neigten. Mit dieser Veränderung in den Bewegungen des feindlichen Kreuzers schwand alle Erwartung der Hülfe von dieser Seite.

Die Elasticität des menschlichen Geistes ist in jeglicher Lage des Lebens so groß, daß sie sich nicht in's gleiche Niveau mit dem Mißgeschick hinabdrücken läßt, so lange noch ein Funke von Hoffnung glüht. Der Gefallene hofft so lange, er werde sich wieder erheben können, bis ihn vergeblich wiederholte Anstrengungen das Gegentheil gelehrt haben. Erst nachdem wir mit verringerten Hülfsmitteln den Zweck zu erreichen uns fruchtlos abgemühet haben, lernen wir den Werth von Vorzügen kennen, deren Wichtigkeit wir vielleicht, so lange der Besitz derselben dauerte, nicht zu würdigen verstanden. Den ganzen Umfang der Gefahr ihrer Lage hatten die Unglücklichen bis jetzt, wo der Spiegel der französischen Fregatte sich vom Floß immer mehr entfernte, nicht überschaut, vielmehr wurde ihre Hoffnung durch die Rückkehr des Tages wieder stark belebt. So lange die Schatten der Nacht über dem Ocean ausgebreitet lagen, glichen sie einem Menschen, der die Dunkelheit der Zukunft zu durchdringen versucht, um ein Vorzeichen bessern Glückes zu erspähen. Wirklich war auch das ferne Segel mit dem Tage erschienen, und seine Nähe mit dem Lichte gewachsen; von diesem Gipfel der Hoffnung sollten sie nun herabstürzen: das Schiff lenkte um, verschwand und ließ ihnen auch nicht die schwächste Aussicht auf Wiederkehr.

Das kühnste Herz unter den auf dem Floß befindlichen Menschen fing jetzt an, vor dem düstern, nunmehr unvermeidlich scheinenden Schicksal zurückzubeben.

»Hier zeigt sich ein übelbedeutendes Omen!« sprach Ludlow leise zu seinem Gefährten, und wies auf die über die Oberfläche des Meeres hervorragenden dunkeln, spitzen Finnen von drei bis vier Hayfischen, die in furchtbarer Nähe schwammen und den Standpunkt auf den niederen Spieren, welche jeden Augenblick von den steigenden Wogen überspielt wurden, doppelt gefährlich machten, »Der Instinkt dieser Geschöpfe ist unseren Hoffnungen wahrlich nicht günstig.«

»Ich weiß,« antwortete der Meerdurchstreicher, »die Seeleute trauen diesen Thieren einen geheimen Impuls zu, der sie zu ihrem Raub hinleitet; doch vielleicht finden sie sich diesmal in ihrer Rechnung betrogen. Rogerson!« (zu dem einen seiner beiden Matrosen) »Du führst ja sonst immer Angelgeräthe bei Dir; hast Du zufällig Leine und Haken für diese hungrigen Ungethüme?« Die Frage ist jetzt in so enge Schranken eingezwängt, daß zu ihrer Lösung nicht viel Philosophie nöthig ist. Wenn es sich erst darum handelt, was besser sey: zu essen oder gegessen zu werden, so entscheiden sich wohl die Meisten für das Erstere.

Ein Haken von hinlänglicher Größe war bald herbeigeschafft, und aus den dünneren Tauen, die noch an den Stengen hingen, verfertigte man schnell eine Leine. Ein Stück Leder, von einer Spier abgerissen, diente zum Köder, und das Lockmittel ward ausgeworfen. Aeußerster Hunger schien die gefräßigen Thiere zu quälen, sie schossen mit Blitzesschnelle auf den eingebildeten Raub los. Der Stoß war so plötzlich und heftig, daß der unglückliche Matrose, der die Leine hielt, von seinem schlüpfrigen, unsichern Standpunkt in die See gerissen wurde. Schrecklich kurz war die Dauer des ganzen Vorgangs. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Allen, Alle sahen den letzten verzweiflungsvollen Blick des Verunglückten. Ein Moment schwamm der verstümmelte Körper mitten in seinem Blut, den Blick der Todesangst noch im nicht entseelten Auge; im nächsten Augenblick war er eine Speise der Seeungeheuer.

Alles war vorüber, mit Ausnahme des dunkeln Flecks auf der Wasserfläche. Die gesättigten Fische verschwanden, aber der dunkelrothe Punkt wollte nicht von dem unbeweglichen Floße weichen, als sollte er die Ueberlebenden an ihr eigenes Schicksal mahnen.

»Entsetzlich!« rief Ludlow.

»Ein Segel!« schrie der Meerdurchstreicher, dessen Stimme und Ton, in diesem Momente der bis zur höchsten Höhe gesteigerten Qual der Gemüther, wie ein Ruf aus dem Himmel klang. »Meine brave Brigantine!«

»Gebe Gott, daß sie uns mehr Glück bringe, als die, welche sich uns so kürzlich zeigten.«

»Das gebe Gott! Versagt diese Hoffnung, so bleibt keine mehr übrig. Wenig Schiffe segeln hier vorüber, und wir haben nur zu klaren Beweis davon, daß unsre Bramsegel nicht so hoch sind, um jedem Auge aufzufallen.«

Nach dem weißen Punkt am Rande des Meeres, von dem der Freihändler so zuversichtlich behauptete, daß es die Wassernixe sey, war jetzt ein jedes Auge gerichtet. Nur ein Seemann konnte diese Gewißheit fühlen, denn vom niedrigen Flosse aus gesehen, ließ sich, außer den Spitzen der oberen Segel, nichts unterscheiden. Auch versprach die Gegend wenig, es war die Leeseite; indeß versicherte sowohl Ludlow als der Freihändler, daß das Fahrzeug nach dem Lande zu lavieren strebe.

Lange, wie die Tage des Elends, dauerten ihnen die nächsten zwei Stunden. Ihre Rettung war durch so viele Ereignisse bedingt, daß die Seeleute unter der Gesellschaft jeden Umstand mit einer an Todesangst grenzenden Spannung berechneten. Der Wind konnte aufhören und das Fahrzeug zum Stehenbleiben zwingen, in welchem Fall sowohl die Brigantine als das Floß den ungewissen Strömungen des Oceans preisgegeben worden wäre; oder der Wind konnte umsetzen, und der dadurch veränderte Cours ein Zusammenstoßen unmöglich machen; oder endlich der Wind konnte so wachsen, daß sie ein Raub der Wogen wurden, ehe noch das Schiff sie ereilte. Zu diesen offenbaren Möglichkeiten kam nun noch die Thatsache, daß die Mannschaft der Brigantine jeden Grund zu glauben hatte, das Schicksal Aller, die am Bord der Coquette waren, sey bereits entschieden.

Aber das Glück schien ihnen zu lächeln, denn der Wind hielt an und blieb doch leicht. Das Segel zielte augenscheinlich nach dem Punkte in ihrer Nähe, und in dem Gedanken, daß es aufs Suchen ausgehe, lag so viel Wahrscheinlichkeit, daß jede Brust neue Hoffnung schöpfte.

Nach Verfluß der erwähnten Zeit, kam die Brigantine leewärts in parallele Linie mit dem Flosse, und zwar so nahe, daß selbst die geringeren Gegenstände in ihrem Tauwerk deutlich sichtbar wurden.

»Die treuen Kerle suchen uns!« rief der tief gerührte Freihändler. »Sie sind Männer! und verlassen uns nicht, ohne erst die Küste genau durchforscht zu haben!«

»Sie fahren bei uns vorüber! das Signal geschwenkt, vielleicht zieht es ihren Blick auf sich!«

Unbeachtet blieb die kleine Flagge, und nach so langer schmerzlicher Erwartung, mußten sie jetzt den noch weit größern Schmerz empfinden, das schnellsegelnde Fahrzeug vorwärts, und so weit vorwärts gleiten zu sehen, daß wenig Hoffnung zu seiner Rückkehr übrig blieb. Jetzt sank offenbar auch dem Meerdurchstreicher das Herz.

»Um meinetwillen kümmert es mich nicht,« sagte er traurig. »Was liegt daran, in welcher See und auf welcher Reise ein Seemann in sein nasses Grab sinke! aber Dir, meine muntre, meine unglückliche Eudora, Dir hätte ich ein besseres Schicksal gewünscht – Ha! sie wendet durch den Wind! so hat die seegrüne Dame denn doch einen Instinkt für ihre Kinder!«

Die Brigantine war im Luven begriffen. Nach zehn bis fünfzehn Minuten stand das Fahrzeug abermals parallel mit dem Flosse, aber auf der Windseite.

»Geht sie nun bei uns vorüber, so sind wir ohne Rettung verloren,« sagte der Meerdurchstreicher. Noch einmal schrie er jetzt durch die hohlen Hände, laut, als liehe ihm die Verzweiflung die Lunge eines Riesen:

»Ho! Wassernixe! ahoi!«

Das letzte Wort kam aus seinen Lippen mit der ganzen Schärfe der Deutlichkeit, die diesem Matrosenton so eigenthümlich ist. Gleichsam als kenne das kleine Schiff die Stimme seines Commandeurs: machte es eine geringe Biegung in seinem Course, so sprechend, als wäre die herrliche Maschine mit Lebensthätigkeit begabt gewesen.

»Ho! Wassernixe, ahoi!« schrie er nun mit noch mächtigerer Stimme.

»Halloh!« war der schwache, vom Winde einhergetragene Erwiederungston, und abermals folgte eine Veränderung in der Richtung der Brigantine.

»Ahoi! die Wassernixe! die Wassernixe! ...« schrie der Seemann vom Shawl mit übernatürlicher Kraft, und zog die letzte Sylbe so lang, daß er erschöpft zurücksank.

Die Töne gelten noch in den Ohren der von athemloser Erwartung Erfüllten, als ein lautes Hurrah quer über das Wasser herüberschallte. Im nächsten Augenblicke schwankte der Vorderbaum der Brigg und ihre schmale Seite richtete sich gegen das kleine über der See flatternde Signal. Es dauerte nur einen Augenblick, so schwamm das schöne Gefäß innerhalb einer Entfernung von fünfzig Fuß von dem Floß, aber dieser Augenblick schloß eine Ewigkeit von Hoffnung und Furcht in sich. Noch weniger als fünf Minuten trieben die Spieren der Coquette – das einzige, was noch von ihr übrig geblieben – unbewohnt und verlassen auf der öden Meeresfläche.

Höchst wahrscheinlich war die erste Empfindung des Meerdurchstreichers, nachdem sein Fuß wieder das Verdeck seiner Brigantine betrat, tiefgefühlte Dankbarkeit. Er war bis zur Sprachlosigkeit beklommen. Dann schritt er die Planken entlang, blickte zum Windfang hinauf und schlug so mächtig mit der Hand aufs Gangspiel, daß es schwer war zu sagen, ob Krampf oder Liebe für sein Fahrzeug mehr Theil an dem Schlage hatte. Mit einem ernsten Lächeln, heiter und doch Gehorsam erregend, befahl er seiner frohen, aufmerksamen Mannschaft:

»Füllt die Obersegel! Braß an Lee! Legt alles flach wie Planken, Bursche! Zwänget die treffliche Trulle nach der Küste zu!«

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