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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

»Auf dies Gesicht besinn' ich mich gar wohl;
Doch als ich es zuletzt sah, war es schwarz
Vom Dampf des Krieges, wie Vulkan, besudelt.«
Was ihr wollt.

Zwanzig Minuten waren verflossen, seit die Coquette ihre erste Kanone gelöst, bis zu dem Augenblick, wo die fliehenden Boote aus dem Gesicht kamen. Weniger als die Hälfte dieser Zeit kosteten die Auftritte, welche im Schiffe stattgefunden, und die wir im vorhergehenden Kapitel unsern Lesern mitgetheilt haben. Wie kurz aber auch die Dauer an sich war, so kam sie den Handelnden noch unendlich kürzer vor; der Schreck war vorüber, der Ton der Ruderschläge verklungen und noch immer standen die Uebriggebliebenen auf ihren Posten, als erwarteten sie einen erneuerten Angriff. Jetzt erst kehrten ihre Gedanken auf sich selbst zurück, denn während des furchtbaren Dranges eines solchen Kampfes ist das Selbst das Erste, was vergessen wird. Die Verwundeten fingen an, ihre Schmerzen zu empfinden und auf die Gefahr ihres Zustandes aufmerksam zu werden, und die wenigen Unverletzten gaben sich nun an die freundliche Pflege ihrer minder glücklichen Kameraden. Ludlow, wie es oft den Tapfersten und denen, welche sich dem Feind am meisten aussetzen, widerfährt, war ohne den geringsten Ritz davongekommen; allein da nunmehr die Aufregung der Schlacht verschwand und so viele der Seinigen um ihn her zusammensanken, so fühlte er den Schmerz eines theuer erkauften Sieges.

»Man schicke Herrn Spannsegel zu mir,« sagte er in einem keineswegs siegestrunkenen Tone. »Der Landwind ist da und wir wollen versuchen, ihn zu benutzen und innerhalb des Caps zu kommen, damit wir mit dem Morgenlicht nicht wieder diese Franzosen auf dem Halse haben.«

Die Ordre! »Herr Spannsegel soll kommen!« und: »der Capitän hat den Segelmeister zu sich beschieden!« ging in leisen Worten von Mund zu Munde, blieb aber unerwiedert. Endlich hinterbrachte ein Matrose dem wartenden Capitän, daß der Wundarzt ihn bitten lasse, sich in's Vorderschiff zu begeben. Ein Schimmer von Lichtern und eine kleine Gruppe um den Fockmast herum, waren Zeichen, die nicht mißdeutet werden konnten. Der ergraute Segelmeister lag in den letzten Zügen, und der Arzt stand eben von einer vergeblichen Untersuchung seiner Wunden wieder auf, als Ludlow sich näherte.

»Ich hoffe, die Wunde ist von keiner bedenklichen Art?« fragte flüsternd der erschrockene Commandeur den Chirurgus, welcher kaltblütig seine Instrumente zusammenlas, um sie an einem versprechenderen Subjekt zu versuchen. »Vernachlässigen Sie nichts, was Ihre Kunst darzubieten vermag.«

»Der Fall ist hoffnungslos, Capitän Ludlow,« erwiederte der nicht zu erschütternde Priester des Aesculap; »doch wenn Sie einen Geschmack für dergleichen Dinge haben, so haben wir einen sehr interessanten Amputations-Casus am Vormarsgast, den ich nach dem Raum habe bringen lassen; in einem ganzen Leben thätiger Praxis kommt vielleicht so etwas nicht zweimal vor, und...«

»Gehen Sie, gehen Sie,« unterbrach ihn Ludlow, indem er den gefühllosen Operateur beim Sprechen halb von sich stieß, »so gehen Sie denn dahin, wo Ihre Dienste vonnöthen sind.«

Der Andere sah sich nach seinem Gehülfen um, und gab demselben einen scharfen Verweis, weil er die Klinge eines Entsetzen erregenden Instruments – den Blicken der Umstehenden? nein, dem feuchten Nachtthau aussetzte. Dann ging er.

»Wollte Gott, einige dieser Wunden wären Jüngeren zu Theil geworden, die sie besser aushalten könnten!« sprach der Capitän leise, indem er sich über den sterbenden Offizier hinbeugte. »Kann ich Dir irgend eine Last von der Seele abnehmen, mein alter würdiger Schiffsgenosse?«

»Ich hatte meine Ahnungen, seitdem wir uns mit Hexerei abgeben!« erwiederte Spannsegel, dessen Stimme das Röcheln der Kehle beinahe erstickte. »Ich hatte meine Ahnungen, doch schadet nichts. Sorgen Sie für das Schiff – ich habe an die wenigen Leute gedacht – sie werden kappen müssen – sie können nimmermehr das Anker heben – der Wind steht hier nordwärts.«

»Es ist Alles angeordnet. Kümmere Dich nicht mehr um das Fahrzeug, es soll Sorge dafür getragen werden, ich verspreche es Dir. Sprich von Deinem Weibe, und was Du in England zu bestellen hast.«

»Gott erhalte meine Frau! Sie wird eine Pension erhalten, und Trost annehmen, hoffe ich! – Haltet Euch nur weit genug von den blinden Klippen, wenn Ihr Montauk umfahrt – auch werden Sie natürlich wünschen, die Anker wiederzufinden, wenn die Küste gesäubert ist. – Wenn Sie es bei Ihrem Gewissen verantworten können, erwähnen Sie ehrenvoll des armen alten Benjamin Spannsegel in den Depeschen...«

Jetzt sank die Stimme des Sterbenden zu einem kaum mehr vernehmbaren Gemurmel. Ludlow glaubte aber, er bemühe sich, noch etwas zu sagen, und neigte daher das Ohr an seinen Mund.

»Ich sage... das Hauptborgwandtau und beide Pardunen sind abgeschossen; seht nach den Spieren... denn... denn... es gibt zuweilen... tüchtige... Nachtwindstöße... in Amerika!«

Noch einmal hauchte er schwer, und dann schloß der Tod ihm den Mund. Die Leiche ward nach dem Hüttendeck gebracht, und Ludlow gab sich mit betrübtem Herzen an Dienstpflichten, welche dieser Unglücksfall nur noch dringender machte.

Ungeachtet der bedeutenden Verminderung der ohnedies schon so schwachen Mannschaft waren die Segel der Coquette dennoch bald ausgebreitet, und das Schiff fuhr geräuschlos ab, als trauerte es um die, welche an seiner Ankerstelle geblieben waren. Als es völlig in Bewegung gesetzt war, stieg der Capitän zum Hüttendeck hinauf, um die Umgebung unbehinderter überblicken zu können, und seinen Plan für das, was noch zu thun sey, demgemäß zu entwerfen. Der Freihändler war ihm bereits zuvorgekommen.

»Ich verdanke mein Schiff Deinem Beistande, und da ich es in einem solchen Kampfe nicht lebendig dem Feinde gelassen hätte, auch mein Leben!« sagte der junge Commandeur, auf die unbewegte Gestalt des Smugglers zutretend. »Ohne Dich würde die Königin Anna einen Kreuzer und die Flagge Englands einen Theil ihres wohlerworbenen Ruhmes verloren haben.«

»Möge Deine königliche Gebieterin eben so bereit seyn, als die meinige, sich ihrer Freunde, wenn sie in Noth sind, zu erinnern! In Ernst, es war keine Zeit zu verlieren; und glauben Sie mir, wir sahen das Dringende Ihrer Lage wohl ein. Wenn wir etwas spät ankamen, so geschah es, weil die Wallfischfänger-Boote aus ziemlicher Entfernung erst herbeigeschafft werden mußten, denn meine Brigantine liegt auf der andern Seite des vorspringenden Landes.«

»Wer so wie gerufen kam, und sich so tapfer gehalten hat, der bedarf keiner Entschuldigung.«

»Capitän Ludlow, sind wir ausgesöhnt?«

»Ich kann nicht mehr widerstehen. Einem solchen Dienste müssen alle andere Rücksichten weichen. Wenn Sie beabsichtigen, Ihren ungesetzmäßigen Handel ferner an dieser Küste zu treiben, so muß ich suchen, nach einer andern Station versetzt zu werden.«

»Nicht so. Bleiben Sie, und bringen Sie ferner Ihrer Flagge und Ihrem Vaterlande Ehre. Ich trage mich längst schon mit dem Gedanken, daß dies das letzte Mal seyn solle, daß die Wassernixe je die amerikanischen Gewässer durchpflügte. Ehe ich Sie verlasse, wünschte ich eine Unterredung mit dem Kaufmann zu haben. Ich hoffe, es ist ihm kein Leid widerfahren, er ist eben Keiner von den Schlechtesten, und gerade jetzt könnte man selbst einen Bessern eher entbehren als ihn.«

»Er hat heute die Unerschütterlichkeit seiner holländischen Abkunft bewährt. Während des Enterns betrug er sich mit großer Besonnenheit und war uns von Nutzen.«

»Sehr gut. Lassen Sie den Alderman herbeirufen, denn meine Zeit ist begrenzt und ich habe viel zu ...«

Der Meerdurchstreicher hielt inne, denn in diesem Augenblick überstrahlte ein blendender Schein den Ocean, das Schiff und sämmtliche Bewohner desselben. Die zwei Seemänner starrten schweigend auf einander hin, und schraken Beide wie vor einem unerwarteten furchtbaren Angriff zurück. Doch ein helles, flackerndes Licht, welches aus der Vorderluke des Fahrzeugs hervorbrach, erklärte Alles. Die Stille, welche, nachdem das Geräusch des Segelbeisetzens vorüber war, im Schiffe geherrscht hatte, unterbrach jetzt der entsetzliche Ruf: »Feuer!«

Der Schreckenston, der den Matrosen das Blut in Strömen nach dem Herzen zu jagen geeignet ist, drang aus den Tiefen des Schiffes. Mit Blitzesschnelle folgte auf einander der ferne dumpfe Lärm, das immer näher kommende Tosen, das Hervorstürzen aus den Luken auf's Deck, wo der Angstton: Feuer, Feuer! fortwährte und den Schrecken in's Unbeschreibliche steigerte. Ein Dutzend Stimmen wiederholten nun das Wort: »die Granate!« was die Beschaffenheit der Gefahr und ihre Ursache nur zu deutlich verkündete. Noch einen Augenblick vorher konnte man die schwellende Leinwand, die dunkeln Spieren und die matten Linien des Tauwerks nur durch das Schimmerlicht der Sterne erkennen, und jetzt bildete der ganze Himmel nur den finstern Hintergrund zu den grell beleuchteten Umrissen des Windfangs. Der Anblick war schrecklich schön; schön, denn er zeigte das herrliche Ebenmaaß der Takelage des Fahrzeugs und brachte die Wirkung eines beim Fackelschein gesehenen Bildhauerwerks hervor; schrecklich, weil die hohle leere Finsterniß rund umher die Verlassenheit und Hülflosigkeit der Schiffsbewohner zur Anschauung erhöhte.

Athemlos beredt war die Stille, mit welcher Alle einen Augenblick das großartige Schauspiel in sprachlosem Staunen anschauten, nur das dumpfe Brüllen des alle Zugänge des Schiffes durchwühlenden Feuerstroms dauerte fort. Da erschallte eine klare Herrscherstimme:

»Meine Herren, ein Jeder an seine Stelle; seyd besonnen bei'm Löschen, und geräuschlos!«

Die Ruhe und das Gebietende in den Worten des jungen Commandeurs zähmte die ungestühmen Gefühle der entsetzten Mannschaft. An Gehorsam gewöhnt und zur Ordnung gezogen, erwachte Jeglicher aus seiner Betäubung und gab sich mit Eifer an den ihm zu Theil fallenden Dienst. In diesem Augenblick erschien die kerzengerade Gestalt des Freihändlers an den Scheerstöcken der Hauptluke; hoch in die Luft hob er die Hand und rief mit einer Baßstimme, welche bekundete, daß er im Sturme zu sprechen gewohnt war:

»Wo sind meine Brigantinen? Kommt herbei, meine Seehunde; durchnäßt die leichten Segeltücher und folget mir!«

Auf seinen Ruf sammelte sich eine Gruppe ernster unterwürfiger Matrosen. Er blickte rund um sich her, gleichsam als wolle er sich von ihrer Vollzähligkeit und ihrem Muth überzeugen; sein Lächeln dabei zeigte hohe Unerschrockenheit und geübte Selbstbeherrschung, verbunden mit einer natürlichen Heiterkeit des Gemüths.

»Ein Deck oder zwei!« fügte er hinzu; »auf eine Planke mehr oder weniger kommt es bei einer Explosion nicht an! – Folgt mir!«

Der Meerdurchstreicher und seine Leute verschwanden im Innern des Schiffes. Die angestrengteste, entschlossenste Thätigkeit füllte die jetzt folgende Pause aus. Decken, Segeltücher, alles was ihnen in den Weg kam und von Nutzen seyn konnte, wurde naß gemacht und auf die Flammen geworfen. Die Schiffsspritze ward auf's Feuer gerichtet und das Fahrzeug mit Fluthen überschwemmt. Aber ach, der beschränkte Raum, die entsetzliche Hitze und der Rauch machten es unmöglich, bis zu den Theilen des Schiffes vorzudringen, wo der Brand wüthete. Der Eifer der Leute verminderte sich so wie die Aussicht auf Erfolg unwahrscheinlicher wurde, und nach einer halben Stunde fruchtloser Anstrengung bemerkte Ludlow mit Schmerzen, daß die zur Rettung Hinabgeeilten, dem unauslöschlichen Naturtriebe der Selbsterhaltung nachgebend, zurückwichen. Das Wiedererscheinen des Meerdurchstreichers und seines Trupps auf dem Verdeck tödtete alle Hoffnung, und die Rettungsversuche wurden eben so plötzlich eingestellt als sie waren begonnen worden.

»Seyen Sie auf Ihre Verwundeten bedacht;« flüsterte der Freihändler mit einer durch keine Gefahr zu besiegenden Festigkeit dem Capitän zu. »Wir stehen auf einem brennenden Vulkan!«

»Ich habe dem Konstabel befohlen, die Pulverkammer unter Wasser zu stellen.«

»Er kam zu spät. Der Schiffsraum ist ein glühender Ofen. Ich hörte, wie er zwischen den Reservekammern stürzte, und es ging über alle menschliche Kräfte, dem Unglücklichen Hülfe zu bringen. Die Granate muß unter brennbare Materialien gefallen seyn, und wie schmerzlich es auch ist, sich von einem so theuern Schiffe zu trennen, Ludlow, Du wirst den Verlust tragen wie ein Mann! – Sey auf Deine Verwundeten bedacht; meine Boote hangen noch am Spiegel.«

Ungern, aber mit Festigkeit ertheilte Ludlow den Befehl, die Verwundeten in die Boote zu schaffen. Dies war ein äußerst schwieriger und bedenklicher Dienst; dem kleinsten Schiffsjungen war der Umfang der Gefahr bekannt, er wußte, daß wenn das Feuer die Pulverkammer erreichte, Alle im Schiffe im Nu verloren waren. Das Verdeck nach vorne fing bereits an, unerträglich heiß zu werden, ja an manchen Stellen erschienen schon Zeichen, daß die Balken nachgaben.

Das Hüttendeck jedoch, durch seine erhöhte Lage vom Feuer entfernter, bot noch einen augenblicklichen Zufluchtsort dar. Dorthin flohen Alle, während die Schwachen und Verwundeten so vorsichtig als die Umstände es gestatteten, in die Wallfischfänger-Boote der Smuggler hinabgelassen wurden.

Ludlow stand bei der einen Leiter und der Freihändler bei der andern, da der bedenkliche Augenblick sie doppelt über die Disciplin wachen hieß. In ihrer Nähe befand sich Alida, der Seestreicher und der Alderman, nebst den Domestiken der Ersteren.

Die Zeit, bis diese menschliche und zarte Pflicht ausgeführt war, dauerte ihm ein Jahrhundert. Endlich kam der willkommene Ruf: »Alle drinnen!« und zwar ward er in einem Tone ausgesprochen, welcher verrieth, wie groß die Selbstbeherrschung war, welche bei dieser Verrichtung geübt werden mußte.

»Jetzt. Alida, dürfen wir auch an Dich denken!« sagte Ludlow und wendete sich nach der Stelle, welche die stumme Erbin einnahm.

»Und Sie?« fragte sie, sich weigernd wegzugehen.

»Die Pflicht heischt, daß ich der Letzte ...«

Hier unterbrach ein heftiger Knall unten und hervorzuckende Flammenzungen seine Worte. Gleich darauf hörte man heftiges Wassergeplätscher, als wenn sich welche hinabgestürzt hätten, und nun folgte der Andrang nach den Booten. Alle Ordnung und Autorität war aufgehoben, Jeder trachtete einzig sich zu retten. Vergeblich forderte Ludlow seine Leute auf, ruhig zu bleiben und auf die noch oben Befindlichen zu warten. Seine Worte verklangen unbeachtet mitten im allgemeinen Aufruhr. Einen Augenblick lang schien es indessen, als würde der Meerdurchstreicher der Verwirrung Meister werden. Er schwang sich auf eine Leiter, glitt zur Seite eines der Boote hinab und während er sich mit kräftigem Arm am Seile festhielt, leistete er den Anstrengungen sämmtlicher Ruder und Bootshaken Widerstand und drohte Vernichtung Jedem, der es wagen würde, vom Schiff abzustoßen. Wären die beiden Mannschaften nicht vermischt gewesen, so würde der Herrscherton und die entschlossene Miene des Freihändlers die Oberhand behalten haben; allein während Einige sich zum Gehorsam geneigt zeigten, erhoben Andere das Geschrei: »Werft den Hexenmeister in's Meer!«

Schon waren Bootshaken gegen seine Brust gerichtet, und die Schrecken des furchtbaren Auftrittes würden durch den Ausbruch der Meuterei bis zum höchsten Gipfel gestiegen seyn, wenn nicht eben jetzt eine zweite Explosion im Schiffe den Armen der Ruderer die Stärke des Wahnsinns verliehen hätte. Mit einer gemeinschaftlichen verzweiflungsvollen Kraftäußerung besiegten sie jeden Widerstand. An der Leiter schwingend, sah der wüthende Seemann das Boot seinem Griff entgleiten und abstoßen. Er sandte noch unten am Spiegel der Coquette den Verräthern eine derbe Verwünschung nach; im nächsten Augenblick jedoch stand er wieder ruhig und unbefangen inmitten der verlassenen Gruppe.

»Das Losgehen einiger Pistolen hat die Elenden erschreckt,« sagte er heiter; »doch alle Hoffnung ist noch nicht dahin!«

Der Anblick der hülflos auf dem Hüttendeck Zurückgelassenen, und das Bewußtseyn, daß sie selbst sich in größerer Sicherheit befanden, hatte allerdings die Flüchtlinge vermocht, Halt zu machen. Indessen blieb die Selbstsucht das vorherrschende Gefühl; die Meisten bedauerten zwar die entsetzliche Lage der Verlassenen, aber Niemand außer den jungen unbeachteten Seekadetten, deren Alter und Rang den Matrosen keinen Respekt einflößen konnten, schlug vor, umzukehren. Es bedurfte keiner großen Beweisführung, begreiflich zu machen, daß die Gefahr mit jedem Augenblicke zunehme, und da die braven Jünglinge sahen, daß ihnen kein anderes Mittel übrig blieb, so munterten sie die Leute auf, auf's Land zuzurojen, entschlossen, gleich darauf ihrem Commandeur und seinen Freunden zu Hülfe zu eilen. Die Riemen schlugen also wieder in's Wasser, und bald waren die sich entfernenden Boote den Nachblickenden aus den Augen.

Während das Feuer von innen wüthete, trug ein anderes Element von außen dazu bei, den Verlassenen jeden Schimmer von Hoffnung abzuschneiden. Der Wind vom Lande her hatte fortwährend geweht, und die Zeit über, welche man mit vergeblichen Anstrengungen verloren hatte, ließ man das Schiff vor dem Winde laufen. Als die Hoffnung verschwand, gab man das Steuer auf, und da alle Untersegel, um sie von den Flammen mehr zu entfernen, hinaufgeholt waren, so hatte das Schiff viele Minuten lang beinahe vor Topp und Takel leewärts getriftet. Die falsch berechnenden Jünglinge, die an diesen Umstand nicht dachten, befanden sich bereits meilenweit von jenem Strand, welchen sie so bald zu erreichen gehofft, und keine fünf Minuten waren seit dem Abstoßen der Boote verflossen, so war alle Aussicht einer Wiedervereinigung dahin. Ludlow hatte früh daran gedacht, das Fahrzeug zu stranden, um die Mannschaft zu retten, allein seine bessere Kenntniß der Lage zeigte ihm bald die gänzliche Fruchtlosigkeit eines solchen Versuches.

Ueber die Fortschritte der Flammen unter ihnen konnten die Seeleute nur nach äußerlichen Symptomen urtheilen. Sobald der Meerdurchstreicher das Hüttendeck wieder gewonnen hatte, warf er den Blick um sich, offenbar den Belauf und die Beschaffenheit der noch zur Verfügung übrig bleibenden physischen Kräfte erforschend. Diese bestanden, außer ihm selbst und dem Capitän, aus dem Alderman, dem treuen François, zweien seiner eigenen Leute und vier untergeordneten Offizieren der Coquette. Die sechs Letzteren hatten, trotz der verzweiflungsvollen Lage, sich kaltblütig geweigert, ihre Vorgesetzten zu verlassen.

»Die Flammen sind schon in den Staatsgemächern!« flüsterte er Ludlow zu.

»Ich glaube nicht, daß sie weiter nach hinten vorgerückt sind, als bis zu den Hängematten der Kadetten – sonst würden wir mehr Pistolen losgehen hören.«

»Wahr! dies sind furchtbare Signale, an denen wir den Fortgang des Feuers abmessen können. Unsere Zuflucht ist ein Floß!«

Ludlow's Blick verrieth Zweifel an der Ausführbarkeit, doch verbarg er seine entmuthigende Besorgniß und antwortete freundlich beistimmend. Die Ordre wurde sogleich gegeben, und Alle am Bord machten sich mit Herz und Hand an die Arbeit. Die Gefahr war von einer solchen Art, welche alle gewöhnliche oder halbdurchdachte Hülfsmittel ausschloß, und die Noth nahm die ganze Fertigkeit ihrer Kunst, ja auch jene Eigenschaft des Genies, Erfindungsgabe, in vollen Anspruch. Jeglicher Unterschied des Ranges und des Ansehens war hinweggeräumt, nur den natürlichen Vorzügen, nur dem Geiste und der Erfahrung widerfuhr Achtung. Unter solchen Umständen mußte die Anführung des Ganzen nothwendig dem Meerdurchstreicher zufallen, und obgleich Ludlow mit kennermäßiger Schnelligkeit auf dessen Ideen einging, so war es doch der Geist des Freihändlers, welcher alle folgende Bewegungen in jener Schreckensnacht leitete.

Alida's Wange war bleich wie der Tod, dagegen weilte in dem glänzenden, schwärmerischen Auge des Seestreichers der Ausdruck übernatürlicher Entschlossenheit.

Die Mannschaft hatte, als sie die Hoffnung, die Flammen zu löschen, aufgab, alle Luken geschlossen, um durch Verminderung des Luftzuges die Katastrophe so weit als nur möglich hinauszuschieben. Inzwischen fingen hier und da fackelähnliche Lichter an, sich durch die Fugen der Planken zu zeigen, und das ganze Verdeck vorderhalb des Hauptmastes befand sich bereits in einem kritischen, sinkenden Zustande. Einer oder zwei Balken hatten schon nachgegeben, aber noch erhielten sich die Umrisse der Form. Dessenungeachtet trauten die Seeleute dem verrätherischen Boden nicht, und selbst wenn die Hitze den Versuch gestattet hätte, würden sie vor einem Wagniß zurückgebebt seyn, das sie jeden Augenblick plötzlich dem unter ihnen wogenden Flammenmeer überantworten konnte.

Es hatte zu rauchen aufgehört, und bis zum Flügelspill hinauf leuchtete das helle, gewaltige Licht. Der Sorgfalt und den Anstrengungen der Leute mußte es zugeschrieben werden, daß die Segel und Masten noch unberührt blieben, und da die Leinwand vom Winde angefüllt wurde, so zog sie noch immer den Flammenrumpf durch die Wogen.

Die Gestalten des Meerdurchstreichers und seiner Gehülfen erschienen mitten in dem herrlichen Windfang, auf den schwindlichen Raaen stehend. In jener Beleuchtung gesehen, mit seinem eigenthümlichen Costüm, seinem festen, zuversichtlichen Schritt und seiner entschlossenen Miene, glich der Freihändler einem Seegott der Fabel, der, gesichert durch seinen Vorzug der Unsterblichkeit, gekommen war, an dieser schrecklichen Prüfung des Muthes und der Geschicklichkeit Theil zu nehmen. Von den gemeinen Matrosen unterstützt, war er damit beschäftigt, die Leinwand von den Raaen abzuschneiden. Ein Segel nach dem andern fiel auf's Deck hinab, und in unglaublich kurzer Zeit war der ganze Fockmast bis auf Spieren und Taue entblößt.

Unterdessen war Ludlow, welchem der Alderman und François wacker beistanden, unten nicht müßig. Sie drangen zwischen den Laufstags nach vorne und hieben ein Taljereep nach dem andern mit ihren kleinen Enteräxten ab. Den Mast hielt nun weiter nichts mehr aufrecht, als sein eigner fester Stamm und eine einzige Pardune.

»Kommt herab!« schrie Ludlow. »Alles hat sich back gelegt außer diesem Stag!«

Der Meerdurchstreicher sprang auf das feste Tau, hinter ihm alle Uebrige, glitt hinab und befand sich bald auf dem Verdeck. Kaum waren sie da angelangt, so folgte ein Krachen, und bald darauf eine Explosion, welche den glühenden Bau bis in seinen Mittelpunkt erzittern machte und das Ende von Allem anzukündigen schien. Selbst der Freihändler prallte bei dem grausenhaften Schall zurück, doch als er wieder neben dem Seestreicher und der Erbin stand, nahm seine Stimme Heiterkeit an, und sein unerschütterliches Antlitz hohe, fast fröhliche Entschlossenheit.

»Das Verdeck vorne hat nachgegeben,« sagte er, »unsere Artillerie fängt an, furchtbare Signalschüsse zu lösen! Muthig! die Pulverkammer eines Schiffes liegt tief, und viele gespikerte Schotten schützen uns noch.«

Allein das abermalige Losgehen einer heißwerdenden Kanone verkündigte das rasche Vorschreiten der Flammen. Auf's Neue brach das Feuer aus dem Innern hervor, und die Vorstenge entzündete sich.

»Dies muß ein Ende nehmen!« sagte Alida, und wand die Hände, ihre Angst nicht mehr zu beendigen im Stande. »Suchet Ihr, die Ihr Kraft und Muth habt, Euch wo möglich noch zu retten, und überlaßt uns der Gnade Dessen, der über uns Alle wacht!«

»O geht,« setzte die Seestreicherin (denn ihr Geschlecht läßt sich nicht länger mehr verbergen) hinzu. »Was menschlicher Muth zu thun vermag, ist geschehen; lasset uns sterben!«

Niedergeschlagenheit, aber kein Wanken zeigten die Blicke, welche dem traurigen Verlangen antworteten. Der Meerdurchstreicher erfaßte ein Tau und schwang sich daran hinab auf die Schanze, die er zunächst mit großer Vorsicht betrat; dann schaute er mit aufmunterndem Lächeln hinauf und sagte:

»Wo eine Kanone noch stehen kann, da bricht auch das Gewicht eines Menschen nicht durch!«

»Es ist unsre einzige Zuflucht,« rief Ludlow und folgte dem Beispiel. »Vorwärts, Leute, so lange die Balken uns noch tragen!«

Bald waren Alle auf der Schanze, wo inzwischen eine entsetzliche Hitze es unmöglich machte, einen Augenblick stille zu stehen. Man holte nun von beiden Seiten eine Kanone ein, machte die Taljen los, und richtete die Mündung auf den nicht mehr gestützten, schwankenden, aber noch immer aufrecht stehenden Fockmast.

»Zielen Sie nach den Klampen!« sagte Ludlow, welcher die eine Kanone richtete, zum Meerdurchstreicher, der dasselbe Geschäft bei der andern versah.

»Halt!« rief dieser. »Laden wir noch mehr Kugeln. Wenn man in Gefahr steht, mit einem Pulvermagazin aufzufliegen, muß man das Zerspringen eines Geschützes nicht scheuen.«

Nachdem sie noch mehr Kugeln in die Stücke gestoßen hatten, berührten die unerschrockenen Seemänner das Pulver auf der Pfanne mit glühenden Feuerbränden. Beide Stücke entluden sich gleichzeitig und sandten eine solche Rauchmasse über das Verdeck hin, daß es schien, als ob sie den Brand ersticken wollten. Das Holz krachte und gleich darauf folgte ein langes Schwirren durch die Luft – der Fockmast mit seiner ganzen Bürde Spierenwerks stürzte in die See. Dieß hemmte auf der Seite die Bewegung des Schiffes, und da die gewichtigen Balken durch die Fockstags noch mit dem Bugspriet zusammenhingen, so kam das Gallion in den Wind, wodurch die noch übrigen Obersegel zuerst anschlugen, dann hin- und herweheten und endlich back zu liegen kamen.

Jetzt, zum ersten Mal, seit dem Ausbruch des Feuers, war das Fahrzeug zum Stehen gebracht. Diesen Umstand benutzend, rannten die gemeinen Matrosen die Bollwerke entlang, bei der Flamme vorbei und erreichten das Bramvorkasteel, welches noch unversehrt war. Der Meerdurchstreicher warf einen Blick um sich her, erfaßte die Seestreicherin um den Leib, als wäre der Pseudo-Seemann ein bloßes Kind und drang mit ihr zwischen den Laufstags vorwärts. Ludlow folgte mit Alida, und die Anderen ahmten ihrem Beispiele nach, so gut es gehen wollte. Alle erreichten wohlbehalten das Vordertheil des Schiffes, obgleich die Flammen Ludlow einmal bis an die Fockrusten hinaus und von da fast in's Wasser trieben. Die untergeordneten Offiziere standen bereits auf den schwimmenden Balken und waren damit beschäftigt sie von einander zu trennen, die überflüssige Wucht des Tauwerks abzuschneiden, die Hölzer in parallele Linien zu bringen und sie so auf's Neue an einander zu binden. Dies Geschäft ward, wie sich leicht denken läßt, nicht mit Lässigkeit betrieben, aber rasch hinter einander entluden sich Schießgewehre in den Offizierskajüten, und jede Entladung beschleunigte die Arbeit, als so viele Signale von der Annäherung der Flammen an den noch schlummernden Vulkan. Schon eine Stunde war's, daß die Boote das Schiff verlassen hatten, und dennoch kam es Allen vor, als wär's erst jetzt geschehen. Während der letzten zehn Minuten war der Brand mit erneuerter Wuth vorwärts gedrungen, und die ungeheuren Flammen, bis dahin in den Tiefen des Fahrzeugs eingezwängt, schlugen nun leuchtend hoch in die Lüfte.

»Die Hitze ist nicht länger zu ertragen,« sagte Ludlow; »wir müssen in unser Floß, um athmen zu können.«

»In's Floß denn!« erwiederte die muntere Stimme des Freihändlers. – »Zieht heran an den Bindseilen, Leute, und stellt Euch so nahe, daß Ihr die kostbare Last auffangen könnet.«

Die Matrosen gehorchten. Alida und ihre Gefährten wurden glücklich nach den zu ihrer Aufnahme vorbereiteten Plätzen hinabgeschafft. Da man vor Ausbruch des Feuers Vorkehrungen getroffen hatte, so viel Segel als möglich beizusetzen, um dem Feinde zu entgehen, so war an dem Fockmast noch dessen ganzes Spierenwerk befestigt, als er seitwärts vom Schiffe in's Wasser fiel. Die geschickten, thätigen Seeleute, von Ludlow und dem Freihändler geleitet und unterstützt, wußten nun diese schwimmenden Hölzer, von denen jetzt ihre Rettung allein abhing, in passende Lagen zu bringen. Nicht wenig kam es ihrem Zweck zu Statten, daß die gekreuzten Raaen im Fallen oben auf zu liegen kamen. Die Segelbäume und sämmtliche leichtere Spieren hatten die Leute an die Spitze herangeschwemmt und hier quer gelegt, so daß dadurch die unteren und die Bramsegel-Raaen mit einander verbunden wurden. Noch einige dünne Stengen, die an der äußeren Seite des Schiffes aufgestaut waren, wurden heruntergenommen und zu demselben Zwecke benutzt, und das Ganze mit der Seeleuten eigenthümlichen Schnelligkeit und Erfindsamkeit haltbar gemacht. Gleich nach dem ersten Feuerlärm ergriffen mehrere von der Mannschaft allerlei zum Schwimmen sich eignende Geräthe, und eilten damit nach vorne, als dem von der Pulverkammer entferntesten Orte, in der unüberlegten Hoffnung, sich durch Schwimmen zu retten. Diese Geräthe waren dort liegen geblieben, da die Leute von ihren Offizieren zur Thätigkeit zurückgebracht worden waren. Eine Tonne und ein Paar leere Kugelkisten befanden sich darunter, und diese leisteten jetzt treffliche Dienste, erstere als Sitz für die Frauenzimmer, letztere als Schemel, um ihre Füße gegen das Wasser zu schützen. Da die Lage der Spieren den Hauptmast gänzlich unter die Oberfläche hinabdrückten, und bei einem so kleinen Gefäße das Mastwerk äußerst einfach und unbeschwert bleiben konnte, so hielt sich derjenige Theil des Flosses, wo die Stelling lag, leicht über Wasser. Zwar betrug die Ladung über eine Tonne Gewichtes, da man aber die Balken, ohnedies von der leichtesten Holzgattung, von Allem befreit hatte, was zur Sicherheit derer, die es trug, nicht nöthig war, so schwammen sie elastisch genug, um eine augenblickliche Zuflucht zu gewähren.

»Kappe das Bindseil!« sagte Ludlow, unwillkührlich zurückschreckend, als jetzt mehrere Explosionen, im Innern des Schiffes, rasch auf einander folgten und mit einem Knall endeten, welcher große brennende Holzstücke in die Höhe schleuderte. »Kappt und stoßt das Floß vom Schiffe ab! Gott weiß, es thut Noth, daß wir weiter davon hinwegkommen!«

»Kappt nicht!« schrie die Seestreicherin halb wahnsinnig; »mein Tapferer, mein Edelmüthiger ist ...«

»Sicher,« sprach ruhig der Meerdurchstreicher oben in den Wewelinien der Wand, bis wohin das Feuer noch nicht reichte. »Kappt alles! ich bleibe nur, um das Kreuzsegel fest back zu brassen.«

Er that's, und einen Augenblick sah man die schöne Gestalt oben auf dem Rande des brennenden Schiffes weilen, und mit Bedauern die glühende Masse betrachten.

»Schade um das liebliche Boot!« sagte er für sich, doch hörte man die Worte unten. Dann stürzte er sich hinab und sank in die See. – »Das letzte Signal kam aus der unteren Kajüte,« fuhr der unerschrockene gewandte Seemann fort, indem er ohne Mühe aus dem Meere emporstieg, das Wasser von den Locken abschüttelte, und seinen Platz auf der Stelling einnahm. »Wollte Gott der Wind bliese, denn wir bedürfen einer größeren Entfernung.«

Die Vorsichtsmaßregel des Freihändlers, die Segel in eine gewisse Lage zu bringen, war nicht überflüssig gewesen. Das Floß bewegte sich nicht von der Stelle, da aber die oberen Tücher der Coquette noch back lagen, so begann die flammende Masse, durch keine Hindernisse im Wasser mehr zurückgehalten, sich langsam von den schimmernden Spieren zu trennen, wiewohl die schwankenden, halbverbrannten Masten jeden Augenblick zu fallen drohten.

Nie schienen Momente länger als die jetzt folgenden. Selbst dem Meerdurchstreicher und dem Capitän raubte das ängstliche Beobachten der trägen Bewegung des Schiffes die Sprache. Allmählich entfernte es sich, und nach zehn Minuten bangen Harrens fingen die Seeleute, deren innere Spannung gewachsen war, im Verhältnisse wie ihre äußeren Anstrengungen abnahmen, an, freier zu athmen. Noch immer befanden sie sich dem gefährlichen Bau nahe genug, um Besorgnisse zu rechtfertigen. Doch war ihr Untergang beim Auffliegen des Pulvermagazins nicht mehr so durchaus unvermeidlich. Nach und nach schlängelte sich die Flamme das Deck entlang, die Masten hinan, und wie nun ein Segel nach dem andern sich entzündete und wüthend im Winde flackerte, so schien der ganze Himmel in Brand zu stehen.

Der Spiegel des Fahrzeugs war indessen noch ganz. Gegen den Besahnmast gelehnt, sah man die Leiche des Segelmeisters in sitzender Stellung, und beim blendenden Lichte des Brandes konnte man seine ernsten Züge deutlich erkennen. In dem Anschauen derselben versunken, vergaß Ludlow sein Schiff und rief sich traurig die Erinnerung zurück an jene Scenen seiner glücklichen Knabenjahre und seiner spätern Seemanns-Freuden, an denen sein alter Schiffsgenosse so reichlich Theil genommen hatte. Selbst der Knall einer Kanone, deren Feuerstrom ihnen fast ins Gesicht schoß, selbst das dumpfe Heulen der Kugel, die über das Floß dahinfuhr, vermochten nicht, ihn aus seinem Tiefsinn aufzurütteln.

»Stellt Euch fest gegen die Tonne!« rief leise der Meerdurchstreicher, und winkte den Andern, sich stützend um die Sitze der Frauenzimmer aneinanderzureihen, während er selbst mit der ganzen Schwere und Kraft seines athletischen Körpers sich gegen die Tonne stemmte. »Steht fest und haltet Euch bereit!«

Ludlow kam zwar der Aufforderung nach, konnte aber den Blick nicht vom Schiffe abwenden. Er sah die glänzende Flamme über die leere Waffenkiste, auf welcher der junge Dumont lag, emporlodern, und seine Einbildungskraft malte ihm das Schiff als einen Scheiterhaufen des unglücklichen Jünglings vor, dessen Schicksal er in diesem Augenblick fast beneidenswerth fand. Dann wendete er den Blick nach dem ernsten Antlitz Spannsegel's. Zuweilen kam es ihm vor, als spreche die Leiche, und die Täuschung nahm so überhand, daß er sich mehr als einmal vorwärts bog, um zu lauschen. Er war noch in diesem Wahn befangen, da hob sich die Leiche und streckte die Arme in die Höhe. Eine breite Fläche strömenden Feuers durchzog jetzt die Luft, und Meer und Himmel erglühten dunkelroth. Trotz der Vorsicht des Meerdurchstreichers wurde die Tonne von ihrem Orte gehoben, und Die, welche sie festhielten, fast in die Wogen geschleudert. Wie aus dem tiefen Schooße des Oceans brüllte der dumpfe Donner, der zwar das Ohr weniger verletzte als der heftige Knall der Kanone, der ihm vorangegangen war, aber von den fernen Landspitzen der Delaware gehört werden konnte. Spannsegel's Leiche schwebte eine Strecke von fünfzig Faden mitten in einer Flammenfluth in der Luft, senkte sich in einer kurzen Krümmung nach dem Floße und fiel ins Wasser, so dicht bei dem Capitän, daß er sie mit dem Arm hätte erreichen können. Schwer und geräuschvoll sank unmittelbar darauf auch eine Kanone ins Wasser, welche die schreckliche Explosion bis hierher durch die Lüfte getragen hatte; zuletzt fiel eine gewaltige Raae auf denjenigen Theil des Floßes, wo die vier untergeordneten Offiziere der Coquette standen, die wie Staub vor dem Sturm in die See flogen. Gleichsam im Triumph über die furchtbare Zerstörung des königlichen Kreuzers entlud sich eine zweite, durch die Luft geschleuderte Kanone dicht über den Köpfen der wenigen Geretteten. Nach und nach, im Verhältniß zu ihrer Schwere, fielen die brennenden Spieren, die glühenden Kugeln, die halbverbrannten Segeltücher und alle übrige abgerissene Theile des Schiffes hernieder. Endlich hörte man das Gurgeln des Strudels, und verschlungen war der Ueberrest des Kreuzers, der so lange die Zierde und der Stolz der Amerikanischen Meere gewesen. Die Gluth verschwand, und Finsterniß, wie die, welche auf einen grellen Blitz folgt, verhüllte die Scene.

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