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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Dreißigstes Kapitel.

                                                »Herr,
Zwar übersteigt der Auftrag meine Kräfte;
Doch Euretwillen wollen wir versuchen.
Ihn zu vollziehen, es koste was es will.«
Ende gut, Alles gut.

Das Fahrzeug, welches so zur Unzeit für den schlecht bemannten britischen Kreuzer seine Erscheinung machte, war ohne bestimmteren Zweck aus den Gewässern der kleinen Antillen ausgelaufen, und Abenteuer, wie dasjenige, welches sich ihm eben jetzt darbot, mochten wohl gerade das seyn, was es suchte. Es hieß la belle Fontange, und der Commandeur desselben, ein Jüngling von zwei und zwanzig Jahren, war bereits wohlbekannt, sowohl in den Salons der Marais, als hinter den Mauern der Rue basse des Remparts: Wer irgend mit der Geschichte von Paris vertraut ist, versteht diese Anspielung. Zu der Zeit, in der unsre Erzählung spielt, fanden alle Zweikämpfe unter diesen »Wällen« ( remparts) statt. in den ersteren als einer der liebenswürdigsten Elegants, an letzterem Ort als einer der ausdauerndsten und gewandtesten Abenteurer. Rang und Einfluß zu Versailles hatten dem jungen Chevalier Dumont de la Rocheforte eine Commandostelle verschafft, auf die er weder durch Erfahrung, noch durch geleistete Dienste hätte Anspruch machen können. Seine Mutter, eine nahe Verwandte einer der Schönheiten am Hofe, war von ihrem Schooßhündlein gebissen worden, weßhalb die Aerzte ihr als Vorbeugungsmittel die Seebäder empfahlen. Von dort aus nun sandte sie täglich lange nautische Beschreibungen an diejenigen ihrer Freundinnen, deren Kenntnisse vom Wasser sich auf den beständigen Anblick einiger Karpfenteiche und dann und wann eines Stückes vom trüben Seine-Fluß beschränkten. Als Episode nun zu jenen Seeschilderungen that sie das Gelübde, ihr jüngstes Kind dem Neptun zu weihen! Zur gehörigen Zeit, das heißt, während der poetische Aufschwung am stärksten war, ward der junge Chevalier regelmäßig auf die Liste gebracht, und erhielt, aller regelmäßigen und überlegten Beförderung zuwider, das Commando über die genannte Corvette, mit welcher er nach Westindien geschickt wurde, um sich und dem Vaterlande Ruhm zu erwerben.

Der Chevalier Dumont de la Rocheforte war tapfer, doch sein Muth war nicht die ruhige, stille Geistesgegenwart des Seemanns, sondern, gleich ihm, lebendig, unbesonnen, aufbrausend und mehr das Erzeugniß des körperlichen Wohlbehagens. Dagegen besaß er allen Stolz eines vornehmen Herrn, und unglücklicherweise für die Pflichten, die er jetzt zum ersten Male ausüben sollte, bestand eine der Eingebungen dieses Stolzes in der Verachtung jener mechanischen Kenntnisse, welche dem Befehlshaber der La belle Fontange im jetzigen Augenblicke so unendlich nöthig waren. Er konnte tanzen zum Entzücken, und that die Honneurs an der Capitänstafel mit tadelloser Eleganz. Auch muß nicht verschwiegen werden, daß er einst einem wackern Matrosen, der über Bord gefallen war, ohne Weiteres nachsprang, um ihn zu retten; weil er aber selber keinen einzigen Strich schwimmen konnte, so verursachte er dadurch den Tod des Unglücklichen, indem nun die Anstrengungen der Leute, welche diesem hätten zu Theil werden können, dessen Vorgesetztem zugewendet wurden. Ferner schrieb er gar nicht schlechte Sonnette, und hatte auch von der neuen Philosophie, deren Licht damals über die Welt aufzugehen begann, einige abgerissene Ideen erhascht; aber das Tauwerk seines Schiffes und die Linien eines mathematischen Problems waren Labyrinthe, in die er sich nie gewagt.

Schlecht wäre es um die Sicherheit der Mannschaft der Belle Fontange bestellt gewesen, wenn nicht einer der Subaltern-Offiziere am Bord, aus Boulogne-sur-mer gebürtig, so viele Kenntnisse besessen hätte als nöthig sind, um ein Schiff in seinem Cours zu halten, und zu verhüten, daß es seine stolzen Hochflieger zu ungelegenen Zeitpunkten entfalte. Das Schiff selbst war nach den Regeln der Wissenschaft und geschmackvoll gebaut, hatte leichte, durchsichtige Takelage und genoß den nicht unverdienten Ruf eines Schnellseglers. Dagegen theilte es mit seinem Befehlshaber den Fehler, nicht solid genug zu seyn, um den Wechseln und Gefahren des stürmischen Elementes, auf welchem es sich bewegen und handeln sollte, für die Dauer widerstehen zu können.

Die Schiffe standen jetzt keine Meile Es ist natürlich nur von englischen Meilen die Rede, wovon ungefähr vier auf eine deutsche gehen. D. U. mehr von einander entfernt. Die Luft wehte anhaltend und so stark, als zu den gewöhnlichen Evolutionen einer Seeschlacht nöthig ist; dabei gestattete die ruhige Wasserfläche eine zuverlässige und genaue Handhabung der Fahrzeuge. Die Fontange war in ihrem Laufe mit dem Gallion nach Osten gekehrt, und da sie den Vortheil des Windes auf ihrer Seite hatte, so beugte sich ihr hohes Spierenwerk sanft nach ihrem Gegner hin. Die Coquette hatte die Halsen nach Backbord zu und neigte sich daher nothwendig vom Feinde weg. Beide Fahrzeuge waren bis auf Bramsegel, Brodwinner und Klüver entblößt, nur daß die höheren Segel des Franzosen lose im Winde flatterten, wie die anmuthigen Falten einer geschmackvollen Draperie. Weder auf dem einen, noch auf dem anderen Verdeck war ein menschliches Wesen zu unterscheiden, wohl aber umdunkelten Gruppen die Tops der Masten und Stengen – ein Zeichen, daß die Topgasten bereit standen, selbst mitten in der Verwirrung und den Gefahren des bevorstehenden Kampfes ihr Amt zu verrichten. Ein paar Mal hielt die Fontange mit ihrem Gallion mehr nach dem Feinde zu, schwenkte dann aber wieder in den Wind und fuhr mit stattlicher Bewegung vorwärts. Der Augenblick war nicht mehr fern, wo beide Schiffe sich kreuzen mußten, in solcher Nähe, die ein Flintenschuß leicht durchmessen konnte. Ludlow, welchem die geringste Veränderung der Stellung, das leiseste Steigen und Fallen des Windes nicht entging, begab sich auf das Hüttendeck, und durchstrich noch einmal den Horizont mit seinem Fernrohr, ehe der Rauch das Schiff in Finsterniß einhüllen würde. Er war nicht wenig befremdet, eine Pyramide von Segeltüchern zu entdecken, die auf der Luvseite aus dem Wasser emporstieg. Das Segel ließ sich mit unbewaffnetem Auge erkennen, und nur die so dringenden Geschäfte hatten verhindert, daß es nicht früher war entdeckt worden. Er rief seinen Subalternen zu sich, und fragte ihn, was er von der Beschaffenheit dieses neuen Fremden denke; allein Spannsegel gestand, daß er, trotz seiner durch lange Erfahrung geschärften Beobachtungsgabe, nicht mehr ausmitteln könne, als daß es ein mit ausgebreiteten Segeln vor dem Winde laufendes Fahrzeug sey. Nach einem zweiten, längeren Blick wagte der bewährte Seemann schon hinzuzufügen, daß der Fremde das Vierkant und das Ebenmaaß eines Kreuzers zeige, seine Größe aber getraute er sich noch nicht anzugeben.

»Es kann ein leichtes Schiff seyn unter seinen Bram- und Leesegeln; kann aber auch seyn, daß wir nur die obersten Tücher eines größeren Fahrzeugs vor uns haben, Herr Capitän; – ha! der Franzose hat ihn schon ausgemittelt, die Corvette hat Signale ausgesetzt!«

»Recognosciren wir. Antwortet der Fremde auf die Signale, so bleibt nichts übrig als schleunige Flucht.«

Noch einmal wurden die oberen Spieren des fernen Schiffes scharf und ängstlich beobachtet; inzwischen war die Richtung des Windes ungünstig, und es blieb also ungewiß, ob ein Einverständniß mit der Corvette stattfinde. Auch die Fontange schien über den Charakter des Fremden nicht ganz sicher unterrichtet, und einen Augenblick lang zeigte sie nicht undeutlich die Absicht, ihren Cours zu ändern; doch die Zeit zur Unschlüssigkeit war vorbei, schon fuhren die Schiffe unter dem anhaltenden Druck des Windes parallel an einander.

»Haltet Euch fertig, Leute!« sagte Ludlow, mit leiser, aber fester Stimme, und winkte, ohne selbst seinen erhöhten Posten auf der Kampanje zu verlassen, dem Subalternen, zum Hauptdeck zurückzukehren. »So wie er blitzt, gebt Feuer!«

Die gespannteste Erwartung folgte. Die zwei netten Fahrzeuge segelten stetig auf einander los, und kamen innerhalb Rufnähe neben einander. So tief war die Stille in der Coquette, daß Alle am Bord das Rauschen des Wassers längs des schneidenden Kiels deutlich hören konnten, ein Ton, nicht unähnlich dem dumpfen Schnaufen eines riesigen Thieres, wenn es zu irgend einer außerordentlichen Anstrengung alle seine Kräfte sammelt. Nicht so still war es auf der Fontange, in ihrem Tauwerke hörte man verschiedene Stimmen laut durcheinander schreien. Als die Schiffe völlig parallel einander gegenüber lagen, ertönte die Stimme des jungen Dumont durch den Rufer, den Leuten befehlend Feuer zu geben. Ludlow lächelte mit seemännischem Hohn. Er hob seinen Rufer in die Höhe, gab seiner aufmerksamen und bereitstehenden Mannschaft einen ruhigen Wink, und aus der dunkeln Seite des Schiffes brach die volle Lage hervor, gleichsam wie aus einer Willensthätigkeit des Schiffes selbst. Die volle Lage des Andern ward beinahe gleichzeitig empfangen und beide Fahrzeuge fuhren schnell einander vorbei, außerhalb Schußweite.

Der Wind hatte auf die Coquette den Rauch ihrer eigenen Batterie zurückgetrieben; eine Minute durchzog er die Decks, verfing sich in die Falten der Segel, dann aber flog er mit dem Winde, welchen der Gegenstoß der Explosion verursachte, leewärts. Durch den Lärm des Geschützes hindurch hatte man das Pfeifen der Kugeln durch den Windfang und das Krachen des Holzes vernehmen können. Nachdem Ludlow daher auf den dahin fahrenden Feind noch einen Blick geworfen hatte, lehnte er sich rückwärts auf die Gallerie, und versuchte mit der ängstlichen Genauigkeit eines Seemanns den Zustand seines Schiffes in der Höhe auszumitteln.

»Was ist weggeschossen, Sir?« fragte er Spannsegel, dessen ernstes Gesicht der hinwegziehende Rauch jetzt enthüllte. »Welches Segel schlägt so schwer an?«

»Wenig Schaden geschehen, Sir, wenig Schaden. Faßt das Takel an der Fockraanocke! flink, Ihr Schlingel! Ihr bewegt Euch ja wie Schnecken in einer Menuett! – Der Kerl hat uns das Lee-Vormarssegel abgeschossen, Sir; doch wir wollen unsere Flügel gleich wieder ausbreiten. – Bindet's fest, Bursche, als wenn's verbolzt wäre – so. Zieh Deine Bulien steif an, da vorne! Hasch' sie, Du kannst schon, fasse sie, es kann, es muß gehen, – so.«

Der Rauch war nun völlig verzogen, und Ludlow konnte nun über das Ganze seines Schiffes einen Ueberblick thun. Drei bis vier Topgasten hatten sich schon der unthätig gemachten, los im Winde flatternden Leinwand bemächtigt und saßen auf der Nocke der Fockraa, um sie wieder daran zu befestigen. Ein oder zwei Löcher in den übrigen Segeltüchern und hier und da ein entzweigeschossenes Tau von geringer Wichtigkeit, war der ganze Schaden, den er oben entdecken konnte.

Auf dem Verdeck selbst bot sich ihm ein anderes Schauspiel dar. Die schwache Mannschaft war thätig mit dem Laden der Kanonen beschäftigt, und Ansetzer und Auswischer wurden mit einem Eifer gehandhabt, welcher dem aufregenden Augenblick völlig entsprach. Der Alderman konnte nie seinem Hauptbuch ungetheiltere Aufmerksamkeit geschenkt haben, als er jetzt seiner Pflicht eines Kanoniers widmete, und die jungen Leute, welchen der Befehl der Batterien anvertraut werden mußte, unterstützten ihn wacker durch ihre Autorität und Erfahrung. Spannsegel stand am Gangspill, im Ertheilen der eben erwähnten Befehle begriffen. Sein Blick war aufwärts gerichtet und das was er sah, nahm ihn so gänzlich in Anspruch, daß er nichts von Allem gewahr ward, was näher um seine Person vorging. Mit Schmerzen bemerkte Ludlow, daß das Verdeck nicht weit von ihm von Blut gefärbt war, und ein Matrose lag todt vor ihm ausgestreckt. Die zersplitterte Planke und zerrissenen Wegeringen deuteten den Punkt an, wo das todtbringende Geschoß angeschlagen hatte.

Mit verbissenen Lippen, wie ein Entschlossener, lehnte sich der Commandeur der Coquette noch weiter nach vorne und schaute nach dem Steuerrad; dort befand sich der Quartiermeister; die Speichen in der Hand, stand er aufrecht regungslos da und behielt das Auge auf die stehende Seite des Vordersegels gerichtet, so unausgesetzt, wie die Magnetnadel nach Norden weiset.

Dies waren die Beobachtungen einer einzigen Minute; er machte sich mit den verschiedenen eben erwähnten Umständen durch eben so viele rasche Blicke bekannt, ohne unterdessen die Kenntniß von der genauen Lage der Fontange zu verlieren. Diese war schon im Begriff zu wenden, es wurde daher nöthig, der Evolution durch eine entsprechende schnell zu begegnen.

Der Befehl war kaum gegeben, so fiel die Coquette, gleichsam als hätte sie ein Bewußtseyn von der Gefahr, in der sie schwebte, daß die Kugeln des Feindes sie der Länge nach durchfliegen könnten, wirbelnd vom Winde ab, und sah sich, als der Gegner fertig war, seine volle Lage zu geben, im Stande, sie zu empfangen und zu erwiedern. Abermals näherten sich nun die Fahrzeuge, abermals wechselten sie, sobald ihre Seiten parallel lagen, ihre Feuerströme mit einander.

Ludlow's Blick, durch den Rauch hindurchdringend, gewahrte jetzt, wie die gewichtige Raa der Fontange furchtbar gegen den Wind zu schwanken begann und das große Marssegel herabkam, gegen seine Stenge wild anschlagend. Indem er sich festhielt an einem Tauende, das vom Laufstag durch eine Kugel so eben getrennt wurde, schwang er sich von dem Hüttendeck und kam mit einem Satz auf der Schanze neben dem Segelmeister zu stehen.

»Lassen Sie allen Brassen einen Ruck geben!« sagte er in eiligem Tone, obgleich weder laut noch undeutlich; »die Bulienen straffer angezogen – luv, Sir, Luv; klemmen Sie das Schiff dicht an den Wind!«

Das entsprechende, mit fester Stimme gegebene Commando des Quartiermeisters und die Art, wie die Coquette, selbst noch während sie ihre Flammenströme hervorsandte, sich nach dem Winde hinneigte, bekundete, wie vollständig jeder Untergeordnete seinen Posten ausfüllte. In der nächsten Minute vereinigten sich die ungeheuren Rauchwirbel, welche beide Schiffe einhüllten, und bildeten nur Eine weiße, heftig bewegte Wolke, die sich durch die auf einander folgenden Explosionen stets auf's Neue ergänzte, sich über die Meeresfläche wälzte, und wie sie höher hinanstieg, von der Luft leewärts dahin getragen wurde.

Rasch durchlief unser junger Commandeur die Batterien, redete seine Leute ermunternd an und nahm dann seinen Posten auf der Kampanje wieder ein. Das Stillstehen der Fontange und Ludlow's Bemühung, die Windseite zu gewinnen, setzten bereits den Kreuzer der Königin Anna in Vortheil. Es war dem Auge eines Seemannes, dessen Fertigkeit in seinem Fache fast zum Instinkt geworden war, nicht entgangen, daß am Bord seines Gegners Unschlüssigkeit herrschte, und diese machte er sich zu Nutze.

Chevalier Dumont vertrieb sich nämlich die Zeit damit, die Annalen der französischen Flotte zu durchlaufen, wo er fand, wie es mehreren Schiffscommandeurs zum Lobe angerechnet ward, daß sie, während sie parallel mit dem Feinde lagen, ihre Obersegel aufsteckten. Unbekannt mit dem Unterschiede zwischen einem Schiffe, wenn es in der Linie kämpft und wenn es einzeln im Gefecht begriffen ist, beschloß er zu zeigen, daß er seinen Vorgängern an Muth nicht nachstehe. In derselben Zeit, wo Ludlow allein auf seinem Hüttendeck stand, wachsamen Auges die Bewegung seines eigenen Schiffes und die Stellung seines Feindes betrachtete, und das, was er gethan wünschte, dem weiter unten stehenden aufmerksamen Spannsegel bloß durch Blicke oder Geberden zu erkennen gab, fand auf der Schanze des Gegners zwischen dem Seemann aus Boulogne-sur-mer und dem eleganten Liebling der Salons ein heftiger Wortwechsel statt. Sie stritten sich über die Zweckmäßigkeit dessen, was der Letztere angeordnet hatte, um eine Eigenschaft zu beweisen, deren Daseyn Niemand bezweifelte. Für den britischen Kreuzer war die Zeit, die Jene durch diese Meinungsverschiedenheit verloren, von der höchsten Wichtigkeit. Man hielt wacker hin, so daß man bald aus dem Strich des feindlichen Feuers herauskam, und als es endlich dem Boulogner gelang, den Chevalier seines Irrthums zu überführen, befand man sich bereits auf dem andern Gang und luvte quer durch das Kielwasser der Fontange. Jetzt füllte sich wohl langsam das Obersegel, allein ehe die Corvette wieder in Gang gebracht werden konnte, überschatteten schon die Segel ihres Feindes ihr Verdeck. Die Coquette würde nun, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Windseite gewonnen haben, wenn nicht in diesem kritischen Augenblick eine Kugel eins der Obersegel fast entzwei gerissen hätte. Hierdurch fiel das Schiff ab, die beiderseitigen Raaen geriethen in einander, und die zwei Fahrzeuge blieben an einander hängen.

Die Coquette stand indessen, in Beziehung auf Position, im Vortheil, und Ludlow, welcher mit einem Blick die wichtige Thatsache bemerkte, versicherte sich ihrer Dauer durch das Auswerfen seiner Enterhaken. Als beide Schiffe auf diese Weise fest an einander gekettet waren, fühlte sich der junge Dumont von der größten Verlegenheit befreit, denn er brannte vor Verlangen, handgemein zu werden, und da ihn nunmehr der Umstand rechtfertigte, daß sich mit den Kanonen nicht mehr zielen ließ und ein mörderischer Traubenhagel sein Verdeck bestrich, so gab er ohne Weiteres den Befehl, zu entern.

Auf der andern Seite würde sich Ludlow mit seiner schwachen Mannschaft schwerlich zu einer so gewagten Evolution, die ihn mit dem Feinde in unmittelbare Berührung bringen mußte, entschlossen haben, hätte er nicht die Mittel, wie den Folgen zu begegnen sey, vorher berechnet gehabt. Die Schiffe berührten sich nur an einem einzigen Punkt; diesen nun ließ er durch eine Reihe Musketiere decken. Kaum machte daher der ungestüme, junge Franzose, von einer Rotte Marinen gefolgt, seine Erscheinung auf dem Hackebord, so streckte sie ein dichtes, tödtliches Feuer bis auf Einen Mann darnieder. Dieser Eine war der junge Dumont selbst; einen einzigen Augenblick stierte er wild um sich her, doch angetrieben durch sein stürmisches Innere, drang er tollkühn allein bis auf's Deck des Feindes vor, wo eine Kugel auch ihn zu Boden schmetterte.

Ludlow beobachtete jedes Manöver mit einer Ruhe, welche weder das Gefühl seiner persönlichen Verantwortlichkeit, noch das Getümmel und die sich drängenden Ereignisse des furchtbaren Auftrittes zu erschüttern vermochten.

»Jetzt ist der Zeitpunkt da, um handgemein zu werden!« rief er, und winkte Spannsegel, die Leiter zu räumen, damit er vorbei könne.

Allein er fühlte sich beim Arm ergriffen; es war der ernste Alte, welcher nach der Windseite hinwies.

»Dort! der Schnitt jener Segel, das erhabene Steigen jener Spieren läßt kein Mißdeuten zu! der Fremde ist ein zweiter Franzmann!«

Ludlow schaute hin und überzeugte sich, daß sein Subaltern Recht hatte: ein zweiter Blick genügte, um ihm zu zeigen, was jetzt zu thun wäre.

»Macht den vordersten Enterhaken los! – kappt ihn – fort damit, klar!« ertönte es durch den Rufer mit einer Stimme, welche gebieterisch und hell das Schlachtgetümmel überbot.

Sobald der vorderste Enterhaken losgemacht war, drückte das feindliche Schiff, dessen Segel alle zogen, auf den Spiegel der Coquette, und setzte diese dadurch bald in den Stand, ihre Vorderraaen straff back zu brassen, also in einer der bisherigen entgegengesetzten Richtung. Nun erhielt die Fontange noch die ganze volle Lage ihres Gegners in den Spiegel, der letzte Enterhaken ward gekappt, und so trennten sich beide Schiffe wieder.

Der ruhige Geist, welcher den Evolutionen und Anstrengungen der Coquette vorstand, leitete auch jetzt ihre Bewegungen. Die Segel wurden gesetzt, das Schiff unter Gewalt gebracht, und kaum fünf Minuten, nachdem die Trennung vom Feinde bewerkstelligt war, befand sich der Dienst im Schiffe wieder in seinem gewöhnlichen, regen, aber geräuschlosen Gange.

Behende Topgasten standen auf den Raaen, und breite Flächen frischer Leinwand wogten im Winde, während die neuen Segel gespannt und aufgesetzt wurden. Man splißte Taue, ersetzte sie zum Theil durch neue, untersuchte die Spieren, kurz, man ließ es nicht an jener strengen Wachsamkeit und bis in's Einzelne gehenden Sorgfalt fehlen, welche zur Wirksamkeit eines Schiffes so wesentlich ist. Jede Spier ward befestigt, die Pumpen sondirt, und das Schiff setzte seine Fahrt so stetig fort, als wenn es nie einen Schuß gegeben, noch empfangen hätte.

Nicht so die Fontange. Sie zeigte alles Zaudern, alle Verwirrung eines unthätig gemachten Schiffes. Ihre zerrissenen Segeltücher wehten in Unordnung hin und her, viele wichtige Taljen schlugen unbeachtet an die Stengen, und das Fahrzeug war hilflos wie ein Wrack vor dem Winde. Mehrere Minuten lang schien es, als befände sich kein anordnender Geist am Bord desselben, endlich, nachdem schon so viel Raum verloren war, daß der Feind den völligen Vortheil des Windes besaß, machte das Schiff einen Versuch, heranzukommen, doch der höchste und wichtigste Mast fing an zu schwanken und fiel endlich mit seinem ganzen Windfang über Bord.

Ungeachtet der Abwesenheit eines so großen Theils seiner Leute würde Ludlows Sieg dennoch jetzt gewiß gewesen seyn, hätte die Ankunft des Fremden ihn nicht gezwungen, seinen Vortheil fahren zu lassen. Allein die Folgen für sein eigenes Fahrzeug ließen sich zu klar voraussehen, um mehr zu gestatten, als ein natürliches, männliches Bedauern, daß man eine so günstige Gelegenheit unbenutzt lassen müsse. Die Beschaffenheit des Fremden war nicht länger zu verkennen. Jeder Seemann auf der Coquette erkannte das Land der langen engköpfigen Segel, der spitzzulaufenden Masten und kurzen Raaen der Fregatte, deren Rumpf jetzt deutlich sichtbar ward, ungefähr wie Andere ein Individuum an seinen Gesichtszügen oder seinem Anzug erkennen. Hätten übrigens über den Gegenstand noch irgend Zweifel obgewaltet, so würden sie alle vor der Gewißheit gewichen seyn, als man nun bemerkte, daß der Fremde mit der zerschossenen Corvette Signale austauschte.

Es war jetzt hohe Zeit, daß Ludlow über seinen zu nehmenden Lauf einen Entschluß faßte. Der Wind nach Süd hielt noch immer an, begann jedoch schwächer zu werden, und gewann allen Anschein, noch vor dem Eintritt der Nacht gänzlich aufzuhören. Land lag wenige Stunden nördlich, und der ganze Horizont nach dem freien Meer war, mit Ausnahme der beiden französischen Kreuzer, frei. Ludlow stieg zur Schanze hinab, und näherte sich dem Segelmeister, der auf einem Stuhle saß und sich vom Schiffswundarzt eine starke Wunde am Bein verbinden ließ. Er schüttelte dem barschen Veteran herzlich die Hand, und drückte ihm seinen Dank für seine, in einem so schwierigen Augenblick geleistete Unterstützung aus.

»Gott erhalte Sie, Capitän Ludlow, Gott erhalte Sie!« erwiederte der alte Seemann, indem er zweideutig mit der Hand über die sonnenverbrannte Stirn fuhr. »Die Schlacht ist allerdings der rechte Probierstein für Schiff und Freunde, und, der Himmel sey Dank! Die Königin hat an diesem Tag Beide bewährt gefunden. Keiner war mangelhaft in seiner Pflicht, so ferne meine Augen sehen konnten, und das will nicht wenig sagen, bei einer halben Mannschaft und einem vollständigen Feind. Was das Schiff anbetrifft, so hat es sich zu keiner Zeit besser aufgeführt. Mir ahnete nichts Gutes, als ich das neue große Marssegel entzweigehen sah, wie ein Stück zerrissenen Mousselins zwischen den Fingern einer Nätherin, und das dieß der Fall war, können Alle hier bezeugen. – Lauf doch einmal nach vorne, Hopper, und sag' den Leuten in der Takelage, das Bordwandtau dort besser anzuziehen, und überhaupt alle Wanten gleichmäßig straff zu machen. – Ein munterer Junge, Herr Capitän, es fehlt ihm nur noch ein Bischen mehr Ueberlegung und etwas mehr Erfahrung, nebst einer kleinen Zugabe von Bescheidenheit, verbunden mit der Seefahrerkunde, die er natürlich mit der Zeit schon erlangen wird, um einen ganz tolerabeln Offizier aus ihm zu machen.«

»Der Bursch verspricht viel; doch ich bin eigentlich gekommen, alter Freund, um mir Deinen Rath zu holen über das, was wir zu thun haben. Es ist außer allem Zweifel, daß der Kerl, welcher auf uns segelt, ein Franzose ist, und zwar eine Fregatte.«

»Eher ließe sich die Natur eines Fischreihers bezweifeln, der die kleine Brut aufgabelt, und die großen Fische zufrieden läßt. Wir könnten ihm unsere Segel zeigen und versuchen, die offene See zu gewinnen; doch ich fürchte, dieser Vordermast, mit drei solchen Löchern drin, ist zu schwach, alle die Tücher zu tragen, die wir in diesem Fall nöthig hätten.«

»Was halten Sie vom Winde?« sagte Ludlow, indem er, obgleich innerlich im Reinen, was zu thun sey, sich unschlüssig stellte, um den Gefühlen seines verwundeten Gefährten zu schmeicheln. »Sollte er anhalten, so könnten wir Montauk doubliren, und so weit zurückkehren, daß unsre üppige Mannschaft wieder zu uns stoßen könnte; stirbt er hin, so fragt es sich, ob keine Gefahr vorhanden ist, daß sich die Fregatte innerhalb der Schußweite von uns bugsiren lasse? Wir haben keine Boote, um ihr aus dem Wege zu gehen.«

»Der Meeresboden an dieser Küste läuft so regelmäßig auf, wie das Dach eines Außengebäudes,« sagte Spannsegel, nachdem er einen Augenblick nachgesonnen, »und es ist mein Rath, wenn Sie ihn verlangen, Herr Capitän, daß wir uns, so lange der Wind dauert, dem seichten Wasser so sehr nahen, als nur immer angeht. Ich glaube, wir werden dann von einem zu nahen Besuch des Dickleibigen dort nichts zu fürchten haben. Was die Corvette anbetrifft, so hat sie meiner Meinung nach keinen Appetit mehr: wir haben ihr das Mittagsessen schon gereicht.«

Ludlow gab seinem Untergeordneten seinen Beifall zu erkennen, da sein Rath mit dem, was er zu thun schon entschlossen war, genau übereinstimmte; nachdem er ihm daher nochmals über seine Besonnenheit und Geschicklichkeit einiges Schmeichelhafte gesagt hatte, ertheilte er die nöthigen Befehle. Das Steuer der Coquette wurde jetzt dicht an die Luvseite gelegt, die Raaen in's Viereck gebraßt und das Schiff vor den Wind gebracht. Nachdem sie in dieser Richtung einige Stunden gesegelt hatten, nahm der Wind allmählich ab, und das Loth belehrte die Führer des Schiffes, daß der Kiel dem Meeresboden ganz so nahe wäre, als der Stand der Ebbe und das schwere Steigen und Fallen der Wogen rathsam machten. Bald darauf schwieg der Wind gänzlich, und unser junger Commandeur befahl, einen Anker auszuwerfen.

In dieser letzteren Beziehung wurde seinem Beispiel von den zwei feindlichen Kreuzern nachgeahmt. Diese hatten sich nämlich nach kurzer Zeit vereinigt, und man konnte, so lange es noch hell war, Boote zwischen beiden hin- und herfahren sehen. Als die Sonne hinter dem westlichen Rande des Meeres niedersank, verschwammen nach und nach die dunklen Umrisse beider Schiffe, bis die Nacht See und Land mit ihrem schwarzen Mantel verhüllte.

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