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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

                »Zu Philippi
Sollst Du mich sehn.«
Julius Cäsar.

Der Commandeur des königlich großbritanischen Schiffes Coquette schlief jene Nacht auf dem Verdeck. Noch vor Sonnenuntergang war die leichte schnellsegelnde Brigantine, der allmähligen Biegung der Küste folgend, östlich aus dem Gesicht gekommen, und gar nicht mehr daran zu denken, sie durch Nacheilen wieder einzuholen. Nichtsdestoweniger drängte ein Segel das andere, und lange vor der Zeit, wo Ludlow sich in den Kleidern zwischen die Laufstags der Schanze hinwarf, hatte sein Fahrzeug schon den breitesten Theil des Sundes gewonnen, und näherte sich den Inseln, welche die sogenannte »Laufbahn« bilden.

Jenen ganzen langen und bangen Tag hatte der junge Seemann sich fern von den Bewohnern der Kajüte gehalten. Die Schiffsdienerschaft war ab- und zugegangen, und die Thür öffnete sich selten, wo er nicht fast krampfhaft das Auge nach derselben wendete; allein Niemand von denen drinnen kam auf's Deck, weder der Alderman noch seine Nichte, noch der Gefangene, ja nicht einmal François oder die Negerin; befand sich also Jemand unter ihnen, dem der Ausgang der Jagd nicht gleichgültig war, so wurde diese Theilnahme standhaft genug durch ein fast geheimnißvolles Schweigen verborgen. Entschlossen, sich an Gleichgültigkeit nicht überbieten zu lassen, und von Gefühlen angestachelt, welche sein ganzer Stolz nicht zu besiegen vermochte, nahm unser junger Seemann Besitz von der ewähnten Stelle, ohne auch nur den Versuch einer Wiederanknüpfung des Umgangs gemacht zu haben.

Als die erste Nachtwache eintrat, wurden einige der Segel geborgen, und von da an bis Tagesanbruch schien der Capitän wieder in tiefen Schlaf versunken zu seyn. Mit dem Erscheinen der Sonne jedoch sprang er auf und befahl, die Segel von Neuem auszuspannen, und Alles aufzubieten, um den Lauf des Fahrzeugs zu beschleunigen.

Es war noch früh am Tage, als die Coquette die »Laufbahn« erreichte; sie benutzte die Ebbezeit, durch den Paß hindurchzufahren, und um Mittag stand sie auf der Höhe von Montauk. Kaum war das Schiff beim Cap vorübergezogen und an einen Punkt gelangt, wo die Luft und die Wogen des atlantischen Meeres sich schon fühlbar machten, so wurden Topmasten hinaufgeschickt, und zwanzig Augen beschäftigten sich neugierig mit der Untersuchung des freien Meeres. Ludlow hatte nämlich das Versprechen nicht vergessen, welches der Freihändler ihm gegeben, daß sie sich an diesem Orte wiedersehen würden, und obgleich der Capitän sich leicht die Beweggründe denken konnte, welche sein Gegner zur Vermeidung einer Zusammenkunft haben mochte, so hegte er dennoch die geheime Erwartung, daß das Versprechen nicht unerfüllt bleiben würde – so stark war der Eindruck, welchen die gerade Handlungsweise und der männliche Charakter des Meerdurchstreichers zurückgelassen.

»Ich sehe nichts in der freien See!« sagte Ludlow im Ton getäuschter Erwartung, und nahm das Fernglas vom Auge; »und doch scheint der Herumstreicher der Mann nicht, der sich aus Furcht versteckte.«

»Furcht, das heißt, Furcht vor einem Franzosen und ein wohlanständiger Respekt für die Kreuzerschiffe Ihrer Majestät sind sehr verschiedene Dinge,« erwiederte der Segelmeister. »So oft ich in meinem Leben eine Banderolle oder eine Flasche Cognac mit an's Land nahm, hab' ich mich des Gedankens nicht erwehren können, daß Jeder, dem ich auf der Straße begegnete, die Farben der einen sehen oder die Blume des anderen riechen könnte; deßwegen aber fiel es mir nie ein, daß diese Scheu etwas mehr wäre, als eine Art von Verdacht im eigenen Gemüthe, daß Andere es wissen, wenn man auf verbotener Fahrt begriffen ist. Wahrscheinlich würde ein Pfarrer, der in einer warmen Pfründe für's ganze Leben bequem vor Anker liegt, diese Empfindung Gewissen nennen; aber ich meinestheils, obzwar kein großer Logiker in dergleichen Dingen, ich habe stets geglaubt, es sey weiter nichts als die natürliche Besorgniß, daß Einem die Sachen weggenommen werden möchten. Wenn dieser Meerdurchstreicher hervorkommt und sich im rauhen Wasser einer abermaligen Jagd aussetzt, so ist er weit entfernt, der zu seyn, für den ich ihn hielt, nämlich Einer, welcher den Unterschied zwischen einem großen Schiff und einem kleinen gut anzugeben weiß. Uebrigens gestehe ich, Sir, daß ich mir mehr Hoffnung auf seine Gefangennahme machen würde, wäre das Weibsbild unter seinem Bugspriet ordentlich verbrannt.«

»Ich sehe nichts in der fernen See!«

»Sie ist leer, und nichts zu verspüren als der Wind hier Süd-halb-Süd. Dies Stück Wasser, das wir zwischen der Insel dort und dem festen Lande befahren haben, ist von lauter Bais eingefaßt, und während wir uns hier auf der hohen See nach ihm umschauen, treibt der schlaue Hallunke vielleicht seinen Handel in irgend einem der fünfzig guten Bassins, die zwischen dem Cap und dem Orte liegen, wo wir ihn aus dem Gesicht verloren. Auch können wir nicht wissen, ob er nicht in der Nacht wieder westwärts gegangen ist, und sich eben jetzt in's Fäustchen lacht, daß er einen Kreuzer so bei der Nase herumgeführt hat.«

»Es ist nur zu viel Wahrheit in dem, was Sie mir da sagen, Spannsegel, denn wenn der Freihändler jetzt Luft hat, uns aus dem Wege zu gehen, so fehlt es ihm allerdings nicht an Mitteln.«

»Segel, ho!« rief der Ausguck von der großen Bramraa.

»Nach welcher Seite?«

»Völlig auf unserm Luv, Sir; hier, in gleicher Linie mit der hellen Wolke, die eben aus dem Wasser steigt.«

»Kannst Du sehen, was für Schiff es ist?«

»Bei'm heiligen Georg, der Bursch' hat recht gesehen!« unterbrach der Segelmeister. »Die Wolke hatte dazwischen gestanden, aber dort ist es, das ist klar genug; ein völlig zugetakeltes Schiff, unter leichten Tüchern, das Gallion nach Westen!«

Ludlow schaute lang, aufmerksam und ernst durch das Fernrohr.

»Wir haben schwerlich Hände genug am Bord, um uns mit einem Fremden einzulassen,« sagte er, das Instrument Spannsegeln hinreichend. »Sie sehen, er hat nur die Obersegel beigesetzt, eine Quantität, womit sich bei so einem Winde kein Kauffahrer begnügen würde.«

Der Segelmeister schwieg ; desto länger dauerte sein Hinschauen, desto prüfender war seine Recognoscirung. Nach Beendigung derselben überflog er vorsichtigen Blickes die verminderte Mannschaft, welche ihrerseits neugierig nach dem Fahrzeuge hinsah, das nunmehr durch veränderte Stellung der Wolke hinlänglich deutlich wurde.

»Ich bin ein Wallfisch,« rief er in einem gedämpften Ton, »wenn das kein Franzose ist. Man kann's an seinen kurzen Raaen und der Tiefe seiner Segel sehen. Allerdings ist's ein Kreuzer, denn Niemand, der mit seiner Fracht auf Gewinnst ausgeht, würde sich unter geborgenen Tüchern dorthin legen, während er nur noch eine Tagereise von seinem Hafen entfernt ist.«

»Sie sprechen ganz meine eigene Meinung aus; wollte Gott, unsere Leute wären alle da! Gegen ein Schiff, dessen Kriegsmacht der unsrigen gleich ist, mit unsrer verringerten Anzahl losziehen, ist sehr bedenklich. Wie viel Mann zählen wir?«

»Keine siebenzig; ein kärgliches Contingent für vierundzwanzig Kanonen und die Handhabung von Raaen wie die unsrigen.«

»Und dennoch darf der Hafen nicht insultirt werden! Man weiß, daß wir an der Küste kreuzen ....«

»Man sieht uns;« fiel der Segelmeister in's Wort. »Der Kerl hat gehalset und setzt bereits seine Bramsegel bei.«

Es blieb jetzt keine Wahl mehr zwischen offenbarer Flucht und Vorkehrung zur Schlacht. Die erstere wäre leicht zu bewerkstelligen gewesen, da eine Stunde hingereicht hätte, das Schiff innerhalb des Caps zurückzubringen; allein dies würde sehr wenig im Einklange gestanden haben mit dem Geiste der Flotte, von der die Coquette einen Theil ausmachte. Es wurde daher die Ordre ertheilt: »Ueberall! das Schiff zum Treffen klar gemacht!« Diese Aufforderung erfüllte die sorglosen Gemüther der Matrosen mit Triumph; denn Erfolg und Kühnheit gehen Hand in Hand, und lange Bekanntschaft mit ersterem hatte schon in jener frühen Zeit die Seeleute Großbritanniens und der britischen Colonien eine Zuversichtlichkeit gegeben, die oft an Verwegenheit gränzte. Der Befehl, sich zur Schlacht bereit zu halten, wurde von der schwachen Mannschaft der Coquette nicht anders aufgenommen, als bei früheren Gelegenheiten, wo sich Mannschaft genug auf dem Verdeck befand, der Bewaffnung des Schiffes volle Wirksamkeit zu sichern. Es darf indeß nicht verschwiegen werden, daß einige der älteren und erfahrneren Matrosen, deren Zuversicht die Zeit minder unbedingt gemacht hatte, die Köpfe schüttelten, als bezweifelten sie die Klugheit des beabsichtigten Kampfes.

Welches auch immer die geheimen Bedenklichkeiten Ludlows gewesen seyn mögen, nachdem die Beschaffenheit und Kriegsmacht des Feindes klar ausgemittelt war, so verrieth er von dem Augenblicke an, wo sein Entschluß einmal gefaßt war, auch nicht das geringste Zeichen der Ungewißheit. Die nöthigen Befehle wurden mit Ruhe ertheilt, und mit derjenigen Klarheit und Schnelligkeit, in welchen vielleicht das schätzbarste Verdienst eines See-Capitäns besteht. Die Raamitten wurden mit Ketten befestigt, die anderen Stengen aufs Verdeck hinabgelassen, die höheren Segel beschlagen, kurz, es wurden alle damals übliche Vorkehrungen getroffen; und das mit eben so vieler Gewandtheit als Schnelle. Die Trommel wirbelte, das Volk sammelte sich auf seine Posten, was den jungen Befehlshaber besser in den Stand setzte, den wirklich aktiven Stand seines Schiffes zu berechnen. Er rief den Segelmeister, bestieg mit demselben die Kampanje, damit ihre Unterredung nicht belauscht werden möchte, und sie zugleich die Manövers des Feindes besser beobachten könnten.

Der Fremde hatte, wie Spannsegel bereits richtig bemerkt, sich plötzlich auf dem Hintertheil umgedreht und sein Gallion nordwärts gelegt. Diese Veränderung im Laufe brachte ihn vor den Wind, und da er gleich darauf alles, was nur ziehen konnte, aufspannte, so näherte er sich mit starken Schritten. Während die Vorbereitungen am Bord der Coquette vor sich gingen, war sein Rumpf gleichsam aus den Fluthen hervorgestiegen, und die beiden auf der Kampanje stehenden Offiziere hatten nicht lange recognoscirt, so wurde der weiße, mit den dunkeln Pfortgaten besprenkelte Streif, der ein Kriegsschiff bezeichnet, selbst dem unbewaffneten Auge sichtbar. Da der Kreuzer der Königin Anna seinerseits auf das fremde Schiff zusteuerte, so brachte sie die nächste halbe Stunde einander nahe genug, um sich gegenseitig von der Beschaffenheit und Stärke des Gegners vollständig zu überzeugen. Hierauf kam der Fremde bei dem Wind und machte Anstalt zum Treffen.

»Der Kerl zeigt ein muthiges Herz und eine warme Batterie,« bemerkte der Meister, als die lange Seite des Feindes durch die erwähnte Aenderung seiner Stellung zu Gesichte kam. »Ich zähle sechsundzwanzig Zähne! inzwischen müssen ihm die Augenzähne denn doch fehlen, sonst würde er nie die Thorheit begehen, die Coquette der Königin Anna auf diese unverschämte Manier herauszufordern. Ein hübsch gedrechseltes Boot, Herr Capitän, das muß man sagen, auch gebricht ihm nicht ein behender Fuß. Aber sehen Sie nur einmal seine Obersegel an! gerade wie sein Charakter, Sir, lauter Körper mit wenig oder gar keinem Kopf. Ich will gar nicht in Abrede stellen, daß der Rumpf so ziemlich ist, denn der besteht bloß aus Zimmermannsarbeit; aber wenn es sich um das Auftakeln, Beisetzen oder den Schnitt eines Segels handelt, wie sollte da ein Havrer oder Brester wissen, was hübsch ist! Sagt, was Ihr wollt, nichts gleicht einem guten, gesunden, ehrlichen englischen Obersegel, weder zu breit an Körper, noch zu schmal an Kopf, mit einem Leik, das genau die rechte Form hat, mit Raabanden, Nockbendseln und Bulienen, die aussehen, als wenn sie an ihrer Stelle gewachsen wären, und Leinwand, welche weder Natur noch Kunst besser hervorbringen konnte. Da machen zum Beispiel diese Amerikaner Neuerungen im Schiffbauen und Sparrenwerk der Fahrzeuge, als wenn dabei was zu gewinnen wäre, daß sie die Sitten und Meinungen ihrer Vorfahren aufgeben. Jedermann kann sehen, daß alles an ihnen, was etwas taugt, englisch ist, dagegen alles Neumodische, was ihre Eitelkeit erfunden hat, nichts ist als Unsinn.«

»Sie kommen aber bei dem allen denn doch vorwärts, Herr Spannsegel,« erwiederte der Capitän, der, obgleich ein ziemlich loyaler Unterthan, seinen Geburtsort nicht vergessen konnte; »und gar manches Mal ist es diesem Schiffe, einem der schönsten Modelle von Plymouth, sauer genug geworden, die Küstenfahrzeuge dieser Gewässer einzuholen. Hat uns ja doch die Brigantine ausgelacht, selbst bei unserem besten Gang und dem erwünschtesten Winde.«

»Wo die Brigantine gebaut ist, das kann Niemand wissen, kann seyn hier, kann seyn anderswo; denn ich betrachte sie als eine eigene, noch nicht bekannte Gattung, wie der alte Admiral Top die Gallioten der nördlichen Meere zu nennen pflegte: was aber diese neuen amerikanischen Moden anbelangt, so frage ich Sie, Herr Capitan, wozu sind sie nütze? Erstlich sind sie weder englisch, noch französisch, was ziemlich so viel sagen will, daß sie überhaupt ausländisch sind; zweitens stören sie das Ebenmaaß und die unter Schiffbauern und Segelmachern herkömmlichen Gebräuche, und wenn sie auch jetzt passabel vorwärts kommen, so nehmen Sie, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, doch früher oder später ein schlimmes Ende. Es ist unvernünftig, anzunehmen, daß ein neues Volk in der Zusammenstellung eines Schiffes was erfinden könnte, was der Weisheit aller seefahrenden Nationen entgangen wäre – Sieh da! der Franzose geiet seine Bramsegel auf, und hat vor, sie in der Gei hangen zu lassen; was ziemlich dasselbe ist, als sie ohne weiteres preisgeben – aus diesen Gründen also bin ich, wie gesagt, der Meinung, daß diese neuen Moden kein gutes Ende nehmen.«

»Ihre Gründe, Herr Spannsegel, sind ganz schlagend,« erwiederte der mit seinen Gedanken ganz abwesende Capitän. »Ich stimme völlig mit Ihnen überein, daß der Stärkste am zweckmäßigsten handeln würde, wenn er seine Raaen abnähme.«

»Es sieht so männlich und passend aus, Sir, wenn ein Schiff sich vor dem Gefechte entblößt, wie ein Boxer, der seine Jacke ablegt, um seinem Gegner wacker zuzusetzen! Der Kerl füllt doch wieder und scheint manövriren zu wollen, ehe er sich ordentlich an's Werk macht.«

Ludlow's Auge blieb, während der ganzen Unterredung, fest auf das fremde Schiff gerichtet. Er sah, daß der Moment ernsten Kampfes nicht mehr fern sey, und nachdem er Spannsegel den Befehl gegeben, das Schiff in der genommenen Richtung zu halten, stieg er zur Schanze hinab. Die Hand schon auf's Schloß der Kajütenthür gelegt, zögerte der junge Commandeur einen Augenblick, besiegte jedoch seinen Widerwillen schnell, und trat hinein.

Die Coquette war nach einer Façon gebaut, welche, vor hundert Jahren gäng' und gebe, heutiges Tages bei Schiffen dieser Größe wieder stark in Anwendung kommt; denn der unbeständige Kreisgang der Mode macht sich in der Schiffs-Architektur nicht weniger geltend, als in minder wichtigen Dingen. Die Gemächer des Commandeurs befanden sich auf gleichem Deck mit den Batterien, und waren oft so eingerichtet, daß sie zwei, ja auch vier von den Geschützstücken enthielten. Als Ludlow daher in seine Kajüte eintrat, fand er eine Kanone, an der dem Feinde zugekehrten Seite, von der dazu gehörigen Mannschaft umstellt, und sämmtliche einem Gefechte vorangehende Vorkehrungen getroffen. Die Staatszimmer im Rücken jedoch, sowohl als das kleine dazwischen liegende Gemach, waren geschlossen. Beim Umsichschauen bemerkte er auch die mit ihren Aexten bereit stehenden Zimmerleute, denen er schweigend einen Wink gab, die Schotten wegzuschlagen, damit der zum Kampf bestimmte Raum durch diese Abtheilungen nicht zerstückelt bliebe. Während dieses Geschäft vor sich ging, trat er in die Hinter-Kajüte.

Er fand den Alderman und dessen Gefährten beisammen und offenbar in Erwartung des Besuches, den sie jetzt empfingen. Kalt bei Ersterem vorübergehend, näherte sich Ludlow seiner Nichte, faßte sie bei der Hand und führte sie nach der Schanze, indem er zugleich der Dienerin ein Zeichen gab, zu folgen. Von dort stieg der Capitän mit den seiner Sorgfalt Anempfohlenen in die Tiefen des Schiffes hinab, und geleitete sie dann zu einem Theil des niedrigsten, unterhalb der Wasserlinie liegenden Deckes, der von der Gefahr so weit entfernt war, als nur immer anging, wenn er ein so zartes weibliches Wesen nicht schlechten Seegerüchen oder dem Anblick schmerzlicher Auftritte aussetzen wollte.

»Dieser Ort bietet so viel Sicherheit dar, als ein Kriegsschiff in einem solchen Moment zu gewähren vermag,« sagte er, als sie schweigend auf einer Pack-Kiste Platz genommen. »Verlassen Sie unter keiner Bedingung diesen Fleck, bis ich.... oder ein Anderer Ihnen sagt, daß Sie es ohne Gefahr thun können.«

Alida hatte sich, ohne eine einzige Frage zu thun, hierher führen lassen. Selbst bei den kleinen Einrichtungen, es ihr bequemlich zu machen, ohne welche der junge Seemann, selbst in diesen so wichtigen Augenblicken, sich nicht entschließen konnte, sie zu verlassen, behauptete sie dasselbe Schweigen, obgleich ihre Wange sich bald roth, bald blaß färbte. Als aber nun alles fertig war, und ihr Begleiter im Begriffe sich zurückzuziehen, entfloh ihren Lippen in einem eiligen und unwillkührlichen Ausrufe, sein Name.

»Kann ich noch sonst etwas zur Beschwichtigung Ihrer Besorgnisse beitragen?« fragte der junge Mann, vermied es aber sorgfältig, ihr beim Sprechen in's Auge zu schauen. »Ich kenne Ihre Seelenstärke, und weiß, daß Sie eine Entschlossenheit besitzen, wie man sie bei Ihrem Geschlechte selten antrifft, sonst würde ich es nicht gewagt haben, Ihnen von der Gefahr zu sprechen, welcher man sich, selbst an diesem Orte, ohne Fassung und Besonnenheit den Eingebungen der Furcht entgegenzuwirken, aussetzen würde.«

»Ich danke Ihnen für Ihre hohe Idee von meiner Unerschrockenheit, allein ich bin nichts destoweniger nur ein Frauenzimmer, Ludlow.«

»Ich habe Sie für keine Amazone gehalten,« erwiederte der junge Mann lächelnd, als er merkte, daß sie sich Gewalt anthat, nicht mehr zu sagen. »Alles, was ich von Ihnen erwarte, ist, daß Sie die weibliche Furcht durch Vernunft besiegen. Ich verhehle Ihnen nicht, daß die Zahl, ja, und auch die Wahrscheinlichkeit gegen uns ist, doch der Feind soll mein Schiff bezahlen müssen, ehe er es bekommt! Und das Bewußtseyn, Alida, daß Deine Freiheit und Dein Glück in gewissem Grade von unseren Anstrengungen abhänge, wird gewiß nichts weniger als lähmend auf meinen Widerstand einwirken. – Wollten Sie noch etwas sagen?«

Die schöne Barbérie erkämpfte sich, ehe sie den Mund wieder öffnete, äußere Fassung.

»Es hat ein seltsames Mißverstandniß zwischen uns geherrscht, doch der gegenwärtige Augenblick eignet sich schlecht zur Aufhellung desselben. Ludlow, ich wünschte nicht, daß Sie mich jetzt mit diesem kalten, vorwurfsvollen Auge verließen!«

Sie schwieg. Als der junge Mann es wagte, den Blick in die Höhe zu heben, stand das schöne Mädchen vor ihm, ihm die Hand wie zum Unterpfand ihrer Freundschaft darreichend, während die tiefe Röthe ihrer Wange und ihr halb abgewendetes, aber versöhntes Auge – diese unwiderstehliche Beredsamkeit des Weibes den Seehelden besiegte. Er faßte ihre Hand und antwortete hastig:

»Es gab eine Zeit, wo diese Handlung mich beglückt hätte ...«

Hier verstummte er wieder, denn unbewußt blieb sein Auge an die Ringe der Finger, die er faßte, festgekettet. Alida verstand den Blick, zog einen der Brillanten ab und bot ihm denselben mit einem Lächeln dar, welches fast noch mehr hinriß, als ihre Schönheit.

»Ich kann wohl einen dieser Ringe vermissen,« sagte sie. »Nimm ihn hin, Ludlow, als ein Pfand, daß ich Dir keine Erklärung, die Du mit Recht fordern kannst, vorenthalten werde, und wenn Du Deine gegenwärtige Pflicht erfüllt hast, so löse ich mein gegebenes Pfand.«

Der Jüngling zwang sich mechanisch den Ring auf den kleinsten Finger mit einem verwirrten Blicke, welcher zu forschen schien, ob nicht einer von denjenigen, die sie behielt, das Zeichen verschenkter Treue sey. Wahrscheinlich würde er die Unterredung hier nicht abgebrochen haben, wenn nicht eben jetzt ein Kanonenschuß vom feindlichen Schiffe gefallen wäre. Dieser rief ihn zu den ernsten Pflichten der Stunde zurück. Schon mehr als halb geneigt, das Günstigste für seine Wünsche zu glauben, hob er die schöne Hand, die das Geschenk verliehen, an die Lippen und stürzte fort auf's Verdeck.

»Der Monsieur fängt an, sein Plappermaul aufzuthun,« sagte Spannsegel, welcher es keineswegs billigte, daß sein Commandeur unter solchen Umständen und wegen solcher Ursache das Verdeck verlassen hatte. »Sein Schuß reichte zwar nicht, aber es ist doch schon zu viel, einem Franzosen die Ehre des ersten Wortes einzuräumen.«

»Er hat bloß den Luv-Schuß gethan, das Zeichen der Herausforderung gegeben. Laß ihn herankommen, er wird uns nicht in der Stimmung finden, seine Gesellschaft bald aufzugeben!«

»Nein, nein, was das anbelangt, so sind wir zum Dableiben hinlänglich eingerichtet,« erwiederte der Segelmeister, indem er sich kichernd die Hände rieb, und zu den beinahe entblößten Spieren und dem leichten Windfang hinaufschaute, denn er hatte das Meiste unterdessen aus eigener Machtvollkommenheit einziehen lassen. »Wenn unser Spiel mit dem Laufen geführt werden soll, so haben wir gleich beim Anfang einen falschen Zug gethan. Diese paar Obersegel, nebst Brodwinner und Klüver, sind mehr Aushängeschilder für's Stehen als für's Rennen. Na, mag die Affaire enden wie sie will, weniger als Segelmeister kann ich nicht werden, und meinen Theil an der Ehre wird mir der erste Herzog in England nicht wegnehmen können.«

Sich also selber wegen seines Mangels an Aussicht auf Beförderung tröstend, schritt der alte Schwalker nach vorne, und beschäftigte sich mit strenger Prüfung aller Gegenstände. Der junge Commandeur schaute noch einmal um sich her, und begab sich dann wieder auf's Hüttendeck, wohin er seinen Gefangenen und den Rathsherrn ihm folgen hieß.

»Ich maße mir nicht an, Sie zu fragen, von welcher Art das Band sey, welches Sie mit gewissen Personen hier am Bord verbindet,« hob Ludlow an, indem er sich an den Seestreicher wendete, dabei aber den Blick auf dem so eben von Alida erhaltenen Geschenke weilen ließ: »daß es indessen ein inniges seyn müsse, davon zeugt die Theilnahme, die sie für Ihr Schicksal an den Tag gelegt. Wer aber solche Achtung genießt, der wird wohl auch nicht ohne Selbstachtung seyn. Lassen wir es jetzt unerwähnt, ob und wiefern Sie die Gesetze zu Ihrem Spiel gemacht haben: die öffentliche Meinung wenigstens ist gegen Sie, und diese zum Theil wieder für sich zu gewinnen, dazu bietet sich Ihnen jetzt die Gelegenheit dar. Sie sind ein Seemann, und ich brauche Ihnen daher nicht erst zu sagen, daß mein Schiff in diesem Augenblicke nicht so stark bemannt ist, als zu wünschen wäre, und daß die Dienste jedes Engländers jetzt willkommen sind. Uebernehmen Sie das Commando dieser sechs Kanonen, und mein Ehrenwort zum Pfand, Ihre Treue gegen die Flagge soll nicht unbelohnt bleiben.«

»Sie haben einen sehr irrigen Begriff von meinem Beruf, edler Capitän,« erwiederte der Contrebande-Händler, leise lachend. »Gehöre ich auch zur See, so bin ich doch mehr an die windstillen Breiten gewöhnt, als an diese Kriegesstürme. Sie waren auf der Brigantine unserer Gebieterin, und müssen also gesehen haben, daß ihr Tempel mehr dem des Janus gleicht, als dem des Mars. Das Verdeck der Wassernixe hat nichts von dieser düstern Kanoneneinfassung.«

Ludlow horchte hoch auf. Erstaunen, Ungläubigkeit und Verachtung drückte sich abwechselnd in seinem zürnenden Gesichte aus.

»Diese Sprache ziemt sich schlecht für einen Mann von Ihrem Fache,« sagte er, und gab sich kaum die Mühe, die Verachtung, die er fühlte, zu verbergen. »Erkennen Sie an, daß Sie dieser Flagge Unterthanentreue schuldig sind. – Sind Sie ein Engländer?«

»Ich bin das, was es dem Himmel gefallen hat, mich seyn zu lassen, passe besser für den Zephyr, als für den Sturm, besser für den leichten Scherz, als das Kriegsgeschrei, besser für die heitere Stunde als den grollenden Zorn.«

»Ist dies der Mann, dessen kühner Name zum Sprichwort geworden ist! der unerschrockene, rücksichtslose, geschickte Streicher durch die Meere!«

»Der Norden ist nicht weiter entfernt vom Süden, als ich von ihm in Beziehung auf die Eigenschaften, die Sie suchen. Ich war nicht schuldig, Ihnen den Irrthum über den Werth Ihres Gefangenen zu benehmen, so lange sich Der noch an der Küste befand, der unserer Herrin so unentbehrlich ist. Nicht der bin ich, den Sie nannten, tapferer Capitän, sondern nur einer seiner Diener, dem er das Geschäft anvertraut, seinen Waaren bei den Damen Absatz zu verschaffen, weil ich mit den weiblichen Launen ein wenig vertraut bin. Kann ich aber nichts nützen, wenn es gilt Schaden zuzufügen, so darf ich mich doch ohne Anmaßung für einen vortrefflichen Tröster ausgeben. Erlauben Sie, daß ich während des bevorstehenden Tumultes die Furcht der schönen Barbérie beschwichtige; Sie sollen gestehen, daß man nicht leicht Jemand findet, der dieses Amt der Milde besser zu verwalten verstehe.«

»Tröste wen, wo und was Du willst, erbärmliches Bild eines Mannes! – doch halt! in diesem lauernden Lächeln und verrätherischen Auge liegt nicht so sehr Schrecken als List!«

»Glauben Sie Beiden nicht, großmüthiger Capitän. Auf das Wort eines Menschen, der aufrichtig seyn kann, wenn es Noth thut: mein herrschendes Gefühl ist heilsame Furcht, was auch immer die ungehorsamen Gesichtszüge plaudern mögen. Ich könnte wirklich weinen, wenn ich gerade jetzt für tapfer gehalten würde!«

Immer mehr erstaunte der Capitän, und ließ die Hand, womit er den Seestreicher beim Arm gefaßt hatte, um denselben zurückzuhalten, allmählig herabgleiten, bis sie die Hand des Anderen berührte. Diese war so weich, daß ihm im Augenblicke der Berührung ein bis jetzt nicht im entferntesten geahnter Gedanke durch die Seele fuhr. Jetzt trat er einen oder zwei Schritte zurück, und maß die leichte, behende Gestalt des Fremden, vom Scheitel bis zur Zehe. Seine Stirn entwölkte sich, und an die Stelle des zürnenden Unwillens trat zum ersten Male reine, ungemischte Verwunderung. Jetzt erst fiel es ihm auf, daß der Ton der Stimme sanfter, melodischer sey, als Männer ihn zu haben pflegen.

»Nein, nein. Du bist nicht der Meerdurchstreicher!« rief er nach kurzer, prüfender Pause.

»Keine Wahrheit ist zuverlässiger. Auf mich kann nur wenig in diesem rauhen Treffen gerechnet werden. Wäre jener tapfere Seemann hier, – hier röthete sich die Wange tiefer – sein Arm und sein Rath käme einem Heere gleich. Sah ich ihn doch unter schwierigeren Umständen handeln, als die Elemente mit anderen Gefahren sich verschworen zu haben schienen. Sein heldenmüthiges Betragen flößte dem zaghaftesten Herzen auf der Brigantine Muth ein. Erlauben Sie mir jetzt, der bangen Alida Trost zuzusprechen?«

»Ich würde ihren Dank schlecht verdienen, schlüge ich Dir diese Bitte ab,« erwiederte Ludlow. »Geh, schmucker, tapferer Meister Seestreicher! Dein Dienst hier auf dem Verdeck ist nutzlos, wenn der Feind Deine Gegenwart hier so wenig fürchtet, als ich sie bei der schönen Barbérie befürchte.«

Der Seestreicher ward bis über die Schläfe roth, legte demüthig die Hände auf der Brust übereinander, beurlaubte sich mit einem Knix, dessen kritische Beschaffenheit dem aufmerksamen Capitän ein Lächeln abzwang, glitt sodann bei ihm vorüber und verschwand durch die Luken.

Ludlow verfolgte die behende, anmuthsvolle Gestalt mit dem Auge, so lange sie im Gesichte blieb, und als sie verschwand, richtete er auf den Rathsherrn einen fragenden Blick, um zu erfahren, ob dieser mit dem wahren Charakter des Individuums bekannt sey, das für ihn die Ursache so vieler Unruhe gewesen war.

»Habe ich wohl daran gethan, Sir, daß ich einem Unterthan der Königin bei unserer gefahrvollen Lage erlaubte, sich zurückzuziehen?« fragte er, denn sein schweigendes Prüfen war an Mynderts Phlegma oder Selbstbeherrschung gescheitert.

»Man könnte den Knaben füglich eine Contrebande im Kriege nennen,« antwortete, ohne eine Muskel zu verziehen, der Alderman; »einen Artikel, der sich besser bei einem ruhigen Markte verkaufen läßt, als bei einem stürmischen; kurz, Capitän Cornelius, dieser Meerdurchstreicher ist im Gefechte nicht Dein Mann.«

»Und wird sein heldenmüthiges Beispiel Nachahmer finden, oder darf ich auf den Beistand des Herrn Alderman Van Beverout zählen? Den Ruf eines loyalen Bürgers genießt er.«

»Was Loyalität betrifft,« erwiederte der Befragte, »in sofern sie darin besteht, die Königin bei städtischen Festlichkeiten hochleben zu lassen, so besitzt Keiner mehr davon als ich. Ein Wunsch ist keine theure Bezahlung für den Schutz, den uns ihre Flotten und Armeen gewähren, und von ganzem Herzen wünsche ich ihr und Ihnen Erfolg gegen den Feind. Hingegen war ich nie ein Bewunderer von der Art und Weise, wie man die Generalstaaten um den Besitz ihres Gebietes auf diesen Continent gebracht hat, und daher, mein lieber Herr Ludlow, zolle ich den Stuarts just soviel, als ich ihnen schuldig bin, und keinen Deut mehr.«

»Was wohl gleichbedeutend damit ist, daß Sie es dem schönen Smuggler nachmachen und Ihren Trost da spenden wollen, wo man ihn weder bedarf noch verlangt.«

»Nicht so rasch, junger Herr. Wir Kaufleute lieben es, in unseren Büchern erst die Hauptsummen auszuwerfen, ehe wir die Schlußbilanz ziehen. Was auch meine Meinung von der regierenden Familie seyn mag (die ich Ihnen übrigens nur im Vertrauen mitgetheilt habe, und nicht als eine auszugebende Münze), so steht sie doch immer noch besser bei mir angeschrieben als der Grand Monarque. Louis liegt im Streit mit den Vereinigten Provinzen, eben so gut als mit unserer allergnädigsten Königin; ich sehe also nicht, was es schaden kann, einen seiner Kreuzer ein wenig zu züchtigen, zumal da sie allerdings den Handel hemmen und die Bezahlung der Waaren beschwerlich und ungewiß machen. Auch wird's nicht das erstemal in meinem Leben seyn, daß ich Geschütz lösen höre, da ich in jüngeren Tagen Anführer eines Haufens der Städtischen Garde war, und ihn manchen Marsch und Contre-Marsch um die Kegelbahn machen ließ. Zur Ehre des zweiten Bezirks der guten Stadt Manhattans erkläre ich mich jetzt bereit zu zeigen, daß ich die Kriegskunst nicht gänzlich vergessen habe.«

»Geantwortet wie ein Mann! fällt die Ausführung eben so aus, so will ich mich um Ihre Beweggründe nicht weiter bekümmern, mögen sie seyn, welche sie wollen. Der Offizier ist's, der dem Schiffe den Sieg sichert, denn, leuchtet er mit gutem Beispiel vor und versteht er seine Schuldigkeit, so kann man sich auf die Gemeinen verlassen. Wählen Sie unter diesen Kanonen sich einen Posten, und dann dort den Schranzen Ludwigs den Bissen versalzen! gleichviel, ob wir es als Engländer oder als die bloßen Verbündeten der Sieben Provinzen thun.«

Myndert stieg zur Schanze hinab. Hier zog er den Rock aus, legte ihn bedächtig auf's Gangspill, nahm die Perücke ab und band sich an ihrer Stelle das Taschentuch um den Kopf, befestigte die Schnalle, welche die Dienste eines Hosenträgers that, und warf dann einen solchen Blick längs der Geschütze, welcher die Beistehenden versicherte, daß er sich wenigstens vor dem Rückprallen derselben nicht fürchtete.

Der Rathsherr Van Beverout war ein viel zu wichtiger Mann, als daß er nicht von den meisten derjenigen, die oft nach der ansehnlichen Stadt kamen, wo er Magistratsperson war, hätte gekannt seyn sollen. Daher brachte seine Anwesenheit unter den Leuten, von denen viele aus der Colonie gebürtig waren, eine wohlthätige Wirkung hervor. Einige fühlten sich durch sein beherztes Benehmen aufgemuntert, Andere mochten sich vielleicht, als sie einen so reichen Mann, dem sein Leben so lieb seyn mußte, sich muthig unter die Kämpfenden stellen sahen, einen minder beunruhigenden Begriff von der Gefahr machen. Dem sey wie ihm wolle, genug, der Bürger wurde mit einem Hurrah empfangen, was ihn zu einer bündigen pikanten Rede aufmunterte, worin er seine Waffengefährten aufforderte, ihre Schuldigkeit so zu thun, daß sie den Franzosen die weise Lehre, künftig die Küste unbehelligt zu lassen, handgreiflich darthäten. Dagegen enthielt er sich aller der herkömmlichen Gemeinplätze und Anspielungen auf König und Vaterland, und zwar wohlweislich, weil er fühlte, daß er der Sache nicht ihr Recht anthun würde.

»Ein Jeglicher halte sich denjenigen Grund zum Muthe vor, der seinen Sitten und Meinungen am besten entspricht,« schloß dieser neuere Nachahmer der Hannibals und der Scipione des Alterthums; »denn das ist der zuverlässigste und kürzeste Weg, sich in Harnisch zu bringen. So wie es mir nicht an einem hinlänglichen Beweggrund fehlt, so wird ein jeder unter Euch wahrscheinlich eins oder das andere auffinden können, was ihn bestimme, mit Herz und Hand in die Schlacht zu gehen. Potz Protest und Kredit! was würde aus den Geschäften des besten Hauses in der Colonie werden, wenn der Chef desselben als Gefangener nach Brest oder l'Orient wanderte! Die ganze Stadt konnte so was in Unordnung bringen. Ich will euren Patriotismus nicht durch Zweifel beleidigen, und nehme daher ohne Weiteres an, daß Ihr wie ich entschlossen seyd, aufs Aeußerste Widerstand zu leisten, denn die Angelegenheit geht Jeden an, wie überhaupt alle Handelsfragen, weil sie auf das Glück und Wohlseyn der Gesellschaft Einfluß haben.«

Nachdem der Bürger seine Anrede mit einer so passenden, das Gemeinwohl berücksichtigenden Anspielung geschlossen hatte, räusperte er sich furchtbar und nahm dann wieder sein gewöhnliches gravitätisches Schweigen an, seines eigenen Beifalls vollkommen gewiß. Trägt der Inhalt der Beverout'schen Kriegs-Beredsamkeit zu sehr das Gepräge ungetheilter Aufmerksamkeit auf seine eigenen Angelegenheiten, so vergesse der Leser nicht, daß gerade diese alles auf sich beziehende Individualität die Quelle ist, der die größten und glücklichsten Unternehmungen in der Handelswelt entfließen. Was die Seeleute, die Mynderts Zuhörer waren, betrifft, so erfüllte sie dessen Rede mit Bewunderung, eben weil sie kein Wort davon verstanden hatten. Soll ein Aufruf sich des Beifalls Aller erfreuen, so muß er entweder so durchsichtig klar seyn, daß jeder seine eigenen Gedanken darin glücklich wiedergegeben findet, oder so unverständlich, daß jeder es wenigstens glaubt.

»Ihr seht Euren Feind, und kennt Eure Arbeit!« sprach Ludlow, indem er unter seinen Leuten umherging, mit klarer, tiefer, männlicher Stimme und festem gehaltenen Ton, der in gefahrvollen Augenblicken so ergreifend wirkt. »Ich will nicht behaupten, daß wir so zahlreich sind als zu wünschen wäre, aber je größer die Nothwendigkeit ist, tüchtig Hand anzulegen, je bereitwilliger ist jeder ächte Seemann, es zu thun. Die Flagge dort oben ist nicht angenagelt. Bin ich todt, so mögt Ihr sie niederreißen, wenn Ihr Lust dazu habt; so lang ich aber lebe, Bursche, soll sie an ihrem Ort bleiben! Und nun ein Hurrah, um Eure Stimmung zu zeigen, alles übrige Geräusch komme dann aus den Kanonenschlünden.«

Die Mannschaft gehorchte: es war ein kräftiges muthvolles Kriegsgeschrei. Einem jungen Seekadett machte das Getümmel, selbst unter solchen Umständen, so viel Freude, daß er laut aufjauchzte; Spannsegel aber belehrte ihn, daß er selten eine hübschere nautische Rede gehört habe, als die, welche der Capitän so eben gehalten; es sey eine unvergleichliche Vereinigung des Schlichten mit dem Herrischen.

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