Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
Schließen

Navigation:

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

              »Wenn ich das erzählte,
Wer würde es mir glauben!«
Maaß für Maaß.

Die im vorhergehenden Kapitel beschriebene Zusammenkunft hatte in den früheren Stunden der Nacht stattgefunden. Es wird nunmehr unsre Pflicht, den Leser in eine andere zu versetzen, die sich mehrere Stunden später ereignete, nachdem der Tag bereits aufgegangen war über die gewerbfleißigen Bürgersleute Manhattans.

Nicht weit von einem der hölzernen, den Seearm, an welchem die Stadt so glücklich gelegen ist, einfassenden Kaien stand ein Haus, das alle Anzeichen an sich trug, daß der Eigenthümer einen für jene Zeit und jenes Land blühenden Detail-Handel trieb. Ungeachtet der noch so frühen Morgenstunde, standen die Fenster dieses Hauses schon offen, und ein Individuum mit geschäftigaussehender Physiognomie streckte den Kopf so wiederholentlich heraus, daß man nicht umhin konnte, zu vermuthen, es erwarte die Erscheinung eines Zweiten in der Angelegenheit, welche muthmaßlich die Ursache des ungewöhnlich frühen Aufstehens war. Ein entsetzlicher Schlag an der Thüre befreite endlich den Geschäftigen von seiner Unruhe; hastig eilte er zu öffnen, und als der Besuch eintrat, verbeugte er sich bis auf die Erde, und betheuerte mit pomphaften Worten seine tiefste Ergebenheit.

»Dies ist eine Ehre, Mylord, die Leuten meines bescheidenen Standes nicht oft zu Theil wird,« sagte der Hausbesitzer in der schnippischen Aussprache eines gemeinen Städters; »allein ich glaubte, es würde Ew. Herrlichkeit angenehmer seyn, den – hem – hier zu empfangen, als an dem Ort, wo Ew. Herrlichkeit just eben zu wohnen geruhen. Wollen Ew. Herrlichkeit geruhen, Platz zu nehmen, nachdem Ew. Herrlichkeit den Spaziergang hierher gemacht haben?«

»Ich danke Euch, Carnaby,« erwiederte der Andere, den angebotenen Sitz mit der Miene eines nachlässig vornehmen Wesens einnehmend. »Ihr urtheilt mit Eurer gewöhnlichen Weisheit hinsichtlich des Orts. Inzwischen zweifle ich, ob es überhaupt klug ist, ihn zu sprechen; ist der Mensch da?«

»Versteht sich, Mylord; er würde sich schwerlich die Freiheit nehmen, Ew. Herrlichkeit warten zu lassen, und viel weniger noch würde ich ihm behülflich seyn, wenn er die Achtung so gröblich vergessen könnte. Er wird sich höchst beglückt fühlen, Ihnen aufzuwarten, Mylord, zu jeder Zeit, wann es Ew. Herrlichkeit beliebt.«

»Er mag warten; es ist nicht nöthig, zu eilen. Wahrscheinlich hat er etwas von dem, weswegen man meine Muße so außerordentlicherweise unterbrochen, Euch mitgetheilt, Carnaby; Ihr mögt es mittlerweile immerhin eröffnen.«

»Der Kerl, es thut mir leid, Mylord, sagen zu müssen, ist eigensinnig wie ein Maulthier. Ich fühlte wohl, daß es unschicklich sey, ihn persönlich bei Ew. Herrlichkeit einzuführen, aber er bestand darauf, daß das, was er Ew. Herrlichkeit zu sagen habe, für Ew. Herrlichkeit äußerst wichtig sey; da ich nun nicht wissen konnte, Mylord, was Ihnen recht seyn würde oder nicht, so nahm ich mir die unterthänigste Freiheit, das Billet zu schreiben.«

»Ein ganz schicklich abgefaßtes Billet, das muß man sagen, Herr Carnaby, ein besser stylisirtes Schreiben habe ich seit meiner Anwesenheit in der Colonie nicht erhalten.«

»Wahrlich, die Billigung Ew. Herrlichkeit könnte Einen mit Recht stolz machen. Es ist der Ehrgeiz meines ganzen Lebens, die Pflichten meines Standes zu erfüllen, alle Vornehmeren, Mylord, mit gehöriger Achtung, und alle Geringeren wie sich's gehört zu behandeln. Wenn ich mir einen Gedanken in solcher Sache erlauben darf, Mylord, so ist es der, daß diese Colonisten sich nicht sonderlich weder in ihrem Briefwechsel, noch in irgend einer andern Sache auf die Schicklichkeit verstehen.«

Der Adeliche machte ein Achselzucken und gab seinen Blicken einen Ausdruck, welcher den Krämer aufmunterte, fortzufahren.

»Das sind bloß so meine eignen Ansichten, Mylord,« schwatzte er albern lächelnd weiter, »indessen,« fügte er mit einer nachsichtsvollen Gönnermiene hinzu: »wie sollen sie es besser verstehen! England ist denn doch nur eine Insel, die ganze Welt kann nun einmal nicht auf demselben Fleck Erde geboren und erzogen werden.«

»Das wäre unbequem, Carnaby, wenn es auch keine sonstige unangenehme Folgen hätte.«

»Fast Wort für Wort, nur unendlich besser ausgedrückt, meine eigenen Gedanken, wie ich sie erst gestern meiner Frau vorgetragen habe. Es wäre unbequem, sagte ich, Frau, den andern Miether aufzunehmen, denn Alle können nicht in demselben Hause wohnen; dies ist gleichsam derselbe Gesichtspunkt, den Ew. Herrlichkeit in der eben ausgesprochenen Gesinnung zu nehmen geruhen. Ich sollte zu Gunsten der armen Frau nicht zu erwähnen vergessen, daß sie, wie wir jenes Gespräch mit einander führten, ihr höchliches Bedauern darüber äußerte, Ew. Herrlichkeit bei Ihrer bevorstehenden Rückkehr nach England uns verlassen zu sehen.«

»Eigentlich ist dies eher ein Grund zur Freude, als zum Bedauern. Diese Verhaftung oder Beschränkung eines so nahen Verwandten der Krone ist eine Angelegenheit, die nothwendig unangenehme Folgen nach sich ziehen muß, abgesehen davon, daß sie ein trauriger Verstoß gegen alle Schicklichkeit ist.«

»Es ist entsetzlich, Mylord! Die Opposition im Parlament ist Schuld daran, daß es nicht von Gesetzwegen dergleichen wie Sakrilegium bestraft; schämen sollte sich die Opposition, die ohnehin so manche andere heilsame, das Beste des Unterthans bezweckende Maaßregeln vereitelt.«

»Fürwahr ich weiß noch nicht, ob ich nicht dahin gebracht werde, selber zu ihr überzugehen, wie schlecht sie auch ist, Carnaby; denn diese Vernachläßigung der Minister, um der Sache keinen schlimmern Namen zu geben, könnte Einen zu noch gehässigeren Schritten anstacheln.«

»Wahrhaftig, Niemand könnte es Ew. Herrlichkeit verdenken, wenn Ew. Herrlichkeit zu irgend Jemand oder Etwas überzugehen geruhten, ausgenommen zu den Franzosen. Das habe ich oft zu meiner Frau gesagt, in unsern häufigen Gesprächen über die unangenehme Lage, in die sich Ew. Herrlichkeit versetzt sehen.«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß eine so kuriose Affaire so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde,« bemerkte der Lord, sichtlich gekränkt durch des Krämers Anspielung.

»Sie zieht sie auf sich, aber nur auf die schicklichste und ehrerbietigste Art, Mylord. Weder meine Frau noch ich erlauben uns eine Bemerkung über diese Sache, außer in der schicklichsten Sprache, wie es ächten englischen Leuten geziemt.«

»Diese Bescheidenheit könnte einen größeren Irrthum verzeihlich machen. Das Wort: schicklich, ist ein kluger Ausdruck, und bezeichnet alles, was man nur immer will. Ich hätte Euch nicht für einen so gebildeten und gescheiten Mann gehalten, Herr Carnaby; daß Ihr in Geschäftssachen gewandt wäret, wußte ich immer, aber so leichte Fassungsgaben, so gereifte Grundsätze hätte ich, geradezu gestanden, in Euch nicht vorausgesetzt. Könnt Ihr nicht ungefähr vermuthen, was dieser Mensch mir zu sagen haben mag?«

»Nicht im Mindesten, Mylord. Ich stellte ihm dringend die Unschicklichkeit einer persönlichen Aufwartung vor; er ließ etwas fallen von einem Geschäft oder so was, denn außer daß er meinte, es gehe Ew. Herrlichkeit nahe an, habe ich nichts verstanden, und wir hätten uns fast ohne weitere Erklärung wieder getrennt.«

»Ich will den Kerl nicht sehen.«

»Just wie es Ew. Herrlichkeit gefällt. Gewiß, nachdem so manches kleine Geschäft durch meine Hände gegangen ist, hätte mir auch dieses mit Sicherheit anvertraut werden können, auch sagte ich's; da er mich aber durchaus nicht zum Unterhändler haben wollte, und darauf bestand, daß es sehr zu Ew. Herrlichkeit Nutzen gereichen würde, – I nun, so dachte ich, Mylord, daß vielleicht – eben jetzt...«

»Führ' ihn herein.«

Carnaby verbeugte sich tief und unterwürfig, und nachdem er sich noch mit dem Zurechtstellen der Stühle und dem Heranrücken des Tisches an den Ort, wo der Lord saß, zu schaffen gemacht hatte, verließ er das Zimmer.

»Wo ist der Mensch, den ich Dich hieß im Laden zu halten?« fragte der Krämer draußen mit rauher, gebieterischer Stimme einen schweigsamen, demüthig aussehenden Jüngling, welcher die Handlung bei ihm lernen sollte. »Ich stehe dafür, Du hast ihn in der Küche gelassen und Dich auf der Straße herumgetrieben! Einen achtloseren, unaufmerksameren Jungen als Du gibt's in ganz Amerika nicht, und kein Tag vergeht, wo ich es nicht bereue, Dich in die Lehre genommen zu haben. Du sollst schon dafür büßen, Du ...«

Die Erscheinung der Person, die er suchte, riß den Faden der Verwünschungen entzwei, den der kriechende Materialhändler und häusliche Tyrann sonst noch lange ausgesponnen haben würde. Er führte den Fremden unmittelbar zum Lord in's Zimmer und ließ beide allein.

Obgleich der entartete Abkömmling des großen Clarendon keinen Anstand genommen hatte, den unregelmäßigen, gesetzwidrigen Handel, der damals in den. amerikanischen Gewässern so überhand genommen hatte, mit der Macht, die sein Amt ihm gab, zu verhüllen, so hatte er doch die, freilich kümmerliche, Rücksicht auf die Meinung des Publikums nicht aus den Augen verloren, mit den Freihändlern nicht persönlich zu verkehren. Unter dem Schirm seines amtlichen und persönlichen Ranges wußte er sein Gewissen damit zu beschwichtigen, daß er heimlich glaubte, die Habgier sey minder feil, wenn ihre Zugänge verborgen bleiben, und er übe eine wichtige und in seiner Stellung gebieterische Pflicht, wenn er den Werkzeugen seiner Habgier den unmittelbaren Zutritt zu sich verweigere. Zur Ausübung der Tugend selbst unfähig, wähnte er genug gethan zu haben, wenn er ihren schönen Schein beibehielt. Selbst diese geringe Huldigung des äußern Anstandes war seinen persönlichen Sitten fremd. Wenn indessen sein Privatcharakter zu verworfen war, um ihm Empfänglichkeit für Scham zu lassen, so nöthigte ihm doch der Rangstolz diese Einschränkung ab. Carnaby war so ziemlich der verworfenste und niedrigste unter den Menschen, mit denen er sich je herabließ, persönlich umzugehen, und selbst bei Diesem würde er vielleicht keine Ausnahme gemacht haben, hätten seine Bedürfnisse ihn nicht gezwungen, sich so tief zu erniedrigen, daß er Geldunterstützungen von einem Wesen annehmen mußte, das er gleich sehr haßte und verachtete.

Als daher die Thüre geöffnet wurde, stand der Lord Cornbury auf, und entschlossen, die Unterredung so schnell als möglich zu beendigen, kehrte er sich mit einer entfernenden, vornehmen Miene gegen den Eintretenden, die, wie er nicht zweifelte, seinen Zweck befördern würde. Allein ein ganz anderer Mann, als der schmeichelnde, dienstfertige Materialist stand ihm jetzt gegenüber – es war der Seemann vom indischen Shawl. Auge traf Auge; sein Gebieterblick ward mit einem eben so festen, wo nicht eben so messenden, erwiedert. An der Gelassenheit der herrlichen, männlichen Gestalt vor ihm konnte er leicht sehen, daß ihr Eigner Ansprüche auf Aristokratie machte; aber es war die Aristokratie der Natur. Der Edelmann war so befremdet, daß er seine Rolle gänzlich vergaß, und es lag eben so viel Bewunderung als Befehlshaberisches in seiner Stimme, als er endlich sagte:

»Dies also ist der Meerdurchstreicher!«

»So nennen mich die Menschen; wenn ein auf dem Meere zugebrachtes Leben mir Anspruch auf den Namen gibt, so habe ich ihn redlich erworben.«

»Ihr Charakter – – oder wie ich sagen kann, einige Theile Ihrer Geschichte, sind mir nicht unbekannt. Der gute Carnaby, ein würdiger, fleißiger Mann, der eine noch unerzogene Familie zu ernähren hat, bat mich, Sie zu empfangen, was den Schritt, den ich thue, einigermaßen entschuldigt. Männer von einem gewissen Rang, mein Herr, sind ihrem Range so viel schuldig, daß ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen muß.«

»Ich habe schon in der Gegenwart höherer Personen gestanden, Mylord, und mich durch die Ehre so wenig verändert gefunden, daß ich keine Neigung verspüre, mich der jetzigen zu rühmen. Männer von fürstlichem Rang haben aus meiner Bekanntschaft Nutzen gezogen.«

»Ich läugne Ihre Nützlichkeit nicht, Sir; ich wollte nur sagen, daß kluges Verfahren hier dringend nöthig sey. Wo ich nicht irre, so besteht zwischen uns eine Art von stillschweigendem Vertrag, – wenigstens erklärt Carnaby die Verhandlung so, denn ich selbst lasse mich selten auf diese Partikularitäten ein – welchem zufolge Sie vielleicht einiges Recht zu haben vermeinen können, mich in dem Verzeichniß Ihrer Kunden mit aufzuführen. Männer von hohen Chargen müssen für die Gesetze Achtung zeigen; und doch ist es nicht immer bequem, noch selbst nützlich, daß sie sich jede Freiheit versagen, welche die Politik dem gemeinen Haufen verbietet. Wer so viel vom Leben gesehen hat, wie Sie, der bedarf hierüber keine nähere Auseinandersetzung, und ich zweifle nicht, daß unsre gegenwärtige Unterredung sich zufriedenstellend enden werde.«

Der Meerdurchstreicher hielt es kaum für nöthig, die Verachtung zu verbergen, welche, während der Andere sich bemühte, seine Habgier zu bemänteln, auf seiner sich verziehenden Lippe saß, und nickte, als dieser nun fertig war, nachlässig beistimmend mit dem Kopfe. Der Ex-Gouverneur merkte jetzt, daß ihm sein Versuch nichts half; er warf daher die Larve ab und ließ seinen Neigungen und seinem Geschmacke ungebundeneren Lauf, was ihm besser gelang.

»Carnaby hat sich als treuer Unterhändler bewährt,« fuhr er fort, »und nach seinen Berichten zu urtheilen, haben wir unser Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt. Ist es wahr, was der Ruf verkündet, so gibt es keinen gewandteren Beschiffer der engen Kanäle als Du bist, lieber Meerdurchstreicher. Auch läßt sich annehmen, daß Ihre Correspondenten an dieser Küste eben so gewinnbringend, als sie ohne Zweifel zahlreich sind.«

»Wer wohlfeil losschlägt, dem kann es an Abnehmern nicht fehlen. Sie haben keine Ursache, denke ich, sich über meine Preise zu beklagen, Mylord.«

»So spitz wie sein Compaß! Wohlan, Sir, Sie wissen doch, ich bin nicht mehr Gebieter hier: darf ich fragen, was Sie zu mir führt?«

»Ich bin gekommen, um mir Ihr Interesse für Jemand, welcher von den königlichen Offizieren erhascht worden ist, zu verschaffen.«

»Hem – dies will so viel sagen, daß der Kreuzer in der Bai irgend einen unbedachtsamen Smuggler erwischt hat. Niemand von uns ist unsterblich, und für Leute von Ihrer Handelssekte ist Verhaftung gesetzlicher Tod. Das Wort Interesse hat übrigens viele Bedeutungen. Der eine macht ein Darlehen, und hat sein Interesse dabei; der Andere borgt, und hat auch eins; der Gläubiger ist eben so interessirt, Geld zu empfangen, als der Schuldner ist, ihm keines zu geben. Ferner gibt es ein Interesse bei Hofe und ein Interesse am Hofe – kurz, Sie müssen sich deutlicher erklären, wenn ich wissen soll, warum Sie mich aufsuchen.«

»Es ist mir nicht unbekannt, daß es der Königin gefallen hat, einen andern Gouverneur für diese Colonie zu ernennen, auch nicht, daß Ihre Gläubiger, Mylord, es für klug gehalten haben, sich als Pfand für ihre Gelder Ihrer Person zu bemächtigen; dessenungeachtet kann ich nicht umhin, zu glauben, daß Jemand, welcher dem Geblüte der Königin so nahe steht, und früher oder später im Mutterlande zu Rang und Vermögen gelangen muß, um eine so geringe Gunst als die ist, welche ich suche, nicht vergeblich bitten wird. Dies hat mich vorzugsweise bewogen, mit Ihnen zu verhandeln.«

»Eine so klare Auseinandersetzung, wie sie der allerschlaueste Casuist nur immer wünschen kann! Ich bewundere Ihre Bündigkeit, Herr Meerdurchstreicher, und räume ein, daß sie das non plus ultra aller Etiquette sind. Wenn Sie erst Ihr Schäfchen im Trocknen haben, so empfehle ich Ihnen den Hofzirkel als den passendsten Ort für Ihre Zurückgezogenheit. Gouverneurs, Gläubiger, Königin und Gefangenschaft, Alles so gedrängt in demselben Satz an einander gereihet, als wäre es das auf einen Daumnagel geschriebene Glaubensbekenntniß! Gut, Sir, nehmen wir vorläufig an, ich besäße den Einfluß, den Sie brauchen: wer und was ist der Verbrecher?«

»Er heißt Seestreicher, ein nützlicher, angenehmer Jüngling, der zwischen mir und meinen Kunden viel verkehrt; stets sorglos und guter Dinge, ist er Allen in meiner Brigantine theuer, weil er eine erprobte Treue und erfindsamen Witz besitzt. Gern würden wir den Ertrag der ganzen Reise für seine Freiheit dahingeben. Mir ist er ein unentbehrlicher Unterhändler, wegen der Fertigkeit, mit welcher er reiche Gewebe und andere Luxusartikel, welche meine Waarenkammer füllen, zu beurtheilen versteht, denn ich selbst passe mehr dazu, das Fahrzeug in seinen Hafen zu führen und zwischen Untiefen und unter Stürmen für dessen Sicherheit zu sorgen, als mit diesen Spielereien weiblicher Eitelkeit umzugehen.«

»Ein so verschlagener Zwischengänger hätte aber auch keinen Fluthwächter für einen Kunden halten sollen. Wie ging's denn zu mit der Sache?«

»In einem unglücklichen Augenblick stieß er auf die Barke der Coquette, und da wir erst kurz vorher durch den Kreuzer von der Küste verjagt worden waren, so mußten wir seine Arretirung schon geschehen lassen.«

»Der Knoten ist verwickelt genug. Wenn dieser Ludlow erst seinen Entschluß gefaßt hat, so gehört mehr als eine Kleinigkeit dazu, ihn davon wieder abzubringen. In der ganzen Flotte kenne ich Niemand, der strenger an dem Buchstaben seiner Ordre klebte; ein Mann, Sir, welcher glaubt, Worte hätten nicht mehr als Einen Sinn, und der sich so wenig als nur denkbar auf den Unterschied zwischen der Theorie und der Praxis versteht.«

»Er ist ein Seemann, Mylord, und liest seine Instruktionen mit der einem Seemann eigenen Einfalt. Ich denke darum, weil er sich nicht von seiner Pflicht weglocken läßt, nicht schlechter von ihm. Wir mögen nun was wir wollen für das Rechte halten, wenn wir erst einen Dienst gewählt haben, so geziemt es Jedem, selbigen treu zu verrichten.«

Auf der Wange des grundsatzlosen Cornbury zeigte sich ein kleiner rother Punkt und verschwand wieder. Er schämte sich seiner Schwäche, affektirte ein Gelächter und fuhr fort:

»Ihre Nachsicht und christliche Liebe würde einen Kirchenmann zieren, Herr Meerdurchstreicher! Nichts kann übrigens wahrer seyn, da wir doch einmal in einem Zeitalter moralischer Wahrheiten leben, wie die protestantische Thronfolge einen Beweis davon liefert. Man erwartet jetzt von Menschen, daß sie handeln, nicht viele Worte machen. Ist denn der Bursch von solcher Nützlichkeit, daß man ihn seinem Schicksal nicht überlassen kann?«

»Wie theuer mir auch meine Brigantine ist – und Wenige hangen mit stärkerer Liebe am Weibe – so will ich doch lieber das schöne Fahrzeug zu einem königlichen Zollkutter herabgewürdigt sehen, als einem solchen Gedanken Raum geben. Indessen befürchte ich eben keine lange und schwere Haft für den Jüngling, da Leute, die nicht ganz ohne Macht sind, sich seiner bereits mit inniger Freundschaft annehmen.«

»So haben Sie den Brigadier besiegt!« rief der Andere aus, mit einem Hervorbrechen triumphirender Schadenfreude, welche das Bischen Zurückhaltung in seinen Aeußerungen vollends vernichtete; »so hat denn dieser makellose, reformirende Stellvertreter meiner königlichen Base endlich die goldene Angel angebissen, und beweist sich am Ende doch als einen ächten Colonial-Gouverneur!«

»Nein, Mylord Viscount. Was wir von Ihrem Amtsnachfolger zu hoffen, oder was wir von ihm zu fürchten haben, ist mir noch Geheimniß.«

»Setzen Sie ihm mit Versprechungen zu, Herr Meerdurchstreicher, halten Sie seiner Einbildungskraft goldene Hoffnungen vor, lassen Sie das Gold selbst vor seinen Augen glänzen, und es wird Ihnen gelingen. Ich verpfände die mir zufallenden Grafentitel und Güter, er unterliegt! Sir, diese Anstellungen fern vom Mutterlande gleichen so vielen halb ermächtigten Münzen, in denen Geld geprägt wird, – die einzige falsche Münze ist der nachäffende Repräsentant der Majestät. Bearbeiten Sie ihn mit goldenen Hoffnungen: ist er sterblich, so gibt er nach!«

»Und dennoch, Mylord, sind mir schon Leute vorgekommen, welche Armuth und eigne Ueberzeugung dem Golde, mit der Befolgung einer fremden Ueberzeugung verbunden, vorgezogen.«

»So waren die Pinsel ein bloßes Naturspiel!« schrie der lüderliche Cornbury, alle Zurückhaltung verlierend, in der ganzen Zügellosigkeit seines bekannten, zur Natur gewordenen Charakters. »Sie hätten sie in einen Käfig einsperren sollen, Sir, und sie den Neugierigen als seltene Tröpfe für Geld sehen lassen. Mißverstehen Sie mich nicht, Sir, wenn ich ein wenig vertraulich spreche: ich hoffe, ich kenne so gut wie Andere den Unterschied zwischen einem Manne von Geburt und einem Gleichmacher; aber glauben Sie mir, dieser Herr Hunter ist ein Sterblicher und gibt nach, wenn nur die rechten Mittel angewendet werden: und was erwarten Sie noch von mir?«

»Daß Sie denjenigen Einfluß wollen geltend machen, dem der Erfolg gewiß ist, da es zwischen Personen von Stande einen gewissen Höflichkeits-Vertrag gibt, der sie, im Geiste ihrer Kaste, oft vergessen läßt, daß ein Gesuch von einem Nebenbuhler komme. Der Vetter der Königin Anna kann noch immer für einen Menschen, dessen schwerstes Verbrechen das Schwärzen ist, die Freiheit bewirken, wenn er auch nicht im Stande war, sich selbst den Sitz der Regierung zu erhalten.«

»Nun ja, so weit reicht vielleicht mein geringer Einfluß noch, vorausgesetzt, daß der Bursch in keiner Proscriptionsakte ausdrücklich namhaft gemacht ist. Recht gern, mein Herr, würde ich meine Wirksamkeit auf dieser Halbkugel mit einer Handlung der Gnade beschließen, wenn ... in der That ... ich die Mittel ...«

»Die sollen nicht fehlen. Ich weiß es, das Gesetz ist wie jeder andere Artikel, der hoch im Preise steht. Einige sind der Meinung, die Gerechtigkeit habe deßwegen eine Waage in der Hand um ihre Sporteln damit abzuwägen. Wird auch der Gewinnst dieses meines wagehalsigen, schlaflosen Handels bei Weitem überschätzt, so würde ich doch mit Freuden ihre Schalen mit zweihundert hellen Goldstücken belasten, hätte ich jenen Jüngling wieder in der Kajüte der Brigantine in Sicherheit.«

Bei diesen Worten zog der Meerdurchstreicher mit der Ruhe eines Menschen, der kein Freund von leeren Redensarten ist, einen schweren Beutel Goldstücke unter dem Rock hervor und legte denselben, ohne einen zweiten Blick darauf zu thun, auf den Tisch. Nachdem dieses Opfer dargebracht war, wendete er sich nicht so sehr absichtlich als durch eine ungezwungene Körperbewegung anderswohin, und als er seine vorige, dem Lord zugekehrte Stellung wieder annahm, war der Beutel verschwunden.

»Ihre Liebe zu dem Knaben, mein Herr, ist wirklich rührend,« erwiederte der bestechliche Cornbury; »es wäre Jammerschade, wenn solche Freundschaft vergeblich bliebe. Wird man Beweise vorbringen können, die seine Verurtheilung unausweichlich machen?«

»Schwerlich. Er hat nur mit der höheren Classe meiner Kunden verkehrt, und auch unter diesen mit nur Wenigen. Was ich jetzt thue, geschieht mehr, weil ich den Jüngling zärtlich liebe, als weil ich sonderliche Zweifel über den Ausgang der Sache hegte. Ich darf Sie also unter seine Gönner zählen, Mylord, falls die Sache ruchbar wird?«

»Ihre Offenherzigkeit verdient es; doch wird Herr Ludlow sich mit dem Besitz eines Untergeordneten begnügen, wenn die Hauptperson so nahe ist, und werden wir es nicht mit der Confiscation der Brigantine zu thun bekommen?«

»Die Sorge für alles Andere übernehme ich. Uebrigens kamen wir erst vergangene Nacht mit genauer Noth davon. Wir lagen vor einem kleinen Wurfanker und erwarteten Den, welcher in die Gefangenschaft gerathen ist; der Commandeur der Coquette selbst benützte den Vortheil, welchen der Besitz unseres Nachens ihm gab, und machte sich bis an den Zug unserer Pferdelien heran, ja er war schon im Begriff sie zu durchschneiden, als wir sein gefährliches Vorhaben gewahr wurden. Es wäre eine Schmach für die Wassernixe gewesen, wie ein treibender Holzklotz an's Ufer geworfen zu werden, und sich in ihrer stolzen Laufbahn durch eine Beschlagnahme gehemmt zu sehen, die viel Ähnlichkeit mit der von gestrandetem herrenlosem Gut gehabt hätte.«

»Und Sie entgingen der Unannehmlichkeit?«

»Meine Augen sind selten geschlossen, wenn Gefahr in der Nähe lauert. Ich sah den Nachen zeitig genug, und beobachtete ihn, weil ich wußte, daß Jemand, der mein Vertrauen besaß, bald kommen müsse. Als die Bewegung verdächtig ward, hatten wir unsere Mittel, diesen Herrn Ludlow von seiner Unternehmung abzuschrecken, ohne zur Gewalt zu greifen.«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß er sich so leicht von einem solchen Geschäft verscheuchen lassen würde.«

»Sie lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, oder ich kann wohl sagen, wir. Indessen als seine Boote uns nachher an unserm Ankerplatz aufsuchten, war der Vogel davongeflogen.«

»Sie sorgten, daß die Brigantine bald die hohe See gewann,« bemerkte Cornbury, der sich in dem Glauben gefiel, daß das Fahrzeug bereits die Küste verlassen habe.

»Ich hatte Anderweitiges zu thun. Mein Unterhändler durfte nicht aufgegeben werden, auch war noch Manches in der Stadt abzumachen. Wir nahmen unsern Cours die Bai weiter hinauf.«

»Ha, Herr Meerdurchstreicher, das ist ein kühner Schritt gewesen, der Ihrer Klugheit eben nicht viel Ehre macht.«

»Mylord, wer muthig wagt, gewinnt,« versetzte der Andere gelassen und nicht ganz ohne Ironie. »Während der königliche Offizier alle Ausgänge verschloß, schwamm mein nettes Fahrzeug ruhig die Berge von Staten entlang. Ehe noch die Morgenwache aufzog, kam es bei diesen Kajen hier vorüber, und jetzt liegt es, auf seinen Capitän wartend, in dem weiten Bassin jenseits der Biegung der Landspitze dort.«

»Dies ist eine verwerfliche Tollkühnheit! Versagt Ihnen der Wind, ändert sich die Fluth, tritt irgend einer von den tausend zur See so gewöhnlichen Zufällen ein, so sind Sie dem Gesetze anheim gefallen und bringen Alle, die sich für Sie interessiren, in die unbeschreiblichste Verlegenheit.«

»Für Ihre Besorgnisse, in sofern sie sich auf meine eigene Sicherheit beziehen, danke ich Ihnen sehr, Mylord; glauben Sie mir indessen, viele ausgestandene Gefahren haben mich Alles gelehrt, was in meiner Lage zu wissen nöthig ist. Wir werden durch das Höllenthor zu fahren und die offene See mittelst des Sundes von Connecticut zu gewinnen suchen.«

»In der That, Herr Meerdurchstreicher, es gehören starke Nerven dazu, Ihr Vertrauter zu seyn! Im Festhalten an eingegangenen Verbindlichkeiten besteht die Schönheit der gesellschaftlichen Ordnung; ohne dasselbe sind keine Interessen sicher, ist kein Charakter geschützt. Nun gibt es aber auch Verbindlichkeiten, die man schweigend eingeht, und wenn Leute in gewissen Verhältnissen ihr Vertrauen Denjenigen schenken, die Ursache haben, vorsichtig zu Werke zu gehen, so ist es Pflicht der Ersteren, die Bestimmungen des Vertrags bis auf die geringsten Einzelnheiten zu respectiren. Sir, ich wasche meine Hände rein von dieser Sache, wenn Sie meinen, die Beweise gegen uns so häufen zu können; denn das thun Sie, indem Sie Ihre Wassernixe der Gefahr aussetzen, vor die Admiralität gestellt zu werden.«

»Es thut mir leid, daß dies Ihr Entschluß ist,« erwiederte der Meerdurchstreicher. »Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern, obgleich ich noch immer hoffe, daß ein Ausweg möglich ist. Meine Brigg liegt keine ganze Stunde von hier, und es wäre verrätherisch, es zu läugnen. Da Sie, Mylord, der Meinung sind, daß der Contract nicht gültig sey, so ist auch das Siegel überflüssig. Die Goldstücke können mir vielleicht nützlich seyn, den Jüngling gegen Leid zu schützen.«

»Sie deuten aber auch Alles so buchstäblich, wie ein Schüler, der seinen Virgil übersetzt. Die Diplomatie hat ihren Dialekt, so gut wie die Sprache, und wer so vernünftig zu verhandeln versteht, sollte ihre Redensarten kennen. Alle Welt, Sir! eine Hypothese ist noch kein Schluß, eben so wenig als Versprechen und Halten eins und dasselbe. Was in der Form von Voraussetzung gesagt worden, müssen Sie bloß als Redeschmuck nehmen; dagegen hat Ihr Gold den substantielleren Charakter eines wirklichen Beweises. Wir sind Handels einig.«

Der in diese Selbstverblendungen wenig eingeweihte Seemann sah den adelichen Casuisten einen Augenblick an, zweifelhaft, ob er mit dieser Abschließung zufrieden seyn solle oder nicht; allein, ehe er noch mit sich darüber auf's Klare kommen konnte, klirrten die Fenster des Zimmers heftig, und dann erschallte der Knall eines gelösten Geschützes.

»Die Morgensalve!« rief Cornbury, bei der Explosion mit dem Bewußtseyn eines Uebelthäters zusammenschreckend. »Doch nein! es ist schon eine Stunde nach Sonnenaufgang.«

Des Andern Nerven wurden nicht erschüttert, wiewohl an seiner gedankenvollen Stellung und dem augenblicklichen Hinstarren seines Auges zu merken war, daß er Gefahr in der Nähe ahnete. Er trat an's Fenster, schaute nach dem Wasser, und zog sich im Nu wieder zurück, wie Jemand, der keines weiteren Beweises bedurfte.

»Wir sind also Handels einig,« sagte er, indem er rasch auf den Viscount zutrat, dessen Hand faßte und sie, trotz des Andern deutlichem Sträuben gegen eine solche Vertraulichkeit tüchtig schüttelte. »Wir sind Handels einig! Verfahren Sie aufrichtig in Beziehung auf den Knaben, und die Handlung soll Ihnen nicht vergessen werden; verfahren Sie aber wie ein Verräther, so seyen Sie der Rache gewärtig.«

Noch einen Augenblick hielt der Meerdurchstreicher die Hand des entnervten Cornbury gefangen in der seinigen, dann zog er die Mütze, mehr aus Selbstachtung als aus Höflichkeit gegen seinen Gesellschafter, drehte sich auf der Ferse um, und verließ das Haus festen, aber schnellen Schrittes.

Carnaby, der sogleich eintrat, fand seinen Gast in einer Gemüthsstimmung, die aus Rache, Erstaunen und Schrecken zusammengesetzt war. Indessen besiegte der ihm zur Natur gewordene Leichtsinn bald jedes andere Gefühl, und da der Ex-Gouverneur sich von der Gegenwart eines Menschen befreit sah, der ihn mit so wenig Umständen behandelt hatte, so schüttelte er den Kopf wie Einer, welcher gewohnt ist, sich die Uebel, die er nicht verhindern kann, träger Weise gefallen zu lassen, und nahm die Ungezwungenheit und die wegwerfende vornehme Miene an, mit welcher er den kriechenden Detaillisten zu empfangen pflegte.

»Dies kann eine Koralle seyn, eine Perle, oder was weiß ich was für ein anderer Edelstein des Oceans, Herr Carnaby,« sagte er, und war sich kaum bewußt, daß er sich die Hand rieb, um sie gleichsam von der Entweihung, die sie durch den Druck, nach seiner aristokratischen Meinung, erhalten hatte, zu reinigen; »aber sey's was es wolle, so führt es noch seine Salzwasser-Kruste. Ich muß wirklich wünschen, daß man mich nie wieder durch ein solches Ungeheuer blockiren lasse, oder, wie ich sagen sollte, von seiner Harpune bewerfen; denn diese Zudringlichkeit des Bootsmanns schmerzt mich mehr, als jene Erfindung seiner Brüder von der Tiefe den Leviathan, ihren Verwandten, schmerzen kann. Wie viel Uhr ist es?«

»Noch nicht sechs, Mylord, und Ew. Herrlichkeit haben noch reichliche Muße, um zeitig genug nach Ew. Herrlichkeit Wohnung zurückzukehren. Meine Frau ist so kühn gewesen, sich zu schmeicheln, daß Ew. Herrlichkeit sich so weit herablassen werden, uns zu beehren, eine Tasse Bohea in unseren bescheidenen vier Pfählen zu genießen.«

»Was bedeutete der Kanonenschuß, Herr Carnaby! Der Smuggler bekam einen solchen Schreck, als wenn es das Zeichen vom Hinrichtungs-Deck gewesen wäre, oder als wenn Kidd's Geist gestöhnt hätte.«

»Ich erlaube mir keine Vermuthung, Mylord. Die Offiziere Ihrer Majestät haben sich wahrscheinlich im Fort einen Spaß gemacht, und in solchen Fällen darf man immer sicher seyn, daß alles schicklich und ächt englisch zugeht, Mylord.«

»Beim heiligen Georg, Sir, englisch oder holländisch, der Schuß war von der Art, daß er diese Seemöve, diese Johannisgans, diese wilde Ente von ihrem Ort verscheuchte.«

»Bei meiner Ergebenheit gegen Ew. Herrlichkeit, Ew. Herrlichkeit besitzen den schärfsten Witz von allen Herren im ganzen Königreich. In der That, alle Adelichen und Vornehmen sind so witzig, daß es eine wahre Ehre und Erbauung ist, sie zu hören. Wenn es Ew. Herrlichkeit gnädiger Wille ist, so sehe ich einmal hinaus, Mylord, ob sich was zeige.«

»Thun Sie das, Herr Carnaby. Ich gestehe, ein wenig neugierig bin ich doch, zu erfahren, was meinen See-Löwen so erschreckt haben mag. Ha! sehe ich recht? die Masten eines Schiffes, die sich längs den Dächern der Waarenmagazine dort bewegen!«

»Das muß man sagen, Ew. Herrlichkeit besitzen das schärfste Auge und die glücklichste Weise, eine Sache auszuspähen, von allen Edelleuten in England! Hätte ich doch eine Viertelstunde hinausgestarrt, ehe ich nur auf den Gedanken gerathen wäre, über die Dächer der Magazine zu schauen, und Ew. Herrlichkeit nahmen im ersten Augenblicke diese Richtung.«

»Ist's ein Schooner oder eine Brigg, Herr Carnaby? Ihre Stellung ist günstiger, denn ich möchte nicht gern gesehen seyn; so sprich doch, Pinsel, ist's ein Schooner oder eine Brigg?«

»Mylord, ... es ist eine Brigg ... oder ein Schooner ... ich muß wirklich Ew. Herrlichkeit fragen, ich verstehe so wenig von diesen Dingen.«

»Nicht doch, mein allzugefälliges Männchen, sey so gut, und hab' einmal eine eigene Meinung. Es steigt Rauch hinter den Masten auf –«

Eine zweite Erschütterung der Fenster und ein zweiter Schuß entfernte jetzt alle Zweifel in Beziehung auf das Feuern. Noch ein Moment, so erschien durch die lichte Stelle, welche ein Schiffswerft am Wasser ließ, die Seite eines Kriegsschiffes, und jetzt kam Kanone nach Kanone in's Gesicht, bis die ganze klaffende zürnende Batterie der Coquette vor Augen lag.

Der Viscount verlangte nun keine weitere Erklärung der Ursache, warum der Meerdurchstreicher so hastig davongeeilt war. Er suchte einen Augenblick in der Tasche herum, zog dann die Hand, mit hellen Goldstücken gefüllt, wieder hervor, legte sie auf den Tisch, vergaß jedoch, sie zu öffnen, um den Inhalt zurückzulassen, sagte dem Krämer Lebewohl, und ging fort, so fest entschlossen, als nur immer Jemand seyn kann, der eine schlechte, schmutzige Handlung begangen hat, sich nie wieder eine vertrauliche Berührung mit so einem jämmerlichen Kriecher zu erlauben.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.