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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

»Du, Julia, bist Schuld an meinem Wechsel,
Daß ich das Studium ließ, die Zeit verlor,
Der Freunde Rath und alle Welt verschmähend.«
Die zwei Herren aus Verona.

Nur wankenden Entschlusses verließ Ludlow ›Lust in Ruhe‹ . Während der ganzen vorhergehenden Zusammenkunft hatte er ängstlich Augen und Zunge der schönen Barbérie bewacht, und nicht verfehlt, aus einer Miene, die nur zu klar ihre lebendige Theilnahme an dem Freihändler bekundete, seine Schlüsse zu ziehen. Einen Augenblick in der That verleitete ihn die Ruhe und Unbefangenheit, mit welcher sie ihren Onkel und ihn umfing, zu der Annahme, daß sie die Wassernixe gar nicht besucht habe; doch diese schmeichelhafte Hoffnung verschwand, sobald das muntere sorglose Wesen, welches die Bewegungen jenes außerordentlichen Fahrzeugs regierte, unter ihnen erschien. Jetzt glaubte er, daß ihre Wahl bereits auf immer getroffen sey. Ihn schmerzte es zwar, daß ein so geistreiches Mädchen so bethört werden konnte, Stand und Charakter hintanzusetzen; aber sein der Wahrheit zugängliches Gemüth ließ ihn nichtsdestoweniger einsehen, daß das Individuum, welches in so kurzer Zeit diese Herrschaft über Alida's Gefühle errungen hatte, in vielen Hinsichten allerdings so beschaffen war, daß es der Einbildung keines jugendlichen, in Abgeschiedenheit von der großen Welt erzogenen Frauenzimmers gleichgültig bleiben konnte.

Das Innere des jungen Commandeurs lag im Kampfe zwischen den Eingebungen der Pflicht und denen des Gefühls. Der List eingedenk, durch welche er bei einer früheren Gelegenheit in die Gewalt der Smuggler gerathen war, hatte er bei seiner jetzigen Anwesenheit in der Villa seine Vorsichtsmaaßregeln so gut getroffen, daß er sich fest überzeugt hielt, die Person seines gesetzlosen Nebenbuhlers befinde sich in seiner Gewalt. Sollte er nun von diesem Vortheil Gebrauch machen, oder sich entfernen und Jenen im Besitze seiner Geliebten und seiner Freiheit zurücklassen? – dieß war der Zweifel, der jetzt seine Gedanken beschäftigte. Gerade und einfach in seinen Sitten, besaß Ludlow dennoch jene ganze stolze Gesinnung, die den Mann von Erziehung bezeichnet. Er konnte sich recht gut in Alida's Lage versetzen, und der Gedanke, daß man ihm den Vorwurf machen könnte, er habe sich bei seinen Handlungen von der Rachsucht leiten lassen, empörte sein Ehrgefühl. Diesen Beweggründen zur Nachsicht wurde der Sieg vollends gesichert durch den inneren Unwillen, den ihm, als einem höheren Offizier, die Betrachtung einflößte, daß seine gegenwärtige Amtspflicht ihn gewissermaßen herabwürdige, da sie eigentlich in den Wirkungskreis einer anderen Beamtenklasse fiel. Er sah sich als den Verfechter der Rechte und des Ruhmes seiner Monarchin, nicht als das feile Werkzeug ihrer Zolleinnehmer an. Nicht würde er Anstand genommen haben, auf jede zu verantwortende Gefahr hin das Fahrzeug des Schwätzers, oder die Mannschaft desselben, oder auch irgend einen Einzelnen von ihnen zur See, auf ihrem eigenen Elemente, zu Gefangenen zu machen; der Schein hingegen, einem unbegleiteten Individuum auf dem trockenen Lande nachzuspüren, widerte ihn an. Zu diesem Widerwillen kam noch sein gegebenes Wort, daß er den Boden, auf welchem er den proscribirten Contrebande-Händler getroffen habe, als neutral betrachten wolle. Anderntheils aber hatte er als königlicher Offizier seine gemessenen Ordres, und durfte vor dem, was seine Pflicht ihm vorschrieb, die Augen nicht verschließen. Jedermann wußte, daß die Brigantine den Einkünften der Krone empfindlichen Schaden verursachte, ganz besonders auf der andern Hemisphäre, und der Befehl des dort stationirten Admirals, sie gefangen zu nehmen, war demgemäß äußerst nachdrücklich. Jetzt also bot sich ihm eine Gelegenheit dar, das Fahrzeug seines leitenden Geistes zu berauben, dem allein das Schiff, ungeachtet der Vorzüglichkeit seines Baues, es verdankte, unversehrt durch die Daggen von hundert Kreuzern gelaufen zu seyn. Von diesen widerstreitenden Gefühlen und Betrachtungen bewegt, entfernte sich der junge Seemann von der Thüre der Villa, auf den kleinen Rasenplatz zugehend, um ungestörter nachdenken, oder vielmehr um weniger beklommen athmen zu können. Die Nacht war bis zur ersten Seemannswache vorgerückt. Der Bergschatten legte sich noch über das Gelände der Villa, über den Fluß und die Küste, sie in eine Finsterniß hüllend, welche der auf der entfernteren Meeresfläche ruhenden Dunkelheit einen matten Schimmer verlieh. Die näheren Gegenstände verschwammen in's Unbestimmte, und es bedurfte eines angestrengten und wiederholten Blickes, sie zu unterscheiden; die Umrisse des fernen Vordergrundes der Scene hingegen blieben, undeutlich zwar und verschwebend, erkennbar. Die Vorhänge des Feenhofs waren vorgezogen, so daß, ungeachtet drinnen noch Lichter brannten, das Auge nicht einzudringen vermochte. Ludlow schaute sich noch einmal um, und setzte dann zaudernd seinen Weg nach dem Ufer fort.

Die Vorkehrung Alida's, das Innere ihres Gemaches neugierigen Augen draußen zu entziehen, war nicht ganz gelungen: die Falten der Draperie ließen einen Winkel offen. An das Thor angelangt, das zum Landungsplatze führte, drehte Ludlow sich um, noch einen scheidenden Blick auf die Villa zu werfen, und, begünstigt durch seinen Standpunkt, haschte er durch die unverwahrte Oeffnung einen Schimmer Derjenigen, die noch immer Hauptgegenstand seiner Gedanken war.

Die schöne Barbérie saß wieder an dem kleinen Tische, an dem sie vorher vor den Eintretenden war angetroffen worden. Mit dem Ellenbogen auf dem kostbaren Holze gestützt, lehnte auf die schöne Hand ihre Stirn, weit gedankenvoller, als dem Ausdruck derselben natürlich war, fast traurig. Dem Commandeur der Coquette strömte das Blut nach dem Herzen, denn es kam ihm vor, als sehe er das holde sinnende Antlitz einer Reuevollen. Wahrscheinlich gab seiner verscheidenden Hoffnung diese Idee neues Leben, denn Ludlow glaubte, es sey vielleicht immer noch nicht zu spät, die so innig Geliebte von dem Abgrunde zurückzureißen, an dessen Rande sie taumelte. Vergessen war der dem Anschein nach unwiderruflich gethane Schritt; hin, nach dem Feenhof hin, wollte der edelmüthige junge Seemann, und die Bewohnerin anflehen, gerecht gegen sich selbst zu seyn; da sank die Hand von der glänzenden Stirn, da hob Alida das Antlitz mit einem Blicke, welcher anzeigte, daß sie nicht mehr einsam sey. Der Capitän trat wieder zurück, um den Ausgang abzuwarten.

Alida's erhobenes Auge blickte voll Güte und unbefangener Offenherzigkeit, wie ein unverdorbenes Frauenzimmer stets diejenigen zu begrüßen pflegt, denen sie ihr Vertrauen schenkt. Sie lächelte, aber es war mehr das Lächeln der Trauer als der Freude; sie sprach, doch die Entfernung verhinderte, daß ihre Worte vernehmbar waren. Jetzt ging der Seestreicher bei dem durch den unvollkommen vorgezogenen Vorhang sichtbaren Orte vorüber, und ergriff ihre Hand. Alida machte keine Bewegung, sie ihm nicht zu lassen, sondern schaute ihm vielmehr mit noch unzweideutigerer Theilnahme in's Angesicht und schien mit ungetheilter Aufmerksamkeit seiner Stimme zu lauschen. Heftig ward das Thor aufgerissen, und Ludlow stand nicht eher still, als bis er sich am Rand des Flusses sah.

Die Pinasse der Coquette lag an der Stelle, wo der Commandeur derselben seinen Leuten befohlen hatte, sich verborgen zu halten, und er war im Begriff, hineinzusteigen, als das Geräusch des abermals im Winde zufliegenden kleinen Thores ihn veranlaßte, sich umzusehen. Gegen die hellfarbigen Mauern der Villa abstechend, ward eine menschliche Gestalt sichtbar, die sich dem Wasser näherte. Die Matrosen erhielten Befehl, sich niederzubücken, und in dem Schatten einer Hecke versteckt, wartete der Capitän das Herannahen des Kommenden ab.

Dieser ging vorbei, und Ludlow erkannte die behende Gestalt des Freihändlers, der auf das Ufer zutrat; und dort mehrere Minuten lang vorsichtig umherschaute. Ein leiser, aber deutlicher Ton, auf einer gemeinen Schiffspfeife, stieg in die Luft, und bald entsprach der Aufforderung das Erscheinen eines kleinen Nachens, der, aus dem Grase des jenseitigen Flußufers hervorgleitend, sich dem Flecke näherte, wo der Seestreicher auf dessen Anstoßen wartete. Leicht sprang er in das kleine Gefäß, das ohne Säumen mit ihm wieder abstieß. Wie der Nachen bei Ludlow's Standpunkt vorüberfuhr, bemerkte dieser, daß nur ein einziger Mann ihn ruderte, und da sein eignes Boot mit sechs rüstigen Rojern bemannt war, so war er gewiß, daß die Person des so sehr Beneideten endlich auf eine ehrenvolle Weise in seine Gewalt gegeben war. Wir versuchen es nicht, das Gefühl zu schildern, welches jetzt in der Seele des jungen Offiziers das vorherrschende war; zu unserm Zweck reicht die Erwähnung hin, daß er sich bald in seinem Boot und in voller Verfolgung befand.

Da der Cours, den die Pinasse nehmen mußte, mehr eine Quer- als eine gerade Linie beschrieb, so brachten ein paar kräftige Ruderschläge sie dem Nachen so nahe, daß Ludlow dessen Dolbort mit der Hand erfassen und seine Bewegung einhalten konnte.

»Obgleich so leichtfüßig ausgerüstet, scheinen Sie doch vom Glücke weniger in Booten als im geräumigern Fahrzeug begünstigt zu seyn, Herr Seestreicher,« sagte Ludlow, nachdem er mit kräftigem Arm seine Prise so nahe zu sich herangezogen hatte, daß er sich innerhalb weniger Fuß von seinen Gefangenen sah. »Wir treffen uns jetzt auf unserm eigenen Element, wo keine Neutralität zwischen einem Contrebandirer und einem Diener der Krone stattfinden kann.«

Das Zusammenschrecken, der halb erstickte Ausruf und die minutenlange Pause des Gefangenen waren so viele Beweise, daß er sich eines solchen Ereignisses nicht versehen hatte.

»Ich lasse Ihrer überlegenen List Gerechtigkeit widerfahren,« sprach er endlich mit leiser, halbzitternder Stimme. »Ich bin Ihr Gefangener, Capitän Ludlow, und wünsche jetzt zu wissen, wie Sie über meine Person zu verfügen beabsichtigen.«

»Dies ist bald beantwortet. Sie werden wohl schon diese Nacht auf die üppige Kajüte Ihrer Wassernixe verzichten, und mit den einfachen Gemächern der Coquette vorlieb nehmen müssen. Was die Provinzial-Behörden morgen entscheiden mögen, geht über die Weissagergabe eines armen Flotten-Commandeurs.«

»Der Lord Cornbury lebt zurückgezogen in ...«

»Einem Kerker,« fügte Ludlow hinzu, als er bemerkte, daß Jener nicht so sehr fragend sich an ihn richtete, als er vor sich hin sprach, wie Jemand, der überlegt. »Der Verwandte unsrer allergnädigsten Königin philosophirt innerhalb der Mauern eines Gefängnisses über die Glückswechsel des Lebens. Sein Nachfolger, Brigadier Hunter, hat den Ruf, gegen die moralischen Schwächen der menschlichen Natur minder nachsichtig zu seyn.«

»Wir haben vor hohen Würden keinen sonderlichen Respekt!« rief der Andere, munter in Ton und Haltung wie zuvor. »Sie üben nun Wiedervergeltung aus für einige persönliche Freiheiten, welche man sich, es läßt sich nicht läugnen, vor noch nicht vierzehn Tagen mit dieser Barke und ihrer Mannschaft genommen hat. Jedoch müßte ich mich sehr in Ihrem Charakter irren, wenn nutzlose Strenge ein Zug darin wäre: darf ich mit der Brigantine verkehren?«

»So viel Sie wollen – wenn sie erst unter der Aufsicht eines königlichen Offiziers steht.«

»O, Sir, Sie thun den Eigenschaften meiner Gebieterin Unrecht, wenn Sie glauben, sie sey der Ihrigen ähnlich! Die Wassernixe wird auf freiem Fuße gehen, so lange Sie nicht eine ganz andere Person zum Gefangenen gemacht haben: darf ich mit der Küste verkehren?«

»Dagegen habe ich nichts einzuwenden, wenn Sie die Mittel angeben wollen.«

»Ich habe hier einen Mann bei mir, der sich als treuer Bote bewähren wird.«

»Nur zu treu der Täuschung, die all' Ihre Anhänger leitet. Ihr Matrose muß Sie nach der Coquette begleiten, Herr Seestreicher, indessen« – Ludlow's Stimme ward hier traurig – »sollte am Lande sich Jemand befinden, der so lebendig an Ihrem Schicksal Theil nimmt, daß ihm Ungewißheit schmerzlicher ist als Wahrheit, so soll einer meiner eignen Leute, die sämmtlich Vertrauen verdienen, Ihre Botschaft ausrichten.«

»Mag es so seyn,« erwiederte der Freihändler, zufrieden mit der Ueberzeugung, daß er billigerweise nicht mehr verlangen könne. »Bring' der Dame in jenem Hause diesen Ring,« fuhr er fort, als Ludlow ihm den zum Boten Gewählten vorstellte, »und sag' ihr, daß der Uebersender im Begriffe steht, den Kreuzer der Königin Anna zu besuchen, in Gesellschaft des Kommandeurs desselben. Sollte man Dich nach dem Beweggrund fragen, so kannst Du erzählen, auf welche Weise ich in Gefangenschaft gerathen bin.«

»Und hör', Kerl,« setzte der Kapitän hinzu, »wenn Du diesen Dienst ausgerichtet hast, so hab' ein Auge auf Die, welche sich etwa an dem Ufer herumtreiben, und sieh zu, daß kein Boot den Fluß verläßt, um die Smuggler von ihrem Verlust zu benachrichtigen.«

Der Matrose, bewaffnet nach Art der Seeleute, wenn sie Bootsdienste thun, empfing diese Befehle mit der gewohnten Subordination, und sprang, nachdem die Pinasse sich dem Ufer hinlänglich genähert hatte, an's Land.

»Und nun, Herr Seestreicher, da ich so weit Ihren Wünschen entsprochen habe, darf ich erwarten, daß Sie auch gegen die meinigen nicht taub seyn werden. Hier ist ein Platz in der Pinasse, der Ihnen zu Diensten steht, und den ich allerdings gern von Ihnen eingenommen wüßte.«

Bei diesen Worten streckte der Capitän den Arm aus, theils aus natürlicher Höflichkeit, theils aber auch mit dem Bewußtseyn, daß er mit einem so weit im Range unter ihm Stehenden nicht viel Umstände zu machen brauche, daher es nicht recht klar wurde, ob die Geberde bezweckte, dem Andern das Herübersteigen zu erleichtern, oder ihn im Nothfall dazu zu zwingen. Doch der Freihändler schien diese Vertraulichkeit verschmähend zurückzuweisen, denn er wich der Berührung unwillig aus, und sprang, ohne dem mit so zweideutiger Miene dargebotenen Arm nahe zu kommen, leichtfüßig und ohne alle Hülfe aus dem Nachen in die Pinasse. Kaum war dies geschehen, so verließ Ludlow seinen Sitz und nahm den eben von dem Seestreicher geräumten ein. Hierauf beorderte er einen seiner Leute, mit dem Matrosen der Brigantine die Plätze zu wechseln, und redete, nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, seinen Gefangenen also an:

»Ich empfehle Sie der Aufsicht meines Quartiermeisters und dieser braven Bursche, Herr Seestreicher. Wir steuern verschiedene Wege. Nehmen Sie unterdessen von meiner Kajüte Besitz, ich stelle sie Ihnen ganz zur Verfügung. Die mittlere Wache wird noch nicht aufgerufen seyn, so bin ich wieder zurück; leicht könnte sonst die königliche Farbe heruntergenommen werden, und Ihre meergrüne Flagge dem Volke die Köpfe verrücken, und es von seiner Unterthanentreue abwendig machen.«

Ludlow gab nun mit flüsternder Stimme dem Quartiermeister seine Ordres, und trennte sich dann. Die Pinasse setzte ihren Weg nach der Flußmündung fort, mit jenem weitausreichenden, stattlichen Ausholen der Ruder, woran die Boote von Kriegsschiffen, wenn sie fahren, so leicht kenntlich sind. Der Nachen folgte geräuschlos gleitend hinterher, durch seine Farbe und Kleinheit kaum von den Wogen zu unterscheiden.

Als die beiden Boote in die Bai hinauskamen, hielt die Pinasse ihren Cours nach dem fernen Schiffe hin, der Nachen aber wendete sich rechts ab, gerade nach dem Hintergrund der Runden Bucht zusteuernd. Der Contrebande-Händler hatte die Vorsicht gebraucht, die Roje-Klampen des kleinen Fahrzeugs vermuffen zu lassen, und als Ludlow nun der Wassernixe nahe genug war, um die zarten Linien der hohen leichten Spieren sich über die Wipfel der am Ufer stehenden Zwergbäume erheben zu sehen, hatte er Ursache, sich unentdeckt zu glauben. Einmal gewiß, daß die Brigantine sich wirklich in der Bucht befand, und über ihre Stellung im Klaren, sah er sich im Stande, seine Annäherung mit aller Vorsicht, die der Fall nur heischte, in's Werk zu setzen.

Zehn bis fünfzehn Minuten gingen damit hin, den Nachen unter das Bugspriet des schönen Schiffes zu manövriren, ohne von denjenigen, die ohne Zweifel auf dem Verdeck wachten, entdeckt zu werden. Vollständiger Erfolg schien das Abenteuer krönen zu wollen, denn Ludlow hielt bald am Kabel, und nicht der geringste Ton ward auf der Brigantine laut. Der Capitän bedauerte jetzt, daß er nicht mit der Pinasse hierhergekommen; die Stille im Schiffe war so tief, die Mannschaft schien so wenig Argwohn zu hegen, daß er gar nicht zweifelte, er hätte es durch eine Ueberrumpelung gefangen nehmen können. Verdrießlich wegen des Versehens, und gespannt durch die Aussicht auf ein glückliches Ergebniß, legte er sich auf's Nachsinnen. Einem Seemann in seiner Lage bot sich natürlich manches Ausführbare dar.

Der Wind war südlich, nicht stark, aber mit der schweren Feuchtigkeit der Nachtluft beladen. Da die Lage der Brigantine sie gegen die Einwirkung der Wasserströmung schützte, so gehorchte sie um so leichter den Bewegungen des andern Elementes, und während die Seiten sich nach auswärts kehrten, war der Spiegel gerade auf den innersten Theil des Bassins gerichtet. Die Entfernung vom Lande betrug keine fünfzig Faden, auch entging es Ludlow nicht, daß das Fahrzeug bloß vor seinem Kat-Anker lag, und daß die übrigen – und ihrer hatte die Brigg nicht wenige, – sämmtlich aufgezogen waren. Dieser Thatbestand flößte unserm Abenteurer die Hoffnung ein, daß er die Pferdelien, die einzige, welche die Brigantine festhielt, würde entzweischneiden können. Gelang ihm dieses, so hatte er allen Grund zu glauben, daß das Schiff auf den Strand laufen würde, ehe der Lärmruf die Leute zusammenbringen, ein Segel beigesetzt oder ein Anker hinabgelassen werden konnte. Zwar hatten weder er noch sein Begleiter, außer dem großen Matrosenmesser des Letzteren, irgend ein passendes Werkzeug zu diesem Zwecke bei der Hand; doch die Gelegenheit war zu lockend, um nicht einen Versuch zu machen. Vielversprechend war der Plan immer. Konnte das Stranden dem Schiffe in seiner jetzigen Lage auch keinen bedeutenden Schaden zufügen, so würde doch der unausweichliche Zeitverlust, es wieder flott zu machen, den Booten der Coquette, vielleicht dieser selbst, es möglich gemacht haben, zeitig genug heranzukommen, um sich der Prise zu bemächtigen. Ludlow forderte daher vom Bootsmann das Messer, und machte damit den ersten Einschnitt in das harte feste Troß. Kaum hatte der Stahl das dichte Geflechte berührt, so schoß dem, welcher denselben führte, ein blendender Lichtstrahl in's Gesicht. Nachdem er sich von dem ersten Schreck erholt hatte, rieb sich unser Abenteurer die Augen und blickte hinauf mit jenem Bewußtseyn des Unrechts, welches uns erschüttert, sobald wir auf einer heimlichen That ertappt werden, mag der Beweggrund noch so tadelfrei seyn. Dies ist eine Huldigung, welche die Natur unter keinen Umständen dem offenen geraden Verfahren zu bringen verfehlt.

Selbst gegen die Gefahr, in welcher, wie er in dem Moment der Unterbrechung recht wohl einsah, sein Leben schwebte, machte das, was er sah, ihn auf einen Augenblick unempfindlich. Die bronzenen, unirdischen Züge des Bildes erglänzten; die Augen desselben waren fest auf ihn gerichtet, als bewache es seine geringsten Bewegungen, und dabei schien das boshafte, sprechende Lächeln seinen fruchtlosen Versuch zu bespötteln. Er hatte es nicht nöthig, den Matrosen den Riem handhaben zu heißen. Dieser hatte kaum den Ausdruck jenes geheimnißvollen Gesichtes erblickt, so wirbelte der Nachen von dem Fleck hinweg, wie eine aufgeschreckt davonfliegende Seemöve. Noch immer, ungeachtet ein Schuß jeden Augenblick zu befürchten war, vermochte die dringende Gefahr nicht, Ludlow's Aufmerksamkeit zu theilen, so vertieft war er im Anschauen des Bildes. Das auf einen Punkt gerichtete starke Licht, wodurch das Antlitz erleuchtet war, flackerte jetzt ein wenig und fiel auf das Gewand. Der Capitän fand nun, daß der Seestreicher die Wahrheit gesprochen hatte: der meergrüne Mantel war mittelst einer mechanischen Vorrichtung, welche zu untersuchen er nicht Muße hatte, gegen eine kürzere Robe vertauscht, azurblau wie die tieferen Seen. Gleich darauf verschwand das Licht, gleichsam als genügte es, die beabsichtigte Abreise der Zauberin auf diese Weise angezeigt zu haben.

»Die Mummerei wird gut genug gespielt,« brummte Ludlow, als der Nachen sie in eine Sicherheit gewährende Entfernung gebracht hatte. »Man gibt uns ein Signal, daß der Seewanderer vorhabe, die Küste bald zu verlassen; seine abergläubige getäuschte Mannschaft erkennt dies, wenn das Bild ein anderes Gewand um hat. Wohlan, es sey meine Sache, seiner Herrin, wie er sie nennt, einen Strich durch die Rechnung zu machen, wiewohl man gestehen muß, daß sie auf ihrem Posten nicht einschläft.«

Während der nächsten zehn Minuten hatte unser zurückgeschlagener Abenteurer nicht weniger Zeit als Ursache, einzusehen, wie bei einem Plane mit unzureichenden Mitteln der Erfolg wesentlich nothwendig ist. Wäre das Troß entzweigeschnitten worden und die Brigantine auf den Strand gerathen, so würde man wahrscheinlich diese Expedition des Capitäns zu den glücklichen Gedanken gezählt haben, welche in allen Abtheilungen des geselligen Lebens als die ausschließliche Auszeichnung der von der Natur Hochbegabten gelten. Unter den wirklichen Umständen hingegen quälte sich der, welchem die ganze Ehre einer so glücklichen Idee zu Theil geworden wäre, mit der Besorgniß, daß sein mißrathener Plan bekannt werden könnte.

Sein Gefährte war kein Anderer als Robert Garn, der Vormarsgast, welcher, wie unsere Leser sich noch erinnern, bei einer frühern Gelegenheit erklärte, während er einst mit dem Segelbeschlagen beschäftigt gewesen wäre, die Dame der Brigg bei sich vorbeifliegen gesehen zu haben.

»Dies war einmal ein falscher Gang, Herr Garn,« bemerkte der Capitän, als der Nachen die Runde Bucht hinter sich und schon eine geraume Strecke der Bai zurückgelegt hatte; »um unsere Fahrt in Ehren zu halten, so wollen wir die Sache nicht in's Logbuch eintragen. Du verstehst mich, hoffentlich reicht ein Wort hin für so einen Gelehrten.«

»Ich hoffe, Ew. Gestrengen, ich kenne meine Pflicht, welche darin besteht: der Ordre pariren, sollte sie auch die Schiffseigner ruiniren,« erwiederte der Topgast. »Eine Pferdelien mit einem Messer entzweischneiden, geht unter den besten Umständen nur langsam von Statten. Aber wenn ich auch wenig Recht habe, in Gegenwart eines so tiefgelehrten Herrn zu sprechen, so ist es doch meine Privatmeinung, daß der Stahl überhaupt noch nicht geschliffen ist, der irgend ein Tau am Bord jenes Seewanderers ohne Wissen und Willen der schwarzen Frau unter seinem Bugspriet abzuschneiden im Stande wäre.«

»Und was halten Deine Kameraden von dieser seltsamen Brigantine, die wir nun schon so lange vergeblich jagen?«

»Daß wir sie jagen werden, bis unser letzter Zwieback verzehrt, bis das Wasserfaß ausgetrocknet ist, und immer mit dem nämlichen Erfolg. Es kommt mir nicht zu, Ew. Gestrengen zu belehren, aber es ist nicht ein Einziger am Bord der Coquette welcher sich jemals einen Heller Prisengeld von der Wegnahme der Brigg verspräche. Die Menschen haben verschiedene Meinungen von dem Meerdurchstreicher; allein darin stimmen Alle überein, daß wenn ihn nicht ein gewisses ungewöhnliches Loos unterstützt, was ungefähr dasselbe sagen will als Unterstützung von Dem, welcher selten bei irgend einer ehrlichen That hülfreiche Hand reicht, ich sage, wenn's nicht so was ist, so fährt dieses Seemannes Gleichen auf dem ganzen Ocean nicht!«

»Es thut mir leid, daß meine Leute Ursache zu haben glauben, von unserer eigenen Geschicklichkeit eine so geringe Meinung zu hegen. Unser Schiff hat noch keine rechte Gelegenheit gehabt. Bei einer freien See und einem ordentlichen Wind nimmt es die Coquette mit so viel schwarzen Weibsgestalten auf, als die Brigg nur immer bergen kann. Was übrigens Euren Meerdurchstreicher anbetrifft, so ist er, Mensch oder Teufel, unser Gefangener.«

»Und glauben Ew. Gestrengen, daß das nettgebaute, leichtsegelnde Herrchen, welches wir in diesem Rachen fanden, wirklich dieser berühmte Seewanderer sey?« fragte Garn, und ließ, vom Gegenstande des Gesprächs erfüllt, den Riemen einen Augenblick ruhen. »Einige am Bord wollen wissen, der in Rede Stehende sey größer als der lange Hafenwächter zu Plymouth, mit einem Paar Schultern ...«

»Ich weiß mit Gewißheit, daß sie sich irren. Wenn wir aber, Meister Garn, mehr Aufklärung als unsere übrigen Schiffsgenossen besitzen, so wollen wir sie hübsch für uns behalten und nicht von Anderen sie uns stehlen lassen. – Halt! hier ist ein Kronenstück mit dem Gesicht des Königs Louis; er ist unser bitterster Feind, und es sey Dir also freigestellt, ihn mit einem Male zu verschlucken oder nach und nach, ganz wie es Deiner Laune zusagt. Aber vergiß nicht, unsere Fahrt im Nachen bleibt unter geheimer Ordre; je weniger also von der Ankerwache der Brigantine gesprochen wird, desto besser.«

Des ehrlichen Robert eigenthümliche Meinung über das Wunderbare verhinderte nicht, daß er das Silberstück mit großer Begierde empfing; er berührte seinen Hut und gab die höchsten Versicherungen von seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit. Wirklich bemühten sich die Kameraden des Vormarsgastes am Abend nach seiner Rückkehr vergebens, ihm eine ausführliche Beschreibung seines mit dem Capitän gemachten Ausflugs zu entlocken. Allein indem er ihren geraden Fragen durch Umschweife auszuweichen suchte, ließ er gewisse dunkle, zweideutige Anspielungen fallen, und verstärkte so jene abergläubigen Eindrücke, die Ludlow zu schwächen wünschte, um das Doppelte.

Bald nach obigem kurzen Gespräch erreichte der Nachen die Seite der Coquette. Der Befehlshaber fand den Gefangenen in seiner Cajüte, ernst in seinem Benehmen, fast traurig, jedoch vollkommen gefaßt. Die Ankunft desselben hatte sowohl bei den Offizieren als dem Volk viel Aufsehen erregt, obgleich die Einen wie die Anderen sich eben so sehr wie Meister Garn zu glauben weigerten, daß der hübsche, geputzte Jüngling, zu dessen Empfang sie aufgefordert wurden, der notorische Freihändler sey.

Oberflächliche Beobachter der äußeren Erscheinungen menschlicher Eigenschaften sehen sich nothwendig in ihren Voraussetzungen häufig getäuscht. Zwar läuft es der Vernunft nicht zuwider, anzunehmen, daß Menschen, welche oft an rohen, heftigen Auftritten Theil nehmen, dadurch ein wildes, zurückstoßendes Aeußere gewinnen; doch so wie stille Wasser gewöhnlich die tiefsten find, so ruht die Kraft, außerordentliche Ereignisse herbeizuführen, nicht selten verhüllt unter einer milden, bisweilen sogar gleichgültigen Außenseite. Die Erfahrung hat viele Beispiele aufzuweisen, daß die verzweifeltsten, halsstarrigsten Menschen solche waren, deren Miene und Sitten das sanfteste fügsamste Gemüth erwarten ließen, während Mancher, dem Anschein nach ein Löwe, sich in der Wirklichkeit nicht viel besser als ein Lamm gezeigt hat.

Ludlow drängten sich Beweise genug entgegen, daß fast Alle am Bord die Ungläubigkeit Garn's theilten, und da er die zarte Rücksicht auf Alida, und auf Alles, was sie anging, nicht besiegen konnte, anderntheils auch keine Notwendigkeit vorhanden war, die Wahrheit gleich bekannt zu machen, so schwieg er dazu und begünstigte dadurch die herrschende Ansicht. Nachdem er zuerst die für den Augenblick dringendsten Befehle ertheilt hatte, begab er sich in die Kajüte, um sich mit seinem Gefangenen allein zu unterhalten.

»Das leere Staatsgemach dort steht zu Ihren Diensten, Herr Seestreicher,« bemerkte er, auf das, dem von ihm selbst bewohnten Zimmer gegenüberliegende zeigend. »Wir bleiben wahrscheinlich mehrere Tage lang Schiffsgenossen, Sie müßten denn die Zeit dadurch abkürzen, daß Sie auf eine Capitulation in Beziehung auf die Wassernixe eingingen, in welchem Falle ...«

»Sie wollen einen Vorschlag machen?«

Ludlow zauderte, warf einen Blick hinter sich, um sicher zu seyn, daß sie allein wären, und rückte dann näher an seinen Gefangenen.

»Sir, ich will mit Ihnen aufrichtig zu Werke gehen, wie ein Seemann es verdient. Die schöne Barbérie ist mir theurer, als mir je ein Weib gewesen... theurer, fürchte ich, als mir je ein Weib seyn wird. Darf ich Ihnen erst sagen, daß sich gewisse Dinge zugetragen.... Lieben Sie das Mädchen?«

»Ja.«

»Und Sie? Fürchten Sie nicht, das Geheimnis mir anzuvertrauen, ich werde es nicht mißbrauchen: erwiedert sie Ihre Neigung?«

Der Seemann von der Brigantine trat würdevoll einen Schritt zurück, nahm jedoch, gleichsam als fürchtete er, sich selbst zu vergessen, seine vorherige Unbefangenheit augenblicklich wieder an und sagte mit Wärme:

»Dies Spielen mit den Schwachheiten des Weibes ist die angeborne Sünde der Männer! Niemand als sie selbst müsse das Geheimniß ihrer Neigung verkünden. Mir wenigstens, Capitän Ludlow, soll es nie Jemand nachsagen können, daß der abhängige Zustand des Weibes, ihre beständige und vertrauensvolle Liebe, ihre Treue in allen Leiden der Welt, ihre Herzenseinfalt mir nicht stets gebührende Ehrfurcht eingeflößt hätten.«

»Diese Gesinnungen machen Ihnen Ehre, und nicht bloß um Anderer, sondern auch um ihrer selbst willen wünschte ich, daß weniger Widersprechendes in Ihrem Charakter läge. Man kann nicht umhin, zu bedauern, daß....«

»Sie sprachen von der Brigantine und wollten einen Vorschlag machen.«

»Ich wollte sagen, daß wenn das Schiff freiwillig ausgeliefert würde, sich vielleicht Mittel finden würden, den Streich für diejenigen weniger herbe zu machen, die im entgegengesetzten Fall die Wegnahme des Schiffes am schmerzlichsten verletzen dürfte.«

Die seelenvollen Züge des Contrebande-Händlers hatten anfangs etwas von ihrem Glanz verloren, minder reich ward die Farbe der Wange, minder unbesorgt der Blick, als in früheren Besprechungen mit dem Capitän. Doch als dieser jetzt vom Schicksal der Brigantine zu sprechen anfing, flog ein Lächeln der Sicherheit über das Gesicht des Fremden, und mit Festigkeit antwortete er:

»Der Kiel des Schiffes, das die Wassernixe fangen soll, ist noch nicht gelegt, die Leinwand, mit der sie erjagt werden soll, noch nicht gewoben! Unsre Gebieterin ist nicht unachtsam, daß sie schliefe, wenn ihre Aufsicht am meisten vonnöthen ist.«

»Dies Possenspiel eines übernatürlichen Beistands mag von Nutzen seyn, die Gemüther der unwissenden Menschen, deren Schicksal an das Ihrige gebunden ist, in Unterwerfung zu halten; doch an mir geht seine Kraft verloren. Wissen Sie, ich habe die Stellung der Brigg ausgemittelt: noch mehr, ich bin bis unter ihrem Bugspriet gewesen, und ihrem Schaft so nahe, daß ich das Tau, womit ihr Anker festgebunden, genau untersuchen konnte. Die Maßregeln, diese Kenntnis zu benützen, und uns der Prise zu versichern, werden bereits getroffen.«

Der Freihändler hörte zu ohne Zeichen des Schreckens, obgleich mit athemloser Aufmerksamkeit.

»Sie fanden wohl meine Leute wachsam,« war seine hingeworfene Bemerkung; denn fragend war der Ton nicht.

»So wachsam, daß ich, wie gesagt, mit dem Nachen bis unter die Bugsprietspier hinanrojete, ohne angerufen zu werden! Hätte ich Werkzeuge bei mir gehabt, so reichten wenig Augenblicke hin, die Pferdelien, an der die Brigg liegt, entzweizuschneiden und Ihr schönes Fahrzeug an die Küste zu treiben.«

Des Seestreichers Auge blitzte wie das eines Adlers. Es schien zu gleicher Zeit zu fragen und zu strafen. Ludlow konnte den durchdringenden Blick nicht aushalten und ward roth bis an die Stirn; ob gewisse Erinnerungen Theil daran hatten, kann unerwähnt bleiben.

»Man hat an das rechte Mittel gedacht! – gewiß, gewiß, man hat es in's Werk gesetzt!« rief der Andere, in der Befangenheit des Capitäns Bestätigung seiner Vermuthung findend. »Es gelang Ihnen nicht – konnte Ihnen nicht gelingen!«

»Was mir gelungen ist, wird der Erfolg lehren.«

»Nein, die Herrin der Brigantine vergaß nicht das, was ihrer Sorgfalt anempfohlen ist. Sie haben ihr glänzendes Auge, ihr finster drohendes Antlitz gesehen! Jene geheimnißvollen Züge waren von Licht umglänzt – – Rede ich die Wahrheit nicht, Ludlow? Dein Mund schweigt, doch diese ehrliche Stirn gesteht Alles!«

Der schmucke Contrebande-Händler wendete sich weg und brach, so aufgeräumt wie je, in helles Gelächter aus, dann fuhr er fort:

»Wußte ich doch, daß es so seyn würde! Was hat die Abwesenheit eines einzigen unbedeutenden Handlangers ihres Gefolges auf sich! Glauben Sie mir, Sie werden sie so spröde wie immer, und schlecht gestimmt finden, sich mit einem Kreuzer zu unterhalten, dessen Kanonenmündungen eine so rauhe Sprache führen. Ha – wir sind nicht allein!«

Ein Offizier trat ein und berichtete, daß ein Boot im Anzuge sey. Diese Nachricht befremdete sichtlich Ludlow sowohl als seinen Gefangenen, und es gehörte kein besonders hoher Grad von Einbildungskraft dazu, zu errathen, daß Beide glaubten, es käme eine Botschaft von der Wassernixe an. Der Erstere eilte auf's Verdeck, während der Letztere, trotz seiner so sehr geübten Geistesgegenwart, die ruhige Fassung verlor. Er ging in das Staatsgemach, wo er höchst wahrscheinlich an das Fenster der Seitengalerie trat, um den so unerwarteten Besuch zu recognosciren.

Nachdem jedoch auf den gewöhnlichen Anruf die Antwort erfolgt war, verschwand Ludlow's Vermuthung, daß das Boot Vorschläge von der Brigantine bringe. Die Antwort war nämlich, wie ein Seemann sie nennen würde, eine plumpe, das heißt, es fehlte ihr jene attische Reinheit, deren sich Leute vom Fach selten, die Veranlassung sey, welche sie wolle, zu bedienen verfehlen, und vermittelst welcher sie mit einer fast instinktmäßigen Schnelligkeit zu sagen im Stande sind, ob Jemand zu ihnen gehöre, oder ihnen blos in's Handwerk pfusche. Als auf das kurze, rasche »Bootahoi!« der Schildwache auf der Laufplanke mit ziemlich erschrockener Stimme aus dem Boot erwiedert wurde: »Was gibts?« machte die Mannschaft der Coquette eine spöttisch-mitleidige Miene, ungefähr wie ein Anfänger in irgend einer Wissenschaft, der zwei Schritte vorwärts gethan hat, die Schnitzer des Mitschülers bespöttelt, der erst Einen Schritt gethan.

Tiefe Stille herrschte, als die Gesellschaft, aus zwei Männern und eben so vielen Frauenzimmern bestehend, die Seite des Schiffes erstieg, die Leute, welche die Ruder geführt hatten, im Boote zurücklassend. Mehr als ein Licht ward so gehalten, daß die Fremden nothwendig erkannt werden mußten, wenn sie nicht sämmtlich dicht verhüllt gewesen wären, – sie erreichten mithin die Kajüte unerkannt.

»Mein lieber Herr Cornelius Ludlow, am Ende thäte man besser, ohne Weiteres die Livrée der Königin anzulegen, da man nun doch einmal dazu verurtheilt ist, zwischen der Coquette und dem Lande hin- und herzusteuern, ungewiß wie ein protestirter Wechsel, der zur Zahlung von einem Indossanten zum andern geschickt wird,« hob Alderman Van Beverout an, indem er in der großen Kajüte die vermummenden Gewänder mit der größten Kaltblütigkeit eines nach dem andern ablegte, während seine Nichte, ohne eine Einladung abzuwarten, in einen Stuhl sank, und ihre beiden dienstbaren Begleiter unterwürfig schweigend sich rechts und links stellten. »Hier ist Alida, die darauf bestand, einen so unzeitigen Besuch zu machen, und, was noch schlimmer ist, mich in ihrem Gefolge mitzuschleppen, obgleich ich längst über die Zeit hinweg bin, wo man sich von einem Frauenzimmer bei der Nase herumführen läßt, bloß weil sie zufällig ein schönes Lärchen hat. Die Stunde ist auch unpaßlich, und was den Beweggrund anbelangt – ei nun, wenn Meister Seestreicher sich ein klein wenig aus seinem Cours verlaufen hat, so entsteht wohl auch kein sonderliches Unglück daraus, so lange die Sache in den Händen eines so klugen und liebenswürdigen Offiziers ruht.«

Der Alderman verstummte plötzlich, denn die Thüre des Staatszimmers öffnete sich, und das eben von ihm genannte Individuum trat herein.

Als Ludlow wußte, wer seine Gäste waren, brauchte er keine weitere Erklärung über die Ursache, die sie zu ihm geführt hatte. Sich gegen den Rathsherrn wendend, sagte er mit einer Bitterkeit, die er nicht unterdrücken konnte:

»Mein Bleiben dürfte zudringlich seyn. Bedienen Sie sich der Kajüte so ungenirt, als wären Sie zu Hause, und seyen Sie versichert, daß sie zu keinem andern Gebrauch benützt werden soll, so lange Sie dieselbe mit Ihrer Gegenwart beehren. Meine Pflicht ruft mich auf's Verdeck.«

Ernst verbeugte er sich und eilte fort. Indem er bei Alida vorüberging, fing er einen Schimmer ihres dunkeln, sprechenden Auges auf, und glaubte in dem Ausdrucke des Blickes Dankbarkeit zu lesen.

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