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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Arm zwar, doch würdig ist der Herr, den sich
Sein Töchterlein, die Erbin seines Reichs,
Zum Gatten wählte –«
Cymbeline.

Als der Stadtrath Van Beverout und Ludlow sich der Villa ›Lust in Ruhe‹ näherten, war es bereits finster. Sie hatten sich noch nicht sehr weit vom Landungsplatze entfernt, da holte die Nacht sie ein, und der Berg warf schon seinen Schatten quer über den Fluß und über den engen Streifen Landes, der denselben von der See trennte, weit in den Ocean hinaus. Keinem von Beiden war es möglich, die Lage der Dinge in der Villa und deren Umgebung zu beobachten, bevor sie die Anhöhe ganz erstiegen und mit dem Hause in gleicher Ebene sich befanden, oder vielmehr nicht eher, als bis sie den kleinen, aber Wohlgeruch duftenden grünen Platz vor demselben betreten hatten. Eine kurze Strecke vor dem Thore, das auf diesen Plan führte, stand der Alderman still, und redete seinen Gefährten an mit dem Tone seiner früheren Vertraulichkeit, den er in dem Umgang mit dem Capitän seit einigen Tagen abgelegt hatte.

»Es kann Ihnen nicht entgangen seyn, daß die Dinge, welche sich auf dieser kleinen Parthie zugetragen haben, mehr zu häuslichen Angelegenheiten als zu öffentlichen gehören,« sagte er. »Dein Vater war mein sehr alter und viel geachteter Freund, und wo ich mich nicht irre, so sind wir durch Zwischenheirathen mit einander verwandt. Deine brave Mutter, ein wirthliches Weib, das gern schwatzte, hatte etwas vom Geblüt meiner Familie. Es würde mich schmerzen, wenn das aus diesen Erinnerungen entstandene gute Vernehmen auf irgend eine Weise eine Unterbrechung erleiden sollte. Ich gebe zu, Sir, daß die Revenüe dem Staate ist, was die Seele dem Körper, das bewegende und regierende Prinzip, und daß gleichwie der letztere ohne die Seele ein unbewohntes Haus wäre, so würde der Staat ohne die ihm gebührenden Gefälle ein lästiger Zwangherr seyn. Aber man muß auch anderntheils einen Grundsatz nicht zu weit treiben. Ist diese Brigantine, wie Du zu vermuthen scheinst, und wie in der That mehrere Umstände zu schließen berechtigen, die sogenannte Wassernixe, so wäre sie eine gesetzliche Prise gewesen, falls sie in Ihre Macht fiel; nun sie aber entkommen ist, weiß ich zwar nicht, was Ihre Absichten sind, aber lebte Ihr vortrefflicher Vater, das würdige Mitglied des königlichen Rathes, noch, so würde sich ein so gescheuter Mann sehr besinnen, ehe er den Mund aufthäte, um zu sagen, was in diesen oder ähnlichen Fällen zu thun rathsam sey.«

»Das Verfahren, das ich für pflichtgemäß halten werde, mag seyn, welches es wolle, so können Sie sicher auf meine Verschwiegenheit rechnen hinsichts des ... des merkwürdigen ... sehr entschiedenen Schrittes, den Ihre Nichte zu nehmen für gut gefunden hat,« erwiederte der junge Mann, nicht ohne bei dieser Erwähnung Alida's durch das Zittern seiner Stimme zu verrathen, wie groß noch immer ihr Einfluß auf ihn sey. »Es ist gar nicht nöthig, daß man die Geschichte ihres Fehltritts der müßigen Neugierde preisgebe und dadurch das Familiengefühl, auf welches Sie anspielen, verletze.«

Ludlow hielt in seiner Rede inne und überließ es dem Onkel, das, was er noch hinzufügen wollte, zu errathen.

»Das ist großmüthig und männlich, und einem loyalen – Liebenden ähnlich, Capitän Ludlow,« antwortete der Alderman; »ist jedoch nicht gerade, was ich eigentlich sagen wollte. Doch wir wollen hier in der Nachtluft das Gespräch nicht in die Länge ziehen – ha! wenn die Katze schläft, tanzen die Mäuse auf Tischen und Bänken. Diese schwarzen Jokei's, diese Nachtreiter, haben Alida's Pavillon in Besitz genommen, und wir mögen Gott danken, daß des armen Mädchens Zimmer nicht so groß sind wie die Haarlemer Wiese, sonst dürfte uns der Tritt einer scharf angespornten unglücklichen Bestie in die Ohren gellen und ....«

Hier kam die Reihe des plötzlichen Abbrechens an unsern Bürger; er stürzte einen Schritt vorwärts, als wenn ihm plötzlich ein Gespenst erschienen wäre. Seine Rede hatte Ludlow veranlaßt, in der Richtung von La Cour des Fées zu schauen, und Beide erblickten in einem und demselben Moment, als sie gerade bei einem der offenen Fenster ihres Zimmers vorübergingen, die schöne Barbérie.

Der junge Capitän wollte fortstürzen, doch Myndert hielt den Heftigen mit kräftiger Hand zurück.

»Hier ist mehr Arbeit für unsere Köpfe als für unsere Füße,« bemerkte der kaltblütige kluge Kaufmann. »Wenn das nicht die Gestalt meiner Mündel und Nichte war, so hat die Tochter des alten Etienne Barbérie eine Doppelgängerin. François, hast Du nicht das Bild eines Frauenzimmers am Fenster des Pavillon gesehen, oder spielen unsere Wünsche uns einen Streich? Ich bin schon manchmal auf eine unbegreifliche Art in der Qualität der Waare getauscht worden, Capitän, wenn mein Geist so recht auf den Handel versessen war; denn, sehen Sie, der Aufgeklärteste ist solchen Gemüthsschwachheiten ausgesetzt, wenn seine Hoffnung mit im Spiele ist.«

»Certainement, oui!« rief eifrig der Diener. »Welch malheur, zu sein obligé auf die See zu marschiren, und Fräulein Alida sind gar nicht vom Hause weggewesen! Ich mir es gleich dachte, daß wir uns irrten, denn die Familie Barbérie hat niemals geliebt zu seyn marins, jamais

»Schon gut, mein lieber François, die Familie Barbérie ist so irdisch gesinnt wie ein Fuchs. Geh' und zeige den nichtsthuenden Spitzbuben in der Küche an, daß ihr Herr angekommen ist, und, halt! vergiß nicht, daß gar keine Nothwendigkeit vorhanden ist, alle die Wunder zu erzählen, die wir auf der hohen See erlebt haben, hörst Du? – Jetzt, Capitän, wollen wir mit so wenig Lärm als möglich zu meiner gehorsamen Nichte gehen.«

Ludlow ließ sich natürlich nicht zweimal einladen, sondern folgte augenblicklich dem pedantischen, scheinbar ganz unbewegten Alderman nach der Wohnung. Nachdem sie über den Rasenplatz gegangen waren, standen sie unwillkührlich einen Augenblick still, um in die offenen Fenster des Pavillons hineinzuschauen.

Die schöne Barbérie hatte bei der Einrichtung und Verzierung ihres sogenannten Feenhofs der Nationalgeschmack geleitet, den sie von ihrem Vater geerbt. Da der schwerfällige Prunk, wodurch die Regierung Ludwig's XIV. sich auszeichnete, den niedern Adel, zu dem Monsieur de Barbérie gehörte, nicht ganz angesteckt hatte, so folgte Letzterem in sein Exil jener seinem Volke, wie es scheint, ausschließlich eigenthümliche, feine Geschmack, ohne die Ueberladung und den kostspieligen Pomp der anspruchsvollen Mode des Zeitalters. Dieser feine Geschmack einte sich nach und nach mit den häuslicheren und gemüthlichen Sitten der englischen, oder, was fast dasselbe ist, der amerikanischen Lebensweise – eine Vereinigung, welche, da wo sie zu Stande kommt, vielleicht die richtigste und glücklichste Mitte des Nützlichen und Angenehmen trifft.

Alida saß an einem kleinen Mahagony-Tisch, vertieft in den Inhalt eines vor ihr liegenden Büchleins. Neben ihr stand ein Theeservice, die Tassen und die anderen Geräthe von der damals üblichen niedlichen Form, vom feinsten Stoff und auf's Zierlichste gearbeitet. Ihr Anzug bestand in einem, ihren Jahren anstehenden Negligé, und ihre ganze Gestalt athmete jene anmuthsvolle Bequemlichkeit, welche des Geschlechts ausschließliche Eigenschaft zu seyn scheint, und die der Zurückgezogenheit eines gebildeten Weibes einen so eigenthümlichen Reiz verleihet. Alida's Geist war mit der Lektüre ganz beschäftigt, und sie schien das Zischen der an ihrem Ellenbogen stehenden silbernen Theeurne gar nicht zu hören.

»Ja, dies ist das Bild, das ich mir mit Wonne vormalte,« flüsterte Ludlow, »wenn Wind und Sturm mich manche öde, heulende Nacht auf dem Verdeck hielten. Wenn Körper und Geist gleich schmerzlich die Ermüdung fühlten, so war dies die Ruhe, nach der ich mich so sehr sehnte, dies die Erholung, die ich sogar zu hoffen wagte.«

»Mit der Zeit kommt der Porzellan-Handel doch noch in Blüthe, und Sie verstehen sich vortrefflich auf bequeme Einrichtung, Herr Ludlow,« erwiederte der Alderman. »Hat das Mädchen dort nicht eine Gluth auf der Wange, daß man schwören sollte, ihr Gesicht sey nie von Seelüften umweht gewesen. Wie sie so gemächlich dort sitzt! Wahrlich, Niemand sollte errathen, daß sie so kürzlich unter den Delphinen umhertanzte. Wir wollen hinein.«

Der Stadtrath Van Beverout pflegte, wenn er seine Nichte besuchte, wenig Höflichkeits-Ceremonien zu beobachten. Ohne daher eine vorläufige Anmeldung für nöthig zu halten, öffnete der selbstgefällige Bürger die Thür und führte seinen Gefährten in den Pavillon ein.

Zeichnete sich die Zusammenkunft durch affectirte Gleichgültigkeit von Seiten der Gäste aus, so setzte ihnen die schöne Wirthin einen wenigstens eben so hohen Grad von Unbefangenheit entgegen. Sie legte das Buch mit einer Ruhe bei Seite, als wenn man sich erst vor einer Stunde gesehen hätte, ein hinreichender Wink für Ludlow sowohl als den Onkel, daß man von ihrer Rückkunft benachrichtigt war, und ihr Besuch nicht unerwartet kam. Als sie eintraten, erhob sich das Mädchen bloß von ihrem Sitze, und bat mit einem Lächeln, das mehr der guten Erziehung als dem Gefühle angehörte, daß sie Platz nehmen möchten. Den Alderman versetzte diese Fassung seiner Nichte in ein verwirrendes Forschen, während der junge Seemann kaum wußte, was er mehr bewundern sollte, die unaussprechliche Liebenswürdigkeit der Schönen oder ihre wunderbare Geistesgegenwart in einem Auftritt, der wohl den Meisten keine geringe Verlegenheit verursacht hätte. Alida hingegen schien so wenig eine Erklärung von ihrer Seite für nöthig zu halten, daß sie, nachdem ihre Gäste sich gesetzt hatten, bei'm Thee-Einschenken das Gespräch mit den Worten einleitete:

»Sie kommen gerade recht zu einer Tasse köstlichen Bohea-Thees. Ich glaube, Onkel nennt ihn Thee des Castells von Caernarvon.«

»Ein Schiff, das viel Glück hat, sowohl in seinen Fahrten, als in seinen Waaren. Ganz richtig, es ist der Artikel, den Du genannt hast, und ich kann ihn allen Kaufleuten anempfehlen. Aber Nichte mein, darf man so frei seyn, um die Herablassung zu bitten, daß Du diesen Schiffs-Commandeur in Diensten Ihrer Majestät, und einen armen Alderman der guten Stadt Neu-York benachrichtigst, wie lange es her ist, seit Du uns zum Thee erwartest?«

Alida zog eine kleine reichverzierte Uhr aus dem Gürtel, sah sie an, als wüßte sie nicht, wie viel Uhr es war, und antwortete dann:

»Es ist neun Uhr. Ich glaube, der Tag hatte sich eben geneigt, als Dinah zuerst ankündigte, daß mir dies Vergnügen bevorstehe. Doch ich muß nicht vergessen, Ihnen zu sagen, daß Pakete, ich glaube mit Briefen, aus der Stadt angekommen sind.«

Dieses hieß dem Ideengang des Kaufmanns plötzlich eine neue Richtung geben. Ohnedies hatte er sich schon gehütet, auf diejenige Erklärung zu dringen, welche die Umstände eigentlich zu erfordern schienen; denn abgesehen davon, daß die Geistesgegenwart seiner Mündel ihm zum Theil die seinige benahm, war ihm recht gut bekannt, daß er auf gefährlichem Boden stehe, und mehr zum Vorschein kommen könnte, als ihm, der Gegenwart des Capitäns wegen, lieb gewesen wäre. Um so willkommener war es ihm daher, für den Aufschub der Erkundigungen die passende Entschuldigung zu haben, daß er die Mittheilungen seiner Geschäftsfreunde durchlaufen müsse. Mit einem Schluck verschlang er den Inhalt der winzigen Tasse, die er in der Hand hielt, faßte dann das ihm jetzt von Alida hingereichte Paket, brachte ein paar Worte der Entschuldigung gegen Ludlow stotternd hervor, und damit lief er fort.

Bis jetzt hatte der Commandeur der Coquette den Mund noch nicht geöffnet; heftiger Unwille und Verwunderung machten ihn stumm, obschon er sich um so mehr Mühe mit den Augen gab, den Schleier zu durchdringen, in welchem Alida ihr Betragen und ihre Beweggründe dazu verborgen hielt. Während der ersten Augenblicke des Besuches glaubte er, trotz ihrer erkünstelten Ruhe, ein trauerndes Lächeln auf ihrem Munde kämpfen zu sehen; doch nur ein einziges Mal begegneten sich ihre Blicke, nämlich als sie ihre großen dunkeln Augen verstohlen auf sein Antlitz richtete, gleichsam als wäre sie neugierig, zu erfahren, was für Wirkung ihr Benehmen auf den Geist des jungen Seemanns hervorbringe.

»Haben die Feinde der Königin Ursache, die Seefahrt der Coquette zu beklagen,« sagte die Schöne hastig, als sie merkte, daß ihr Blick entdeckt war, »oder haben sie sich gefürchtet, einem Muth gegenüber zu treten, der ihnen schon vordem seine Ueberlegenheit fühlbar gemacht hat?«

»Furcht oder Klugheit oder, wie ich vielleicht sagen sollte, Gewissen, hat sie vorsichtig gemacht,« erwiederte Ludlow, indem er einen vielsagenden Nachdruck auf das letztere Wort legte. »Wir sind von dem Hook bis zur großen Bank gefahren und kommen ohne Erfolg wieder zurück.«

»Viel Unglück. Aber anstatt der Franzosen sind Sie vielleicht auf Contrebande-Händler gestoßen, die Sie wegen ihres gesetzwidrigen Treibens zur Rechenschaft zogen. Die Sklaven wollen wissen, daß die Brigantine, die uns kürzlich hier besuchte, der Regierung verdächtig sey.«

»Verdächtig! – Doch vielleicht erfahre ich von der schönen Barbérie am ersten, ob der Ruf, in dem der Befehlshaber jenes Fahrzeuges steht, ein verdienter sey, oder nicht.«

Alida lächelte, und zwar, wie ihr Bewunderer meinte, so hold wie nur jemals.

»Es wäre eine ganz ungewöhnliche Herablassung, wollte sich der Capitän Ludlow bei den Mädchen in der Colonie über das, was seinen Dienst angeht, Belehrung holen. Wir mögen wohl heimliche Gönnerinnen der Contrebandirer seyn, das berechtigt aber keinesweges zu dem Verdacht, daß wir mehr von ihnen oder ihren Handlungen wissen. Solche Anspielungen zwingen mich vielleicht noch, den Vergnügungen zu ›Lust in Ruhe‹ zu entsagen und frische gesunde Luft an einem minder zugänglichen Orte zu suchen. Die Ufer des Hudson bieten ja zum Glück manche nicht zu verwerfende Punkte dar.«

»Zu welchen Punkten Sie gewiß auch das Herrenhaus von Kinderhook rechnen.«

Ein abermaliges Lächeln, in welchem Ludlow Triumph zu lesen glaubte.

»Die Wohnung des Herrn Oloff Van Staats soll bequem seyn und keine schlechte Lage haben. Ich habe sie gesehen ...«

»In dem Bilde, das Sie sich von der Zukunft entwarfen?« sagte der junge Mann, als er bemerkte, daß sie stockte. Jetzt lachte Alida laut auf; doch bald gewann sie ihren vorigen Ernst wieder und antwortete:

»Nicht ganz so phantasiereich. Meine Kenntniß von den Schönheiten des fraglichen Hauses schreibt sich von ganz unpoetischen Anschauungen her, die ich beim mehrmaligen Vorbeifahren auf dem Flusse genommen habe. Die Schornsteine sind im ächtesten nordbrabantschen Styl gewunden; es fehlen zwar oben die Storchnester, doch dafür wohnt vielleicht unten am Heerde jene Verführerin des Weibes, die Behaglichkeit. Auch die Außengebäude haben ein gar lockendes Aussehen, wenigstens für eine wirthliche Hausfrau.«

»Ein Amt, das Sie aus Höflichkeit gegen den würdigen Patroon wohl nicht lange unbesetzt zu lassen entschlossen sind!«

Alida spielte mit einem Theelöffel, der in die Form des Stengels und Blattes der Theepflanze künstlich ciselirt war. Sie schrak auf, ließ das silberne Geräthe aus der Hand fallen, und hob langsam das Auge zum Jüngling empor. Der Blick war fest und nicht ohne Theilnahme an seiner sichtlichen Niedergeschlagenheit.

»Nie wird es von mir besetzt werden, Ludlow,« war die feierliche Antwort, mit einer Entschiedenheit ausgesprochen, welche einen unwiderruflichen Entschluß verrieth.

»Diese Erklärung wälzt einen Berg von meinem Herzen. Ach Alida, könnten Sie eben so leicht ...«

»St!« flüsterte sie, sprang von ihrem Sitze auf und stand einen Augenblick in der Stellung der gespanntesten Erwartung da. Glänzender ward ihr Auge, glühender noch als bisher ihre Wangen und Freude und Hoffnung malten sich leserlich auf ihr schönes Antlitz. »St!« wiederholte sie, mit einer Bewegung der Hand Ludlow ermahnend, seine Begeisterung zu unterdrücken. »Hörten Sie nichts?«

Der gekränkte und dennoch bewundernde Ludlow schwieg, beobachtete aber mit einer Spannung, welche der des Mädchens gleichkam, ihre theilnahmvolle Miene und lieblichen Züge. Da kein zweiter Ton demjenigen folgte, den Alida gehört hatte, oder gehört zu haben glaubte, so nahm sie ihren Sitz wieder ein, und bemühte sich, ihrem Gesellschafter die vorige Aufmerksamkeit zuzuwenden.

»Sie sprachen eben von Bergen,« fuhr sie fort, kaum wissend, was sie sagte. »Die Fahrt zwischen den Bais von Newburgh und Tappan hat kaum ihres Gleichen, wie ich mir von vielgereisten Leuten erzählen lasse.«

»Ich sprach allerdings von einem Berg, aber von einem, der mich zur Erde niederdrückt. Ihr unerklärliches Betragen, Ihre grausame Gleichgültigkeit, Alida, haben ihn mir auf die Seele geladen. Sie haben gesagt, daß für Oloff Van Staats keine Hoffnung ist; dieses Wort entfloß der Ihnen angebornen Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit, und hat alle meine schweren Besorgnisse von dieser Seite verscheucht. Nur noch die Enträthselung Ihrer Abwesenheit, und Ihr ganzer allbeherrschender Einfluß auf mich, der so gern Vertrauen in ihre Worte und Handlungen setzt, ist wieder hergestellt.«

Die schöne Barbérie schien gerührt. Sie sah den jungen Seemann gütiger an, und als sie ihm antwortete, verrieth ihre Stimme ein leises Beben.

»Jener Einfluß ist also wirklich geschwächt worden?«

»Sie werden mich verachten, wenn ich Nein! sage; und sage ich Ja! so werden Sie mir es nicht glauben.« »So ist Schweigen das beste Mittel, um unser jetziges gutes Vernehmen nicht zu stören. Aber in der That, mein Ohr trügt mich nicht, das war ein leises Anklopfen an den Fensterladen!«

»Die Hoffnung trügt zuweilen. Dieses wiederholte Lauschen scheint anzudeuten, daß Sie Besuch erwarten.«

Jetzt bestätigte ein deutlich hörbares Anpochen an den Laden die Vermuthung der Besitzerin des Pavillons. Sie sah ihren Gesellschafter verlegen an; ihre Farbe wechselte und sie schien etwas sagen zu wollen, das aber ihr Herz oder ihr Verstand sie unterdrücken ließ.

»Capitän Ludlow,« sprach sie endlich, »Sie sind schon einmal der unerwartete Zeuge eines Begegnens in la Cour des Fées gewesen, das, fürchte ich, mir ungünstige Voraussetzungen zugezogen hat. Doch ein so Männlichdenkender, Großherziger, wie Sie, versteht es wohl, Nachsicht gegen kleine weibliche Eitelkeiten zu üben. Ich erwarte allerdings einen Besuch, und zwar einen solchen, den ein königlicher Offizier vielleicht nicht gutheißt.«

»Ich bin kein Accisebeamter, der Kleiderschränke und geheime Fächer durchsucht; mein Dienst weist mir nur die hohe See zum Wirkungskreis und nur die offenbaren Verletzer des Gesetzes zu Gegenständen meiner Thätigkeit an. Wissen Sie daher Jemand draußen, dessen Gegenwart Sie wünschen, so lassen Sie ihn nur eintreten, er braucht mein Amt nicht zu fürchten. Treffen wir an einem passendern Ort zusammen, so werde ich mir schon Genugthuung zu verschaffen wissen.«

Seine Gefährtin verneigte sich mit dankbarem Blick. Hierauf machte sie ein Geklingel, indem sie mit dem Theelöffel im Innern einer Tasse hin- und herfuhr. Nun rauschte das Gesträuch vor dem einen Fenster, und gleich darnach machte der junge, unsern Lesern aus den früheren Scenen dieser Erzählung so wohlbekannte Fremde seine Erscheinung auf dem niedern Balcon. Kaum war seine Person von denen drinnen erkannt, so rollte ein Waarenballen bei ihm vorbei, bis in die Mitte des Zimmers.

»Ich schicke, wie Sie sehen, das Certificat meines Standes als Vorläufer voraus,« sagte der schmucke Contrebande-Händler, oder wie ihn der Alderman zu nennen pflegte, Meister Seestreicher, lüftete galant seine mit Gold eingefaßte Mütze gegen die Herrin des Feenhofs, sodann mit steiferem Anstand gegen ihren Gefährten, bedeckte dann wieder die reichen glänzenden Locken und machte sich an den Ballen. »Hier finde ich ja einen Kunden mehr als verabredet war, und darf also auf doppelten Verdienst rechnen. Wir haben uns schon ehedem gesehen, Capitän Ludlow.«

»Das haben wir, gnädiger Herr Meerdurchstreicher, und es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen seyn. Der Wind kann sich ändern, und das Glück sich noch für die gerechte Sache erklären!«

»Wir vertrauen der Sorgfalt der meergrünen Dame,« erwiederte der außerordentliche Smuggler, und wies mit einer Art von Ehrerbietung, – ob gefühlter oder erkünstelter, bleibt dahingestellt – auf das in reichen Farben in seine Sammetmütze kunstreich eingewirkte Bild. »Was geschehen ist, kann wieder geschehen, die Vergangenheit stärkt uns mit Muth für die Zukunft. Hier treffen wir hoffentlich auf neutralem Boden zusammen, wie?«

»Ich bin der Commandeur eines königlichen Kreuzers, Sir,« erwiederte der Andere auffahrend.

»Die Königin Anna kann stolz auf so einen Diener seyn! – Doch wir vernachlässigen unsre Geschäfte; bitte tausendmal um Vergebung, liebenswürdige Beherrscherin dieses Feenpalastes; dies Aufeinanderstoßen zweier rauher Seemänner läßt Ihrer Schönheit nicht ihr Recht widerfahren, und gereicht der männlichen Unterthanenpflicht wenig zur Ehre. Lassen wir jedoch die Complimente jetzt; ich habe Ihnen Waaren anzubieten, die selbst das glänzendste Auge noch nie ansah, ohne noch herrlicher zu strahlen, die in der Brust von Herzoginnen Sehnsucht erweckten.«

»Sie sprechen mit vieler Dreistigkeit von Ihren Verbindungen, Meister Seestreicher, und führen adelige Herrschaften so vertraulich unter Ihren Kundsleuten auf, als wenn Sie Staatsämter zu verkaufen hätten.«

»Dieser vielerfahrene Dienstbeflissene der Königin kann Ihnen sagen, Dame, daß der Wind, der auf dem atlantischen Meere die Gewalt eines Sturmes hat, auf dem Lande kaum stark genug ist, die glühende Wange eines Mädchens kühl zu fächeln, und daß die Gliederung der menschlichen Gesellschaft nicht minder künstlich verwebt ist, als das Tau eines Schiffes. Der Tempel von Ephesus und der Wigwam eines Indianers hatten eine und dieselbe Erde zur Grundlage.«

»Und daraus schließen Sie, daß hoher Stand die Natur nicht ändere. Man muß gestehen, Herr Capitän, Meister Seestreicher kennt das weibliche Herz, wenn es gilt, uns mit solchen köstlichen Geweben zu bethören.«

Ludlow hatte bis jetzt den schweigenden Beobachter abgegeben. Alida's Benehmen fand er bei Weitem weniger befangen als damals, wie er sie zuerst in des Smugglers Gesellschaft antraf, und siedend heiß ward sein Blut, als er sah, daß ihre Blicke sich mit geheimem und vertraulichem Einverständnis begegneten. Indessen hatte er sich vorgenommen, ruhig zu bleiben, sollte er auch das Schlimmste erfahren – das war ja die Ursache, warum er weilte. Mit gewaltiger Anstrengung gelang es ihm, seiner Gefühle Herr zu werden, und mit Gelassenheit in seinem Aeußern, obgleich nicht ohne etwas von der innerlich empfundenen Bitterkeit in seinem Ausdrucke, antwortete er:

»Wenn Meister Seestreicher ein Weiberkenner ist, so mag er auf sein gutes Glück stolz seyn.«

»Viel Umgang mit dem Geschlecht kam mir eines Theils dabei zu Statten,« erwiederte der cavaliermäßige Contrebande-Händler. »Hier ein Goldstoff, dessen Kamerad ohne Scheu in der Gegenwart unserer königlichen Gebieterin getragen wird, obgleich Beide den verpönten Webstühlen Italiens ihr Daseyn verdanken. Wenn die Hofdamen einmal im Jahr als gute Patrioten, dem Publikum zu Liebe, in einheimischen Zeugen tanzen, so tragen sie, sich selbst zu Liebe, das ganze übrige Jahr diese gefälligeren Muster. Sagen Sie selbst, warum sonst verwendet der Engländer mit seiner mattbleichen Sonne Tausende darauf, eine kränkliche Nachahmung dessen hervorzuzwingen, was ein tropisches Klima mit Ueppigkeit spendet, als weil er nach der verbotenen Frucht schmachtet? und was ist die Ursache, daß Eurem Pariser Gutschmecker eine Feige, die ein Neapolitanischer Lazzarone in seine Bai werfen würde, ganz köstlich mundet? Er wünscht die Gaben einer niedern Breitegegend unter einem regnigen Himmel zu genießen. Ich habe gesehen, wie Jemand sich an dem verzuckerten Saft einer Treibhaus-Ananas, die eine Guinee gekostet, labte, während sein Gaumen dieselbe Frucht, unter einer sengenden Sonne reif geworden, mit ihrer köstlichen Mischung des Sauern und Süßen, verschmäht haben würde, bloß weil er sie dort für nichts haben kann. Dies ist das Geheimniß, das uns so viele Gönner zuführt, und da es seine Macht dem schönen Geschlechte am stärksten fühlen läßt, so haben wir letzterem auch die meisten Verbindlichkeiten.«

»Sie sind gereist, Meister Seestreicher,« versetzte die Schöne, indem sie unter den reichen, auf dem Fußteppich ausgebreiteten Stoffen wühlte: »Sie äußern sich eben so geläufig über menschliche Sitten, als Sie vorher vertraulich von hohen Personen sprachen.«

»Ein träger Diener ist kein Mann für die Dame mit dem meergrünen Gewand. Ihrem leitenden Fingerzeige folgen wir; bald weiset er uns nach den Inseln des adriatischen Meeres hin, bald nach Eurer stürmischen amerikanischen Küste. Es gibt wenig Stellen in Europa, von Gibraltar an bis zum Kattegat, die ich nicht besucht hätte.«

»Scheint doch Italien der Liebling gewesen zu seyn, wenn man nach dem Umstand schließen darf, daß die meisten Stoffe, die Sie führen, italienische Erzeugnisse sind.«

»Italien, Frankreich und Flandern sind die Länder, welche ich besuche; indeß ziehe ich das erstere, wie Sie ganz richtig vermuthen, allen übrigen vor. Viele Jahre meines frühern Lebens brachte ich auf den edlen Gestaden jener romantischen Gegenden zu. Jemand, der mich in meinen Kinder- und Jünglingsjahren schützte und leitete, ließ mich sogar eine Zeit lang zum Unterricht in der kleinen Ebne von Sorrento.«

»Und wo mag diese Ebne seyn? Der einstige Aufenthalt eines so berühmten Seewanderers könnte eines Tages der Gegenstand des Gesanges werden, und die Muße der Neugierigen beschäftigen.«

»Kommt die Rede aus so holdem Munde, wird es nicht schwer, die Ironie darin zu verzeihen. Sorrento ist ein Dorf auf der südlichen Küste der berühmten Bai von Neapel. Das Feuer hat in jenem sanften und doch wilden Lande gar viele Veränderungen bewirkt, und wenn es wahr ist, was die Religiösen sagen, daß die Quellen der großen Tiefe einst hervorbrachen, die Erdkruste barst, und die verborgenen Fluthen sich einen Weg nach der Oberfläche bahnten: so hatte Der, dessen Berührung unaustilgbare Spuren zurückläßt, jenen Fleck vielleicht gewählt, seine Macht zu verkünden. Das Erdreich in jener ganzen Gegend scheint selbst nur das Erzeugniß speiender Vulkane zu seyn, und der Sorrentine bringt sein friedliches Leben im Bette eines ausgebrannten Kraters zu. Seltsam ist's zu schauen, wie die Menschen des Mittelalters ihren Wohnort am Meeresrand erbauten, da wo das Element die eine Hälfte des gezackten Bassins verschlungen hat, wie sie die gähnenden Klüfte von Tofstein zu Gräben gewählt haben, ihre Mauern zu schützen. Viele Länder habe ich besucht, und die Natur beinahe in jedem Klima gesehen, aber nirgends traf ich einen Punkt, wo sich dem Blick so viele Herrlichkeiten der Natur mit so gewaltigen Erinnerungen entgegendrängten; als in jenem lieblichen Aufenthalt auf den Sorrentinischen Felsen.«

»O erzählen Sie von diesen Freuden, die Ihnen so angenehme Erinnerungen gewähren; ich sehe mir dabei die übrigen Waaren an.«

Einen Augenblick sann der junge, schmucke Freihändler; er schien sich in Bilder der Vergangenheit zu verlieren, dann fuhr er mit einem melancholischen Lächeln fort:

»Sind auch viele Jahre seitdem verflossen, ich kann die Schönheiten jener Scene mir so lebhaft in's Gemüth zurückrufen, als stünden sie noch vor meinem Auge. Unser Wohnhaus lag am Felsenrand: vor demselben breitete sich das tiefe blaue Wasser aus, und an dem jenseitigen Ufer bot sich dem Blicke ein Verein von Gegenständen dar, wie sie weder Zufall noch Absicht schwerlich irgend anderswo auf Erden zusammengebracht hat. Versetzen Sie sich, meine Dame, an meine Seite; wir folgen der Windung des nördlichen Ufers, und ich zeichne Ihnen die Umrisse der prächtigen Schaubühne vor. Jene hochgelegene, hügelige Insel mit ihrem gezackten Gestade dort auf unsrer äußersten Linken ist das neuere Ischia. Ihr Ursprung ist unbekannt, obgleich sich längs ihrer Küste Haufen Lava ziehen, die so frisch scheint, als hätte sie der Berg erst gestern herausgeschleudert. Das lange, niedrige Eiland daneben heißt Procida und ist ein Sprößling des alten Griechenlands. Noch jetzt lassen sich in ihrer Landestracht und Sprache die Spuren ihrer Abstammung erkennen. Diese schmale Landzunge führt sie auf einen hohen, nackten Erdrücken; es ist das alte Misenum. Hier kam Aeneas an's Land, hier stand Rom's Flotte, hier schiffte Plinius sich ein, um den Vulkan, der nach mehreren hundert Jahren Schlafs wieder aufgewacht war, arbeiten zu sehen. In der Höhlung der Firste, zwischen jenem kahlen Erdrücken und dem nächsten Anschwellen des Berges befinden sich der Styx, die elysäischen Gefilde und der Aufenthalt der Todten, die der Barde von Mantua geschildert. Höher hinan auf der Anhöhe und dem Meere näher liegen, in der Erde vergraben, die ungeheuren Gewölbe der piscina mirabile und die düstern Höhlen der Hundert Kammern – Oerter, welche gleich sehr Rom's Ueppigkeit und Tyrannei bekunden. Mehr nach dem riesenmäßigen Schlosse zu, das viele Stunden in der Ferne sichtbar ist, sieht man den anmuthigen, sich krümmenden Hafen Bajä, und an dem Abhang seiner einfassenden Hügel lag einst die Stadt der Villas. Nach jenem geschützten Berg strömten Kaiser, Consuln, Dichter und Krieger aus der Hauptstadt, um der Ruhe zu genießen und die reine Luft eines Ortes zu athmen, den seitdem die Pest zu ihrem Aufenthalt gemacht. Noch jetzt ist der Boden mit dem Ueberreste ihrer Größe bedeckt, und zwischen den Oel- und Feigenbäumen des Landmanns liegen die zahlreichen Trümmer von Tempeln und Bädern zerstreut. Der matte Schimmer dort an der nordöstlichen Grenze der kleinen Bai ist ein zweiter Erdrücken, der einst die Paläste von Kaisern trug. Dort hat Cäsar die Einsamkeit gesucht, und die heißen Quellen auf dem Abhange desselben werden noch heute die Bäder des blutigen Nero genannt. Jener kleine konische Hügel, der, wie Sie sehen, grüner und frischer aussieht, als das angrenzende Gelände, ist ein Kegel, den der unten befindliche Kessel erst vor zwei Jahrhunderten herausgeschleudert hat. Er steht zum Theil auf der Stelle, welche früher der alte Lucrinische See einnahm, und von jenem berühmten Reservoir der Leckermäuler am Fuß des Kegels ist nur noch ein schmaler seichter Strich Wassers zu sehen, der durch einen noch schmaleren Streifen Sandes von der See getrennt ist. Mehr im Hintergrunde, von öden Bergen umsäumt, sind die Wasser des Avernus, an deren Ufer die Ruine eines Tempels steht, wo den Höllengöttern einst geopfert wurde. Die Grotte der Sybylle ist in jene Kuppe links eingehöhlt, und der unterirdische Gang von Cumä läuft dicht dahinter. Eine Meile rechts ab sehen Sie den Hafen der Alten; es ist der Ort Pozzuoli, und Fremde besuchen ihn, um die Tempel Jupiter's und Neptun's, das verfallene Amphitheater und die halb verschütteten Grabmäler in Augenschein zu nehmen. Hier baute Caligula's eitler Ehrgeiz eine Brücke, und des schändlichen Nero Angriff auf das Leben seiner eigenen Mutter geschah, als sie über die Brücke nach Bajä wollte. Hier war es auch, wo der heilige Paulus an's Land stieg, als er in Ketten nach Rom geführt wurde. Das kleine, aber hohe Eiland, beinahe in der Fronte von Pozzuoli gelegen, ist Nisida, wohin Brutus sich nach seiner That am Fuße der Statue des Pompejus auf seine Villa zurückzog, und von wo er mit Cassius nach Philippi absegelte, dem Schatten und der Rache des ermordeten Cäsar's entgegengehend. Jetzt folgten eine Menge dem Mittelalter bekannteren Oerter, obgleich noch der berühmte unterirdische Weg zu erwähnen wäre, von dem Strabo und Seneca erzählen; er ist unterhalb des Berges dort im Hintergrunde, und noch heute treibt der Bauer täglich seinen Esel, mit Gemüse beladen, hindurch nach dem Markt der neuen Stadt. Am Eingange befindet sich das berühmte Grab Virgil's, und dann beginnt der erhabene Halbkreis weißer, in Terrassen gebauter Wohnungen. Dies ist das geräuschvolle Napoli selbst, gekrönt mit seinem Felsenschloß St. Elmo. Die weite Ebne rechts trug einst auf ihrer Fläche das üppige, entnervende Capua und noch so manche andere Stadt. Hierauf folgt der alleinstehende feuerspeiende Berg mit seiner in drei Kegel auslaufenden Spitze. Villas und Dörfer, Flecken und Städte sollen unter den Weingärten und Palästen, die jetzt gedrängt an seinem Fuße prangen, begraben liegen. Auf der verhängnißvollen Ebne, welche an dem Ufer der Bai zunächst folgt, stand das alte unglückliche Pompeji, und dann kommt die Linie des Vorgebirges, welches die Sorrentinische Wassergrenze bildet.« –

»Wer solchen Unterricht genossen hat, sollte es verstehen, eine bessere Anwendung davon zu machen,« war Ludlow's verweisende Bemerkung, als der von Erinnerung ergriffene Smuggler seine Beschreibung endete.

»In anderen Ländern ziehen die Menschen ihr Wissen aus Büchern; nicht so in Italien; dort erwirbt das Kind seine Kenntnisse durch die Anschauung der sichtbaren Natur,« erwiederte ruhig der Fremde.

»Viele hier zu Lande gefallen sich in dem Glauben, daß unsere eigene Bai, unser Sommerhimmel, und das Clima überhaupt, viel Ähnlichkeit mit denselben Gegenständen in Italien haben müssen, da beide Länder genau unter demselben Breitengrad liegen,« bemerkte Alida hastig, gleichsam als wollte sie dadurch einem Wortwechsel zwischen ihren beiden Gästen vorbeugen.

»Daß die Gewässer ihres Manhattan und Rariton ausgedehnt und angenehm sind, kann Niemand läugnen, und daß liebenswürdige Wesen deren Ufer bewohnen, meine Dame,« versetzte der Seestreicher, indem er mit Artigkeit die Mütze berührte, »davon habe ich mich durch eigene Anschauung überzeugt. Indessen würden sie doch besser thun, einen andern Vorzug dieses Landes zur Vergleichung hervorzuheben; den herrlichen Gewässern, den seltsam gebildeten Berg-Eilanden, den sonnigen Hügelabhängen des neuern Napoli lassen sich keine andern zur Seite stellen. Ich gebe zu, daß der Breitegrad für Ihre Behauptung spricht, auch senkt die Sonne ihren Strahl nicht minder wohlthätig auf das eine Land als auf das andere. Allein die Wälder Amerikas sind noch zu reich an feuchten Ausdünstungen, als daß dies der Reinheit der Luft nicht schaden sollte. Ich habe viel vom Mittelmeer gesehen, aber auch die nordamerikanischen Gewässer sind mir nicht fremd, und ich kenne daher die vielen Gründe, welche beide Küstengegenden, bei all' ihrer klimatischen Aehnlichkeit, deutlich von einander unterscheiden.«

»So belehren Sie uns über diese bezeichnenden Merkmale, damit wir in Zukunft den Irrthum vermeiden, wenn von unserer Bai und unserem Himmel die Rede ist.«

»Ihr Zutrauen, meine Dame, ist sehr ehrenvoll für mich. Weiß ich auch recht gut, wie beschränkt meine Kenntnisse und meine Rednergaben sind, so mag ich doch das Wenige, was Selbstbeobachtung mich gelehrt hat, nicht ungefällig vorenthalten. Die italienische Atmosphäre ist wegen der dem Ocean entsteigenden Dünste bisweilen trübe. Hingegen kennt man in jenem fernen Lande, außer den beiden Meeren, keine sonstigen großen Wasserflächen. In den Monaten, wo die Sonne die meiste Stärke besitzt, gibt es wenige Gegenstände in der Natur, die trockener sind, als ein italienischer Fluß. Die Wirkung, welche dieser Umstand auf die Luft hervorbringt, ist merklich genug: denn diese ist in der Regel elastisch, trocken und den allgemeinen Gesetzen des Climas folgsam. Von den feinen feuchten Dünsten, welche Ihre waldreichen Gegenden umwölken, sieht man wenig in Italien. Wenigstens pflegte mein Jugendführer dies so zu sagen.«

»Und wollen Sie unsern Himmel, unsere Abendsonne, unsere Bucht mit Stillschweigen übergehen?«

»Gewiß nicht; ich werde vielmehr aufrichtig meine Gedanken darüber äußern. Eine jede der Bai's scheint von der Natur diejenigen Eigenschaften, die ihrer verschiedenen Bestimmung am meisten entsprechen, erhalten zu haben. Die eine ist der Dichtung günstig, träge, anmuthig, prächtig, schön mehr Genuß als Nutzen gewährend; die andere wird einst ein Weltmarkt seyn!«

»Noch immer vermeiden Sie es, über die Schönheit der beiden Bais ein vergleichendes Urtheil auszusprechen,« sagte Alida nicht ohne innerlichen Verdruß, wiewohl sie sich bemühte, gleichgültig zu scheinen.

»In der Regel begehen alle Länder den Fehler, von sich zu hoch und von neuen Handelnden in dem großen Drama der Nationen zu gering zu denken, gerade wie Individuen, die längst die Gunst des Glücks genießen, verächtlich auf die herniederschauen, die jene Gunst erst zu erlangen streben;« sagte der Seestreicher, der schmollenden Schönen verwundert in's halb zürnende Auge schauend. »Doch in diesem Punkte kann man nicht umhin, dem Urtheil Europa's beizupflichten. Der hat eine furchtbare Einbildungskraft, welcher eine starke Aehnlichkeit zwischen der Bai von Neapel und der von Manhattan herauszufinden vermag; denn sie beruht auf dem bloßen Umstand, daß beide viel Wasser in sich fassen, und daß die Durchfahrt zwischen der Insel und dem Festland in der einen Bai mit der Durchfahrt zwischen zwei Inseln in der andern verglichen werden kann. Diese ist eine Bucht, jene ein Golf; diese hat das grüne, trübe Wasser sich allmählig senkender Ufer und einmündender Flüsse aufzuweisen, jene das blaue durchsichtige Element eines tiefen Meeres. Ich schweige von den romantischen schroffen Felsenbergen, von dem unbeschreiblich schönen Spiel des goldenen und rosigen Lichtes an ihren zerrissenen Flächen, von einem Gestade endlich, auf dem sich die Erinnerungen von dreitausend Jahren begegnen.«

»Ich fürchte mich, mehr zu fragen. Aber unser Himmel verdient doch wohl, selbst neben dem, den sie rühmen, einer kurzen Erwähnung?«

»Auf diesen haben Sie allerdings mehr Grund, sich etwas zu gute zu thun. Ich erinnere mich, einst auf dem Capo di Monte an der Seite des Mannes gestanden zu haben, dessen ich bereits erwähnt habe. Wir überschauten den kleinen malerischen belebten Strand der Marina Grande von Sorrento, einen Punkt, welcher wimmelt von allem, was das Fischerleben nur der Phantasie bietet; da wies mein Begleiter nach dem durchsichtigen Gewölbe über uns und sagte: »dort ist der Mond Amerika's«. Keine Rakete glänzt mit lebendigeren Farben, als die Sterne in jener Nacht, denn eine Tramontana hatte jede Trübung der Luft weit in die nahe See hinausgeweht. Aber Nächte wie jene sind in der That in jedem Klima selten. Die Bewohner niederer Breiten genießen sie dann und wann; die höherer nie.«

»So ist denn unser schmeichelhafter Glaube, daß diese westlichen Sonnenuntergänge mit den italienischen verglichen werden dürfen, ein leerer Wahn?«

»Das nicht, meine Dame. Man kann sie mit einander vergleichen, aber ähnlich sind sie sich nicht. Die Emaille des Etui's, auf welchem jetzt eine so schöne Hand ruht, ist nicht weicher, denn die Farben des italienischen Firmaments. Wenn aber das Perlenlicht, die rosigen Wölkchen und die zarten Tinten, die über das ganze Gewölbe Napoli's in einander schmelzen, Ihrem Abendhimmel, fehlen, so steht er hingegen in der lebendigen Gluth in der Mannigfaltigkeit der Uebergänge und dem Reichthum der Farben unübertrefflich da. Nur sanfter sind jene, prächtiger diese. Senden einst Ihre Waldungen nicht mehr so viele Dünste aus ihren Gründen hervor, so folgen vielleicht gleichen Ursachen gleiche Wirkungen. Bis dahin muß der Amerikaner sich mit dem Stolze begnügen, daß die Schönheit der Natur sich bei ihm in einer neuen, kaum minder gefälligen Gestalt offenbare.« »So haben also die aus Europa hierher Kommenden die Wahrheit nur halb auf ihrer Seite, wenn sie über die Ansprüche unserer Bai und unseres Himmels spötteln?«

»Das heißt, diese Leute haben noch einmal so viel Wahrheit auf ihrer Seite, als wenn sie in Europa von dem sprechen, was sie hier gesehen. Immerhin mögen Sie die zahlreichen Flüsse, den doppelten Ausfluß, die Menge Bassins und die unübertroffene Bequemlichkeit des Hafens von Manhattan hervorheben, denn diesen Vorzügen werden alle Schönheiten der einzigen Bai Neapels mit der Zeit weichen müssen: doch versuchen Sie den Fremden nicht, die Vergleichung weiter zu treiben. Seyen Sie dankbar für Ihren Himmel, Dame; Wenige leben unter einem heiterern oder wohlthätigerern. Doch ich ermüde mit meinem Gespräche, zumal da die Farben dieser Bänder mehr Reize für eine jugendliche und lebendige Einbildungskraft haben, als selbst die der Natur.«

Ein Lächeln, das den Capitän in Verzweiflung setzte, belohnte den Contrebande-Händler; des Mädchens vorherige gute Laune war zurückgekehrt, und sie wollte eben antworten, als des Onkels Stimme auf dem Gange vernehmbar ward.

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