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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Einundzwanzigstes Kapitel.

»Seh't ich weich', Herr,
Aber gleich, Herr,
Bin ich wiederum da.«
Was ihr wollt.

Wie sehr es auch der sinnlichen Anschauung widerspricht, so ist es dennoch eine der erwiesensten Wahrheiten, daß die meisten Windströme von der Leeseite herkommen. Ein Orkan wirkt oft Stunden lang auf einen Punkt, der scheinbar nahe an seiner Grenze liegt, ehe er sich an einem andern, seiner Quelle dem Anschein nach näher gelegenen, fühlbar macht. Auch hat die Erfahrung gelehrt, daß ein Sturm mehr Zerstörung an dem Punkte, wo er anhebt, und in der Nähe desselben anrichtet, als an dem, wo er zu entstehen scheint.

Wenn die östlichen Stürme, die so häufig die Küsten des Freistaats heimsuchen, schon stundenlang ihr Unheil in den Bais von Pennsylvanien und Virginien oder längs den Sunden der Carolinas gestiftet haben, so wird man in den östlicheren Staaten erst ihr Daseyn gewahr, und derselbe Wind, der zu Hatteras ein Sturm ist, mildert sich zu einem bloßen Säuseln in der Nähe des Penobscot. Dieses Phänomen kann indessen ohne Schwierigkeit erklärt werden. Der in der Luft entstandene leere Raum, dieser Ursprung aller Winde, muß zuerst aus den zunächst gelegenen Vorrathskammern der Atmosphäre wieder ausgefüllt werden, und da jede Region zur Wiederherstellung des Gleichgewichts beiträgt, so muß jede ihrerseits von der jenseits befindlichen den Abgang, ersetzt bekommen. Entzöge man der See plötzlich eine gegebene Quantität Wasser, so würde das den leergewordenen Raum unmittelbar umgebende Flüssige zuerst in denselben hineinströmen: der hierdurch an einer andern Stelle entstehende leere Raum würde auf dieselbe Weise, aber schon mit geringerer Heftigkeit ersetzt werden, und so im abnehmenden Verhältnisse immer weiter. Entstände der leere Raum an einer Untiefe oder nahe dem Ufer, so würde von der Seite her, wo das Wasser die meiste Stärke hat, auch die Zuströmung am stärksten seyn, und die Zuströmung würde daher auch den Zug des Stromes selbst bedingen und bestimmen.

Bei all' dieser Verwandtschaft der beiden Flüssigkeiten aber ist die Wirkungsart der unsichtbaren Winde dem menschlichen Begreifungsvermögen weit weniger erreichbar, als die des verschwisterten Elements. Das Wasser ist oft dem unmittelbaren und sichtlichen Einfluß des Windes ausgesetzt, dagegen bleibt uns die Einwirkung des Oceans auf die Luft, wegen ihres den Sinnen sich entziehenden Charakters, ein Geheimniß. Zwar treffen wir auch im Meere auf unbestimmte abweichende Strömungen, doch lassen sie sich leicht als Folge der Windrichtung erkennen, während wir über die ersten Ursachen des Windursprungs selbst oft im Dunkeln bleiben. Daher wendet der Seefahrer, selbst in den Momenten, wo er das Opfer der alles besiegenden Wogen zu werden in Gefahr ist, das Auge nicht auf diese, sondern nach dem Himmel, denn von dorther kommt der Feind. Mitten im Aufruhr der Elemente fürchterlich kämpfend, um die gebrechliche Maschine, die er regiert, im Gleichgewicht zu erhalten, vergißt er nicht, daß das eine, welches die sichtbare und für einen Nicht-Seemann die am meisten zu fürchtende Quelle der Gefahr darbietet, nur das Werkzeug des unsichtbar, aber mächtig wirkenden anderen Elementes ist, das seinen Pfad mit Wasser umdrängt.

Dieser Unterschied in den Gewalten des Wassers und der Atmosphäre, dieses die Wirkung der letzteren verhüllende Geheimniß hat die Folge, daß die Seeleute aller Zeitalter in Beziehung auf den Wind äußerst abergläubig sind. Die Art und Weise, wie sie über die Wechsel dieses unbeständigen Elements geurtheilt haben, deutet stets auf die bald größere bald geringere Abhängigkeit der Unwissenheit hin. Selbst die Seefahrer unserer eigenen aufgeklärten Zeit machen hierin keine Ausnahme. Der unbesonnene Schiffsjunge erhält einen Verweis, wenn er bei'm Heulen des Sturmes pfeift, und der Offizier verräth zuweilen Furcht, bemerkt er in solchen Augenblicken eine Handlung, welche nach seinen seemännischen Begriffen zu den nicht erlaubten gehört. Er befindet sich in der Lage eines Menschen, der in seiner frühen Jugend viele Legenden übernatürlicher Erscheinungen hat erzählen hören, die späterer Unterricht ihn verwerfen lehrte. Kommt ein solcher Mensch in Verhältnisse, die jene Jugendeindrücke stark vergegenwärtigen, so wird er seiner ganzen Vernunft bedürfen, um Gefühle zu beschwichtigen, deren Daseyn zu bekennen er sich schämen würde.

Daß Spannsegel seinen jungen Kommandeur auf die Himmelsgegend aufmerksam machte, geschah indeß nicht aus der so eben beschriebenen Empfindung, sondern bekundete vielmehr die Einsicht des erfahrenen Seemannes. Es war mit einem Mal eine Wolke über dem Wasser entstanden; lange zerrissene Streifen zogen sich aus dem Dunste in eine solche Richtung, daß das Ganze ein, wie die nautische Sprache es nennt, windiges Aussehen gewann.

»Wir kriegen mehr als wir bei so vieler Leinwand brauchen!« sagte der Segelmeister, nachdem er mit seinem Vorgesetzten lange schweigend und forschend das Gewölk angesehen hatte. »Der Kerl dort in der Wolke ist ein Todfeind von hohen Segeln; er kann droben in seiner Nähe nichts leiden als nackte Stöcke.«

»Sein Erscheinen wird, dächte ich, die Brigantine zwingen, mehr Segel einzureefen,« erwiederte der Capitän. »Wir können schon bis zum letzten Augenblick aushalten, die Brigg aber muß bald anfangen zu beschlagen, sonst bleibt ihr bei ihrer geringen Bemannung nicht mehr Zeit genug, sich gegen den Sturm zu rüsten.«

»Das hat die Coquette als Kreuzer voraus. Aber, mit nichten! der Schurke macht keine Miene, ein einziges Tuch herunter zu lassen.«

»Wir wollen für unsere eigenen Spieren erst Sorge tragen,« sagte Ludlow, und wendete sich an den wachthabenden Lieutenant. »Rufen Sie die Leute herauf, Sir, und sehen Sie zu, daß Alles zum Empfange der Wolke dort in Bereitschaft sey.«

Der Ordre folgte der gewohnte rauhe Ruf des Bootsmanns an der Luke des Schiffes, der diese Anstrengung seiner Lunge durch einen gedehnten grellen Ton auf seiner Pfeife einleitete. Das Commando: ›Ueberall! Segel eingezogen, ahoi‹! brachte bald die Mannschaft aus den Tiefen des Schiffes auf's Verdeck; jeder der eingeübten Matrosen nahm schweigend seinen Posten ein, und nachdem die Taue klar gemacht und die wenigen Vorkehrungen getroffen waren, standen Alle, die nächsten Töne des Rufrohrs, das der erste Lieutenant selbst zur Hand genommen hatte, mit aufmerksamer Stille erwartend.

Die Ueberlegenheit im Segeln, die ein Schiff, das zum Kriege ausgerüstet ist, über ein bloß zum Handel bestimmtes behauptet, rührt von mancherlei Ursachen her. Die vorzüglichste liegt in der Verschiedenheit der Construction des Rumpfes. Dieser ist in Kriegsschiffen so genau, als die Kunst des Schiffsbaues es nur immer gestattet, auf Schnelligkeit und Beweglichkeit berechnet, zwei wichtige Zwecke; die bei Kauffahrteifahrzeugen aus Gewinnsucht dem größern Tonnengehalt aufgeopfert werden. Die zweite Ursache ist der Unterschied in dem Tauwerk, das in einem Kriegsschiff nicht bloß mehr vierkant, sondern auch höher ist als in einem Kauffahrer, weil die stärkere Anzahl der Mannschaft in dem ersteren leichter im Stande ist, die Raaen und Segel zu regieren, die schon an sich schwerer sind als in dem letzteren. Endlich ist es dem Kreuzer auch leichter möglich, Segel beizusetzen und wieder einzureefen; er kann den günstigen Wind bis zum letzten Hauch benutzen, da bei einer hundert bis zweihundert Mann starken Besatzung der letzte Augenblick hinreicht, die nöthigen Veränderungen zu machen; dahingegen muß ein Schiff, das nur mit einem Dutzend Matrosen bemannt ist, wegen dieser schwachen Anzahl ganze Stunden dransetzen, um sich auf Aenderung des Windes zu rüsten, während welcher Zeit der beste Wind verloren geht. Diese Auseinandersetzung wird dem sonst uneingeweihten Leser erklären, wie sich Ludlow bei der Verfolgung so viel Günstiges von der herannahenden Bö versprechen konnte.

Um uns in nautischer Sprache auszudrücken, die Coquette behielt ihren Cours bis zum letzten Momente bei. Gezackte Dunststreifen umwirbelten in furchtbarer Nähe die hohen, leichteren Segel, und schon war der zischende Schaum so weit herangekommen, daß er des Schiffes Kielwasserspur vertilgte: jetzt erst gab Ludlow, der mit muthiger Ruhe das Fortschreiten der Wolke beobachtet hatte, seinem Subaltern das Zeichen, daß der rechte Augenblick gekommen sey.

»Herunter mit Allem!« ertönte es durch den Rufer. Mehr war nicht nöthig, denn Matrosen wie Offiziere waren in ihrem Dienste wohlbewandert. Die Worte waren kaum vom Lieutenant ausgesprochen, so ersäufte das Geräusch der vom Winde gepeitschten Taue und Segeltücher selbst das laute Brüllen der See. Halse, Segeltücher und Raaentaue verschwanden mit Einem gleichzeitigen Zuge und keine Minute war verflossen, so zeigte der Kreuzer nackte Spieren und hin und her wehende Tau-Enden an der Stelle, wo noch so kurz vorher ein schneeweißes Segelgewölke geprangt hatte! Alle Steuersegel fielen gleichzeitig auf's Verdeck, und die höheren Tücher wurden bis an die Marssegel aufgeholt. Diese letzteren blieben noch ausgespannt, und das Fahrzeug empfing die Schwere des kleinen Sturms auf ihren breiten Flächen. Das wackere Schiff leistete dem Stoße trefflichen Widerstand, und als nun der Wind über das Hackebord blies, wirkte seine Gewalt weit weniger auf den Körper des Schiffes ein, als bei einer früher beschriebenen Gelegenheit. Nur dem Spierenwerk drohte noch Gefahr, und dieses wurde durch die genaue, obgleich nicht ängstliche Wachsamkeit des Capitäns gerettet.

Kaum hatte sich Ludlow überzeugt, daß der Wind seinen Kreuzer erreicht habe – und diese Ueberzeugung zu gewinnen, bedurfte es nur weniger Sekunden, – so wendete er neugierig den Blick auf die Brigantine. Die Wassernixe behielt noch alle leichtere Segel ausgespannt, eine Verwegenheit, die alle Zuschauer am Bord des königlichen Schiffes in Erstaunen setzte. Wie schnell das Schiff auch jetzt über die Wogen dahin flog, so ward doch dessen Geschwindigkeit vom Winde bei weitem übertroffen. Schon konnte man am Wasser erkennen, daß die vorüberfliegende Bö die Hälfte der zwischen beiden Fahrzeugen bestehenden Entfernung zurückgelegt hatte, und noch immer kein Zeichen am Bord des Freihändlers, daß er ihr Herannahen ahne. Er hatte offenbar streng Acht gegeben, welche Wirkung der Sturm auf die Coquette hervorbringen werde, und ließ den Anprall näher kommen, mit der Ruhe eines Menschen, der gewohnt ist, sich auf seine eigene Hülfsquellen zu verlassen, und fähig, die Kräfte, gegen die er anzukämpfen hat, scharf abzuwägen.

»Hält er noch eine Minute den Cours, so kriegt er mehr als er tragen kann, und alle seine Drachen zerstieben wie Rauch vor der Mündung der Kanonen!« brummte Spannsegel. »Aha! da kommen seine Leesegel herunter – recht so! weg mit dem großen Segel! – Vorobenbram und Kreuzbram herein und Vormarssegel auf's Eselshaupt! Vergleiche die Note [20] Seite 255. Die Halunken sind so schnellfingerig, wie Beutelschneider bei einem Auflauf.«

Des ehrlichen Segelmeisters Beschreibung von den am Bord der Brigg genommenen Vorsichtsmaaßregeln ist genau genug. Nichts wurde beschlagen, alles entweder aufgeholt oder niedergezogen, so daß dem Sturm wenig blieb, woran er seine Wuth hätte üben können. Die verringerten Flächen der Segel dienten dazu, die Spieren zu decken, während die Leinwand mittels der Taue gesichert war. Nach einer minutenlangen Pause sah man ein halbes Dutzend Topleute damit beschäftigt, die wenigen leichten Obersegel fester anzuholen.

Wenn nun aber auch der Erfolg die Kühnheit des Meerdurchstreichers, bis zum letzten Moment die Segel ausgespannt zu halten, rechtfertigte, so zeigte sich doch nichts desto weniger in der Fortbewegung beider Schiffe die verschiedene Wirkung, welche ein zunehmender Wind und eine wachsende See auf sie hervorbrachte, immer deutlicher. Die kleine, niedrig gebaute Brigg fing an zu arbeiten und zu schlingern, die Coquette hingegen ritt elastisch auf dem Element, und hatte folglich geringeren Widerstand von demselben zu leiden. Zwanzig Minuten, während welcher der Wind mit fast ungeschmälerter Stärke anhielt, brachten den Kreuzer so nahe an die Brigg heran, daß die Mannschaft die meisten kleineren Gegenstände, die über die Laufstags wegragten, zu unterscheiden vermochte.

»Blas't, Winde, bis Euch die Backen bersten! Aus der ersten Scene im Sturm, von Shakspeare. sagte Ludlow mit erstickender Stimme, so sehr regte die Aussicht auf Erfolg die Jagdwuth in ihm auf. »Ich verlange nur eine halbe Stunde, und dann mögt Ihr nach Belieben abspringen!«

»Blase, lieber Teufel, und du sollst den Koch zum Braten haben!« brummte Spannsegel mit den Worten eines sehr verschiedenen Dichters. »Noch ein Minutenglas bringt uns innerhalb Rufnähe.«

»Die Bö verläßt uns!« unterbrach ihn der Capitän. »Bespannen Sie wieder das Schiff, Herr Luff, vom Flügelspill herunter bis zu den Laufstags!«

Abermals ertönte die Bootsmannspfeife an der Luke, abermals rief der rauhe Klang: »Ueberall! Segel beigesetzt, ahoi!« die Leute auf ihre Posten. Fast eben so schnell als sie vorhin zusammengezogen worden waren, spannten sich die Segeltücher jetzt wieder, und der heftigere Wind hatte kaum den Kreuzer hinter sich, so war das wallende Leinwandgewölke schon ausgebreitet, um den minder heftigen Nachzügler noch in Dienst zu nehmen. Noch unerschrockener als selbst der Kreuzer, wartete das gejagte Schiff seinerseits nicht einmal das Hinwegstürmen der Bö ganz ab; den Wink seines Gegners benützend, fing der Meerdurchstreicher schon an, seine Raaen in die Höhe zu schwingen, während der weiße Schaum noch die See bedeckte.

»Der scharfsichtige Spitzbube sieht, daß wir die Bö los sind,« sagte Spannsegel, »und macht sich zurecht, um auch noch was vom Rest abzukriegen. Wir gewinnen ihm nur wenig Vorsprung ab, bei all' unserer Händezahl.«

Die Thatsache war zu augenfällig, um einen Zweifel zuzulassen, denn der Freihändler segelte wieder unter allen seinen Tüchern, ehe das Kriegsschiff von seiner überlegenen physischen Stärke einen wesentlichen Vortheil ziehen konnte. Gerade jetzt, wo die Coquette bei der hohl gehenden See ihren Vorzug vielleicht hätte geltend machen können, hörte der Wind plötzlich auf. Der heftige Stoß war des Windes verscheidender Seufzer, und in weniger als einer Stunde, seit die Schiffe die Fahrt von neuem angetreten hatten, schlugen die Segel gegen die Masten an, und gaben in Wellenbewegungen eben so viel Wind zurück, als sie erhielten. Die See fiel rasch zusammen und ehe die letzte oder Vormittagswache vorüber war, bewegten des Oceans Oberfläche nur noch lange wogende Schwingungen, die selbst bei der ruhigsten See zu sehen sind. Eine kurze Zeit wehten die unbeständigen Lüfte spielend, obgleich immer noch mit einiger Stoßkraft, in verschiedenen Richtungen um das Schiff; dann aber, nach Wiederherstellung des atmosphärischen Gleichgewichts trat völlige Windstille ein. Während der halben Stunde, daß die Winde ab und zu sprangen, war die Brigantine im Vortheil, allein doch nicht so sehr, daß sie außer den Strich der feindlichen Kanonen gekommen wäre.

»Holt die großen Segel hinauf,« sagte Ludlow, nachdem der letzte Hauch des Windes erstorben war, und verließ die Kanone, auf der er lange, das andere Schiff beobachtend, gestanden hatte. »Schaffen Sie die Boote in's Wasser, Herr Luff, und bewaffnen Sie die Mannschaften derselben.«

Der junge Commandeur ertheilte diesen Befehl, dessen Zweck unzweideutig genug war, mit festem und doch zugleich niedergeschlagenem Ton. Er sah gedankenvoll aus, und sein ganzes Wesen war das eines Menschen, welcher einer gebieterischen, aber unangenehmen Pflicht gehorcht. Nach Ertheilung der Ordre gab er dem zuschauenden Alderman und dessen Freunde einen Wink, ihm in die Kajüte zu folgen.

»Es bleibt keine andere Wahl übrig,« fuhr Ludlow fort, indem er das Fernrohr, das er in den vorhergehenden Stunden so oft gehandhabt hatte, auf den Tisch legte, und sich in einen Stuhl warf. »Das Räuberschiff muß auf jede Gefahr hin genommen werden, und jetzt ist die Gelegenheit günstig, uns seiner mittelst Enterns zu bemächtigen. In zwanzig Minuten erreichen wir es, und fünf mehr, so ist es unser; allein ...«

»Allein der Meerdurchstreicher, wollen Sie sagen, ist nicht der Mann, solche Gäste mit einem Alte-Weiber-Willkommen zu empfangen;« war Myndert's pikante Bemerkung.

»Ich würde mich sehr in dem Manne irren, wenn er sein schönes Fahrzeug gutwillig ließe. Die Pflicht eines Seemannes ist unerbittlich; ich muß ihr gehorchen, Herr Stadtrath Van Beverout, wie sehr ich auch den Umstand bedaure.«

»Ich verstehe Sie, Sir. Der Capitän Ludlow hat zwei Gebieterinnen, nämlich die Königin Anna und die Tochter des alten Etienne de Barbérie. Er fürchtet beide. Wenn man mehr schuldig ist, als man Mittel zu bezahlen besitzt, so sollte man glauben, das weiseste Verfahren wäre eine Abfindung mit den Gläubigern, und als Gläubiger können in gegenwärtigem Falle Ihre Majestät und meine Nichte schon betrachtet werden.«

»Sie mißverstehen mich, Sir,« sagte Ludlow stolz. »Zwischen einem treuen Beamten und seiner Dienstpflicht kann von Abfinden nicht die Rede sein; auch erkenne ich in meinem Schiffe nur Eine Gebieterin an. Aber Matrosen im Augenblicke des Sieges, wo ihre Leidenschaften durch Widerstand in vollem Aufruhr sind, ist nicht zu trauen. Herr Alderman, wollen Sie die Mannschaft begleiten und das Vermittleramt übernehmen?«

»Potz Picken und Handgranaten! bin ich ein passendes Subjekt, mit dem Säbel zwischen den Zähnen die Seiten eines Smugglerschiffes zu erstürmen? Wenn Sie mich in das kleinste und friedlichste Ihrer Boote setzen wollen, selbiges mit nicht mehr bemannen als zwei Schiffsjungen, die vor mir, als einer Magistratsperson, gehörigen Respekt haben; sich ausdrücklich verbindlich machen, die drei Bramsegel beigeschlagen und eine Parlamentairsflagge auf jedem Mast aufgezogen, hier liegen zu bleiben: so bin ich bereitwillig, den Oelzweig nach der Brigantine zu bringen; aber kein einziges, drohendes Wort. Wenn das Gerücht nicht lügt, so ist der Meerdurchstreicher da drüben kein Freund von Drohungen, und ferne sey's von mir, daß ich den Angewöhnungen irgend eines Menschen vor den Kopf stoßen sollte. Ich will ausfliegen als Ihre Turteltaube, mein werthester Capitän Ludlow, aber keinen Fuß setze ich vorwärts als Ihr Goliath.«

»Und weigern auch Sie sich, den Versuch zu machen, Feindseligkeiten vorzubeugen?« fuhr Ludlow fort, indem er den Blick auf den Patroon von Kinderhook richtete.

»Ich bin der Unterthan der Königin, und bereit, die Gesetze aufrecht zu erhalten;« erwiederte ruhig Oloff Van Staats.

»Patroon!« rief sein aufpassender Freund, »Sie wissen nicht, was Sie sagen. Wenn es von einem Ueberfall der Mohawks, oder einer Invasion aus Canada handelte, so wäre es was anders; allein hier ist bloß die Rede von einer geringfügigen Haderei wegen einer kleinen Bilanz in den Zolleinkünften, die man besser dem Hafenaufseher und den übrigen wilden Katzen des Gesetzes zum Schlichten überläßt. Will das Parlament nur die Versuchung in den Weg legen, so mag die Sünde auf sein eigenes Haupt fallen. Die menschliche Natur ist schwach, und so zahlreich wie die menschlichen Eitelkeiten sind auch die Lockungen zur Nichtachtung überstrenger Verbote. Darum sage ich, es ist besser, friedlich am Bord dieses Schiffes zu bleiben, wo unser Ruf und unsere Knochen gleich geborgen sind und den Himmel für das Uebrige sorgen zu lassen.«

»Ich bin der Unterthan der Königin und bereit, ihre Würde aufrecht zu erhalten;« wiederholte Oloff mit Festigkeit.

»Ich setze Vertrauen in Sie, Herr Van Staats,« sagte Ludlow, faßte die Hand seines Nebenbuhlers, und führte denselben in seine Staatskajüte.

Die geheime Unterredung war bald zu Ende, und kurz darauf rapportirte ein Kadett, daß die Boote in Bereitschaft wären. Hiernächst erhielt der Quartiermeister die Aufforderung, nach der Kajüte hinabzukommen, von wo er in das Privatgemach seines Vorgesetzten eingelassen wurde. Ludlow begab sich sodann auf's Verdeck und traf daselbst die zum Angriff noch nöthigen Verfügungen. Das Schiff stellte er unter Lieutenant Luff's Befehl mit dem Auftrag, jeden sich darbietenden Wind zu benützen, um dem Feind so nahe als möglich zu kommen. Spannsegel's Posten war die Anführung einer Abtheilung Enterer im großen Boot. Dagegen wurde dem reichen Gutsbesitzer die mit ihrer gewöhnlichen Bemannung versehene Jolle zugetheilt, während Ludlow seine eigene Pinasse bestieg, welche nicht stärker besetzt war, als bei andern Gelegenheiten, obgleich die Waffen, die im Spiegel aufgehäuft lagen, auf baldige außergewöhnliche Thätigkeit hinwiesen.

Das große Boot war am frühesten fertig, und da es ohnedies am schwersten zu regieren war, so stieß es am ersten von der Seite der Coquette ab. Der Segelmeister ließ gerade auf die blind und regungslos liegende Brigg lossteuern. Ludlow nahm einen größern Umweg, sichtlich in der Absicht, eine Diversion zu machen, die Aufmerksamkeit der Mannschaft auf dem Smugglerschiff dadurch zu zertheilen, und gerade in dem Augenblick, wo das große Boot mit seiner Hauptmacht ankäme, den gemeinschaftlichen Angriffspunkt zu erreichen. Auch die Jolle wählte die gerade Linie nicht, sondern wich eben so weit nach der einen Seite davon ab, wie die Pinasse nach der andern. In diesen Positionen rojete das Volk etliche zwanzig Minuten in tiefem Schweigen, indem die Bewegung des großen, am schwersten beladenen Bootes langsam und nichts weniger als leicht von Statten ging. Jetzt ward von der Pinasse aus ein Signal gegeben; alle Ruderer hielten inne und rüsteten sich zum Kampfe. Das große Boot lag innerhalb Pistolenschußweite von der Brigantine und in der Richtung ihres mittelsten Balkens; die Jolle hatte die Vorderseite gewonnen, wo Van Staats von Kinderhook die Gallion-Figur betrachtete, deren ironisches Lächeln eine träge Natur so völlig besiegte, daß er darüber alles Andere vergaß; auf der andern Seite hielt die Pinasse mit dem Capitän, der die Lage des Feindes mit seinem Fernrohr untersuchte. Diese Pause nun benützte Spannsegel zu einer Anrede an seine Leute.

»Gegenwärtiges ist eine Expedition in Booten,« hob der haarspaltende, pedantische Meister an, »unternommen in flachem Wasser, mit wenig oder, wie man sagen kann, mit gar keinem Winde, im Monate Junius und an der Küste von Nordamerika. Ihr seyd kein Haufe solcher Ignoranten, Ihr Leute, die glauben könnten, das große Boot wäre zu keinem andern Zweck hinausgehießt worden, und zwei, ich will nicht sagen, der besten, aber doch der ältesten Seeleute hätten sich in keiner andern Absicht vom Schiff wegbegeben, als bloß um der Brigg dort Namen und Charakter abzufragen. Der kleinste der jungen Herren auf der Schanze hätte den Dienst so gut verrichten können, als der Capitän oder ich. Es ist die Meinung derjenigen, die am besten unterrichtet sind, daß der Fremde, der die Unverschämtheit hat, ruhig innerhalb Schußweite eines königlichen Kreuzers zu liegen, ohne seine Flagge zu zeigen, kein anderer sey, als der famöse Meerdurchstreicher; ein Mann, gegen dessen Seefahrerkunst nichts zu sagen ist, der aber, so weit die Revenüe der Königin betheiligt ist, nicht im besten Rufe der Ehrlichkeit steht. Ohne Zweifel habt Ihr auch viele merkwürdige Berichte von den Thaten dieses Seewanderers vernommen, darunter einige sind, die auf die Vermuthung führen, daß der Kerl ein geheimes Einverständniß mit denjenigen habe, die bei ihren Angelegenheiten nicht so religiös zu Werke gehen, wie die ehrwürdige Bischofsbank. Doch was kümmert uns das? Ihr seyd beherzte Engländer, die da wissen, was der Kirche und was dem Staat gebührt, keine Bursche, hol mich der Teufel! die sich mit einem Bischen Hexerei in's Bockshorn jagen lassen (Beifallsruf). Schön, das ist verständlich und vernünftig gesprochen gewesen und überzeugt mich, daß Ihr was von der Sache versteht. Ich habe weiter nichts mehr beizufügen, als bloß noch die Bemerkung, daß der Capitän wünscht, es möge Keiner unanständige Redensarten führen, und was das anbelangt, jede weitere rauhe Behandlung der Mannschaft auf der Brigg, als die zur Eroberung nöthigen Kopfhiebe und Halsabschneidereien, unterbleiben. In diesem Punkt nehmt Euch an mir ein Exempel, der ich älter bin als die meisten von Euch, und also mehr Erfahrung haben und besser wissen muß, wann und wo man sich tapfer zu zeigen hat. Haut um Euch, wie Männer, so lange die Freihändler ihre Waffen brauchen, aber seyd barmherzig in der Stunde des Sieges: Ihr sollt in keinem Fall in die Kajüten eindringen; in dieser Beziehung sind meine Ordres besonders ausführlich und den Mann, der ihnen zuwider handelt, lasse ich ohne Weiteres über Bord werfen, als wäre er nichts mehr als ein todter Franzose. Da wir uns nun gegenwärtig verständigt haben und unsern Dienst genau kennen, so ist nichts Sonstiges nöthig, als ihn zu verrichten. Ich habe von Prisengeldern nichts gesagt (Beifallsruf), sintemal Ihr solche Leute seyd, welche die Königin und ihre Ehre höher schätzen als den Mammon (Beifallsruf); so viel aber kann ich sicher versprechen, daß die gewöhnliche Vertheilung nicht ausbleiben soll (Beifallsruf), und da sich nicht zweifeln läßt, daß die Spitzbuben einen einträglichen Handel getrieben haben, ei nun, so ist die Totalsumme wahrscheinlich kein Pappenstiel.« (Dreimaliges lautes Beifallrufen.)

Ein Pistolenschuß aus der Pinasse, auf welchen augenblicklich ein Kanonenschuß aus dem Kreuzer folgte, dessen Ladung pfeifend zwischen den Masten der Wassernixe flog, war das Signal zum Anfang des Kampfes; der Segelmeister erhob nun seinerseits ein ermuthigendes Hurrah, und mit voller, ungebrochener Baßstimme donnerte er das Commandowort hervor: »Drauf los«! Pinasse und Jolle näherten sich gleichzeitig dem Gegenstande des gemeinschaftlichen Angriffs, und zwar so geschwind, daß man berechtigt war, einer schleunigen Entscheidung entgegenzusehen.

Während des ganzen Verlaufs der Vorkehrungen in der Coquette und um sie her, von dem Momente an, wo die Windstille eintrat, bis zu dem jetzigen, war von der Mannschaft des verfolgten Schiffes nichts zu sehen gewesen. Da lag der schöne Bau tanzend auf den steigenden und wieder sinkenden Wogen, aber keine menschliche Gestalt ließ sich blicken, welche den Bewegungen desselben Richtung gegeben oder die zur Vertheidigung so nöthigen Vorkehrungen getroffen hätte. Die Segel blieben so hängen, wie der Wind sie gelassen, und der schwimmende Rumpf schien dem Spiele der Wellen preisgegeben. Auch die Annäherung der Boote störte diese tiefe Ruhe nicht, so daß, wenn das verzweifelte Individuum, welches, wie Jedermann wußte, die Brigg befehligte, überhaupt auf Widerstand sann, Ludlow dies nicht errathen konnte, wie lange und wie sorgfältig er auch forschte. Selbst die Hurrahs und die Ruderschläge beim letzten entscheidenden Anlauf der Boote brachten auf dem Deck des Freihändlers keine Veränderung hervor, nur die Raaen am Vordertheil drehten sich, wie Ludlow recht gut bemerkte, langsam und anhaltend in eine verschiedene Richtung. Nicht wissend, was dieses Manövre bezweckte, erhob sich der Kapitän von seinem Sitze in der Barke und schwenkte den Hut, seine Leute zu verstärkter Anstrengung anspornend. Nur noch hundert Schritte war die Pinasse von der langen Seite dem Smuggler entfernt, als plötzlich und mit einem Stoß alle seine faltenreichen Tücher sich nach auswärts füllten. Die sorgfältig und schön geordnete Maschinerie der Spieren, Segel und Takelage neigte sich gegen die Barke, als wenn sie einen anmuthigen Abschiedsknix machte, dann glitt die leichte Schale vorwärts, und dem Boote stand es nun unbenommen, den leergewordenen Raum zu durchpflügen. Ludlow überzeugte sich durch einen einzigen Blick, daß längeres Verfolgen vergeblich wäre, denn die See kräuselte sich schon unter dem Winde, der dem Freihändler zu so gelegener Zeit gekommen war. Er winkte Spannsegel, die Jagd einzustellen, und Beide standen in ihren Fahrzeugen und verfolgten getäuschten Blickes den weißen, schäumenden Streifen, den der Kiel des Flüchtlings auf der Wasserfläche zog.

Die Wassernixe ließ nun zwar die von dem Capitän und dem Segelmeister befehligten Boote hinter sich, steuerte aber dagegen in gerader Linie auf die Jolle los. Einige Augenblicke glaubte die Mannschaft der letzteren, ihr eigenes Vorrücken bringe sie so schnell an's Ziel, und als der Kadett, der das Boot steuerte, seinen Irrthum erkannte, war es genau noch Zeit genug zu verhindern, daß die daherschießende Brigantine das kleine Fahrzeug umrannte. Er gierte nun die Jolle tüchtig ab, und rief den Leuten zu, aus allen Kräften zu rojen; es gelte ihr Leben. Oloff Van Staats, mit einem Enterhacken bewaffnet, hatte vorne im Schiffe Posto gefaßt, und so gespannt waren alle seine Seelenkräfte durch die Erwartung des nahen Kampfes, daß er die Gefahr, die ohnedies nur einem Seemann leicht in die Augen springend war, nicht gewahrte. Wie die Brigantine daher vorbeigleitete und er die unteren Rusten derselben sich gegen das Wasser neigen sah, so that er einen rüstigen Sprung hinüber, ließ einen holländischen Kriegsschrei erschallen, schwang seine kräftige Gestalt über die Bollwerke und verschwand in das Verdeck des Smugglers.

Als Ludlow seine Boote auf dem Fleck, den das gejagte Schiff erst so kürzlich eingenommen, beisammen sah, vergewisserte er sich, daß die fruchtlose Unternehmung keinen weitern Unfall zur Folge hatte, als den unfreiwilligen Abgang des Patroons von Kinderhook.

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