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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Zwanzigstes Kapitel.

    »Nie mied die Maus die Katze mehr, denn sie
Weit größ're Schufte als sie selber waren.«
Coriolanus.

Der Morgen mit weißlichem Perlenschein brach über dem atlantischen Meere an, der Himmel röthete sich, und die Sonne stieg dann majestätisch aus dem Gewässer hervor. Der diensteifrige Offizier, der die Morgenwache befehligte, erblickte kaum den ersten Schimmer des wiederkehrenden Tageslichtes, so ließ er den Capitän wecken. Hierzu bedurfte es bei Einem, der selbst im Schlaf das mit seinem wichtigen Posten verbundene Verantwortlichkeitsgefühl nicht verlor, nur einer leisen Berührung mit dem Finger. Ehe eine Minute verging, war der junge Mann schon auf der Schanze und damit beschäftigt, den Zustand der Wolken und des Horizonts genau zu prüfen. Seine erste Frage war, ob sich während der letzten Wache nichts gezeigt habe; die Antwort lautete verneinend.

»Mir gefällt die Oeffnung dort im Nordwesten,« bemerkte der Capitän, nachdem er den noch immer beschränkten und trüben Gesichtskreis wiederholentlich mit dem Blicke durchmessen hatte. »Sie wird uns Wind durchlassen. Ich verlange nur ein Segel voll, so wollen wir der Geschwindigkeit dieser vielgerühmten Wassernixe noch eine Aufgabe stellen! – Sehe ich nicht dort auf unserer Luvseite ein Segel, oder ist's der Kamm einer Woge?«

»Die See fängt an, etwas unruhig zu gehen, und der Schein hat mich seit dem Anbruch des Morgens mehr als einmal auf gleiche Weise getäuscht.«

»Lassen Sie mehr Segel beisetzen. Ich merke Wind landwärts von uns; wir wollen uns auf seinen Empfang vorbereiten. Sorgen Sie, daß Alles klar sey, um alle Segeltücher zu entfalten.«

Der Lieutenant empfing diese Ordres mit der üblichen Ehrerbietung und theilte sie seinerseits mit der die See-Disciplin auszeichnenden Schnelligkeit seinen Untergebenen mit. Die Coquette lag bis jetzt unter ihren drei Obersegeln, wovon das eine gegen den Mast gebraßt war, um das Schiff, so sehr als seine Abtrift und der Wellenschlag es gestatteten, an derselben Stelle zu halten. Sobald jedoch des wachthabenden Offiziers Aufforderung zur Thätigkeit an das Volk ergangen war, wurden die massiven Raaen geschwungen, mehrere kleine Segel, welche der Maschine ebensowohl zur Balancirung als zur Fortbewegung dienten, theils aufgehießt, theils entfaltet, worauf das Schiff unmittelbar in Gang kam. Während die Wache auf diese Weise beschäftigt war, kündigte das Hin- und Herflattern der Tücher an, daß eine frische Kühlte im Anzuge sey.

Nordamerika's Küste ist dem plötzlichen und gefährlichen Umspringen der Luftströme stark ausgesetzt. Es ist durchaus nichts Seltenes, daß ein Wind seine Richtung mit wenigen ober gar keinen vorherwarnenden Anzeichen ändert, was den Schiffen äußerst gefahrbringend, ja nicht selten verderblich wird, und man hat oft die Behauptung aufgestellt, daß das berühmte Schiff La ville de Paris durch einen dieser heftigen Windumsätze verloren gegangen ist, indem der Capitän unvorsichtiger Weise das Fahrzeug unter zu vielen Hintersegeln beigedreht hatte, ein Mißgriff, durch welchen es ihm unmöglich ward, in dem gleich darauf folgenden dringenden Augenblicke das Schiff länger in seiner Gewalt zu behalten. Wir lassen die Thatsache in Betreff jener unglücklichen Prise dahingestellt seyn, können aber versichern, daß unser junger Capitän die Gefahr, von der oft das erste Wehen eines Nordwestwindes an seiner heimischen Küste begleitet war, recht gut kannte, und es nicht vernachlässigte, sich gegen das Herannahen einer solchen gehörig zu rüsten.

Der Lichtstreif, ein Vorbote der Sonne, war schon mehrere Minuten am Himmel sichtbar, als der vom Lande herkommende Wind die Coquette erreichte. So lange die südöstliche Kühlte vorherrschte, hatten breite Dunstflächen den Himmel verschleiert gehalten; diese rollten sich jetzt, gleich einem riesigen Vorhang vor einer eben so kolossalen Schaubühne, in dichte Wolkenmassen zusammen, und enthüllten zu gleicher Zeit und nach allen Seiten hin das Firmament und die unermeßliche Wasserebene. Der Eifer läßt sich leicht denken, mit welchem unser junger Seemann den Horizont ringsherum mit dem Blicke durchlief, um die in dessen Bereich fallenden Gegenstände zu beobachten. Anfangs malte sich Unzufriedenheit auf seinem Gesichte ab, aber bald wich sie einem belebten Auge und einer vor Siegeshoffnung glühenden Wange.

»Ich glaubte schon, sie wäre fort!« sagte er zu seinem ersten Subaltern. »Allein hier leewärts ist sie, genau innerhalb des Randes jenes treibenden Nebels, und so festgebannt unter dem Wind, wie wir es nur immer wünschen konnten. Halten Sie das Schiff tüchtig im Gange, Sir, und beladen Sie es mit Segeltüchern vom Flügelspill an bis herunter. Das Volk aus seinen Hängematten gerufen, und dem Unverschämten dort gezeigt, was Ihrer Majestät Schaluppe, wenn es Noth thut, zu leisten vermag!«

Dieser Befehl war der Anfang einer allgemeinen und raschen Bewegung, bei welcher die Kräfte jedes Matrosen im Schiffe bis auf's Aeußerste in Anspruch genommen wurden. Kaum erschallte das Commando-Wort: Ueberall, Ueberall! so kamen aus allen Winkeln der untern Schiffsräume die Leute herauf und vereinigten ihre Kräfte mit denen der Wache auf dem Verdeck, so daß binnen wenigen Minuten die Spieren der Coquette von einem schneeweißen Gewölk umwallt waren. Nicht zufrieden mit der Quantität Wind, welche die an den gewöhnlichen Raaen ausgespannten Flächen aufzufangen vermochten, schob man noch lange Bäume weit über den Schiffsbord hinaus und setzte Segel über Segel bei, bis die sich beugenden Masten nicht mehr zu tragen im Stande waren. Der niedrige Schiffskörper, der dieses aufgethürmte Labyrinth von Tauen, Spieren und Segeln trug, gab dem mächtigen Drucke nach, und der Bau mit der so schweren Wucht der ganzen Mannschaft, des Geschützes, des Waffen- und Mundvorraths, fing an, das Wasser mit der imposanten unwiderstehlichen Gewalt eines Kolosses zu durchschneiden. Die Wogen überstürzten sich und barsten an seinen Seiten wie an einem nicht weichenden Felsen, ihr ohnmächtiges Toben zerschäumte spurlos an den gewaltigen Schiffsrippen. In dem Verhältniß aber wie der Wind zunahm und das Fahrzeug sich vom Lande entfernte, wurde die Oberfläche des Oceans allmählich bewegter, und als die Anhöhen hinter ›Lust in Ruhe‹ endlich ganz in's Meer sanken, da sah man das Oben- und Vorobenbramsegel des Schiffes große Kreisabschnitte gegen den Himmel beschreiben, und von Zeit zu Zeit aus einer langen hohlen See emporgehoben, schimmerten die dunkeln Schiffsseiten von dem stromweise herabtriefenden Wasser.

Zuerst nahm sich der Gegenstand, den Ludlow entdeckt hatte, und darin das verfolgte Schiff wiedererkennen wollte, wie ein fester Punkt an der äußersten Seelinie aus; nunmehr aber war er zur vollen Größe und Symmetrie der wohlbekannten Brigantine angeschwollen. Ihre zierlichen dünnen Spieren waren deutlich zu sehen, leicht, aber in weitem Kreise und im Einklang mit der regelmäßigen Bewegung des Rumpfes hin- und herschwankend. Von Segeln sah man nur so viele ausgespannt, als zur Regierung des Fahrzeuges auf den Wogen nöthig waren. Nachdem aber die Coquette innerhalb Kanonenschußweite gekommen war, entfalteten sich Tücher über Tücher, und bald ward es augenfällig, daß der Meerdurchstreicher sich zur Flucht rüste.

Das erste Manöver der Wassernixe bestand darin, ihrem Verfolger den Wind abzugewinnen. Ein kurzer Versuch schien indeß diejenigen, welche die Brigantine leiteten, von der Fruchtlosigkeit des Beginnens zu überzeugen, so lange der Wind so frisch und das Wasser so rauh blieb. Sie halseten daher, und häuften die Segel auf dem entgegengesetzten Gange an, um mit dem Kreuzer einen Wettlauf zu bestehen, und in der That duvten sie ihr Ruder nicht eher Luv an Bord, als bis der Erfolg die dringende Gefahr zeigte, den Jäger auch nur eine Spanne näher kommen zu lassen, dann aber flog die Brigantine, mit dem Winde über dem Hackebord, wie ein von seinen Fittigen getragener Seevogel auf und davon.

Jetzt boten beide Fahrzeuge das Schauspiel einer hitzigen Jagd dar; denn auch die Brigantine entfaltete nun alle ihre Segel und über ihrem fast unbemerkbaren Rumpfe hob sich eine Segelpyramide in die Luft, welche einem chimärischen Gewölke glich, das, mit der Schnelligkeit der wirklichen Wolken in den höheren Regionen wetteifernd, über die Wogen dahinschoß. Gleiche Geschicklichkeit leitete die Bewegungen beider Schiffe, ein und derselbe Wind schwellte beider Segel, daher dauerte es lange, ehe sich ein merklicher Unterschied in ihrem Fortschreiten zeigte. Eine Stunde nach der andern verfloß, und wenn von den Seiten der Coquette nicht die breiten, flachen Güsse des weißen Schaums in Einem fort hinabstürzten, wenn das Schiff nicht so schnell flog, daß selbst die Kämme der Sturzsee hinter demselben zurückblieben, so würde der Commandeur haben glauben können, sein Fahrzeug rühre sich nicht von der Stelle, so stetig, so regelmäßig ging's im jachen Treiben. Auf allen Seiten bot der hochwogende Ocean dasselbe einförmige Bild dar, und dort lag das verfolgte Schiff, scheinbar keinen Fuß näher, keinen Fuß entfernter, als in dem Augenblick, wo die Jagd ihren Anfang genommen. Hin und wieder stieg eine dunkle Linie die Wogengipfel hinan, sank aber schnell jenseits, worauf dann wieder nichts zu sehen war, als das schwankende auf der Fläche fortgleitende Segelgewölk.

»Ich hatte mir mehr vom Schiffe versprochen, Herr Spannsegel!« sagte Ludlow, der lange auf einem vorspringenden Balken gesessen hatte, den Lauf der Brigantine beobachtend. »Wir sind bis zum Wasserstag begraben, und doch liegt der Kerl dort in der Ferne, um nichts deutlicher als da er zuerst seine Leesegel zeigte.«

»Und dort wird er liegen, Herr Capitän, so lange das Licht dauert. Ich habe auf diesen Seewanderer in dem Kanal Jagd gemacht, bis die weißen Felsen Englands wie der Kamm einer Woge dahinschmolzen, bis sich die Sandbänke Hollands hoben, so hoch wie unser Sprietsegel; und was hat es geholfen? Der Schelm spielt mit uns, wie der Angler mit der gefangenen Forelle, und wenn wir glaubten, nun haben wir ihn, husch! schoß er außerhalb unseres Kanonenstrichs, mit so wenig Anstrengung, wie ein Schiff von Stapel läuft, wenn die Stützen unter seinen Backen weggeschlagen sind.«

»Ja, das war in dem Druiden, der hatte etwas vom alterthümlichen Rost an sich; die Coquette hingegen hat nie ein Schiff unter ihrem Winde verfolgt, das sie nicht gezwungen hätte, ihr Rede zu stehen.«

»Ich mag keinem Schiffe etwas Uebles nachreden, denn Charakter ist Charakter, und Niemand sollte verächtlich von seinen Mitgeschöpfen sprechen, am wenigsten von denen, welche zur See leben. Ich gebe zu, daß die Coquette vor dem Winde ein lebhaftes Boot ist und daß sie, wenn es raumschoots geht, wie eine Wolke treibt; aber ehe Jemand sich zu sagen getraut, daß irgend ein Fahrzeug in der königlichen Flotte mit jener Brigantine, wenn sie stark verfolgt wird, Schritt halten könne, sollte er erst den Schiffbauer kennen, der sie gemodelt hat.«

»Diese Meinungen, Spannsegel, passen sich für die Mährchen der Topgasten, aber nicht für den Mund eines Offiziers auf der Schanze.«

»Ich weiß recht gut, Herr Capitän, und würde die Erfahrungen, die ich gemacht, schlecht benutzt haben, wenn ich es nicht wüßte, daß das heut zu Tage nicht mehr für Philosophie gilt, was in meinen jungen Tagen dafür gegolten hat. Die Leute sagen, die Welt sey rund, und das ist meine Meinung auch, erstlich, weil der glorreiche Sir Francis Drake und verschiedentliche andere Engländer, wenn ich so mich ausdrücken darf, an einem Ende hineingegangen und am andern wieder herausgekommen sind. Ein Gleiches haben mehrere Seefahrer anderer Nationen gethan, um von einem gewissen Magellan gar nicht erst zu sprechen, welcher der erste gewesen seyn will, der die Fahrt um das Cap gefunden hat, was ich für nicht mehr und nicht weniger halte als eine portugiesische Lüge, sintemal es ganz unvernünftig ist, zu glauben, daß ein Portugiese das thun sollte, woran kein Engländer noch gedacht hatte. Zweitens, wenn die Welt nicht rund oder rundlich ist, so frage ich, wie es kommt, daß wir die Obersegel eines Schiffes früher entdecken als dessen große Segel, oder daß sich seine Flügelspill eher am Horizont zeigt als sein Rumpf? Ferner sagt man, die Welt drehe sich um sich selbst, was ohne Zweifel wahr ist, wie es denn nicht weniger wahr ist, daß ihre Meinungen sich gleicherweise herumdrehen, und dieß bringt mich eben auf das zurück, was ich eigentlich bemerken – Wahrhaftig! der Kerl dort läßt mehr von seiner Seite sehen als bisher! Merk's schon, er möchte sich gern eine Bahn einkeilen nach dem Lande, welches hierwärts, Backbord von uns, liegen muß. Ja, ja, er sucht in glatteres Wasser zu kommen; so bergauf, bergab thut keinem Kiel nicht gut, mag ihn gelegt haben, wer will.«

»Ich hatte gehofft, ihn von der Küste abwärts zu treiben! Könnten wir ihn ordentlich in den Golf-Strom hineinjagen, so wäre er unser; denn er geht viel zu kurz in's Wasser, als daß er uns in den engen Seen entwischen könnte. Wir müssen ihn durchaus in blaues Wasser treiben, und sollten unsre Oberspieren beim Versuche entzweibrechen. Gehen sie hinter, Herr Hopper, und sagen Sie dem wachthabenden Offizier, daß er das Vordertheil des Schiffes anderthalb Strich mehr nordwärts bringen, und die Brassen etwas straffer anziehen lasse.«

»Welch ein Großsegel der Schelm führt! Der Länge nach ist es so ausgedehnt, wie die Instructionen eines Seeräuber-Auftrags, und der Höhe nach kommt es fast der Beförderung eines Admiralssohnes gleich. Sehen Sie, wie Alles am Bord desselben zieht. Ein ausgelernter Segler leitet die Brigantine, er mag nun herkommen, woher er will!«

»Ich glaube, wir kommen ihm näher. Das rauhe Wasser thut uns gute Dienste, wir kommen an einander. Das Steuer sachte geführt, sachte geführt! Ihr seht, die Farbe seiner Mallen wird schon kenntlich, wenn die Wogen ihn emporheben.«

»Die Sonne scheint ihm auf die Seite – und doch, Sie können Recht haben, Herr Capitän, denn hier, in seinem Vormars, sehe ich deutlich einen Ausgucker postirt. Ein Schuß oder zwei nach seinen Spieren und Segeln könnte jetzt von Nutzen seyn.«

Ludlow that, als wenn er die letzten Worte nicht gehört hätte; inzwischen war der erste Lieutenant auf die Back gekommen, der diese Ansicht durch die Bemerkung unterstützte, daß die Stellung der Coquette es allerdings möglich mache, den Jäger zu gebrauchen, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Als nun Spannsegel seine aufgestellte Behauptung noch durch unwiderlegliche Gründe erhärtete, so sah sich der Commandeur zur Ordre gezwungen, das vorderste Stück von seinem Seitentheil loszumachen und in die Jagdpforte zu lassen. Da die Matrosen an der Scene lebhaft Theil nahmen und auf ihren Ausgang äußerst gespannt waren, so war die Ordre augenblicklich ausgeführt, und der Capitän erhielt auf der Stelle Bericht, daß das Geschütz bereit stehe.

Jetzt stieg Ludlow von seinem Posten nach der Back hinab und richtete die Kanone mit eigener Hand.

»Den Richtkeil ganz untergeschoben,« sagte er zum Commandeur des Jägers, als er das Ziel vor dem Seiten-Visir hatte; »jetzt gebt Acht, wenn das Schiff sich vorwärts hebt! – halten Sie es im Gleichgewicht, Sir! – Feuer!«

Herren, die in gemächlicher Ruhe zu Hause bleiben, wundern sich oft, wenn sie von Seeschlachten lesen, in denen so viel Pulver, und Hunderte, ja Tausende von Kugeln verbraucht wurden, ohne daß viele Menschen geblieben wären, während ein weit kürzeres und dem Anscheine nach minder hartnäckiges Gefecht zu Lande oft einen ganzen Haufen dahinrafft. Das ganze Geheimniß dieses Unterschieds liegt in der Unsicherheit des Zielens auf einem so unruhigen Elemente, wie die See ist. Selbst das größte Schiff ist auf hoher See selten ganz ohne Bewegung, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die geringste Veränderung in der Richtung der Kanonenmündung sich in einer Entfernung von einigen hundert Fuß um das Hundertfache und noch mehr vergrößere. Das Artilleriewesen zur See hat viele Aehnlichkeit mit der Kunst des Vogelschützen, da in beiden Fällen die Lage des Gegenstandes, auf den gezielt wird, sich während des Schusses verändert, und diese Veränderung gemeiniglich berechnet werden muß, ja, bei dem See-Geschützwesen kommt noch der verwirrende Umstand einer, nicht einmal immer gleichmäßigen Doppelbewegung hinzu, nämlich des Zielpunkts und des zielenden Stückes selbst.

Wie fern die Kanone der Coquette diesen Einwirkungen ausgesetzt war, oder wie fern der Wunsch des Capitäns, Diejenigen zu schonen, die er am Bord der Brigg vermuthete, Einfluß auf die vom Schuß genommene Richtung ausübte, wird wahrscheinlich niemals ausgemittelt werden. So viel aber ist gewiß, daß, nachdem der Feuerstrahl über das Wasser dahingefahren, und der hinter ihm her folgende Rauchwirbel einigermaßen verzogen war, sich keine Spuren des eisernen Boten in dem Segel- und Tauwerk der Wassernixe auffinden ließen, obgleich fünfzig Augen angestrengt darnach suchten. Frei von aller Verwirrung blieb das schöne Ebenmaß ihrer Takelage, und leicht und schnell, als wenn nichts geschehen wäre, glitt der Bau über die Wogen dahin. Ludlow galt unter seinen Leuten für einen der geschicktesten Pointirer; daher sein Fehlschießen nicht wenig dazu beitrug, den Wahn der gemeinen Matrosen, daß es mit dem gejagten Schiffe was ganz Besonderes auf sich habe, zu verstärken. Viele schüttelten die Köpfe, und mehr als ein seemännischer Veteran äußerte, während er, beide Hände quer durch den Brustlatz der Jacke gesteckt, seinen engen Raum schwer tretend auf- und abmaß, mit gewöhnlichen Schüssen sey der Brigantine nicht beizukommen, sey sie nicht zum Beidrehen zu bringen. Um jedoch den Schein zu retten, mußte der Versuch wiederholt werden; die Kanone wurde mehrere Male gelöst, und stets mit demselben schlechten Erfolg.

»Es nützt wenig, in dieser Entfernung und bei so hochgehender See unser Pulver zu verschießen;« sagte Ludlow, und verließ nach einem fünften vergeblichen Versuche die Kanone. »Ich feure nicht mehr. Geben Sie auf Ihre Segel acht, meine Herren, und sehen Sie zu, daß Alles vorwärts ziehe. Wir müssen durch unsre Schnelligkeit siegen, und die Artillerie ruhen lassen. Die Kanone festgebunden!«

»Das Stück ist geladen, Sir,« bemerkte der Konstabel, im Vertrauen auf die Gunst, in welcher er bei seinem Capitän stand, obgleich er die Freiheit, die er sich nahm, durch ein ehrerbietiges Hutabnehmen milderte. »Es wäre Schade, der guten Kanone vor den Kopf zu stoßen!«

»So drück' sie selbst los, und zurück mit dem Geschütz in sein Gat,« erwiederte nachläßig der Capitän, der auch deßhalb schon einwilligte, damit die Mannschaft sähe, Andere könnten so gut fehlschießen, als er.

So sich selbst überlassen, beschäftigten sich die um die Kanone stehenden Constabler mit der Ausführung der Ordre.

»Den Richtkeil untergeschoben! los auf die Brigg! einen Wasserpassen!« rief der schroffe alte Seemann, dem der Local-Befehl über dieses besondere Stück anvertraut war. »Bleibt mir weg mit euren geometrischen Berechnungen!«

Die Mannschaft gehorchte, und das Pulver hinter dem Zündloch ward sogleich mit der Lunte berührt. Uebrigens beförderte eine sich hebende Woge den Zweck des geradezuhandelnden alten Schwerwers, sonst würde der Schuß unvermeidlich wenig Fuß von dem Kanonenkopf in eine Welle gefallen seyn, und unsere Erzählung von dem, was das Geschützstück ausgerichtet, sich mit dieser Entladung endigen. So wie der Rauch erschien, hoben sich die Backen des Schiffes, es erfolgte die gewöhnliche kurze Spannung, und dann sah man Holzsplitter über den Leesegel-Baum des feindlichen Schiffes dahinfliegen, der zu gleicher Zeit nach vorne gerissen wurde und die zwei wichtigen Segel, welche von demselben getragen werden, mitnahm und völlig in Unordnung brachte.

»Das vermag ungekünsteltes Seemannsverfahren!« rief der entzückte Alte und streichelte liebkosend die Kanone. »Hexe oder nicht Hexe, dort fahren zwei von ihren Schürzen dahin, und wenn der Capitän uns die gütige Erlaubniß ertheilt, so werden wir ihr bald noch mehr von ihren Kleidern abstreifen. Wischer in das Stück –«

»Der Befehl lautet, die Kanone zurückzubringen und wieder fest zu machen,« sagte ein lustiger Seekadet, und sprang auf's Bugspriet, um sich an der Verwirrung am Bord des getroffenen Schiffes zu weiden. »Der Schelm ist rasch dabei, seine Leinwand zu retten!«

Allerdings durften die, welche die Bewegungen der Brigg regierten, keinen Augenblick verlieren, die unverdrossenste Anstrengung zu entwickeln. Bei einem Wind über das Hackebord waren gerade die zwei für's Erste unthätig gemachten Segel von der größten Wichtigkeit. Die Entfernung beider Schiffe von einander betrug keine halbe Stunde mehr, und würde durch den geringsten Verzug noch kleiner geworden seyn, eine Gefahr, die sich nicht länger bezweifeln ließ. In kritischen Augenblicken gibt nicht der langsamere Gedanke, sondern eine Art von Instinkt den Matrosen die Anleitung zu den nöthigen Evolutionen. Wo Alles beständig auf das Spiel gesetzt ist, wo Säumniß leicht den Untergang herbeiführen kann, und wo Leben, Ehre und Eigenthum so oft von der Geistesgegenwart und den inneren Hülfsquellen der Befehligenden abhängen – eine Beschäftigung von solcher Gefahr und Schwierigkeit erzeugt mit der Zeit eine so innige Vertrautheit mit dem unerläßlich Nothwendigen, die fast die Unmittelbarkeit einer natürlichen Anschauung an sich hat.

Die Leesegel der Wassernixe flatterten kaum lose in der Luft, so nahm die Brigg einen um etwas veränderten Cours, wie ein Vogel, an dessen Flügel die Kugel leise berührend vorbeistreifte. Das Gallion neigte sich nämlich jetzt eben so sehr nach Süden, als es eine halbe Minute vorher nach Norden gezeigt hatte; wie gering nun aber auch diese Veränderung war, so brachte sie doch den Wind auf die entgegengesetzte Seite, und machte, daß der Baum, an welchem das Großsegel ausgespannt war, sich von selbst durchkajete. In demselben Augenblick gewannen auch die Leesegel, denen bis jetzt durch das große Segel der Wind abgeschnitten war, so daß sie unbestimmt hin- und herflatterten, ihre vollste Spannung wieder, so daß dem Schiff wenig oder gar nichts von der vorwärts treibenden Kraft verloren ging. Mitten in der schnellen Ausführung dieser Evolution sah man in den Topps Matrosen eiligst beschäftigt, die außer Dienst gesetzten Segel zu beschlagen, was den kleinen achtsamen Seekadetten zu der obigen Bemerkung veranlaßt hatte.

»Ein Spitzbube merkt doch gleich auf Alles,« sagte Spannsegel, dessen Kennerauge keine Bewegung des feindlichen Schiffes entging; »auch hat er es nöthig, er komme aus welchem Hafen er wolle. Die Brigg dort wird nett gehandhabt, das läßt sich nicht läugnen. Unser Feuer hat uns weiter nichts verschafft, als des Konstablers Rechnung über den verbrauchten Schießbedarf, und der Freihändler hat weiter nichts dabei verloren, als einen Leesegelbaum, aus dem er übrigens noch Kreuz- und Bramraaen und andere leichte Spieren für seine Muschel schneiden kann.«

»Es ist immer etwas gewonnen, daß wir ihn von der Küste wegtreiben und zwingen, die hohe See zu halten;« antwortete Ludlow freundlich. »Ich glaube, wir sehen seine Seitenstützen deutlicher, als ehe wir die Kanone in Anwendung brachten.«

»Ohne Zweifel, Sir, ohne Zweifel. Vor einer Minute erst erblickte ich seine unteren Jungfern; indeß bin ich ihm schon so nahe gewesen, daß ich dem Mensch unter seinem Bugspriet in's unverschämte Auge schauen konnte; und doch ging er uns durch!«

»Ich bin überzeugt, wir kommen aneinander,« versetzte Ludlow gedankenvoll. »Reichen Sie mir ein Fernrohr, Quartiermeister.«

Während der junge Commandeur mit Hülfe des Glases die Brigg untersuchte, beobachtete Spannsegel seine Gesichtszüge, und glaubte hohes Mißvergnügen darin zu lesen, als jener das Werkzeug weglegte.

»Zeigt der Spitzbube keine Merkmale der reuigen Rückkehr zur Pflicht, Sir? bleibt er bei seiner Halsstarrigkeit?«

»Die Gestalt auf seiner Kampanje ist derselbe verwegene Mensch, der es wagte, an Bord der Coquette zu kommen. Er scheint jetzt gerade so ruhig wie damals, der Freche!«

»Der Schelm sieht aus wie Einer, der viel tiefes Wasser gesehen hat, und ich wünschte wirklich ihrer Majestät Glück, so eine Prise gewonnen zu haben, als er zuerst auf unser Verdeck trat. Wohl haben Sie Recht, ihn einen Verwegenen zu nennen; die Unverschämtheit des Kerls reicht hin, die Disciplin einer ganzen Schiffsmannschaft über den Haufen zu werfen, selbst wenn die eine Hälfte aus lauter Offizieren und die andere aus Priestern bestände. Wenn er auf der Schanze herumspazierte, nahm er so viel Raum ein, wie ein Linienschiff von 90 Kanonen beim Laviren, und das Flügelspill ist nicht halb so fest in den Top dieser Bramstange eingetrieben, als sein Hut ihm fest auf dem Kopfe saß. Der Kerl salutirte keine Flagge. Als ich beim Sonnenuntergang die Flaggen wechselte, richtete ich es, um ihm einen fühlbaren Wink zu geben, absichtlich so ein, daß ihm die, welche heruntergelassen wurde, gerade in's unverschämte Gesicht flatterte; allein er behandelte den Wink wie ein Holländer ein Signal, nämlich als eine Frage, deren Beantwortung bis zur nächsten Wache Zeit hat. Ein wenig Politur auf der Offizierschanze eines Linienschiffes erlangt, würde aus dem Schelm einen Philosophen machen, so daß er sich in jeder Gesellschaft – die im Himmel ausgenommen – zeigen könnte.«

»Da hießt er schon wieder eine Spiere in die Höhe!« rief Ludlow, indem er die ausschweifende Rede des Segelmeisters unterbrach. »Er ist erpicht darauf, näher an das Küstenwasser zu kommen.«

»Werden diese Windstöße viel heftiger,« erwiederte Spannsegel, bald von seiner abergläubischen Meinung über das gejagte Schiff, bald von seinem seemännischen Stolze hingerissen, »so kriegen wir ihn auf unsern eigenen Boden und werden dann sehen, was die Gewandtheit seiner Brigantine auszurichten vermag. Die See ist windwärts grün punktirt, und auf dem Wasser zeigen sich starke Symptome einer nahen Bö; auch die Luft ist so klar, daß man fast einen Blick in die obere Welt thun kann! Ja, ja, diese Nordwinde bürsten Euch die Nebel von Amerika's Küste hinweg und lassen Land und Wasser so glänzend wie das Gesicht eines Schulknaben, ehe er die Ruthe versucht hat und die Thränen sein Auge zum ersten Mal getrübt haben. Die südlichen Gewässer haben Sie beschifft, Herr Capitän, das weiß ich, denn wir waren damals zwischen den Inseln Schiffskameraden; ob sie aber die Durchfahrt von Gibraltar mitgemacht und das blaue Wasser zwischen den italienischen Gebirgen gesehen haben, ist mir nicht bekannt.«

»Ich machte eine Kreuzfahrt gegen die Barbaresken-Staaten als Knabe mit, und unsre Aufträge führten uns auch an die nördliche Küste.«

»Gut, die meine ich eben, die Nordküste! Kein Zoll davon, vom Felsen an der Einfahrt bis zum Leuchtthurm von Messina, den ich nicht mit diesen meinen Augen gesehen hätte. In jenen Gegenden fehlt's nicht an Ausguckern und Landmarken! Hier fahren wir dicht an der Küste von Amerika, die allenfalls acht bis zehn Stunden dorthin nördlich von uns, und ungefähr vierzig in unserm Spiegel liegen mag, und dennoch, wenn die Zeit unserer Abfahrt, die Farbe des Wassers und die Kenntniß der Tiefe durch's Loth uns keines Besseren belehrten, so sollte man glauben, man befände sich mitten im atlantischen Meere. Manches gute Schiff stößt auf Amerika, ehe es recht weiß, wohin es gehe; dagegen können Sie in jener See auf einen Berg, dessen Abhang ganz deutlich vor Ihnen liegt, vier und zwanzig Stunden lang lossteuern, ohne die an seinem Fuße liegende Stadt zu erblicken.«

»Die Natur hat diesen Unterschied wieder ausgeglichen, indem sie durch den Golf-Strom mit seinen schwimmenden Wasserpflanzen und seiner verschiedenen Temperatur die Annäherung an diese Küste erschwert hat; überdies kann man selbst in der dunkelsten Nacht seinen Weg mit dem Loth fühlen, da der Meeresboden nach dieser Küste zu von hundert Klafter Tiefe bis zur Fläche des sandigen Strandes so regelmäßig und so allmählich wie ein Hausdach hinansteigt.«

»Ich sagte, manches gute Schiff, Capitän Ludlow, und nicht mancher gute Seefahrer; nein, nein, ein ausgemachter Seemann kennt schon den Unterschied zwischen grünem und blauem Wasser, nicht weniger als zwischen einem Handloth und dem hohen Meere. Aber dessenungeachtet erinnere ich mich, daß mir einmal eine Beobachtung entging, als wir vor einem tüchtigen Winde auf Genua lossegelten. Es war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sich das Land während der Nacht aufthun würde, und um so nöthiger war es daher, des Schiffes Standpunkt genau zu wissen. Ich hab' schon oft gedacht, Sir, daß der Ocean viel Ähnlichkeit mit dem menschlichen Leben hat – ein blinder Pfad in Beziehung auf Alles, was vor uns liegt, und Hinsichts dessen, den wir zurückgelegt haben, auch keiner von den hellsten. Mancher Mensch läuft blindlings in sein eigenes Verderben und manches Schiff steuert mit vollen Segeln auf eine Klippe los. Die Zukunft gleicht einem Nebel, den kein Auge durchdringt, und selbst die Gegenwart ist wenig besser als trübes Wetter, in welchem wir Beobachtungen anstellen, ohne sonderlich viel Belehrung daraus zu ziehen. Also, wie gesagt, hier lag unser Cours, der Wind hinlänglich hinter uns, so ziemlich von derselben Stärke wie der jetzige, denn jener französische Pausbäckige und dieser amerikanische Nordwind sind Geschwisterkinder. Wir hatten das große Bram ohne Leesegel beigesetzt, weil wir schon an die tiefe Bucht dachten, in welcher Genua eingestaut ist, und die Sonne bereits über eine Stunde untergetaucht war. Nun vertragen sich bekanntlich Wolken und Wind nicht lange mit einander, und das war unser Glück; wir bekamen einen klaren Horizont. Und was sahen wir! hier nördlich lag ein Schneeberg und dort Süd bei Ost lag ebenfalls einer. Die Königin Anna hat in ihrer ganzen Flotte kein Schiff, das den einen wie den andern in einem Tage eingeholt hätte, und dennoch sahen wir sie so deutlich vor uns, als wenn wir dicht leewärts dabei vor Anker lägen. Ein Blick auf die Seekarte verschaffte uns bald genaue Kenntniß über unsern Standpunkt. Das erstgenannte Gebirge waren die Alpen, wie man sie nennt, wahrscheinlich das französische Wort für Affen, Im Englischen ist der Unterschied in der vulgären Aussprache der Wörter alps (Alpen) und apes (Affen) nur sehr gering. die sonder Zweifel in jenen Regionen sehr häufig sind; das andere war das Hochland von Corsica; beide mitten im Sommer so weiß wie ein achtzigjähriger Greis. Sie sehen, Sir, wir brauchten diese zwei Punkte nur nach dem Kompaß auszumitteln, um bis auf eine oder zwei Stunden zu wissen, wo wir uns befanden. Wir segelten also noch bis Mitternacht, drehten dann bei, und der Morgen darauf leuchtete uns zur Fortsetzung unserer Fahrt nach dem Haf ...«

»Da kajet sie schon wieder um, die Brigantine!« rief Ludlow. »Der Spitzbube ist entschlossen, seichteres Wasser zu erreichen.«

Der Segelmeister ließ den Blick rings um den Horizont schweifen, und wies dann mit fester Hand nach Norden. Ludlow bemerkte seine Geberde, wendete sich nach der Gegend hin, und erkannte alsbald, was Jener sagen wollte.

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