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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Sechszehntes Kapitel.

»Dies wird mir ein tüchtiges Königreich
werden, wo ich meine Musik umsonst habe.«
Der Sturm.

Während in der Kajüte die geheime Conferenz vor sich ging, wußte der Held vom indischen Shawl den Capitän der Coquette und den Patroon auf der Schanze zu unterhalten. Das Gespräch drehte sich um Gegenstände des Seelebens, da Van Staats seinen alten Ruf für Schweigsamkeit behauptete. Myndert erschien nun wieder, gedankenvoll, in seiner Erwartung getäuscht und ganz augenfällig sehr verwirrt; dies gab dem Ideengange Aller eine neue Richtung. Wahrscheinlich hegte der Kaufmann den Glauben, daß er dem Freihändler noch nicht genug geboten hätte, um denselben zu versuchen, seine Nichte zurückzugeben; denn seine Miene verrieth nichts weniger, als die Ueberzeugung, daß sie sich nicht im Schiffe befinde. Nichtsdestoweniger suchte er ausweichende Antworten zu geben, als seine Gefährten ihn über das Ergebniß seiner Unterredung mit dem Freihändler befragten. Warum? das wußte er selbst am besten.

»Dies Eine,« sagte er, »ist gewiß: das Mißverständniß in dieser Angelegenheit klärt sich noch auf, und dann kehrt Alida Barbérie, vom Zwange befreit, zurück, mit einem Charakter, so makellos wie der Credit der Van Stoppers von Holland. Der sonderbare Mensch unten läugnet, daß meine Nichte hier sey, und ich bin fast zu glauben geneigt, daß die Bilanz der Wahrheit auf seiner Seite stehe. Ich gestehe, wenn es anginge, die Kajüten ein wenig zu durchsuchen, ohne Kisten und Cargo zu sehr in Unordnung zu bringen, so würde man der Behauptung besser trauen können; allein – hm – da wir keine zufriedenstellendere Beweise haben, meine Herren, so müssen wir uns mit seinem bloßen Worte begnügen.«

Ludlow blickte nach den Wolken über der Mündung des Rariton und ein vornehmes Lächeln kräuselte seine Lippe.

»Der Wind wehe hier nur von Osten her,« sagte der Capitän, »so werden wir mit Kisten und Kajüten nach unserm eigenen Gutdünken verfahren.«

»St! der würdige Meister Ruderpinne könnte diese Drohung hören. – Ueberhaupt weiß ich nicht, ob die Klugheit uns nicht gebietet, die Brigantine fahren zu lassen.«

»Herr Alderman Van Beverout,« versetzte der Capitän mit erglühender Wange, »Sie müssen Ihre Liebe zu Ihrer Nichte nicht zum Maaßstab meiner Dienstpflicht machen wollen! sind Sie es auch zufrieden, daß Alida Barbérie, einem gewöhnlichen Waarenartikel gleich, aus dem Lande geführt werde, so soll doch der Befehlshaber dieses Fahrzeugs ohne Paß von dem königlichen Kreuzer nicht in die hohe See zurück.«

»Würdest Du gegen die meergrüne Dame dieselbe Sprache führen?« fragte der Matrose mit dem Shawl, plötzlich an seiner Seite erscheinend.

So unerwartet und sonderbar war die Frage, daß der junge Seemann unwillkührlich zurückschrack; doch sammelte er sich noch in demselben Augenblick wieder, und antwortete mit Stolz:

»Gegen sie wie gegen jedes andere Ungeheuer, daß Du heraufbeschwören kannst!«

»Wir nehmen Euch bei'm Worte. Es gibt keine zuverlässigere Methode, die Vergangenheit oder die Zukunft, die Weltgegend, von woher der Wind, oder die Zeit, wann der Orkan kommen werde, kennen zu lernen, als eine Frage an unsre Gebieterin. Diejenige, welche so viele verborgene Dinge kennt, kann uns vielleicht auch sagen, was ihr zu wissen wünschet. Wir wollen sie auf die gewöhnliche Weise dazu auffordern.«

Mit diesen Worten verließ der Seemann vom indischen Shawl mit ernstem Anstand seine Gäste, und stieg in die untergeordneteren Schiffskammern hinab. Keine Minute, so wallten aus einem geheimen und dennoch nahen Theile der Brigantine Töne herauf, welche Ludlow und den Patroon bis zu einem gewissen Grade angenehm überraschten; ihr Gefährte, der Alderman, hatte seine Gründe, für diese Empfindung unempfänglich zu seyn.

Nach einer kurzen und raschen Einleitung ertönte, auf einem Blaseinstrument gespielt, eine wildphantastische Melodie, begleitet von einer Singstimme, deren Worte jedoch von der Composition so sehr bedeckt wurden, daß es nicht möglich war, sie deutlich zu unterscheiden; nur so viel ward klar, daß der allgemeine Inhalt einen geheimnißvollen Aufruf an eine Gottheit des Oceans zum Gegenstand hatte.

»Potz Flöten und Quieken!« brummte Myndert ungeduldig, noch ehe die Schlußtöne verklungen waren. »Das ist ja baares Heidenthum, und ein schlichter Mann, der hier auf dem Verdeck Geschäfte hat, hat alle Ursache, sich geborgen in die Kirche zu wünschen. Was haben wir mit Landhexen oder Wasserhexen, oder mit der Hexerei überhaupt zu schaffen, daß wir noch in der Brigantine verweilen, wenn wir doch einmal wissen, daß sich meine Nichte nicht an ihrem Bord befindet; ja noch mehr, das Boot enthält nichts, was ein Bewohner Manhattans brauchen könnte, selbst angenommen, daß wir Lust hätten, Einkäufe zu machen. Der tiefste Sumpf auf deinem Gut, Patroon, bietet dem Tritte mehr Sicherheit dar, als das Verdeck eines so verrufenen Fahrzeuges.«

Auf Van Staats von Kinderhook hatten die Auftritte, von denen er ein Zuschauer war, einen mächtigen Eindruck gemacht. Von langsamer Einbildungskraft, aber kräftigem und gewaltigem Körperbau, war er persönlicher Furcht eben so schwer zugänglich, als den Gebilden der Phantasie. Noch wenige Jahre zuvor hatten selbst in sonstiger Hinsicht Gebildete den festen Glauben an das Daseyn übernatürlicher Einwirkungen auf die Lenkung der Angelegenheiten dieser Welt, und wenn gleich jene Bethörung, welche in den religionseifrigen Provinzen Neu-Englands so sehr vorherrschte, die Neu-Niederländer nicht angesteckt hatte, so sind doch die Gemüther der aufgeklärtesten holländischen Ansiedler, ja selbst die ihrer Nachkommen bis auf unsere Tage, von einer minder regsamen, aber eben so leichtgläubigen Superstition nicht frei geblieben. Ganz besonders war die Kunst des Weissagens bei ihnen beliebt und sobald irgend ein unerklärliches Ereigniß das Schicksal oder die Ruhe der guten Colonisten auf eine oder die andere Weise berührte, so durfte man sicher seyn, daß sie zu einem der berühmteren Weissager im Lande ihre Zuflucht nahmen, um sich Licht zu verschaffen. Menschen mit schwerfälligem Seelenvermögen lieben starke Aufregung, weil sie für weniger mächtige Eindrücke unempfänglich find, so wie geistige Getränke Stumpfsinnigen den meisten Genuß gewähren. Nun gehörte aber der Patroon ganz und gar zu der Klasse der Phlegmatischen, und die Spannung, zu welcher seine gegenwärtige Lage ihn hinanhob, hatte für ihn, der sie so wenig gewohnt war, etwas Unbegreifliches und Wohlthuendes zugleich.

»Wir können nicht wissen,« erwiederte Oloff Van Staats, »was für wichtige Folgen noch aus diesem Abenteuer entspringen, Herr Alderman Van Beverout; ich läugne nicht, daß ich mehr zu sehen und zu hören wünsche, ehe wir landen. Dieser Meerdurchstreicher gleicht durchaus nicht der Schilderung, welche unsere Stadtgerüchte von ihm machen; wenn wir also bleiben, so setzen wir uns in Stand, die öffentliche Meinung zu berichtigen. Ich erinnere mich, daß meine verstorbene, ehrwürdige Tante –«

»Potz Kaminwinkel- und Alte-Weiber-Mährchen! Die gute Dame war kein schlechter Kunde von den saubern Leuten hier, Patroon; Du kannst von Glück sprechen, daß sie von Deinem Erbgut nicht noch mehr wegschnappten. Du siehst doch meine Villa dort am Bergabhang: gut, so viel als Jedermann wissen mag, ist an der Außenseite; aber alles was zu meinem Privat-Vergnügen dienen soll, halte ich hübsch drinnen. – Doch Herr Capitän Ludlow hier hat die Geschäfte der Königin zu besorgen, und wird es mit seiner Amtspflicht nicht verträglich finden, die kostbaren Augenblicke mit diesen Gaukeleien zu vergeuden.«

»Ich gestehe, ich wünschte ebenfalls das Ende abzuwarten,« antwortete trocken der Commandeur der Coquette. »Der Zustand des Windes läßt an eine Aenderung in der gegenseitigen Stellung der Schiffe für's Erste nicht denken; warum also die Gelegenheit nicht benutzen, eine genauere Einsicht in den außerordentlichen Charakter der Leute auf der Brigantine zu erlangen?«

»Ja, ja, da haben wir's!« brummte der Alderman zwischen die Zähne. »Diese Einsichten und Aussichten sind an allem Unheil im Leben schuld. Mit diesen phantastischen Wassernixlern ist kein Geheimniß recht sicher: sie spielen damit wie eine Fliege um das Licht, bis sie sich die Flügel verbrannt hat.«

Indessen blieb dem Bürger nichts übrig, als sich in Geduld zu fügen, da die Andern einmal entschlossen waren zu bleiben. Auch war er, wenn gleich in ihm die Besorgniß vor ungelegenen Entdeckungen vorherrschte, nicht ganz von der Schwachheit frei, welche der geheimen ehrerbietigen Scheu des ganz im Schauen und Lauschen versunkenen Oloff Van Staats zum Grunde lag. Ja Ludlow selbst ergriff die Lage, in welche er sich versetzt sah, tiefer als er sich gern hätte merken lassen; denn kein Mensch ist dem Einflusse der Sympathie, sey die Art ihrer Machtäußerung welche sie wolle, gänzlich verschlossen – eine Wahrheit, woran der junge Capitän lebhaft durch die Wirkung erinnert wurde, die die ernste Haltung und das aufmerksame Wesen sämmtlicher Matrosen der Brigantine auf ihn hervorbrachten. Er war ein Seemann von ungewöhnlicher Bildung, und hatte unter andern seinen Collegen eigenthümlichen Fertigkeiten auch diejenige, jedem Matrosen bald abzumerken, aus welchem Lande er gebürtig war. Bei Menschen, deren gemeinschaftliches Gewerbe unter ihnen einen im hohen Grade gemeinschaftlichen Charakter erzeugt, kann nur der Kennerblick gewisse zurückgebliebene, allgemeine Hauptmerkmale, wodurch sie sich von einander unterscheiden, festhalten und deuten.

Geistige Bildung war zu jener Zeit überhaupt nur auf sehr wenige von Denen, die sich dem Seeleben gewidmet hatten, beschränkt. Selbst der Offizier blieb nur zu häufig roh, ausgelassen, zänkisch, unwissend und voll eingewurzelter, unausrottbarer Vorurtheile. Kein Wunder also, daß dem gemeinen Mann in der Regel die meisten Ideen, durch welche nach und nach Licht in die Gesellschaft der Menschen eingeführt worden ist, gänzlich fremd blieben.

Ludlow befand sich wenig Augenblicke im Schiff, so hatte er schon erkannt, daß die Leute, aus denen die Mannschaft zusammengesetzt war, aus den verschiedensten Nationen genommen waren, obgleich nicht National-Eigenthümlichkeiten den Wählenden geleitet zu haben schienen, sondern das Alter und der persönliche Charakter. Unter Andern bemerkte er einen Finnländer mit leichtgläubigem, ovalem Gesicht, hellem, aber leerem Auge, und von einer kurzen, aber derben Gestalt; auch den dunkelhäutigen Matrosen von den Küsten des Mittelmeeres fand er heraus, dessen klassische Gesichtsumrisse der unruhige vielsagende Blick nach dem Horizont häufig verzerrte. Diese beiden Männer hatten sich jetzt, bei den letzten Tönen der Musik, der Schanze, wo die Gruppe stand, genähert. Ludlow schrieb dies Anfangs ihrer Empfänglichkeit für den Wohllaut zu, aber nicht lange, so kam der Knabe Zephyr zu ihnen herangeschlichen, so daß leicht zu merken war, ihr Herannahen habe einen andern Zweck, als den scheinbaren – ein Zweck, welcher klar genug wurde, als nun Ruderpinne wieder heraufkam, und außer den Fremden auch die beiden Matrosen einlud, in die Kajüte zu kommen; diese riefen also ebenfalls Geschäfte zu dem Wesen, welches, wie angegeben wurde, die Schicksale der Brigantine leitete.

Die Menschen, die jetzt in das kleine Vorzimmer traten, waren von sehr verschiedenen Gefühlen beseelt. Bei Ludlow herrschte lebhafte, furchtlose Neugierde vor, nicht ohne eine Beimischung der bei einem Seemann sehr natürlichen Theilnahme; Neugierde war auch die Regung seiner Gefährten, aber sie war mit einer verborgenen Ehrfurcht vor der geheimnißvollen Gewalt der Zauberin verbunden. In den beiden Matrosen äußerte sich nur stumpfsinnige Unterwerfung, während des Knaben offenes, halb erschrockenes Gesicht deutlich den Einfluß kindischer Furcht erkennen ließ. Ernst, still und, was eine Seltenheit in seinem Benehmen war, ehrerbietig verhielt sich der Seemann von dem indischen Shawl. Nach Verlauf einiger Augenblicke öffnete der Seestreicher selbst die Thür des inneren Gemachs und winkte Allen, einzutreten.

Die Anordnung in der Hauptkajüte hatte eine wesentliche Veränderung erlitten. Das Licht, welches vom Schiffsspiegel herabfiel, war jetzt ganz ausgeschlossen, und der carmoisinfarbene Vorhang vor der Vertiefung herunter gelassen. Ein Fenster an der Seite gab genau so viel Beleuchtung, als nöthig war, um die Finsterniß sichtbar zu machen, und die am stärksten beleuchteten Gegenstände erhielten eine Färbung von der seidenen Draperie.

Der Freihändler empfing seine Gäste mit einer demüthigen Haltung, verbeugte sich stumm und mit weniger Muthwillen in seiner Miene, als bei der ersten Zusammenkunft in der Kajüte. Dem Capitän wollte es indessen doch scheinen, als zucke ein gezwungenes trauriges Lächeln über seinen schönen Mund, und der Patroon staunte seine feinen Züge an, mit der Empfindung eines Menschen, welcher sich in der Gegenwart des ersten Günstlings eines übernatürlichen Wesens befindet. Das Innere des Rathsherrn äußerte sich durch ein halb unterdrücktes, unzufriedenes Gemurre, welches in Zwischenpausen laut ward, aber allmählich ganz verstummte, denn eine gewisse heilige Scheu siegte endlich selbst über diesen unwillkührlichen Ausdruck seiner inneren Unzufriedenheit.

»Ich höre, die Fremden wünschen mit unsrer Gebieterin zu sprechen,« sprach die vornehmste Person des Schiffes mit unterwürfiger Stimme. »Auch Andere scheint es, sind hier, welche von ihrer Weisheit Rath verlangen. Es sind jetzt viele Monde, seit wir mit ihr ohne Vermittlung gesprochen haben, denn ihr Buch ist stets Denjenigen geöffnet, die bei ihr Belehrung suchen. Habt Ihr auch Fassung genug zu einem Gespräch mit ihr?«

»Die Feinde Ihrer Majestät haben mir nie Mangel an Fassung vorgeworfen,« erwiederte Ludlow mit ungläubigem Lächeln. »Schreite zu Deinen Beschwörungen, damit wir das Weitere erfahren.«

»Wir sind keine Zauberer, Sir, sondern treue Matrosen, welche den Willen ihrer Gebieterin üben. Ich weiß, Sie sind ein Zweifler, doch kühnere Männer haben schon ihren Irrthum eingestanden, ohne solche Beweise. – Still! wir sind nicht allein; ich höre die Worpen der Brigantine sich öffnen und wieder schließen.«

Der Sprechende trat hierauf fast bis in die Reihe, welche die Anderen gebildet hatten, zurück, und erwartete schweigend den Ausgang. Jetzt erklang eine gedämpfte, feierliche Symphonie, langsam stieg der Vorhang in die Höhe, und es zeigte sich ein Gegenstand, welchen selbst Ludlow nicht anschauen konnte, ohne sich von einem mächtigeren Gefühl, als bloßem Interesse, ergriffen zu finden.

Im Mittelpunkt der Vertiefung stand, Kostüm und Haltung so ähnlich als möglich der Figur an dem Gallion, eine weibliche Gestalt. Wie im Bilde, hielt sie in der einen Hand ein Buch, die geöffneten Seiten den Zuschauern zugekehrt, während ein Finger der anderen vorwärts zeigte, gleichsam als wiese sie dem Schiffe seinen Lauf. Die Falten des meergrünen Gewandes flatterten hinter ihr, wie von der Luft angeweht, und das Antlitz hatte dieselbe dunkle unirdische Färbung, dasselbe ironisch-boshafte, bedeutsame Lächeln.

Nachdem die Zuschauer von ihrem ersten Betroffenseyn und Erstaunen zurückgekommen waren, sahen der Alderman und seine Begleiter sich einander verwundert an. Deutlicher trat nun auch der zurückgehaltene Triumph auf dem Antlitze des Freihändlers hervor.

»Hat irgend Jemand hier der Herrin unsers Boots etwas zu sagen, so erkläre er es jetzt. Von uns gerufen, kommt sie aus großer Ferne, und wird nicht lange verweilen.«

»Nun, so wünschte ich zu erfahren,« sagte Ludlow, tief, wie Jemand, der sich von einer plötzlichen, überwältigenden Empfindung erholt, aufathmend, »ob Die, welche ich suche, sich in der Brigantine befinde?«

Der, welcher bei dieser ungewöhnlichen Ceremonie die Rolle des Vermittlers oder Dollmetschers spielte, trat nach einer Verbeugung hervor an das Buch, in welchem er mit der Miene tiefster Ehrfurcht forschend las, oder zu lesen schien.

»Als Erwiederung auf Deine Frage wird Dir im Buch die Gegenfrage vorgelegt, ob Du die Gesuchte aufrichtig suchest?«

Ludlow erröthete; seiner Selbstachtung ward natürlich das Eingeständnis schwer, doch die männliche Geradheit seines Seemanns-Charakters besiegte diese Zurückhaltung und er antwortete: »Aufrichtig.«

»Aber Du bist ein Seemann; Leute deines Gewerbes lieben häufig nichts so sehr als die schwimmende Hülle, die sie birgt. Ist deine Anhänglichkeit an die Gesuchte stärker, als deine Liebe zum Herumwandern, zu deinem Schiffe, zu den Erwartungen deiner Jugend, zu dem Ruhme, der die Träume eines jungen Kriegers verschönt?«

Der Commandeur der Coquette zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort, als wenn er sich erst innerlich prüfte, dann sagte er:

»Sie ist so stark, als nur immer einem Mann ziemt.«

Eine Wolke zog über des Fragers Stirn; er trat abermals hervor und zog das Buch zu Rathe.

»Es wird verlangt, daß Du sagest, ob ein neueres Ereigniß dein Vertrauen in die Gesuchte nicht erschüttert habe?«

»Erschüttert, aber nicht zerstört.«

Die meergrüne Dame bewegte sich, und die Blätter des geheimnißvollen Buches zitterten, gleichsam als könnten sie die Zeit nicht erwarten, bis sie ihre Orakel verkündeten.

»Und wärst Du im Stande, Neugierde, Stolz und alles andere, was die männliche Brust bewegt, zu unterdrücken, und, so wie vor dem Eintritt jener neueren Ereignisse, um ihre Gunst zu werben, ohne Erklärung abzufordern?«

»Um einen gütigen Blick von Alida de Barbérie zu erlangen, würde ich viel thun, allein die herabwürdigende Unterwürfigkeit, von der Du sprichst, würde mich ihrer Achtung unwürdig machen. Fände ich sie so, wie ich sie verloren habe, so sollte mein Leben ihrem Glücke geweiht seyn; wo nicht, der Trauer, daß eine so Holde fallen konnte.«

»Hast Du jemals Eifersucht empfunden?«

»Erst will ich wissen, ob Grund dazu vorhanden sey!« schrie der junge Mann, trat rasch einen Schritt vorwärts auf die regungslose Gestalt zu, mit der offenbaren Absicht, sich selbst zu überzeugen, was es mit ihr für eine Bewandtniß habe.

Die Hand des Seemanns vom Shawl hielt ihn zurück mit der Stärke eines Riesen.

»Niemand vergesse die unsrer Herrin gebührende Achtung,« bemerkte der kräftige Seemann ruhig, und winkte den jungen Mann in die Reihe zurück.

Ein wilder Blick schoß aus des Letzteren Auge, aber bald kam ihm die Besinnung wieder, daß Zorn in seiner gegenwärtigen Lage nichts nützen könne.

»Hast Du jemals Eifersucht empfunden?« erwiederte der nicht aus seiner Fassung zu bringende Frager.

»Welcher wahrhaft Liebende hat es nicht?«

Ein leises Aufathmen ward in der Kajüte vernehmbar während der kurzen Pause, welche auf die Antwort folgte; aber Niemand wußte, woher es kam; der Alderman wendete sich nach dem Patroon und sah ihn forschend an, ob etwa der Seufzer ihm angehörte. Ludlow hingegen schaute rings um sich her, vergeblich bemüht, auszumitteln, wer auf eine so sinnige Weise die Wahrheit seiner Erwiederung anerkannt haben könne.

»Deine Antworten sind gut;« nahm der Freihändler nach einer längern Pause wieder auf. Jetzt wendete er sich zu Oloff Van Staats und sagte:

»Wen oder was suchst Du?«

»Ein und derselbe Zweck ist es, der uns Alle hieher geführt.«

»Und suchst Du mit vollkommener Aufrichtigkeit?«

»Ich könnte wünschen, zu finden.«

»Du bist reich an Ländereien und Häusern: ist Dir die Gesuchte so theuer, wie deine Güter?«

»Ich habe Achtung für Beide, da man nicht wünschen könnte, das Weib, das man bewundert, mit der Armuth zu verbinden.«

Hier räusperte sich der Alderman so laut, daß die ganze Kajüte davon erdröhnte, aber in demselben Augenblick erschrack er über die durch ihn entstandene Unterbrechung, machte unwillkührlich der unbeweglichen Gestalt in der Vertiefung eine entschuldigende Verbeugung, und gewann erst hiernach seine vorige Fassung wieder.

»In deiner Antwort ist mehr Klugheit als wahres Liebesfeuer. Hast Du jemals Eifersucht empfunden?«

»Das hat er!« rief Myndert eifrig. »Ich erinnere mich noch, wie der Herr gleich einem Bären, der sein Junges verloren hat, zu wüthen pflegte, wenn meine Nichte lächelte, und wäre es auch zum Beispiel nur in der Kirche geschehen, als Erwiederung auf den Gruß einer alten Matrone. – Potz Philosophie und Gelassenheit, Patroon! wer zum Teufel steht dafür, daß Alida diese Fragen mit anhört? in welchem Fall ihr französisches Blut sieden wird, wenn sie findet, daß deine Liebe stets so regelmäßig gegangen ist, wie eine Stadtuhr.«

»Könntest Du sie aufnehmen, ohne nach dem Vorhergegangenen zu forschen?«

»Das würde er, das würde er;« erwiederte der Alderman. »Ich verbürge mich dafür, daß Herr Van Staats alle Verbindlichkeiten erfüllt, so pünktlich wie das beste Haus in Amsterdam selbst.«

Abermals zitterten die Blätter des Buches, aber die Bewegung war eine zurückweisende, unzufriedene.

Jetzt kam die Reihe an die beiden Matrosen. Der Freihändler wendete sich zuerst an den mit dem blonden Haar.

»Was wünschest Du von unserer Gebieterin?«

»Ich habe mit meinen Landsleuten einen Handel abgeschlossen, und wollte wissen, ob wir bald einen Wind kriegen, der uns aus dem schmalen Kanal herausführt.«

»Geh', Die Wassernixe wird absegeln, wenn es Zeit ist. – Und Du?«

»Ich habe gestern Abend einige Felle für meine eigene Rechnung gekauft; kann ich nicht erfahren, ob der Handel zu meinem Vortheil ausschlagen werde?«

»Vertraue der meergrünen Dame, so ist Dein Vortheil sicher. Wann hat sie je irgend Jemand in seinen Spekulationen verlassen. – Kind, was hat Dich hierher geführt?«

Der Knabe zitterte und es verging eine Weile, ehe er Muth genug fand, um zu antworten.

»Ich höre, es soll so drollig auf dem trockenen Lande seyn!«

»Junge! Du hast schon Deine Antwort erhalten. Wann Andere gehen, sollst Du mitkommen.«

»Es soll so angenehm seyn, das Obst selbst von den Bäumen zu pflück –«

»Du hast Deine Antwort schon. Meine Herren, unsere Gebieterin scheidet. Ihr ist's recht gut bekannt, daß Einer unter Euch ihrem Lieblingsschiff mit dem Zorne einer irdischen Königin gedroht habe, doch es ist unter ihrer Würde, an so leeren Drohungen ein Wort zu verlieren. Horch! Ihre Begleiter sind da.«

Wieder ertönte die sanfte Melodie auf der Flöte, und während der Klänge sank langsam und feierlich das seidene Gewölk. Ein plötzliches und heftiges Geräusch folgte, wie von einer sich öffnenden und wieder schließenden schweren Thüre, und dann herrschte allgemeine Stille.

Als die Zauberin verschwunden war, nahm der Freihändler sein früheres unbefangenes Wesen wieder an, sein Reden und Thun schien natürlicher. Der Alderman Van Beverout holte, wie von einem schweren Drucke befreit, tief Athem, und selbst der Seemann mit dem bunten Shawl hatte in der Gegenwart der Gestalt etwas Unfreies, Zwangvolles in seiner Haltung, die jetzt erst ihre Natürlichkeit wieder gewann. Die beiden Matrosen und das Kind zogen sich zurück.

»Wenige von denen, welche Ihre Uniform tragen, haben je die Herrin unserer Brigantine gesehen,« fuhr der Freihändler jetzt fort, indem er sich an Ludlow wendete; »ein Beweis, daß sie keine so große Abneigung gegen Ihren Kreuzer fühlt, als gegen die meisten langen Flaggen auf dem Meere.«

»Deine Gebieterin, Dein Schiff und Du, Ihr seyd gleich komisch!« erwiederte der junge Seemann mit ungläubigem Lächeln und nicht ohne etwas Amtsstolz. »Wir wollen sehen, wie lange Ihr diese Komödie auf Kosten der Zölle Ihrer Majestät noch fortführt.«

»Wir vertrauen der Wassernixe und ihrer Macht. Sie hat unsre Brigantine zu ihrem Aufenthalt gemacht, ihr ihren Namen gegeben und lenkt sie mit eigener Hand; so geschützt, wären wir schwachsinnig, wollten wir zagen.«

»Die Gelegenheit, ihre Tugenden auf die Probe zu stellen, wird sich schon finden. Wäre sie übrigens ein Geist der tiefen Gewässer, so würde ihre Robe blau seyn. Kein Schiff von geringer Wassertracht kann der Coquette entwischen.«

»Weißt Du denn nicht, daß die Farbe der See nicht in jedem Clima dieselbe ist. Wir sind unbesorgt: zur rechten Zeit wird für jede Ihrer Fragen eine gerechte Antwort zur Hand seyn. Der ehrliche Ruderpinne wird Euch sämmtlich an's Land bringen, da könnt Ihr dann im Vorbeifahren das Buch noch einmal zu Rathe ziehen. Ganz gewiß läßt sie uns noch ein Andenken an ihren Besuch zurück.«

Hier verbeugte sich der Freihändler und zog sich hinter den Vorhang zurück mit dem Anstand eines Souveräns, welcher eine Audienz aufhebt; indeß warf er doch bei'm Verschwinden einen neugierigen Blick rückwärts, als wollte er sich von der Wirkung überzeugen, welche die Zusammenkunft hervorgebracht hatte. Alderman Van Beverout und seine zwei Freunde befanden sich wieder im Boote, ohne eine Sylbe mit einander gewechselt zu haben; dem Winke des Seemannes vom Shawl gehorchend, waren sie Diesem gefolgt und an der Seite der reizenden Brigantine hinabgestiegen, im stummen Nachdenken über das, was sie eben gesehen und gehört hatten, versunken.

Aus dem bisher Erzählten leuchtet wahrscheinlich zur Genüge ein, daß Ludlow in das Gesehene wenig Vertrauen setzte, wenn er auch nicht umhin konnte, sich darüber zu verwundern. Ohne von jenem, damals unter Seeleuten so herrschenden Aberglauben gänzlich frei zu seyn, halfen ihm die gute Erziehung, die er genossen hatte, und sein gesunder Menschenverstand dazu, daß die Liebe zum Wunderbaren, die allen Menschen, wenn auch nicht in gleichem Grade eigenthümlich ist, seine Einbildungskraft nicht gefangen hielt. Ihm boten sich die mannigfaltigsten Vermuthungen über das, was er von dem Vorgefallenen zu denken habe, dar; jede schien ihm haltbar, bis eine wahrscheinlichere sie verdrängte, aber alle dienten nur dazu, seine Neugierde zu schärfen, so wie den Entschluß, der Sache auf den Grund zu kommen.

Für den Patroon von Kinderhook war dieß ein Tag seltenen, ja noch nie empfundenen Vergnügens. Das Wohlthuende, was eine kräftige Erschütterung für schwer aufzuregende Gemüther mit sich führt, war ihm in hohem Maaße zu Theil geworden, und das genügte ihm; er fühlte das Bedürfniß nicht, seine Zweifel, wenn er überhaupt welche hatte, gelöst zu sehen, und daher konnte ein weiteres Nachforschen, welches vielleicht seine angenehmen Täuschungen zerstört hätte, nicht in seiner Absicht liegen. Seiner Phantasie schwebte abwechselnd bald das dunkle, übernatürliche Antlitz der Zauberin vor, bald die schönen Züge, das zweideutige Lächeln und die anziehende Miene ihres kaum weniger wunderbaren Priesters.

Als das Boot einige Entfernung von der Brigantine gewonnen hatte, stand Ruderpinne auf, und wohlgefällig schweifte sein Auge über die Vollkommenheiten ihres Körpers und ihrer Ausrüstung.

»Gar manch' ein Boot hat unsere Gebieterin schon ausgerüstet und in's weite, pfadlose Meer geschickt,« sagte er, »doch nie ein lieblicheres als dieses da! Capitän Ludlow, in unserem bisherigen Verhältniß zu einander ist nicht alles ohne einige Hinterlist abgegangen – das soll ein Ende haben; messen wir von jetzt an nur Seemannskunst gegen Seemannskunst und Schiff gegen Schiff. Sie dienen der Königin Anna, ich der meergrünen Dame; sey ein Jeder seiner Gebieterin getreu und schütze der Himmel den Verdienteren! – Willst Du das Buch noch einmal sehen, ehe wir zum Versuch schreiten?«

Ludlow willigte schweigend ein, und das Boot näherte sich der Figur am Gallion. Unwiderstehlich war das Gefühl, welches einen Jeden von unsern drei Abenteurern, selbst den Alderman nicht ausgenommen, hinriß, als sie nun nahe genug herankamen, um das unbewegliche Bild deutlich sehen zu können. Die geheimnißvolle Stirn schien mit Denkvermögen begabt, und ironischer noch als vor ihrem Eintritt kam ihnen das boshafte Lächeln vor.

»Sie thaten die erste Frage, Sie sollen auch zuerst Antwort erhalten;« sagte Ruderpinne, indem er Ludlow ein Zeichen gab, daß er das offene Buch befragen möge. »Unsere Gebieterin spricht am liebsten in Versen aus dem alten Schriftsteller, Die drei folgenden Citate sind aus Shakspeare's Maaß für Maaß. dessen Gedanken Allen auf der Brigantine fast so geläufig sind, wie der menschlichen Natur im Allgemeinen.«

»Was bedeutet das?« rief Ludlow hastig.

»Claudio,
Gib Der, die Du bethört, die Ehre wieder;
– schenk' Deine Lieb' ihr, Angelo:
Sie beichtet mir, ich kenne ihren Werth.««

»Die Worte sind klar genug; doch wünschte ich derjenigen, die ich liebe, einen andern Beichtvater.«

»Still! Junges Blut ist rasch und leicht erhitzt. Unsere Schiffskönigin kann aufbrausende Rede bei ihren Orakeln nicht vertragen. – Kommen Sie, Meister Patroon, wenden Sie mit der Stange das Blatt, und sehen Sie, was das Glück Ihnen bringt.«

Oloff Van Staats hob den mächtigen Arm zaudernd und doch neugierig wie ein junges Mädchen. Sein Auge verrieth, wie viel Vergnügen seiner phlegmatischen Natur die Spannung verursachte, aber eben so leicht zeigten sich in dem Ernste aller übrigen Theile seines Gesichts furchtsame Ahnungen – die natürlichen Wirkungen einer verfehlten Erziehung. Er las nun laut:

»Mein Antrag zielt nur auf dein Bestes hin:
Und willst Du, Theure, ihm willfährig seyn,
So ist das Meine Dein, das Deine Mein,
Im Schloß wird sich das Uebrige schon finden:
Dort will ich, was Ihr noch nicht wißt, verkünden.«

»Ein billiges Verfahren und noch billigere Sprache! ›Was dein ist, ist mein, und was mein ist, dein,‹ das nenn' ich in der That Maaß für Maaß, Patroon!« rief der Alderman. »Mehr Rechtschaffenheit im Handel, zumal wenn die beiderseitigen Portionen von gleichem Werthe sind, läßt sich nicht verlangen. Viel Aufmunterung, in allem Ernst! Und nun, Herr Seemann, wollen wir machen, daß wir landen und ›nach Lust in Ruhe‹ kommen, welches wohl das ›Schloß‹ ist, das die Verse meinen. ›Das Uebrige‹, wovon in der Reimerei die Rede ist, kann nichts anderes bedeuten, als den Quälgeist, die Alida! die gewiß aus keinem andern Grund Versteckens mit uns gespielt hat, als um zu zeigen, wie sie drei ernsthaften, verantwortlichen Männern das Leben sauer machen könne, was natürlich ihrer weiblichen Eitelkeit nicht wenig schmeicheln muß. Stoß nun ab, Meister Ruderpinne, da Du einmal so heißest; und hab' Dank für Deine Höflichkeit.«

»Die Dame würde sich sehr beleidigt fühlen, wenn wir sie verließen, ohne alles, was sie mitzutheilen hat, anzuhören. Ihre jetzige Antwort betrifft Euch, würdiger Alderman, und die Stange wird, in Eurer Hand, eben so gut ihren Dienst thun, wie in der eines Andern.«

»Ich verschmähe armselige Neugier, und bin zufrieden mit der Kenntniß, welche der Zufall und das gute Glück mir geben,« erwiederte Myndert. »Wir haben Leute zu Manhattan, die weiter nichts thun als in ihres Nachbars Kredit spürnäseln, wie Frösche, die die Schnauzen zum Wasser herausstrecken; ich meinestheils begnüge mich damit, zu wissen, wie meine Bücher stehen, und die Preise auf dem Markt.«

»Hilft nichts! das mag ein ruhiges Gewissen, wie das Eurige, Sir, zufrieden stellen, allein wir von der Brigantine dürfen unsere Gebieterin nicht zum Besten haben. Eine einzige Berührung mit der Stange, so erfahrt Ihr, Herr Van Beverout, ob dieser Besuch, den Ihr der Wassernixe abgestattet habt, Euch Vortheil bringen werde.«

Myndert zögerte. Wir haben bereits erwähnt, wie er gleich den Meisten von derselben Abkunft in der Colonie, einen innern Hang zur Divinationskunst hatte; die Anspielung des Helden vom Shawl auf den Gewinnst, den ihm sein heimlicher Handel bringen werde, war wenig geeignet, jenen Hang diesmal zu schwächen, daher nahm er endlich die dargebotene Stange und las gierig, was auf dem gewendeten Blatte stand. Es enthielt nur eine Zeile aus demselben bekannten Lustspiel, aus welchem die zwei vorhergehenden Sinnsprüche entlehnt waren; sie lautete:

»Verkünde es, Profos, der ganzen Stadt.«

Aus Hast hatte Myndert das Orakel laut gewesen. Schnell sank er auf seinen Sitz zurück; um seine Verwirrung zu verbergen, erzwang er ein Gelächter, als wenn er das Ganze nur für eine leere, kindische Spielerei hielte.

»Verkünde mir keine Verkündigungen! Leben wir denn in einer feindseligen Zeit, unter öffentlicher Gefahr, daß man seine Angelegenheiten laut durch die Straßen ausposaunen soll. Ja wahrlich! schönes Maaß für Maaß! Hör 'mal, Meister Ruderpinne, diese Eure meergrüne Schlumpe da ist mir ein rares Stück; wenn sie ihr Betragen nicht ändert, wird sich kein rechtschaffener Mann gern in ihrer Gesellschaft treffen lassen. Was mich anbelangt, so glaube ich nicht an schwarze Kunst; der Kanal ist freilich dieses Jahr auf eine ganz ungewöhnliche Weise fahrbar geworden, aber ich glaube nun einmal nicht an Hexerei, daher mache ich mir wenig aus ihrem Schnickschnack. Uebrigens fordere ich sie heraus, von mir oder den Meinigen in der Stadt wie auf dem Lande, in Holland oder in Amerika, das Geringste zu sagen, was meinen Credit erschüttern könnte. Indessen wäre es mir nicht angenehm, leeren Gerüchten erst widersprechen zu müssen, weßhalb ich Euch schließlich den guten Rath ertheile, ihrem bösen Maule Zügel anzulegen.«

»Lege Du einem Sturm oder Wetterwirbel Zügel an! Wahrheit wird stets in ihrem Buche stehen, und wer darin liest, muß sich nicht vor ihr scheuen. – Herr Capitän, Sie sind von nun an wieder freier Gebieter über sich selbst, denn der Canal schneidet Sie nicht mehr von Ihrem Kreuzer ab. Hinter jener Anhöhe liegt das Boot und die Mannschaft, die Sie vermißten; von der letzteren werden Sie schon erwartet. Und nun, meine Herren, stellen wir alles Uebrige der Leitung der meergrünen Dame, unserer eigenen Geschicklichkeit und den Winden anheim. Leben Sie wohl!«

Kaum waren seine Passagiere an's Land gesetzt, so stieß der Held des Shawls sein Boot von demselben ab, und in weniger als fünf Minuten konnte man es an den Spiegel der Brigantine festgebunden, an seinen Taljen schwanken sehen.

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