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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Vierzehntes Kapitel.

»Ich geb' Dir einen Wind.
Viel Dank, mein Kind.
Und ich einen andern.
Ich selbst hab' alle andern.«
Macbeth.

Die Wolke über der Mündung des Rariton war nicht in die Höhe gegangen: im Gegentheil, der Wind stand noch immer seewärts, und die Brigantine in der Runden Bucht, so wie der königliche Kreuzer, lagen noch vor ihren Ankern, zwei schwimmenden Wohnungen gleich, die stets an Ort und Stelle bleiben sollten. Es war um die Stunde, wo man bestimmt angeben kann, was man den Tag über für Wetter behalten werde, und nicht mehr daran zu denken, daß sich heute noch ein Landwind einstellen würde, der es dem Fahrzeuge des Freihändlers möglich machte, vor der Wiederkehr der Abendfluth aus dem kleinen Meereseinschnitt herauszukommen.

Die Fenster in ›Lust in Ruh‹ standen offen, als Zeichen, daß die Herrschaft da sey, und die Dienerschaft war innerhalb und in der Umgebung der Villa bei ihren gewöhnlichen Beschäftigungen, obgleich sie häufig in versteckten Winkeln bei einander stehen blieben, und sich flüsternd zusammen unterhielten – ein offenbarer Beweis, daß die unbegreifliche Abwesenheit ihrer Herrin sie verwunderte. In jeder anderen Hinsicht war die Villa und das Gelände umher wie immer ruhig und dem Anschein nach verlassen.

Aber unter dem Schatten einer Eiche am Rande der Runden Bucht, an einem Punkt, wo sich selten ein Mensch zu zeigen pflegte, stand eine kleine Gruppe Menschen beisammen, harrend, als wenn sie eine Mittheilung von der Brigantine erwarteten, da sie an einer solchen Stelle des Meereinschnitts Posto gefaßt hatten und so zurückgezogen standen, daß sie von Leuten, welche bei der Mündung des Shrewsbury vorbeikamen, nicht bemerkt werden konnten. Kurz, sie befanden sich auf dem langen, niedrigen und schmalen Sandsaum, welche jetzt den Landvorsprung Hook bildet, der aber, durch die zeitweilige Durchbrechung zwischen den Gewässern der Runden Bucht und denen des Ozeans, damals eine Insel war.

»Das Wort: Geheim sollte das Motto jedes Kaufmanns seyn,« bemerkte Einer aus der Gruppe, dessen Name wir dem Leser schon nach Aufführung dieser einen Sentenz nicht mehr zu nennen brauchen. »Der Kaufmann muß geheim seyn in seinem Handel, geheim in der Art und Weise wie er ihn führt, geheim in seinem Creditwesen, vor allem aber geheim in seinen Speculationen. Ein vernünftiger Mann, meine Herren, kann seine Haushaltung schon allein in Ordnung halten, und bedarf nicht gleich der Hülfe der Polizei; eben so wenig hat ein kluger Kaufmann nöthig, die Geschichte seiner Operationen auf dem öffentlichen Markt auszuposaunen.« Um so willkommener aber ist mir der Beistand zwei so würdiger Männer als Kapitän Ludlow und Herr Oloff Van Staats, da ich weiß, daß durch sie kein unnützes Geschwätz über die vorgefallene Kleinigkeit in Gang gesetzt werden wird. – Aha, der Schwarze hat schon Antwort von dem Freihändler – das heißt, wenn Herrn Ludlow's Meinung von dem Charakter des Fahrzeugs wirklich gegründet seyn sollte – und stößt eben ab von der Brigantine.«

Ohne auf die Bemerkungen des Alderman zu antworten, beobachteten seine beiden Gefährten die Bewegung des Kahns, in welchem sich ihr Abgesandter befand, und jeder von Beiden schien gleich großen Antheil an dem Ergebniß der Botschaft zu nehmen. Aber der Neger, statt nach der Stelle hinzufahren, wo sein Herr und dessen zwei Freunde ihn erwarteten, die, wie er wissen mußte, ohne das Boot nicht wieder zurück konnten, ruderte gerade auf die Flußmündung zu, also der Richtung, die er nehmen sollte, schnurstracks entgegengesetzt.

»Verwünschter Ungehorsam!« tobte der erzürnte Gebieter. »Der unehrerbietige Hund läßt uns hier auf dieser Sandenge im Stich, wo wir so total von aller Verbindung mit dem Innern abgeschnitten sind, von allen Nachrichten über den Stand der Preise, und von jedem andern Lebensbedürfniß, wie mitten in der Wüste!«

»Hier kommt Einer, wahrscheinlich mit der Absicht, uns zu einer Unterredung zu bringen,« nahm Ludlow das Wort, da sein geübtes Auge ein von der Brigantine abstoßendes Boot zuerst entdeckte, und die Gegend, auf die es loszusteuern im Begriffe war, errieth.

Der junge Commandeur hatte nicht geirrt: ein kleiner Cutter schwamm, leicht und schnell wie eine Wasserblase, nach dem Ufer zu, wo die drei Erwartenden saßen. Als sie nahe genug gekommen waren, um genau recognosciren und ohne Anstrengung hörbar anreden zu können, stellten die Leute das Rudern ein, und ließen das Boot stille stehen. Jetzt erhob sich dicht am Steuer der Matrose mit dem indischen Shawl und durchspähete sorgsamen, verdachtvollen Blickes das hinter der Gruppe befindliche Dickicht, worauf er seiner Mannschaft den Wink gab, den Cutter näher an's Land zu bringen und dann mit der Miene eines Menschen, der um den Zweck des versammelten Haufens nichts wußte, unbefangen fragte:

»Wer hat mit Leuten von der Brigantine Geschäfte abzumachen? Sie hat wenig mehr übrig, was Profit abwerfen könnte, sie müßte denn ihre eigene Schönheit feilbieten.«

»Fürwahr, guter Fremde,« erwiederte der Rathsherr, das letzte Wort stark betonend, »hier ist Niemand, der Neigung zu einem Handel verspürte, welcher, wenn er bekannt würde, das Mißfallen der Behörden nach sich ziehen könnte. Wir wünschen eine Zusammenkunft mit dem Befehlshaber jenes Fahrzeugs in einer wichtigen Privatangelegenheit.«

»Was soll denn der Offizier dabei? Ich sehe dort Einen in der Livrée der Königin Anna. Wir sind keine Freunde von den Dienern Ihrer Majestät, und möchten nicht gern unangenehme Bekanntschaften machen.«

Ludlow, aufgebracht über die kaltblütige Unverschämtheit des Menschen, der ihn schon einmal mit so wenig Umständen behandelt hatte, biß sich beinahe die Lippe durch, um seinen Zorn zurück zu halten, und der Stolz auf seinen Rang oder vielleicht auch nur die im Amte angeeignete Gewohnheit ließ ihn auf einen Augenblick den Zweck seines Kommens ganz vergessen, und mit der hochfahrenden Rede dreinfallen:

»Wenn Ihr die Livrée des königlichen Ansehens erblickt, so müßt Ihr wissen, daß sie Jemand trägt, welcher beauftragt ist, den königlichen Rechten Achtung zu verschaffen. Ihr sollt mir Namen und Charakter der Brigantine dort angeben; ich befehle es.«

»Ihrem Charakter geht es wie dem jeder andern Schönen; er ist in bösem Leumund, ja Einige gehen in ihrem Neide so weit, daß sie ihn einen bescholtenen nennen! Doch wir, die wir sie bemannen, sind muntere Matrosen, und kümmern uns wenig um das verrückte Zeug, das man unserer Gebieterin nachsagt. Was ihren Namen betrifft, so antworten wir auf jeden deutlich gesprochenen und ehrlich gemeinten Ruf: Nennen Sie sie, in Ermangelung des Registers ›Ehrlichkeit‹ wenn Sie wollen.«

»Es ist Grund zu starkem Verdacht vorhanden, daß Euer Fahrzeug ein gesetzwidriges Gewerbe treibe; ich verlange daher, im Namen der Königin, Durchsicht der Schiffspapiere und die Freiheit, Ladung und Mannschaft streng zu untersuchen. Im Weigerungsfall wird sie mit den Kanonen des Kreuzers, der dort in der Nähe liegt, und nur auf Ordre wartet, Bekanntschaft machen müssen.«

»Es braucht keinen Gelehrten, unsere Documente zu lesen, Kapitän Ludlow, denn sie sind mit einem leichten Kiel auf den wogenden Gewässern geschrieben, und daß sie authentisch sind, wird Der schon finden, der unserm Kielwasser folgt. Wenn Sie unsere Ladung durchsehen wollen, so begeben Sie sich auf den nächsten Ball, der im Fort gegeben wird, und lassen Sie des Gouverneurs Lady mit ihren Handkrausen, Kragen und Brusttüchern die Musterung passiren; auch kann ihnen der genaue Anblick der Segel, welche über den Reifröcken der Frau und Töchter Eures Admiralitäts-Richters ausgespannt sind, zu einiger Kenntniß verhelfen. Wir sind keine Käsekrämer, daß ein enternder Offizier auf unserm Verdeck sich an Kisten und Tonnen das Schienbein zerstieße.«

»Kerl, Eure Brigantine muß ja doch einen Namen haben, und im Namen der Königin befehle ich, ihn anzugeben.«

»Verhüte der Himmel, daß irgend Jemand hier der Königin ihr Recht streitig machen sollte! Sie sind ein Seemann, Capitän Ludlow, und haben mithin ein Auge für die Schönheit eines Fahrzeugs, nicht minder als für die eines Weibes. Sehen Sie die Rundungen dieses Bugs an! So anmuthig, so reich senkt sich keine Schulterlinie; der Lauf dieser Seitenplanken übertrifft die regelgerechteste zarteste Taille, und was sind die weichen Umrisse einer Venus gegen die schwellenden Wellenlinien jener Querhölzer? O, es ist ein bezauberndes Geschöpf! und da es auf dem Wasser schwimmt, so heißt es mit Recht –«

»Die Wassernixe!« endigte Ludlow, als Jener mitten inne hielt.

»Sie verdienen selbst der Schwesterschaft anzugehören, da Sie eine solche Gabe des Weissagens und Errathens besitzen.«

»Verwunderung und Erstaunen, Patroon!« rief Myndert mit einem gewaltigen Räuspern. »Dies ist ja eine Entdeckung, welche einem ehrbaren Kaufmann mehr Unruhe verursachen kann, als das pflichtvergessene Betragen von fünfzig Nichten! Also dieses Fahrzeug ist die berüchtigte Brigantine des notorischen Meerdurchstreichers, eines Menschen, dessen Unthaten im Handel so allgemein bekannt sind, wie die Zahlungseinstellung eines Großhändlers. Hören Sie, Herr Seemann, setzen Sie kein Mißtrauen in unsere Absichten. Wir sind von keiner Landesbehörde abgeschickt, um Eure bisherigen Verhältnisse auszukundschaften, so daß Ihr nicht nöthig habt, davon etwas zu erwähnen; noch weniger sind wir gekommen, um gierigen Durst nach Gewinnst durch gesetzlich verbotenen Handel zu befriedigen. Wir wünschen nichts weiter, als einen Augenblick Unterredung über eine uns Drei gemeinschaftlich angehende Sache mit dem berühmten Freihändler und Wanderer, der, wenn Euer Bericht Wahrheit ist, das Fahrzeug befehligt. Diesen Offizier der Königin zwingt sein Amt, Euch gewisse Fragen vorzulegen; ob Ihr sie beantworten wollt, bleibt darum nicht weniger Euch anheim gestellt, wie sich auch nicht anders erwarten läßt, in Betracht, daß der Kreuzer Ihrer Majestät nicht innerhalb Schußweite liegt; aber mehr zu thun, hat der Herr Capitän jetzt wenigstens nicht im Sinn. Potz Parlamentiren und Höflichthun, Herr Capitän! wir müssen fein säuberlich mit dem Menschen sprechen, sonst steuert er ab und läßt uns zusehen, wie wir über den Kanal und nach ›Lust in Ruh‹ zurück gelangen, und zwar mit so leerer Hand, als wie wir hierher gekommen sind. Vergessen Sie nicht, was wir miteinander ausgemacht haben; wenn Sie sich daran nicht halten wollen, so ziehe ich mich von dem Abenteuer ganz zurück.«

Ludlow biß sich in die Lippe und schwieg. Der Matrose mit dem Shawl, oder, wie er öfter schon genannt worden ist, Meister Ruderpinne, recognoscirte noch einmal den Hintergrund scharf, und ließ dann sein Boot so nahe an's Land kommen, daß man bei'm Spiegel einsteigen konnte.

»Treten Sie herein,« sagte er zum Capitän der Coquette, der es sich nicht zum zweitenmale sagen ließ; »ein schätzbarer Geißel ist eine sichere Bürgschaft bei einem Waffenstillstand. Der Seestreicher ist kein Feind von guter Gesellschaft, und ich habe den Diener der Königin schon gebührend mit Angabe des Namens und Standes angemeldet.«

»Kerl, magst Du immerhin wegen des Erfolgs deines Betruges eine Zeit lang triumphiren, aber vergiß nicht, daß die Coquette –«

»Ein gesundes Boot ist, dessen Fähigkeiten ich nach dessen eigenem Minutenglas abgemessen habe,« bemerkte Ruderpinne, indem er dem andern ganz ungenirt das Wort abnahm. »Da Sie jedoch jetzt mit dem Seestreicher Geschäfte abzumachen haben, so wollen wir hievon ein andermal mehr sprechen.«

Der Matrose vom Shawl, welcher sein früheres trotziges Benehmen bisher behauptet hatte, ward jetzt ernst, und befahl seiner Mannschaft in einem gebieterischen Tone, das Boot nach der Brigantine zurückzurudern.

Die Thaten, der geheimnißvolle Charakter und die Verwegenheit der Wassernixe und Dessen, der sie steuerte, waren in jenen Tagen der häufige Gegenstand des Zorns, der Bewunderung und des Erstaunens. Diejenigen, welche an dem Miraculösen Vergnügen fanden, konnten nicht satt werden, von den Wundern zu hören, die man sich von ihrer Eile und Kühnheit erzählte; Solche, deren häufige Versuche, den waghalsigen Contrebande-Händlern das Handwerk zu legen, gescheitert waren, entflammten, wenn ihr Name genannt wurde; aber Aller bemächtigte sich auf gleiche Weise hohes Erstaunen über das Glück und den Scharfsinn, unter deren Gunst und Leitung der Wassernixe Bewegungen standen. Man wird es daher sehr natürlich finden, daß Ludlow und der Patroon sich dem leichten anmuthigen Gebäude mit einer Theilnahme näherten, die mit jedem Ruderschlage stärker ward. Der Seemannsstand hob sich in jenem Zeitalter durch ganz besondere Eigenthümlichkeiten hervor, und unterschied sich von den übrigen Klassen der Gesellschaft durch eigene Sitten und Ansichten. Auch dem Charakter unsers jungen Commandeurs waren die letzteren so sehr natürlich geworden, daß er die richtigen Verhältnisse, die zarten Umrisse des Rumpfs, die bis in's Kleinste genaue Gleichmäßigkeit und Nettigkeit der Spieren und Taue unmöglich anschauen konnte, ohne ein Gefühl zu verspüren, das dem sehr ähnlich war, welches unläugbare Ueberlegenheit selbst in der Brust eines Nebenbuhlers erregt. Der Styl derjenigen Theile an der herlichen Maschine, die bloß als Verzierungen dienten, war nicht minder geschmackvoll, und erregte eben so viel Bewunderung als die Gestalt und Auftakelung des Schiffes.

Zu allen Zeiten und in jeder Periode der Schifffahrtskunde, bestand unter den Seeleuten der Ehrgeiz, ihre schwimmenden Wohnungen mit Zierrathen zu versehen, welche nicht bloß im Einklange mit ihrem flüssigen Elemente stünden, sondern auch an den architektonischen Ton erinnerten, der in ihrem Vaterlande herrschte. Religion, Aberglaube und Volksgebräuche üben gleichen Einfluß auf die bezeichnenden Schnörkeleien, die noch jetzt in allen Gegenden der Erde die Außenseite der Schiffe deutlich von einander unterscheiden. An dem einen stellt das Schnitzwerk am Kopf des Steuers ein häßliches Ungeheuer vor; aus dem Krahnbalken eines anderen stieren Augen, oder hängt eine lange Zunge hervor; auf einem dritten prangt an den Mallen, oder an den Backen des Schiffes der Schutzheilige, oder die immer gütige Maria im Hoch-Relief, während ein viertes mit allegorischen Sinnbildern des Vaterlandes oder des Seedienstes übersäet ist. Wenige dieser Leistungen nautischer Bildhauerei sind gelungen zu nennen, obgleich ein besserer Geschmack allmählich anfängt, auch diesen Zweig menschlicher Industrie aus dem Schutt der Barbarei und Rohheit hervor- und zu einem Zustande zu erheben, der die hochgespannten Forderungen der Zeit nicht verletze. Das Fahrzeug aber, das jetzt unsre Feder beschäftigt, obgleich in jenem entfernten Alter erbaut, würde selbst der künstlerischen Ausbildung unsrer Tage Ehre gemacht haben.

Daß der Rumpf dieses berühmten Schmugglerschiffes niedrig, dunkel, mit ganz vorzüglicher Geschicklichkeit gezeichnet, und so richtig balancirt war, daß es sich ungezwungen wie ein Seevogel auf seinem Element bewegte – ist schon erwähnt worden. Bis zu einiger Höhe vom Wasserrand zeigte es ein Blau, das an Durchsichtigkeit mit der Farbe der hohen See wetteiferte (mit Kupfer pflegte man damals die Schiffe noch nicht zu beschlagen)! die höheren Theile waren schwarz wie Ebenholz, sanft gehoben durch zwei strohgelbe Linien, welche, mit mathematischer Genauigkeit gezeichnet, mit der Ebne der oberen Werke parallel liefen, und folglich unter der Gilling des Spiegels, mit einer leisen Biegung abwärts zur Wasserfläche, aufeinanderstießen. Die auf dem Verdeck Befindlichen waren durch glanzfarbige Hängemattentücher dem Blick entzogen, und die gedrängten Bollwerke gaben der Brigantine das Aussehen eines zum Krieg gerüsteten Fahrzeugs. Nicht zufrieden hiermit, ließ Ludlow den neugierigen Blick an den zwei strohfarbenen Linien entlang laufen, doch vergebens! nichts verrieth ihm das Kaliber und die Anzahl des Geschützes. Wenn das Schiff überhaupt Stückpforten hatte, so waren sie so geschickt verborgen, daß sein schärfster Blick sie nicht entdecken konnte. Die Beschaffenheit der Takelage haben wir schon beschrieben. Wenn, wie bei der Brigantine, der Hintermast Segel- und Spierenwerk eines Schoners führt, der Vordermast aber das einer Brigg, so daß das Fahrzeug die Eigenschaften beider Schiffsgattungen in sich vereinigt, so hat es in der Seemannssprache den familiären Namen Zwitter. Man könnte nach dieser Benennung leicht auf die Idee gerathen, daß es solchen Structuren an dem die Schönheit bedingenden Ebenmaaß fehlte, allein man vergesse nicht, daß es nur eine Abweichung von herkömmlichen Kunstregeln war; die allgemeinen und dauernden Gesetze, die den Reiz der Natur ausmachen, waren nicht verletzt worden. Die zierlichen Glasmodelle, welche die Maschinerie auf einem Schiffe anschaulich machen, können die verschiedenen Linien nicht so genau und wahr wiedergeben, als die Taue und Spieren dieser Brigantine. Kein Seil schwebte in falscher Richtung; kein Segel, das nicht aussah, als wenn eine ordnungsliebende Hausfrau dessen Falten gelegt hätte, und nach den strengsten Regeln der Symmetrie stieg jeder Mast empor, reckte jede Raa die Arme aus. Alles an der Brigantine war lustig, geist- und anmuthsvoll, und lieh dem Bau das Ansehen, als sey er leicht und geflügelt wie eine Luftgestalt. Während das Boot sich näherte, wendete sich das leichtschwimmende Fahrzeug im Luftzuge gleich einer Wetterfahne, und als so die langen, gespitzten Linien des Focks zum Vorschein kamen, sah Ludlow unter dem Bugspriet ein Bild, welches eine allegorische Anspielung auf den Charakter des Schiffs zu seyn schien. Auf dem Vorsprung des Schaftes stand eine weibliche Gestalt, die des Bildners höchste Kunst geschaffen hatte. Sie ruhte leicht auf dem Ballen des einen Fußes, der andere schwebte in ungezwungener Haltung, so daß das Ganze mit der luftigen Attitüde des Borghesischen Merkurs hohe Aehnlichkeit hatte. Die nicht überfüllte Draperie wehte wie im Winde und war, gleichsam als hätte sie die Tinten des Elements, über welchem sie flatterte, eingesogen, hell meergrün. Das Gesicht zeigte jene dunkle Bronzfarbe, die der menschliche Geist fast zu allen Zeiten als die passendste erachtet hat, den Ausdruck des Uebermenschlichen darzustellen. Das reiche Haar flog wild, der Sinn im Auge brachte unwiderstehlich im Beschauenden die Idee eines Zauberblickes hervor, und den Mund umspielte ein so seltsam sprechendes, ironisches Lächeln, daß der junge Seemann, so wie er es gewahr ward, zurückschrack, als wäre sein Blick auf ein lebendiges Wesen gestoßen.

»Potz schwarze Kunst und Hexerei!« brummte der Alderman, als auch sein Gesicht dieses ungewöhnliche Bild plötzlich traf: »Das ist ein frech blickendes Mensch! die wär' im Stande, den königlichen Schatz selbst ohne Gewissensbisse zu plündern! Sie haben junge Augen, Patroon; was ist's, das die Muthwillige so unverschämt über den Kopf emporhält?«

»Es scheint ein offenes Buch, dessen Seiten mit rothen Buchstaben beschrieben sind. Man braucht kein Zauberer zu seyn, um zu errathen, daß es kein Auszug aus der Bibel ist.«

»Noch aus dem Gesetzbuch der Königin Anna. Was gilt's, es ist ihr Hauptbuch, worin der Gewinnst, den sie auf ihren vielen Wanderungen gemacht hat, aufgeführt steht. Potz Blinzeln und Aeugeln! der kühne Blick der dreisten Creatur reicht hin, einen ehrlichen Mann ganz schamroth zu machen!«

»Willst Du das Motto der Nixe lesen?« fragte Der mit dem indischen Shawl, welcher, wenig Acht gebend auf das, was seiner Gefährten Blicke so sehr auf sich zog, bis jetzt damit beschäftigt gewesen war, die Rüstung der Brigantine Stück für Stück zu prüfen. – »Die Nachtluft hat das Tauwerk an dem oberen Klüverbaum dort zu straff angezogen, ihr Kerle; er rümpft die Nase wie ein ekler Londoner, wenn er Salzwasser riecht! Merkt's Euch, und bringt die Stange wieder in die gehörige Richtung, wenn Ihr keinen Verweis von der Zauberin haben wollt, die ihre Glieder, wie Ihr wißt, nicht gern in verrenktem Zustande sieht. Hier, meine Herren; es ist zwar nicht möglich, das Gemüth der Frauen ganz zu ergründen, aber die Gesinnung dieser Dame ist ziemlich deutlich zu lesen.«

Während der paar Worte an seine Mannschaft hatte Ruderpinne die Richtung des Bootes geändert, und der Bewegung seiner Hand gehorchend, stand es bald dicht unter dem phantastischen bedeutsamen Gebilde, das wir so eben zu schildern versuchten. Nunmehr ließen sich die rothen Buchstaben unterscheiden, und nachdem der alte Rathsherr seine Brille aufgesetzt hatte, konnte jeder der Passagiere folgende Sentenz lesen:

»– Wiewohl ich weder leih' noch borge.
Um Ueberschuß zu geben oder nehmen,
Doch will ich, weil mein Freund es dringend braucht,
Die Sitte brechen.«

»Die eherne Stirn!« rief Myndert, nachdem er diese Anführung aus dem unsterblichen Barden Die Stelle ist aus dem Kaufmann von Venedig. gelesen hatte, »dringend oder nicht dringend, Niemand kann wünschen, der Freund eines so unverschämten Dinges zu seyn. Einem ehrbaren Handelsmann, er sey nun aus Venedig oder Amsterdam, solche Gesinnungen zuzutrauen! Laßt uns die Brigantine besteigen, Freund Matrose, damit das Verhältniß bald ein Ende nehme, sonst legt der böse Leumund diesem unserm Besuch noch Gott weiß was für Beweggründe unter.«

»Das reisemüde Schiff hat das Meer zu tief gepflügt, als daß es jetzt so geschwind segelfertig seyn sollte; gemach, wir langen ohne so eilig zu seyn, noch zeitig genug im Hafen an. Willst Du nicht noch einen Blick in's Buch der dunkelfarbigen Dame werfen? Eines Weibes Sinn läßt sich nie aus ihrer ersten Antwort errathen!«

Bei diesen Worten hob er die Stange, die er in der Hand hatte, und drehte damit ein metallenes Blatt um, dessen Scharnier so künstlich angebracht war, daß man es gar nicht sah. Auf einer neuen Fläche zeigte sich ein zweites Motto.

»Was ist es? was ist es, Patroon?« fragte der Bürger, der offenbar zur Verschwiegenheit der Zauberin kein sonderliches Vertrauen hatte. »Potz Narrheiten und Reimereien! so machen es alle Frauen: hat die Natur ihnen die Zunge versagt, so erfinden sie andere Sprachmittel.«

»Schwärmer über See und Land
Drehen so im Kreise sich;
Dreimal dein, und dreimal dein,
Dreimal noch, so macht es neun.« Aus Macbeth.

»Baarer Unsinn!« fuhr der Kaufmann fort. »Wenn es Leute gibt, die im Stande sind, aus ihren Vorräthen dreimal dreifachen Gewinnst zu ziehen, desto besser für sie; aber glauben Sie mir, Patroon, es ist schon ein blühender Handel, dem's gelingt, den Werth seiner Speculationen zu verdoppeln, und zwar mit erklecklichem Risico und nach Monaten geduldigen Wartens.«

»Wir haben noch andere Blätter,« nahm nun Ruderpinne wieder auf, »doch unsere Geschäfte drängen, wir dürfen uns nicht länger aufhalten. Bei hinlänglicher Muße und passender Gelegenheit kann Einer viel gute Dinge in den Blättern der Zauberin lesen. Wenn's Windstille ist, gebe ich mich oft daran, ihr Buch zu studiren, und es trifft sich selten, daß sie eine und dieselbe Lehre zweimal wiederholt, wie diese wackeren Seeleute beschwören können.«

Die Matrosen an den Riemen bestätigten diese Behauptung mit ernstem, gläubigen Gesicht, während ihr Oberer das Boot von der Stelle weglenkte, und das über seinem eigenen Elemente schwimmende Bild der Wassernixe der Einsamkeit überließ.

Unter Denen auf dem Verdeck der Brigantine erregte die Ankunft des Cutters kein Aufsehen. Der Matrose mit dem Shawl hieß seine Passagiere herzlich willkommen und überließ sie dann auf einige Minuten ungestört ihren Beobachtungen, da der Dienst ihn in's Innere des Schiffes rief. Sie ließen diese Augenblicke nicht unbenutzt verfließen; von mächtiger Neugierde getrieben, schauten die drei Fremden sich mit dem Eifer um, mit welchem man die Erscheinung eines berühmten, längst dem Rufe nach gekannten Gegenstandes zu betrachten pflegt. Selbst Alderman Van Beverout, das konnte man deutlich sehen, war noch nie so tief in die Geheimnisse der schönen Brigantine gedrungen als jetzt. Wer aber am meisten Belehrung während der kurzen Gelegenheit sammelte, das war Ludlow: sein Kennerblick überflog gierig und prüfend Alles, was für einen Seemann Interesse hatte.

Ueberall herrschte eine bewundernswürdige Sauberkeit. Die Deckplanken glichen mehr der Arbeit eines Kunsttischlers, als der rohen des Schiffszimmermanns, und dieselbe Vorzüglichkeit des Materials und Vollendung in der Ausarbeitung war sichtbar an den Decken der lichtvollen Bollwerke, an dem Gitterwerk und an allen übrigen Gegenständen, die in der Einrichtung eines Gebäudes dieser Gattung solche Stellen einnehmen, daß sie nothwendig in's Gesicht fallen. An vielen Theilen, wo Metall nöthig ist, hatte man das Messing geschmackvoll, nicht verschwenderisch in Anwendung gebracht; im Uebrigen war das Innere des Schiffes mit einem hellen, gefälligen Strohgelb angestrichen. Waffenrüstung war nicht da, wenigstens keine zu sehen, und die fünfzehn bis zwanzig ernstschauenden Matrosen, welche mit verschlungenen Armen müßig auf dem Deck spazieren gingen, hatten durchaus nicht das Aussehen von Leuten, die an gewaltsamen Auftritten Gefallen finden. Sie waren alle, ohne eine einzige Ausnahme, Männer von mittlerem Alter, mit Gesichtern, auf welchen sich die Spuren der Strapazen mit denen des Denkens vereinigten, und Vielen darunter begann das Haupthaar grau zu werden, mehr aus Alter, als aus Beschwerlichkeiten, die sie schon erfahren hätten. So viel hatte Ludlow während der Abwesenheit des Meisters Ruderpinne auszumitteln vermocht. Als dieser jedoch wieder aufs Verdeck kam, zeigte er so wenig Mißfallen an der Neugier der Fremden, daß er sie selbst auf die Vollkommenheiten seiner Wohnung aufmerksam machte.

»Die Zauberin ist ein Sonderling, aber sie behandelt ihre Anhänger nicht knickermäßig,« sagte er, als er bemerkte, womit der Offizier der Königin beschäftigt war. »Sie sehen, der Seestreicher behält hier in seinen Kajüten Raum genug für einen Admiral, und die Bursche haben ihre Logis weit jenseits des Fockmastes. Willst Du nicht an die Luke herantreten und hinabschauen?«

Der Capitän und seine Gefährten kamen der Aufforderung nach, und der Erstere bemerkte zu seinem Erstaunen, daß, mit Ausnahme eines kleinen Raums, in Gestalt eines Zimmers, an dessen Seiten rund umher große, wasserdichte Kasten so angebracht waren, daß der Blick gleich darauf stieß, der ganze übrige Schiffsraum zur Bequemlichkeit der Offiziere und der Mannschaft verwendet war.

»Die Welt gibt uns den Ruf von Freihändlern,« fuhr Ruderpinne mit einem boshaften Lächeln fort; »doch das Admiralitäts-Tribunal mit seinen Alongeperüken und Amtsstäben, Richtern und Geschworenen mag sich hierher begeben, es soll ihm nicht leicht werden, uns zu überführen. Hier unterm Deck haben wir Eisen, um das Fußwerk der Dame in gutem Stand zu halten, Wasser mit einiger Zugabe aus Jamaica, Weine aus Alt-Spanien und den Inseln, um meinen Kameraden das Herz zu erquicken und die Kehle zu kühlen – weiter ist nichts da. Hinter jenen Schotten liegen unsere Vorräthe für die Tafel und gegen den Sturm; und hier, gerade unter Ihnen, sind leere Kisten. Schauen Sie, eine ist eben offen; sie ist so reinlich wie nur immer ein Fach in einer Damen-Garderobe. Das ist kein Raum für holländischen Branntewein, noch für die groben Häute eines Tabakshändlers. Wahrhaftig! wer vermittelst des Geruchs ausfinden will, woraus die Ladung der Wassernixe bestehe, der muß den beatlaßten Schönen, den Geistlichen in ihren Talaren und Bäfchen folgen. Es würde viel Wehklagen in der Kirche und manchen bekümmerten Bischof geben, sollte man einmal hören, daß dem guten Schiffchen ein Leid widerfahren sey.«

»Diesem frechen Spiel mit den Gesetzen muß ein Ziel gesetzt werden,« – sagte Ludlow, »und die Zeit ist vielleicht näher, als Ihr vermuthet.«

»Ich ziehe jeden Morgen mit Tagesanbruch das Buch der Dame zu Rathe, denn die Sage geht am Bord, daß wenn sie vorhat, uns einen Streich zu spielen, sie uns wenigstens eine redliche Warnung nicht versage. Die Sinnsprüche wechseln, aber ihre Worte sind stets Wahrheit. Herr Capitän, Herr Capitän, es ist schwer, den treibenden Nebel einzuholen, und Derjenige, welcher lange in unserer Gesellschaft zu bleiben wünscht, muß ziemlich gleichen Schritt mit dem Winde halten.«

»Ist ja doch schon so mancher prahlerische Seemann erwischt worden. Ein anderer Wind ist gut für das Gefäß von leichter Wassertragt, ein anderer für den tiefen Kiel. Du erlebst es vielleicht noch, zu erfahren, was eine tüchtige Spiere, ein weittragender Arm und ein stetig ausdauernder Rumpf vermögen.«

»Bewahre uns die Dame mit dem wilden Auge und dem boshaften Lächeln! Fadentief habe ich schon die Zauberin im Salzwasser begraben gesehen, gesehen, wie die glänzenden Wassertropfen gleich goldnen Sternen aus ihren Locken fielen, allein ihre Blätter haben mir noch nie Unwahrheit verkündet. Zwischen ihr und gewissen Leuten am Bord herrscht ein gutes Einverständniß, und glauben Sie mir, sie kennt des Oceans Pfade zu gut, um je auf falschem Lauf zu steuern. Doch, wir plaudern da, wie geschwätzige Philister von Flußschiffern. Willst Du den Streicher durch die Meere sprechen?«

»Deßhalb sind wir hierhergekommen,« erwiederte Ludlow, dessen Herz bei'm Namen des schreckbaren Piraten heftig pochte. »Wenn Du es nicht bist, so bring' uns zu ihm.«

»Sprich leiser; hört die Dame unter dem Bugspriet solche verrätherischen Worte gegen ihren Liebling, so stehe ich für ihr Wohlwollen nicht ein. Wenn ich es nicht bin!« setzte der Held vom indischen Shawl hinzu, und lachte herzlich dabei. »Na was schadet es, ein einzelnes Meer kann sich nun einmal nicht mit dem Ocean messen, und ein Meerbusen ist natürlich größer, als eine Bai. Sie sollen Gelegenheit haben, nobler Capitän, zwischen uns einen Unterschied zu machen, und wer klug ist, mag dann selbst urtheilen. Kommen Sie.«

Hierauf stieg er in die Luke hinab, seinen Gefährten vorangehend, nach den Gemächern in dem Spiegel des Schiffes.

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