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Die Wassernixe

James Fenimore Cooper: Die Wassernixe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Wassernixe
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeZehnter Band
printrunDritte Auflage
translatorDr. G. Friedenberg
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid8207c298
created20061125
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Dreizehntes Kapitel.

»– Ha, nun wird ihr Spiel mir klar.
Sie hat ihn unsern Wuchs vergleichen lassen,
Ich merke schon! – –«
Ein Sommernachtstraum.

Abwärts strömt die Fluth des Daseyns, und die Neigungen, aus denen die Bande der Familien und der Verwandtschaft bestehen, folgen in ihrer höchsten Kraft keiner andern Richtung. Wir lernen unsere Eltern erst in der Reife ihrer Vernunft kennen, und in der Regel auch in der ihrer körperlichen Ausbildung. Unsrer Liebe ist Ehrerbietung und Achtung beigemischt; die Liebe aber, mit welcher wir das hülflose Kindesalter bewachen, die Freude, welche es in uns erregt, wenn die empfängliche Jugend unsrer Sorgfalt entspricht, das Erhebende immer zunehmender Bildung und das Bezaubernde der Hoffnung erzeugen eine Innigkeit der Theilnahme an unsern Kindern, die mit der Selbstliebe fast identisch ist. Es ruht geheimnißvoll ein doppeltes Daseyn in dem Bande, welches die Eltern an ihr Kind knüpft. Ein Hang, ein bloßes Wollen des Letztern reicht hin, um in der Brust der Ersteren einen Schmerz hervorzurufen, der so herb ist, wie ihn nur immer eigne Fehltritte, ja Verbrechen erzeugen können. Wenn aber die schlechte Aufführung des Sprößlings auf Verwahrlosung oder fehlerhaften Unterricht der Erzeuger zurückgeführt werden kann, so tritt zu den übrigen Leiden noch das höchste hinzu, die Qual eines schuldbewußten Gewissens. Einigermaßen von dieser Beschaffenheit war der Gram, den der Alderman Van Beverout fühlen mußte, als er mit Muße über die rasche Handlung nachdachte, welche die schöne Barbérie begangen hatte.

»Sie war eine angenehme, einschmeichelnde kleine Hexe, Patroon,« sagte der Bürger, mit schnellem, schwerem Schritt im Zimmer, wo sie waren, auf- und abgehend, und von seiner Nichte unwillkührlich wie von einem dem Leben schon entrückten Wesen sprechend; »und so eigensinnig und halsstarrig wie ein wildes Füllen. – Du schonungslos reitender Teufel! ich finde nie einen Kamerad für das arme trostlose Thier, das noch lebt. – Dabei aber hatte das Mädchen tausend liebliche und entzückende Künste, die sie zur Freude meiner alten Tage machten. Sie hat nicht wohl daran gethan, den Freund und Wächter ihrer Jugend, ja ihrer Kindheit zu verlassen, um bei Fremden Schutz zu suchen. Im Ganzen ist's eine unglückliche Welt, Herr Van Staats! Alle unsere Berechnungen werden zu nichte, und das Glück hat es in seiner Gewalt, unsre gerechtesten und weisesten Erwartungen zu Schanden zu machen. Ein Windstoß drückt das reichbeladene Schiff in den Meeresgrund hinab, ein plötzliches Fallen auf den Märkten beraubt uns unseres Goldes, wie der Novembersturm das Laub von den Eichen abstreift, und Fallissements und geschwächter Credit suchen oft die Tage der ältesten Häuser heim, wie Krankheiten die Kräfte der stärksten Körper untergraben. – Alida, Alida! Du hast Einen verwundet, der Dir nie wehe gethan; Du hast mein Alter elend gemacht.«

»Gegen die Neigungen läßt sich nicht kämpfen,« erwiederte der reiche Gutsbesitzer mit einem tiefen, seine Aufrichtigkeit bewährenden Seufzer. »Es würde mich glücklich gemacht haben, Ihrer Nichte den Platz anzubieten, den meine verehrte Mutter mit so vieler Würde und Ehre ausfüllte, allein jetzt ist es zu spät.« –

»Das wissen wir noch nicht, das können wir noch nicht wissen,« fiel ihm der Alderman in's Wort, der sich an die Hoffnung, den sehnsüchtigsten Wunsch seines Herzens noch verwirklicht zu sehen, so fest anhielt, als er sich an die Stipulationen irgend eines andern glücklichen Handels gehalten haben würde. »Wir sollen nie verzweifeln, Herr Van Staats, so lange noch ein Weg zur Verhandlung offen bleibt.«

»Jungfer Barbérie hat ihre Vorliebe auf eine so entschiedene Weise zu erkennen gegeben, daß ich keine Hoffnung sehe, die Angelegenheit zu Stande zu bringen.«

»Bloße Coquetterie, Sir, bloße Coquetterie! Das Mädchen hat sich aus dem Wege gemacht, um ihrem endlichen Gehorsam einen größeren Werth zu geben. Man muß keine Unterhandlung als abgebrochen betrachten, so lange man noch vernünftigerweise hoffen kann, daß sie zum Vortheil der Contrahirenden fortgesetzt werden könne.«

»Ich fürchte, Sir, der Schritt der jungen Dame hat mehr von dem Charakter der Coquette an sich, als ein Gentleman vergessen kann,« erwiederte der Patroon etwas trocken, und weit spitziger, als sonst in seiner Manier lag. »Wenn der Befehlshaber des Kreuzers kein glücklicher Mann ist, so wird er sich wenigstens nicht beklagen können, daß seine Geliebte ihn verschmäht habe.«

»Ich weiß wirklich nicht, Herr Van Staats, ob wir in unseren Verhandlungen so weit vorgerückt sind, daß ich mir eine Anspielung auf die Aufführung meiner Mündel gefallen zu lassen brauche. Der Capitän Ludlow – na, Schlingel! was soll diese Unverschämtheit heißen?«

»Er fragen läßt, ob er kann sprechen den Masser,« erwiederte der gaffende Erasmus mit der Thür in der Hand, in voller Verwunderung über den Scharfsinn seines Herrn, der vorausgewußt habe, wen er anzusagen komme.

»Wer läßt fragen? was meint denn der Einfaltspinsel?«

»Ich meine den Gentlum, von dem Masser gesprochen hat.«

»Der glückliche Mann ist schon hier, um uns selbst seinen Erfolg anzukündigen,« bemerkte stolz Van Staats von Kinderhook. »Meine Gegenwart ist überflüssig bei einer Unterredung zwischen dem Alderman Van Beverout und seinem Neffen.«

Der mit Recht gekränkte Patroon machte dem gleich sehr in seinen Erwartungen getäuschten Rathsherrn eine steife Verbeugung und verließ das Zimmer mit dem letzten Worte. Der Neger, diesen Rückzug als ein für den jungen Capitän günstiges Zeichen haltend, welcher allgemein als der Nebenbuhler des Patroons bekannt war, eilte fort, um dem vermeinten Glücklichen anzuzeigen, daß das Feld rein sey.

Das Zusammentreffen, welches unmittelbar darauf statt fand, war gezwungen und steif in hohem Grade. Der Rathsherr Van Beverout nahm eine Miene beleidigter Autorität und verletzter Liebe an, während der Kronbeamte aussah, wie Jemand, der einer unangenehmen, aber unausweichlichen Pflicht gezwungenen Gehorsam leistet. Das Gespräch war daher Anfangs zeremoniös und ängstlich höflich. Nach den einleitenden steifen Complimenten fuhr Ludlow also fort:

»Es ist meine Amtspflicht, Ihnen zu sagen, daß es mich sehr befremdet, ein so außerordentlich zweideutiges Fahrzeug wie die Brigantine, welche in der Runden Bucht vor Anker liegt, in einer Situation zu finden, welche geeignet ist, hinsichts des merkantilen Verfahrens eines so allgemein gekannten Kaufmannes, wie Alderman Van Beverout ist, unangenehmen Verdacht zu erregen.«

»Der Ruf von Myndert Van Beverout ist zu wohlbegründet, Herr Capitän Cornelius Ludlow, als daß die zufällige Lage von Schiffen und Baien ihn zweifelhaft machen könnten. Ich sehe zwei Fahrzeuge in der Nähe von ›Lust in Ruh‹ vor Anker liegen, und wenn ich der Königin im Conseil mein Zeugniß darüber abzugeben hätte, so würde ich unbedenklich erklären, daß das Fahrzeug, welches ihre Flagge führt, ihren Unterthanen mehr Schaden zugefügt habe, als das fremde. Doch was weiß man Unrechtes von diesem?«

»Ich werde keine der Thatsachen unerwähnt lassen, denn ich fühle wohl, daß bei einem solchen Fall ein Herr Ihres Standes das vollkommenste Recht hat, weitläufige Auseinandersetzung zu fordern.« –

»Hum« – unterbrach ihn der Bürger, dem die Art, wie der Andere die Unterredung eröffnete, nicht gefiel, und der in der Wendung, die sie nahm, die Einleitung zu einer erzwungenen Verständigung sehen wollte; »Hum – Ihre Mäßigung ist lobenswerth, Capitän Ludlow. Sir, wir fühlen uns geschmeichelt, einem Landsmann aus unsrer Mitte ein so ehrenvolles Commando an der Küste anvertraut zu sehen. Setzen Sie sich, ich bitte, junger Herr, damit wir uns mit größerer Muße besprechen. Die Ludlows sind eine alte, in der Colonie mit Ehren ansäßige Familie, und wenn sie keine Freunde von König Karl waren, ei nun – wir haben noch Andere hier, von denen dasselbe gesagt werden kann. Es gibt wenige Kronen in Europa, die nicht einige ihrer unzufriedenen Unterthanen in diesen Colonien finden würden, und um so mehr Ursache haben wir, nach meiner Meinung, nicht unbedingt an die Weisheit dieser europäischen Gesetzgebung zu glauben. Ich läugne gar nicht, Sir, daß ich nicht alle Handelsregulirungen, welche die Weisheit der königlichen Räthe eingeführt hat, mit Bewunderung betrachte. Die Aufrichtigkeit befiehlt, daß ich diese Wahrheit eingestehe; doch was hat dies mit der Brigantine in der Runden Bucht zu schaffen?«

»Es ist überflüssig, einem in Handelsangelegenheiten so Eingeweihten von dem Schiffe, die Wassernixe, oder dessen gesetzlosem Befehlshaber, dem berüchtigten Streicher durch die Meere, eine Schilderung zu geben.«

»Sie sind doch nicht etwa im Begriff, Herr Capitän, den Alderman Van Beverout anzuschuldigen, daß er mit einem solchen Menschen in Verbindung stehe!« rief der Bürger, indem er gleichsam unwillkührlich aufstand und offenbar mit Unwillen und Befremdung ein paar Schritte zurücktrat.

»Sir, mein Auftrag lautet nicht dahin, daß ich irgend einen königlichen Unterthan anklage. Meine Pflicht ist die, die Interessen der Königin auf der See zu beschützen, ihren erklärten Feinden mich zu widersetzen, und ihre königliche Prärogative aufrecht zu erhalten.«

»Eine ehrenvolle Beschäftigung, die auch, wie ich nicht zweifle, ehrenvoll vollzogen wird. Nehmen Sie Ihren Sitz wieder ein, Sir, denn ich sehe voraus, der Schluß unserer Conferenz wird so ausfallen, wie er zwischen einem Sohn des verstorbenen höchst achtbaren königlichen Raths und dem Freunde seines Vaters ausfallen soll. Sie haben also Ursache zu glauben, daß diese Brigantine, die sich so unerwartet in der Runden Bucht zeigt, in einem entfernten Zusammenhange mit ›dem Streicher durch die Meere‹ stehe, wie?«

»Ich halte das Fahrzeug für die berühmte Wassernixe selbst, und folglich den Befehlshaber desselben für den wohlbekannten Abenteurer.«

»Nun ja, Sir, es kann seyn. Ich bin nicht im Stande, zu sagen, ob Sie irren oder nicht, – aber was sollte ein solcher Vogelfreier hier vor den Kanonen eines königlichen Kreuzers zu thun haben?«

»Herr Alderman, Ihnen ist nicht unbekannt, daß ich ein Bewunderer Ihrer Nichte bin.«

»Ich habe es vermuthet, Sir;« erwiederte der Bürger, in dem Glauben, daß er die vom Capitän gewünschte Verständigung schon etwas klarer durchschaue, aber entschlossen, erst den Werth der Einräumungen, die Jener zu machen bereit sey, genauer kennen zu lernen, ehe er sich auf einen Tausch einlasse, den er nach reiferer Ueberlegung bereuen könnte. »In der That, wir haben sogar schon davon gesprochen.«

»Diese Bewunderung veranlaßte mich vergangene Nacht, Ihre Villa zu besuchen.«

»Freilich eine nur zu wohl begründete Thatsache.«

»Ich nahm von dort«... Ludlow stotterte hier, als wenn er ängstlich wäre, das rechte Wort zu finden.

»Alida Barbérie.«

»Alida Barbérie!«

»Nun ja, Sir, meine Nichte, oder wie Sie vielleicht lieber hören, meine Erbin, nicht minder als die des alten Etienne de Barbérie. Die Seefahrt war kurz, mein Herr Capitän, und doch wird sie reiche Prisengelder bringen, es müßte denn vielleicht zu Gunsten eines Theils der Ladung der Anspruch auf neutrale Privilegien für gültig anerkannt werden.«

»Sir, wie angenehm auch Ihr Scherz ist, so habe ich doch keine Muße, ihn zu genießen. Daß ich in Cour des Fées gewesen bin, will ich nicht läugnen, denn ich glaube, unter obwaltenden Umständen wird die schöne Barbérie über dieses Eingeständniß nicht zürnen.«

»Traun, die Hexe müßte, nach dem, was vorgefallen ist, ganz besonders zimperlich seyn.«

»Ich mag mir über nichts, was meine Pflicht nicht angeht, ein Urtheil anmaßen. Der Wunsch, meiner königlichen Gebieterin zu dienen, veranlaßte mich, einen Seemann von sonderbarem Anzuge und verwegenem Benehmen in mein Schiff einzuführen. Sie werden den Menschen kennen, Herr Van Beverout, wenn ich Ihnen sage, daß er bei Ihrer Abfahrt von der Stadt Ihr Schiffsgenosse war.«

»Ganz recht; ich gestehe, es befand sich in dem Fährboot ein Matrose von der langen Seereise, der mir, meiner Nichte und Herrn Oloff Van Staats viel Befremden und einige Unruhe verursachte.«

Ludlow fuhr, wie Jemand, den man nicht so leicht irre macht, lächelnd fort:

»Schon gut. Sir. – Diesem Menschen gelang es, mich, unter der Verpflichtung eines halb erpreßten Versprechens, zu bewegen, ihn landen zu lassen. Wir fuhren zusammen in den Fluß ein, und betraten gemeinschaftlich Ihren Grund und Boden.«

Jetzt fing der Alderman an, mit Spannung und Angst auf jede Sylbe zu lauschen. Als er indessen bemerkte, daß Ludlow inne hielt und ruhigen stetigen Blickes seine Züge beobachtete, bemühete er sich, seine Fassung wieder zu gewinnen, affectirte nur gewöhnliche Neugierde, und winkte dem Andern, fortzufahren.

»Ich weiß nicht, ob ich dem Alderman Van Beverout etwas Neues sage,« nahm Ludlow wieder auf, »wenn ich noch hinzufüge, daß der Kerl mich ungestört in den Pavillon treten ließ, dann aber mir mit einer Bande gesetzloser Menschen auflauerte, nachdem er vorher glücklich die Mannschaft meiner Barke zu Gefangenen gemacht hatte.«

»Potz Arrestation und Haftbefehle! was sagen Sie da?« rief der Bürger, mit starker und hastiger Sprache, wie sie ihm natürlich war, wenn er sich über Etwas verwunderte. »Das ist ja das Erste, was ich von der Affaire höre. Affaire! verzeihen Sie, daß ich es mit keinem stärkern Namen belege.«

Ludlow schien es Genugthuung zu geben, als er an dem ungeheuchelten Erstaunen seines Gefährten sah, daß diesem die Ursache, die ihn zu ›Lust in Ruh‹ festhielt, wirklich unbekannt war.

»Es würde nicht geschehen seyn, Sir, wenn meine Leute eben so aufmerksam gewacht hätten, als die List tief angelegt war,« fuhr er fort. »Allein meine Bedeckung war nur gering, und da ich mich von den Mitteln, mein Schiff zu erreichen, entblößt sah, so« –

»Ich verstehe schon, Herr Capitän; Sie brauchen nicht so ausführlich zu seyn; Sie begaben sich an's Werft, und« –

»Kann seyn, Sir, daß ich mehr meinen Gefühlen, als meiner Pflicht Gehör gab,« bemerkte Ludlow, hoch erröthend, als er sah, daß der Bürger inne hielt, sich zu räuspern. »Ich kehrte nach dem Pavillon zurück, wo«...

»Sie eine Nichte überredeten, die Pflicht zu vergessen, die sie ihrem Onkel und Beschützer schuldig ist.«

»Herr, diese Beschuldigung ist, sowohl in Beziehung auf die junge Dame, als auf mich selbst eine harte, unverantwortliche. Ich weiß einen Unterschied zu machen zwischen dem sehr natürlichen Wunsch, gewisse, von den Gesetzen untersagte Waaren zu besitzen, und einer überdachteren, geldsüchtigen Beeinträchtigung des Staatseinkommens. Der Putz, welcher in meiner Gegenwart der schönen Barbérie angeboten wurde, war von so ausgesuchter Art, daß es wohl wenig Mädchen von ihren Jahren gibt, welche der Versuchung, sich ihn anzueignen, widerstehen würden, zumal da das Aergste, was es zur Folge haben könnte, bloß der Verlust der Waare wäre, da diese schon in's Land eingeführt war.«

»Eine sehr richtige Unterscheidung, eine sehr richtige! ich sehe schon, wir werden nicht, ohne uns verständigt zu haben, wieder auseinander gehen. Wußt' ich's doch, daß mein alter Freund, der Rath, nicht vernachläßigen würde, seinem Sohne Grundsätze beizubringen, noch dazu, da er ein Fach ergreifen wollte, das mit so vieler Verantwortlichkeit verbunden ist. – Meine Nichte beging also die Unklugheit, einen Contrebande-Händler bei sich zu sehen?«

»Herr Alderman Van Beverout, Boote waren zwischen Ihrem Landungsplatze und der Brigantine in der Runden Bucht in voller Thätigkeit. Ja, eine Pirogue ist um die außergewöhnlichste Zeit, um Mitternacht, aus dem Fluß nach der Stadt abgesegelt!«

»Sir, das läßt sich nicht anders machen; wenn Menschenhände ein Boot in Bewegung setzen, so kann's nicht still stehen bleiben: aber was geht das mich an? Sind Waaren in die Provinz eingeführt worden, die keinen Zoll bezahlen, ei nun, dann suche man sie auf und confiscire sie, und wenn Freihändler sich an der Küste blicken lassen, je nun, so fange man sie doch. Wär' es nicht gut, ungesäumt sich in die Stadt zu begeben, und dem Gouverneur anzuzeigen, daß diese fremde Brigantine hier vor Anker liegt?«

»Ich habe andere Absichten. Wenn, wie Sie sagen, wirklich Waarengüter die Bai hinaufgebracht worden sind, so ist es jetzt nicht mehr Zeit, sie einzuholen; hingegen ist es nicht zu spät, einen Versuch zu machen, jenes Schiffes habhaft zu werden. Nun wünschte ich aber diese Pflicht, so viel als sich nur immer mit meiner Amtstreue verträgt, ohne Nachtheil für in gutem Ruf stehende Leute auszuführen.«

»Sir, ich lobe diese Mäßigung. Nicht als ob Zeugniß gegen irgend Jemand außer der Mannschaft der Brigantine vorhanden wäre, sondern weil der Credit eine zarte Blume ist, und zart behandelt seyn will. Ich sehe eine Auskunft, wie wir einig werden können; indeß wollen wir schuldigermaßen zuerst Ihre Vorschläge anhören, da Sie, so zu sagen, mit der Autorität der Königin sprechen. Nur wollte ich noch erinnern, daß die Bedingungen mäßig seyn sollten, zwischen Freunden – oder, wie ich vielleicht sagen sollte, Herr Capitän, zwischen Verwandten.«

»Sehr schmeichelhaft, Sir«, erwiederte der junge Seemann mit einem entzückten Lächeln. »Erlauben Sie mir nur erst Zutritt in den bezaubernden Feenhof, nur auf einen Augenblick.«

»Diese Gunst kann Ihnen nicht gut versagt werden, der Sie ja gewissermaßen nunmehr das Recht haben, zu jeder Ihnen beliebigen Zeit in den Pavillon einzutreten,« versetzte der Alderman, und ging ohne Zaudern voran durch den langen Corridor, den Weg nach den verödeten Gemächern seiner Nichte zeigend, indem er in Einem fortfuhr, auf dieselbe Weise, wie während des ganzen bisherigen Gesprächs zweideutige Anspielungen auf die Vorfälle der letzten Nacht zu machen. »Ich werde nicht unbillig seyn, junger Herr; hier ist der Pavillon meiner Nichte, ich wünschte hinzufügen zu können: und hier dessen Bewohnerin!«

»Nun, bewohnt denn die schöne Barbérie die Cour des Fées nicht mehr?« fragte Ludlow mit unverkennbarem Erstaunen.

Der Alderman blickte seinerseits den jungen Mann mit fast eben so großer Verwunderung an. Einen Augenblick erwog er bei sich selbst, inwiefern der Offizier es für seinen Vortheil halten konnte, vor dem Abschluß der Verhandlung sein Wissen von der Flucht des Mädchens zu läugnen, und dann bemerkte er trocken: »Boote sind während der Nacht auf dem Wasser thätig gewesen. Wenn Capitän Ludlow's Leute Anfangs eingesperrt wurden, so werden sie ja wahrscheinlich zur rechten Zeit wieder freigelassen worden seyn.«

»Ich weiß nicht, an welchen Ort man sie gebracht hat; auch meine Barke ist fort, und ich bin ganz allein hier.«

»Soll das so viel heißen, Herr Capitän, daß Alida Barbérie nicht in Ihrem Schiff Zuflucht genommen habe, als sie in der letzten Nacht mein Haus verließ?«

»Verließ!« wiederholte der junge Capitän mit Entsetzen. Alida de Barbérie hat das Haus ihres Onkels verlassen?«

»Herr Capitän, ich sehe, Sie spielen nicht Comödie. Sagen Sie mir auf Ihr Ehrenwort, ist Ihnen die Abwesenheit meiner Nichte unbekannt?«

Der Commandeur antwortete nicht, sondern schlug sich vor die Stirn, und erstickte einige dem Andern unverständlich gebliebene Worte. Nachdem dieses augenblickliche Hervorbrechen des Gefühls vorüber war, sank er in einen Stuhl und schauete in dumpfer Betäubung um sich her. Von diesem ganzen Geberdenspiel vermochte der Alderman sich nichts zu erklären; inzwischen fing es ihm doch an, einzuleuchten, daß bei dem abzuschließenden Vertrag mit seinem Gefährten noch mehr Bedingungen außer dessen Macht zu erfüllen liegen dürften, als er Anfangs gefürchtet hatte. Trotz dieser dunkeln Ahnung aber war das Mißverständniß immer verwickelter. Der Capitän saß, wie gesagt, in düstrer Bestürzung da; der Alderman, aus Furcht, mehr zu sagen, als die Klugheit billigte, schwieg ebenfalls, und so entstand eine minutenlange Pause voll gegenseitiger Bestürzung. Endlich fing der Alderman wieder an:

»Ich will Ihnen nur gestehen, Capitän Ludlow, daß ich glaubte, Sie hätten meine Nichte vermocht, an Bord der Coquette zu flüchten; denn obgleich ich ein Mann bin, der stets Herr seiner Gefühle geblieben ist, – als die sicherste Art, seine Privatangelegenheiten zu betreiben, – so weiß ich doch recht gut, daß die rasche Jugend sich oft Thorheiten zu Schulden kommen läßt. Ich bin jetzt nicht weniger als Sie selbst darüber im Dunkeln, was aus meiner Nichte geworden sey, denn hier ist sie nicht.«

»Halt!« unterbrach ihn Ludlow hastig. »Früh am Morgen segelte ein Boot vom Werft nach der Stadt: Ist es möglich, daß sie sich darin befunden hat?«

»Nicht möglich. Ich weiß es ganz gewiß – kurz, mein Herr, sie war nicht darin.«

»So ist das unglückliche, liebenswürdige, rasche Mädchen auf immer sich selbst und uns verloren!« rief der junge Seemann unter Seufzern, die den tiefsten Gram bekundeten. »Unvorsichtiger, habgieriger Mann! zu welcher wahnsinnigen Handlung hat dieser Ihr Golddurst ein so schönes – ach, daß ich hinzufügen dürfte, so reines und unschuldiges Wesen getrieben!«

Während aber der heftige Schmerz des Liebenden sich in so wenig gemessenen Ausdrücken Luft machte, saß der Oheim der schönen Sünderin in Erstaunen versunken da. Hatte auch die liebenswürdige Barbérie dem Anstande und der Zurückhaltung ihres Geschlechts stets so wenig vergeben, daß selbst ihre Anbeter über die Richtung ihrer Neigung in Ungewißheit blieben, so hegte doch der beobachtende Alderman schon längst den Verdacht, daß der feurige, offenherzige und männliche Befehlshaber der Coquette über den in seinem Aeußern so kalten, in seinen Annäherungen so umsichtigen Patroon den Sieg davon tragen würde. Als daher die Flucht Alida's augenfällig wurde, schloß er ganz natürlich, das Mädchen habe sich dem jungen Seemann ohne Weiteres in die Arme geworfen, und somit den geradesten Weg eingeschlagen, alle seine Pläne zu Gunsten des Gutsherrn von Kinderhook zu nichte zu machen. Die Gesetze in den Colonien legten der Gültigkeit einer solchen Verbindung wenig Hindernisse in den Weg, und als Ludlow diesen Morgen sich zeigte, so glaubte der Alte fest, er sehe in ihm Einen, der, wenn er nicht schon wirklich sein Neffe war, es unvermeidlich werden müßte. Allein der Kummer des in seinen Hoffnungen getäuschten jungen Mannes war ungeheuchelt, und der verwirrte Rathsherr, seine anfängliche Meinung nunmehr nicht haltbar findend, schien durchaus nicht im Stande, die geringste Vermuthung zu fassen, was aus seiner Nichte geworden sey. Es war mehr Verwunderung, als Seelenleiden, was ihn erfüllte, und er saß, das breite Kinn auf Zeigefinger und Daumen lehnend, wie ein Mensch, der innerlich einen schwierigen Fall von allen Seiten betrachtet, und ihm irgend eine versprechende abzugewinnen bemüht ist.

»Potz Löcher und Schlupfwinkel!« polterte er nach langem Schweigen, »die eigensinnige Lose wird ja doch nicht Versteckens mit ihren Freunden spielen! Die Dirne verrieth stets zu viel von dem Stolz der Familie de Barbérie und von ihrem hohen normannischen Geblüt, wie der Hausnarr von altem Lakaien da sich auszudrücken pflegt, als daß sie sich zu solchen Kindereien herablassen könnte. Fort ist sie, so viel ist gewiß;« setzte er, mit noch einem Blick nach den leeren Fächern und Schränken, hinzu, »und die Kostbarkeiten sind mit ihr verschwunden. Die Guitarre fehlt; die Laute, die ich ausdrücklich jenseits des Oceans kaufen ließ, ein herrlich klingendes holländisches Instrument, das nicht einen Stüber weniger als hundert Gilders gekostet hat, ist auch nicht da, und alle die neuerlich angeschafften Sachen sind nicht mehr zu sehen. Und dort, wo ihrer Mutter Juwelen standen, die sie auf mein Zureden mitnahm, damit sie nicht während unserer Abwesenheit abhanden kämen, sehe ich nur noch die leere Stelle. François! François, du lang geprüfter Diener von Etienne Barbérie, sag', was zum Teufel ist denn aus deiner Herrschaft geworden?«

» Mais, monsieur, erwiederte der trostlose Bediente, dessen anstandsvolles Gesicht alle Züge unzweideutigen Grams zeigte, »sie nichts hat gesagt dem pauvre François. Ich glaube, Monsieur frage lieber den Herrn Capitaine, der wird's wahrscheinlich wissen, vraisemblablement.«

Der Bürger überflog Ludlow's Angesicht noch einmal verdachtvoll, schüttelte aber dann, von der Aufrichtigkeit des jungen Mannes überzeugt, den Kopf.

»Geh, bitte Herrn Van Staats von Kinderhook, uns mit seiner Gesellschaft zu beehren.«

»Halt;« rief Ludlow, und winkte dem alten Diener, sich zurückzuziehen. »Herr Beverout, ein Oheim sollte gegen den Irrthum einer so Theuren, wie dieses grausame, unbesonnene Mädchen, schonend verfahren. Sie können doch unmöglich daran denken, sie einem so schrecklichen Loose preiszugeben.«

»Es ist mein Hang nicht, Sir, irgend etwas preiszugeben, worauf ich gerechten, gesetzmäßigen Anspruch habe. Doch, Sie sprechen in Räthseln: ist Ihnen der Ort, wo sich meine Nichte verborgen hält, bekannt, so reden Sie frei heraus, und lassen Sie mich diejenigen Maßregeln ergreifen, welche der Fall erfordert.«

Ludlow's Züge entflammten bis an die Haarwurzeln, und er hatte einen harten Kampf gegen seinen Stolz und sein inniges Bedauern zu bestehen.

»Der Versuch, den Schritt zu verheimlichen, welchen Alida de Barbérie zu thun für gut gefunden hat, ist vergeblich,« sagte er, und in seinen Zügen spielte ein Lächeln so bitter, wie beißender Spott; »sie hat eine würdigere Wahl getroffen, als Sie oder ich geglaubt hätten, hat einen Gefährten gefunden, der sich für ihren Stand, Charakter und Geschlecht besser paßt, als Van Staats von Kinderhook oder der arme Commandeur eines königlichen Schiffes.«

»Alle Seefahrer und Gutsbesitzer! Was, im Namen alles Geheimnißvollen frage ich, was willst Du damit sagen? Hier ist das Mädchen nicht, am Bord der Coquette, sagst Du, sey sie auch nicht, mithin bleibt nur –«

»Die Brigantine,« stöhnte der junge Seemann so, daß man merken konnte, wie viel es ihn kostete, das Wort auszusprechen.

»Die Brigantine!« wiederholte der Alderman in gezogenem Tone. »Meine Nichte kann am Bord eines Contrebande-Händlers nichts zu schaffen haben; das heißt, Alida Barbérie gibt sich nicht mit kaufmännischen Angelegenheiten ab.«

»Herr Alderman Van Beverout, wenn wir der Ansteckung des Lasters entgehen wollen, so müssen wir jede Gemeinschaft mit demselben vermeiden. Es befand sich vergangene Nacht Jemand im Pavillon, von einer Miene und einer Zuversicht, welche einen Engel hätte verführen können. O, Weib, Weib! deine Seele ist aus Eitelkeit zusammengesetzt, und dein ärgster Feind ist deine Einbildungskraft!«

»Hol' der Henker die Eitelkeit und die Weiber!« donnerte der Bürger zurück. Wie, meine Nichte, die Erbin des alten Etienne Marie de Barbérie, das Mädchen, um welche so viele ehrenvolle, angesehene Männer sich eifrig bewarben, davongegangen mit einem Seewanderer! – das heißt, wenn Ihre Meinung von dem Charakter der Brigantine gegründet seyn sollte. Nein, die Vermuthung kann nicht richtig seyn, es ist zu unwahrscheinlich.«

»Sir, das Auge eines Liebenden ist doch vielleicht schärfer, als das eines Vormunds; – nennen Sie's Eifersucht, wenn Sie wollen, – wollte der Himmel, mein Verdacht wäre grundlos! – aber wenn sie nicht dort ist, wo ist sie?«

Der Alderman fing an in seiner Meinung zu schwanken. Und in der That, wars nicht die Blendkraft jenes schwärmerischen Auges, jenes verführerischen Lächelns, jener seltenen Schönheit des Gesichts; war's der geheime, oft unwiderstehliche Zauber nicht, der hohe persönliche Reize umwebt, zumal im Halbdunkel des Geheimnißvollen; war's dies nicht, was die schöne Barbérie verleitete, was war es, und wohin hatte sie sich geflüchtet?

Diese Betrachtungen beschäftigten jetzt die Gedanken des Alderman, wie sie die Brust Ludlow's schon früher mit Qual erfüllt hatten. Mit der Ueberlegung fing allmählich auch die Ueberzeugung an, Kraft zu gewinnen. Bei dem Liebenden war die Wahrheit ein Blitz, der erhellend durch sein von Eifersucht geschärftes Gemüth zuckte; nicht so bei dem bedächtigen, berechnenden Kaufmann: er erwog jeden Umstand, welcher während der Unterredung zwischen dem Contrebande-Händler und seiner Nichte vorgefallen seyn konnte, vergegenwärtigte sich das Wesen und Betragen des Ersteren, entwarf ein allgemeines, unbestimmtes Bild von der Macht der Neuheit und des Romantischen auf die weibliche Phantasie, und weilte lange und geheimnißvoll bei einigen, nur ihm bekannten Thatsachen, bis er endlich dahin kam, dasselbe Urtheil zu fällen, welches dem andern der Instinkt der Eifersucht ohne alles Nachdenken eingegeben hatte.

»Potz Weiber und Grillen!« brummte der Bürger, als er mit Grübeln fertig war. »Ihre Einfälle sind so ungewiß, wie eine Fahrt auf dem Wallfischfang, oder die Ausbeute eines Waidmannes. Herr Capitän, Ihre Hülfe wird in dieser Sache vonnöthen seyn, und da es vielleicht noch nicht zu spät ist, da es wenig Priester auf der Brigantine geben mag – das heißt, wenn sie wirklich das ist, was Sie behaupten, so sieht meine Nichte ihren Irrthum vielleicht noch ein, und fühlt sich geneigt, so viele Aufmerksamkeit und Anhänglichkeit zu belohnen.«

»Meine Dienste werden stets bereit seyn, so lange sie Alida Barbérie nützlich seyn können,« erwiederte der junge Offizier hastig, aber dennoch etwas kalt. »Es wird Zeit genug seyn, von Belohnung zu sprechen, nachdem unsre Bemühungen Erfolg gehabt haben.«

»Je weniger Lärm von einer kleinen häuslichen Ungelegenheit gemacht wird, desto besser; ich schlage daher unmaßgeblich vor, daß wir unsern Verdacht hinsichtlich des Schiffs für's Erste, bis wir genauer unterrichtet sind, geheim halten.«

Der Capitän machte eine einwilligende Verbeugung.

»Und nun, da wir über die vorläufigen Punkte gleicher Ansicht find, wollen wir den Patroon von Kinderhook aufsuchen; er hat ein Recht auf unser Vertrauen.«

Hierauf verließen sie den leeren, trauererregenden Pavillon; Myndert ging voran, und zwar mit einem Schritte, fest und geschäftig wie zuvor, und einem Gesicht, auf welchem Verdruß und Ermüdung weit sichtbarer waren, als wirklicher Gram.

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