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Die wahren Reichen

François Coppée: Die wahren Reichen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFrançois Coppée<
titleDie wahren Reichen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
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correctorJosef Muehlgassner
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Eine erfolgreiche Kur.

I. Gesund.

»Für zehn Centimes die amtliche Liste der Internationalen Lotterie! ... Sämtliche Treffer! ... Ziehung des großen Loses von fünfmalhunderttausend Franken!«

Man konnte die beiden Ausrufer, die sich an der Ecke des Faubourg Montmartre in dem Menschengewühl und dem dichten Nebel der Abenddämmerung verloren, nicht sehen; aber ihre Stimmen, ein hoher scharfer Diskant und ein tiefer Baß, die abwechselnd bald vom einen, bald vom andern Trottoir ertönten, beherrschten das Getöse der flutähnlich dahinbrausenden Menge von Fußgängern und Wagen.

Albéric Mesnard hatte soeben das Geschäft von Cahun & Söhne (Herrenkragen, Manschetten und Vorhemden, Rue du Sentier, Paris, Filialen in London und Hamburg) verlassen. Frierend eilte er an dem naßkalten Winterabend mit der Gewandtheit des Parisers mitten durch die lärmenden Haufen dahin, die Hände in den Hosentaschen, den Kragen seines dünnen Ueberziehers heraufgeschlagen, als die Stimmen der beiden Ausrufer an sein Ohr schallten:

»Für zehn Centimes die amtliche Liste der Internationalen Lotterie! ... Sämtliche Treffer! ... Ziehung des großen Loses von fünfmalhunderttausend Franken!«

»Aha!« sagte der junge Mann bei sich, »so haben sie sich also doch endlich entschlossen, das vielbesprochene große Los zu ziehen. Es war auch wirklich Zeit; drei Jahre lang hat sich die Sache hingeschleppt. Aber wahrhaftig, ich besitze ja selber ein Los!«

Seine Augen suchten einen der Austräger; es gelüstete ihn, die Liste zu kaufen, aber er hatte nur noch ein einziges Zweifrankenstück in der Tasche. Man schrieb den 30. November, und erst am folgenden Morgen erwartete Albéric Mesnard sein Gehalt, die hundertfünfzig Franken, die er monatlich als Korrespondent bei Cahun & Söhne bezog. Ja, nur noch zwei Franken! Und davon sollte er seine Mahlzeit in der Garküche bestreiten. Nein, Albéric wollte seine Silbermünze nicht wechseln.

»Morgen früh,« dachte er, »wird die Gewinnliste ja doch in allen Zeitungen stehen, und dann kann ich mich immer noch früh genug davon überzeugen, daß die halbe Million nicht für einen Pechvogel wie ich bestimmt ist. Außerdem habe ich nicht die leiseste Ahnung mehr, wo mein Los geblieben ist.«

In diesem Augenblick hätte ihm beinahe ein Pastetenbäckerjunge in weißer Jacke, der ihn mit seinem Korb anrempelte, die ganze Bescherung einer mit Schlagrahm gefüllten Torte und die ganze Sauce einer Krabbenpastete über den Kopf geschüttet und beehrte ihn jetzt nach geschehenem Anprall im Weitergehen mit allerhand Schmeichelnamen, wie: »Rindvieh!« »Schafskopf!« und dergleichen. Durch diesen Zwischenfall von seinen Gedanken abgezogen, dachte Albéric bereits nicht mehr an sein Lotterielos und setzte seinen Weg auf dem Trottoir des Faubourg des Ecrasés fort, indem er sich durch die Menschenknäuel hindurchwand und dabei Ellenbogenstöße empfing und austeilte.

Man ist nie einsamer, als mitten in einer großen Menschenmenge; besser als in der tiefsten, ungetrübtesten Stille arbeitet dort der Gedanke, und unter dem ohrenbetäubenden, unaufhörlichen Getöse der Straße erwacht die Erinnerung. Während Albéric in dem dichten Nebel seine Schritte verdoppelte und sich mechanisch an die hellerleuchteten Läden herandrängte, durchlebte er in Gedanken, wohl schon zum hundertstenmale, seine schmerzerfüllte Jugend, seine im Elend verbrachte Vergangenheit.

Nein, sicherlich hatte seine Mutter, diese gute Frau, einen großen Fehler begangen, als sie es durchsetzte, eine Freistelle am Gymnasium für ihn zu erhalten, um ihm von Kindheit an den Kopf mit Latein und Idealen vollpropfen zu lassen.

Und doch hatte die arme Frau ihre Lebensweisheit teuer genug bezahlt; sie wußte, was ein Künstlerdasein, ein freier Beruf bedeutet. Als sie den Stillleben-Maler Mesnard heiratete, denselben, der so viele Dutzend Austern mit einer zerschnittenen Zitrone und dem Messer der Austernhändlerin neben dem Teller gemalt hat, konnte der kleine Haushalt zur Not auskommen. Mesnard war unstreitig ein Austern-Raffael. Namentlich seine »Austern von Marennes«, die so feucht und schleimig, in einem so naturwahren perlmuttergrünen Ton gemalt waren – ihnen verdankte er seine dritte Medaille – verkaufte er stets leicht und zu gutem Preis. Während der Monate, in denen ein R vorkommt, wurden bei Mesnard täglich ein Dutzend Austern gegessen. Nur waren sie niemals ganz frisch, weil sie als Modell dienen mußten und deshalb schon am Morgen geöffnet wurden; der Maler nährte sich von seinen Modellen. Im Sommer aber machte man schlechtere Geschäfte, da gab es keine Austern mehr! Wohl hatte Mesnard versucht, in der heißen Jahreszeit Krebse zu malen; aber es glückte ihm nicht, er vermochte den rechten Kunstgriff nicht zu finden. Künstler, Kunstkritiker und Kunsthändler, alle waren derselben Meinung: Er leistete Vortreffliches in der Darstellung der Mollusken, war hingegen in der Wiedergabe der Krustaceen unbedeutend. Indessen fristete man sein Leben, so lange Mesnards »Austern von Marennes« Mode blieben. Als aber im Jahre 1864 sein Konkurrent Rousselot im Salon »Ein Dutzend Austern von Ostende« ausstellte, und ihm dafür ein Orden verliehen ward, schworen die Kunstliebhaber nur mehr noch auf die Austern von Ostende. Freilich sollte Rousselots Ruhm nicht lange dauern; bereits fünf Jahre später ward auch diesem Maler im Kampf um die Krone des Stilllebens von Piègealoup, der mit seinem berühmten Bilde: »Ein Dutzend Austern von Cancale« bei einem Haar die Verdienstmedaille erworben hätte, das Zepter entrissen. Der unglückliche Mesnard aber konnte nicht einmal mehr den bittern Trost genießen, den Fall seines Nebenbuhlers zu erleben und zu sehen, wie die Austern von Cancale diejenigen von Ostende verdrängten, genau so, wie einst die Austern von Ostende seine eigenen entthront hatten. Einen Tag vor Piègealoups Triumph starb Albérics Vater mehr noch aus Kummer als infolge der erlittenen Entbehrungen.

Seine Kollegen veranstalteten eine Sammlung von Skizzen und verkauften sie zu gunsten der Witwe. Die Direktion der Kunstakademie bewilligte eine jährliche Unterstützung, eine Art Pension, und der Sohn wurde als Freischüler ins Gymnasium Louis-le-Grand aufgenommen. Dank diesen mildthätigen Bemühungen brauchte Mutter Mesnard nicht als Aufwärterin ihr Brot zu verdienen und konnte, bedürfnislos, wie sie war, in Montmartre eine kleine Wohnung im fünften Stock beziehen, wo sie, über dem wärmenden Kohlenkästchen kauernd, für ihren Gymnasiasten wollene Socken strickte.

Albéric war fleißig und talentvoll und versuchte sich auch mit Glück in lateinischen Versen. Ja, er erntete ein besonderes Lob vom Lehrer der obern Klasse für eine Uebersetzung von Alfred de Mussets Rhin allemand, die folgendermaßen begann:

» Noster et ille fuit, tuus, o Germania, Rhenus!
Hunc scyphus inclusit noster ...
«

Die größte Freude aber für Mutter Mesnard bestand darin, daß es ihr vergönnt war, ihren letzten Seufzer in den Armen eines Gymnasialabiturienten auszuhauchen.

Ja, Albéric war Abiturient geworden! Welch schöner Gewinn für ihn! Genau an demselben Tage, an dem er in der Aula der Sorbonne vor den versammelten Professoren eine Stelle aus irgend einem zweifelhaften Schriftsteller des Altertums über die Verachtung des Reichtums vom Blatt übersetzte, hatte er sich eine Erkältung zugezogen, weil seine Stiefel nicht mehr wasserdicht waren und er nicht die Mittel besaß, neue zu kaufen. Ja, nun war er Abiturient! Er kannte die Dichter und kannte die Philosophen. Wo aber lag der Vorteil? All die Schwermutskrämer, die die Seele einlullen und den Geist mit blauem Dunst umnebeln, hatten ihm wahrlich viel genützt an Leib und Seele!

Warum hatte man ihn nicht irgend ein ehrliches Handwerk lernen lassen, warum war er nicht Schreiner oder Klempner, kurz irgend ein einfacher Proletarier mit leicht zu befriedigenden Wünschen geworden, der jede Nacht den gesunden Schlaf der körperlichen Ermüdung schläft, dessen Hoffnungen nicht unerfüllbar in weiter Ferne schweben und oft genug in einem Gläschen billigen Weins gipfeln, das man sich nach vollbrachtem Tagewerk wohl gönnen darf? Wahrhaftig! Er beneidete die simplen Maurer, die ihn im Gedränge anrempelten und den Mörtel von ihren Kleidern an ihm abstreiften. Ihnen war es gleichgültig, was man über sie dachte, sie besaßen das kostbare Gut der Sorglosigkeit, während er sich in seinem abgetragenen Ueberzieher und seinen ausgetretenen Stiefeln elend fühlte. Er litt unter dem Bewußtsein jener stolzen Armut, die sich beim Essen ein Stück Käse oder den Nachtisch versagt, um dem Kellner ein Trinkgeld geben zu können; er litt unter der doppelten Sorge des Menschen, der von des Gedankens Blässe angekränkelt und dabei nicht im stande ist, seinen Lebensunterhalt zu erwerben, unter der bejammernswerten lächerlichen Qual des Unglücklichen, der sich in ein und derselben Minute fragen kann, ob seine Seele unsterblich ist und wie er seine Wäscherin bezahlen wird.

Und keine Hoffnung, diesem Elend zu entrinnen! Albéric kannte sich. Er besaß zu wenig Thatkraft, zu wenig Unternehmungsgeist, und sein Mut war im Grunde nichts als die Schwäche der Ergebung. Verdiente er doch jetzt schon seit sechs Jahren sein Brot als Angestellter bei Cahun & Söhne, ohne daß er es zu mehr als trockenem Brot gebracht hatte; denn für ihn gab es keine Leckerbissen. Er wußte nur zu gut, daß sein Beruf ihm keine Freude machte, daß er nicht den geringsten Geschmack am Kaufmannsstande fand; er war sich vollkommen klar darüber, daß seine Stellung ihm keine Zukunft bot, rührte sich aber dennoch nicht vom Platze und that nichts, um einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden, in die er sich verrannt hatte.

Bei dem Begräbnis seiner Mutter wurde Albéric, der achtzehnjährige hagere Gymnasiast, der, in zu kurzen Hosen, schluchzend hinter dem Leichenwagen vorletzter Klasse einherschritt, von seinem Vormund begleitet. Dieser, ein Maler, Namens Vertbois, und ein Freund seines Vaters, der ehemals das Stipendium zur Reise nach Rom erhalten, dann aber, talentlos und ohne Geschick, sich vorwärts zu bringen, seine Laufbahn verfehlt hatte, lebte jetzt unthätig dahin und erhaschte nur hie und da noch einen Auftrag von der Regierung. Zu jener Zeit war er eben beschäftigt, für einen Saal des Rechnungshofes folgende hochinteressante Allegorie auszuführen: Die Staatsgelder-Verrechnungs-Kommission im Begriff, einen Fehler zu entdecken.

Nach Beendigung der Totenfeier hatte der gute Vertbois den verwaisten Jüngling in sein Atelier geführt und sich in väterlicher Weise nach seinen Plänen erkundigt. Ach! Albéric war sich noch keines Plans bewußt. Wohl schlug ihm sein Rektor vor, als Studienaufseher am Gymnasium zu bleiben und sich dort zum Lizentiaten vorzubereiten; das aber war eine harte Aufgabe. Nun trug es sich zu, daß Vater Vertbois ziemlich eng mit den Cahuns, den steinreichen Hemdenfabrikanten, befreundet war, deren Namen durch das berühmte Reklamebild verbreitet worden ist, auf dem zwei feingekleidete Herren sich folgendermaßen unterhalten: »Wie fängst du es nur an, Vicomte, um stets so blendend weiße Leibwäsche zu haben? – Das ist sehr einfach, Baron; ich trage die Vorhemden von Cahun & Söhne und brauche mein Hemd nur alle vierzehn Tage zu wechseln.« – Die ganze Sippe dieser Cahuns, voran der alte Abraham Cahun, der Stammvater der Familie, der große Mann, der die Vorhemden erfunden, danach seine Söhne, Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, sie alle waren von dem ehemaligen Besitzer des römischen Stipendiums abkonterfeit worden, und sein trockener, peinlich nachahmender Pinsel hatte all diese Juden mit den Habichtsnasen und den Pharaonenbärten, all diese von protzigem Schmuck strotzenden Jüdinnen mit den Sibyllenaugen auf die Leinwand und in goldene Rahmen gebannt, deren blendender Glanz den Augen wehe that. Aufs Geratewohl hatte der Maler Vertbois bei Cahun & Söhnen von Albéric gesprochen, und so konnte jetzt der Vormund seinem Mündel sagen: »Wenn es dir recht ist, mein Junge, magst du immerhin dort eintreten, bis sich etwas Besseres für dich findet.«

Albéric war bei Cahun & Söhnen eingetreten und wartete dort nun schon seit sechs langen Jahren »auf etwas Besseres«. Einstweilen aber ging es ihm so schlecht als möglich; die allen Arbeitgebern teure Regel: »Reichliche Arbeit, knapper Lohn« ward von den schonungslosen Hebräern aufs strengste befolgt. Außerdem hatten sie in Albéric sogleich den bescheidenen jungen Mann erkannt, der sich willig jeder Anordnung fügte, stets zur rechten Zeit ins Geschäft kam und ohne Murren fünfzig Briefe täglich schrieb, die alle mit derselben Formel begannen: »In Erwiderung Ihres Geehrten vom ...« Aber bei seinem Mangel an kaufmännischem Genie konnte er dem Geschäft keinen Geschmack abgewinnen; er blieb dem Sinken und Steigen der Shirtingpreise gegenüber gleichgültig und ohne Sinn für die höheren, die wichtige Frage der Herrenkragen beherrschenden Interessen; dieser Bursche konnte auf der großen Bühne der europäischen Hemdenfabrikation niemals eine andre Rolle als die eines Statisten, eines auszunützenden Arbeiters spielen. So kam es, daß Albéric mit vierundzwanzig Sommern, nachdem er sechs volle Jahre vor den in grünes Tuch eingebundenen und mit Messingbeschlägen versehenen Geschäftsbüchern der Firma Cahun & Söhne zugebracht, doch weiter nichts errungen hatte, als sein jährliches kümmerliches Einkommen von achtzehnhundert Franken. Und dabei mußte er sich noch glücklich schätzen, daß seine Prinzipale nichts von seinem Hang zur Träumerei wußten, von den kleinen Bummeleien, die er sich erlaubte; denn was würden wohl die Herren Cahun & Söhne, diese grausam praktischen Menschen, gesagt haben, wenn sie ihren Kommis gesehen hätten, wie er sich nach Geschäftsschluß beim Sonnenuntergang verspätete oder in sternhellen Nächten die einsamen Stadtviertel bis Mitternacht durchstreifte, wie er bisweilen auf dem Quai vor den ausgestellten Büchern stehen blieb und einen Band Gedichte aufschlug, ja, wie er sich gar oft eine Cigarre versagte, um ein Veilchensträußchen kaufen zu können!

Sechs Jahre, großer Gott! Die schönsten Jugendjahre verbrachte er in dieser Atmosphäre dumpfer Langeweile, in dieser platten Armut!

Unterdessen war Albéric durch das Faubourg Montmartre und die Rue des Martyrs zum Boulevard Pigalle hinaufgelangt, wo in dem immer undurchdringlicher werdenden Nebel das Horn eines Pferdebahnkondukteurs unheimlich stöhnte. Er ging nun auf die ärmliche kleine Restauration zu, die sich an der Ecke der Rue Germain-Pilon befindet und in der er sein Abendessen einzunehmen pflegte. Wie oft hatte er nicht mit knurrendem Magen die Hand auf jene Thürklinke gedrückt, denn er war noch in dem Alter, wo man immer Appetit hat, um sofort nach seinem Eintritt durch den brenzlichen Geruch, der den innern Raum erfüllte, angewidert zu werden!

Am Zahltisch vorüberschreitend, wo die Besitzerin der Wirtschaft thronte, eine dicke Frau mit pockennarbigem, an Mirabeau erinnerndem Gesicht, die ihn mit übertriebener Zuvorkommenheit anlächelte, zog er seinen Hut und suchte nach einem Platz. In dem eine Art engen Gang bildenden Lokal, das sich ausgezeichnet zum Pistolenschießen geeignet haben würde, war eine doppelte Reihe kleiner Tische mit je zwei Gedecken aufgestellt, die einander höchst ungemütlich gegenüberstanden und deren mit Wein- und Sauceflecken besäte Tischtücher von drei großen freiflackernden Gasflammen beleuchtet wurden. Hier saßen etwa dreißig arme Schlucker, die Albéric alle mehr oder minder von Ansehen kannte, weil er zur Essenszeit mit ihnen zusammenzutreffen pflegte. In gieriger Hast aßen sie, tief auf ihre Teller gebeugt, und neben ihnen, an den Kleiderhaken längs der Wand, hingen schwermütig ihre Hüte und Ueberzieher, wahre Jammergestalten des menschlichen Körpers, dessen Formen sie bewahrten, so daß man unwillkürlich an eine Reihe Gehenkter denken mußte und sich fragte, ob sie, wenn nicht schon jeder Funke von Bewußtsein in ihnen erloschen war, sich nicht über den Heißhunger wunderten, womit die augenscheinlich so wenig einladenden Gerichte verschlungen wurden.

Albéric drängte sich nicht ohne Mühe zwischen den beiden Tischreihen hindurch bis zu dem einzigen noch freigebliebenen Platze, und nachdem er sich dort niedergelassen hatte, konnte man das Speisehaus, das so wie so an einen Omnibus erinnerte, als »besetzt« bezeichnen.

»Guten Abend, mein lieber Herr Mesnard,« sagte, ihm die Hand bietend, der an der andern Seite des Tischchens sitzende Gast, der eine vierfach zusammengefaltete und an den Oel- und Essigständer wie gegen ein Pult gelehnte Zeitung las.

Und ohne Uebergang fügte er sogleich hinzu: »Haben Sie den Sitzungsbericht gelesen? Die Opportunisten sind abermals daran, ihre Grundsätze zu verleugnen. Nein, wirklich, es ist schändlich!«

Während Albéric sich seines Huts und Ueberziehers entledigte und damit die traurigen an den Kleiderhaken längs der Wand hängenden Gestalten um eine weitere vermehrte, schauderte er heimlich. Als Würze seines elenden Mahles winkte ihm dieser Tischnachbar, einer der lästigsten Menschen, die er kannte, ein Schwadroneur der schlimmsten Sorte, dem er geflissentlich aus dem Wege ging und dem ihn nun heute sein böser Stern zuführen mußte.

Herr Mataboul, ein brünetter Südfranzose, behaart wie ein Bär und mit einem Bart, der ihm das Gesicht bis an die Augen verdeckte, war seines Zeichens ein Weinmakler, ging aber völlig in der Politik auf, was seinem Geschäft wesentlichen Eintrag that. Vom frühen Morgen an unterwegs, wanderte er mit einer Mappe, die freilich keine Akten, sondern lediglich einige Weinproben enthielt, in die Pariser Weinstuben, um dort seinen »leichten Chablis zu den Austern« oder seinen »Thorins, gutes echtes Gewächs« anzupreisen. Aber in seinem Feuereifer für die Regierungsangelegenheiten und die parlamentarische Taktik verschwatzte er sich unaufhörlich, so daß er von Glück sagen konnte, wenn er hie und da ein Gebinde absetzte. Gewöhnlich schüttelten ihn die Händler ab, indem sie ihn sein Steckenpferd reiten ließen und seiner Sucht, zu politisieren, schmeichelten; hierüber vergaß er dann ganz und gar, weshalb er gekommen war; er dachte nicht mehr daran, ein Stückfaß vorgeblichen Saint Emilion oder einige Körbe falschen Moulin à vent loszuwerden, sondern redete sich warm und verließ endlich hochbefriedigt, aber ohne irgend einen Auftrag erhalten zu haben, seinen Kunden mit der fürchterlichen Drohung: »Noch eine solche Konversion der Rente, und wir stehen vor dem Bankerott!« oder aber mit folgender beunruhigenden Weissagung: »Wenn das so fortgeht, werden wir bald keine Marine mehr haben.«

Gefaßt, sich in das Unvermeidliche zu fügen und den fürchterlichen Schwätzer geduldig auf sich zu nehmen, winkte Albéric der greulich anzuschauenden Kellnerin, die Zahnwehs halber ihre Backe mit einer dicken Schicht Watte umwickelt hatte, um sein kärgliches Mahl, Suppe, Brot, Hammelragout mit Kartoffeln, Käse und ein Viertel Wein, zu bestellen. Dann würgte er aus reiner Vernunft, weil er sich doch nun einmal nähren mußte, diese erbärmlichen Gerichte hinunter und warf einige höfliche Worte für den ungestümen Herrn Mataboul dazwischen, der über das Bündnis der republikanischen Linken mit den Abgeordneten der Rechten entrüstet war und wissen wollte, warum – als ob das so leicht zu sagen wäre! – warum Frankreich darauf bestände, einen Gesandten am Vatikan beizubehalten.

Endlich konnte unser junger Kommis, den die Politik ziemlich kalt ließ, und der ohne weiteres zugegeben hätte, daß Clémenceau der Busenfreund Paul de Cassagnacs würde und daß die Republik einen Bevollmächtigten zum Großmogul entsende, sofern nur die Fleischbrühe der Speisewirtschaft weniger unschmackhaft und der Wein weniger sauer gewesen wäre, endlich konnte Albéric seine Rechnung verlangen, worauf ihm die verschwollene Kellnerin mit klagender Stimme und wie im Traume antwortete: »Brot zwei Sous, Suppe fünf, Ragout acht, Käse drei und Wein sechs. Macht zusammen einen Franken zwanzig.«

Nachdem er sein Zweifrankenstück gewechselt und von den sechzehn Sous Rest, die er herausbekommen, der Kellnerin zwei als Trinkgeld gelassen hatte, erhob er sich froh in dem Glauben, nun endlich den Leitartikelphrasen und dem südfranzösischen Accent des Herrn Mataboul zu entfliehen, als dieser ebenfalls vom Tische aufstand und, indem er seine Mappe mit den Weinproben unter den Arm zwang, ihm wohlwollend zurief: »Sie wissen doch, Herr Mesnard, heute abend zahle ich den Kaffee. Die Reihe ist an mir!«

Die Reihe war in der That an ihm; denn Albéric hatte einige Tage zuvor die Unvorsichtigkeit begangen, ihm ein Glas schwarzen Kaffees, einen sogenannten Mazagran anzubieten. Jetzt war sein erster Gedanke sich der Freundlichkeit des lästigen Südländers zu entziehen. Aber nein! Wie sollte er sonst seinen Abend totschlagen? In seinem Stübchen in der Rue Ravignan waren keine Kohlen mehr, an denen er sich hätte wärmen können, und um acht Uhr abends konnte man sich doch unmöglich schon schlafen legen. So ließ er sich denn verleiten, mitzugehen. Beim nächsten Tabakhändler kaufte er eine Cigarre für zehn Centimes, bot auch Herrn Mataboul eine an und folgte ihm dann in ein düsteres Lokal am Boulevard Rochechouart, wo die Stammgäste ihren Kaffee einzunehmen pflegten. Dort blieb er, von der Langweile gebannt und in einen schlafähnlichen Zustand versetzt, vor seiner kleinen, längst geleerten Tasse sitzen, ohne daß er auch nur die Energie gefunden hätte, sich zu verabschieden, während der fade, nie endenwollende Wortschwall des Weinmaklers in seinen Ohren dröhnte. Dieser erging sich in den heftigsten Ausdrücken gegen die Verschwendung der öffentlichen Gelder, die von seiten der Wahlkandidaten infolge der zur Zeit üblichen Versprechungen behufs Gründung von Eisenbahnen im Schwunge war, und machte Jules Ferry ausdrücklich für die letzte Choleraepidemie verantwortlich.

Auch diese Unannehmlichkeit in seinem Leben hatte unser armer Albéric seiner traurigen Mittellosigkeit zu verdanken; sie zwang ihm in Speise- und Kaffeehaus diese Gemeinschaft auf, lieferte ihn dem ersten besten Tischnachbar aus, gab ihn irgend welcher widerlichen oder lächerlichen Gesellschaft preis. Wie viele verkommene, wunderliche Gestalten waren ihm bereits begegnet! Wie viele alberne Behauptungen und heftige Ausfälle, wie viel schlechte, neidtriefende Reden hatte er schon beim Verzehren von Käse und Studentenfutter während des Nachtisches in seinem Speisehaus oder vor den trojanischen Säulen der aufgehäuften Bieruntersetzer im Bräuhaus mitanhören müssen! Wie viel Zeit hatte er nicht damit vergeudet, die Theorieen von Gabarel und Planchu, der beiden Landschaftsmaler mit den riesigen Kalabresern, anzuhören, von denen der eine die Natur in dunkelrotem Lichte sah, indes sie dem andern eierkuchengelb erschien!

Wie unzählige Male hatte nicht Mastock, der Volksredner der öffentlichen Versammlungen, mit seinem ewigen Cylinder, seinem Stoppelbart und den schwarzen Nägeln vor Albéric und zwei oder drei andern Biertrinkern im Café Neu-Athen sämtliche Schwierigkeiten der sozialen Frage gelöst und eine geschlagene Stunde lang, ohne Atem zu holen, das infame Kapital verflucht, ohne sich die geringste Unterbrechung zu gönnen, ausgenommen, wenn er vom Kellner einen Drahtstocher für seine Pfeife verlangte.

Zahllose in solcher Weise verlorene Abende, unzählige Einfaltspinsel, die er hatte anhören und ertragen müssen, zogen am Geiste des jungen Mannes vorüber, während Mataboul, der im besten Zuge war, die Kolonialpolitik verdammte und vorschlug, Seine Hochwürden den Bischof von Angers, der soeben bei Bewilligung der Millionen für Tongking mit der Majorität gestimmt hatte, zum Kriegsdienste in einem Bataillon anamitischer Tirailleurs zu zwingen. Nein, wirklich, der Südfranzose wurde unerträglich! Ungeachtet der wenig verlockenden Aussicht, zu so früher Abendstunde in seine ungeheizte Kammer zurückkehren zu müssen, brach Albéric, heftigen Kopfschmerz vorschützend, die Unterhaltung ab und überließ Herrn Mataboul sich selbst und seinen Zeitungen, worein dieser sich nun mit ganzer Seele vertiefte, bis er hinter den großen Bogen des Temps den Blicken der Sterblichen entschwand.

Draußen herrschte dichter, rußig riechender Nebel, und die Gasflammen schimmerten nur als trübe, gelblich verschwommene Kreise hindurch.

»Brr! Was für ein Wetter!« sagte Albéric schaudernd.

Blindlings durchschritt er den Boulevard, erreichte durch steile Gäßchen aufsteigend, sein Haus und kletterte in den fünften Stock hinauf. Als er aber im Begriff stand, seine Stubenthür aufzuschließen, vernahm er in dem Zimmer nebenan das in kurzen regelmäßigen Stößen rasselnde Geräusch einer Nähmaschine.

»Wie wäre es,« dachte er, »wenn ich noch einen Augenblick bei meinen Nachbarinnen vorspräche, um ihnen guten Abend zu wünschen. Die Unterhaltung der Mama Bouquet ist zwar auch nicht gerade erheiternd, aber die arme kleine Zoé hat meine volle Teilnahme erweckt.«

Er klingelte. Sofort hörte das Rasseln auf, und ein junges Mädchen, das zwar nicht groß, aber äußerst zierlich gewachsen war, und dessen anmutige Gestalt in dem dunklen, enganliegenden Kleide vorteilhaft zum Ausdruck gelangte, erschien mit einer Lampe in der Hand an der Schwelle.

»Es ist nur meine Wenigkeit, Fräulein Zoé,« sagte Albéric beinahe heiter. »Wie befindet sich Ihre Frau Mama bei diesem schauderhaften Wetter?«

Beim Anblick des jungen Mannes verklärte ein glückliches Lächeln das Antlitz des Mädchens. Fräulein Zoé konnte nicht gerade besonders hübsch genannt werden; dazu war ihre Gesichtsfarbe zu blaß und ihr Mund zu groß. Aber wie treuherzig blickten diese Augen, welche Sanftmut, welche Güte sprach aus diesen Zügen!

»Danke, danke vielmals, Herr Mesnard,« erwiderte sie auf die Frage des jungen Mannes. »Mama ist leidlich wohl. Aber bitte, treten Sie doch ein, sie wird sich freuen, Sie zu sehen.«

Damit führte sie Albéric in ein ganz kleines Eßzimmer, das, im Vertrauen gesagt, zugleich den Empfangssalon und das Boudoir der beiden Damen bildete; denn abgesehen von einer einzigen winzigen Schlafstube machte es ihre ganze Wohnung aus.

In diesem zwerghaft kleinen, aber ausgesucht sauber gehaltenen Raume nahm den größten Platz ein mächtiger Armsessel ein, der bequem am Ofen stand, und auf ihm thronte mit wahrhaft königlicher Würde eine schwarzgekleidete, etwa fünfzigjährige Dame, die noch Spuren ihrer einstigen großen Schönheit zeigte, mit der aber wohl nicht immer gut Kirschen essen war, wie der Volksmund sagt, und die an Huldigungen gewöhnt zu sein schien. Der Gast begrüßte sie ehrerbietig; sie aber hielt es nicht der Mühe wert, ihr Gesicht in freundlichere Falten zu legen, und beantwortete Albérics tiefe Verbeugung nur mit einer einfachen Handbewegung, wie sie etwa eine Fürstin einem unbedeutenden Höfling im Vorübergehen gewährt.

Wahrlich, die alte Dame, die da in ihrer Witwenhaube und mit so vollendeter Seelenruhe in ihrem großen Stuhle saß, machte sich gar zu breit. Sie hatte eine Art, ihre schönen müßigen Hände über dem sorgfältig ausgebreiteten Kleide zu kreuzen, ihre fein beschuhten auf einem Bänkchen ruhenden Füße vors Ofenthürchen zu halten, kurz, die selbstgefällige Ruhe ihrer ganzen Haltung drückte deutlich aus: »Ihr wißt, ich gelte hier alles.« Ja wirklich, sie machte sich allzu breit, und es war peinlich, mit anzusehen, wie sehr die kleine Zoé, die einzige Tochter dieser gebieterischen Dame, von ihr in den Schatten gestellt wurde. Das junge Mädchen hatte sich sofort wieder an ihre Nähmaschine begeben, deren Trittbrett sie mit dem rechten Fuße in Bewegung setzte, während ihre beiden fleißigen Hände den Stoff unter den hastigen Stichen der Maschinennadel durch die Finger gleiten ließen.

Aber um nichts zu verschweigen, sei hier gesagt, daß die alte Dame früher eine sogenannte »Schönheit« gewesen war und eben deshalb der selige Bouquet, als Kassierer in einem großen Modewarengeschäft, sie ohne Mitgift geheiratet hatte. Ja, eben darum hatte sie sich auch immer geweigert, ihre schönen Hände mit Hausarbeit zu verderben, und aus demselben Grunde hatte ihr Mann wie ein Pferd gearbeitet, ohne je etwas ersparen zu können. Wie hätte er es auch übers Herz bringen sollen, eine angebetete Schönheit nicht mit etwas Luxus zu umgeben, wie, ihr ein Vergnügen, einen Putz oder ein Geschmeide zu versagen? Als daher der Tod den unvorsichtigen und allzu weichherzigen Gatten plötzlich hinwegraffte, ließ er eine mittellose Witwe zurück, gerade zur Zeit, als auch die einzige Tochter, die von der »Schönheit« bis zu ihrem achtzehnten Jahr in kurze Röcke gekleidet worden war, zum erwachsenen Mädchen heranreifte. Die ganze elegante Einrichtung, die bisher der »Schönheit« zur Folie gedient hatte, die Diamanten, mit denen sie sich zu schmücken gewohnt war, das Erardsche Pianino, über dessen Tasten ihre müßigen Finger hinzugleiten liebten, alles mußte verkauft werden, um eine Summe von etlichen tausend Franken zu erzielen, die nun in Montmartre gemächlich aufgezehrt wurden. Und wenn dieser letzte Rückhalt noch immer vorhielt, so war es nur der kleinen Zoé zu verdanken, in deren Adern zweifelsohne das Blut ihres arbeitssamen Vaters rann, und die in richtigem Verständnis ihrer ernsten Lage eine Singernähmaschine erworben hatte. Ohne Unterlaß nähte sie emsig, trotz der fortwährenden Bedienung ihrer Mutter, der sie außerdem noch unausgesetzt die zartesten Aufmerksamkeiten zu erweisen wußte. Madame Bouquet war es gewöhnt, daß man sich für sie aufopferte, und machte sich daher auch die Hingabe ihrer Tochter ohne jede unnötige Gefühlsverschwendung zu nutze. Für sich selbst nahm die eitle, hochmütige Frau die Rolle einer ins Unglück gestürzten einstigen Schönheit in Anspruch, die ihr Schicksal mit männlichem Mute erträgt. Zoé konnte wohl bis zwei Uhr morgens an ihrer Nähmaschine sitzen und arbeiten; hatte doch ihre Mutter, als das Verderben über sie hereinbrach, in ihrer Selbstverleugnung sogar auf ihre seidenen Hemden verzichtet und die Frau, die sie sonst zur Pflege ihrer Hände kommen ließ, verabschiedet. Uebrigens war Zoé ganz derselben Meinung; sie ließ sich von der Charakterstärke, die ihre Mutter, wie sie sagte, entfaltete, bis zu Thränen rühren, und wenn sie ihr des Morgens ihre Stiefelchen zuknöpfte und die Witwe dafür mit derselben stolzen Sanftmut dankte, mit der Marie Antoinette in der Conciergerie dem dienstthuenden Gendarmen gedankt haben mochte, als er seine Pfeife ausgelöscht hatte, fühlte sie ihr Herz von Bewunderung, Mitleid und Dankbarkeit überströmen.

Albéric, der einzige Bewohner des Hauses, mit dem die beiden Frauen hie und da Umgang pflegten, genoß des öfteren die Ehre, von Madame Bouquet zum Vertrauten und Zeugen ihrer Seelengröße im Unglück genommen zu werden. Sicherlich fühlte er sich durch ein solches Vertrauen geschmeichelt; dessenungeachtet möchten wir nicht beschwören, daß die ziemlich häufigen Besuche des jungen Mannes bei seinen Nachbarinnen nicht auch den treuherzigen sanften Augen der Fräulein Zoé galten.

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Mesnard, uns zu besuchen,« begann die einstige Schönheit. »In besseren Zeiten hätte ich Ihnen eine Tasse Thee angeboten. Früher, zu Lebzeiten meines Mannes, wurde, wenn wir zu Hause gespeist hatten, der Thee immer um zehn Uhr aufgetragen, und ich konnte nur Karawanenthee ertragen; mein Mann mußte ihn sogar selbst in der Porte-Chinoise Großes Theemagazin. Anm. d. Uebers. kaufen; denn auf die Dienstboten kann man sich nicht verlassen. Aber heute gestatten wir uns diesen bescheidenen Luxus nicht mehr. Zoé, die mich nachts husten hört, erlaubt mir nicht, das geschlagene Ei, das ich zu nehmen gewöhnt bin, aufzugeben, und bringt es mir jeden Abend ans Bett. Es ist nicht recht von ihr; ich bin auf jede Entbehrung gefaßt und jetzt nachgerade daran gewöhnt.«

Zoé, die neben ihrer Mutter saß, blickte mit thränenfeuchten Augen zu ihm auf, als wollte sie sagen: »Nicht wahr, sie ist bewundernswert?« indes die Maschine tick, tick, tick, tick, tick, emsig weiter rasselte, ohne Zweifel, um die Ingredienzien zu diesem von Madame Bouquet für entbehrlich erklärten Eiertranke, wie Zucker, Eier und Orangenwasser herbeizuschaffen.

»Fräulein Zoé thut sehr wohl daran, Sie so gut zu pflegen,« erwiderte Albéric, »und es muß für Sie ein großer Trost sein, so zärtlich geliebt zu werden.«

»Jawohl, jawohl,« antwortete die alte Dame in ziemlich trockenem Tone, indem sie Albéric mit einem Blick so voller Hoheit maß, als sei sie eine während der Schreckenszeit in Gefangenschaft geratene Herzoginwitwe und er ein Kerkermeister mit Jakobinerjacke und Fuchsschwanzmütze angethan und im Begriff, die Verurteilten auszurufen.

»Freilich, Zoé ist eine vortreffliche Tochter, die unsre Lage und ihre Pflichten vollkommen begreift. Aber ich that unrecht, soeben auf unsre Armut anzuspielen. Ich sage es oft genug zu meiner Tochter, die Klagen sind einer stolzen Seele unwürdig und vermögen überdies auch nichts zu ändern. So bedienen wir uns zum Beispiel des Petroleums, dessen Geruch mir unausstehlich ist. Was aber würde es helfen, wollte ich den Verlust der beiden prächtigen Oellampen beklagen, die früher meinen kleinen Salon erhellten? Im Schweigen nur zeigt sich das Unglück schön.«

»Tick, tick, tick, tick, tick,« wiederholte unterdessen unaufhörlich die Nähmaschine, ohne die es wahrscheinlich an Petroleum in der Lampe gefehlt hätte, und in den Augen, die die kleine Zoé zu Albéric aufschlug, leuchtete noch immer die Begeisterung für den Mut und die Standhaftigkeit ihrer Mutter.

Umsonst versuchte der junge Mann, dem die anmaßende Selbstsucht der alten »Schönheit« nachgerade auf die Nerven ging, die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu lenken. Immer aufs neue kam Madame Bouquet durch irgend eine geschickte Wendung auf das einzige Thema, das sie interessierte, zurück: auf ihre Seelenstärke im Mißgeschick. So erklärte sie, als Albéric vom schlechten Wetter sprach, die Ofenwärme verursache ihr entsetzliche Kopfschmerzen, und in glücklicheren Zeiten hätte sie nichts andres als Holzheizung im offenen Kamin gestattet, fügte dann aber sogleich hinzu, sie sei viel zu hochherzig, um auch nur den geringsten Vorwurf gegen ein Heizungssystem zu erheben, dessen Sparsamkeit sie ja anerkenne, das sie jedoch unfehlbar unter die Erde bringen werde.

Während Albéric scheinbar zuhörte, wie Mme. Bouquet ihr eigenes Loblied sang, schweifte sein Blick bisweilen zu Fräulein Zoé hinüber; denn im Grunde galt ihr sein Besuch. Seit geraumer Zeit war es in der armseligen Wohnung nicht mehr die Nähmaschine allein, die rastlos tickte und pochte; auch die Herzen der beiden jungen Leute hatten begonnen, rasch und heftig zu klopfen. Aber durften sie denn an Liebe, an Heirat denken? War das nicht ein völlig unerlaubter Luxus? Uebrigens hatte sich Zoé ja ganz und gar ihrer Mutter gewidmet, und was den bei Cahun & Söhnen angestellten jungen Mann betraf, so verstand es sich doch wohl von selbst, daß ein armer Teufel, dessen Gehalt kaum für seine eigene Person ausreichte, nicht daran denken konnte, ein armes Mädchen zu ehelichen, das noch dazu für andre zu sorgen hatte; hieße das nicht, den Hunger mit dem Durst vermählen? Nein, es wäre Wahnsinn gewesen!

Unterdessen schlug die Wanduhr im Stil Ludwigs XVI., der letzte Ueberrest vergangener Herrlichkeiten, zehn Uhr, und Albéric stand auf, um sich zu empfehlen. Die stets feierliche Mme. Bouquet verabschiedete sich von ihm mit ungefähr ebensoviel Herzlichkeit, als der Präsident eines Schwurgerichts von einem Zeugen, wenn er ihn nach abgegebener Aussage zum Sitzen einlädt; aber Fräulein Zoé begleitete ihren Gast bis zur Thüre, und von ihr empfing er ein liebliches, wenn auch etwas schwermütiges Lächeln, das man etwa folgendermaßen deuten konnte:

»Sie mißfallen mir durchaus nicht, Herr Nachbar, und ich merke recht wohl, daß auch Sie Geschmack an mir finden. Aber was kann das helfen? Es ist nun einmal nicht möglich.«

Ach freilich! Die Gefühle der gänzlich Mittellosen gleichen den Rosenknospen im rauhen Herbst, sie verkümmern, weil ihnen die Kraft fehlt, sich zur Blüte zu entfalten.

In sein Zimmer zurückgekehrt, in dem eine wahrhaft sibirische Kälte herrschte, schlüpfte Albéric eilig unter die eisigen Decken seines Bettes, und dort überkam ihn ein Anfall wirklicher Verzweiflung. Noch nie hatte er es wie an diesem Abend empfunden, wie sehr er unter seiner Armut litt, wie sehr sie ihn anekelte. Aber er war in dem glücklichen Alter, wo das Bedürfnis nach Schlaf alle Sorgen übertäubt, und konnte noch nicht die volle Schönheit des berühmten Verses aus Saurins Spartakus verstehen:

»Ach, wie endlos ist die Nacht,
Wenn der Schmerz am Lager wacht!«

So versank er denn, nachdem er seinem Kopfkissen noch einige gegen sein herbes Schicksal gerichtete Verwünschungen anvertraut hatte, alsbald in tiefen Schlaf.

Als er am nächsten Morgen gegen sieben Uhr erwachte (das Geschäft in der Rue du Sentier wurde um acht Uhr geöffnet), bemerkte er, daß der Nebel über Nacht gefallen und der Himmel klar war. Ungeachtet der großen Kälte, die sein Waschwasser in Eis verwandelt hatte, zog sich der junge Mann rasch an, stürmte seine fünf Stockwerke hinunter, gab in einer Cremerie acht Sous von den zehn, die ihm noch übrig blieben, für eine Tasse Milchkaffee aus und kaufte sich dann, da er heute sofort nach seiner Ankunft bei Cahun & Söhnen bezahlt werden sollte, für seine letzten zehn Centimes noch eine Cigarre.

Aber auf dem Trottoir der Rue Bréda begann ein Mann in gestricktem, an den Ellenbogen zerrissenem Wams, den Kopf mit einer Mütze bedeckt, ein alter Mann mit einem ehrlichen Arbeitergesicht, neben Albéric einherzuschreiten. Er hielt ihm seine schwielige Hand, eine Hand, die redlich gearbeitet hatte, hin und murmelte leise und verlegen: »Keine Arbeit. Seit gestern Morgen nichts gegessen. Bitte um eine milde Gabe.«

Albéric sah sich gezwungen, schneller auszuschreiten, und während er dem alten Bettler aus Unachtsamkeit eine Rauchwolke ins Gesicht blies und sich das Ansehen eines Egoisten gab, der, um seine warmen Hände nicht aus den Taschen ziehen zu müssen, ein Almosen verweigert, fühlte er sein Herz von dem grausamsten aller Schmerzen gequält, von dem Leid des Armen, der einem noch Aermeren nicht beizustehen vermag.

Noch ganz niedergeschlagen durch diesen Zwischenfall langte Albéric bei Cahun & Söhnen an und begab sich sofort an die Kasse.

»Nun, Mesnard,« redete ihn der alte jüdische Kassierer an, indem er ihm sein Gehalt in Gestalt eines Hundertfrankenscheins und fünfzig Franken in Gold einhändigte, »jetzt haben sich ja die Schwindler der Internationalen Lotterie doch endlich herbeigelassen, ihr vielbesprochenes großes Los zu ziehen! Gestern abend war es auf den Boulevards kaum auszuhalten. Die Ausrufer brüllten, daß einem die Ohren weh thaten. Wenn ich bedenke, daß ich einfältig genug war, mir fünf Lose zu nehmen und hundert Sous zum Fenster hinauszuwerfen –«

»Ich, Herr Schwab,« erwiderte Albéric, der von dem Augenblick an, wo er am gestrigen Abend die Ausrufer an der Ecke des Faubourg Montmartre schreien gehört, nicht mehr an die Lotterie gedacht hatte, »ich werde nicht einmal die Enttäuschung erleben, meine Nummer vergeblich auf der Liste zu suchen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo ich mein Los gelassen habe.«

Während er jedoch seine Brieftasche öffnete, um die soeben empfangene Banknote hineinzustecken, gewahrte er ein blaues, quadratförmig liniiertes Papier, das aus einer der ledernen Seitentaschen herauslugte. Er nahm es heraus und entfaltete es, es war sein Internationales Lotterielos!

»Meiner Treu!« sagte er, »da ist es ja ... soeben habe ich es gefunden ... Es ist Nummer 3 911 457.«

»Dann, mein Lieber,« begann der Kassierer aufs neue, indem er seine Hand durch die kleine Oeffnung seines Drahtgitters streckte, »dann erlauben Sie mir, Ihnen das Petit Journal von heute morgen zu geben, in dem Sie die Ziehungsliste finden werden. Sie können sich auf sie verlassen; denn ich habe sie mit der, welche gestern abend auf dem Boulevard ausgeboten wurde, genau verglichen, um völlig sicher zu sein, daß ich Pech gehabt ... Nichts für mich, nicht einmal eines der kleinen Tausendfrankenlose!«

Albéric konnte nicht umhin, dieses Uebermaß von Gewissenhaftigkeit des alten Israeliten zu belächeln; denn bei jeder Gelegenheit trieb dieser, offenbar aus berufsmäßiger Gewohnheit, sein bis zur Manie entwickeltes Bedürfnis nach Genauigkeit auf die Spitze.

»Gut, das können wir ja gleich besorgen,« rief der junge Mann scherzend. »Aber Sie müssen wissen, daß ich sehr anspruchsvoll bin; ich will entweder etwas Ordentliches gewinnen, oder gar nichts.«

Und in einer Hand die Zeitung, in der andern sein Los haltend, wiederholte er in etwas ernsterem Tone: »Nun, so wollen wir einmal nachsehen.«

Plötzlich aber ward sein Körper wie im Krampfe geschüttelt, er wurde entsetzlich bleich, starrte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin und stieß einen unartikulierten Ton der Ueberraschung aus, einen kurzen, aber tiefen Seufzer, der aus dem Grunde seiner Seele zu kommen schien.

Die Nummer des großen Treffers stimmte genau mit der auf seinem Lose! Es war die Nummer 3 911 457! Er hatte die fünfmalhunderttausend Franken gewonnen!

Jetzt öffnete er die Lippen und stammelte mit heiserer Stimme: »Ich! Ich!« Dann stieg ihm das Blut zu Kopfe, daß es in seinen Ohren dröhnte und sauste, er wankte, taumelte drei Schritte rückwärts und setzte sich schließlich mit schlotternden Knieen auf die Sammetbank, die sich der Kasse gegenüber befand.

Der alte Schwab stürzte aus seiner vergitterten Zelle hervor und rief nach Hilfe. Ein Büreaudiener eilte mit mehreren Angestellten herbei, und man that alles Mögliche, um Albéric wieder zu sich zu bringen. Dieser aber erhob sich ungestüm, fuchtelte mit seinem Lose wie ein Rasender über seinem Kopfe hin und her und machte sich endlich in dem schmerzlichen, von Thränen begleiteten Lachen eines Nervenanfalls Luft, während er aus Leibeskräften schrie: »Ich habe das große Los gewonnen, die fünfmalhunderttausend Franken! Ich habe sie gewonnen!«

Und wäre statt der Hungerleider, die Albéric umstanden und denen vor bitterm Neid das Wasser im Munde zusammenlief, ein ruhig beobachtender Zeuge zur Stelle gewesen, er hätte geschaudert beim Anblicke dieses vom Glück berauschten Menschen und wieder aufs neue bestätigt, wie nah verwandt im Grunde Schreck und Entsetzen mit höchster Freude sind.

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