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Die wahren Reichen

François Coppée: Die wahren Reichen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFrançois Coppée<
titleDie wahren Reichen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
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correctorJosef Muehlgassner
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III.
Mutter und Kind befinden sich den Umständen nach wohl.

Eine Viertelstunde später stieg der Abbé vor einem Neubau der Rue de Rennes aus dem Wagen. Er fragte den Hausmeister, ob Herr Henri Burtal anwesend sei.

Dieser Hausmeister war ein Mann von höchst respektablem Aussehen, mit grauem Bart, im Schlafrock und Fes; er hielt, vor dem Kaminfeuer stehend, gerade seine Zeitung in der Hand und studierte eifrig den Leitartikel.

Aergerlich über die Störung, noch dazu durch einen Priester, warf er dem Abbé nur so über die Schulter hinweg ein verächtliches »dritter Stock, links!« zu und vertiefte sich sofort wieder in seine politischen Studien.

Im dritten Stock, an der Thüre links las der Abbé Moulin auf einem Messingschild die Worte: »Henri Burtal, Architekt«, zugleich bemerkte er über der Thüre den Gipsabguß eines Fragments vom Fries des Parthenon. Wollte Herr Henri Burtal damit andeuten, daß er selbst jederzeit bereit sei, einen ähnlichen Tempel der Minerva oder dem Jupiter zu errichten, sich aber in Ermangelung eines derartigen Auftrags auch für kleinere Arbeiten zur Verfügung stelle? –

Kaum hatte der Geistliche die Glocke gezogen, so öffnete ihm auch schon ein altes, entsetzliches Weib in weißer Haube die Thüre, brach aber, von seinem Anblick offenbar enttäuscht, in den Ruf aus: »Mein Gott, ist es denn noch nicht die Hebamme!«

»Ich fürchte, sehr ungelegen zu kommen,« stotterte der Priester ganz bestürzt, »wenn es irgend möglich wäre, möchte ich Herrn Burtal einen kleinen Augenblick ...«

»O, Sie können immerhin näher treten,« erwiderte die Alte. »Dort ist das Arbeitszimmer des Herrn ... Er ist gerade bei seiner Frau, gegen Mittag hat sie die ersten Wehen empfunden ... Ich werde ihn Ihnen sofort schicken. Er thut viel besser daran, mit Ihnen zu plaudern, als mir und dem Dienstmädchen den Platz zu versperren ... In solchen Augenblicken sind die Männer zu nichts zu brauchen.«

Mit diesen Worten führte sie den Abbé ins Arbeitszimmer des Architekten, wo auf einem hohen Tisch unter einer Gaslampe ein großer architektonischer Entwurf ausgebreitet war.

»Eine schöne Bescherung, da ist das Feuer bereits am Ausgehen:« rief die Alte, indem sie mit der Feuerzange in dem verglimmenden Coaks herumstöberte. »Das scheint mir hier überhaupt eine nette Wirtschaft. Ich bin nämlich die Wartefrau, die heute nacht die Wöchnerin pflegt. Nicht wahr, wenn man die ganze Nacht aufbleiben soll, so muß man sich doch wenigstens vorher ein bißchen kräftigen? Jawohl, und da hat die Gans von einer Dienstmagd in der Verwirrung vergessen, das Abendessen zu kochen ... ich mußte mich mit einem Stück kalten Kalbsbraten begnügen, und nichts liegt einem schwerer im Magen, als kaltes Kalbfleisch, nicht wahr? Ich glaube nicht, daß ich es überhaupt verdaut hätte, wenn ich nicht glücklicherweise im Büffett eine Flasche mit einem Restchen Cognak gefunden hätte ... Na, und da mußte ich wohl oder übel ein Schlückchen davon nehmen, o, nur ein Fingerhütchen voll ... denn ich habe mein Lebtag keinen Schnaps vertragen können, er macht mir übel, und wenn ich je einmal ausnahmsweise welchen trinke, so ist es nur ein Tröpfchen und noch dazu mit Zucker.«

Damit verschwand die Megäre, und der Abbé, der allein im Zimmer zurückblieb, betrachtete, um sich die Zeit zu vertreiben, die Zeichnung auf dem Arbeitstisch. Es war der Plan zu einem kleinen Bahnhofgebäude, wie man sie auf dem Lande, bei Lokalbahnen, trifft, wo zwischen den Schienen der wilde Mohn und der Löwenzahn wuchert. Ja, es war ein ganz kleiner, mit peinlicher Sauberkeit gezeichneter Bahnhof. Nichts fehlte, weder der kleine Warenschuppen, noch der kleinere Lampenraum zur Rechten, noch auch jenes kleinste, aber unentbehrlichste Gebäude links mit den getrennten Abteilungen »für Herren« und »für Damen«.

Und als der Abbé nun seinen Blick im Zimmer umherschweifen ließ, bemerkte er an den Wänden eine Menge andrer Zeichnungen und Aquarelle, gleichfalls kleine Bahnhöfe darstellend, die dem, den er zuerst betrachtet hatte, auf ein Haar glichen. Der Bau kleiner Bahnhöfe war augenscheinlich Henri Burtals Spezialität, und es mochte eine nicht sehr unterhaltende Aufgabe sein, immer dieselben Bauten zu entwerfen, bei denen schon im voraus alles bis auf den letzten Rinnstein so schön geregelt ist, so gleichmäßig, daß man mit einem und demselben Schlüssel die Thürschlösser der Inspektionszimmer auf der ganzen Strecke aufschließen könnte. Nur in ganz seltenen Fällen hatte sich die Phantasie des Architekten eine kleine Abwechslung gestattet, indem er den Lampenraum nach links und das Haus mit den getrennten Abteilungen nach rechts verlegte.

Der Abbé, den der griechische Fries über der Vorthüre etwas eingeschüchtert hatte, beruhigte sich wieder. Offenbar hatte es Herr Burtal noch nicht bis zum Bau von Kathedralen und Königspalästen gebracht, wenn auch der in einer Ecke liegende Rekonstruktionsplan der Thermen des Caracalla darauf hinwies, daß er einmal in Italien gewesen war und von dergleichen geträumt hatte.

Der Architekt war demnach aller Wahrscheinlichkeit nach ein armer Teufel, und der Abbé, der ihm ein Vermögen brachte, freute sich über diese Wahrscheinlichkeit.

Ein ungewöhnlich heftiger Zug an der Flurglocke riß den Geistlichen aus seinen Bahnhofbetrachtungen, im Vorzimmer vernahm er einen Freudenschrei, der von der alten Wartefrau herrühren mußte, dann das Flüstern einer sehr energischen weiblichen Stimme – das Geräusch einer Thüre, die aufgerissen wurde und hinter der ein leises Stöhnen hervordrang.

Kein Zweifel, die Hebamme war gekommen.

Einige Augenblicke darauf erschien der Hausherr, Herr Henri Burtal, ganz in Grau gekleidet, vor dem Abbé.

Welch ein hübscher junger Mann das war! Ein blonder, schlanker Herkules mit breiten Schultern und schlanker Taille. Er konnte höchstens dreißig Jahre alt sein. Sein Kopf glich dem einer antiken Statue, aus seinen blauen Augen sprach Offenheit und Treuherzigkeit, der etwas zu große Mund zeigte ein blendendes Gebiß, und unter dem kühn aufgesträubten Schnurrbärtchen wölbten sich die Lippen rot und voll, wie zum Lachen geschaffen!

»Das ist einer, der den Mädchen den Kopf verdreht, wenn er sie ansieht,« dachte der Abbé bei sich.

Aber in diesem Augenblick befand sich der hübsche Jüngling, den die Natur wie Theseus und Peirithoos dazu geschaffen zu haben schien, mit Centauren zu kämpfen, und der sich in unsrer mittelmäßigen Civilisation darauf angewiesen sah, mit chinesischer Tusche kleine Bahnhofspläne zu zeichnen, in großer, nur schlecht verborgener Unruhe.

»Verzeihen Sie, Herr Abbé, daß ich Sie habe warten lassen,« sagte er mit vor Erregung zitternder Stimme. »Man hat Ihnen doch gesagt, daß meine junge Frau, meine arme Cécile! ... Es ist ihr erstes Wochenbett ... in den vier Jahren, die wir verheiratet sind ... Etwas vor Mittag hat es begonnen ... Zehn qualvolle Stunden! ... Ach, sie so zu lieben und so leiden zu sehen, dabei zu stehen und nichts thun zu können! ... Aber entschuldigen Sie, und nehmen Sie Platz. Ich stehe zu Ihren Diensten, ich bin ganz zu Ihrer Verfügung.«

Der Abbé sah gar nicht danach aus, als wäre er vom Erzbischof gesandt, um den Plan zu einer Kathedrale zu bestellen. Immerhin hoffte der Architekt, der die Geistlichkeit als Bauherren wohl zu schätzen wußte, es werde sich um einen Auftrag für ihn, wenn auch von kleinerem Umfang, die Restauration einer Kirche, eines Klosters, einer Schule oder dergleichen handeln. Er unterdrückte daher seine innere Unruhe, so gut er konnte, um dem vermeintlichen Kunden einen guten Empfang zu bereiten.

»Sie werden mir gewiß sofort verzeihen, daß ich Sie in diesem kritischen Moment Ihres Lebens störe,« begann der Abbé, indem er die bewußte Brieftasche hervorzog und öffnete, »wenn Sie die Mission erfahren haben werden, mit der ich an Sie beauftragt bin ... Bereiten Sie sich auf ein sehr glückliches Ereignis vor. Ihr ehemaliger Bankier, Renaudel ...«

»Dieser Spitzbube!«

»... zahlt alles zurück, was er Ihnen und den andern gestohlen hat. Er hat mich gebeten, Ihnen diesen Wechsel im Betrage von fünfmalhundertsiebenundsechzigtausend, achthundert neunundneunzig Franken zu übergeben.«

Sapperlot! Das war ja noch besser als ein Auftrag! Und wenn der chinesische Kaiser, von allen seinen Mandarinen begleitet, gekommen wäre, um Herrn Burtal zu bitten, er möge ihm einen chinesischen Götzentempel im Geschmack des Eiffelturmes von vierzig Stockwerken erbauen, so hätte das sympathische Gesicht des Künstlers keine freudigere Ueberraschung ausdrücken können.

Nachdem er sich von seinem unverhofften Glücke überzeugt, das wunderbare Papier genau geprüft und den Abbé Moulin seine Erklärung hatte wiederholen lassen, rief er mit strahlenden Augen: »Welches Glück! Sie erlauben – ich muß es sofort Cécile mitteilen ...«

»Wie können Sie nur daran denken!« beschwor ihn der Abbé, »Ihre Frau in einem solchen Augenblick dieser Aufregung auszusetzen! ... Aber um Gottes willen, Sie könnten sie ja töten!«

Der Architekt wurde ganz bleich.

»Es ist wahr,« flüsterte er, »Sie haben recht, ich danke.«

Dann wieder den Wechsel, den er noch immer in der Hand hielt, betrachtend, fügte er in erregtem Ton hinzu: »Es erschreckt mich jetzt sogar, dieses Glück, das mir so plötzlich in den Schoß fällt. Ein Vermögen in diesem Augenblick, wo meine arme Frau sich in Schmerzen windet, wo sie vielleicht in Todesgefahr schwebt, das ist schrecklich! ... Wie? Wenn alles glücklich vorüberginge, wenn man mir jetzt sagte: ›Ihr habt ein Kind, und für die Mutter ist nichts mehr zu fürchten‹ – und dazu dieser Reichtum! – Nein, es wäre ja zu schön! Ach, glauben Sie nur, Herr Abbé, wir haben keine sehr leichte und heitere Existenz, meine liebe Frau und ich ... Um unsern Lebensunterhalt zu verdienen, habe ich die unwürdige Arbeit eines Handwerkers übernommen. Sie sehen hier, was ich baue – und dabei muß ich mich noch glücklich schätzen, wenn es mir nicht an Aufträgen fehlt. Ich kann deren nie genug haben, obwohl ich darüber jeden Augenblick meine liebe Frau verlassen, zur Ueberwachung der Arbeiten aufs Land reisen und mich dort in den schlechten Herbergen herumdrücken muß ... Denken Sie sich, meine gute Cécile hatte diesen Winter nicht einmal das nötige Geld, um sich ein Kleid machen zu lassen ... Nein, wir sind nicht glücklich ... und dennoch, mein Ehrenwort darauf, wenn jemand in diesem Augenblick zu mir sagte: ›Willst du sicher sein, daß deine Frau diese Stunde glücklich übersteht, so wirf dieses Papier ins Feuer‹, ich würde mich nicht einen Augenblick besinnen! ... Denn dieses große Glück jagt mir Furcht ein.«

In diesem Moment hörte man einen langen, gellenden Schrei.

»O, meine arme Cécile!« rief der Architekt und stürzte wie ein Wahnsinniger aus dem Zimmer.

So indiskret es dem Abbé auch erschien, unter solchen Umständen noch länger zu verweilen, blieb ihm doch nichts andres übrig, denn er mußte seine Quittung haben, für Renaudel.

Er blieb also wieder allein mit den kleinen Bahnhöfen, die in ihrer bescheidenen Umrahmung so friedlich aussahen, als sie es in der Wirklichkeit sein mochten, wenn nicht gerade ein Zug durchfuhr.

Nach einer Viertelstunde kehrte Henri Burtal zurück.

»Sie ist ruhiger, sehr viel ruhiger,« sagte er. »Die Weiber haben mich fortgeschickt; sie sagen, daß meine Anwesenheit die Kranke nur aufrege ... Sie sind schrecklich, diese Weiber! Die Hebamme ist grob wie ein Polizeisergeant, und die Wärterin riecht nach Branntwein, daß einem übel davon wird ... Aber, was wollte ich machen, heute morgen waren keine zweihundert Franken im Hause. Doch ich bitte nochmals um Entschuldigung, Herr Abbé, sagten Sie nicht etwas von einem Quittungsformular?«

»Ja, hier ist es,« erwiderte der Abbé.

Der Architekt setzte sich und unterzeichnete. Dann murmelte er, wie in Träume versunken, vor sich hin: »Mehr als eine halbe Million! Der ganze Wohlstand von ehemals – der mich, im Grunde genommen, doch nicht glücklich gemacht hat. Ja, es ist kein Zweifel möglich, das Glück, das wahre Glück habe ich erst kennen gelernt, nachdem ich ruiniert war.«

»Nun fängt der auch noch an, das ist aber doch ein bißchen zu stark,« dachte der Abbé bei sich, und laut fuhr er fort: »Was sagten Sie da, mein Herr? Soeben noch teilten Sie mir mit, daß Ihr Leben ein hartes und schweres sei ...«

»Ich hatte unrecht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Seit vier Jahren ist dieses Leben köstlich, denn ich liebe und bin wieder geliebt ... Dieses Gefühl hilft mir die Mittelmäßigkeit meines Berufs, wie jede andre Widerwärtigkeit mutig ertragen ... Und ohne das Elend hätte ich niemals gewußt, daß Cécile mich liebt, ohne das Elend wäre mir der Schatz ihres Herzens ewig verschlossen geblieben. Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Abbé, wie hat Ihnen Renaudel von mir gesprochen?«

»O, wie von einem jungen Mann ...« antwortete der Geistliche, verlegen nach dem rechten Ausdruck suchend, »wie von einem jungen Mann, der ... sich von den Thorheiten seiner Zeit nicht gerade entrüstet abwendet, sondern sie lustig mitmacht ...«

»Wie von einem Lebemann also, kurz gesagt,« fiel ihm Henri Burtal ins Wort, »einem Wüstling. Ich will es Ihnen nur gestehen, daß er die volle Wahrheit gesagt hat. Wollen Sie meine Lebensgeschichte hören? Indem ich sie Ihnen erzähle, vergesse ich vielleicht die schreckliche Unruhe meines Herzens, denn wenn ich daran denke, was im Nebenzimmer vorgeht ...«

Und mit hastigen Schritten auf und ab gehend, begann er: »Mit dreiundzwanzig Jahren war ich reich, frei, ich war kein häßlicher Bursche, und in meinen Adern floß heißes Blut. Ich machte eine Reise nach Italien, um mich, wie man so sagt, in meiner Kunst zu vervollkommnen. Zurückgekehrt, verstand ich mich vielleicht auf den Bau von Arenen, die sich zum Kampf zwischen Christen und wilden Tieren vortrefflich geeignet hätten; – gleichzeitig aber wäre ich im stande gewesen, wenn man mir den Bau eines fünfstöckigen Hauses anvertraut hätte, das Treppenhaus und die Wassersteine zu vergessen ... Thatsächlich hatte ich mich dort weniger mit dem Kolosseum und der Peterskirche, als mit den hübschen Blumenmädchen beschäftigt, die des Abends vor den Kaffeehäusern herumstreichen und den Herren kleine Sträußchen ins Knopfloch stecken. In Paris setzte ich diese Studien fort ... Ich beleidige Sie doch nicht mit diesen vertraulichen Mitteilungen, Herr Abbé?«

»Fahren Sie nur fort,« antwortete der Geistliche, »in der Beichte bekomme ich noch ganz andre Dinge zu hören.«

»In dem Hause, das ich damals ganz in der Nähe, in der Rue de Vaugirard, bewohnte, wohnten auch Cécile und ihre Mutter, nur mit dem Unterschiede, daß mein kokett eingerichtetes Junggesellenheim im zweiten Stock, ihre ärmliche Mansarde dagegen unter dem Dach lag. Sie waren sehr arm. Die Mutter bezog als Witwe eines Beamten beim Ministerium eine kleine Pension; die Tochter erlernte das Telegraphieren. Jeden Morgen ging sie mit ihrer kleinen Mappe unter dem Arm nach der Rue de Grenelle, um dort das Morsealphabet einzuochsen. Ich fand sie entzückend und glaubte aus einigen Blicken, die wir gewechselt hatten, zu erraten, daß auch ich ihr nicht mißfiel. Unsre Bekanntschaft begann damit, daß ich den Hut zog, wenn ich ihr auf der Treppe begegnete, und ein flüchtiges Gespräch anknüpfte, wie es unter Hausgenossen Brauch ist. Nun kurz, es gelang mir mit der Zeit, mich bei den beiden Damen einzuführen, und ich dachte – gewiß, das war nicht hübsch von mir – frischweg meine Verführerkünste an dem jungen Mädchen zu erproben. Sie wies mich zurück, aber als ein ehrbares Mädchen, das sie war, nicht mit Entrüstung oder gar Zorn, sondern nur mit tiefer Trauer und mit Thränen in den Augen ... Sie heiraten? Ich hätte es gekonnt, und einen Augenblick dachte ich auch daran, aber ich war so leichtsinnig, damals ... Einige Tage nach diesem Mißerfolg stellte mich ein Freund von mir, ein Schriftsteller, von dem man gerade im Gymnase eine Komödie spielte, der jugendlichen Liebhaberin dieses Theaters vor, die weniger grausam war. Ich will nicht näher auf dieses Verhältnis eingehen; etwa ein Jahr lang hatte ich das Vergnügen, den Schmuck dieser Dame zu bezahlen, ihr allabendlich kostbare Blumenbouquets in die Garderobe zu schicken und ihren Kutscher abzulohnen, ein Vergnügen, das bereits einen hübschen Teil meines Vermögens verschlungen hatte, als Renaudel sich so freundlich des Restes annahm. Die Künstlerin, die ihren dramatischen Unterricht nicht umsonst genossen hatte und ihren Corneille auswendig wußte, rief, als sie meinen Ruin erfuhr: ›Seien wir Freunde!‹ und noch am gleichen Tage sah man sie in der mail-coach eines jungen Edelmannes von fürstlichem Geblüt, der alle seine Fähigkeiten auf die Kunst der Omnibuskutscher konzentriert zu haben schien und im Theater seinen Fauteuil neben dem meinigen hatte, spazieren fahren. Und so stand ich denn auf dem Pflaster, verlassen, hilflos, mit einem Beruf, der nur in den seltensten Fällen seinen Mann ernährt. Ich suchte Beschäftigung und betrat den harten Weg eines Bittstellers. Meine Wohnung in der Rue de Vaugirard hatte ich aufgegeben und meine Nachbarinnen gänzlich aus den Augen verloren, fast vergessen. Wie hätte ich auch ahnen können, daß dieses junge Mädchen, das ich so schnöd beleidigt hatte, mir ein mitleidiges Andenken bewahrte, daß sie sich für mein Schicksal interessierte und mein Unglück beklagte! Und dennoch war es so ... Es war an einem Frühlingsabend, nach einem Tage vergeblichen Suchens, als ich, ganz niedergeschlagen nach Hause zurückkehrend, den Tuileriengarten durchschritt und mich plötzlich Cécile gegenüber befand, die in tiefe Trauer gekleidet war. Sie reichte mir die Hand und erzählte mir unter Thränen, daß ihre Mutter gestorben sei, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt stehe, daß sie auch meinen Kummer kenne ... und dann sagte sie mir einige gute, liebe Trostesworte ... Ach, Herr Abbé, ich weiß nicht, was ich ihr darauf erwidert habe, noch was die Ammen, die da unter den blühenden Kastanienbäumen herumsaßen, von uns denken mochten, ich weiß nur, daß ich die Hand des lieben Mädchens ergriff und lange in der meinigen hielt, daß ich sie unter Thränen um Verzeihung gebeten habe.«

»So ist's recht,« rief der Abbé, den diese Wendung mit großer Genugthuung erfüllte.

»Loben Sie mich nicht zu früh, noch bin ich nicht fertig. Ich bot Cécile meinen Arm, sie nahm ihn an und willigte selbst ein, mit mir in einem jener bescheidenen Restaurants am Seineufer zu speisen, wo man für anderthalb Franken zwei schlechte Gerichte und einen dürftigen Nachtisch vorgesetzt erhält. Ich war aber so glücklich darüber, daß das liebe Mädchen meine Freundin geblieben war, daß ich nie Besseres gegessen zu haben glaubte, als die zähe Stiefelsohle mit Champignons, die man uns hier auftrug ... Nach dem Diner spazierten wir noch über die Quais, den Fluß entlang, in dem sich die ersten Sterne spiegelten. An der Art und Weise, mit der Cécile ihren Arm auf den meinigen stützte, an dem Blick voll Güte und Mitleid, den sie auf mich richtete, fühlte ich – o, wie süß das war! – daß sie mich liebte, daß sie mich immer geliebt hatte! Und ich fühlte auch, daß, wenn ich ihr in dieser trauten Stunde die früheren Liebesworte wiederholen würde, diese keine Beleidigung mehr für sie sein würden, und daß, wenn ich es wollte, dieses großmütige Mädchen, das mich zurückstieß, als ich noch glücklich und reich war, sich mir jetzt, wo ich ein Bettler war, rückhalts- und bedingungslos hingeben würde ...«

»Aber, ich will doch hoffen,« schaltete der Abbé hier ganz erschrocken ein.

»Beruhigen Sie sich, Herr Abbé. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich, als wir vor dem Hotel de la Monnaie angelangt waren, wo es um diese Stunde ganz einsam ist, meiner Cécile einen Kuß geraubt und wiedergegeben habe. Aber indem ich es that, schwor ich ihr, daß fortan mein Herz nur ihr gehören, daß sie meine Frau werden solle, und daß wir, geh's, wie's wolle, Arm in Arm, durch Regen und Sonnenschein, auf schlechten und guten Wegen, gemeinsam durchs Leben wandeln würden ... Wir haben keine Zeit verloren, das können Sie glauben. Nach der üblichen Frist des Aufgebots sind wir nach dem Standesamt und von da nach der Kirche gefahren. Ich hatte meine letzten Nippsachen verkauft – eine Menge japanischer Dummheiten, die ich teuer bezahlt hatte und die man heute für einen Spottpreis im ›Bon Marché‹ haben kann. Mit dem Erlös kaufte ich ihr das Brautkleid und den Brautkranz. Zum Glück erhielt ich am Vorabend meiner Hochzeit die Anstellung als Architekt bei einer Eisenbahngesellschaft, wo ich vorerst noch der Unterste der Untergeordneten bin und, wie Sie sehen, keine Parthenons zu bauen habe ... Aber man verdient dabei seinen Lebensunterhalt trotz alledem, und unsre Ehe ist so glücklich, als wären wir noch in den Flitterwochen. Jede Existenz ist gut, die dem Gefühl noch ein Plätzchen übrig läßt, auf dem es seine Blüten treiben kann. Aber, was rede ich da, das alles gehört ja jetzt der Vergangenheit an ... Ich besitze fünfmalhunderttausend Franken, ich bin reich, und damit ist auch die Garderobefrage, die uns schon so schwere Sorgen gemacht hat, endgültig gelöst. Morgen kaufe ich meiner Frau den hübschen Smaragdschmuck, den ich unlängst in einem Schaufenster des Palais Royal bewundert habe ... Morgen! Mein Gott, und ich vergesse ganz, daß meine arme Cécile in Todesgefahr schwebt, heute, in diesem Augenblick! – O, Herr Abbé, flößen Sie mir einen Strahl der Hoffnung und des Mutes ein, beten Sie zu Gott für meine arme Frau, Sie, der Sie so schöne Gebete wissen! Sagen Sie mir doch, daß die Kinder, die in der Christnacht geboren werden, alle ohne Unfall das Licht der Welt erblicken.«

Der Abbé war bis zu Thränen gerührt, er drückte dem Architekten die Hand, aber während er noch nach Trostesworten suchte, stürzte die Wärterin mit dunkelrotem Gesicht ins Zimmer und schrie aus Leibeskräften: »Bravo! Ein Junge, gnädiger Herr, und alles ist aufs beste verlaufen!«

Und ohne jede weitere Rücksicht für seinen Besuch stürzte der glückliche Vater, von der schrecklichen Alten gefolgt, hinaus, um sein Kind, sein Weib zu umarmen.

Zum drittenmal mit den kleinen Bahnhöfen allein gelassen, gab sich der Abbé Moulin den folgenden Betrachtungen hin: »Dieser Burtal ist ein guter, ein vortrefflicher Mensch, und er hat recht ... Die wahre Liebe ist ein Glück, das man nicht erkaufen kann ... Gott segne sie, diese jungen Leute und ihren Neugeborenen!«

Aber ein zufälliger Blick auf die Standuhr, die er jetzt erst bemerkte und deren Zeiger auf ein Viertel vor Zehn wies, gab seinen Gedanken rasch eine andre Wendung.

»O! o!« murmelte er, »ich muß mich sputen ... Von hier bis nach dem Boulevard Malesherbes ist noch eine hübsche Strecke.«

Er zog die Handschuhe an, knöpfte seinen Priesterrock zu und wollte sich eben ohne Abschied empfehlen, als Henri Burtal mit strahlendem Gesicht ins Zimmer stürzte.

»Nein, nein,« rief er mit vor Freude zitternder Stimme, »Sie dürfen mich so nicht verlassen ... Der Kleine ist prächtig! ... Großartig! ... Er wird gerade gewogen ... Und meine arme Cécile, wenn Sie sie sehen könnten, wie matt und bleich sie in ihren Kissen liegt, das arme Kind! ... Aber welch ein seliges Lächeln auf den Lippen! ... Nein, ich bin zu glücklich! Ich will auch andre glücklich machen! Sie, Herr Abbé, Sie kennen sicher so manches Elend ... bezeichnen Sie mir eins, das ich mildern kann, jetzt, da ich reich bin.«

»Nun, mein werter Herr,« antwortete der Geistliche, der niemals sein liebes Quartier Mouffetard aus den Augen verlor, »wenn Sie der Armut Glück und Liebe verdanken, so kenne ich ein junges Paar, bei dem das Gegenteil der Fall ist ... Die Braut arbeitet in falschen Perlen, der Bräutigam in Lohkuchen ... Das Mädchen ist brav und sittsam, was in jener Gegend nicht allzu häufig vorkommt ... Es fehlen ihnen nur fünfhundert Franken für die erste Einrichtung.«

»Sie sollen tausend haben!« rief der Architekt, indem er sich von dem Abbé verabschiedete. »Erheben Sie diese Summe bei mir, wann es Ihnen genehm ist. Und ich zähle auf Sie für die Taufe meines Sohnes.«

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