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Die wahren Reichen

François Coppée: Die wahren Reichen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFrançois Coppée<
titleDie wahren Reichen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
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correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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I.
Bei einem Dichter.

Draußen war der eiskalte, feuchte Nebel inzwischen noch dichter geworden.

Beim schwachen Schein der Wagenlaterne überflog der Abbé nochmals die Liste mit den Adressen und rief sodann die erste dem Kutscher zu, indem er ihm mit den Worten zugleich drei Dampfwolken aus Mund und Nase entgegenblies. Und kaum war der Wagenschlag zugeklappt, so trieb der Mann mit dem lackierten Lederhut mit einem kräftigen »Hüe! Cocotte!«, jedes Wort von einer entsprechenden Dunstwolke begleitet, sein Pferd an, das nicht aus den Nüstern allein, sondern am ganzen Leibe wie eine Schwefelgrube dampfte.

Durch einen Peitschenhieb erweckt, setzte der arme Gaul sich resigniert in den gewohnten Zotteltrab.

Trotz des Windzuges, der durch die schlecht schließenden Fenster blies, trotz des Duftes von verfaultem Stroh, altem Tabak und feuchtem Tuch, der ihn umgab, fühlte sich der gute alte Mann seelenvergnügt in seiner Wagenecke. Gegen seinen Schenkel preßte er, in seinem Priesterrocke verwahrt, jene Brieftasche, worin sich mehrere Vermögen befanden. Er sagte sich, daß die Mission, mit der er betraut worden, doch schließlich eine sehr angenehme sei, und daß er damit Glück stiften würde.

Von der Rue de Clichy nach Montmartre ist es nicht weit. Einen Augenblick glänzten durch den Nebel die hell beleuchteten Fenster des Moulin-Rouge, eines bekannten Tanzlokals, dann ging's wieder im Dunkel dahin, bis schließlich der Wagen im Schritt die steile Rue Lepic erklomm und in der Rue des Abbesses anhielt.

»Herr Louis Dublé?« fragte der Abbé, indem er die Thüre der Portierloge öffnete, aus der ihm der Duft eines Ragouts entgegenwehte, wie man es auf Rothschilds Tafel nicht besser trifft.

»Im fünften, die Thüre geradeaus,« antwortete eine Art Macbethscher Hexengestalt, mit einer weißen Haube auf dem Kopf und Bartstoppeln im Gesicht, die, über ihren Kochtopf gebeugt, die Leber eines Juden, das Blut eines Affen und die Galle einer Sau, die ihre neun Jungen verschlungen hat, durcheinander zu rühren schien. In Wirklichkeit schmorte sie Hammelfleisch mit Bohnen, ein Gericht, das nirgends so schmackhaft zubereitet wird, wie in Pariser Portierlogen, und nach dem so mancher Feinschmecker sich die Lippen lecken würde, hätte er es nur einmal gekostet.

Der schreckliche Anblick dieser Pförtnerin, die Unordnung in der Loge, die zweifelhafte Reinlichkeit und spärliche Beleuchtung des Treppenhauses bereiteten dem Abbé ein Gefühl der Befriedigung. Recht so, sicher war es ein armer Poet, dem er das Geld brachte. Er wohnte im fünften Stock – bravo! Und der Priester, dessen Kenntnisse von dem intimen Leben der Schriftsteller sich auf etliche klassische Erinnerungen beschränkten, stellte sich im Geiste schon eine düstere Dachkammer vor, worin er Louis Dublé in Ermangelung eines Feuers in einem dürftigen Bett liegend finden würde, Papier und Bleistift in der Hand, mit zerzausten Haaren, nackter Brust und jenem Fieberglanz in den Augen, der das traditionelle Zeichen poetischer Begeisterung ist. Der naive Abbé dachte dabei nämlich an etliche alte Kupferstiche aus dem vorigen Jahrhundert, die er einmal im Vorübergehen bei einem Trödler bemerkt hatte. Wer weiß, ob er nicht, oben auf dem Flur angelangt, plötzlich einen penetranten Kohlendunst wittern würde, ob er nicht am Ende gar die Thüre einbrechen mußte, um einen Verzweifelten von dem selbst gewählten Erstickungstod zu erretten!

Ganz aufgeregt durch diese düsteren Vorstellungen klettert der Abbé, trotz seines Asthmas, ziemlich schnell die Treppen hinauf.

Aber das von der bärtigen Hexe bezeichnete »fünfte« war keineswegs das letzte Stockwerk des Hauses. Der Abbé war ganz erstaunt, ja beinahe entrüstet, als er sich einer wohlanständigen Flurthüre gegenüber sah und eine Klingel zog, die ebensogut die einer ehrbaren Bürgerwohnung hätte sein können.

Ein elegant gekleideter junger Mann – Louis Dublé selber – öffnete. Er war bereits im Gesellschaftsanzug, schwarzem Frack und weißer Krawatte, weil er einer ersten Aufführung beiwohnen und darum frühzeitig im Restaurant speisen wollte.

Der Abbé Moulin nannte seinen Namen und bat um eine Unterredung. Mit aller Höflichkeit führte ihn Louis Dublé in ein großes Zimmer, das einst einem Maler als Atelier gedient hatte und jetzt zwar keineswegs luxuriös, aber doch recht behaglich eingerichtet war. Die Wände waren mit hohen Bücherregalen umstellt, auf dem großen, von einer Lampe erhellten Tisch lag eine Menge von Papieren verstreut, und die angenehme Wärme eines verglimmenden Holzfeuers vervollständigte den Eindruck eines Raumes, dessen Bewohner sich eben von langer, anstrengender, aber ruhiger Arbeit erhoben hat.

Der Abbé Moulin kam nicht aus dem Verwundern heraus, all seine düsteren Phantasieen sanken in nichts zusammen.

»Was verschafft mir die Ehre?« fragte Louis Dublé, indem er sich dem Abbé gegenüber auf einen mittelalterlichen Sessel setzte und dabei in seinem Frack so korrekt aussah als der Präsident eines vornehmen Spielklubs.

In jedem Menschen, selbst dem besten, dem einfachsten, steckt ein Stück von einem Schauspieler.

»Schließlich,« so sagte sich der Abbé, »bringe ich doch diesem Herrn da, diesem sogenannten Dichter, der nicht, wie es sich doch eigentlich für ihn passen würde, im tiefsten Elend steckt und mich mit einer Höflichkeit von zehn Grad unter Null empfängt, mehr als eine Viertelmillion.« Und, wenn auch unbewußt, konnte sich der würdige alte Herr doch nicht ganz die Freude an dem versagen, was man in der Bühnensprache einen großen Schlager nennt.

Er vergrub seine Hand in die Tiefen seines Priesterrockes, zog daraus eine Schnupftabaksdose, einen Rosenkranz, acht Soustücke, sein Brillenfutteral und ganz zuletzt die famose Brieftasche hervor. Nachdem er die acht Soustücke, den Rosenkranz und die Schnupftabaksdose wieder an ihren früheren Ort zurückgebracht, setzte er sich die Brille recht gemächlich auf die Nase, öffnete die Brieftasche, ließ die Wechsel nochmals einzeln durch seine Finger gleiten, wählte denjenigen, der den Namen Louis Dublé trug, und überreichte ihn dem Dichter mit einer wohlabgerundeten Handbewegung. Und mit einem gutmütigen Lächeln, das jedem Schauspieler Ehre gemacht hätte, begann er: »Mein Besuch, lieber Herr, hat keinen andern Zweck, als Ihnen dieses ... selbstverständlich gegen Quittung ... zu überreichen.«

»Wie? Was?« rief der Dichter, nachdem er einen Blick auf das Papier geworfen, »zweimalhunderteinundfünfzigtausend, dreihundertundneunzig Franken! ... In einem Wechsel? ... Auf meinen Namen? ... Soll das eine Mystifikation sein?«

»Nicht im geringsten, mein Herr,« antwortete der Abbé, das bedeutet einfach soviel, daß Herr Renaudel ...«

»Mein ehemaliger Bankier! dieser infame Dieb ...!«

»Gewissensbisse bekommen hat, und daß er seinen Gläubigern alles, was er ihnen entwendet, mit Zinseszinsen zurückzahlt.«

»Wie? ... Diese enorme Summe? Mein ganzes väterliches Erbteil ... und noch mehr ...?«

»Alles zahlt Renaudel Ihnen zurück, und er hat dabei keinen andern Hintergedanken, als den, sein Gewissen zu beruhigen. Mehr von ihm zu sagen, ist mir verboten.«

»Aber ... mein Gott ... das ist ja der reinste Feentraum! ... Dieser elende Schuft ist also ein ehrlicher Mann?«

Und Louis Dublé brach in ein nervöses Gelächter aus.

»Er ist ein Schuldner, der seine Schulden abzahlen will, mein Herr,« antwortete der Priester in fast strengem Ton. Denn er ärgerte sich nachgerade über diesen jungen Mann, der in seinem feinen Ballanzug wie ein angehender Diplomat vom Quai d'Orsay aussah. Und überdies war die Enttäuschung für ihn zu groß. Wie? Keine Dachkammer? Kein zerbrochener Wasserkrug? Kein Strohlager? Kein Hund, der die herunterhängende Hand des sterbenden Dichters leckt? Ja, wo blieb denn da die Tradition?

Louis Dublé hatte inzwischen die Hand unter den Aufschlag seiner Weste gesteckt und sie auf seine Brust gepreßt.

Und mit einem stolzen Lächeln sagte er sich: »Mein Herz klopft nicht zu stark, – ich bin mit mir zufrieden.«

Jetzt erst bemerkte er die verdutzte und enttäuschte Miene seines Besuchers. »Sie scheinen erstaunt zu sein, Herr Abbé,« wandte er sich an diesen, »daß ich keine größere Freude an den Tag lege, daß ich nicht vor Vergnügen bis an die Decke springe. Gestehen Sie's nur, Sie hatten gewünscht, Renaudel von mir als einem Mann berichten zu können, den das unvermutete Glück fast verrückt gemacht hat. Aber nein, ich würde lügen, wenn ich dieses gestempelte Papier mit Küssen des Danks bedeckte ... es macht mir Vergnügen, ja, aber es beunruhigt mich auch ein wenig. Dank diesem Gelde werde ich etwas mehr Zeit für mich haben, unabhängiger sein. Jetzt brauche ich nicht mehr die beiden Artikel per Woche hinzuschmieren, um Miete und Essen bezahlen zu können. Jetzt kann ich mein modernes Trauerspiel in Angriff nehmen, zu dem ich die Idee schon lange im Kopf herumtrage und das mich des Nachts oft nicht schlafen läßt. Aber gerade deshalb muß ich vernünftig leben und darf vor allem nicht in meine früheren Fehler, den Hang zum Müßiggang und zur Träumerei, zurückfallen. Sie scheinen mir ein ausgezeichneter Mann zu sein, Herr Abbé, und ich bin überzeugt, daß Renaudels Handlungsweise Sie tief gerührt hat. Nun wohl, ich kann Ihnen das Mittel an die Hand geben, womit Sie diesem reuigen Dieb eine Freude machen und seine Gewissensskrupel beruhigen können. Sie brauchen ihm nur zu sagen, daß er mir, indem er mir alles, was ich noch besaß, nahm und mich arm wie Hiob und entblößt wie ein Wurm zurückließ, einen großen Dienst geleistet hat.«

»Einen Dienst? ...« rief der Geistliche ganz verdutzt aus.

»Ja, und einen ganz enormen! ... Denn solange ich reich war, war ich faul und unbekannt; plötzlich arm geworden, habe ich gearbeitet, mein Talent entdeckt, und die große Sonne des Erfolges hat bereits einen erwärmenden Strahl auf mein Dasein geworfen. Haben Sie ein Viertelstündchen Zeit, so will ich Ihnen die Geschichte rasch erzählen, und Sie können diesem ehrlichen Schurken sie wiedererzählen, diesem Gauner, der mir nützte, indem er mich ausplünderte, und dessen verspätete Gewissensbisse mir – wer weiß? – vielleicht schweren Schaden bringen ...«

»Ich habe freilich große Eile,« antwortete der Abbé, »allein ich gestehe, daß ich sehr neugierig bin ...«

»O, es wird nicht lange dauern, ich werde mich kurz fassen: Denken Sie sich einen großen Dummkopf, der zu früh Herr seines Vermögens geworden ist, der für die Poesie schwärmt, in die Künste und Wissenschaften vernarrt ist, und den der Duft frisch bedruckten Papieres mehr berauscht als Champagner. Dabei eingebildet wie ein Geck ... das war ich mit zwanzig Jahren ... Zuerst kam die Lesewut über mich. Ich verschlang, ich bewunderte alles ... ich nahm die dümmsten Ritterromane ernsthaft, die seichtesten Gassenhauer flößten mir eine tiefe Verehrung ein ... Was für einen Magen hatte ich! Jeden Tag unternahm ich ein großes Werk, das dem, das ich am Abend vorher im Bett gelesen hatte, auf ein Haar glich, ein Gedicht, das ich nicht weiter als bis zum dritten halben Vers brachte, ein Trauerspiel, das bei der Beschreibung der ersten Dekoration: ›Das Theater stellt einen Wald dar, links ein Baum‹ ... stecken blieb. Alles in allem ein glücklicher Gemütszustand. Kein Feinschmecker sein und stets bei gutem Appetit ... Zu jener Zeit aber traf ich einen Freund, der zwei Jahre älter war als ich, für einen Kahlkopf noch ziemlich viele Haare besaß, überdies zwei bis drei kritische Phrasen auswendig gelernt hatte und sich rasieren ließ, um einem bekannten Dichter ähnlich zu sehen ... Er blendet mich durch seine Ueberlegenheit. Er läßt sich herab, mich in zwei Bierkneipen vorzustellen, von denen die eine im Quartier Latin, die andre in Montmartre gelegen ist. Die Würde, mit der er die Pforten dieser so weit auseinanderliegenden Musentempel aufreißt, läßt mich in ihm den Dichter der Zukunft vermuten, dessen Ruhm einst Paris und folglich die ganze Welt erfüllen wird. Ich, der geblendete Schüler, trete in seine Fußstapfen, überhäufe ihn mit Bierseideln und mit Aufmerksamkeiten, und zum Dank dafür füttert er mich mit dem Brot seines Geistes, er lehrt mich die Verachtung ... Wollen Sie wissen, welcher Art seine damaligen litterarischen Ansichten und folglich auch die meinigen waren? ... In der Vergangenheit gibt es, abgesehen von einigen Verkannten, die indes auch ihre Mängel haben, keinen Dichter, und die der Gegenwart sind im allgemeinen auch nicht viel wert. Zählte man die bedeutendsten an den Fingern her, so kamen in erster Linie er und dann ich – aus Höflichkeit, weil ich das Geld zu einer Zeitschrift hergegeben – und dann noch ein kleines Häuflein andrer junger Leute, das heißt wenn sie gerade da waren. Vor allem soll man ums Himmels willen niemals ans Publikum denken! Das wahre Talent schreibt höchstens für fünfundzwanzig Personen, und das kaum. Jeder, der nur den geringsten Erfolg hat, ist ein echter Philister, ein Spießbürger ... Das, Herr Abbé, waren die gesunden und ermutigenden Lehren, von denen ich mich mehrere Jahre lang ernährte ... Aber ich fürchte, Ihnen Chinesisch zu sprechen.«

»Nein, nein, durchaus nicht ... Ich versuche zu verstehen ... ich verstehe ... fahren Sie nur ruhig fort,« entgegnete der Abbé, der sich mit dem jungen Mann wieder auszusöhnen begann.

»Dank meinem kleinen Vermögen wurde ich zur Würde eines Mäcens erhoben. Unser Meister, der Kahlkopf, befahl mir, eine periodische Zeitschrift zu gründen, um unsre Ideen, wie er's nannte, zu verteidigen, und ich gab den ›Augenblick‹ heraus, eine Halbmonatsschrift, deren erste Seite eine Vignette schmückte, die ein junges Mädchen mit schwarzen Strümpfen, auf einem Photographieapparat reitend, darstellte. Jeden Abend trafen sich die Redaktionsmitglieder in einem Wirtshaus der Rue Cujas, wo ich den Vorsitz führte und jeden Monat eine meterlange Rechnung für Löwenbräubier, Sauerkohl mit Schinken, marinierten Hering und Ochsenmaulsalat zu bezahlen hatte.

»Zwei Gruppen von jungen Schriftstellern teilten sich in die Spalten des ›Augenblicks‹. Die sogenannten ›Nüchternen‹, d. h. die Prosaiker, die sich auf Stendhal beriefen, jeden Morgen ihren Gemütszustand mit dem schlechten Humor eines Magenkranken, der seine Zunge im Rasierspiegel betrachtet, beobachteten und mit der gleichen Genauigkeit ihre unglücklichen Liebschaften wie ihre gastrischen Verstimmungen analysierten; dann die Dichter der neuesten Mode, die Allegoristen, die, angeekelt von dem volltönigen Reim, sich der Assonanzen bedienten und zu dem Zweck die Sprachwerke des sechzehnten Jahrhunderts plünderten. Einer von ihnen, der Hauptschreier, ein Chilene, verlangte mit Stentorstimme, daß jedes Wort einen physischen Eindruck hervorrufen müsse. Er versicherte uns, daß er bei der Aussprache des Worts ›Melancholie‹ Sammet zu streicheln glaube, und daß der Name der Stadt Perpignan nach Knoblauch schmecke. Im übrigen wurden im ›Augenblick‹ alle Berühmtheiten erbarmungslos abgeschlachtet, und in der Wirtschaft der Rue Cujas ging man noch weiter und machte sogar den litterarischen Gästen des gegenüberliegenden Kaffeehauses, die noch keine Berühmtheiten waren, den Garaus. Nur aus Abscheu vor der ›Romantik‹ ging man mit einigen Klassikern gnädig um. Niemals sagte man anders als ›dieser arme Viktor Hugo‹, aber man ließ großmütig Bossuet und Racine gelten, man wußte eigentlich selber nicht, weshalb gerade diese beiden. Dieses Treiben war sehr unschön, weil ihm der Enthusiasmus, die jugendliche Begeisterung fehlte. Ich bewunderte es trotzdem, aus Diskretion, da ich das Kapital vorstreckte, vielleicht auch aus Uebermüdung, denn ich ging keine Nacht vor zwei Uhr, und nie anders als schwer betäubt von Bier und Aesthetik, zu Bett. Dann und wann veröffentlichte ich ein kurzes Gedicht in meinem eigenen Journal, worüber meine teuren Mitarbeiter sicher hinter meinem Rücken laut aufgelacht haben müssen, denn meine Verse, obwohl sonst so ziemlich nach ihrer Manier verfaßt, hatten sogar etwas wie einen Sinn und vor allem einen Reim am Schluß. Der ›Augenblick‹ erschien seit drei Jahren – er hatte mir als einzigen Nutzen ein Pistolenduell, wobei zwei Kugeln resultatlos gewechselt wurden, und eine Vorladung vor das Strafgericht verschafft – da brannte Renaudel nach Amerika durch und nahm den Rest meines Vermögens mit, der ohne diesen Zwischenfall zweifellos in Druckpapier und Sauerkraut mit Schinken draufgegangen wäre.«

»Und es blieb Ihnen nichts, gar nichts übrig, unglückliches Kind?« rief der Abbé Moulin voll Mitleid aus.

»Nichts, rein nichts, ich war bis auf den Grund ruiniert! ... Und dabei war ich an Müßiggang und Verschwendung gewöhnt! ... Einige Monate lebte ich von dem Ertrage meiner Bücher, meiner Möbel, meiner Anzüge, die ich nach und nach verkaufte, und ich hätte das schrecklichste Elend kennen gelernt, wäre mir damals nicht einer meiner ehemaligen Kneipbrüder begegnet, der mich rettete. Von dem Augenblicke an, wo er in einer bedeutenden Zeitung ein paar hübsche und geistreiche Artikel veröffentlichte, hatten wir ihn als einen Verräter und Abtrünnigen behandelt. Aber er war ein guter Kerl, der mir nichts nachtrug. Er verschaffte mir eine bescheidene Anstellung bei der Abendzeitung, für die er schrieb. O, es war nur eine Anstellung als litterarischer Laufbursche, als kleiner Reporter und dazu nur probeweise! Aber was wollte ich machen? Ich mußte leben; um meine Geschichten von dem tollen Hund, von der alten Frau, die an der Ecke der Rue Montmartre überfahren wurde, vorzutragen, hatte ich nicht Zeit, mich erst zu fragen, wie der Chilene es zu thun pflegte, ob die Worte nach Rosen oder nach Gas dufteten und ob man dabei die Empfindung habe, eine Schlange oder eine Angorakatze zu streicheln. Ich schrieb die ›Vermischten Nachrichten‹ so schnell und so gut ich's konnte, um mir ein Zehnfrankenstück zu verdienen ... Bah! so allein macht man seine Feder geschmeidig, und nur die Pedanten behaupten, der Journalismus verderbe den Stil. – Anfangs wurde es mir schwer ... welche Abhetzereien ... welche Aufregungen ... Direkt von einem Wohlthätigkeitsballe mußte ich oft nach der Place de la Roquette eilen, um einer Hinrichtung beizuwohnen. Nach einer Rundreise durch halb Frankreich im Extrazug des Präsidenten, nach zwanzig Banketts mit Toasten, mußte ich bei einem Anarchistenpicknick Cervelatwurst essen und sauern Wein trinken ...

»Das aber war das Leben, das Leben mit seinem Lärm, seinem Gewühl, seiner nie rastenden Bewegung! Ich stürzte mich hinein, ich sog es ein und schließlich liebte ich mein Handwerk. Es lieben, das hieß, es gut verrichten. Die Blätter, die mich beschäftigten, fingen an mich zu schätzen, zu würdigen. Ich fuhr fort, meine Tagesberichte unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, ließ aber gleichzeitig mit meinem wahren Namen unterzeichnete Artikel, Erzählungen und eine größere Novelle erscheinen. Und indem ich diese schrieb – zu meiner Schande sei es gestanden! – dachte ich an den Leser, suchte ich ihm zu gefallen, ihn zu interessieren. Ja, sie waren im Irrtum, die Heißsporne vom ›Augenblick‹, denn für das Publikum muß man arbeiten, und Théophile Gautier hatte recht zu sagen, daß es nicht genügt, ein Dummkopf zu sein, um Erfolg zu haben ... Ja, Herr Abbé, ich hatte Erfolg und meine Arbeiten fangen an gesucht zu werden ... Die Not hat mich zur Arbeit gezwungen; der Arbeit verdanke ich mein Talent ... Unlängst habe ich meinen ersten Roman herausgegeben, in kurzer Zeit hat er verschiedene Auflagen erlebt und die Blätter sprechen noch heute davon, ... nach sechs Wochen! Nicht wahr, das ist etwas ganz Ungewöhnliches, Unerhörtes? ... Ich habe sogar schon einige Neider, man fängt an auf mich zu schimpfen ... In jenen Bierhäusern, die ich nicht mehr besuche, bin ich in öffentlicher Sitzung vor gefüllten Bierseideln feierlich geächtet worden. Ein gutes Zeichen! Vortreffliches Symptom! ... Sehnsüchtig erwarte ich den Artikel, worin man zwischen den Zeilen liest, daß ich beim Kartenspiel betrüge oder daß ich ein heimlicher Polizeispion sei. An jenem Tage kann ich gänzlich unbesorgt der Zukunft entgegensehen ... denn, Sie wissen, Herr Abbé, kein Lorbeer, dem nicht die faulen Aepfel vorausgeflogen wären. O, ich gebe mich keiner Selbsttäuschung hin! Mein Buch ist voller Fehler. Sein einziges Verdienst besteht darin, daß es nicht nach irgend einer modernen Schablone gemacht ist. Ich werde weiter streben und Besseres schaffen, verlassen Sie sich darauf ... Wenn ich also in fünf Jahren meine Faulheit in Mut, meine Eitelkeit in gesunden Menschenverstand, meine Einbildung in künstlerisches Selbstbewußtsein verwandelt habe, wenn ich in die saftige Traube gebissen habe, von der alle Talentlosen sich mit den Worten: ›sie ist zu sauer‹, abwenden, so verdanke ich das einzig und allein dem Verlust meines Vermögens, dem guten Regime des Hungers und des Elends! ... Nichts ist so gut für einen Menschen, der im Straucheln begriffen ist, als ein tüchtiger Fußtritt, den das Schicksal ihm versetzt ... Ja Sie können es Renaudel sagen oder schreiben, daß ich ihm, diesem Gauner, meine Carriere verdanke, daß er mein Wohlthäter geworden ist!«

Jetzt, nachdem er aufgetaut, fand Abbé Moulin diesen jungen Dichter ganz nach seinem Geschmack. Obgleich das litterarische Kauderwelsch und die Fachausdrücke ihn etwas verwirrten, hätte er gern die Unterhaltung noch länger fortgesetzt. Er erinnerte sich jedoch, daß er vor Mitternacht noch drei andre Besuche zu machen habe.

»Mein Herr,« sagte er zu dem Dichter, »ich werde Renaudel den Sinn unsrer Unterhaltung getreulich mitteilen. Aber, ich sagte Ihnen bereits, daß ich große Eile habe ... Wollen Sie mir gütigst diese Quittung unterschreiben?«

Der junge Mann unterschrieb und gab das Papier dem Abbé zurück. Dann nahm er den Wechsel, der auf dem Schreibtisch liegen geblieben war, und indem er ihn nochmals mit den Augen überflog, murmelte er vor sich hin: »So sei denn willkommen, du gefüllter Geldsack! Künftig darfst du mich aber nicht wieder von der Arbeit abhalten ... Ich hatte es mir versagt, heute abend das Souper bei meinem Freunde Thurel, dem Bühnenschriftsteller, mitzumachen, obwohl die kleine Margot, die hübsche Blondine vom Theater des Variétés, mit von der Partie ist. Geldsack, Geldsack, ich fürchte, du wirst meine guten Vorsätze ins Schwanken bringen ...«

Der Priester, den dieses Selbstgespräch in Verlegenheit brachte, erhob sich, um sich zu empfehlen.

»Pardon, Herr Abbé,« sagte der Dichter. »Ich vergaß beinahe, daß es das Christkind ist, das mir durch Sie dieses hübsche Weihnachtsgeschenk sendet. Heute abend sind die Banken freilich geschlossen und ich kann diese große Summe nicht erheben ... aber da in meinem Schreibtisch habe ich fünfhundert Franken liegen, die ich für die letzte Ausgabe meines Buches erhielt ... hier sind sie ... Sie kennen gewiß einige Kinder, die fast ebenso unbekleidet sind, als Jesus in seiner Krippe ...«

»Ich danke Ihnen herzlich,« erwiderte der Abbé, indem er die fünf blauen Banknoten einstrich. »Ich habe gerade in meinem alten Kirchspiel das, was Sie suchen – in dem Quartier der Lumpensammler. Meine fünf Waisen aus der Rue Croulebarbe.«

»Wir dürfen aber auch die Alten nicht vergessen,« bemerkte der junge Mann. »Gestern traf ich den Sänger Charlieux, der trotz seiner achtundsechzig Jahre durch Schmutz und Nässe watete, um nach seiner ganz hinten in Vaugirard gelegenen Kutscherkneipe zu gelangen, wo er an einem Tisch mit gewöhnlichen Arbeitern zu Mittag speist und seine Zeche mit einem Lied bezahlt ... Er ist heute aus der Mode, der alte Barde, doch hat es ihm in seiner Jugend nicht an Erfolgen gefehlt. Jetzt aber ist er krank, der arme Charlieux: gestern hatte er einen Hustenanfall auf offener Straße ... Nun, da ich ja reich bin, will ich ihm auch ein Weihnachtsgeschenk machen und ihn nach dem Süden schicken, vielleicht findet er dort noch ein Lied.«

Durch das gerührte Mienenspiel des Priesters belohnt, fügte Louis Dublé hinzu: »Denn sehen Sie, wir haben auch in der Kunst unsre alten Lumpensammler!«

Und mit dem liebenswürdigsten Lachen begleitete er den Abbé Moulin bis zur Hausthüre.

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