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Die wahren Reichen

François Coppée: Die wahren Reichen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFrançois Coppée<
titleDie wahren Reichen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
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correctorJosef Muehlgassner
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III.
Geheilt.

Albéric war soeben mit diesem wichtigen Entschluß ins reine gekommen, als sein schöner Kammerdiener mit den schwarzen Sammethosen ins Zimmer trat und ihm auf einem Präsentierteller eine gute Tasse Schokolade brachte, der ein köstlicher Duft entströmte.

»So daß noch vor dem Mund die Augen dran sich labten,« wie Sofie in Molières Amphitryon sagt. Aber der junge Mann, der sogleich mit seiner neuen Diät der Enthaltsamkeit und Kasteiungen beginnen wollte, widerstand mutig dieser ersten Versuchung und sprang ohne weiteres aus dem Bett.

»Wie?« rief der Don Juan der Kammerkätzchen, »der gnädige Herr kleiden sich an, bevor ich das Feuer angezündet habe? Der gnädige Herr trinken seine Schokolade nicht?«

»Nein, Joseph. Ich muß sogleich ausgehen. Ich werde vielleicht zwei oder drei Tage lang abwesend sein. Ich bedarf Eurer Dienste nicht, geht nur!«

In diesem Augenblick entsann sich Albéric, daß er in der hintersten Ecke eines Wandschranks noch seinen alten Anzug aus der Belle-Jardinière und den spinnwebendünnen Ueberzieher hängen hatte, in dem er sonst an frostigen Wintertagen vor Kälte zitternd mit hastigen Schritten seinem Comptoir zugeeilt war. So suchte er denn nach seinen früheren ärmlichen Kleidern, die auch bald gefunden waren, und nachdem er sie einige Zeit lang betrachtet hatte, mit einem Blick, wie ihn etwa Sixtus V. auf die alten Lappen geworfen haben mochte, die er als Schweinehirt getragen, zog er sich tapfer an und gewahrte, als er nun aus dem Hause trat, zum erstenmal seit einem Jahre, wieder das Paris der frühen Morgenstunden mit seinen geschäftig vorüberschreitenden Menschen, den zierlich dahertrippelnden Arbeiterinnen, den Abfuhrkarren, den polternden Milchwagen, den Hundeversammlungen.

»Donnerwetter!« sagte er sich, während er in dem feuchten, durchdringenden Nebel fröstelnd erschauerte, »ich glaube gar, die Kur äußert bereits ihre Wirkung. Mein Fischotterpelz war doch nicht so übel, und ich werde ihn mit Vergnügen wieder anziehen!«

In einer übelriechenden Kaffeewirtschaft der Rue de la Grange Batelière, wo er früher einzukehren pflegte, würgte Albéric einen erbärmlichen Milchkaffee hinunter, währenddem sein Magen sich unwillkürlich nach der duftenden Schokolade sehnte, die er standhaft auf dem Nachttisch zurückgelassen hatte und die sich jetzt wahrscheinlich der Lovelace mit den schönen Gamaschen schmecken ließ.

»Abermals eine ausgezeichnete Wirkung der Kur!« dachte unser Gast im stillen, während er sein schwammiges Brot mit ranziger Butter bestrich; »diese Milch liefert den Beweis für die wunderbaren Fortschritte, welche die Chemie in neuerer Zeit gemacht hat; denn sicherlich ist keine Kuh dafür verantwortlich zu machen. Es ist eben doch ein gutes Ding um eine Tasse guter Schokolade, und Joseph bereitet sie vorzüglich ... Hm, ich glaube, meine Heilung wird nicht lange auf sich warten lassen. Gehen wir jetzt zu Cahun & Söhnen. Ich muß mir durchaus als Spezifikum gegen Langeweile einen jener tödlich langweiligen Tage von ehedem verschreiben. Die Homöopathie wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Simila similibus

Punkt acht Uhr langte er bei den berühmten Hemdenfabrikanten in der Rue du Sentier an und traf dort Herrn Schwab, den alten Kassierer, im Begriff, seine Schutzärmel über die Arme zu streifen.

»Sie hier, Herr Mesnard!« rief ganz verdutzt der Kassierer aus, der dem Besitzer einer halben Million gegenüber nicht mehr das Recht einer vertraulichen Anrede zu haben glaubte. »Sie hier, und zu so früher Stunde? Durch welchen Zufall?«

»Herr Schwab,« antwortete Albéric, »ich komme, um einen Gefallen von Ihnen zu erbitten.«

»Was wünschen Sie, Herr Mesnard? Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der Kassierer voller Zuvorkommenheit.

»Indem Sie mir ganz einfach gestatten, heute und vielleicht auch morgen und übermorgen den Tag hier im Geschäftslokal zu verbringen und meinen ehemaligen Kollegen in der Erledigung der Korrespondenzen behilflich zu sein, genau wie zur Zeit, als ich noch bei Ihnen angestellt war. Ja, ich möchte sogar den Herrn Chef ersuchen, mir so viel Arbeit als nur irgend möglich aufzubürden.«

Bei diesem eigentümlichen Verlangen blickte ihn der alte Schwab groß an, und aus seinen Augen sprach eine lebhafte Besorgnis; offenbar zweifelte er an der Zurechnungsfähigkeit des jungen Mannes. Dieser aber erwiderte lachend: »Nein, Herr Schwab, fürchten Sie nichts, noch bin ich im vollen Besitz meiner fünf Sinne. Und jedenfalls wäre es nicht der Größenwahn, der es mir angethan hätte, nicht wahr? Wenn ich mir anmaße, für einige Zeit wieder der arme Bursche zu werden, der ich früher war, so thue ich es einfach, um eine Wette zu gewinnen. Ja, die Herren vom Rinnsteinkehrerklub, dem anzugehören ich die Ehre habe, nahmen sich neulich im Scherze heraus, zu behaupten, ich würde jetzt, nach einem Jahr des Wohllebens, nicht mehr im stande sein, auch nur einen einzigen Tag lang ein Leben zu ertragen, wie ich es früher als Kommis zu führen gewohnt war. Ich habe die Wette angenommen und bitte nun Sie und meine Herren Kollegen, Zeugen sein zu wollen, daß ich gewissenhaft alle Bedingungen erfüllen werde. Wie Sie sehen, habe ich bereits wieder meinen bescheidenen Anzug vom vorigen Jahre angelegt. Jeder Tag, den ich im Comptoir von Cahun & Söhnen zubringe, bedeutet für mich eine namhafte Summe, und das Ganze soll von einem guten Essen gekrönt werden, zu dem ich meine ehemaligen Leidensgenossen einlade. Sind Sie einverstanden?«

Der Gedanke, daß einfältige und verschwenderische Christen ihr Geld bei einer lächerlichen Wette verlieren würden, schien ganz dazu angethan, das Herz des alten Hebräers zu erfreuen, und das leckere Mahl, das am Ende winkte, war ihm ebenfalls nicht gleichgültig. Er verließ daher mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit für einige Augenblicke seine Kasse und betrat in Albérics Begleitung den geräumigen Glaskäfig, in dem ein Dutzend unglücklicher Schreiber, über ihre riesigen Geschäftsbücher gebeugt, endlose Zahlenreihen addierten.

Albéric wurde mit Ausrufen des Erstaunens empfangen und, nachdem er allen in der Runde die Hände geschüttelt, sein Märchen von der eingegangenen Wette nochmals aufgetischt und das Versprechen eines kameradschaftlichen Mahles erneuert hatte, unter lautem Jubel an sein altes Pult geführt. Er wußte sogleich wieder Bescheid, und an Arbeit fehlte es ihm nicht, da der Büreauchef, Herr Abraham, ihm diese auf seine ausdrückliche Bitte hin reichlich zuteilte. Herr Abraham war ein prächtiger Israelit mit schwarzem gekräuselten Barte, den man nicht ansehen konnte, ohne an die im Louvre befindlichen Basreliefs aus Niniveh zu denken, so sehr erinnerte er an die auf diesen stets im Profil dargestellten und mit der Tiara gekrönten Figuren, die in ihren Armen mit derselben Leichtigkeit einen Löwen erdrücken, mit der ein Geschäftsmann seine schwarze Ledermappe oder eine alte Dame ihren Affenpinscher trägt.

Den ganzen Tag über erledigte Albéric, der sogleich seine schöne Kursivschrift von früher wiederfand, eine umfangreiche Korrespondenz aus Südamerika, wo die Firma Cahun & Söhne seit kurzem eine weit verbreitete Kundschaft erobert hatte; er beantwortete sämtliche Aufträge der Wiederverkäufer aus Chile, Peru, Brasilien und der Argentinischen Republik mit der immer wiederkehrenden obligaten Formel: »In Beantwortung Ihres Geehrten vom ...« Er überschüttete Rio de Janeiro mit einem wahren Schneefall von Herrenkragen und überhäufte Buenos-Ayres und Montevideo mit Manschetten und Vorhemden. Ganz besonders aber versandte er in jene exotischen Städte, deren Namen, gleich Guayaquil, wie Vogelgezwitscher klingen oder an den Ruf der Papageien erinnern, wie Caracas, ungeheure Warenballen eines von Cahun & Söhnen neu aufgebrachten Artikels: fertige Atlaskrawatten in allen möglichen und unmöglichen Farben, wie blutrot, fleischfarben, apfelgrün, citronengelb und changeant, die in ihrer schauderhaften Geschmacklosigkeit bei den spanisch-amerikanischen Republiken für die neueste Pariser Mode gelten mußten.

Und wunderbar! Der freiwillig Angestellte ertrug die langen Arbeitsstunden ohne Ueberdruß. Ja, er konnte nicht umhin, im stillen die Betrachtung anzustellen, daß es im Grunde kaum langweiliger und geisttötender sei, ein und denselben Satz wieder und immer wieder abzuschreiben, als im Klub die ganze Nacht hindurch beim Kartenspiel zu sitzen.

»Was diesen Teil der Kur betrifft,« überlegte er, »so werde ich wohl gezwungen sein, längere Zeit dabei auszuhalten. Wohlan! Verdoppeln wir die Dosis, verdreifachen wir sie, wenn nötig. Deswegen bin ich aber noch lange nicht Gimpel genug, den Albernheiten der Moralisten Gehör zu schenken, die da behaupten, das Vergnügen stumpfe bei weitem rascher ab, als die Arbeit.«

Dessenungeachtet fand Albéric, als es sechs Uhr schlug und aufgebrochen wurde, daß die Zeit schnell genug vergangen sei. Er verabschiedete sich von seinen Kameraden und dem alten Schwab bis zum nächsten Morgen und trat dann auf die Straße hinaus, um durch den Boulevard nach Montmartre hinaufzusteigen.

Ein feiner kalter Regen rieselte herab, und im Lichte der Gaslaternen sah man die nassen seidenen Regenschirme in feuchtem Glanze schimmern. Albéric hatte keinen Schirm mitgenommen und war eben im Begriff, in einen Fiaker zu springen, als er sich plötzlich eines andern besann.

»Nein doch, ich habe kein Recht dazu! Pudelnaß zu werden, weil man seinen Regenschirm vergessen hat, gehört eben auch zur Kur ... Eine Droschke! Welche Verschwendung! Und dazu noch am Ende des Monats! Bin ich denn von Sinnen? Meiner Annahme gemäß habe ich kein Geld für eine Droschkenfahrt. Aha! Du merktest gar nicht, wie bequem und angenehm es war, einen für den ganzen Monat gemieteten, mit deinem gemalten Namenszug versehenen Wagen zu deiner Verfügung zu haben! Nun wohl, von hier bis zur Garküche in der Rue Germain-Pilon hast du zwanzig Minuten im strömenden Regen zu gehen. Und jetzt vorwärts, marsch, mein Junge! Das wird dir eine gute Lehre sein.«

Als er die kleine Restauration erreichte, war er in der That bis auf die Haut durchnäßt und von Kopf bis zu Fuß mit Kot bespritzt.

Im Speisehaus hatte sich nichts verändert. Aus dem langen, engen Gang, der sich weit eher für das Gewerbe eines Seilers geeignet haben würde, drang nach wie vor derselbe widerwärtige Speisegeruch, und der zur offenen Thüre hereinströmende Luftzug ließ die hoch aufgeschraubten Gasflammen jeden Augenblick hell aufflackern. Nur schien die Wirtschaft etwas in Verfall geraten zu sein; denn der größte Teil der kleinen Tische war unbesetzt und der Galgen an der Wand von höchstens zehn melancholischen Hüten und kläglichen Ueberziehern geschmückt.

Bei Albérics Anblick war die kolossale Wirtin mit dem pockennarbigen Gesicht, die Mirabeau ähnlich sah und in diesem Augenblick, um der Kellnerin ins Gedächtnis zu rufen, daß »Nummer Vier« schon dreimal das bestellte Fricandeau verlangt hatte, eine ebenso große Entrüstung an den Tag legte, wie einst der berühmte Tribun, als er gegen de Dreux-Brézé losdonnerte, starr vor Erstaunen. Denn auch sie hatte erfahren, daß der junge Mann das große Los gewonnen und vermochte nun nicht zu begreifen, wie sich der Geschmack dieses seit einem Jahr verschwundenen Gastes soweit verirren konnte, um zu der abscheulichen Kost ihres Speisehauses zurückzukehren.

Aber ohne sich an die Verwunderung der dicken Wirtin zu kehren, nahm Albéric an einem der Tische Platz, besah die in ihrer Holzeinfassung herumliegende Speisenkarte und bemerkte sofort, daß sie noch immer mit der für zartbesaitete Seelen bestimmten Bemerkung begann: »Eine Serviette fünf Centimes.«

»Heute gibt es Fisch,« berichtete die Kellnerin mit müder Stimme, während sie Senf und Salzfaß auf das fettige Tischtuch niedersetzte.

Auch sie war nicht schöner geworden. Zum guten Glück litt sie gerade nicht an ihrem chronischen Zahnreißen und zeigte sich daher weder mit Watte noch Kinnbinde geziert; dafür hatte sie ein Nagelgeschwür am Zeigefinger der rechten Hand, und dieser war mit einem derart schmutzigen Lappen umwickelt, daß der bloße Anblick genügt hätte, um selbst einem halbverschmachteten Schiffbrüchigen den Appetit zu verderben.

»Gut, so wollen wir den Fisch versuchen,« sagte Albéric, dem alsbald auf einem Teller von zweifelhafter Sauberkeit eine Makrele vorgesetzt wurde, die, um in Heinrich Heines drastischer Sprache zu reden, »aus dem Munde roch wie ein Mensch«.

Der Gast vermochte eine Gebärde des Widerwillens nicht zu unterdrücken.

»Zum Teufel!« sagte er sich, »hier wird es bitterer Ernst mit meiner Kur. Und wenn ich bedenke, daß ich erst vorgestern dem Koch im Englischen Café allerhand vorzuwerfen hatte und den Kellner anschnauzte, weil mir die filets de sole aux crevettes nicht gut genug waren! Das nächste Mal werde ich mir alle zehn Finger danach ablecken. Nun, jedenfalls habe ich einen vortrefflichen Einfall gehabt, und meine Armutskur wird mich in vierundzwanzig Stunden wieder auf die Beine bringen. Dennoch fehlt mir heute noch etwas. Kost und Bedienung lassen freilich nichts zu wünschen übrig und sind völlig geeignet, einem den Magen umzukehren; aber damit die Wirkung vollständig wäre, müßte einer meiner früheren langweiligen Tischgenossen, vor allem Herr Mataboul, zugegen sein. Ja, ich vermisse Herrn Mataboul. Denn seit einiger Zeit ist mir die Unterhaltung meiner Klubkameraden unerträglich geworden; sie wissen von nichts als Pferden und Kokotten zu erzählen, und all ihre Gespräche duften nach Pferdemist und poudre de riz. Aber eine Stunde des Politisierens mit Herrn Mataboul würde mich mit dem Geklatsch der um den großen Kamin im Klub versammelten Rinnsteinkehrer rasch versöhnen. O, ich erinnere mich noch ganz gut der ewigen Tiraden des Weinmaklers; nie habe ich einen lästigeren Schwätzer gekannt!

Warum sitzt er nicht hier an diesem Tisch vor mir, um gegen die Eingriffe des Klerus loszuziehen oder in seinem patriotischen Eifer die Preisgebung Aegyptens an die Engländer zu brandmarken und die allgemeine Entrüstung gegen sie auszurufen?

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür des Lokals, und auf der Schwelle erschien, gleichsam als hätte er nur auf Albérics Ruf gewartet, Herr Mataboul. Aber er war nicht allein, sondern schob ein niedliches, sieben- bis achtjähriges kleines Mädchen in Trauerkleidern vor sich her.

Der Südfranzose erkannte Albéric sogleich wieder, und ein Ruf des Erstaunens sprudelte aus den Tiefen seines schwarzen Bartes hervor.

»Darf ich meinen Augen trauen?« rief er wie in einer klassischen Tragödie aus. »Sie, mein lieber Herr Mesnard? Wie? Der glückliche Sterbliche, der das große Los von fünfhunderttausend Franken gewonnen hat, kommt wieder zum Essen in die Garküche? Das ist wahrhaftig wunderbar! Aber einerlei, ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen. Werden Sie mir noch erlauben, mich an Ihren Tisch zu setzen?«

»Was fällt Ihnen ein, Herr Mataboul! Soeben erst, gerade in dem Augenblicke, als Sie eintraten, dachte ich an Sie und bedauerte Ihre Abwesenheit.«

»Also zwei Gedecke, Josephine!« befahl der Weinmakler, zur Kellnerin gewendet. »Nochmals, mein lieber Herr Mesnard, ich freue mich unendlich, Sie hier zu treffen.«

Dann setzte er seine kleine Begleiterin auf einen Stuhl zurecht und sagte, indem er sich bemühte, seiner Stimme einen weicheren Klang zu geben: »Setze dich, mein Herzchen! Sie werden sehen, Herr Mesnard, wie still und artig sie mit uns ißt, ganz wie ein großes Fräulein. Wir sind zwar noch keine acht Jahre alt, dafür aber schon sehr vernünftig. Warte, mein Schätzchen, laß dir hübsch deine Serviette umbinden.«

Albéric konnte sich gar nicht genug wundern, und es war in der That ein überraschendes Schauspiel, diesen Südländer mit den wildrollenden Augen, dem verwilderten Barte und dem Aussehen eines Banditen aus den Abruzzen sich um das Kind bemühen und ihm mit zarter mütterlicher Sorgfalt die Serviette umbinden zu sehen.

»Wer ist denn dies artige Mädchen?« fragte der junge Mann.

»O, das ist Mariechen!« erwiderte der Weinmakler, »mein liebes, gutes Mariechen, meine einzige leibliche Nichte, die ihren Onkel recht gern hat, nicht wahr, mein Schätzchen? Ja, seit den letzten sechs Wochen ist mein Leben sehr verändert. Sie haben wohl bemerkt, daß ich einen Trauerflor am Hute trage. Aber das will ich Ihnen später erzählen. Vorerst lassen Sie uns von Ihnen sprechen, mein lieber Herr Mesnard; denn wahrhaftig, es gab mir vorhin einen Stich ins Herz, als ich Sie hier in unserm alten Speisehaus wieder am Tische sitzen fand. Verzeihen Sie, wenn meine Frage unbescheiden klingt; aber seitdem wir uns zuletzt gesehen haben, hat der entsetzliche Krach des Kreditvereins stattgefunden. Hoffentlich sind Ihre Kapitalien nicht bei jenen Dieben deponiert gewesen. Wirklich, ich wäre untröstlich, wenn Ihnen ein Unglück zugestoßen sein sollte; denn Sie sind ein braver Junge, und ich habe mich aufrichtig über Ihr Glück gefreut.«

Wer hätte das geglaubt! So war also dieser Schwätzer ein wirklich guter Mensch! Albéric fühlte sich von seiner Anteilnahme gerührt. Wenn er mit den »Rinnsteinkehrern« bei der großen Partie vom Sonnabend abend Unglück hatte und eine tüchtige Schlappe erlitt, sahen seine vorgeblichen Freunde, der dicke Bordier und der kleine Sautelet, diesem Mißgeschick viel kühler und gelassener zu. Und dieser Mataboul, den er kaum kannte, der alles in allem beinahe ein Fremder für ihn war, schien durch die bloße Vermutung eines Unglücksfalles beunruhigt und bekümmert.

»Beruhigen Sie sich,« antwortete Albéric dem Südfranzosen, der seiner kleinen Nichte soeben die Hälfte einer der übelriechenden Makrelen vorlegte, nachdem er sorgfältig die Gräten daraus entfernt hatte, »beruhigen Sie sich, mein lieber Mataboul, und haben Sie Dank für Ihre freundschaftlichen Gefühle. Nein, ich bin nicht ruiniert, und wenn ich mich heute abend hier befinde, so ist das nichts als eine bloße Laune. Eine Wette, von der ich Ihnen später sprechen werde, für den Augenblick aber liegt mir mehr daran, weiteres über dieses Kind zu erfahren; erzählen Sie mir doch seine Geschichte!«

»Sie ist nicht heiter, das sage ich Ihnen im voraus,« begann der Makler mit einem tiefen Seufzer. »Ich hatte eine um drei Jahre jüngere verwitwete Schwester, die nicht in glücklichen Verhältnissen lebte und die Mutter dieses Töchterchens war. Sie war Inhaberin eines kleinen Tabakladens an der äußersten Stadtgrenze im Grand-Montrougeviertel, wo ich sie, der großen Entfernung halber, nur selten besuchte. Auch bin ich genötigt, ziemlich eingeschränkt zu leben, und so konnte ich nicht viel für sie thun. Kurz, sie fristete ihr Dasein mit knapper Not. Neben dem Tabakhandel betrieb sie den Verkauf von allerlei Spezerei- und Kurzwaren. O, es war kaum der Rede wert. Etliche Pakete Kerzen, Schuhnestel und rote Zuckerpfeifchen für die Kinder, wie man sie nur noch in solchen ganz kleinen Läden in dickbauchigen Glasgefäßen ausgestellt sieht. Auch die Zeitungen zu einem Sou verkaufte sie. Nein, sie hatte kein Glück, meine arme Schwester; sie hat nie Glück gehabt und sicherlich einen großen Fehler begangen, als sie ihre Heimat verließ, um einen Pariser zu heiraten, einen schlechten Kerl, der ihre kleine Mitgift durchbrachte und sie infolge seiner Ausschweifungen mit zweiunddreißig Jahren als Witwe zurückließ. Kurz, sie fristete, wie schon gesagt, durch ihren Kramladen mit knapper Not ihr Leben. Ich stattete ihr drei oder viermal im Jahre einen Besuch ab; zu Neujahr und an ihrem Namenstage war ich stets bei ihr und brachte dann jedesmal etwas Nützliches für die Kleine mit. Im letzten September aber starb meine Schwester, die schon seit einiger Zeit gekränkelt hatte, ohne daß mir auch nur die geringste Nachricht über ihre letzte Krankheit zugekommen wäre. An was sie gestorben ist, hat mir der Arzt nicht genau sagen können. Er sprach von Blutarmut; das ist ja das große Wort, das sie immer im Munde führen. Natürlich hatte sich die arme Frau auch nicht allzu gut genährt. Kurz und gut, jetzt ist sie tot, und, wie's eben geht, ich habe ihre Tochter geerbt! Da war nichts zu machen. Ich bin ihr Onkel, ihr Vormund und einziger Verwandter. Das Unangenehmste dabei ist, daß ich ein alter Junggesell bin und Chambregarnie wohne, auf dem Boulevard Pigalle, Sie wissen doch, im Hôtel de l'Univers et de Tarn-et-Garonne, in dem Haus mit dem Schuhmacherladen, wo die Arbeiter ihren Bedarf einkaufen ... Glücklicherweise konnte sogleich neben meinem Zimmer noch ein Stübchen für Mariechen eingerichtet werden ... Und nicht wahr, mein Kleinchen, da wohnt sich's nicht zu schlecht?« fuhr Herr Mataboul, sich zu dem Kinde wendend, fort, »und du fürchtest dich auch nicht des Nachts, weil du wohl weißt, daß dein Oheim immer die Thür ein wenig offen läßt?«

Und dabei neigte sich der Südländer mit dem grimmigen Fra Diavologesicht zu dem kleinen neben ihm sitzenden Mädchen nieder und küßte sie sanft auf die Stirn.

»Aber das muß doch äußerst beschwerlich für Sie sein,« warf Albéric ein, der seine steigende Rührung zu bekämpfen suchte. »Wie haben Sie denn Ihr Leben eingerichtet?«

»Nun, gar nicht so übel, ich versichere Sie,« erwiderte Herr Mataboul. »Dafür haben wir ja die Schule, und das ist in der That eine große Hilfe. Des Morgens bringe ich Mariechen hin. Sie geht recht gern zu den guten Schwestern, jawohl! Und dann heißt's, den ganzen Tag über auf den Beinen sein. In den Pferdebahnwagen und auf den Omnibussen durchstreife ich mein Paris nach allen Richtungen hin, um bei den Schenkwirten meinen Wein abzusetzen und jedem ein Stückfaß anzuhängen, und ich setze ihnen scharf zu, das können Sie mir glauben! Denn ich muß jetzt für zwei verdienen. Und dann hege ich so im stillen meine ehrgeizigen Pläne; ich möchte etwas auf die Seite legen, um mir eigene Möbel kaufen und später ein einfaches Dienstmädchen halten zu können. Aber das sind noch Zukunftsträume. Wenn meine Rundreise beendet ist, so spute ich mich, um das Kind aus der Schule abzuholen, und nehme es dann mit hierher zum Essen. Anders kann ich es unmöglich einrichten. Danach kehren wir in unsre Wohnung zurück, wo ich die Kleine auswendig lernen und ihre Aufgaben schreiben lasse, bis es schließlich, Eia popeia, ins Bettchen geht; nicht wahr, Mariechen? Denn wenn die kleinen Mädchen groß und stark werden und rote Backen haben wollen, so müssen sie frühzeitig schlafen gehen.«

»Ist es möglich, Herr Mataboul? Sie verbringen Ihre Abende nicht mehr im Café? Sie lesen nicht mehr alle Zeitungen? Sie befassen sich nicht mehr mit Politik?«

»Fast gar nicht mehr, das ist wahr. Ich weiß in der That gar nicht mehr Bescheid; ja, ich könnte nicht einmal sagen, was sich in den letzten vierzehn Tagen auf der Balkanhalbinsel zugetragen hat. Aber wie soll ich es anders anfangen? O, ich will nicht leugnen, daß es mir anfangs schwer fiel. Und auch jetzt noch kann ich bisweilen der Versuchung nicht widerstehen und gehe dann mit der Kleinen von hier aus ins Café Delta, wo ich sie neben mich auf die gepolsterte Bank setze, ihr im Untersatze meines Kaffeeglases ein eingetauchtes Stück Zucker gebe, vom Kellner alle illustrierten Blätter bringen lasse – und dann, ja dann, sehen Sie, stecke ich bis über die Ohren in den Zeitungen. Ja, als neulich diese alten schwachköpfigen Senatoren wieder das ganze neue Militärgesetz aus den Fugen gebracht hatten, da, meiner Treu! konnte ich's nicht aushalten. Ich ging mit Mariechen ins Delta und las die Verhandlungen in extenso im Journal officiel. Als ich aber damit zu Ende war, fand ich die arme Kleine über dem Charivari beinahe eingeschlafen; sie konnte sich vor Müdigkeit kaum aufrecht halten. Kurz, es ist zu anstrengend für sie, das läßt sich nicht leugnen, und so werde ich es eben ganz und gar aufstecken müssen. Was ist da zu machen, nicht wahr? Es ist nun einmal meine Pflicht.«

Pflicht! Das war ein Wort, das Albéric seit lange nicht mehr gehört hatte. In der Gesellschaft, in der er sich seither bewegte, in der Reitschule, auf dem Fechtboden, dem Wägeplatz, im Boudoir der Mlle. Acacia, hinter den Coulissen der Fumisteries-Parisiennes, auf den Diwans der »Rinnsteinkehrer«, überall war stets nur vom Vergnügen die Rede gewesen. Und dennoch war die Pflicht kein leerer Wahn; ja, es gab eine Pflicht, und sie war im stande, ein ganzes Menschendasein auszufüllen.

Währenddessen hat Herr Mataboul sein Mahl beendet und seine Rechnung bezahlt, die durch das, was Mariechen zu sich genommen hat, kaum angewachsen ist; denn das Kind ißt wie ein Vögelchen, und nun hüllt er sein Nichtchen sorgsam wie eine gute Kinderfrau in ihren kleinen schwarzen gestrickten Shawl ein. Sodann wendet er sich, schon im Begriff, fortzugehen, nochmals in herzlichem Tone zu Albéric: »Ich wage nicht, zu hoffen, mein lieber Herr Mesnard, daß ich Sie hier noch öfter wiedersehen werde; der Fisch, den wir soeben verzehrt haben, war nicht dazu angethan, Sie zum Wiederkommen zu verlocken ... eine wahre Pest, nicht wahr? Aber ich freue mich doch recht sehr, Ihnen begegnet zu sein. Wenn ich Mariechen heute abend nicht noch ihre Regeln wieder durchgehen lassen müßte, so wären wir zusammen ins Café gegangen. Ich hätte gern gewußt, wie die Dinge im Osten stehen. In Serbien nehmen sie eine schlechte Wendung, und die Abdankung Milans ist ein höchst bedenkliches Zeichen. Aber die Kleine muß durchaus noch ihre Grammatik lernen. Gut Glück also, und auf Wiedersehen! Mariechen, sage dem Herrn guten Abend!«

Mariechen geht zu Albéric hin und bleibt dicht vor seinem Stuhle kerzengerade in ihren schwarzen Trauerkleidern stehen. Er faßt ihr Händchen und küßt sie auf die Stirn. Wie süß es ist, ein Kind zu küssen! Warum doch fühlt er sich auf einmal so tief bewegt?

»Herr Mataboul, Herr Mataboul!« ruft er, »ich habe Ihnen vielleicht nächstens etwas mitzuteilen. Wie ist doch Ihre Adresse?«

» Boulevard Pigalle, Hôtel de l'Univers et de Tarn-et-Garonne,« antwortet der Weinmakler. »Stehe immer zu Ihren Diensten, mein lieber Herr Mesnard. Und wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen, müssen wir uns ein wenig über die letzten Neuwahlen unterhalten. Es ist unerträglich, zu sehen, wie schamlos die alten Parteien ihr Haupt erheben. Nun aber leben Sie wohl, und nochmals auf Wiedersehen. Geh nur voraus, mein Herzchen.«

Einen Augenblick später verließ auch Albéric das Speisehaus. Es regnete nicht mehr, und an dem reingefegten Firmament erglänzten große Sterne. Aber in den Straßen versank man im Schmutz, und der Wind wehte scharf und empfindlich.

»Heute abend ist mir die Kur doch nicht geglückt,« so überlegte der junge Mann im stillen, während er nach der Rue Ravignan hinaufschritt. »Herr Mataboul hat mich nicht im geringsten gelangweilt, sondern vielmehr aufrichtig gerührt. Ich muß etwas für ihn und seine kleine Nichte thun. Aber was sage ich denn? Gehört es nicht vielleicht mit zu meiner Kur, daß ich erkenne, wie ein lästiger Schwätzer zugleich ein guter Mensch sein kann, daß ich nachsichtig werde gegen die Grillen und Schwächen andrer, daß ich mich der verschämten Armen erinnere, die ihre Not mit Würde tragen, und wünsche, ihnen Linderung zu spenden? Auf jeden Fall habe ich Stoff genug zum Nachdenken. Einstweilen wollen wir uns wieder einmal meine alte Behausung ansehen.«

Er war vor dem Hause angelangt. Er läutete; die Thür öffnete sich, und er betrat die Wohnung des Portiers. Dieser war, gleich vielen seiner Kollegen, ein Flickschneider und saß jetzt, wie ein Fakir, mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Tisch zusammengekauert, während er ein Stück gerippten königsblauen Samt in das Hinterteil einer Eckensteherhose einsetzte, die mit der Zeit durch allzulangen Gebrauch himmelblau geworden war. Als der Thürhüter seinen ehemaligen Mieter wiedererkannte, schnellte er vor lauter Ueberraschung in die Höhe.

»Herr Mesnard!« rief er mit dem reinsten Pariser Accent. »Großer Gott, ist das menschenmöglich! Wahr und wahrhaftig, ich glaubte, Sie wären gar nicht mehr auf der Welt! Ja, ich weiß es wohl, daß Sie mir den Mietzins für ein Jahr im voraus bezahlt haben; da wir aber gar nichts mehr von Ihnen hörten, berieten wir neulich mit dem Hausherrn, was mit Ihren Möbeln eigentlich anzufangen sei. Aber, wo habe ich nur meinen Kopf? So setzen Sie sich doch, Herr Mesnard!«

»Machen Sie sich keinerlei Sorgen, Vater Constant,« sagte Albéric, »und geben Sie mir nur meinen Schlüssel. Ich möchte heute abend hier oben übernachten.«

»Wie, Sie wollen da oben schlafen? Das ist eine wunderliche Grille für einen so reichen Herrn wie Sie, für einen, der das große Los gewonnen hat! Aber dann will ich nur gleich hinauf. Die Bude muß ganz verschimmelt sein; sie ist ja seit Jahr und Tag nicht mehr geheizt worden, bedenken Sie doch. Warten Sie wenigstens, bis meine Alte heimkommt, damit ich Ihnen das Bett überziehen kann.«

Hier, wir müssen es als wahrheitsgetreuer Geschichtschreiber eingestehen, fühlte sich der junge Mann schwach werden. Schließlich stand es denn doch nicht auf seinem Programm, zu erfrieren, und selbst während der härtesten Zeit seines Lebens hatte er sein Zimmer durch den Portier in stand halten lassen. So glaubte er sich denn diesen kleinen Verstoß erlauben zu dürfen.

»Nun, meinetwegen,« sagte er. »So warten Sie die Rückkehr Ihrer Frau ab und besorgen Sie dann mein Zimmer; den Schlüssel können Sie gleich stecken lassen. Ich werde unterdessen, ja ich will Madame Bouquet und ihrer Tochter einen Besuch machen. Denn ich nehme an, daß sie noch immer hier wohnen.«

»O, freilich!« erwiderte der alte Constant; »hier im Hause hat sich nichts verändert. Nur ist den armen Damen ein Unglück zugestoßen, und es ist besser, Sie erfahren es sogleich: Mama Bouquet hat einen Schlaganfall gehabt.«

»Einen Schlaganfall? O mein Gott!«

»Ja, eine ›Hämmerpleschie‹ wie der Arzt sagt. Und das ist wahrlich recht traurig, sehen Sie! Die Damen waren so wie so keine Millionärinnen; und jetzt noch die Krankheit dazu; davon werden sie natürlich nicht reicher. Und die Tochter, die Zoé, ist ein so liebes Fräulein, so couragiert!«

Aber Albéric war es müde, den eigenartig schleppenden Dialekt sprechen zu hören, den man den »Pariser« nennen sollte, und bei der Nachricht vom Schlagfluß, der Madame Bouquet betroffen hatte, erwachte sofort wieder seine frühere Sympathie für Zoé. Hurtig erklomm er daher die Treppen, und als er vor der Thür stand, die zu Madame Bouquets Wohnung führte, horchte er mit einer Erregung, die ihn selbst verwunderte, auf das leise Ticken der Nähmaschine. Ach, freilich jetzt, wo das Unglück in die ärmliche Behausung eingezogen und die Bedrängnis härter geworden war, mußte die Singermaschine wohl emsiger als je am Werke sein.

Der junge Mann klingelte, und Fräulein Zoé kam, ihm die Thür zu öffnen.

»O Mama!« rief sie; »ein unverhoffter Besuch ist da, über den du dich aber sicher freuen wirst, unser ehemaliger Nachbar, Herr Albéric!«

Sie hatte noch immer dasselbe reizende Lächeln auf den Lippen, mit dem sie ihn sonst beim Willkommen bezaubert hatte, und ihre Augen blickten noch ebenso treuherzig wie einst. Aber sie schien ein wenig magerer geworden, es kamen wohl keine Wachteln auf den Tisch der beiden Damen! Und ihre geröteten Augenlider verrieten die oft durchwachten Nächte.

Albéric fühlte den leisen Vorwurf, der in den ersten Worten des jungen Mädchens: »ein unverhoffter Besuch« lag, und begrüßte zuerst Madame Bouquet, die um zehn Jahre gealtert und mit völlig ergrautem Haar unbeweglich, ja, für immer der Freiheit der eigenen Bewegung beraubt, in ihrem großen Lehnstuhl saß. Die einstige »Schönheit«, die jetzt nichts weiter war, als eine arme Gelähmte, heftete einige Augenblicke lang ihre in krankhaftem Glanze unruhig funkelnden Augen auf den jungen Mann und nickte ihm dann mit einer schwachen Bewegung zu, die gar nichts Majestätisches mehr an sich hatte.

»Ich muß mich entschuldigen,« sagte Albéric, »daß ich es die ganze Zeit her unterlassen habe, Sie zu besuchen. Ich war auf Reisen und ziemlich lange abwesend.« (Die Wahrheit war, daß er die Damen so gut wie ganz vergessen hatte.) Und sich zur Tochter wendend, fuhr er fort: »Fräulein Zoé, soeben erst höre ich von dem alten Constant, daß Ihre teure Mutter krank gewesen ist, und so bin ich unverzüglich heraufgekommen, mich nach Ihnen zu erkundigen.«

»Ach ja, Herr Albéric,« antwortete Madame Bouquet, mühsam und schwerfällig sprechend, »ja, ich war recht, recht krank! Sehen Sie, ich kann meine arme Hand kaum bewegen. Mit zweiundfünfzig Jahren ist das hart! Zu nichts mehr nütze zu sein! Und wenn Sie wüßten, was ich meiner lieben Zoé für Mühe mache! Sie ist so gut, so aufopfernd, sie ist mein einziger Trost!«

Welch eine Veränderung! Ja, wahrhaftig, die alte Dame hatte nichts mehr von ihrer königlichen Haltung, und ihr Blick glich nicht mehr dem der Marie Antoinette vor dem Revolutionstribunal. War es denn möglich? Sie klagte jetzt, und mehr noch als sich selbst beklagte sie ihre Tochter, ja sie sprach mit zärtlicher Sorge von Zoé! Mein Gott, ja! Auch das Unglück hat sein Gutes. Nur die schreckliche Prüfung, unter der Madame Bouquet litt, konnte dieses Wunder vollbringen. Die Krankheit hatte diesen anspruchsvollen, hochmütigen Sinn gebeugt, das Eis dieses selbstsüchtigen Herzens geschmolzen. Jetzt, wo sie gänzlich auf den Schutz ihrer Tochter angewiesen war und sich unfähig fühlte, irgend etwas ohne deren Hilfe zu unternehmen, hatte sie endlich ihr bewunderungswürdiges Kind verstehen und schätzen gelernt.

Zoé nahm, nachdem sie einen Kuß auf die blasse Stirn der Kranken gedrückt hatte, wieder ihren Platz vor der Nähmaschine ein und begann alsbald, die Nadel in rastloser Eile auf und nieder fliegen zu lassen: Tick, tick, tick, tick, tick.

»Mama verwöhnt mich mit ihren Schmeichelreden,« sagte sie, indem ihre klaren Augen sich auf Albéric richteten. »Aus all ihren Worten spricht nichts als Zärtlichkeit für mich, und wenn sie sich beklagt, so thut sie es nur, um mich zu loben. Dagegen können Sie sich kaum vorstellen, wie heldenmütig und ergeben sie ihr Unglück ertragen hat. Uebrigens geht es ihr bereits viel besser; vorhin beim Essen konnte sie sogar ihr Glas mit der kranken Hand festhalten und zum Munde führen. Die kleinen Dienste, die ich ihr noch zu leisten habe, sind kaum der Rede wert. Sie wissen, daß sie eine staunenswerte Energie besitzt. Nun wohl, ich bin überzeugt, daß sie sich ihren Leiden nicht in Schwäche hingibt; gewiß, sie wird genesen wollen und sie wird genesen. Ja, Sie werden sehen, Herr Albéric, ihr Mut und ihre Willenskraft müssen siegen und sie noch ganz und gar gesunden lassen.«

Nein, nein! Die Hemiplegie kennt kein Erbarmen. Madame Bouquet wird an der einen Hälfte ihres Körpers für immer gelähmt bleiben und sich nie mehr von diesem Schlag erholen. Aber nichtsdestoweniger können wir ruhig sein; die kleine Zoé wird ihr Unglück niemals zugeben. Um jeden Preis wird sie in der Seele ihrer Mutter die köstliche Täuschung, die tröstliche Hoffnung aufrecht erhalten und bis ans Ende ihre fromme, rührende Lüge weiterspinnen. Sie wird dieser schwachen, gebrechlichen Frau, die jetzt bei jeder Gelegenheit klagt und greint, unaufhörlich wiederholen, ja sie schließlich selbst davon überzeugen, daß ihre Seele ungebeugt, ihre Willensstärke noch dieselbe sei wie früher. Sie wird ihr wehren, wenn sie sich der Rührung überlassen will; denn Gemütsbewegungen sind für Kranke ermüdend und gefährlich; ja sie wird sich sogar den süßen Liebkosungen, den Küssen der Mutter entziehen, die ihr doch lange genug vorenthalten wurden. O warum kann sie der armen Siechen, die nun gerechter und besser geworden ist, nicht ihre alten Fehler, ihre Kälte, ihre Härte wiedergeben? Wie gern würde das liebe, treffliche Mädchen von neuem unter ihnen leiden, wenn seine Mutter dadurch einen seelischen Halt im Schmerze ihres Unglücks zu finden vermöchte!

Tick, tick, tick, tick, tick! Aber die Nähmaschine mag sich sputen, so viel sie will, und aus Leibeskräften vorwärts galoppieren, sie wird doch mit dem Herzen unsres jungen Besuchers nicht gleichen Schritt halten können. O ja, in diesem Augenblicke wirkt die von Albéric unternommene Kur, und zwar aufs kräftigste; daran ist nicht zu zweifeln. Nur läuft sein Herz Gefahr, vor lauter Pochen zu zerspringen, wenn es so fortgeht. In schmerzlich wonnevollen Schlägen klopft und klopft es ohn' Unterlaß. War er denn blind seither? Nie war es ihm so wie heute klar geworden, daß die kleine Zoé, ohne gerade besonders hübsch zu sein, ein ganz entzückendes Mädchen ist. Welch holde Anmut liegt in ihrer Tugendhaftigkeit, wie einfach ist sie in ihrer liebevollen Aufopferung! Und wie muß sie gelitten haben, die arme Kleine, wie schwer mag es ihr auch jetzt noch werden! Welch drückende Sorge von einem Tag zum andern! Denn das ist leicht zu erkennen, die beiden unglücklichen Frauen sind hart an der Grenze der bittersten Not ... Wo ist die Wanduhr im Stile Ludwigs XVI., wo sind die beiden wertvollen Stiche, diese letzten aus dem Schiffbruch der Familie Bouquet geretteten Trümmer einer besseren Zeit, die unlängst noch die Wände geschmückt? O, gewiß beim Trödler! Großer Gott! So weit war es also gekommen! Dahin war sie gelangt, diese reizende kleine Zoé, die von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit aufblickt und Albéric mit sanfter, trauriger Miene anschaut, als wollte sie sagen: »Wie schade, daß du reich bist!« Also ihre Möbel muß sie verkaufen, um nicht Hungers zu sterben! O, wie dieser Gedanke ihn foltert!

Und während Mama Bouquet mit weinerlicher, lallender Stimme die Geschichte ihrer Krankheit erzählt, und was ihr Kind, ihre Zoé, alles für sie gethan hat, unterzieht Albéric, der andächtig zuzuhören scheint, das ganze Gebäude seiner Zukunftspläne einer gründlichen Umgestaltung. Bei Gott! Sein bisheriges Genußleben war ohne jeden Sinn, hohl und leer wie eine taube Nuß. Morgen wird er sein zum Ersticken überladenes Entresol aufkündigen, den Lovelace mit den rehfarbenen Gamaschen an die Luft setzen, dem Präsidenten des Rinnsteinkehrerklubs seinen Austritt anzeigen, die Adressen Bordiers und Sautelets in den Papierkorb wandern lassen und mit seiner ganzen Vergangenheit gründlich aufräumen. Alles darin war falsch, grundfalsch und hat ihm nichts eingetragen als Ekel und Erschlaffung. Seine Pflicht erfüllen, für andre leben und arbeiten, das war das rechte Mittel, um sich vor Langeweile zu bewahren. Aber was ist denn seine Pflicht? Noch hat er ja keine zu erfüllen, denn er lebt unabhängig und allein. Nun gut, so wird er sich Pflichten schaffen! Ach, kleine Zoé, du bildest dir ein, man könne dich nicht lieben, weil man reich ist? Nun, man wird es dir zeigen. Man wird dich um deiner selbst willen und weil du es so hübsch verstehst, den Stoff unter der Nadel deiner Nähmaschine durch die gewandten Finger gleiten zu lassen, heiraten. Ja wohl, mein Fräulein, man wird der ehrerbietige Schwiegersohn der Madame Bouquet werden und Ihnen sogar helfen, die arme Kranke zu pflegen. Auch wird man, obgleich trotz all' der begangenen Thorheiten noch immer Kapital genug vorhanden wäre, um von seinen Renten leben zu können, doch wieder anfangen zu arbeiten, ja, das wird man. Zwar nicht als Volontär bei Cahun & Söhnen, nein, aber man wird sich irgend eine nützliche Beschäftigung suchen, gleichviel welche; müßte man auch wie Papa viele hundert Dutzend Austern malen, natürlich nur als simpler Dilettant, oder gar wiederum zum Gradus ad Parnassum greifen und lateinische Verse schmieden, um seine Zeit totzuschlagen. Ganz unbestreitbar aber ist es, mein Fräulein Zoé, daß man Sie liebt, daß man um Ihre Hand anhalten und sein ganzes Junggesellenleben zum Teufel jagen wird, und daß man sich mit diesem Opfer ein weit geringeres Verdienst erwirbt, als der brave Herr Mataboul, der seiner Politik entsagte und auf sein Glas schwarzen Kaffees verzichtete, damit seine kleine Nichte zur rechten Zeit schlafen gehen konnte.

Plötzlich erhob sich Albéric ungestüm, schritt geradenwegs auf die bestürzte Zoé los, erfaßte ihre Hand und führte sie vor den Lehnstuhl der gelähmten Mutter.

»Teure Madame Bouquet,« begann er alsdann mit vor Erregung zitternder Stimme, »verzeihen Sie mir, aber ich habe Ihnen vorhin nicht die Wahrheit gesagt. Nein! Ich war nicht verreist, sondern in Paris, wo ich tausend dumme Streiche gemacht habe, und ich bin unhöflich und undankbar genug gewesen, Sie nicht mehr aufzusuchen. Ich war von einer entsetzlichen Krankheit befallen, die nur unter den Reichen wütet. Sie hat mich ungefähr hunderttausend Franken gekostet, meine Gesundheit ein wenig angegriffen und war nahe daran, auch mein Herz in Mitleidenschaft zu ziehen. Aber ich habe mich soeben einer energischen Kur unterzogen, die mich von Grund aus geheilt hat. Und nun, teure Madame Bouquet, können Sie durch ein einziges Wort mich zum glücklichsten oder unglücklichsten aller Menschen machen. Ich liebe Fräulein Zoé, ich wage zu hoffen, daß auch ich ihr nicht gleichgültig bin, und so frage ich Sie denn beide ohne weiteres, ob Sie mich als Schwiegersohn und Gatten anzunehmen gewillt sind?«

O mein Gott, was hat denn die arme Kleine? Wie von einer plötzlichen Schwäche übermannt, läßt sie ihr Haupt auf die Schulter des jungen Mannes sinken und bricht in Thränen aus! Also wirklich, so sehr hat ihn das gute, arme Kind geliebt! Dann kniet sie vor ihrer Mutter nieder, faßt deren gelähmte Hand und bedeckt sie mit überströmenden Thränen. Und weiß Gott, auch Albérics Augen sind feucht geworden, auch er kniet nieder und ergreift Madame Bouquets andre Hand. Was kann da wohl die gute alte Dame andres thun, als ebenfalls weinen und den Liebenden ihren Segen geben?

Albéric ist durch seine kurze, aber so erfolgreiche Kur vollständig geheilt und dank dem Rest seines mit dem großen Los gewonnenen Vermögens im Besitze eines behaglichen Wohlstandes. Seit letztem Frühling bewohnt er im Verein mit seiner Schwiegermutter und seiner jungen Frau ein wunderhübsches, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts stammendes Landhaus am Abhang eines waldbewachsenen Hügels unweit der Seine, ungefähr sechs Meilen von Paris entfernt. Dort finden wir eine reizende Terrasse, und auf ihr an sonnigen Tagen Madame Bouquet in bequeme Kissen gebettet. Sie sieht die Schiffe den Fluß heruntersegeln und die Holzflöße vorüberziehen, und die junge Madame Mesnard, die sich nicht von ihrer Nähmaschine getrennt hat, sitzt oft mit der Arbeit neben ihrer Mutter.

Sie ist vollkommen glücklich, und ihr Gatte hat noch keine bessere Beschäftigung gefunden, als die, seine Frau zu lieben. Mit Anbruch des Herbstes indessen beginnt er, um die langen Abende auszufüllen, Gedichte zu machen; keine lateinischen, das wäre doch gar zu einfältig, sondern in gutem Französisch, und alle zum Lob seiner lieben Zoé. Es sind wahre Knittelverse; aber wir brauchen uns deswegen nicht zu beunruhigen, Albéric ahnt es selbst und wird sie nicht veröffentlichen.

Des Sonntags wird Herr Mataboul, der dank einer ihm von Albéric vorgestreckten erklecklichen Summe einen Weinhandel im großen eröffnet hat und gute Geschäfte macht, mit seiner Nichte zu Tisch eingeladen, und dann überschüttet Madame Mesnard die kleine Marie mit all jenen zärtlichen, instinktiven Liebkosungen, wodurch eine junge Frau unwillkürlich verrät, daß sie einst eine gute Mutter sein wird.

Da man sich auf dem Lande nicht so leicht einen guten Fisch verschaffen kann, liebt es Herr Mataboul; einen fertig gesottenen Hummer mitzubringen, dessen Farbe seiner radikalen Gesinnung schmeichelt. Denn der Südländer hat sich nicht vom Wohlleben bestechen lassen und bleibt ein roter Republikaner. Ohne sein Geschäft zu vernachlässigen, gibt er sich wieder viel mit Politik ab und wird bisweilen einzig und allein aus diesem Grunde wieder der alte lästige Schwätzer. Seinem guten Charakter zuliebe nimmt Albéric dies in Kauf; neulich aber hat der Weinhändler bei Madame Bouquet einen wahren Sturm der Entrüstung wachgerufen, indem er die Heranziehung der Seminaristen zum Militärdienst ausdrücklich billigte und dabei laut ausrief: »Jawohl, sie sollen nur den Tornister tragen, die Pfaffen!« Dessenungeachtet hat er durch einen verhängnisvollen Mangel an Konsequenz seine kleine Nichte in einer Klosterschule untergebracht; »denn sehen Sie, was die Kindererziehung betrifft, so versteht sich eben niemand so gut darauf als die Schwestern im Kloster.«

Mit seinen Kameraden vom Rinnsteinkehrerklub hat Albéric vollständig gebrochen. Uebrigens mußte der dicke Bordier nach einer etwas allzugroßen Leichtfertigkeit in Geldangelegenheiten die belgische Grenze als Scheidewand zwischen seiner Person und der Polizei aufrichten. Was Sautelet betrifft, dessen Großvater Kapitän der großen Kauffahrtei war und dreißig Jahre lang für einen Reeder in Nantes Sklavenhandel betrieben hatte, so übt er infolge einer wunderbaren und höchst beachtenswerten Erscheinung von Atavismus ein ganz ähnliches Gewerbe aus. Er ist heute Theaterdirektor.

 

Ende.

 

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