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Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Die Wahl des Herkules

Christoph Martin Wieland: Die Wahl des Herkules - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Achtundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1775
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleDie Wahl des Herkules
pages24
created20131108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Die Wahl des Herkules.

Ein lyrisches Drama.

In Musik gesetzt von Anton Schweitzer.

Am 17ten Geburtstage des damaligen Herrn Erbprinzen von Sachsen-Weimar und Eisenach auf dem Hoftheater zu Weimar im Jahre 1775 aufgeführt.

 


 

Personen.Gewöhnlich erklärt man die beiden personificirten Wesen in diesem Drama für die Tugend und das Laster oder setzt allenfalls statt des Lasters im Allgemeinen die Wollust der Tugend gegenüber. Wieland, da er hier die Kakia für die wollüstige Unthätigkeit erklärt, fühlte bei jenem Gegensatz etwas Unziemliches, er hätte aber auch die Arete noch bestimmter als durch Tugend erklären sollen. Auch hiemit darf man nicht die Begriffe späterer Moral verbinden, denn die Jugend des Heroenalters, welchem Herkules angehört, war hohe, kraftvolle Männlichkeit, die kühn jeder Gefahr trotzte, das wilde Thier und den freveln Räuber erschlug, dem einbrechenden Feinde und dem einbrechenden Strome Widerstand entgegen setzte, Tapferkeit und Großherzigkeit allezeit, Gerechtigkeit und Billigkeit nicht immer zeigte. Vielleicht aber glaubte Wieland, daß dieß Alles schon in dem Worte Tugend liege, und ich füge deßhalb hier seine bei Uebersetzung des Originals a. a. O. gemachte Anmerkung bei. »Für das griechische Wort Kakia kenne ich kein völlig gleichbedeutendes deutsches; denn ein solches müßte eben so verschieden in unserer Sprache gebräuchlichste Bedeutungen haben, als Kakia bei den Griechen. Die erste und eigentliche Bedeutung dieses Wortes ist Untauglichkeit, Unbrauchbarkeit; daher auch Feigheit, weil ein feiger Mensch im Kriege, der Hauptbeschäftigung der alten freien Griechen, unbrauchbar ist; auch, in einer weiteren Bedeutung, die Schlechtigkeit eines übel erzogenen, ungebildeten, niederträchtigen Menschen aus dem untersten Pöbel; in der weitesten das Gegentheil der Arete (Tugend), insofern die Griechen unter Arete alle Eigenschaften und Fertigkeiten begriffen, wodurch ein Mensch sich andern Menschen, besonders seinem Vaterlande, nützlich machen und sich selbst Ehre und Ruhm erwerben kann; welches auch, nahezu, die erste Bedeutung der Wörter virtus bei den Römern und Tugend bei den Deutschen war.« G.

Der junge Herkules.
Arete, die Tugend.
Kakia, die wollüstige Unthätigkeit.

Die Scene ist in einer waldigen Einöde.

 


 

Herkules tritt auf.

        O, nehmt mich auf, ihr stille Gründe,
            Gewogne Schatten, hüllt mich ein!
        Hier athm ich wieder frei, empfinde
            Des Daseyns Werth, bin wieder mein!

            Ich sollte Amors Ketten tragen?
        Die Thorheit schleppte mich an ihrem Siegeswagen?
            Ein freier Sklave sollt' ich seyn?
                Beim Himmel! Nein!
        Ich fühl' ein Herz in meinem Busen schlagen,
            Ich fühl' – O Götter, darf ich's wagen,
                In diesem unbehorchten Hain'
        Um ein Geheimniß euch zu fragen?

Weß ist die Stimme, die ich tief im Heiligthum
Der Seele höre? Oder täuschet mich,
Indem ich sie zu hören glaube,
Ein eitler Wahn?
Wer bin ich? – Diese Glut
In meinem Busen, diese Ungeduld
Nach Thaten, dieses unaufhaltsame Streben
Nach einem unbekannten Ziel,
Dieß Hüpfen jeder Ader, da
Wo Andre beben,
Dieß – was ich besser fühlen
Als mir erklären kann,
Wie nenn' ich's, was den andern Erdensöhnen mich
So ungleich macht? Was mich auf ihre Spiele,
Was auf den ganzen Kreis von ihren kleinen Sorgen,
Entwürfen, Freuden, Plagen, kalt und unbewegt
Mich niederblicken heißt,
Wie man auf einen Haufen Kinder blickt
Die sich um einen Apfel raufen!

Wer bin ich? Gab ein Halbgott, gab
Ein Gott das Leben mir?
Wie wallt mein Blut von diesem großen
Gedanken auf! Ich zittre nicht,
Indem ich ihn zu denken wage.

        Ja! ja! es ist kein Wahn! Ich fühl's, ich fühl's,
        Was diese Adern schwellt, ist Götterblut!
        O du, der mir von seinem Leben gab,
        Unsterblicher,
        Warum verbirgst du dich vor mir?
        O, zeige dich! O, lehre deinen Sohn
        Die Wege zum Olympus, lehre ihn
        Sich deiner würdig machen!

Aber, wenn ich mich zu viel erkühnte?
Wenn die selbstbetrogne Seele,
Was sie feurig wünscht, für Ahnung hielte?
Alcid! du träumst von Gottheit? Du? –
O, sink' in Scham verloren
Tief in die Erde! – Du,
Den noch vor wenig Augenblicken
Ein rosenwangiges,
Der scherzenden Natur noch unvollendet
Entschlüpftes Ding
Ein Mädchen, deiner selbst vergessen machte?

O! daß mein böser Dämon dir entgegen
Mich führte, da du an der Spitze
Der Töchter Kalydons
Vom traubenvollen Hügel
Herunter in die Myrtenschatten
Des Achelons stiegst, o Dejanira!Des Oeneus oder Bakchos Tochter, wurde zugleich von Herkules und dem Stromgott Acheloos geliebt. Von beiden Bewerbern sprach ihr Vater sie dem zu, der im Kampfe dem Andern obsiegen würde. Acheloos kämpfte als Stier, als Drache und als Mann mit einem Stierhaupt; Herkules aber siegte. Dejanira ward seine Gemahlin und zuletzt die unschuldige Ursache seines Todes. G.
Seit diesem Augenblick find' ich dich,
Wohin ich flieh',
In meinem Wege. Jedem edeln Vorsatz
Begegnest du!

        Im Traum sogar verfolgst du mich.
        Ich seh' dich, jugendlich wie Hebe,
        Schimmernd wie Aurora, wollustathmend
        Wie Cythere, da die Welle
        Sie an Paphos Ufer trug –
        Ich seh' dich und vergesse
        Der Lehre, die vom Nektarmund der Söhne
        Des Musengottes in Cythärons heil'gen GrottenDie griechische Sage gibt dem Herkules die größten Meister in allen Künsten, worin ein Heros Fertigkeiten besitzen mußte. Zu diesen gehörte auch die Musik, und die Meisten geben ihm darin den Linos, Andere den weisen Kentauren Chiron zum Lehrer. Es scheint indeß nicht, daß er zu den Musenkünsten eine besondere Anlage gehabt oder sie auch nur vorzüglich geschätzt habe, wenn ihm gleich ein späterer Zufall auch die Ehre verschafft hat, Musenführer (Musaget) zu heißen. – Die Scene von des Herkules Jugendleben ist Böotien, dem das Gebirg Kithäron angehört. G.
        In meine Seele flossen – ach!
        Vergesse jeden Schwur, den ich
        Der Tugend that, so oft beim Lob der Helden mir
        Die Wange glühte!

O, weich' aus meiner Seele, Zauberin!
Nicht länger will ich deine Fesseln tragen.
Es sind nur Blumenketten, leicht zerrissen!
Dein Bild –
Mit seines schärfsten Pfeiles Spitze
Grub es in diese Brust
Der lächelnde Tyrann der Herzen ein –
Allein heraus will ich es reißen oder fliehn,
Wohin kein Menschenfuß mir folgen soll,
Um meine Schmach und mich
Der Welt auf ewig zu verbergen!
Unglücklicher! bin ich es, dessen Worte
Sein eignes Ohr empören?
O, wie räthselhaft noch immer
Mir selbst! wie groß! wie klein!
Jetzt muthig, jedem Ungeheuer Trotz
Zu bieten, jetzt verzagt vor einem Blick;
Jetzt ganz durchdrungen von der hohen Schönheit
Der Tugend, ganz, ganz ihrer Gottheit voll,
Zu welcher großen That,
Zu welchem Opfer fühl' ich mich
Nicht stark genug!
Doch bald, betrogner Jüngling, bald
Wird unter Zauberrosen dich
Die schnöde gürtellose Wollust
Zum Entschlummern
An ihren Busen locken.
Süßes Gift
Wirst du aus ihren Augen schlürfen
Und gleich den Seelen, die vom Lethe trinken,
Vergessen, wer du bist, und was du werden sollst.

        So niedrig sollt' ich seyn? So schwach?
        So unwerth deiner Tugend,
        Alkmena? Eurer Lehren so
        Uneingedenk, ihr Führer meiner Jugend?
        Nein! dieser Tag sey Zeuge meiner Schwüre,
        Und du, allsehend Auge des Olymp,
        Und du, o Rhea,
        Der Götter Mutter und der Sterblichen,
        Seyd meine Zeugen! –

(Die Scene verwandelt sich plötzlich in einen romantischen Lustgarten. Kakia zeigt sich, dem Herkules gegenüber, auf ein zierliches Ruhebettchen, in einer ihrem Charakter gemäßen Lage, reizend hingegossen.)

                                              Götter, welch ein Anblick!
        Wo bin ich? Träum' ich wachend?

Kakia (sich mit halbem Leib erhebend, ohne aufzustehen).

                Willkommen, Göttersohn,
                    Im Reich der Freude!
                Erheitre deinen Blick,
                    O, komm', o, meide
                Nicht länger deinen Thron
                    An ihrer Brust!

                Hier leben wir, ferne
                    Vom Erdengetümmel,
                Das selige Leben
                    Der Götter im Himmel:
                Uns strahlen die Sterne
                    Nur Wonne, nur Lust.

                Willkommen, Göttersohn,
                    Im Reich der Freude!
                    O, komm', o, meide
                Nicht länger deinen Thron
                    An ihrer Brust!
                (Sie steht auf und nähert sich ihm.)

Du fliehst die Welt, Alcid?
Im Alter des Vergnügens
Entweichst du ihm in einen öden Wald?
Sprichst mit dir selber, staunst,
Verlierst dich in Gedanken, zweifelst, welchen Weg
Ins Leben du erwählen sollst?
Sieh' eine Freundin hier,
Die willig ist, zum Glück der Götter dir
Den Weg zu zeigen.

Herkules.
Und wie, o Göttin – denn so kündigt dich
Dein ganzes Wesen an –
Mit welchem Namen soll ich dich verehren?

Kakia.
Freude nennen mich,
O Jüngling, meine Freunde; aber in
Der Göttersprache ist
Mein Name Eudämonia.Eudämonia – Glückseligkeit. Dasjenige Moralsystem, welches sie zum Beweggrunde alles Handelns und Strebens macht, nennt man das eudämonistische, und auf dieses, insofern es der reinen Tugendlehre entgegen sieht, spielt Wieland hier an. G.
Denn selbst die Götter leben nur durch mich
Ihr ewig sorgenfreies Wonneleben.

        Ich bin die Schöpferin der Freuden im Olymp
        Und auf der Erde. Scherze, Grazien
        Und Amoretten
        Sind mein Gefolge. Selbst
        Die Musen, die du liebst,
        Sind meine Dienerinnen.
        Meinen Freunden
        Zollt der ganze Erdball Lust.
        Ihnen scheint allein die Sonne,
        Ihnen duftet Amors Lieblingsblume,
        Ihnen sprudelt nur der Erde Nektar
        Im krystallnen Becher, ihnen nur
        Beleuchtet zu Cytherens Schlummer
        Den Rosenpfad der stille Mond.
        Sie, sie allein genießen
        Des Lebens, scherzen seine Sorgen weg,
        Und, gleich der Rose, die an einer Nymphe Busen
        Verduftet, athmen sie im Schoß der Lust
        Ihr frohes Daseyn aus.

O du, der Götter Liebling, Herkules,
Was zögerst du? –
Du zweifelst? – Hat ein Leben, ganz
Aus Lust gewebt, nichts, was dich reizen kann?

Herkules.
Du sagst mir, Göttin, nur was deine Freunde
Genießen; sage mir auch, was sie thun.
Womit verdienen sie so schön belohnt zu werden?

Kakia.
Verdienen? – Denke richtiger
Vom Glück der Weisen, die sich mir ergeben!
Genießen, Freund, und vom Genusse ruhn
Zu süßerem Genuss', ist Alles, was sie thun.
Genießen ohne Arbeit, in Gefühl
Ganz aufgelöst mit jedem trunknen Sinn'
In einem Ocean von Wollust weben,
So leben die Olympier, so lebt,
Wer mich besitzt, und dieß nur nenn' ich leben!

                Bei Hebens Nektarschalen,
                    Beim Lustgesang der Musen,
                        Ist euer Selbstbetrug,
                Sind eure Qualen,
                    Betrogne Sterbliche,
                        Der Götter Spott!

                O Jüngling, den die Sterne lieben,
                O, kämpfe nicht mit deinen Trieben!
                    Komm, Glücklicher, an meinen Busen
                        Und werd' ein Gott!

Herkules.
Allmächt'ge Götter! kann auch wider unsern Willen
Ein fremder Reiz Gewalt der Seele thun?
Zu stark, zu stark ergreift mich deiner süßen Töne
Wollüst'ge Zauberei, Verführerin!
Ich strebe dir entgegen,
Ich fühle, daß ich's soll,
Und folge dir.

(Bei den Worten, »ich strebe dir entgegen,« öffnet sich der hinterste Theil der Scene, und entdeckt eine rauhe Wildniß, die auf einem steilen mit Dornen bewachsenen Pfade zum Gipfel eines hohen Berges führt, wo aus einem Lorbeerwäldchen die Zinne des Tugendtempels hervor glänzt.

(In dem Augenblicke, da Herkules spricht, »ich folge dir,« erscheint)

Arete.
Halt' ein, Alcid! Sieh, wer die Hand dir reicht!

Herkules.
Welch eine Stimme? – O, bist du's,
Bist du's, du Göttin meiner Seele? – Ja
Dein ganzes Wesen, diese Majestät
Voll hohen Reizes, diese Wunderkraft.
Die von dir ausgeht, meine schwankende,
Entnervte Seele faßt, mit neuem Muthe
Sie anhaucht, Alles, große Göttin,
Verkündigt dich.
Du bist die Tugend – die ich liebe –
        (Mit Beschämung und Wehmuth.)
                                                            der ich untreu bin!

Arete.
Dein Herz, o Herkules, wiewohl ich deinen Augen
Noch niemals sichtbar ward,
Dein Herz erkennt mich, deine Freundin, deines
Geschlechtes Freundin: mich,
Die durch den Mund
Der Weisen, die dich bildeten,
Das göttliche Gefühl des Adels deiner Seele
In dir entflammte. Sieh', ich zeige hier
Mich deinen Augen. Dieser große Tag
Soll deines ganzen Lebens
Entscheidung seyn.

Kakia.
Alcid, die Zeit ist kostbar, kurz das Leben.
Dieß Wortgepränge raubt dir Augenblicke,
Die ungenossen fliehn und niemals wiederkommen.

Arete.
Die Wahrheit, Herkules,
Braucht, um zu siegen, keiner Rednerkünste;
Sie rührt, sie überwältiget das Herz
Durch ihren eignen Reiz.
Ich komme nicht, ein Leben ohne Mühe,
Ruhmloses Glück und unverdiente Freuden
Dir anzubieten. Heilig ist
Die Ordnung mir des Vaters der Natur;
Nichts Gutes geben
Den Sterblichen die Götter ohne Mühe.
Soll dir die Erde ihre Schätze zollen,
Du mußt sie bauen! Soll
Dein Vaterland dich ehren,
Arbeit' für sein Glück, für seinen Ruhm.
Soll Fama deinen Namen
Den Völkern und der Nachwelt nennen,
Verdien's um sie! Sey ein Wohlthäter
Der Menschheit, lebe, schwitze, blute
In ihrem Dienst. Was könnten dir die Menschen,
Die nichts von dir empfangen, schuldig seyn?
Verdienen nicht die Götter selbst den Weihrauch,
Der ihre Tempel füllt, durch alles Gute,
Das sie der Erde thun?

Kakia.
Du hörst es! Alles, was die Freudenstörerin
Dir anzubieten hat, ist Arbeit, Mühe,
Gefahren, Wunden, Tod. Für Andere,
Für Undankbare sollst du leben, nicht für dich;
Mühselig leben, daß dein Grabstein einst
Dem Vorwitz später Enkel melde:
        »Hier liegt ein Thor, der leben konnte
            Und starb,
        Um, wenn er nicht mehr wär',
            Auf andrer Thoren Lippen
        Ein ungefühltes Daseyn zu erhaschen.«
Herrliche Vergütung
Für alle Opfer, die sie von dir fordert!
Ich, junger Freund, verkaufe meine Gunst
Dir nicht so hoch. Genieße du des Lebens
Im weichen Schoß der Ruhe! Andre sollen
Für dein Vergnügen schwitzen. Eine ganze
Rastlose Welt soll deinen Freuden dienen,
Soll sich erschöpfen, deinen Wünschen selbst
Zuvor zu eilen.

Arete.
                          Thörin, höre auf,
Mit deiner Schande dich zu brüsten!
Hör' auf, mit täuschendem Sirenensang
Arglose, unerfahrne Wanderer
In deinen Schlund zu ziehn!
Wer kennt dich nicht?
Und wen wirst du bethören, der dich kennt?
Du prahlst mit Götterwonne, du
Die alle ihre Freuden mit den Thieren
Des Feldes theilt und nichts von andern weiß;
Die keinen innern Sinn für Wahrheit hat,
Noch für die süße Ruhe
Der mit sich selbst und mit der ganzen
Natur in Friede lebenden schuldlosen Seele;
Du, deren Busen nie die heil'ge Glut der Liebe
Zum Vaterland, der Menschenliebe wärmte,
Von deren Wange nie die fromme Thräne
Des Mitleids floß, du sprichst von Götterwonne?
Wann jemals hat dein Ohr von allem Wohlklang
Den süßesten, verdientes Lob, gehört?
Sprich, wann genoß dein Auge je des Schönsten
Von Allem, was die Augen sehen können,
Des Anblicks einer guten That von dir?
Und selbst die einz'gen Freuden, die du kennst,
Wem gibst du lauter sie und unvergiftet?
Erwartet jemals deine Lüsternheit den Ruf –
Gehorcht sie je dem Warnen der Natur?
Wann achtest du im Taumel deiner Lüste
Ihr heiliges Gesetz? Darum ereilen auch
Bald ihre Strafen dich.
Und deiner eignen Thorheit Töchter
Sind die Erinnyen, die deine Frevel rächen.
In deinen Adern zehrt ein schleichend Gift
Des Lebens Quellen auf; ein frühes Alter
Welkt deine Wangen; stumpf und nur zum Schmerz
Noch mit Gefühl gestraft, gepeinigt vom Vergangnen
Und von der Zukunft, schmachtest du
Ein schrecklich Daseyn hin, das keine Hoffnung,
Kein tröstendes Bewußtseyn guter Thaten dir
Erträglich macht.
Unglückliche, was helfen dann
Die Rosen dir, die deinen Weg bestreuen?
Durch Blumen führt sein sanfter Abhang, aber führt
In unausbleibliches Verderben.
Mein Weg ist steil und rauh und dornenvoll,
Er schreckt den Weichling ab;
Doch sieh', o Göttersohn, wohin er führt!

        Der steile Pfad, auf den ich leite,
            Dräut mit Dornen, starrt von Klippen;
                Des Mittags Hitze saugt dein Blut;
        Mit trübem Blick, mit dürren Lippen
            Siehst du, wenn Kraft und Muth ermatten,
        Vergebens dich nach kühlen Schatten,
            Nach einem Quell vergebens um.

        Getrost! Ich schwebe dir zur Seite
            Ich helf' in jedem Kampf dir siegen;
                Du dringst empor mit neuem Muth;
        Der Gipfel naht, er ist erstiegen!
        Da weht unsterbliches Vergnügen,
            Und Alles ist Elysium.

Herkules.
O Göttin, löse mir
Das Räthsel meines Herzens auf.
Zwei Seelen – ach, ich fühl' es zu gewiß! –
Bekämpfen sich in meiner BrustDiesen sokratischen Satz wiederholt besonders Xenophon oft. Ihm liegt zum Grunde der Widerstreit in unserm Innern zwischen dem durch physische Triebe bestimmten Begehren und dem durch Vernunft bestimmten Wollen. G.
Mit gleicher Kraft: die bess're siegt, solange
Du redest; aber kaum ergreift
Mich diese Zaubrerin mit ihren Blicken wieder,
So fühl' ich eine andere
In jeder Ader glühn, die wider Willen mich
In ihre Arme zieht.

Arete.
Erröthe, Herkules,
Erröthe vor dir selbst! Die bess're Seele
Bist du! Sie ist allein dein wahres Selbst;
Wag' es zu wollen, und der Sieg ist dein!

Kakia.
Alcid, du wendest dich von mir?
Du scheuest meinen Blick?
Wie wenig kennst du deine Freunde!
Aus gutem Willen kam ich dir
Mit meiner Gunst
Die schöne Dejanira anzubieten:
Willst du dein eigner Feind seyn? Immerhin!
Verschmähe sie und mich! Ich werde den
Nicht lange suchen müssen, der so ein Geschenk
Mir abzunehmen sich entschließen kann.

Herkules.
Was sagst du? Oder ist's nur Täuschung? denkst du nur
Mit diesem süßen Namen mich zu locken?
Du, Dejaniren, mir?

Kakia.
                                  Und deines Herzens
Verlorne Ruh' und Freuden ohne Maß
In ihrem Arm! – Ja, Dejaniren,
Die schönste meiner Töchter, sie, die ich
Für dich von Kindheit an bestimmte, dir
Erzog und pflegte, Undankbarer! sie
Verschmähest du?

Herkules.
                                Ich sollte Dejaniren
Verschmähn? Freiwillig ihr entsagen? Nein!
Das kann ich nicht! Du selbst, Arete, kannst
Ein solches Opfer nicht von mir verlangen!

Arete.
Und du – dem Ruf der Götter ungetreu,
Du könntest, eh du ihr entsagtest, mir,
Dem Ruhm, der Tugend, der Unsterblichkeit entsagen?
Du kannst noch schwanken?


Herkules. Arete. Kakia.

Herkules (zu Arete).
                O, trag' Erbarmen
                        Mit meinem Schmerz!
                Der innre Aufruhr
                        Zerreißt mein Herz.

Kakia.
                Dir winkt in meinen Armen
                        Der Liebe Glück,
                        Dich lockt ihr süßer Blick,
                Und du verziehest?

Arete.
                Besinne dich! Du fliehest
                        Das wahre Glück.

Herkules.
                Ist nicht für beide Raum
                        In meiner Seele?

Arete.
                Weg mit dem eiteln Traum!
                        Erwach' und wähle!

Herkules.
                Ich lieb', o Göttin, dich
                        Und Dejaniren!

Herkules und Kakia à 2.
                { Und ich entschlösse mich,
                { Und du entschlössest dich,
                        { Euch zu verlieren?
                        { Sie zu verlieren?

Herkules.
                Ist nicht für beide Raum
                        In meinem Herzen?

Arete.
                Weg mit dem eiteln Traum!

Herkules.
                Glich meinen Schmerzen
                        Wohl je ein Schmerz?
                Der innre Aufruhr
                        Zerreißt mein Herz.

Arete und Kakia à 2.
                { Der Tugend Götterglück
                { Der Liebe Götterglück
                        Willst du verscherzen?
                O, flieh'! o, flieh zurück!

Herkules.
                Nur einen Augenblick!
                        O, tragt Erbarmen!

Kakia.
                In meinen Armen
                Winkt dir der Liebe Glück,
                        Und du entfliehest?

Arete.
                Dir winket Götterglück,
                        Und du verziehest?

Kakia.
Ist's möglich, holder Jüngling,
Kann zwischen mir und dieser ungeschlachten
Trübsel'gen Freudenhasserin
Dein Herz im Zweifel seyn?

Arete.
Die Tugend leidet keine Nebenbuhlerin,
Alcid! und der entsagt mir schon,
Der zwischen mir und meiner Feindin wankt.
Wenn Scham und Reue dich
Dereinst aus deinem Traume wecken,
Dann, Herkules, erinnre dich,
Was ich für dich gethan. Jetzt kann ich nichts
Als dich beklagen und – verlassen!

Herkules.
Ich sollte dich verlieren, Göttin, dich?
O, eher laß mir Alles, was ein Sterblicher
Verlieren kann, entrissen werden!
Alles, was ich liebe,
Das Leben selbst! – Was wär' es ohne dich?
Wie könnt' ich dir entsagen, dir,
Arete, die ich über Alles liebe?
Verzeih, verzeih dem Taumel meiner Sinne!
Verlaß mich nie! Zu deinen Füßen schwört
Dein Herkules sein ganzes Herz dir zu.
Sieh' ihn bereit, dir Alles aufzuopfern, Alles
Für dich zu thun, für dich zu leiden, freudig dir
Bis in den Tod zu folgen.

Arete.
                                            Steh' auf, mein Sohn!
So bist du deines Ursprungs
Und meiner Pflege würdig! Glorreich, Herkules,
Wird deine Laufbahn seyn,
Und groß der Preis, der dich am Ziel' erwartet.

Herkules.
Und dir, Sirene, dir und deinen Gaben
Entsag' ich hier im Angesicht des Himmels und
Der Tugend, der ich mich zum Diener weihe.
Ein einz'ger Tag, für sie gelebt,
Ist einer Ewigkeit
Voll deiner Freuden vorzuziehen.

(Kakia entfernt sich mit einem Verdruß, den sie hinter ein höhnisches Lächeln zu verstecken sucht. Der Lustgarten verschwindet zugleich mit ihr.)

Arete.
O, glaube mir, Alcid, indem du ihr entsagst,
Verzeihst du keiner Freude dich, an welche
Ein edler Geist sich unbeschämt
Erinnern kann. Die Freuden der Natur
Schmeckt nur der Weise rein und unvergällt;
Er, der sie sparsam, im Vorübergehn, genießt,
So wie ein Wanderer die Ros'
An seinem Wege pflückt. Allein die Quelle
Des wahren Glückes fließt in deiner eignen Brust.
Vergebens wär's, sie außer dir zu suchen.
Denn, wisse, Herkules,
Was sterblich ist an dir, ist nur die Hülle
Des Unvergänglichen,
Und Götterfreuden nur sind eines Gottes würdig.
Ja, Sohn, die Ahnung, deren leiser Stimme
Du oft in deinem Innern horchtest, trügt dich nicht;
Ein Gott, ein Gott
Ist diese Flamme, die in deinem Busen lodert.
Verwandt dem Himmel und zum Wohlthun blos
Auf diese Unterwelt gesandt,
Kehrst du, wenn einst dein göttliches Geschäfte
Vollendet ist, zurück, in höhern Kreisen
Zu leuchten. – Schau' empor, Alcid!
Sie, die in jenen Sphären herrschen,
Womit verdienten sie den Weihrauch, den
Die Dankbarkeit der Sterblichen auf ihren
Altären duften läßt?
Sie lebten einst, wie du, in irdischer Gestalt,
Doch nicht sich selbst,
Sie lebten blos, der Erde wohl zu thun.
Sie waren's, die den rohen Menschen durch
Die Zaubermacht der Musen seinem Wald'
Entlockten, durch Gesetze seine Wildheit zähmten,
Ihn umgestalteten und seinen Blick
Empor zum Vater der Natur erheben lehrten.
Der goldne Friede, mit der ganzen Schaar
Der Künste, die er nährt, der Ueberfluß
Mit seinem Füllhorn, Alles, was
Das Leben adelt, schmückt, beseliget,
Es war ihr Werk! Beschützer, Lehrer, Hirten
Der Völker waren sie und glänzen nun
Im Chor der Götter, selig durch den Anblick
Des Guten, das sie thaten.

Herkules.
O Göttin, führe, führe mich
Den Weg, den diese Helden gingen!
Was säumen wir?
Er mag dem Weichling furchtbar seyn,
Er mag mit Dornen dräun, von Klippen starren,
Bei jedem Schritte mögen Ungeheuer
Sich mir entgegen stürzen;
Mich schreckt kein Hinderniß, kein Feind,
Ich folge dir!


Herkules. Arete.

Herkules.
                Allmächtig ist das Feuer,
                        Das du in mir entzündet,
                Die Kette unauflöslich,
                        Die dich mit mir verbindet,
                Mir, dem du ohne Schleier,
                        O Tugend, dich enthüllst.

Arete.
                Von deiner ersten Jugend
                Hab' ich dich auserkoren:
                Heil dir, du Held der Tugend,
                Wenn du, für mich geboren,
                        Dein großes Los erfüllst!

Herkules.
                Dich hab' ich mir auf ewig
                Zur Göttin auserkoren:
                Allmächtig ist das Feuer,
                Das mich für dich entzündet.

Arete.
                Du bist für mich geboren.

Herkules.
                Ich bin auf ewig dein.

Arete.
                Dein süßestes Geschäfte
                Sey, alle deine Kräfte
                        Dem Glück der Welt zu weihn!

Herkules.
                Dich hab' ich mir auf ewig
                Zur Göttin auserkoren,
                Dir weih' ich meine Jugend!

Arete.
                Du bist dazu geboren,
                Alcid, der Held der Tugend,
                        Der Menschen Stolz zu seyn.

Beide.
                Dich hab' ich mir erkoren,
                { Du bist dazu geboren,
                { Ich bin dazu geboren,
                        { Den Göttern gleich zu seyn!
                        { Auf ewig dein zu seyn!

 


 








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