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Die von Wintzingerode

Paul Schreckenbach: Die von Wintzingerode - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
titleDie von Wintzingerode
authorPaul Schreckenbach
publisherL. Staackmann Verlag
year1930
firstpub1930
senderwww.gaga.net
created20050830
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XXIII. Kapitel.

»Das ist Hülfe in der Not, Stralendorf! Gelobt sei Gott, der Euch hergeführt hat! Nur einen Tag später, und mir hätte es jämmerlich ergehen können!«

Mit diesen Worten begrüßte Bunthe in der Mittagsstunde des Sonntags Quasimodogeniti seinen Freund und Verbündeten Stralendorf, der eben als Führer von vierzig Reitern und dreihundertundfünfzig Fußknechten in Heiligenstadt eingerückt war. Der Ritter hielt, während der Propst ihn so anredete, zu Pferde vor der Tür des Martinsstiftes. Dabei schaute er höchlich verwundert um sich, denn es bot sich ihm ein sonderbarer Anblick dar, den er sich nicht zu deuten wußte.

»Was Teufel ist denn hier geschehen, Herr Propst? Der ganze Fußboden ist mit Steinen und Scherben übersät, die Tür sieht aus, als sei sie bombardiert worden, und von Euern Fenstern ist kaum eines noch heil! Was hat das zu bedeuten? Hat's einen Aufruhr gegeben in Heiligenstadt?«

»Kommt nur herein, da will ich's Euch berichten«, erwiderte Bunthe. »Freilich ist etwas geschehen, etwas Unerhörtes. Ihr werdet Augen machen!«

»Gut«, nickte Stralendorf. »Ich wollte eigentlich schnurstracks aufs Rathaus, habe einen Boten vorausgesandt, daß die Herren sich versammeln. Sie sollen Quartier schaffen für diese da. Nun ist's aber doch besser, ich trete erst bei Euch ein und höre Euer Abenteuer. Vielleicht kann ich meine Rede auf dem Rathause darnach einrichten.«

Er trat ins Haus und ließ sich von Bunthe in das Gemach leiten, das vor einigen Monaten den Grafen von Hohnstein beherbergt hatte. Dort erzählte ihm der Propst, was vorgegangen war. Er war erst vorgestern von seinem Petersstift in Nörten nach Heiligenstadt zurückgekehrt. Am folgenden Morgen in aller Frühe hatte man ihn geweckt, da ein Weib ihn in dringender Angelegenheit sprechen wollte. Es war Bertha Fiedeler, die Tochter des Ratsmüllers, der es gelungen war, ihrem Vater zu entkommen. Heulend und schreiend hatte sie sich dem Propst zu Füßen geworfen und ihn um Schutz vor ihrem Vater angefleht, der sie mehrmals grausam mit der Peitsche gezüchtigt und wochenlang in eine halbdunkle Kammer eingesperrt habe. Bunthe hatte ihr seinen Schutz zugesagt und sie im Stifte behalten. Bei nächster Gelegenheit sollte sie in ein Frauenkloster nach Erfurt gebracht werden. Aber der wütende Vater hatte ihren Zufluchtsort ausgespürt und war am Abend im Martinsstift erschienen, um unter wilden Drohungen die Herausgabe seiner Tochter zu verlangen. Als man ihn abgewiesen hatte, war das Volk in Rotten vor das Stift gezogen, erst hatte man ärgerliche Lieder gesungen und eine greuliche Katzenmusik gebracht, dann hatte man mit allerlei altem Geschirr, endlich mit schweren Steinen nach Tür und Fenster geworfen, und sicherlich würde es zu einem Sturm auf das Haus gekommen sein, wenn es nicht dem Rate endlich noch gelungen wäre, das empörte Volk zu beruhigen. Er hatte aber den Stiftsherren sagen lassen, daß er für nichts stehen könnte, wenn das Mädchen nicht bis zum nächsten Abend ihrem Vater zurückgegeben wäre.

»Donner und Hagel! Eine schöne Obrigkeit!« höhnte Stralendorf. »Sie können für nichts stehen! Nun dafür will ich jetzt auf den Plan treten.«

»Den Heiligen sei Dank!« rief der Propst.

»Ich will Euch aber nicht verhehlen«, fuhr Stralendorf fort, »daß Seiner Kurfürstlichen Gnaden die Kunde von diesem Aufruhr sehr unlieb sein wird. Er will's zunächst in Güte mit der Stadt versuchen. Ich nehme an, daß Ihr nicht anders handeln konntet. Ist's die Dirne, von der Ihr mir das letztemal erzähltet?«

Bunthe bejahte.

»Dann ist's ein unglücklicher Zufall. Verwünscht, daß das tolle Weib gerade jetzt zu Euch kam!«

»Nein«, unterbrach ihn der Propst, »nicht ein unglücklicher Zufall war es, sondern ein sehr glücklicher, ja mehr noch, eine Fügung Gottes, ein Zeichen des Himmels. Ihr selbst werdet das begreifen, wenn ich Euch die Kunde mitteile, die sie mir gebracht hat.«

Stralendorf machte eine abwehrende Handbewegung. »Jetzt aber nicht, ich muß aufs Rathaus, denn meine Knechte haben Quartier nötig, auch ist gerade Essenszeit. Ich werde mich sehr kurz fassen dort, werde den Herren einfach sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dann muß ich mich bei Euch zu Tische laden. Hoffe, daß Ihr etwas Gutes heut' zum Sonntag in der Pfanne habt.«

»Ihr müßt vorlieb nehmen mit dem, was arme Mönche zu bieten haben«, sagte der Propst salbungsvoll.

Stralendorf lachte laut auf. »Darauf lasse ich's ankommen! Ihr seht nicht eben aus wie Fasten, und den Tisch des Stiftes habe ich noch in freundlicher Erinnerung. Also auf Wiedersehen in einer Stunde etwa!«

Als am Nachmittage die beiden Vertrauten in des Propstes Gemach wieder beisammen saßen, begann Stralendorf: »Nun legt los mit Eurer Nachricht! Ihr habt mich ja beim Essen durch allerlei Andeutungen weidlich neugierig gemacht. Was kann die armselige Frauensperson Euch Wichtiges erzählt haben?«

Bunthe legte seine Hand auf Stralendorfs Schulter und sagte nachdrücklich: »Sie hat mir eine Zeitung gebracht, die nicht mit Gold zu bezahlen ist. Habt Ihr in Mainz gehört, wie Barthold von Wintzingerode den Bodenstein befestigen läßt? Ich denke, ich habe der Kurfürstlichen Gnade genau und eingehend darüber Bericht gesandt.«

»Ja, ja, ich hab' es natürlich gelesen«, erwiderte Stralendorf. »Das wird ihm alles nichts helfen, denn wir kommen über ihn mit großer Macht. Wir bringen wohl zweitausend Mann zusammen, und Geschütz haben wir –«

Bunthe unterbrach ihn. »Das ist alles recht gut und schön. Daß der Kurfürst von Mainz stärker ist als der Junker von Wintzingerode, das ist nicht zu bezweifeln. Aber einen harten Kampf wird's kosten, den alten Geier aus seinem Horst zu werfen. Er ist ein verzweifelter Kerl und sitzt auf einer festen Burg.«

»Kugeln oder Hunger bringen auch das stärkste Schloß zu Fall«, sagte Stralendorf.

»Ja wohl. Da habt Ihr recht. Mit den Kugeln habt Ihr schwerlich Glück, denn er hat selbst viel Geschütz und kann Euch trotzen. So müßt Ihr's mit dem Hunger versuchen. Das dauert lange, monate lang! Derweile kann viel geschehen.«

Stralendorf schlug mit der Hand auf den Tisch. »Es ist ein Rätsel, woher der Schuft das Geld hat. Wahrlich, das muß mit dem Teufel oder sonst mit Höllenzauberei zugehen!«

»Darüber zerbrechen sich viele den Kopf«, entgegnete der Propst. »Die einen sagen, er habe einen Prägestock auf dem Bodenstein und mache falsches Geld, die andern reden davon, er habe einen großen Raub ausgeführt.« Scheu und geheimnisvoll fügte er hinzu: »Einige behaupten, er habe sich dem Teufel verschrieben, und der hätte ihn das Geld im Keller finden lassen.«

Er bekreuzte sich, und Stralendorf tat desgleichen.

»Wenn nur nicht etwa die Braunschweiger Herzöge dahinter stecken!« fuhr Bunthe fort. »Das ist meine Sorge, denn sie sind ihm wohlgeneigt, und daß Mainz den Bodenstein erhalten soll, ist ihnen greulich. Sie machen Anspruch auf die ganze Duderstädter Mark, und das Schloß liegt ihnen vor der Nase.«

Stralendorf furchte unmutig die Stirn. »Das ist ein widerwärtiger Gedanke. Ihr seid ein Schwarzseher, Herr Propst.«

»Besser, man macht sich auf das Unwillkommene gefaßt. Wer an alles denkt, wird von nichts überrascht«, antwortete der Propst. »Ich wollt' Euch mit dem allem nur zeigen, daß es ein mißlich Ding ist um die Berennung einer so festen Burg. Wie wär's aber« – sein Auge leuchtete triumphierend auf – »wenn Ihr Euch des Menschen bemächtigen könntet, ohne einen Schuß gegen sein Schloß abzufeuern! Wenn er in eine Falle ginge?«

Stralendorf fuhr auf. »Ihr wißt, wie man ihn fangen könnte?«

»Noch weiß ich nicht alles, was ich wissen möchte. Aber schon das, was ich Euch sagen kann, wird Euch in ungemessenes Erstaunen setzen. Die Kühnheit – ja mehr noch – die wahnsinnige Frechheit dieses Menschen kann einen geradezu verblüffen. Hört zu, Ihr werdet es nicht glauben wollen: Es besteht eine Verschwörung zwischen dem Wintzingerode und einer größeren Zahl hiesiger Bürger. Wenn Seine Gnaden hier weilt, so will man den Kurfürsten, den Grafen von Hohnstein, mich, Euch und noch mehrere andere nächtlicherweile überfallen, aufheben und nach dem Bodenstein schaffen.«

Stralendorf prallte zurück. »Donnerwetter, welch ein Wahnsinn! Ist der Wintzingerode verrückt geworden?«

»Nicht so ganz – leider!« erwiderte Bunthe trocken. »Ihr haltet das für Wahnsinn? Ich sage Euch, der Plan ist klug eingefädelt und kann sehr wohl gelingen. Sie haben den jüngeren Listemann ihrem Bunde. Dessen Haus stößt an die Stadtmauer, man kann in einer dunkeln Nacht, wenn die Wache nicht sehr scharf aufpaßt, leicht Kriegsleute von außen hereinlassen. In der Nähe ist das Bergtor. Wird das genommen, so ist die Stadt verloren, unser Stift eher als alles andere. Kennen sie dann auch noch unsere Gelasse, was durch Verrat leicht möglich wäre, so kämen wir sicher in ihre Hand. Für schnelle Pferde wird der Bodensteiner schon sorgen. Das, Herr von Stralendorf, ist der saubere Plan. Ich glaube nicht, daß Ihr ihn jetzt noch dumm nennen wollt!«

»Nein, bei Gott, nein! Ein verdammt schlauer Gedanke«, sagte Stralendorf, indem er sich nachdenklich den Bart strich. »Ein verdammt schlauer Gedanke«, wiederholte er langsam. »Ich hasse diesen Menschen, denn er hat mich beleidigt, wie kein anderer. Aber doch muß ich seine Verschlagenheit und Tatkraft bewundern.«

Bunthe lachte höhnisch. »Klug kann ich ihn in diesem Falle nicht nennen. Zehnmal klüger wäre es, wenn er auf seinem verschanzten Felsenneste sitzen bliebe. Das könnte dem Kurfürsten ein Riesengeld kosten, und der Gewinn wäre noch nicht einmal sicher. Wagt er sich ins Freie, so können wir ihn festnehmen.«

»Das ist zu hoffen«, versetzte Stralendorf. »Welch ein glücklicher Zufall, der Euch das offenbart! Wir entgehen dadurch einer großen Gefahr.«

»Es ist ein sichtbares Zeichen, daß der allmächtige Gott mit uns ist«, entgegnete Bunthe devot und faltete die Hände.

»Wie war nur das Weib imstande, das alles zu erfahren? Ich denke, ihr Vater hielt sie eingesperrt?« fragte Stralendorf.

»Sie war eingeschlossen in einer Kammer des oberen Geschosses. Um sich zu befreien, kam sie auf den Gedanken, den Fußboden mit einem stumpfen Messer zu durchgraben, das sie in dem Gemache fand. So hatte sie in der einen Nacht ein tiefes Loch gewühlt und dachte in der folgenden die Decke vollends zu zerstoßen. Aber als sie mit der Arbeit beginnen will, hört sie in dem Zimmer unter sich – es ist sonst vollkommen unbewohnt – laute Männerstimmen. Erkannt hat sie nur drei, denen ich von Herzen den Strick wünsche, ihren Vater, den Färber Hugold und den jungen Listemann. Es sind ihrer aber noch viele andere. Die Schurken sind schon einmal zusammen gewesen in Listemanns Hause. Da haben sie geradezu eine Probe gehalten, haben den Wintzingerode hereingelassen, und alles ist geglückt. So könnte es im Ernste auch ergehn.«

»Hat denn das Weib nicht daran gedacht, daß sie ihren Vater um den Hals redet?« fragte Stralendorf.

»Gewiß, sie will sich eben dadurch an ihm rächen«, erwiderte Bunthe. »Außerdem« – er machte eine bezeichnende Bewegung nach der Stirn.

Stralendorf lachte. »Eine wunderbare Erwerbung, die Ihr da für unsere heilige Kirche gemacht habt.«

»Gleichwohl, wie Ihr anerkennen müßt, eine Erwerbung von Wert. Doch jetzt Scherz beiseite. Die Sache bleibt bis auf weiteres noch völlig unter uns; was ein Dritter weiß, das weiß leicht alle Welt. Ihr und ich, wir behalten die Kerle jetzt scharf im Auge, bewachen, ohne aufzufallen, das Listemannsche Haus und beobachten, wer bei Fiedler aus- und eingeht. Erst wenn der Herr hier ist, mag er erfahren, was der Wintzingerode plant. Wann, meint Ihr, wird der Kurfürst hier eintreffen?«

»Bestimmt ist das nicht zu sagen«, antwortete Stralendorf. »Seine Gnaden wollen Ende Mai mit dem sächsischen Kurfürsten in Mühlhausen zusammentreffen. Es ist wegen der römischen Königswahl. Niemand kann vorher wissen, wie lange die Tagung dauern könnte. Ich rechne, daß der Herr in der ersten Juniwoche hier einziehen wird.«

»Wir müssen dann zu erkunden suchen, welche Nacht die Rebellen zu ihrer Schandtat ausgewählt haben«, fuhr Bunthe fort. »Erfahren wir das, so werden die nötigen Vorkehrungen getroffen, und der alte Wolf geht in eine Falle. Gott gebe, daß er dabei ums Leben kommt!«

Stralendorf zuckte zusammen und warf ihm einen eigentümlichen Blick zu. »Leider kann ich zu Eurem letzten Wunsche nicht Amen sagen.«

Der Propst hob blitzschnell den Kopf und sah ihn befremdet an. »Warum nicht?«

Stralendorf gab zunächst keine Antwort. Dabei schaute er dem Gegenübersitzenden so scharf und fest ins Auge, als wolle er auf dem Grund seiner Seele lesen.

»Was ist Euch denn?« fragte Bunthe etwas unbehaglich. »Ist es etwa unchristlich nach Eurer Meinung, solchen Wunsch laut werden zu lassen? Hat der lutherische Hund nicht schon längst den Tod verdient?«

»Gewiß, gewiß«, erwiderte Stralendorf. »Das ist es nicht. Herr Propst Bunthe, ich muß Euch etwas mitteilen. Vertrauen gegen Vertrauen, wir beide sind aufeinander angewiesen.«

»Natürlich! Sprecht ohne Rückhalt. Meines Schweigens seid Ihr sicher. Auch meiner Hilfe, wenn's not tut.«

Stralendorf beugte sich über den Tisch und sagte geheimnisvoll: »Der Kurfürst hat mich vor meiner Abreise noch einmal empfangen. Ganz sekret, Herr Propst, nicht einmal Pater Bacharell weiß etwas davon.«

»Potztausend!« rief Bunthe und rückte neugierig näher. »Was wollte denn der Herr von Euch?«

»Er gab mir geheime Weisungen. Ich mußte geloben bei der Mutter Gottes, den beiden Jesuitenvätern am Hofe nichts davon zu verraten.«

Die Augen des Propstes glänzten wie die einer Katze, die einen leckeren Vogel in der Nähe sitzen sieht. »Was war es, was er Euch sagte? Kommt zur Sache!« mahnte er ungeduldig.

»Der Kurfürst gebot mir, wenn's irgend möglich wäre, den Junker von Wintzingerode lebendig in meine Gewalt zu bringen. Versteht Ihr, lebendig!«

Der Propst schlug die Hände zusammen. »Herrgott, so dauert der alte Wahn immer noch? Der Kurfürst meint, wenn er den Vater gefangen hält, sich die Tochter gefügig machen zu können?«

Stralendorf bejahte.

»Ich fange jetzt im Ernst an zu glauben, daß hier Hexerei im Spiele ist«, fuhr Bunthe fort. »Ist das vernünftig zu erklären? Gibt's denn nicht schöne Weiber genug, blonde und schwarze und braune? Aber gerade die eine muß es sein, die und keine andere! Das ist eine Mania, Stralendorf, das deutet auf ein krankes Gehirn!«

Stralendorf neigte beistimmend das Haupt. »Ihr sprecht es aus, was ich längst bei mir dachte. Ja, der Kurfürst ist krank. Sonst ist er ganz bei Sinnen, aber in diesem Punkte toll. Ich glaube, er denkt an die Dirne Tag und Nacht.«

»Die Frau müßt Ihr sagen«, verbesserte Bunthe. »Ich glaube, er weiß noch immer nicht, daß sie als Gattin eines anderen Mannes in Sachsen lebt.«

»Da irrt Ihr. Er hat es erfahren. Durch wen, weiß ich nicht. So viel ist aber sicher: Die Kunde hat seine Glut nicht abgekühlt, sondern ihn noch viel toller gemacht. Er klammert sich an den Gedanken, daß sie freiwillig zu ihm kommen wird, wenn er ihren Vater im Kerker hält. Sie soll sich ihm selbst hingeben als Preis für das Leben und die Freiheit ihres Vaters.«

Bunthe stieß einen zornigen Laut aus. »Bei Sankt Aureus und Justinus! Das sind herrliche Aussichten, die sich da eröffnen!« rief er erbost. »Also von eines jungen Weibes Willen kann es vielleicht abhängen, ob die ganze kostspielige Fehde einen Zweck für uns hat oder nicht. Gesetzt, wir fangen den Vogel lebendig – was sehr möglich ist – und gesetzt, die Frau zahlt den Preis, so winkt dem alten Wolfe Leben und Freiheit, vielleicht sogar noch Lob und Ehre. Das kann schön werden, Herr von Stralendorf!«

»Die Wintzingerode, wollte sagen die Bünau, galt in Mainz als herb, stolz und spröde. Ich glaube nicht, daß sie um irgendeinen Preis dem Herrn zu Willen sein wird«, entgegnete der Ritter.

»Ach, lieber Freund, Ihr seid noch jung, kennt die Welt noch nicht wie ich«, sagte der Propst. »Hundert- und tausendmal ist es vorgekommen, daß auf solche Weise eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihren Vater, ja die Schwester den Bruder gerettet hat. Warum sollte das hier nicht auch geschehen? Nein, Stralendorf, diese Gefahr müssen wir beseitigen. Wir müssen dem Kurfürsten das Weib verschaffen. Sie muß sein werden, ehe ihr Vater überwältigt ist.«

Stralendorf lachte. »Verzeiht, was Ihr da sagt, hat keinen Sinn. Sollten wir etwa eine Edelfrau mit Gewalt aus Sachsen entführen? Der Handel könnte traurig für uns enden. Kein Reichsfürst hat eine so harte Hand, wie August von Sachsen.«

Bunthe lächelte spöttisch. »Lieber Junker, Ihr täuscht Euch wahrlich in mir, wenn Ihr mir solche Narretei zutraut. Von gewaltsamer Entführung ist nicht die Rede. Da gibt es andere Wege! Glaubt mir, wir können es, vorausgesetzt, daß Gott uns beisteht, dahin bringen, daß sie uns selbst ins Garn läuft.«

Stralendorf schüttelte ungläubig den Kopf. »Das glaube Euch ein anderer. Habt Ihr Doktor Fausts Höllenzwang, daß Ihr den Teufel zwingen könnt, uns die Frau herzuschaffen?«

Bunthe schlug ein Kreuz. »Nichts vom Teufel!« warnte er. »Ich bringe das Weib in unsere Gewalt ohne alle Magie und schwarze Kunst. Soll ich's Euch sagen, wie ich mir das denke?«

»Ihr macht mich höchst neugierig«, sagte Stralendorf. »Oder wollt Ihr mir nur einen Scherz erzählen?«

Der Propst warf ärgerlich den Kopf in den Nacken. »Torheit! In solchen Dingen scherze ich nicht. Hört zu! Habt Ihr schon etwas von Otto von Pack gehört und von seinen Händeln?«

»Gewiß. Ich habe ja ein Semester in Leipzig die hohe Schule besucht.«

»Nun, da wißt Ihr auch«, fuhr Bunthe fort, »daß es Menschen gibt, die anderer Leute Handschrift so täuschend nachzumachen verstehen, daß niemand die Fälschung erkennen kann. Was Ihr aber nicht wißt, ist dies: Solch ein wunderbarer Künstler lebt hier auf dem Eichsfelde und ist in meiner Hand. Dem Manne wird es ein Leichtes sein, die groben, weitschweifigen Schriftzüge des Junkers von Wintzingerode nachzuahmen. Wir lassen nun den Ritter an seine Tochter schreiben, sie sollte sogleich in die Heimat kommen, denn die Mutter sei auf den Tod erkrankt. Das Schreiben siegeln wir mit dem Wappen der Wintzingerode, denn nichts ist leichter, als ein Petschaft nachzustechen. Auf diese Nachricht hin kommt sie gewiß. Wir müssen dann genau erkunden, welchen Weg sie nimmt. Über Mainzer Gebiet muß sie auf jeden Fall reisen. Da nehmt Ihr sie in Empfang und bringt sie in sicheren Gewahrsam. Dort stelle ich sie vor die Wahl, entweder des Kurfürsten Liebste zu werden oder als Teufelsliebchen die Folterbank und nachher den Scheiterhaufen zu besteigen. Glaubt mir, ich werde ihr gut zureden und ihr begreiflich machen, welch ein kitzlich Ding die Tortur ist. Dann wird sie sich gern zu allem verstehen, was man von ihr verlangt. Was meint Ihr dazu?«

Er schwieg und sah dem Gegenübersitzenden mit triumphierenden Blicken ins Gesicht. Dem Ritter flog ein Schauder über den Rücken. Der Plan war sinnreich und wohldurchdacht und versprach Gelingen. Aber ein letzter Rest von adliger Gesinnung, der noch in seiner Brust lebte, sträubte sich dagegen. Was da getan werden sollte, erschien ihm allzu niederträchtig.

Bunthe, der ihn scharf beobachtete, bemerkte wohl, was in ihm vorging, und als der Ritter eine ganze Weile verstreichen ließ, ohne zu antworten, setzte er hinzu: »Soll ich Euch sagen, Stralendorf, was Ihr über meinen Plan denkt? Ihr denkt: Klug, aber gemein.«

»Da habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen«, entfuhr es Stralendorf.

Der Propst warf ihm einen bösen Blick zu, aber ganz ruhig und gelassen sagte er: »Ich weiß es selbst, und Ihr braucht es mir nicht erst zu sagen, daß man gegen gut christkatholische Leute nicht so handeln dürfte. Aber wir haben es mit Ketzern zu tun, Herr von Stralendorf, vergeßt das nicht. Unser heiliger Vater Gregor XIII. hat uns geboten, die Pest der Ketzerei auszurotten, und danach tun wir. Diese Menschen sind Gottes Feinde und ewig verdammt und verloren. Ihr – verzeiht, daß ich daran rühre – habt die Ketzerei abgeschworen, in die ihr unwissentlich als Kind verstrickt waret. Nun beweist Euch auch als echten Sohn der alleinseligmachenden Kirche, der das lutherische Unkraut zertritt, wo er kann.«

Stralendorf schwieg noch immer. Eine bittere Erkenntnis ging ihm auf in diesem Augenblicke. Seine jetzigen Glaubensgenossen mißtrauten ihm, wenn er irgend Milde walten ließ gegen die Ketzer. Ihr Vertrauen konnte er nur gewinnen, wenn er sie an Härte womöglich noch überbot. Sein Weg war ihm vorgezeichnet, er mußte ihn gehen oder auf seine ehrgeizigen Träume verzichten.

»Übrigens«, fuhr Bunthe fort, »bleibt alles mir überlassen, was Euch niedrig dünkt in dem Anschlage. Ich locke das Weib in die Falle, Ihr habt sie nur gefangen zu nehmen. Auch damit könnt Ihr einen Eurer Unterführer betrauen. Doch möchte ich Euch das nicht raten. Denn wie hoch, meint Ihr, wird der in der Gunst des Kurfürsten stehen, der ihm seinen heißesten Wunsch erfüllt? So wie ich den Herrn kenne, wird er das fürstlich belohnen.«

Stralendorf wurde sehr nachdenklich. Es war ja Wahrheit, was der Propst sagte. Die Schurkerei übernahm Bunthe, er hatte nur die Tochter des Mannes zu verhaften, mit dem man in Fehde lag. Dafür winkte ihm sicher ein glänzender Lohn. Der Kurfürst war gegen Leute, die ihm einen Dienst geleistet hatten, oftmals sehr freigebig. Und wie nötig hatte er das Geld! Er saß in Schulden bis über die Ohren, und ehe er die ihm zugesagte reiche Braut heimführte, konnte noch geraume Zeit vergehen, ganz abgesehen davon, daß auch diese Angelegenheit in des Kurfürsten Hand lag. Der Jude Manasse in Aschaffenburg hatte sich kaum noch hinhalten lassen, ihn um eine erkleckliche Forderung zu verklagen.

Diese Erwägungen brachten sein besseres Empfinden schnell zum Schweigen. »Wenn Ihr mir weiter nichts zumuten wollt als die Verhaftung«, sagte er endlich, »so will ich gegen Euern Plan nichts haben. Wie Ihr das Weib zur Stelle schafft, ist Eure Sache. Ich will davon nichts wissen und übernehme dafür keine Verantwortung.«

»Vortrefflich. Ich wußte ja, daß Ihr bald ein Einsehen haben würdet!« rief der Propst mit listigem Lächeln.

»Es gibt aber noch eines zu bedenken«, warf Stralendorf mit umwölkter Stirn ein. »Pater Bacharell will nicht, daß die Bünau in die Hand des Kurfürsten kommt. An seiner Feindschaft, das könnt Ihr glauben, liegt mir wahrlich nichts.«

»Der liebe Pater fürchtet ein Ärgernis, deshalb ist er dagegen«, gab Bunthe zur Antwort. »Aber seine Furcht ist ohne Grund. Die Frau wird dem Kurfürsten einige Zeit überlassen, wenn er sie satt hat, schickt er sie heim. Sie wird vorher ein Protokoll unterschreiben, in dem sie bekennt, dem Herrn einen Liebestrank beigebracht zu haben. Dann werden die Familien Bünau und Wintzingerode sich wohl hüten, einen Prozeß zu beginnen.«

»Wohl, wohl!« sagte Stralendorf. »Ich bin Euer Mann. Indessen –«

Hier unterbrach ihn der Eintritt eines Dieners, der meldete, der Bürgermeister und zwei vom Rat wollten den gestrengen Ritter wegen des Quartiers der Knechte sprechen.

»Sieh da!« höhnte Bunthe. »Bemühen sich die Herren jetzt unter unser schlechtes Dach? Früher wollten sie das Stift nicht betreten. Sonderbar, was Euer Eintreffen bewirkt hat!«

»Sie werden wohl bald noch viel zahmer werden«, sagte Stralendorf und schritt hinter dem Diener her aus dem Gemach.

Der Propst blickte ihm gedankenvoll nach. »Auch der im Grunde feig und schwach!« murmelte er. »Aber er kann in meiner Hand etwas werden! Und du, Wintzingerode, hüte dich! Unsere alte Rechnung von Anno vierzig wird beglichen. Mit Zinsen und Zinseszinsen zahle ich dir heim, was ich durch dich erlitten!«

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