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Die vierzehn Nothelfer

Karl Bröger: Die vierzehn Nothelfer - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Bröger
titleDie vierzehn Nothelfer
publisherVerlag Fritz Heyder
printrun5.-7. Tausend
yearo.J.
illustratorRudolf Schiestl
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150527
projectideeab6578
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Legende von den Säcken

Franziskus

Im Paradiese
steht Franziskus, spitz den Mund,
auf seiner ewig blühenden Wiese.
Um den Heiligen flattern die Vögel rund,
daß er das Ave Maria bliese
und die Sonne recht lobte aus Herzensgrund.

Zieht Franziskus die Wolken fort,
wirft gute Augen zur Erde und erschrickt ungeheuer.
Auf seiner Wange das selige Lächeln dorrt
wie Gras im brausenden Steppenfeuer.

Drunten krümmen sich Städte im Land,
hungern und frieren Kinder, Mütter, Greise ...
Franziskus streift sanft den Zeisig von seiner Hand,
greift nach dem Stab, hebt den Fuß zur Reise
und tritt vor Gott.

»Herr, dein Paradies ist nur Spott,
und ziemt unser keinem die ewige Seligkeit,
solang drunten ein Kind vor Hunger und Kälte schreit.
Ich mag die goldnen Hallen nicht länger sehn.
Laß mich wieder um Liebe auf Erden betteln gehn!«

Greift Gottvater in eine dunkle Ecke,
holt hervor zwei graue, härene Säcke,
reicht sie Franziskus hin und spricht:
»Zieh, lieber Bruder, ich halte dich nicht.

Sammle Liebe in diese zwei Säcke ein!
Du siehst: Groß ist der eine, der andere klein.
Bring sie gefüllt zurück um die gleiche Stunde morgen.
Wollen doch schauen, was sich die Menschen heute für Liebe borgen.«

Franziskus wandert durch Weiler, Dorf und Stadt.
Jeder den heiligen Bettler der Liebe gesehen hat.
Viele knien am Wege hin, wenn Franziskus vorübergeht,
schlagen das Kreuz, murmeln und werfen schnell ein Gebet
in den großen Sack.
Der Heilige keucht an solchem Huckepack,
doch schlaff hängt der kleine Beutel von seiner Linken.

Auf dem Heimweg sieht Franziskus ein Händchen winken,
und ein Kind rennt in vollem Lauf
hinter ihm her. Es steckt im Nu
sein Vesperbrot dem Heiligen zu.

Im Osten geht herrlich die Sonne auf.

Steht Franziskus wieder im Himmel und schüttet die Säcke aus,
kollern viele hundert Rosenkränze und Ave Marias heraus
und die schönsten Gebete von allen Sorten.
Sinnend stochert Gottvater in den Haufen von Worten und sagt:
»Schau, Franziskus, du hast dich umsonst geplagt.
Gebete haben sie dir in den Sack gestammelt.
Worte hast du für Liebe eingesammelt.«

Beugt sich Franziskus und gräbt das Stücklein Brot
aus dem Haufen heraus, hebt es ins Abendrot
und lächelt verklärt in seinem Angesicht.
»Siehe dies Zeichen, Herr! Umsonst ging ich nicht.«

Gott hebt beide Hände und segnet den Bissen.
Doch den Sack voll Gebete hat er in tausend Fetzen zerrissen.

Illustration: Rudolf Schiestl
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