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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Noch einmal erdröhnte der Beifall, und Luise erschien wieder.

Dann begannen die Stallmeister, das große Netz zusammenzuziehen. Es klang, wie wenn das Großsegel gehißt wird, während die Musik schwieg.

»Herr Fritz und Mlle. Aimee werden den großen Sprung ohne Netz ausführen.«

Ein paar Stallknechte harkten mit großem Eifer den Sand der Manege glatt. Dann war alles fertig. Wie eine salutierende Garde warteten die Stallmeister, als der »Liebeswalzer« wieder ertönte.

Fritz und Aimee kamen Hand in Hand hinein. Grüßend verneigten sie sich mitten unter den zugeworfenen Blumen. Dann schwangen sie sich hinauf an den langen wartenden Seilen.

Die Augen Tausender folgten ihnen.

Nun waren sie oben. Eine Sekunde ruhten sie sich aus, Seite an Seite.

Wie ein Schauder durchfuhr es die Menge, als Fritz losließ und dahinflog – ein Schauder, der wie über einen einzigen Körper hinzitterte.

Aber niemals hatten sie sicherer gearbeitet. In der atemlosen Stille griffen ihre Hände fest um die rasselnden Schaukeln.

Fritz flog hin und zurück.

Aimees Augen hingen an ihm – groß und mattglänzend, wie ein paar Lampen, die bald erlöschen werden.

Der Walzer schwoll an, und das Spiel der Schaukeln wurde heftiger.

Wie aus atembeklemmter Brust kam der angsterfüllte Beifall.

Nun löste Aimee ihr Haar auf, als wollte sie sich in einen dunklen Mantel einhüllen; aufgerichtet wartete sie in der Schaukel vor Fritz. Die großen Sprünge begannen.

Sie flogen, sie sausten dahin. Wie der Schrei der Vögel tönten ihre Kommandoworte über der Musik hin, und es war, als wenn die Gedanken aller sich verwirrten.

»Aimee, du courage!«

Er flog wieder.

»Enfin du courage!«

Er griff wieder zu.

Aimee sah nur ihn – seinen Körper; es war ihr, als leuchtete er.

Der Beifall ertönte wieder dröhnend! Der Walzer schwoll an, er jubelte förmlich.

Fritz wartete auf sie.

Aimee wußte nichts weiter, als daß sie plötzlich ihre Hand emporhob und, sich weit von der schwebenden Schaukel hinaufschwingend, die Haspe löste, an der sie hing.

Und Fritz flog daher.

Sie sah nichts mehr, und es ertönte kein Schrei.

Nur ein Geräusch, als fiele ein Sandsack auf den Boden der Manege, als sein Körper niederfiel.

Ein Tausendstel eines Augenblicks wartete Aimee auf ihrer Schaukel: Sie wußte erst jetzt, daß der Tod eine Wollust ist – dann ließ sie los, schrie auf und stürzte hinab.

 

Als wenn alle Fesseln gesprengt würden, waren Hunderte voll Entsetzen geflüchtet. Männer setzten über die Barrieren und liefen davon, Frauen strömten in den Eingängen zusammen und flüchteten.

Niemand wartete, alles floh. Der Schrei der Frauen klang, als würden sie mit Messern gestochen.

Drei Ärzte liefen herbei und knieten bei den Leichen nieder. –

Dann war es still geworden. Als wenn sie sich verbergen wollten, schlichen die Artisten in ihre Garderoben, ohne sich auszuziehen. Bei jedem Laut fuhr man zusammen.

Ein flüsternder Stallknecht kam zu den wartenden Ärzten hin, und sie hoben die Leichen auf und legten sie in dasselbe Segeltuch.

Stumm trugen sie sie hinaus – durch den Gang und den Stall, wo die Pferde in ihren Ständen unruhig wurden. Die Artisten folgten, ein seltsamer Trauerzug – in den mannigfaltigen Kostümen der Pantomime.

Der große Rüstwagen wartete.

Adolf stieg hinauf und legte sie dort in das Dunkel – beide, zuerst Aimee und dann den Bruder, nebeneinander hin. Ihre Hände waren so dumpf auf den Boden des Rüstwagens niedergefallen.

Dann fiel die Tür zu.

Man vernahm wieder einen Schrei, und eine Frau stürzte vor und klammerte sich an den Wagen.

Das war Luise; sie trugen sie langsam fort.

 

Ein Kellner des Restaurants lief den langen, öden Gang entlang – voll Angst wie in Gespensterfurcht mitten in all der Helligkeit.

Er schrie nach einem Arzt.

Eine Dame läge in der Restauration in Krämpfen.

Einer von den drei Ärzten eilte herbei, und es wurde nach einem Wagen gerufen.

Er fuhr vor – mit prangendem Wappen auf den Türen, und eine Dame wurde, vom Arzt gestützt, hinausgeführt. –

Ihre Equipage mußte einen Augenblick halten. Der Rüstwagen versperrte die Gasse.

Dann kam die Equipage vor und fuhr weiter.

Auf der Straße war viel Licht und Gedränge.

Zwei junge Leute waren unter einer Laterne stehengeblieben. Mit frohen, forschenden Blicken schauten sie über den großen Platz hin.

Zwei andere kamen hinzu und erzählten von dem »Ereignis«.

Es wurde etwas geflucht, und man erklärte mit vielen Handbewegungen. Dann zogen die beiden Neuigkeitsbringer weiter.

Die beiden andern Herrn blieben stehen.

Der eine von ihnen schlug mit dem Stock auf die Pflastersteine.

»Na«, sagte er, »mon dieu – pauvres diables! «

Und gleich darauf begannen sie wieder, die Augen auf die wimmelnde Menge gerichtet, zu summen:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Die Stöcke mit den Silberknöpfen leuchteten. Die jungen Männer schlenderten in ihren langen Mänteln weiter:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.
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