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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

»Die vier Teufel« sollten Benefiz haben.

Es war am Abend vorher – nach der Vorstellung. Das Publikum ging vom Zirkus nach Hause.

Adolf klopfte an Aimees und Luisens Tür, und sie gingen alle vier den Gang entlang.

Keiner von ihnen sprach ein Wort, und still setzten sie sich an ihren gewöhnlichen Tisch im Restaurant. Die Seidel wurden gebracht, und sie tranken schweigend. Es war, als führte Aimee selbst die kleinste Bewegung – schon die Art, wie sie das Glas anfaßte – mit Überlegung aus und so langsam, als wenn sie alles, selbst das Geringste, abmessen wollte.

In dem Restaurant ging es lärmend zu. Bib und Bob feierten ihren Geburtstag, und ein Kreis von Artisten setzte sich rings um ihren Tisch.

Einer machte Taschenspielerkunststücke, und der Clown Trip ahmte einen gewissen Rigolo nach, indem er sein Hintergestell hin- und herdrehte.

Die »Teufel« blieben allein für sich in ihrem Winkel sitzen.

Still verschwanden die Ballettdamen, die wartend an den Wänden gesessen hatten – sie wurden von eiligen Herren abgeholt. An einem Seitentisch spielten die Agenten Karten.

Die Clowns fuhren fort, Lärm zu machen. Einer von ihnen spielte auf der Okarina, und ein halbes Dutzend Cri-cris antworteten. Der Clown Tom überreichte als Geburtstagsgeschenk dem Kollegen Bob einen Kohltopf, der mit Schnupftabak gefüllt war, und alle begannen zu schnupfen und zu niesen, wie im Chor zu schnupfen und zu niesen, während die Cri-cris schrien. Oben auf dem Tisch ahmte der Clown Trip noch immer den Rigolo nach mit seinen Drehungen und Windungen.

Die »Teufel« saßen noch immer still.

Der »Plakatmann« kam mit dem Kleistertopf und der Tasche herein und schlug an den beiden Tafeln die Programme für morgen an. Der Name »Les quatres diables« stand dreimal darauf.

Adolf stand auf und ging hin und betrachtete das Programm. Er bat einen der Agenten, es ihm zu übersetzen, und der Agent stand vom Spieltisch auf und übersetzte langsam aus der fremden Sprache – während Adolf zuhörte –:

»Indem wir ein hochgeehrtes Publikum und alle unsere Gönner versichern, daß wir zu dieser unserer Vorstellung alles aufbieten werden, zeichnen wir ehrerbietigst

Les quatres diables.«

Adolf nickte, indem er Wort für Wort den fremden Text verfolgte. Dann kehrte er zum Tisch zurück und starrte nach dem Plakat mit seinen merkwürdigen Buchstaben hin, maß es mit zufriedenem Blick und sagte:

»Schöne Buchstaben.«

Und Luise und Fritz standen auch auf und gingen hin und besahen es – einer nach dem andern.

Die Cri-cris kreischten, als sollten alle Trommelfelle gesprengt werden. Der Clown Tom musizierte, indem er kleine pfeifende Instrumente in seinen aufgerissenen Nasenlöchern anbrachte.

Auch Aimee hatte sich erhoben. Sie stand still hinter Fritz und Luise, während der Agent fortfuhr, dieselben Worte zu übersetzen:

»Zeichnen wir ehrerbietigst

Les quatres diables.«

Luise lachte, da sie sich mit der fremden Sprache fast die Zunge zerbrach; und sie begannen sich über die Buchstaben und Laute lustig zu machen, die der Agent ihnen vorsagte, diese merkwürdigen Laute, indem sie beide denselben Satz nachspotteten: »zeichnen wir ehrerbietigst« –

Es klang so komisch, daß die andern hinzukamen; und sie begannen alle – die Clowns und die Gymnastiker und die Damen – zu lachen und zu rufen und nachzuspotten, laut, jeder in seiner Sprache, wobei alles im Lachen ertrank – dieselben Worte in einem großen, lauten, spottlustigen Chor:

»Zeichnen wir ehrerbietigst

Les quatres diables.«

Die Cri-cris schreien. Hoch oben auf zwei Tischen wendet sich Trip in seinen Rigolo-Drehungen.

Da lachte auch Aimee, laut und lange – als letzte von allen, während ganz allmählich der Lärm nachließ.

 

Die Teufel kehrten zu ihrem Platz zurück.

Adolf holte Geld vor und legte es neben ihre Seidel. Dann standen die drei auf, aber Fritz blieb sitzen. Er wollte noch nicht nach Hause.

»Gute Nacht«, sagten Adolf und Luise.

»Gute Nacht«, erwiderte Fritz nur und rührte sich nicht.

Aimee blieb stehen; einen Augenblick betrachtete sie ihn, maß ihn, als litte sie noch einmal bei dem Gedanken an diese letzte Nacht.

»À demain, Aimee«, sagte er.

Langsam wandte sie den Blick von ihm ab: »Gute Nacht! «

Sie ging in den großen Gang hinaus. Hier war es dunkel. Die Laterne des Plakatmannes stand am Boden – das gelbe Papier des Plakats leuchtete ihr in dem Lichtschein entgegen. Die beiden andern warteten bereits vor der Türe. Sie folgte ihnen allein.

Zwischen den hohen Häusern war es tot und still.

Aimee betrachtete die großen Steinmassen mit den Fenstern darin, ihren Augen, den fremden Augen.

Der Himmel war hoch und klar. Aimee blickte nach den Sternen empor, von denen man sagte, daß sie Welten seien, andere Welten.

Und dann sah sie wieder nach den Häusern und Türen und Fenstern und Laternen und den Pflastersteinen hinüber – als wäre jedes Ding ein merkwürdiges Wunder –, das sie zum ersten, einzigen Mal sähe.

»Aimee«, rief Luise.

»Ja, ich komme.«

Wieder starrte sie nach den langen Häuserreihen hin, die dunkel und verschlossen dalagen – Steinhaus an Steinhaus –, zwischen denen ihre Schritte erstarben ...

Hinter ihr schrien die schmetternden Cri-cris, und sie hörte die Clowns lachen.

»Aimee«, rief Luise wieder.

»Ja.«

Aimee holte sie ein. Die beiden standen Arm in Arm unter dem Schein einer Laterne und warteten auf sie. Luise warf den Nacken zurück und blies den Atem leicht in die Luft hinaus:

»Mein Gott«, sagte sie, »kommst du denn nicht mit?«

Und wie sie auf Adolfs Arm gelehnt im Licht der Laterne dastand, blickte sie die tote und unbekannte Straße hinunter, aus der sie soeben herkamen und deren Halbdunkel sich hinter ihr schloß.

»So eine Gasse finde ich gemütlich!« sagte sie.

Und sie begannen wieder lachend die drei hochkomischen Worte nachzusprechen: zeichnen wir ehrerbietigst, und sagte dann, indem sie noch ein letztes Mal den Blick die tote Gasse entlang schweifen ließ:

»Ja, wie die wohl heißen mag?«

»Ach«, meinte Adolf, »man passiert so viele Gäßchen.«

Und sie gingen weiter – in die nächsten Häuserreihen hinein.

 

Fritz war sitzen geblieben. Die andern, die am Clownstisch, luden ihn zu einem Glase ein. Er schüttelte aber nur den Kopf. Und einer der Clowns rief:

»Ach, er hat etwas Besseres vor – gute Nacht.« – Und alle lachten.

Die andern erhoben ihre Gläser und fuhren fort zu lachen: Bib und Bob hatten sich eine Angel hergerichtet und angelten alle Hüte der Artisten von den Kleiderhaltern herunter.

Fritz stand auf und ging zur Restaurationstür hinüber, die nach der Straße offenstand, und setzte sich an einen Tisch draußen auf dem Vorplatz unter ein paar Lorbeerbäume.

Eine unendliche Langeweile, ein namenloser Ekel hatte ihn überkommen.

Er sah die flüsternden Paare, die auf- und abgingen und sich aneinander drückten. Im Dunkeln schnäbelten sie sich und lachten verliebt. Die Frauen drehten sich wollüstig, und die Männer scharwenzelten und brüsteten sich voreinander, wie die Tiere des Feldes, die sich paaren wollen ...

Plötzlich lachte Fritz kurz und scharf auf.

Er dachte an den Clown Tim, den sie den Herrn mit den Hunden nannten – ja, Tim hatte recht.

Und Fritz sah diesen Tim vor sich mit seinem stillen, unbeweglichen, traurigen Gesicht, das dem einer Bildsäule glich, mit dem feinen, roten, geschweiften und schwermütigen Munde – dem Munde eines Weibes.

Fritz sah ihn daheim in seinem Logis, in der großen Stube, in der er ein ganzes Haus für seine Hunde aufgebaut hatte – ein zweistöckiges Haus, in dem alle Hunde wohnten, übereinander ...

Dort lagen die Tiere, jedes in seinem Raum für sich, still, den Kopf durch die Öffnung hinausgestreckt, und starrten nur immer mit Augen vor sich hin, die ebenso traurig waren wie die Tims.

Und Tim saß mitten unter ihnen.

Was für eine stille Gesellschaft das war.

Alle diese Hunde waren kastriert – und Tim meinte, diese Tiere wären menschlicher als die Menschen.

Ja, Tim hatte recht: Die Menschen waren Tiere. Und die Augenblicke des Lebens, in denen wir lebten, waren tierisch.

Tiere waren sie – Tiere, die sich befriedigen wollten.

Toren waren sie; Toren waren wir alle.

Wir hegten und pflegten uns, wir arbeiteten – mit tausendfältiger Mühe. Wir gaben Tage, Jahre, unsere Jugend, unsere Kraft, die Frische unseres Hirns hin – und eines Tages hat das Tier sich in uns erhoben, das Tier, das wir nun einmal sind.

Fritz lachte. Und er belastete unwillkürlich diesen seinen Körper, den er ein ganzes Leben lang gepflegt und in einem Vierteljahr zugrunde gerichtet hatte.

Ein Artist kam durch die Türe heraus. Er wartete einen Augenblick, dann kam auch seine Frau heraus, und sie watschelten längs des Trottoirs davon.

Fritz sah ihnen nach und fuhr fort zu lachen.

Und dann die, die sich verheirateten. Verloren diese nicht ihre Körper? Die sich für Lebenszeit paarten, die ihr tägliches Brot aßen und der Fortpflanzung dienten.

Wie dicke Drohnen schwollen sie auf und legten sich einen Bauch zu bei ihrem regelmäßigen Leben! Und sie zogen Kinder auf zur Fortsetzung dieses Lebens.

Toren – Toren!

Fritz blieb stehen und starrte nach den auf und ab wandernden Paaren hin. Sie wurden immer zärtlicher und suchten den Schatten auf.

Drinnen lärmten die Clowns. Die Cri-cris schrien. Es klang über alle Köpfe hinaus, in alle Gesichter hinein, zu all diesen Paaren – wie ein Triumphgesang der Dummheit.

Fritz stand auf.

Er schleuderte ein Geldstück auf den Tisch.

Dann ging er.

Drinnen in der Restauration stieg der Lärm. Sie brüllten, sie schrien und lachten. Fritz begann zu singen. Und alle fielen pfeifend, schreiend und kakelnd ein: mit Clownsgrimassen, mit Gebärden aus der Manege, mit verdrehtem Munde sangen sie:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Draußen auf dem Vorplatz blieb man stehen. Die Paare sahen durch die Fenster hinein und lehnten sich aneinander und lachten.

Dann summten sie zu zwei und zwei die Melodie der Clowns. Bis weit hinaus in die Dunkelheit hörte man sie summen:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante . toujours.

Fritz war auf den Platz hinausgekommen. Drinnen sah er die verrückten Clowns, draußen die Liebespaare die Köpfe leicht im Takt bewegen.

Und plötzlich begann der Akrobat zu lachen: an eine Laterne gelehnt, lachte und lachte er – wild, wahnsinnig, ohne sich beherrschen zu können.

Da kam ein Vertreter der Ordnung auf ihn zu und starrte diesen Herrn im Zylinderhut an, der die öffentliche Ruhe störte.

Aber der Herr fuhr nur fort zu lachen, so daß er sich schüttelte, indem er zu singen versuchte:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Da fing auch der Wächter der Ordnung zu lachen an – ganz urplötzlich, ohne zu wissen, warum.

Aber drinnen fuhren sie fort:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Fritz drehte sich um.

Er ging – dorthin!

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