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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

Fritz und Adolf waren längst zu Bett, und Adolf schlief träge, mit offenem Munde, wie Akrobaten zu schlafen pflegen, deren Körper in schwerer Ruhe regungslos daliegt.

Aber Fritz konnte nicht einschlafen; er lag ausgestreckt auf dem Rücken, schlaflos in dumpfer Verzweiflung. So war es denn also geschehen.

So war es denn schon jetzt geschehen. Er konnte nicht mehr arbeiten.

Er umkreiste nur den einen Gedanken: er konnte also nicht mehr arbeiten. Und ganz langsam und ganz matt machte er sich klar, wie das gekommen war – Tag für Tag und Nacht für Nacht. Ruhig und ganz matt sah er das alles vor sich: die blaue Stube und das hohe Bett und sich und sie. Den gelben Saal mit dem Ruheplatz hinter dem Schirm und die Porträts und sich und sie; die Treppe, auf der die Lampe ausging, und sich und sie ...

Und den Garten, in dem er immer wieder umgekehrt war.

Und nun war alles vorbei. Nun erntete er die Früchte.

Er wußte es.

Seine Gedanken wanderten in derselben trägen Weise weiter.

Aber wie er zugrunde gerichtet war, konnte er auch sie zugrunde richten. Ja, das konnte er.

Er konnte eine Nacht dort hingehen und sich die Türe aufschließen. Und wenn er dann dort war – bei ihr, mit ihr, – und wieder machten seine Gedanken halt, und er sah das blaue Gemach und sich und sie –, dann konnte er, dann wollte er klingeln, das ganze Haus zusammenklingeln, bis ihr Mann und die Diener und die Mädchen, alles zusammenlief und sie sahen – sie.

Ja, das konnte er!

Ja, das wollte er.

Und plötzlich sagte er, wie er das vor sich sah, noch einmal: »Ja – das will ich – jetzt!«

Alle Ruhe verließ ihn: Ja, warum sollte er es nicht tun? Jetzt, wo der Plan noch frisch, sein Zorn noch neu und seine Gedanken stark waren? Ja, er wollte es jetzt tun.

Und schnell, ohne Licht anzuzünden, begann er seine Kleider zusammenzusuchen, sie anzuziehen – ohne Geräusch, um nicht Adolf zu wecken –, indem er es ständig vor sich sah: sich selbst und sie in der blauen Stube, mitten in der blauen Stube sich und sie. Dort sollte es geschehen.

Er stieß in der Eile an einen Stuhl, und plötzlich blieb er still auf dem Bett sitzen, voller Angst, daß Adolf erwachen könnte. Er durfte nicht aufwachen.

Dann zog er sich lautlos mit zurückgehaltenem Atem weiter an.

Er wollte jetzt fort – er mußte fort!

Er trat zu hart auf und mußte wieder innehalten.

Adolf drehte sich im Bett herum und murmelte:

»Was Teufel gibt's denn?«

Und dann sagte er:

»Wo willst du hin?«

Fritz antwortete nicht. Halb angekleidet, warf er sich unter die Bettdecke, um sich zu verbergen – und er zitterte plötzlich, wie ein ertappter Dieb.

Und bald darauf, als er wieder Adolfs ruhige Atemzüge vernahm, begann er abermals sich weiter anzukleiden, indem er aber im Bett liegen blieb: in fortwährender zitternder Angst, als stehle er seine eignen Kleider – und indem ihm bewußt war, warum er eigentlich dorthin wollte!

Nun war er wieder auf. Er tastete sich vorwärts mit einem Lächeln über jedes Anstoßen, das er vermied, indem er an der Wand entlangging – ohne zu atmen, listig, wie ein Trinker, der sich ungesehen zu seiner Flasche schleicht.

Und es gelang ihm, die Tür zu öffnen und wieder zuzumachen und hinaus und hinunter zu kommen, indem er noch immer schleichend dahinwanderte ...

Und ihm war bewußt, daß er schamlos sei, wie ein Hund.

Und er sagte: Morgen kann ich also auch nicht arbeiten.

Und er wußte: Na – also ganz ins Verderben hinein!

Und er lief – lief nur immer schneller, an den Häusern entlang, in ihrem Schatten ...

 

Zu Hause hatte ihn niemand gehört – außer Aimee.

Sie folgte ihm – glitt die Treppe hinab, zum Hause hinaus, hinüber auf die andere Seite der Gasse ...

Wie zwei Schatten, die einander jagten, verfolgten sie sich durch die stillen Straßen.

So erreichte Fritz das Palais und das kleine Gitter: Nun war er drinnen, nun erstarb sein Schritt ... Aimee stand in einer Türöffnung verborgen, den Fenstern des Palais gegenüber.

Sie sah ein Licht sich an den Fenstern des ersten Stocks entlang bewegen. Sie sah zwei Schatten hinter den Spitzenvorhängen dahingleiten:

Das waren sie!

Das Licht kam zurück, sie sah die Schatten wieder – dann wurde es ausgelöscht ... Nur ein bläulicher Schein leuchtete still hinter dem letzten Fenster:

Dort waren sie – dort hinter den Scheiben, das waren sie.

Mit zurückgehaltenem Atem, in der Qual der Eifersucht starrte Aimee nach diesen Scheiben hin: Alle, alle diese Bilder kamen und marterten sie zu gleicher Zeit.

All die Bilder, welche die letzte Qual der Verlassenen sind – und die vor ihr, dem Akrobatenmädchen, auftauchten, obschon sie noch keusch war –, es war, als würden sie von lebenden Händen auf diese Scheibe gezeichnet, hinter der er war, hinter der sie sich befanden.

Und ihr ganzes Leben, das in Aufopferung verlebt war; ihr ganzes Dasein, das milde Hingebung gewesen war; alles, was sie gedacht hatte, jeder ihrer zärtlichen Gedanken, jeder gemeinschaftliche Plan – alles sank vor diesen Bildern gleichsam in den Boden – diesen Bildern der beiden Körper.

Ihr ganzes Leben, Stück für Stück, Erinnerung für Erinnerung, Gedanke für Gedanke zerbrach, wurde verschlungen, vernichtet und schwand in dem einzigen: dem Sehnen, dem Sehnen der Verlassenen ...

Es blieb nichts übrig: nicht ihre Hingebung, nicht ihre Zärtlichkeit, nicht ihre Opferwilligkeit – nichts ... Es wurde in ihrem Unglück herabgewürdigt, es wurde in ihrer Verlassenheit verdorben, es fiel in seine Ursprünglichkeit zurück:

Der Trieb – der allmächtige, alles vernichtende Trieb.

Stunden vergingen.

Es war, als könnte Aimee nicht mehr leiden. Wie im Schlaf starrte sie matt nach dem hellblauen Schein hin.

Dann öffnete sich die Gittertüre und fiel wieder ins Schloß.

Das war er!

Und Aimee sah ihn qualvoll, grau in dem grauenden Tag, langsam an sich vorbeigehen.

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