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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Es war spät, als Fritz Cecchi erwachte, und infolge der Ermattung kam er nur nach und nach zum Bewußtsein, als er undeutlich sah, wie Adolf mitten im Zimmer seinen Körper mit einem nassen Handtuch abrieb.

»Wachst du auch noch einmal auf«, sagte Adolf höhnisch.

»Ja«, erwiderte Fritz nur und fuhr fort, den Bruder zu betrachten.

»Du solltest jetzt auch aufstehen«, sagte Adolf in demselben Ton.

»Ja«, sagte Fritz; aber er fuhr fort, ohne sich zu rühren, den starken und unberührten Körper des Bruders anzustarren, dessen Muskeln in lebender Kraft spielten: er empfand eine dumpfe Wut, den erbitterten und kläglichen Zorn eines Überwundenen.

Während er so dalag, den Bruder anstarrte und plötzlich die nackten Arme emporhob und fühlte, wie kraftlos sie waren, und wie er dann mit einem Ruck mit den Füßen gegen das Fußende des Bettes stieß und die Schlaffheit auch der Beinmuskeln empfand – da wurde er plötzlich von einer bleichen und wilden Erbitterung gepackt gegen sich selbst, gegen seinen Körper, gegen sein Geschlecht und gegen sie: die Diebin, die Räuberin, die Verderberin ... sie!

Sein Zorn war ein gedankenloser. Er wußte nur das eine: Er hätte sie, wie ein Wahnsinniger, totschlagen können. Totschlagen mit geballten Fäusten. Stück für Stück totschlagen. Sie totschlagen, während sie schrie und lachte. Totschlagen, so daß sie nicht mehr jappte. Mit seinen Hacken und Füßen sie tottreten.

Abermals hob er seine Arme empor und preßte seine Hände zusammen, und er fühlte wieder das Versagen der kraftlosen Muskeln, während er in Wut seine Zähne zusammenriß.

Adolf ging hinaus und warf die Türe zu.

Da sprang Fritz auf und begann nackt, seinen Körper zu untersuchen. Er versuchte einige Übungen und kam damit nicht zustande. Er machte Parterre-Gymnastik, und er konnte es nicht. Die müden Glieder zitterten nur widerspenstig.

Wieder versuchte er es. Er schlug sich selbst. Abermals versuchte er es. Er kniff sich mit seinen Nägeln.

Alles vergebens.

Er konnte nichts.

Er lief mit der Stirn gegen die Wand und versuchte abermals.

Es war vergebens.

Und schlaff setzte er sich vor den großen Spiegel und betrachtete Muskel für Muskel seinen trägen und erschlafften Körper.

So war es also Wahrheit: sie raubten einem alles: Gesundheit, Kraft, Muskelstärke. So war es also Wahrheit: alles wurde einem zerstört: Arbeit, Lebensstellung, Name.

Ja, so war es.

Und es würde ihm gehen wie den andern, und es würde bald mit ihm vorbei sein.

Es würde ihm wie »the Stars« gehen, die zwei Dirnen von Stadt zu Stadt schleppten und sie prügelten – bis sie schließlich ins Irrenhaus gesperrt wurden.

Es würde ihm gehen wie dem Jongleur Charles – der mit der Sängerin Adelina ein Verhältnis hatte –, seine Glieder wurden schlaff wie die eines Trinkers. Dann hängte er sich schließlich auf.

Oder Hubert, der mit der Frau eines Stallknechts durchgegangen war und nun auf Jahrmärkten ritt, oder dem Jongleur Paul, der sich in die »Anita mit den Messern« vergafft hatte und nun Ausrufer in einem Zelt war.

Ja, sie machten ihre Körper zu Heu.

Wieder erhob er sich.

Aber er wollte nicht unterliegen.

Und er begann wieder zu arbeiten, seine Muskeln zu peinigen, seine Kraft anzuspannen, jede Fiber in seinem Körper aufzustacheln.

Es ging.

Und plötzlich zog er sich an. Er riß die Kleider auf den Leib, knöpfte sie kaum zu und ging.

Er wollte proben – im Zirkus proben – am Trapez.

 

Adolf, Aimee und Luise waren bereits bei der Arbeit und hingen in ihren grauen Blusen an den Trapezen.

Fritz zog sich um und begann am Boden zu arbeiten. Er ging auf den Händen, balancierte auf der rechten und auf der linken Hand, so daß sein ganzer Körper zitterte.

Die andern sahen von ihren Schaukeln aus stumm zu.

Dann schwang er sich ins Netz hinauf, plötzlich und eifrig, und kletterte in die Schaukel gegenüber Aimee hinauf. Er schleuderte sich an den Armen hinaus, so daß der schlanke Körper gestreckt wurde, und begann.

Aimee blieb sitzen. Mit schlaflosen, schweren Augen starrte sie unverwandt diesen Menschen an, den sie liebte, diesen Mann, den sie liebte und der von einer Liebesnacht bei einer andern herkam:

Jahr für Jahr hatten sie Körper an Körper zusammen gelebt.

Ihre Augen maßen ihn – seinen Nacken, der sie getragen hatte, seine Arme, die sie aufgefangen hatten, seine Lenden, die sie umschlungen hatte ...

Und all die Gewohnheit des Handwerks, all die Kenntnis der Arbeit erhöhte ihre Qual.

Stumm, von fürchterlichen Leiden überwältigt – einem physischen Leiden, das so nur von ihr gefühlt werden konnte –, starrte sie auf Fritz hin, der dort drüben arbeitete.

Aber Fritz erweckte sie:

»Warum fängst du nicht an«, rief er hart.

»Ja.«

Sie fuhr zusammen, und mechanisch richtete sie sich in der Schaukel auf. Einen Moment nur trafen sich ihre Augen. Aber plötzlich sah Fritz ihr weißes Gesicht, die aufgerissenen Augen, den steifen, unbeweglichen Körper, und er begriff alles.

Und in demselben Augenblick empfand er auch einen unüberwindlichen, unbändigen Ekel vor diesem Körper eines Weibes, einen Abscheu, einen Widerwillen gegen die Berührung desselben – eines andern Weibes als dessen, das er liebte.

Einen unbezwinglichen, ihn durcheisenden Widerwillen – gleichsam einen Haß.

»Fangt an!« schrie Adolf.

»Fangt doch an!« rief Luise.

Aber noch zögerten sie.

Dann flogen sie aufeinander zu und trafen sich. Bleich maßen sie einander, und wieder flogen sie. Er fing sie auf, aber sie fiel. Sie begannen wieder, aber er stürzte.

Wieder fingen sie von frischem an – Aug in Auge; mit jedem Augenblick schienen sie bleicher zu werden und beide fielen, Fritz zuerst.

Luise und Adolf lachten laut auf ihren Schaukeln. Adolf rief:

»Na, du hast heut' deinen glücklichen Tag!«

Luise schrie:

»Ihn hat einer mit dem bösen Blick angesehen«, und wieder lachten sie dort oben in den Schaukeln.

Sie setzten beide die Übung fort, und sie mißlang wieder: Aimee ließ los, Fritz schimpfte laut unten aus dem ausgespannten Netz.

Und plötzlich schalten sie alle durcheinander, erregt und erbittert, mit lauten, hohen Stimmen, nur Aimee blieb mit ihren aufgerissenen Augen sitzen, bleich trotz aller Anstrengung ihrer Arbeit.

Wieder schwang sich Fritz empor, und abermals begannen sie. Beide schrien, und beide flogen ab.

Sie flogen einander entgegen, und gleichsam zu gleicher Zeit erwachte bei ihnen beiden dieselbe Wut. Sie fingen einander unter Geschrei, sie umschlangen sich in Wildheit.

Das war keine Arbeit mehr. Das war Kampf. Sie begegneten sich nicht mehr, sie griffen nicht, sie umarmten nicht. Sie rangen nur und packten sich wie Tiere.

Glühend schienen die beiden Körper mitten in der Luft ihre Stärke zu erproben – in verzweifeltem Kampf.

Sie hörten nicht auf. Sie gaben keine Kommandoworte mehr. Sinnlos, in brutalem, unwiderstehlichem Haß tummelten sie sich, gleichsam selbst erschreckt, in einem furchtbaren Faustkampf durch die Luft.

Dann plötzlich stürzte Aimee mit einem Schrei – sie lag einen Augenblick wie leblos im Netz.

Fritz schwang sich in seine Schaukel empor und betrachtete mit zusammengebissenen Zähnen, bleich wie eine Maske, die Überwundene.

Er stellte sich im Trapez auf und sagte:

»Sie kann nicht mehr arbeiten. Wir müssen tauschen – sie nimmt die obere Schaukel, und Luise arbeitet hier.«

Er sprach hart, wie jemand, der zu befehlen hat. Niemand antwortete, aber langsam begann Luise von der Kuppel zu Aimees Schaukel hinabzugleiten.

Aimee sagte kein Wort. Wie ein zusammengebrochenes Tier hatte sie sich nur halb im Netz emporgerichtet.

Dann kletterte sie langsam zu dem oberen Seil in der Kuppel hinauf.

Und sie arbeiteten wieder von neuem.

Aber Fritzens Kräfte waren zu Ende. Selbst die Erbitterung griff ihn an. Seine Arme trugen ihn nicht mehr: Er fiel, und Luise stürzte.

»Was fehlt dir denn«, rief Adolf, »du bist wohl krank?«

»Nimm du die Kuppel – das wirst du wohl noch können – das geht ja nicht.«

Fritz antwortete nicht, er saß gebeugten Hauptes da, als hätte er einen Schlag bekommen.

Dann sagte er – er murmelte es durch die zusammengepreßten Zähne –:

»Ja, wir können ja tauschen – für heute.«

Er stieg vom Netz herab und ging hinaus. Die Knöchel seiner zusammengeballten Hände waren weiß. Ihm war es, als flüsterten die Stallknechte seinen Namen, und er schlich an ihnen voll Scham vorbei, wie ein Hund.

In der Garderobe warf er sich auf die Matratze. Er fühlte seinen Körper nicht mehr. Aber seine Augen brannten.

Er konnte sich nicht ruhig verhalten. Er begann sich wieder zu üben. Wie man einen schmerzenden Zahn peinigt und mit dem Druck des Fingers ein Geschwür zum Schmerzen bringt, fuhr er fort, seine schlaffen Glieder auf die Probe zu stellen.

Er versuchte, wie im Fieber, ob er dies könnte und ob er das könnte.

Er konnte nichts; wieder warf er sich hin, und abermals versuchte er. Und selbst dies Ringen mit den Versuchen ermattete ihn – vergebens – noch einmal!

So verging der Tag. Er wich nicht aus dem Zirkus. Er irrte um die Manege herum, wie das böse Gewissen um das Verbrechen.

Abends arbeitete er mit Luise oben in der Kuppel.

Er kämpfte wie ein Wahnsinniger mit seinen Gliedern, die ihm nicht gehorchen wollten. Er strengte die zitternden Muskeln wie in Verzweiflung an.

Es ging – einmal, noch einmal, noch einmal.

Er flog zurück, er flog hin, er ruhte wieder.

Er sah nichts – nicht die Kuppel, nicht die Logen, nicht Adolf. Nur das Trapez – das, das er erreichen sollte, und Luise, die vor ihm schaukelte.

Dann flog er ab, griff mit einem Schrei – es war, als wenn das Sausen des Blutes sein angsterfülltes Hirn sprengen wollte – nach Luisens Bein hinaus und fiel – hinab in das heftig auf- und abwogende Netz.

Es war in dem ungeheuren Raum still – still, als glaubte man ihn tot.

Da hob Fritz den Oberkörper halb empor. Er wußte nicht, wo er war. Nun besann er sich, und mit furchtbarer Anstrengung sah er wieder die Manege, das Netz und die schwarze Verbrämung der Menschen, die Logen und – sie.

Und überwältigt von Verzweiflung, mehr über die Demütigung als über den Schmerz des Falles, hob er auf einmal die geballten Fäuste empor und sank wieder zusammen.

Die drei andern hatten ihre Vorführungen unterbrochen und riefen verwirrt einander zu. Wie ein Blitz war Adolf unten an dem herabhängenden Seil.

Er und zwei Stallmeister hoben Fritz aus dem Netz heraus, und sie stützten ihn, so daß es aussah, als wenn er selbst ging.

Dann erst glitt Aimee langsam an dem Seil herab. Sie ging, als wäre sie blind – sie sah nichts.

Zwei Artisten standen am Eingang.

»Er kann dem Netz dankbar sein«, sagte der eine.

»Ja«, erwiderte der andere, »er wäre schon kalt geworden.«

Aimee fuhr plötzlich zusammen – sie hatte die Worte gehört. Und als sähe sie es zum ersten Mal, maß sie mit einem einzigen langen Blick Netz und Seile und Schaukeln – die hohen, furchtbar hohen Schaukeln.

Der eine Artist folgte ihrem Blick.

»Auch schändlich hoch!« sagte er.

Aimee nickte nur – ganz langsam.

Es war wieder still, und die Vorstellung nahm ihren Verlauf. Fritz war in der Garderobe von der Matratze aufgestanden und saß vor seinem Spiegel. Geschehen war ihm nichts; es war nur die Betäubung vom Fall.

Adolf zog sich an. Lange schwiegen sie still. Dann sagte Adolf: »Das siehst du wohl ein, so geht es nicht weiter?«

Fritz antwortete nicht. Bleich blieb er sitzen und wandte den Blick von seinem eigenen Gesicht im Spiegel ab.

Adolf war fertig, und sie hörten Luise an der Garderobentür klopfen.

»Wirst du noch einmal fertig?« fragte Adolf. »Sie warten.«

Fritz nahm die tickende Uhr von seinem Spiegel herab und ging hinaus, wo die beiden Schwestern stumm warteten. Sie gingen still nach Hause. – Fritz an der Seite Luisens.

Die Demütigung brannte in seiner Seele, als hätte er eine Wunde in seiner Brust.

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