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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Die »Teufel« hatten »gearbeitet«.

Adolf schimpfte in der Garderobe, weil Fritz, wie er sagte, ihren ganzen Kontrakt zuschanden machte durch seine ewigen Stallmeisterdienste, obschon die »Teufel« davon befreit waren.

Aber Fritz gab ihm gar keine Antwort.

Jeden Abend zog er seine Stallmeisteruniform an und stellte sich neben dem Logenaufgang auf und wartete, bis »die Dame aus der Loge« am Arm ihres Mannes die Treppe hinunterkam und an ihm vorbeiging – sie hielt sich jetzt oft im Stalle auf während der letzten Abteilung –, dann folgte er ihnen.

Sie sprach mit den Stallknechten, sie klopfte die Pferde, sie las laut die Namen, die an den Ständen angeschlagen waren. Fritz folgte ihr.

Zu ihm sagte sie nichts.

Aber sie tat alles für ihn – das wußte er –; und durch tausend kleine Bewegungen, durch ein Emporrichten ihres Rückens, dadurch, daß sie ihren Arm ausstreckte, durch einen Blitz ihres Auges stellten sie beide sich gleichsam im geheimen füreinander aus, und der eine belastete den andern, obwohl sie beständig einander fern blieben – immer dieselbe Entfernung, die sie voneinander trennte und trotz der sie doch verbunden waren, als wenn der gemeinsame Trieb sie in einer besonderen Doppelschlinge gefangen hätte, die sie beide festhielt. Sie wechselte ihren Platz, las die Aufschrift eines neuen Standes und einen neuen Namen.

Fritz folgte.

Sie lachte, sie ging weiter; und sie ging zurück, um die Hunde zu liebkosen.

Fritz folgte nur.

Sie führte, und er folgte.

Er schien sie nicht anzusehen. Aber seine Augen verweilten auf dem Saume ihres Kleides, auf ihrer ausgestreckten Hand mit dem Blick wilder Tiere, die gezähmt werden, einem lauernden haßerfüllten Blick, der doch gleichzeitig sich seiner Ohnmacht bewußt ist.

Eines Abends kam sie auf ihn zu. Ihr Mann hatte sich ein Stück entfernt. Er schlug die Augen auf, und sie sagte leise:

»Fürchten Sie mich?«

Er schwieg einen Augenblick.

»Ich weiß nicht«, sagte er dann, heiser und hart.

Und sie wußte nichts mehr zu sagen – verwirrt oder fast ängstlich (eine Angst, die sie plötzlich nüchtern machte) infolge des begehrenden Blickes, den sie auf ihren Füßen brennen fühlte.

Sie wandte sich um und ging mit einem kurzen Lachen, das ihr eigenes Ohr verletzte, fort.

 

Am nächsten Abend war Fritz nicht Stallmeister. Er hatte sich selbst gesagt, er wollte ihr aus dem Wege gehen, er hatte fest beschlossen, er wollte sie nicht mehr sehen. Er besaß alle jene überkommene Furcht, die den Artisten vor den Frauen als ihrem Verderben eigen zu sein pflegt. Er betrachtete sie als mystische Feinde, die auf der Lauer lägen und nur geboren wären, seiner Kraft nachzustellen. Und wenn er sich einmal hingab – plötzlich, von unwiderstehlichem Drange ergriffen –, geschah es mit einer Art verzweifelter Selbstaufgabe, mit einem rachsüchtigen Haß gegen das Weib, das ihn nahm und ihm ein Stück seines Körpers, einen Teil seiner Kraft raubte – das, was sein teures Werkzeug war, sein einziges Existenzmittel.

Aber vor dieser Dame in der Loge fürchtete er sich doppelt, denn sie war eine Fremde und keine von den Seinen. Was wollte sie von ihm? Selbst der Gedanke an sie peinigte sein Hirn, das nicht ans Denken gewöhnt war. Er wachte mit mißtrauischer Angst über jede Bewegung dieser Fremden aus einer andern Rasse, als wollte sie ihm etwas geheimnisvolles Böses antun, er wußte, er vermochte ihr nicht zu entfliehen.

Er wollte sie nicht mehr sehen – nein, er wollte sie nicht sehen.

Es wurde ihm leicht, das Gelübde zu halten; denn sie kam gar nicht mehr. Zwei Tage nicht, drei Tage nicht – Am vierten Abend stand Fritz wieder als Stallmeister da. Aber sie kam nicht. Auch diesen Abend nicht. Auch am nächsten kam sie nicht.

So lang der Tag auch war, mit Angst dachte er: »Wenn sie kommt«, und am Abend empfand er einen dumpfen Zorn, eine brutale, aber stumme Wut, weil sie nicht kam.

So hatte sie ihn also zum Narren gehalten. So hatte sie ihn also verspottet. So – ein Frauenzimmer! Aber er wollte sich rächen, er würde sie schon finden –

Und er sah, wie er sie mit Schlägen überhäufte, sie mit Füßen trat, sie mißhandelte, so daß sie sich krümmte und halbtot liegen blieb: sie – das Frauenzimmer.

Stundenlang lag er nachts in stummer Wut da. Und sein Begehren wuchs sich in diesen ersten schlaflosen Nächten so verzweifelt gierig fest, denn er hatte noch niemals schlaflos gelegen.

Dann endlich – am neunten Tage kam sie.

Vom Trapez aus erblickte er ihr Gesicht – als wenn er mit den Augen eines andern zu sehen vermochte – und mit einem plötzlichen Rucke, wie in knabenhaftem Jubel, schleuderte er seinen schönen und schlanken Körper, an den gestreckten Armen hängend, hinaus in die Luft.

Sein ganzes Gesicht strahlte in schimmerndem Lächeln, und er schwang sich wieder empor.

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Leicht wiegte er das Haupt im Walzertakt; und er ergriff Aimees Hand, fest und froh, wie seit sieben Tagen nicht, und er sprach zu ihr:

»Enfin – du courage«, rief er laut.

Es klang wie ein Siegesschrei. Und als er dann in seiner Stallmeisteruniform in den Stall hinauskam und sie sah, stand er wieder stumm und feindlich und betrachtete sie gehässig mit demselben Blick, der ihr nicht recht in die Augen zu sehen wagte.

Aber nach der Vorstellung, im Restaurant, wurde er plötzlich wieder ausgelassen – fast wild. Er lachte und machte allerhand Kunststücke. Er spielte mit Tassen und mit Seideln und ließ seinen Zylinderhut balancieren – mit der Seite – auf der Spitze seines Stockes.

Die andern Artisten wurden von seiner lustigen Stimmung mitgerissen.

Der Clown Tom holte seine Harmonika und spielte, indem er mit seinen langen Beinen über die Stühle hinschritt.

Es entstand ein ungeheures Hallo. Alle machten Kunststücke. Mr. Fillis ließ eine mächtige Tüte auf seiner Nase balancieren, und zwei, drei Clowns kakelten, als wäre man mitten in einem Hühnerhof.

Aber Fritz schrie am lautesten, nachdem er auf einen Tisch gestiegen war; er spielte Ball mit zwei Glaskuppeln, die er von einem Gaskronleuchter abgeschraubt hatte, und schrie, über sein ganzes Gesicht strahlend, in den Spektakel hinein:

»Adolf, tiens! «

Adolf fing die Kuppel; er stand auf dem nächsten Tisch.

Die Artisten waren bald oben, bald unten, einige auf Tischen, andere auf Stühlen. Die Clowns kakelten, die Harmonika stieß Klagetöne aus.

»Fritz, tiens!«

Die Kuppeln flogen wieder hin und zurück – über die Köpfe der Clowns hinweg. Fritz fing sie und wandte sich plötzlich um:

»Aimee, tiens!«

Er warf sie gerade auf sie zu, und Aimee sprang auf. Aber sie kam nicht mehr zur Zeit, und die Kuppel fiel zu Boden und zerbrach.

Fritz lachte und betrachtete das zersplitterte Glas von seinem Tisch herab.

»Das bringt Glück«, sagte er und lachte; plötzlich stand er still und blickte in das Licht der Gaskrone hinauf. Aimee hatte sich abgewandt. Bleich setzte sie sich wieder an der Wand nieder.

Der Spektakel dauerte an. Die Uhr war nahezu zwölf. Die Kellner schraubten das Gas herab. Aber die Artisten hörten nicht auf, sie verdoppelten nur den Lärm in dem Halbdunkel. Ringsum aus allen Ecken hörte man ein ohrenzerreißendes Kakeln und Schreien, auf dem Tisch unter dem Kronleuchter ging Fritz auf den Händen.

Er war der letzte, der hinauskam – er war so aufgeregt, als wäre er betrunken.

In kleinen Häuflein schritten sie alle dahin. Nach und nach trennten sie sich, gruppenweise. Zum Abschied ertönten viele seltsame Laute in die Dunkelheit als letzte Grüße hinaus.

»Night«, rief Mr. Fillis, der durch die Nase sprach.

»Abend, Abend –«

Dann wurde es endlich still, und die vier Teufel schritten stumm, wie gewöhnlich, nebeneinander dahin.

Sie sprachen nicht mehr. Aber Fritz konnte sich noch nicht beruhigen. Er ließ wieder seinen guten Hut in der Luft auf der Spitze seines Stockes herumkreiseln.

Sie erreichten ihre Wohnung und sagten sich gute Nacht.

In ihrem Zimmer machte Fritz beide Fenster weit auf und begann laut zu pfeifen, weit hinaus in die Gasse.

»Du bist verrückt!« sagte Adolf. »Was Teufel fehlt dir eigentlich?«

Fritz lachte nur:

»Il fait si beau temps«, sagte er nur und fuhr fort zu pfeifen.

Unten hatte auch Aimee ein Fenster geöffnet. Luise, die im Begriff war, sich auszuziehen, rief ihr zu, sie sollte es zumachen, aber Aimee blieb stehen und starrte in die enge Gasse hinaus.

Bisher hatte sie nicht begriffen – warum seine Augen leer geblieben waren, wenn er sie ansah, warum seine Stimme gleichsam müde geworden war, wenn er mit ihr sprach, auch nicht, daß seine Ohren halb geschlossen waren, wenn sie redete –

Und es war, als wären sie nicht mehr dieselben, wenn sie einander noch so nahe saßen –

Und nun puderte er auch nicht mehr ihre Arme!

Das war seit gestern.

Er kam so eilig und ungeduldig hinein, wie es nun seine Gewohnheit war. Und sie streckte ihm ihre Arme entgegen, und er starrte sie nur gedankenlos an, ohne sich auf etwas zu besinnen:

»So pudre dich doch«, sagte er dann heftig und lief davon.

Und ohne zu begreifen, puderte sie langsam den linken Arm und dann den rechten –

Ach nein, ach nein – niemals hatte sie gewußt, daß man so leiden könnte.

Aimee lehnte den Kopf an den Fensterrahmen, und die Tränen begannen ihr über die Wangen herabzufließen.

Nun wußte sie alles. Nun verstand sie –

Plötzlich hob sie den Kopf wieder empor, sie hörte, daß Fritz auf einmal begonnen hatte, laut vor sich hinzusummen.

Das war der »Liebeswalzer.«

Lauter und lauter summte er –- nun sang er.

Wie froh er sang, wie glücklich! jeder Ton schmerzte sie, und doch blieb sie stehen: es war, als wenn dieser Gesang ihr alles, ihr ganzes Leben ihr ins Gedächtnis zurückrief.

Wie gut sie sich darauf besann – vom ersten Tage an –

Luise rief sie wieder, und mechanisch schloß sie das Fenster. Aber sie ging nicht zu Bett, still setzte sie sich nur in die dunkle Ecke.

Wie gut sie sich auf alles besann.

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