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Die vier Teufel

Herman Bang: Die vier Teufel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie vier Teufel
authorHerman Bang
year1995
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22171-1
titleDie vier Teufel
pages7-15
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Herman Bang

Die vier Teufel

Erstes Kapitel

Die Glocke des Regisseurs ertönte. Allmählich nahm das Publikum seine Plätze ein, wobei das Getrampel auf der Galerie, das Geplauder im Parkett, das Rufen der Apfelsinenjungen die Musik übertönte – und endlich kamen auch die blasierten Leute in den Logen zur Ruhe und warteten.

Es kam die Nummer »Les quatre diables« an die Reihe. Man sah es an dem ausgespannten Netz.

Fritz und Adolf liefen aus der Garderobe hinaus in das Künstlerfoyer, sie eilten den Gang entlang, wobei die grauen Mäntel um ihre Beine schlugen, riefen und klopften an die Türe Aimees und Luisens.

Die beiden Schwestern warteten schon, ebenfalls in fieberhafter Erregung, in ihren langen weißen Gesellschaftsmänteln, die sie ganz einhüllten – während die Duenna mit ihrem schiefsitzenden Kapotthut unaufhörlich im Diskant Rufe ausstieß und verwirrt mit dem Puder, der Armschminke und dem zerdrückten Harz in den Händen hin und her lief.

»Kommt«, rief Adolf, »es ist Zeit!«

Aber sie liefen alle noch einen Augenblick durcheinander, ganz kopflos, von dem Fieber ergriffen, das alle Artisten packt, wenn sie das Trikot auf den Beinen fühlen.

Die Duenna schrie am lautesten.

Nur Aimee streckte ruhig ihre Arme aus den langen Ärmeln Fritz entgegen.

Und schnell, ohne sie anzusehen und ohne ein Wort zu reden, führte er mechanisch eine Puderquaste an den vorgestreckten Armen auf und nieder – wie es seine Gewohnheit war.

»Kommt!« rief Adolf wieder. Sie gingen alle hinaus, Hand in Hand, und warteten. Sie stellten sich am Eingang auf und hörten von drinnen die ersten Takte des Liebeswalzers, nach dem sie arbeiteten:

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Fritz und Adolf warfen ihre Mäntel zu Boden und standen strahlend in rosa Anzügen da, ein so blasses Rosa, daß es fast weiß erschien. Ihre Körper wirkten wie nackt – jeder Muskel war zu sehen.

Die Musik hörte auf zu spielen.

Im Stall war es ganz leer und still. Nur ein paar Pferdeknechte waren, ohne sich stören zu lassen, damit beschäftigt, die Futterbüchsen zu untersuchen, und sie standen und hoben mißtrauisch die schweren Behälter empor.

Die Melodie begann von neuem: »Die vier Teufel« betraten die Manege.

Das Beifallsklatschen erschien ihnen wie ein undeutliches Brausen, und sie unterschieden keine Gesichter. Es war, als wenn alle Fibern ihrer Körper bereits vor Anstrengung zitterten.

Dann lösten Adolf und Fritz rasch die weiten Mäntel Luisens und Aimees, sie fielen auf den Sand hernieder, und die Schwestern standen unter dem Feuer von Hunderten von Gläsern gleichsam nackt in ihren schwarzen Trikots da – wie zwei Negerinnen mit weißen Gesichtern.

Sie schwangen sich alle ins Netz hinauf und begannen zu arbeiten. Nackt schienen sie zwischen den rasselnden Schaukeln hin und her zu fliegen, deren Messingstangen leuchteten. Sie umarmten einander, sie fingen einander auf, sie feuerten sich gegenseitig durch Zurufe an; es war, als wenn die weißen und schwarzen Körper sich liebesheiß umschlängen und dann sich wieder lösten, sich abermals umschlängen und sich wieder lösten in lockender Nacktheit.

Und der Liebeswalzer mit seinen schläfrig schmachtenden Rhythmen tönte weiter, und die Haare der Frauen umflatterten, wenn sie durch die Luft flogen, weit ausgebreitet die schwarze Blöße – wie ein Atlasmantel.

Sie hörten nicht auf. Nun arbeiteten sie übereinander, Adolf und Luise oben.

Der Beifall klang zu ihnen hinauf wie ein verwirrtes Gemurmel, während die Artisten in ihren Logen (wo auch die noch immer erregte Duenna, den rosengarnierten Kapotthut schief auf dem Kopfe, ganz voran stand und mit ihren bloßen schallenden Händen Beifall klatschte) die »Teufel« mit ihren Gläsern beobachteten und den »Kniff« bei ihren Anzügen herauszubekommen suchten, deren Gewagtheit in der Artistenwelt berühmt war:

»Oui, oui, ihre Hüften sind ganz nackt –«

»Der Kniff ist eben der, daß man die Lenden sieht«, riefen sie in der Artistenloge durcheinander.

Die dicke Vorreiterin in dem »Ritterspiel aus dem sechzehnten Jahrhundert«, Mlle. Rosa, legte ihr Glas schwer beiseite.

»Nein, sie haben gar kein Korsett an«, sagte sie, ganz schweißig in ihrem eigenen dicken Panzer. Sie fuhren fort zu arbeiten. Das elektrische Licht wechselte zwischen Blau und Gelb, während sie durch die Luft fuhren.

Fritz schrie auf; an den Beinen hängend, fing er Aimee in seinen Armen auf.

Dann ruhten sie sich aus, indem sie auf dem Trapez nebeneinander saßen.

Über sich hörten sie das Rufen Luisens und Adolfs. Aimee sprach mit keuchender Brust von Luisens Arbeit:

»Voyez donc, voyez!« rief sie.

Luise wurde von Adolfs Beinen aufgefangen.

Aber Fritz antwortete ihr nicht. Er starrte nur, während er mechanisch fortfuhr, seine Hände an der kleinen aufgehängten Decke abzutrocknen, nach der Logenreihe hinab, die sich, hell und unruhig, unter ihnen wie die hellfarbige Umsäumung eines bunten Beetes hinstreckte.

Und plötzlich verstummte auch Aimee und starrte in derselben Richtung hinab wie er, bis Fritz sagte, als risse er sich von etwas los:

»Wir sind an der Reihe«, und sie erwachte mit einem Ruck.

Wieder trockneten sie ihre Hände an der Decke ab und warfen sich herab, so daß sie an den Armen hingen, als wenn sie die Kraft ihrer Muskeln versuchen wollten. Dann setzten sie sich wieder hinauf. Die Seele wohnte in ihren Augen, mit denen sie die Entfernung zwischen den Trapezen maßen.

Plötzlich schrien sie beide:

»Du courage!«

Und Fritz flog rücklings dahin nach dem entferntesten Trapez, während Luise und Adolf oben einen langen, anhaltenden Schrei ausstießen, als wollten sie ein Tier ermuntern.

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Ihre große Nummer begann. Sie stießen sich rücklings ab, unter heiserem Rufen, flogen aneinander vorbei und erreichten ihr Ziel. Sie wiederholten es und schrien abermals. Und hoch oben, von der Rotunde, fiel plötzlich, während Luise und Adolf wie zwei sich unaufhörlich drehende Räder auf ihren Schaukeln herumkreisten, ein Regen von deutlich glitzerndem Gold wie eine goldene Staubwolke herab, die leuchtend langsam niedersank – durch den blanken weißen Strom der elektrischen Lampen.

Einen Augenblick sah es aus, als wenn die Teufel durch einen strahlenden Goldschwarm flögen, während der Staub, der langsam herabsank, ihre Nacktheit mit Tausenden strahlender Goldflittern übersäte.

Amour, amour,
oh, bel oiseau,
chante, chante,
chante toujours.

Plötzlich schossen sie, einer nach dem andern, kopfüber durch den glänzenden Regen in das ausgespannte Netz hinab – und die Musik verstummte.

Sie mußten wieder und wieder vorkommen.

Verwirrt stützten sie einander, als würden sie plötzlich schwindlig. Sie gingen hinaus und kamen wieder herein. Dann ließ der Beifall nach.

Stöhnend liefen sie in die Garderoben, und Adolf und Fritz warfen sich auf eine Matratze am Boden platt nieder und hüllten sich in eine Decke ein. Da lagen sie eine Weile, sie waren kaum bei Besinnung.

Dann standen sie auf und kleideten sich um.

Adolf blickte von seinem Spiegel nach Fritz hin, der sich im Stallmeisterfrack präsentierte.

»Willst du Dienst tun?« fragte er.

Und Fritz sagte verdrießlich:

»Der Direktor hat mich darum gebeten.«

Er ging zu den andern hinein, die beim Eingang die Stallmeisterwacht hatten und abwechselnd, todmüde gleich ihm, heimlich für einen Augenblick die schlaffen Körper an den Wänden ruhten.

 

Nach der Vorstellung versammelte sich die Truppe im Restaurant.

Die »Teufel« saßen, stumm wie die andern, an einem Tisch für sich. An einigen Tischen begann man Karten zu spielen – immer ohne zu reden. Man hörte nur den Laut des Geldes, das über den Tisch hingeschoben wurde.

Die beiden Kellner standen wartend vor dem Büfett und starrten stumpfsinnig all die stillen Leute an. Dumm, die Beine gerade vor sich hingestreckt und mit schlaffhängenden Armen, als wäre ihnen alles gleich, blieben die Artisten längs der Wand sitzen.

Die Kellner begannen das Gas herabzuschrauben.

Adolf schob das Geld neben eines der Seidel hin und stand auf.

»Kommt«, sagte er. »Wir wollen gehen!«

Und die andern drei folgten.

Die Straßen waren schon ganz still. Sie vernahmen keinen andern Laut als ihre eigenen Tritte, während sie je zwei und zwei, wie sie arbeiteten, dahinschritten. Sie erreichten ihre Wohnung und trennten sich im ersten Stockwerk auf dem dunklen Flur mit einem leisen »Gute Nacht!«

Aimee blieb auf dem Treppenabsatz im Dunkeln stehen, bis Fritz und Adolf zum zweiten Stock hinaufgekommen waren und die Türe sich hinter ihnen geschlossen hatte.

Die beiden Schwestern gingen hinein und zogen sich aus, ohne ein Wort zu reden. Als Luise aber im Bett lag, begann sie von der Arbeit der andern zu plaudern, von denen, die in den Logen gewesen waren, von den Stammgästen: Sie kannte alle Gesichter.

Aimee saß noch immer auf dem Rande ihres Bettes, halb angekleidet, ohne sich zu rühren. Luisens Geplauder wurde immer abgebrochener. Schließlich schlief sie ein.

Aber ein Weilchen später erwachte sie wieder und setzte sich im Bett aufrecht hin. Aimee saß noch auf demselben Platz.

»Gehst du denn nicht ins Bett?« fragte Luise.

Aimee löschte schnell das Licht aus.

»Ja, nun,« sagte sie und stand auf.

Aber auch im Bett schlief sie nicht. Sie dachte nur an das eine: daß ihre Augen und die Fritzens sich niemals mehr trafen, wenn er ihre Arme puderte.

 

Auch Fritz und Adolf waren in ihrem Zimmer zur Ruhe gegangen. Aber Fritz warf sich nur wie gefoltert im Bette umher:

Galt das ihm? Und was wollte sie von ihm, sie, dieses Weib in der Loge? Wollte sie etwas? Aber warum sah sie ihn immer so an? Warum streifte sie sonst so nah an ihm vorbei? Galt das ihm?

Er hatte keinen andern Gedanken als dieses Weib. Vom Morgen bis in die Nacht hinein keinen andern. Nur sie. Er lief mit der einen Frage, wie ein Tier in seinem Käfig, umher: ob sie wirklich wollte – dieses Weib in der Loge?

Und ständig, überall merkte er den Duft ihrer Kleider, wenn sie hinunterkam und an ihm vorbeiging.

Immer dicht an ihm vorbei, wenn er als Stallmeister dastand.

Aber galt das denn ihm? Und was wollte sie?

Er fuhr fort, sich schmerzvoll hin und her zu werfen, und er sagte einmal nach dem andern ins Dunkel hinaus, als wenn das Wort ihn faszinierte:

»Femme du monde!«

Einmal ums andere, ganz leise, wie in Verzauberung:

"Femme du monde –-- «

Und er begann mit all seinen Fragen wieder von neuem: ob das ihm galt, ob das ihm galt?

 

Aimee war wieder aufgestanden. Ganz leise schlich sie durch das Zimmer hin. Im Dunkeln tasteten ihre Finger nach dem Rosenkranz in der Schublade, und sie fand ihn. –

Im Hause war es ganz still.

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